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Studenten-Beichten

Otto Julius Bierbaum: Studenten-Beichten - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorOtto Julius Bierbaum
titleStudenten-Beichten
publisherSchuster & Loeffler
volume1
printrunSechste Auflage
year1902
firstpub1893
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060219
modified20180502
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Josephine

Briefe eines Studenten aus der Festung

Mein lieber philologischer Max!

Du willst also durchaus aufs genaueste wissen, wieso, warum und weshalb ich dazu kam, meine juristischen Studien in eine unerlaubte Praxis zu übersetzen, indem ich mein platonisches Verhältnis zum Strafgesetzbuch durch intimere Verbindung mit dem § 205 in eine unstatthafte persönliche Vertraulichkeit verwandelte. Gut, – da ich in Deinem Herzen nicht bloß das zweifelhafte Interesse als »Duellheld« habe, so sollst Du die ganze, herrliche Geschichte in langen Briefen erzählt bekommen. Hol' mich der Teufel, – ich habe hier oben überflüssig viel Zeit dazu, denn unausgesetzt juristische Materien zu traktieren und mich während meiner unfreiwilligen passivstrafrechtlichen Praxis zugleich allstündlich in ledernen Theorien zu bewegen, das, weißt Du, bin ich nicht im stande. Ich habe zwar noch Genossen hier oben und zwar zwei Stück, die demselben Paragraphen wie ich ihr Hiersein verdanken, – von denen ist aber der eine trübsinnig und zerknirscht, wie ein Sekundaner, der wegen mangelhafter Ciceropräparation im Carcer sitzt, während der andere vor Heldenstolz über seine stramme That in Bälde größenwahnsinnig werden wird. Nur beim Skat, den wir dreie zuweilen spielen (natürlich!), steigt der erstere aus der Tiefe seines Jammers in die Höhe, der andere vom Piedestal seiner Tapferstrammigkeit herab. Aber Du weißt, daß die studentische Hauptbeschäftigung des Skatdreschens niemals zu meinen Lieblingsunterhaltungen gehört hat, und Du wirst demnach verstehen, daß ich nicht immer gern bereit bin, diesen beiden gegensätzlichen Herren als dritter Mann zu zeitweiliger Vermenschlichung zu verhelfen. Ich greife deshalb mit Vergnügen zu dem anderen Mittel, mir die Zeit schnellflüssiger zu machen, und ich gedenke so, Deinem Wunsche gemäß, Dir alle die Vorgänge und Vorvorgänge, die mich hierher brachten, erzählerisch ausgesponnen so nach und nach als leichte Zwischenspeise zu Deinen philologischen Leibesgenüssen zu servieren. Wenn Du genug Demosthenes geschluckt und Dich hinlänglich an den feineren Zulagen kritischer Partikelbetrachtungen gesättigt hast, wird es Dir vielleicht angenehm sein, ein paar Bissen von diesem weder besonders pikanten, noch auch ganz gewöhnlichen Gerichte zu genießen. Du darfst freilich nicht verlangen, daß ich immer bei der Stange bleibe! Ich erzähle keine raffiniert ausgeklügelte Geschichte mit atemhemmenden Spannungen und kunstreich zurechtgemachten Entwickelungen, sondern ich möchte Dir einfach ein Stück aus dem Leben eines deutschen Studenten der heutigen Zeit geben, der, ohne in dem gewöhnlichen studentischen Leben aufzugehen, in fatale Berührung mit ihm kam und so aus eigenem Mitthum kennen lernte, was er sonst nur beobachtete. Du weißt ja, daß mich dieses heutige akademische Leben nicht befriedigt. Ich kam auf die Hochschule mit einem fertigen Ideal, das ungefähr auf die vierziger, fünfziger Jahre paßte, und das sich nach einigem Bekanntwerden mit der Wirklichkeit beinahe in Ekel verwandelte. Aber während Du, von ähnlichen Gedanken beeinflußt, es verstandest, Dich einfach hinter Deinen Bücherwall zurückzuziehen, um möglichst bald das stud. phil. von Deiner Visitenkarte verbannen zu können, trieb mich ein mir innewohnender Genußdrang, immer dabei vermischt mit Widerwillen, ins Leben hinein. Zersplittert, kurz und gut, – so wie es vielen akademischen Bürgern geht, deren Idealismus sich an der Thatsächlichkeit zerreibt, weil ihr Wesenskern nicht kräftig genug ist, das Vacuum zwischen Idealität und Realität mit einer vernünftigen Mischung von beiden auszufüllen. Ach was! Laß mich erzählen, klar und wahr dieses höchst persönliche Drama, dessen Held und Narr ich in einer Person bin. Es macht mir ein grausames Vergnügen. —— Das Schwierigste bei einer Erzählung scheint mir wahrhaftig der Anfang zu sein. Denn dieser längliche Gedankenstrich da bedeutet für mich eigentlich eine halbe Stunde unaufhörlichen Hin- und Herwandelns in meinem Käfig, wobei ich den Federhalter wie eine Miniaturbalancierstange auf- und abschwenkte, bald auch tiefsinnig zum Fenster hinaus auf den Fluß hinabblickte, während alle Teile meiner Geschichte in kleinen Stücken wie Fetzen durchs Gehirn wehten. Eine ganz niederträchtige Situation. Ich veränderte sie und setzte mich an den Tisch, tauchte die Feder ein und verzierte den Gedankenstrich mit allerhand Arabesken, bis er aussah wie eine Pistole mit zwanzig Drückern und Visieren, was mich dermaßen ärgerte, daß ich ihm die Form eines dicken Ovals gab, – was Du nun wohl jetzt für einen Klex halten wirst.

