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Studentenbeichten

Otto Julius Bierbaum: Studentenbeichten - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorOtto Julius Bierbaum
titleStudentenbeichten
publisherSchuster & Loeffler
volume2
printrunErstes Tausend
year1897
firstpub1893
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060219
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Leberecht der Gestrenge

In einer kleinen Stadt Niederschlesiens kanzelt als Pastor primarius mein ehemaliger Freund Leberecht Wacker. Der Kreisarzt, der Amtsrichter und der Apotheker, als welche drei die Fahne des Liberalismus in dieser kleinen Stadt hochhalten (meist bei einer merkwürdigen Marke Rotwein, die sich Saint-Julien nennt, aber ganz gewiß aus dem nahegelegenen Grüneberg stammt), heißen ihn blos Leberecht den Gestrengen und finden, daß er »ganz unangenehm schwarz« ist. Das geht aber weder auf die Farbe seines Haupthaares noch seines Bartes, denn beide sind ihm sehr blond, fast rötlich, sondern auf seine theologische Seele.

– Stöcker in Duodez! sagt grimmig lächelnd der Amtsrichter.

– Ein anmaßender Mucker! pflichtet der Kreisarzt bei.

– Ein unausstehlicher Pietist! erklärt der Apotheker.

In der That kann nicht geleugnet werden, daß mein ehemaliger Freund keiner von den freundlichen Pastoren ist, die gemütlich predigen und im Privatleben gutmütig behaglich lächeln. Wenn er so auf der Kanzel steht, sehr steif, zusammengekniffenen Mundes, die kaltblauen Augen unverwandt gerade aus, so fühlt man, auch ehe er spricht, sogleich, daß dieser Mann mehr für den strengen als den linden Kanzelstil ist. Und wenn er anhebt, zu reden, so bläst es kalt über die Häupter der Gemeinde weg, die sich gleich duckt. Er spricht nicht gerade gut und gar nicht leidenschaftlich, er predigt nicht einmal im eigentlichen Sinne, – er dekretiert.

– So und so seid ihr, und so und so solltet ihr sein, also seid ihr auf dem falschen Wege. Ich aber sage euch: kehrt um!

Dann kommen praktische Nutzanwendungen, sowohl allgemeiner als auch sehr spezieller Art, scharfe Anklagen der Zeit und Welt im ganzen und der lutherischen Gemeinde von X. im besonderen. Den Bilderschmuck der Sprache liebt er dabei nicht, lyrische Anwandlungen sind ihm fremd, und was er an Pathos besitzt, braucht er polemisch herbe auf, statt es nach Art der schwärmerisch gottlobesamen Kanzelredner seelenbrünstig zum Preise der erhabenen Weltordnung aufzurollen als einen gewaltigen Wortteppich. So ist er auf der Kanzel. Noch mehr beinahe steckt er den Gestrengen bei den übrigen Handlungen seines Amtes heraus. Besonders rigoros ist er in Aberkennung des Myrtenkranzes bei Bräuten, die den Termin spezifisch ehelicher Zärtlichkeiten nicht ganz genau eingehalten haben. In diesem Punkte ist er erstaunlich gut unterrichtet, und es heißt, daß er die erotischen Beziehungen seiner Gemeinde von Spionen überwachen läßt, wie der Staat revolutionäre Umtriebe. Soviel ist gewiß, daß er großen Wert darauf legt, das Privatleben seiner Herde, bis unter die Bettdecke genau, zu kennen. Da er sich zu diesem Zwecke der Ohrenbeichte als Lutheraner nicht bedienen kann, und da die guten Leute von X. ihm ihre intimeren Heimlichkeiten nicht freiwillig anvertrauen, so ist er darauf angewiesen, nach Möglichkeit selber nachzusehen, und da mag es wohl sein, daß er denjenigen seiner Gemeindeglieder manchmal etwas lästig erscheint, die, ohne gerade stolze Britten zu sein, dem Grundsatze huldigen: my house is my castle.

Ohne Zweifel thut Leberecht auch mancherlei Gutes, zumal an Kranken, Alten und Armen. Aber er thut es in recht eigentlich unmilder Art. Indem er unterstützt, erhebt er nicht zugleich, sondern drückt eher nieder. Wenn er in ein Haus tritt und die Mitteilung einer Unterstützung bringt, so verbreitet er doch nicht Licht und Wärme und macht keine helle Freude. Denn es ist keine Wärme, kein Licht, keine Freude in ihm. Er hat nicht das Lächeln und die leicht aufliegende Hand des geistlichen Freundes, sondern er ist immer der geistliche Lehrer und Richter, der stets auch züchtigt, indem er mitteilt.

In seinem eigenen Hause handelt er nicht anders. Wie er selbst die Gabe des Lachens nicht besitzt, ja nicht einmal richtig zu lächeln weiß, so trägt auch seine Frau, die magere Pauline, beständig einen tief eingegrabenen Ernst zur Schau, und selbst seine Kinder, der sechsjährige Fürchtegott und die fünfjährige Johanna, haben schon Leberecht- und Paulinengesichter. Man wundert sich fast, wenn sie Vater und Mutter sagen; man erwartet, daß sie ihre Eltern mit Herrn Pastor und Frau Pastor anreden werden. Die Dienstboten halten es in Leberechts Hause nur kurze Zeit aus, obwohl die Küche dort gut und die Arbeit nicht übermäßig ist. Denn sie dürfen nie auf den Tanzboden gehen, und das Singen bei der Arbeit ist durchaus verpönt.

Für das ganze Wesen Leberechts giebt es eigentlich kein deutsches Wort; man kann nur triste sagen. Es ist der vollkommene Ausschluß alles Heiteren, der diesem Wesen sein Gepräge giebt. Mir ist es immer so vorgekommen, als fehlte es meinem ehemaligen Freunde, seitdem er Pastor ist, am Eigentlichen des christlichen Menschen. Er ist ein strenger Diener seiner Kirche, ein theologischer Beamter von äußerster Gewissenhaftigkeit, ein dogmatischer Bureaukrat. Es fehlen keineswegs die respektablen Eigenschaften dieser Menschenklasse, er ist, wie er ist, geradezu musterhaft für diesen ganzen Menschenschlag, es fehlen aber auch nicht die weniger lobwürdigen Eigenschaften des Bureaukraten, der blos Bureaukrat ist. Besonders Pedanterie und Herrschsucht treten deutlich hervor. So ist Leberecht in der That keine gerade angenehme Figur, und auch ich, der ich durchaus keine Generalantipathie gegen die Theologen unter den Menschen empfinde, nehme meinen Weg gerne auf dem rechten Bürgersteige, wenn er auf dem linken geht.