Diese Erzählung vom Gedankenstrich ist natürlich wieder bloße Verlegenheit. Nein, so geht's nicht weiter. Die ganze Fatalität rührt daher, weil mich die gewöhnlichen Romananfänge geradezu nervös machen, und ich mir einbilde, ich müsse notgedrungen etwas ganz Neues in diesem Genre erfinden. Unsinn! Also: Kannst Du Dich auf meinen letzten Brief vor dieser Affaire erinnern, in dem ich Dir in den überschwenglichsten Tönen erzählte, daß ich mich verliebt hätte? Aber Du kannst es natürlich nicht, denn solcherlei Episteln sind leider nichts Seltenes bei mir gewesen. So will ich Dir denn die Sache des Genaueren mitteilen. Ich ersuche Dich aber, diesen Teil meiner Geschichte mit besonderer Andacht zu lesen, wofür ich verspreche, keinerlei Sprünge ins Gebiet der Lyrik zu machen, d. h. in keinem Falle den rhythmischen Teil meines Tagebuchs aus jener Zeit auszubeuten. – Ehe ich meinen Aufenthaltsort gezwungenermaßen hierher verlegte, wohnte ich in Moabit, Berlin N.W., etwa vierzig Minuten von der Universität entfernt. Der Weg, den ich zur Universität zu machen hatte, führte mich teilweise durch eine Partie des Tiergartens und dann über den Königsplatz weg an der Siegessäule vorbei. Das war ein prächtiger Weg. Dieses heitere Grün rechts und links, Vogelsingen in der Frühe, die frische, reine Morgenluft –, mein Gang war ein beständiges inneres Fabulieren mit all den schönen Dingen. Kam dazu, daß um dieselbe Zeit, die mich ins Kolleg rief, auch die Geschäfte in der Stadt sich öffneten, und daß sich also ein dichter Strom von allerlei Berufsleuten mit mir zugleich aus der Vorstadt in das Zentrum ergoß. Naturgemäß interessierte ich mich mehr für den weiblichen Teil dieser Geschäftswanderer. Welche Fülle, geliebter Philologe, und welche Nuancen! Fabrikmädchen in abgeschabten Regenmänteln, die auf plump und primitiv erzeugten Tournüren hinten höckerartig nach oben bogen, mit den mager-bleichen Gesichtern des Elends und der Verlebtheit, Nähterinnen, kümmerlich aber zierlicher gekleidet, zur Unterscheidung von jenen mit bedeckten Köpfen und weniger unkultivierten Ponylocken, Konfektioneusen und Verkäuferinnen in allen Schattierungen dieser Klasse. Anfangs machte mir es Spaß, diese Schattierungen in ein System zu bringen, dessen Gesichtspunkte gewisse durchschnittlich immer wiederkehrende Garderobemerkmale waren, aber bald war all das Geschwemme dieses Riesenstromes der Arbeit unsichtbar für mich durch die eine, die ich auf den verschwiegenen Seiten meines Tagebuchs dessen einsame, fortgetriebene Perle nannte. Sie trug nicht die gebräuchliche Konfektioneusenuniform von mittelloser Eleganz und ausgestopfter Pikanterie; anmutig-geschmackvoll, war sie einfach, aber nicht ärmlich gekleidet; nichts Imitiertes, Gleißendes war an ihr; nett war sie, nett bis in die Spitzen ihrer zierlichen Stiefeletten und bis auf die zierlichen Enden ihres schwarzen Schleiers. Mensch, und was für Augen guckten durch die Maschen dieses Gewebes, was für Lippen lachten darunter hervor! Welch feines, kleines neckisches Kinn, welch entzückende Rundung des ganzen frischen Gesichtchens –, ach, es ist mir unmöglich, Dir das zu schildern, ich möchte Dich nur anstecken mit der stürmischen, jubelnden Erregtheit, die mich damals ergriff, und die mich noch heute ihr Photogramm, das Stückchen Pappe, auf das die Sonne ihr Gesicht noch lange nicht schön genug gemalt hat, erfassen und mit quillender Rührung küssen läßt. – Halt! Ich störe Deine Andacht und falle aus dem Epos in die Lyrik, – das soll nicht erlaubt sein, sagte unser Konrektor. Laß Gnade walten und lies weiter. –