Den zornigen und abschätzigen Diatriben des liberalen Triumvirates schließe ich mich aber doch nicht an. Das kommt daher, weil ich Leberechts Geschichte kenne. Ich weiß, wie es gekommen ist, daß er gar so triste wurde, und ich kann mir nicht helfen: er thut mir leid.

Ich kannte ihn schon als Knaben. Er war ein frischer rotbäckiger Bauernjunge mit hellen, gescheidten Augen. Wenn ich in den Ferien zu meinem Onkel, dem Rittergutsverwalter, aufs Dorf durfte, war er mein liebster Geselle. Ich erzählte ihm von der großen Stadt, wo ich bei meinen Eltern wohnte, und er lauschte meinen Worten, als verkündete ich ihm eitel Märchen und Wunder.

Eine Pferdebahn, – was für ein erstaunliches Ding! Brennende Luft auf Säulen von Metall leuchtend, – wie kann das nur sein! Kirchen, in denen tausend Menschen sitzen und zu den Klängen einer Orgel singen, deren große Pfeifen so dick und hoch sind wie die Stämme der Erlen am Gutsbache, – ist das auch wahr?

Ich sehe ihn noch mir gegenüber im Grase sitzen und seine großen blauen Augen auf mich richten, die sich weiteten in dem Bestreben, eine Vorstellung des Vernommenen zu gewinnen. Dann kam er immer schnell auf die Schule zu sprechen und fragte in seiner harten schlesischen Sprache: Is wul schwar in dar Schule?

Natürlich that ich darauf erstaunlich weise und entwickelte gewaltige Lehrpläne, indem ich die unabsehbaren Schwierigkeitsgefilde besonders der Geographie und römischen Geschichte mit ein paar kühnen großen Linien entwarf. Aber statt ihn damit abzuschrecken, erweckte ich in ihm nur die Begier, all diese geheimnisvollen und fremden Dinge auch zu lernen.

Bald waren meine Schulbücher, die ich mir immer mit dem hellsten Eifer des guten Vorsatzes mitzunehmen pflegte, ohne mich doch jemals beim Onkel durch sie von ländlicher Muße abhalten zu lassen, mehr, viel mehr in seinen Händen, als in meinen, und selbst ich merkte es, so jung ich doch war, daß Leberecht auffällig schnell begriff, was er las, und es ging mir durch den Kopf: Warum darf eigentlich Leberecht nichts lernen?

Ich fragte meinen Onkel.

– Tja, sagte der, Leberecht ist ein armer Junge; seine Eltern können ihn nicht in eine Stadtschule schicken. Sie werden froh sein, wenn er hier fertig ist, damit er bald etwas verdient. Er wird aber wohl kein tüchtiger Knecht werden. Er sieht recht spärlich aus.

Das hinterbrachte ich in aller Einfalt und kindischen Grausamkeit meinem Freund:

– Lern doch nicht immer in meinen Büchern! Deine Eltern können dich doch nicht in die Schule schicken. Du mußt ein Knecht werden. Natürlich mußt du erst mehr Kräfte kriegen.

Ich entsinne mich des Blickes noch, den er auf mich warf, als ich das so kalt hin und nicht ohne den Hochmut des Stadtkindes sagte, das sich seiner Vorzüge bewußt ist. Es war kein freundlicher Blick.

Ich suchte auch gleich wieder gut zu machen, was ich angerichtet hatte, denn ich fühlte wohl, daß es nicht recht von mir gewesen war, ihm das zu sagen. Ich versuchte ihn zu trösten, indem ich ihm schilderte, wie langweilig die Schule sei, die Lehrer wie streng, das Leben in der Stadt wie öde gegenüber diesem freien Umherstreifen in Wiese und Wald. Er schüttelte blos den Kopf und sah sehr traurig aus.

Seit diesem Gespräch, das hat er mir später oftmals gesagt, hat er nicht aufgehört, seine Eltern zu bedrängen, daß sie ihn in die Stadt auf die Schule schicken sollten. Er hat dafür von seinem Vater nur Prügel gekriegt, aber die Mutter, eine auffällig zarte Frau, hat ein Ohr für diese Bitten gehabt, und sie hat sich, als sie fühlte, daß der Junge nicht ablassen würde von seinem Wunsch, als sie merkte, daß er krank darüber wurde, an den Pastor des Dorfes gewandt, ihn zu fragen, was denn in diesem unglückseligen Falle zu thun sei.

Der alte Pastor Kuhn war ein milder, gütiger Herr. Er hat sich den Jungen kommen lassen und ihn mit Lindigkeit ins Gebet genommen. Er wollte ihm die thörichte Einbildung ausreden, denn an etwas anderes dachte er nicht, ehe er Leberecht vor sich hatte. Aber als der zu reden anfing, da hat er sogleich gemerkt, daß hier ein Trieb lebendig war, für den es einen festen Grund im Wesen dieses absonderlichen Bauernjungen gab: Begabung und ernstlichen Ehrgeiz.

Darum hat er sich sogleich vorgenommen, Sorge zu tragen, daß dieser Trieb nicht ausgeprügelt, sondern vielmehr thätig gefördert würde. Er hat dies selbst begonnen, indem er den Jungen bei sich in die Schule nahm, und wie er dann von Tag zu Tag deutlicher merkte, daß Eifer und Fähigkeit zum Lernen gleich groß in ihm waren, da hat er nicht eher Ruhe gegeben, als bis der alte kinderlose Graf, der das Rittergut besaß, eine Summe für Leberecht festlegte, genügend, die Kosten zu seiner Ausbildung bis zur Absolvierung eines Gymnasiums zu bestreiten.

So ist Leberecht erst in die Stadtschule und dann aufs Gymnasium gekommen, und so schnell und gut hat er gelernt, daß er, der nur ein Jahr älter als ich war, trotz meines Vorsprungs mich doch schon in der Untertertia einholte. Ich war erstaunt, wie er sich umgewandelt hatte. Er war gar nicht der Bauernjunge mehr, als den ich ihn mir immer noch vorstellte; er hatte vielmehr etwas sehr Zartes und Blasses; in seinen Bewegungen drückte sich eine sonderbare Scheu aus, in seinen Augen lag immer etwas wie Furcht. Unablässig war er in Angst, es möchte ihm ein schlesischer Dialektausdruck entfallen, und immer wiederholte er mir die inständige Bitte, ich möchte den anderen Tertianern nichts davon sagen, daß er noch vor ein paar Jahren ein Bauernjunge gewesen war. Als er in der Klasse den Stand seines Vaters angeben mußte, stockte er erst und sagte dann mit geschickter Vermeidung des Wortes Bauer: Landmann.

Ich mochte ihn auch als Schulkameraden ganz gut leiden, denn er behielt mir gegenüber immer ein gewisses Wesen bei, das ich nicht Unterwürfigkeit nennen mag, das aber einen leisen Schein davon hatte, der mir recht wohl behagte. Ich spielte mich dafür als den flotten Stadtjungen auf, dem es nie fehlen kann, und ließ ihn voll Huld an manchen Annehmlichkeiten meiner besseren Umstände teilnehmen. Sonntags ließen ihn meine Eltern zu Tische laden, und stets war in meiner Frühstücksbüchse auch etwas für ihn, der von seinen Pensionseltern nie etwas anderes als eine trockene Semmel mitbekam.

So ging es durch die Tertianerjahre. In der Sekunda schieden sich unsere Wege etwas, weil ich mich gewaltig in jene Unternehmungen von Wucht und Nachdruck warf, die um diese Zeit den werdenden Jüngling bewegen: litterarische Kränzchen in Verbindung mit viel Bierkomment. Leberecht that da nicht mit. Es lag ihm nicht und schien ihm überdies unerlaubt. Dafür arbeitete er um so fleißiger, und als wir in die Prima eintraten, war er Primus der Klasse. Da wurde er mir natürlich unsympathisch, und ich nannte ihn empört einen Streber.

– Ochse doch nicht immer so blödwitzig! sagte ich ihm. Du bist ja ein Stumpfhuhn.

Und ich erzählte ihm von meiner blonden Flamme, der ich mit violetter Tinte Sonette auf rosa Papier schrieb.

Aber dafür hatte er ebensowenig Sinn, wie für unsre litterarische Kneipzeitung, in der ich ihn auf das Schauderhafteste mit Epigrammen verfolgte. Er erklärte mir kurz und gut, daß er solche Allotria lächerlich fände, aber mir schien es manchmal, als hätte er eigentlich ganz gerne mitgemacht, wenn ihm nur nicht die Schneid dazu gefehlt hätte. Ich empfand im Grunde ganz richtig. Es war bei ihm das Gefühl, daß er sich derlei nicht erlauben durfte, da er doch ein armer Bursche war, bei dem es noch gar nicht einmal feststand, ob sich überhaupt nach bestandenem Abiturientenexamen die Mittel zum Studieren finden würden. Immer drohte dieser eine Gedanke über ihm.

Der Graf kümmerte sich persönlich gar nicht um seinen »lateinischen Lümmel«, wie er ihn nannte. Zwar hatte er dem Pastor gegenüber erklärt, er werde ihm auch die Möglichkeit zum Studieren geben, aber etwas Bestimmtes lag nicht vor, und die Eltern Leberechts, zumal der Vater, hörten nicht auf, dem armen Burschen in jedem Briefe das Unglück vorzustellen, das nun eintreten würde, wenn der Graf nicht Wort hielte.

Und das war nun die Zeit, wo wir anderen kein besseres Thema wußten, als von unserem künftigen Studium zu reden und von der Freiheit des Studentenlebens. Da fuhr denn auch ihm manchmal die Frage entgegen: Was willst du denn eigentlich studieren, Wacker?

– Ich? . . . Ich weiß noch nicht, antwortete er dann und that gleichgültig.

Aber er wußte es sehr wohl: die klassische Philologie hatte es ihm angethan. Ein Professor wäre er gerne geworden Die Lehrer sagten es ihm ja selber, wie er dazu in jeder Hinsicht bestimmt zu sein scheine, er, dessen lateinischer Stil nie von Cicero abirrte, und der jede Sallustianische Wendung schon genau so als feuilletonistisch empfand wie der Herr Rektor. Die klassische Philologie und das klassiche Altertum überhaupt, das schien ihm ein gar herrliches Arbeitsfeld. Er hatte die Ideale der leitenden Professoren unserer Schule einfach übernommen, weil seine Phantasie ihm keine anderen eingeben konnte. Er sah nichts Höheres als einen Scholarchen, und einmal Gymnasialrektor zu werden, das schien ihm ein Ziel über allen Zielen.

Aber er wagte es nicht, sich diesem Ideale hinzugeben, denn er wußte ja, daß nicht er der Herr seiner Entscheidungen war, sondern der alte Graf in Berlin, der noch niemals daran gedacht hatte, ihn zu fragen, welches Studium er sich erwählen möchte.

So brachte er das letzte Gymnasialjahr in Bangen und Ungewißheit zu, und selbst in dem Augenblicke, als er nach bestandener Reifeprüfung als primus omnium zuerst gefragt wurde, bei welcher Fakultät er sich einschreiben lassen wolle, wußte er keine bestimmte Antwort zu geben.

An diesem Tage war es, daß er mir sein Herz ausschüttete.

Ich war ja ein hinlänglich leichtsinniger Mulus und wußte eigentlich auch noch nicht genau, welche Fakultät ich beehren wollte, aber ich fühlte doch, wie bitter die Lage dieses Menschen war, der, obgleich mit einer Prämie und dem besten Zeugnis entlassen, sich plötzlich wie verstoßen fühlte.

– Was soll ich nun thun, wenn der Graf kein Geld mehr giebt? Und wenn er nun verlangt, ich soll Jurist oder gar Theologe werden?

– Na, Gott, Pastor ist doch ganz nett.

– Nein, ich sage dir . . . Weißt du: ich kann blos Philologe werden . . . Alles andre ist mir schrecklich. Die ganze Zeit über habe ich immer blos an Philologie gedacht, und ich weiß ja, daß ich blos dazu passe. Ich . . . ich glaube auch ganz sicher, daß ich dazu . . . daß ich Talent dazu habe, und überhaupt: wenn man so an einer Sache hängt! Die ganze Welt ist mir ja gleichgültig dagegen. Ich interessiere mich ja blos für das Altertum.

– Gott, das bildest du dir wahrscheinlich blos ein. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie sich unsereins für diese schöne Gegend ordentlich interessieren kann. Siehst du, wenn du damals in unser Litteratur-Kränzchen eingesprungen wärst, da hättest du auch andere . . .

– Nein! Nein! Seit Untersekunda schon steht es bei mir fest. Und Du mußt nicht denken, daß es blos die Philologie ist. Nein: das Altertum selber! Diese große Zeit! Diese herrliche Welt! Ich kann mir überhaupt gar keine anderen Gelehrten denken als die, die die Geheimnisse dieser wunderbaren Reste erforschen, von denen jeder heilig ist.

– Na, weißt Du, das finde ich doch ein bischen komisch, so aufgeregt von dem Zeug zu reden, mit dem sie Einen acht Jahre lang vollgenudelt haben, bis es Einem am Halse steht. Einfach scheußlich ist der Kram! Ich bin froh, daß ich ihn los bin. Natürlich: Homer, – eine feine Nummer! Aber jetzt 'mal was anderes. Kennst Du Ibsen?

Ich kann auch Zola gesagt haben. So ein Mulus springt possierlich durch die Literaturgeschichte.