Ich bin wohl eine Woche lang ihren Tritten gefolgt wie ein Hund, der bald vor, bald hinterher laufend seinen Herrn umkreist; ich entdeckte das Geschäft, in das sie ging, und machte bald die weitere Entdeckung, daß sie die etwas blöden Dokumente meiner Verehrung nicht schlecht aufnahm. Sie wandte hin und wieder ihren kleinen Kopf in einer zierlichen Achtelwendung nach hinten, wenn ich vorzog, sie vor mir hergehen zu lassen, und sie sah mir auch bald gerade und klar ins Gesicht, wenn ich vor ihr gehend diplomatisch meinen Gang verlangsamte, um sie von der Seite zu bekommen. Nach hiesigen studentischen Anschauungen betrachtet man so etwas als Zeichen zu erwünschter Annäherung, und ich konnte also, ohne mich zu den professionellen Weiberfängern zu rechnen, die mir ein Greuel sind, wenigstens die Vorbereitungen zum Angriff treffen, d. h. ich begann mit mir ernstlich zu Rate zu gehen, auf welche Weise ich mich der holden Person nähern sollte, die ich in lyrischen Ergüssen natürlich längst duzte, küßte, umarmte &c. Denn es hat nie in meiner Art gelegen, nach Goethes Rezept den Weibern keck entgegen zu gehen –, ich bin liebesfeige bis zur Blödigkeit. Waren das Erwägungen! Welch zierliche Phrasen der Annäherung habe ich zuweilen mühsam gedrechselt, während ich im Kolleg saß und Pandekten hören sollte, wie habe ich mir die Örtlichkeit unseres ersten Zusammenstoßes strategisch genau überlegt, und wie albern bin ich mir bei alledem beständig vorgekommen. Nichtsdestoweniger war meine Seele wie von einem ganz unerklärlichen, sagen wir: himmlischen Fluidum erfüllt, das in manchen Augenblicken zum Gehirn aufzuwallen schien und mich so selig-heiter machte, daß meine Wirtin sich nicht genug über meine Liebenswürdigkeit wundern konnte. Bunt, wie im »Titan« Jean Pauls sah's in meinem Herzen aus, phantastisch und überschwenglich, voller Frühlingswinde, Rosenlauben, Jasmindüfte und Vogelsang – just wie in einem recht schlechten Gedichte von der säuselnden Observanz. Aber bei all der rosig-nebelhaften Verworrenheit, wie ist sie doch köstlich diese närrische Zeit idealisierenden Liebesträumens, in dem die reale Heldin all der Herzensüberschwenglichkeiten umkleidet wird mit der ganzen Fülle fraulicher Hoheit, Reinheit, Schönheit, Güte und Liebe, die nur jemals eines alten und neuen Dichters Kunst uns lebendig machte.