Leberecht aber machte blos ein bekümmertes Gesicht. Meiner Einladung, mein Gast bei der Münchner Kathi zu sein, leistete er keine Folge.

Die Mulusferien gingen mir recht angenehm dahin, dann fuhr ich nach Zürich und belegte eine erkleckliche Anzahl von Kollegs aus verschiedenen Fakultäten. Logik und Anthropologie, altprovençalische Grammatik und Scherrsche Universalgeschichte bildeten einen bunten Ringelreihen um mich, dem ich mich aber bald entzog, um in Oberstraß bei ein paar Nihilisten und Nihilistinnen Russisch zu treiben und in vergnügsamen Gartenetablissements des Lebens hochgeschürzte Seite kennen zu lernen.

Da erhielt ich eines Tages folgenden Brief von Leberecht:

Lieber Freund!

Heute habe ich durch Zufall deine Züricher Adresse erfahren und gehört, daß Du in der freien Schweiz ein freies, fröhliches Leben führst. Vielleicht interessiert es Dich, auch etwas von mir zu erfahren.

Mein Leben ist nicht so frei und fröhlich, wie das Deine, aber Student habe ich doch wenigstens werden dürfen. Und so habe ich schließlich doch auch Ursache, Gott zu danken. Deun beinahe wäre es anders gekommen.

Als ich nach dem Examen nach Hause kam, wurde ich nicht so empfangen, wie es Dir und den anderen wahrscheinlich im Elternhaus geschehen ist.

»Was soll nun blos werden?« das war das A und O in den Reden meiner Eltern. Meine Mutter hat geweint, und der Vater hat geflucht und ausgespuckt. Ich habe vergeblich versucht, ihnen klar zu machen, wohin mein Sehnen stand. Sie können es ja auch nicht verstehen.

Es wurde mir bald klar, daß sie nur immer das Eine gehofft hatten, in mir einmal einen Pastor zu sehen, wenn der Herr Graf so gnädig wäre, das zu erlauben, und alles andere schien ihnen ohne weiteres unverschämte Phantasterei. Auch der gute Pastor Kuhn hatte nichts anderes im Auge, und er hielt es für selbstverständlich, daß ich den Grafen um nichts andres bitten dürfte, als um die Unterstützung zum theologischen Studium.

Es half nichts, daß ich ihm erklärte, keine Neigung zu diesem Berufe zu haben, ja, daß ich der Kirche eigentlich kalt gegenüber stünde. In seiner milden Weise erwiderte er mir darauf, daß der Zweifel, von dem ich aber gar nicht gesprochen hatte, denn ich stehe ja eben der Theologie wie allem übrigen einfach gleichgiltig gegenüber, die stärkste Brücke zum Glauben sei bei rechten Gotteskämpfern, deren jeder durch die Überwindung dieser schlimmsten Schwachheit des Geistes nur an Kräften gewinne zur endlichen Erstreitung der göttlichen Wahrheit.

Trotzdem habe ich es versucht, vom Grafen die Erfüllung meines sehnlichsten Herzenswunsches zu erbitten, nein, zu erflehen. Ich habe ihm einen vierzig Seiten langen Brief geschrieben und alles auseinandergesetzt und dargelegt, was mich erfüllte. Mein Brief kam mit folgender Randnote wieder an mich: Brevi manu mit dem Bemerken zurück, daß Briefschreiber Theologie zu studieren hat, wenn ich ihn unterstützen soll.

Gleichzeitig hat er dem Pastor geschrieben, daß er aus meinem Briefe mit Bedauern den Geist moderner Begehrlichkeit und Überhobenheit gespürt habe, daß er aber trotzdem, da er nun einmal »leider« seine Hand dazu geboten habe, mich aus den Gleisen meiner eigentlichen Bestimmung ausspringen zu lassen, bereit sei, mich auf die Dauer von sechs Semestern, nicht länger, zu unterstützen, vorausgesetzt, daß ich in Breslau dem Studium der Theologie obliegen werde.

Du kannst dir denken, wie mich das niedergeschlagen hat. Ich wollte mich anfangs direkt auflehnen und legte mir allerhand Möglichkeiten zurecht, wie ich vielleicht doch mit Hilfe von Stipendien und Privatstundenhonoraren meinen Lebenswunsch durchsetzen könnte, aber da stieß ich nun natürlich wieder auf das Weinen meiner Mutter und das Fluchen meines Vaters, und selbst der alte gute Pastor Kuhn wollte mir das Haus verbieten.

Da hab ich denn einen Strich quer durch alle meine Wünsche gemacht und habe einen – Dankbrief an den Grafen geschrieben.

Ich bin nun einmal »der aus seinem Gleise gesprungene« Bauernjunge, der froh sein muß, kein Knecht werden zu müssen, und mir ziemt es, die Hände zu küssen, die mir ins Gesicht geschlagen haben.

Aber nein: es ist unrecht von mir, in diesem Tone zu reden, denn bei all dem Leide ist mir auch ein großes Glück widerfahren, ein Glück, ohne das ich freilich diesen Schlag wahrscheinlich überhaupt nicht verwunden hätte.

Denke dir, – aber ich bitte dich, sage Niemand etwas davon, – Pastor Kuhns Ida und ich haben uns heimlich verlobt. Ich kann dir nicht sagen, wie das gekommen ist, denn ich bin nicht imstande, mit Worten dieses Herrliche zu schildern, aber dies eine magst du wissen: mit diesem Troste in der Seele will ich und werde ich das Schwere eines aufgezwungenen Berufes mannhaft tragen und schließlich, wenn auch nicht im Ganzen meines Lebens, so doch in einem guten Teile glücklich werden.

Dein
alter Schulkamerad und Freund,
der, Gott seis geklagt, Student
der Theologie

Leberecht Wacker.

So so, dachte ich mir, Theologe und verliebt dazu, – der arme Kerl! Im Übrigen verachtete ich ihn, daß er dem Grafen einen Dankbrief geschrieben hatte. Im ersten Semester ist man ein sehr entschiedener Herr.

Dann habe ich Leberecht eine ganze Weile aus den Augen verloren, denn ich mußte eine dunkelrote Mütze tragen und sehr häufig auf dem Mensurcrux stehen. Hatte auch viel mit mancherlei Mädchen zu thun, die mir interessanter waren als Leberecht.

So würde ich kaum in der Lage sein, über seine weitere Entwickelung zu berichten, wenn ich ihn nicht doch in bestimmten Zwischenräumen während der Ferien immer wieder gesehen hätte.

Das erste Mal traf ich ihn als einen stillen Menschen von allzu deutlich betonter Bescheidenheit an, der zwar, das merkte man gleich, in unbehaglichen Verhältnissen lebte, für den es aber eine seelische Zuflucht gab, die ihn immer wieder aufrichtete. Nicht zur Fröhlichkeit zwar, aber doch zu einer trostvollen Hoffnung.

– Na, hast du die Trennung von den braven Griechen und Römern glücklich verwunden? fragte ich ihn in meinem damaligen Fuchsentone, den ich sehr forsch fand, gleich beim ersten Wiedersehen.

– Ach, bitte, antwortete er, laß das. Ich denke nicht mehr daran, weil ich nicht mehr daran denken darf. Ich studiere Theologie und suche das Andere zu vergessen. Es geht schon. Übrigens ist das Hebräische wirklich sehr interessant.

– Na also! Die alten Juden waren auch nicht von Pappe, und ob man nun Zeus sagt oder Jahveh, es kommt immer auf dieselbe Couleur hinaus.

– Ich bitte dich, sprich nicht in diesem Tone. Da ich nun doch Theologe bin, darf ich so mich nicht unterhalten.

– Ach so, du bist auch gleich fromm geworden? Muß das denn sein? Aber bon, ich will deine Fakultätsbedenken respektieren. Reden wir also nicht vom Gotte der alten Juden! Wie gehts dir denn sonst?

– Wie soll mirs gehen? Ich ducke mich und sage sehr oft: meinen herzlichsten Dank!

– Wieso?

– Mein Gott, ich lebe doch von anderer Leute Gnade.

– Ach so, der Graf . . .

– Nicht blos der. Den sehe ich wenigstens nicht, und er hat sich ausdrücklich alle Dankesbezeugung von mir verbeten. Blos immer zu Neujahr muß ich ihm schreiben. Das ist leicht. Aber sonst . . . .

In seinen Augen war ein unangenehmes Irren, wie wenn er Jemand voll Haß suchte. So ein verbitterter Sklavenblick.

Ich drang in ihn, mir zu erzählen, worunter er denn so litte.

Und er erzählte mir. Es war keine Leidenschaft, kein Aufbäumen in Ton und Wort, aber eine tiefe Erbitterung in seiner Rede. Ich sah, dieser Mensch leidet stumm und denkt an Rache, ohne es klar zu wissen. Er läßt sich treten und wagt nicht einmal auszuweichen, aber er ist keiner von denen, die unempfindlich gegen Demütigungen sind. Nur fehlt es ihm an Temperament und Kraft, auszubrechen aus dem Käfig. Er fühlt seine Kraftlosigkeit und hat nur den einen Trost: später, später!

Es war die jämmerliche Tragödie des Freitisches. Mir erscheint es nicht zweifelhaft, daß das, was er so tragisch empfand, für andere nur komisch gewesen wäre, für andere, die ein bischen Humor, starke Selbstzuversicht, eigene Freiheit und Frische in sich haben. Aber es war nun eben so, daß Leberecht diese Eigenschaften nicht besaß.

Er war schon damals halb aufgerieben, ein Entwurzelter. Dazu kam, daß er entschieden besonders Pech mit seinen Freitischen hatte.

Da war der erste, bei einem städtischen Bureaubeamten. Dem hatte ein verstorbener Bruder, der Pastor gewesen war, sein Vermögen hinterlassen, doch mit der Bestimmung, daß er zweimal in der Woche einem Studenten der Theologie Freitisch gewähren solle. Er that es auch, aber mit Wut im Herzen gegen den Freitischler, der, wie er meinte, langsam aber sicher »das lappige Vermächtnis auffraß.« Er war ein sehr unangenehmer Herr, der gleich bei Annahme Leberechts erklärte, daß ihm diese Freitischgewährung kein hervorragendes Vergnügen bereitete. Er aß wohl auch sonst nicht lukullisch, denn er war geizig, aber an den Freitischtagen herrschte die äußerste Knappheit demonstrativ als Prinzip. Daher sahen auch die übrigen Familienglieder mit Ärger auf den »Suppen-Kandidaten«, den sie als Grund der besonderen Fasttage erkennen mußten. Kaum, daß ein Wort bei Tische gesprochen wurde. Selbst das Klappern der Löffel schien für Leberecht einen feindseligen Klang zu haben. War der Hausherr in besonders übler Laune, so ließ er es auch nicht an höhnischen Reden fehlen. »Sie stochern ja so am Fleische herum, Herr Kandidat! Es thut mir recht leid, daß ich Ihnen kein Filet vorsetzen kann. Na, später werden Sie es ja nachholen. Die Herren Pastoren lassen sich nichts abgehen.«

Dagegen war Nummero Zwei ein fröhlicher Herr. Der war ein ebenso freisinniger wie witziger Kaufmann, der gerne sein Späßchen hatte und sich seinen theologischen Freitischler als eine Art Hofnarren hielt. »Liebet Eure Feinde!« sagte er, »und darum füttre ich einen Kandidaten.« Es gab gut bei ihm zu essen, aber Leberecht mußte sich viel gefallen lassen. Bald stellte Herr Meyer die ernsthafte Frage, ob das Kalb, dessen Nierenstück da in saurer Sahnensauce lag, auch eine unsterbliche Seele gehabt habe, und, wenn, ob diese besagte Seele nun auch im Himmel sei? Bald schärfte er seinen etwas stumpfen, aber recht schartigen Witz direkt an Äußerlichkeiten Leberechts und fragte, ob es für Theologen ein paragraphiertes Gesetzbuch gäbe, nach dem sie verpflichtet wären, ihren Konfirmationsrock bis zum Staatsexamen zu tragen. Bald forderte er Leberecht auf, eine kleine Predigt oder wenigstens eine Vorlesung über dogmatische Gegenstände zu halten. Und alles, was Leberecht sagte, war ihm eine Quelle erstaunlicher Heiterkeit. Im einfachsten Worte, in der knappesten Antwort fand er durch die infame Kunst des Witzboldes, alles zu verdrehen und zu verzerren, eine Albernheit oder Schiefheit. »Hört nur den Kandidaten! Hahahaha! Ja, so ein Theolog rechnet uns aus, wieviel Engel auf einer Nadelspitze tanzen können. Das ist historisch! Nicht wahr, Herr Pastor? Sagen Sie mal: Wenn ein Engel Schnupfen hat, niest er dann?« Und mit ihm sah die ganze Familie Meyer in Leberecht eine komische Figur. Selbst die Kinder erlaubten sich ungezogene Scherze mit ihm, und der Alte wollte sich ausschütten vor Lachen, wenn auf Leberechts Rücken ein Kreidekreuz von der Hand des Jüngsten prangte.

Der dritte Freitisch dagegen war fromm. Es waren zwei alte unverehelichte Damen, die ihn hielten. Sie hatten jeden Tag einen andern Theologen bei sich zu Gaste, und die Technik ihrer unausstehlichen frommen Tadelsucht bestand darin, daß immer der Theologe von gestern dem Theologen von heute als Muster vorgeführt wurde. Kaum war das Amen des Tischgebetes verklungen, so ging es los:

»Nein, Herr Wacker, wie gleichgiltig beten Sie zu unserm Herrgott! Ein zukünftiger Pastor sollte wahrlich schönere Worte finden und nicht in diesem kalten Tone zum Geber aller Gaben reden, ohn den nichts ist, das ist, von dem wir Alles haben. Ach, wenn Sie einmal Herrn Stellmacher beten hörten! Herr Stellmacher, ach, der betet so innig, der hat so einen Tonfall des Herzens, und seine Augen, seine Augen, die sind so . . . Ja, Herrn Stellmacher könnten Sie sich zum Muster nehmen. Herr Stellmacher, das ist ein Theologe, wie er sein soll. Herr Stellmacher, das wird einmal ein Pastor! Schon in seinen Bewegungen zeigt Herr Stellmacher den Knecht Gottes, und es ist immer so erbaulich, wie er das Mahl mit schönen Sprüchen würzt und nicht blos immer darauf bedacht ist, zu nehmen und zu essen. Nicht wahr, Amalie?« Und dann begann Amalie das Lob des Herrn Stellmacher auf dem dunklen Hintergrunde der Leberechtschen Gebrechen hell und herrlich aufzutuschen in eitel Glorie und Glanz. Leberecht ging nie anders von diesem frommen Tische, als zerknirscht und tief bedrückt von einem Gefühle grenzenloser Unzulänglichkeit.

Selbst beim vierten Freitisch, im Hause eines reichen Rentiers, der ihn aus gutherziger Laune hielt, litt Leberecht. Dort hielt man ihm nichts vor, verspottete ihn nicht, behandelte ihn nicht feindselig. Alle, der behäbige Hausherr, die stattliche Hausfrau, die beiden hübschen Töchter, und der Sohn, ein flotter Jurist im dritten Semester, kamen ihm freundlich und heiter entgegen. Die Speisen waren zahlreich und gut, es gab Wein bei Tische, nach dem Essen musizierten die Mädchen, und die drei Männer saßen rauchend beim Kaffee. Es wurde viel gelacht und geneckt, vom Theater, Konzerten, Bällen geplaudert, Toilettefragen behandelt, Pläne zu Sommerreisen entworfen. Ein junger Mann, der, aus ähnlichen Verhältnissen stammend, hier zu Gaste gewesen wäre, hätte sich sehr wohl fühlen müssen. Aber Leberecht fühlte nur, wie fremd er diesem Allen war, eine wie schlechte Figur er in dieser Umgebung machte. Man ließ ihm gewiß nichts merken, aber er wurde das Gefühl nicht los, daß hier an ihm Barmherzigkeit geübt wurde, ohne daß man sich im Übrigen um sein Wesen eigentlich kümmerte. Man war sehr nett zu ihm, aber es schien ihm, mit großem Unrecht wahrscheinlich, als wollte sich hier der Reichtum vor der Armut produzieren. Er hatte die Empfindung, als seien diese reichen Leute raffiniert grausam ihm gegenüber. Ihre Heiterkeit, ihr schönes Wesen, ihre guten Formen, sogar ihre Lebenswürdigkeit schmerzten ihn, denn alles dies besaß er nicht, und er fühlte wohl, daß er es nie besitzen würde. Und bald erschien ihm ihre Heiterkeit als Frivolität und alles übrige als Äußerlichkeit ohne Gehalt und inneren Wert, das ganze Verhältnis aber zwischen ihm und ihnen als Ungerechtigkeit. Er litt in diesem Hause mehr, als in allen übrigen.

Am liebsten war ihm noch der fünfte Freitisch, wo er für die einmalige Abspeisung in der Woche unverhältnismäßig viel zu leisten hatte, da man als Entgelt von ihm täglich eine Nachhilfestunde für den Sohn des Hauses verlangte, einen in seiner Klasse zurückgebliebenen Tertianer.

Das war die Erzählung Leberechts in den ersten Universitätsferien. Als er damit zu Ende war, gab er mir die Hand und sagte:

– Trotz alledem will ich aber nicht klagen, denn du weißt ja, was ich dir damals geschrieben habe: Ich bin verlobt. Du kennst ja Kuhns Ida. Wenn ich an sie denke, dann vergesse ich das alles. Wir lieben uns treu, und wenn sie einmal meine Frau wird, dann ist alles gut. Ach, du glaubst nicht, wie mich dieser Gedanke mit Hoffnung und Glück erfüllt. Sage aber noch zu Niemand etwas, gieb mir deine Hand darauf! Vielleicht schon in einem Jahre kann ich dich von dem Versprechen entbinden.

Er war ein ganz andrer Mensch, wie er das sagte, und ich fand, daß so eine Art von Verliebtheit, die ich eigentlich als Philistrosität zu verwerfen verpflichtet gewesen wäre, doch etwas hatte, das meinen vielfältigen Verhältnissen nicht eigen war. Ich wünschte ihm aufrichtig alles Glück und nahm mir vor, es nächstens auch einmal auf diese Manier à la Ida zu versuchen. Es ist mir erst geraume Zeit später geglückt.

Einstweilen fuhr ich nach Leipzig zurück, trug meine dunkelrote Mütze weiter und vergaß Leberecht wieder, bis ich ihn nach einem Jahre aufs Neue in den Ferien traf.

Wie war der Mensch verändert! Er sah mich feindselig an, schon wie er mich begrüßte, und wollte einfach vorüber gehen. Mir fiel besonders auf, daß sein Gesicht fast lippenlos erschien. Es war etwas Verkniffenes an ihm, und selbst seine Augen schien er nicht ganz zu öffnen. Ich dachte anfangs, es sei das nur so der theologische Duktus, und ich genierte mich auch nicht, ihm meine physiognomische Meinung zu unterbreiten.

– Aber Leberecht! So jung und schon so sauer! Es scheint, du hast deinen Frieden mit der Gottesgelehrsamkeit gemacht. Geh, zieh deine Falten auf! Du hast ja Ferien.

– Wenn ich Dir nicht gefalle, warum redest du mich an? Wenn du die Theologen verachtest, warum läßt du mich nicht vorübergehn? Ich will nichts von dir.

– Beim Zeus von Offenbach, – was redest du denn jetzt für einen Stil? Mensch, bedenke, daß ich seit drei Wochen C. B. bin. Aber im Ernste: was fehlt dir denn?

– Mir fehlt nichts.

– Dann mach ein andres Gesicht!

– Was hast du mit meinem Gesicht! Ich habe keine Ursache, zu lachen.

– Aber du kannst doch wenigstens wie ein Mensch aussehen. Nimm dir ein Beispiel am alten Kuhn! Wie Butter in der Sonne zerfließt, geht sein Pastorenantlitz auseinander vor heiterer Laune.

In dem Augenblicke, wie ich das sagte, fiel mir plötzlich etwas ein, an das ich gar nicht mehr gedacht hatte, und ich wußte auf einmal, warum Leberecht diese steilen Falten im Gesichte hatte: Kuhns Ida hatte sich ja vor einem halben Jahre mit einem kleinen Gutsbesitzer in der Nachbarschaft verlobt . . .

Ich mußte Leberecht ansehen, wie ich meine Entdeckung gemacht hatte. Er stand steif da und sah unter sich. Ich gab ihm die Hand und sagte:

– Ach Unsinn! Deshalb! Du! Deshalb muß man doch nicht gleich leichenbittern! Das wäre noch schöner! Froh mußt du sein! Froh! Hat sie Dich so schnell aufgeben können, so wäre das auch keine richtige Ehe geworden. Danke deinem Gott!

Aber Leberecht schüttelte den Kopf. Dann sagte er, immer, ohne mich anzusehen:

– Dein Trost trifft nicht. Es ist nicht so. Es ist nur wieder das, daß mir Alles genommen werden soll, das zu mir steht und stimmt. Ich soll nichts haben, was mir lieb ist, auch dann nicht, wenn es ein Mensch ist, der mich liebt. Erst das Studium. Das hab ich überwunden. Aber nun das Mädchen. Darüber komme ich nicht weg. Wie ein Verrückter studiere ich und suche Trost, aber es ist blos Betäubung. Ich kann, nein, ich kann nicht glauben, daß es für mich auch die Liebe nicht geben soll. Ich muß doch auch . . . .

Mir schien es, als könne er vor innerer Erregung nicht weiter reden, und ich wußte vor diesem Schmerze kein Wort zu finden.

Plötzlich nahm er meine Hand und drückte sie:

– Dein lächelnder Pastor hat sie von mir weggerissen! Aus gemeinen Materialismus!

. . . . . . Weil dieser Herr Fricke Geld hat und ich keins! Nein! Das ist nicht christlich! Das ist nicht evangelische Liebe!

– Ja aber ich bitte dich, weißt du denn . . . Hast du denn mit ihm gesprochen ?

– Ich? Nein.

– Aber das hättest du doch thun müssen!

– Sie hat mich gebeten, es nicht zu thun.

– Trotzdem hättest du es thun müssen.

– Ich bin wie zerschmettert gewesen. Ich . . . ich mußte . . . Siehst du: ich bin so . . . unkräftig . . . Ich fühle: was über mich kommt, ist immer stärker als ich, und ich muß erst warten, bis ich Kraft gewinne, nicht aus mir, sondern aus Gott, aus Gott, um den ich ringe; aus Gott muß ich Kraft gewinnen, aus ihm, dem ich nun danke, daß er Alles so gefügt hat, daß er mich zu sich gezwungen hat in leidvollen Fügungen.

Was war denn über diesen Menschen gekommen? Er keuchte ja und war wie besessen!

Ich erschrack. Er fuhr fort:

– Laß fahren dahin! Sie liebt mich und muß leiden, denn sie hat dem zu folgen, der ihr Herr sein soll nach Gottes Rat und Schluß. Und ich . . . ich . . . ich darf sie nicht mehr lieben . . . Nein! Ich habe zu lernen, ich habe zu ringen . . . Ich bin noch schwach. Aber der, um den ich ringe, wird mir im Kampfe mit ihm Kraft geben . . . Ich werde stark sein und ihn haben als mein Gut und meine Kraft. Mein Gut und meine Kraft. Für mich giebt es nur ihn. Er sei darum gepriesen!

Ich konnte nur den Kopf schütteln und mußte ihn gehen lassen, der sich einfach umwandte und mich stehen ließ.

Schon damals sagte ich mir: So wird man also einer von den Strengen. Aber ich fühlte doch auch, daß das für's Erste nur Exaltation war. Hatte er nicht mit auflehnenden Worten begonnen? Hatte er nicht selber von Betäubung gesprochen? Gewiß, so war es: Er exaltirte sich in eine wütende Theologie, um sich zu betäuben. Wenn ihm endlich das Leben einmal lächelte, vielleicht, daß er doch noch zu einem besseren Frieden käme, als diesem Gottesfrieden voll Erbitterung.

Aber das Leben hat es auch weiterhin übel gemeint mit Leberecht Wacker.

Als ich ihn nach wiederum einem Jahre in den Ferien sah, da war er mit seinen sechs Semestern fertig und bereitete sich auf das Examen vor. Jetzt hatte er etwas, ich kann es nicht anders nennen: Hochmütiges, aber es war nicht die Hochmütigkeit dessen, der Lust an seinem stolzen Ich hat, sondern jener verzweifelte und fatale Hochmut, den man allzubald als Zuflucht eines oft Gedemütigten erkennt, der nun mit einem kümmerlichen Bischen von Errungenschaft schaltet, als hätte er Schätze in sich. Seine Errungenschaft war die Anschauung von der Welt als von etwas unendlich Schlechtem und dann die bornirte Anmaßung des vom Leben Mißhandelten, als sei er allein schon durch seine Demütigungen emporgehoben über Alle, denen es besser ergangen war. Diese verkehrteste Wendung des christlichen Gefühles war bei ihm bereits schroff und fest Gefühlsrichtung geworden. Er war sich dessen sicherlich nicht bewußt, aber er stand schon im Beginne der Zeit seiner Rache.

Diesmal kamen wir nicht so gut auseinander. Anfangs wollte ich seinen Kanzelton mit Humor parieren, aber wie er anfing, impertinent zu predigen, da wurde ich grob:

– Nein, mein Teurer, das kannst du mal deinen Bauern erzählen, und ich hoffe sehr, daß sie es vorziehen werden, Schafskopf zu spielen, als sich von dir die Welt verekeln zu lassen. Woher nimmst du das Recht, deine Erfahrungen zum Maßstab der Welt zu machen? Was, weil du nicht die Kurasche und Schneid gehabt hast, zuzugreifen, wo ein guter Griff gute Beute an Lebensgefühl und Menschenglück bringt, darum sollen die andern mit dir zusammen sauer sehen? Denkst du denn, du kennst das Leben, weil du kein Talent dafür hast? Köstlich! Der Blinde, der die Welt schwarz heißt! Hätte Dir dein Herrgott einmal ein hübsches Mädel in den Weg laufen lassen, vielleicht sprächst du dann anders.

– So! Also darauf kommt's an!? Und wenn ich Dir nun sage, daß Gott mir in der That auch diese Erfahrung geschenkt hat? Wenn ich dir nun sage, daß eben dies seine beste, die große Gnade war, der ich es verdanke, daß ich nun der geworden bin, der ich bin? Ah, wie ich dich an diesem Trumpf erkenne! Pfui sag ich! Pfui! Wisse: Eben das, was dich und deinesgleichen zum Heiden, zum Götzendiener der Lust macht, hat mich zum erkennenden Knecht der Wahrheit werden lassen. Wenn ich noch hoffen dürfte, dich bekehren zu können, würde ich dir dieses lehrreiche Erlebnis, das mich hart an den Rand der Sünde gebracht hat, erzählen. So aber, da ich weiß, daß es Dir nur Anlaß zum Spotte geben würde, muß ich darauf verzichten und mich damit begnügen, Gott zu danken, daß er wenigstens mich an diesem Abgrund vorbeigeleitet hat.

Er ging steif und zufrieden von dannen. Mir aber saß der Floh im Ohr, daß ich gerne erfahren hätte, wie es in der Nähe des Abgrundes ausgesehen haben möchte, in den Leberecht, Gott sei gedankt, nicht gefallen war.

Der Zufall war mir günstig, denn ein Corpsbruder von mir, der im nächsten Semester von Breslau nach Leipzig zurückkehrte, konnte mir die Geschichte authentisch genug erzählen, da er der Nachfolger Leberechts in der Gunst jenes Mädchens war, das diesem, wie er meinte, Gott als letzten Wegweiser zum Lande der wahren Erkenntnis von der Schauderhaftigkeit der Welt in den Weg gestellt hatte.

Indessen: ich will wirklich nicht spotten. Es ist zwar manchmal schwer, sich nicht auf die Bank der Spötter zu setzen, aber in dieser Hinsicht soll man sich überwinden.

Die Geschichte ist kurz genug erzählt und hat keinerlei besonders interessante Momente. Und doch ist sie es zweifellos gewesen, die Leberecht den letzten Stoß gegeben hat.

Das Mädchen hat sie meinem Corpsbruder selbst erzählt und mit einer Reihe feierlicher Briefe Leberechts belegt.

Es war eines von den vielen leichtsinnigen, schnell verliebten Dingern, wie sie in jeder Universitätsstadt zahlreich genug vorkommen, um der flatterhaften Erotik der akademischen Bürger ausgiebig Gelegenheit zur Bethätigung zu geben. Ein Nähmädchen, zwanzig Jahre alt, blond, nett, sittsam im Auftreten, aber unverbindlichen Verhältnissen nicht abgeneigt. Die nun hatte Leberechts Wohlgefallen so sehr erregt, daß er offenbar gemeint hatte, in ihr Ersatz für Kuhns Ida zu finden, seine künftige Frau Pastorin. Das hatte sie bald bemerkt, und da sie, wie nun das genäschige Wesen der kleinen Mädchen manchmal auf sonderbare Geschmackswünsche verfällt, es gerne auch einmal mit einem Theologen versuchen wollte, als welchen sie Leberecht natürlich gleich erkannte, so war, viel mehr durch ihr als sein Bemühen, bald eine Annäherung geschehen.

Es braucht nicht geschildert zu werden, wie sich Leberecht im Anfang benahm. Da war er ganz der immer ernste, immer zärtliche, immer schüchterne Liebhaber gewesen. Hatte nichts gewollt, nichts versucht, nicht einmal einen Anlauf zum Duzen. Aber sehr bald schon hatte er in verschleierter Ferne ein kleines Pfarrhaus leuchten lassen und war immer sehr innig geworden bei leisen Andeutungen der Zukunft.

Lisbeth, so hieß die Kleine, war erst verblüfft gewesen über diese Zurückhaltung und die Solidität in der Anlage dieses absonderlichen Verhältnisses, aber sie hatte sich dann gesagt: das ist eben das Theologische. Und schließlich hatte sie die Perspektive ins Pfarrhaus recht nett gefunden. So waren sie sich näher gekommen, und weil sie sich immer versprach und du sagte, hatte er das schließlich auch acceptiert.

Aber nun, wie sie ihre Gewalt über ihn immer wachsen fühlte, hat sie beginnen wollen, ihn ein bißchen nach sich zu modeln. Mit seinem Anzug hat sie angefangen und hat es auch wirklich dahin gebracht, daß er seinen Sonntagsrock zuweilen in der Woche anzog. Die Krawatten dazu hat sie ihm geschenkt, aber sie mußten schwarz sein. Andre wollte er durchaus nicht. Dann hat sie ihn das Küssen gelehrt. Das war schwer, aber schließlich hat er's ganz gut gekonnt. Nun aber wollte sie weiter gehen. Ob er denn auch tanzen könnte? Da ist er schon sehr streng geworden. Aber in ein Theater könnte er sie doch mal führen? Nicht um die Welt! Ob sie denn sein zukünftiges Amt vergäße?

Da hat sie sich denn gedacht: was kann da sein, und sie hat versucht, mit einem großen Hauptschlage eine durchgreifende Reform seines Wesens zu begründen. Und nun begannen, ins Lutherisch-Leberechtische übersetzt, die Versuchungen des heiligen Antonius.

Ich habe die Briefe Leberechts gelesen, die dieser schwierigen Epoche angehörten, und ich muß sagen: er hat mir rechtschaffen leid gethan. Diese Leute haben den Teufel zwar nicht im Leibe, aber in der Seele, und das ist sicher das Schlimmere. Wie hat der arme Kerl sich abgerauft mit dem, was er die böse Lust nannte. Zwar hat er dem Teufel kein Tintenfaß an den Kopf geworfen, aber ausgeschrieben hat er mehr als ein Tintenfaß, um ihn zu bannen. Armer Teufel! . . . . . Ich meine Leberechten.

Der Schluß war mein Corpsbruder. Er kam gerade in dem kritischen Augenblicke, als Lisbeth genug Briefe hatte und einsah, es werde ihr nie gelingen, diese Korrespondenz zu parieren. Sie griff mit beiden Händen nach dem flotten Mann mit den lachenden Augen und konnte es sich leider nicht versagen, an Leberecht einen recht wenig netten Brief zu schreiben.

Ein andrer wäre vor das Mädel hingetreten und hätte ihr in angemessenen Tone die Leviten gelesen, – Leberecht that wie immer: er verkroch sich in sich selber und bebrütete sein Mißgeschick. Als er damit fertig war, war auch sein tristes Wesen von Strenge und Säure fertig. Es fehlte blos noch das Examen, die Anstellung und Pauline. Die haben dann den Essig zur ganzen Schärfe gebracht, und ich fürchte sehr, es ist einer von den schlechten Essigen, die nie milde werden.

Das ist nun so: Aus den einen Trauben kocht die Sonne Malvasier und aus den anderen quetscht die harte Kelter einen Saft, der kaum gut genug ist, Salat damit an zumachen. Das ist der Wehe-Wein.

Selig sind, die ihn nicht trinken müssen.

 

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