Thu' mir den Gefallen und lache darüber nicht. Diese Jugendeselei scheint mir zu ihrer Zeit doch ungefähr das Beste zu sein von alledem, was die Menschen Glück nennen. Nur die Pöbelmenschheit macht sich darüber lustig; denn gemeine Seelen vermögen sie nicht zu verstehen. Doch wird sie auch oft geheuchelt, weil man ahnt, daß sie ein Zeichen guten Menschentums sei. – Dieser Traumzustand dauerte drei Wochen. Meine Begeisterung ging in Siedehitze über, aber mein Ideal begann es bereits augenscheinlich zu langweilen, von mir platonisch umschwärmt zu werden, wie die Erde vom keuschen, romantischen Mond, und unser Freund Schilde, der medizinische Cyniker, dem ich mein Herzeleid klagte, erklärte mir sehr bündig, daß ich ein ausgewachsenes Kameel wäre, wenn ich nicht binnen 24 Stunden »'ran ginge«. – Mut! Mut! Oh, es war keine leichte Sache! Aber ein schöner Morgen kam; – die Sonne glänzte auf der goldenen Viktoria der Siegessäule flimmernd in hellster Pracht, fröhliche Frische lag auf all dem tauigen Grün, klar und wolkenlos prangte der Frühlingshimmel über dem Ganzen. (Siehst Du wohl, da hast Du den Romananfang.) Diese Frische und Klarheit allüberall drang mir in die Seele wie ein reinigender Hauch des Mutes. Wie Schlacken fiel es vom Herzen, ein freudiges Kraftgefühl erfüllte und belebte den Körper. Mutter Natur, die ehrwürdige, große Gottheit der freien und mutigen Herzen, war mir Bundesgenossin geworden, der Sonnenstrahl da vom Himmel, das war der Speer der Pallas über dem Haupte Achills, und siehe da, der schritt aus wie ein Held und war guter Dinge (nimm mir den hohen Ton nicht übel, damals klang's so in meinem Innern): »heute erfüllt sich 's« war die laute Parole meines Herzens. Da kam sie. Gott, wie war sie schön. Sie war zum erstenmale frühlingshaft gekleidet und ich sah nun, was mir der Mantel teilweise verhüllt hatte, noch mehr: ihre überaus elastische, reizende Figur. So recht jungfräulich kräftig erschien mir ihre zierliche Büste in der Umhüllung des hellgrauen, flotten Frühlingsjackets, und ihr frisch gesundes Gesicht sah ich zum erstenmale ohne Schleier. O, Du Schriftgelehrter, packe alle Deine Reminiszenzen schöner, junger Weiblichkeit aus dem alten Hellas und Rom und was sonst zusammen und krystallisiere Dir aus ihnen ein möglichst vollkommenes Bild (an Nausikaa darfst Du vorzüglich denken), versuche aber, so weit es in Deinen Archäologenkräften steht, das Bild recht modern zu machen, und vergiß nicht, das Ganze Dir bekrönt zu denken von einem breiten, weißen Strohhut, auf dem sich rote Rosen in zartem Blättergrün emporranken – dann hast Du ungefähr eine Ahnung von der Lieblichkeit, die auf mich zuschritt. Und ich, der Held im Schutze der sonnigen Mutter Natur, wahrlich, ich war wie auf Flügeln, wie mit einer unbegreiflichen Kraft erfüllt; – ich kann es mir nicht erklären, ich weiß nicht, wie es geschah, aber ich befand mich plötzlich neben ihr. Doch da verließ mich meine Schutzgöttin, die bekanntlich darauf hält, daß ihre Kinder mit eigenen Kräften tüchtig wirtschaften. Ach, ich wirtschaftete sehr verkehrt; verwünscht banales Zeug stotterte ich heraus, weiß selber nicht mehr was, war überhaupt ganz unbewußt dessen, was ich that. Zwei Mädchen, die vor uns hergingen, wandten sich plötzlich um, stießen sich an und lachten laut auf. Ich hätte ihnen den Rücken eintreten können, aber ihr höhnisches Lachen brachte mich etwas zur Vernunft, d. h. ich begann jetzt etwas bewußter Entschuldigungsbitten zu stammeln und feierlich zu erklären, daß ich mich augenblicks entfernen würde, falls meine Begleitung unlieb, meine Bitte darum also verfehlt sei. Sie schwieg – eine ganze peinliche Minute lang, die mir vorkam, wie ein ganzes Kolleg über Logik, endlos, unergründlich, gähnend –, endlich that sie ihren kleinen Mund auf und sprach. Jetzt aber, Mensch, Freund, Bester, Liebster, jetzt pack' ich Dich bei den Schultern, sehe Dir in's Auge, schüttle Dich und umarme Dich, ja ich möchte mich mit Dir prügeln in Erinnerung dessen, was diese Worte in mir erregten. Oh wunderbare Macht einer leisen, aber vollen Frauenstimme, deren gleichgültigste Worte selbst direkt aus dem Herzen zu kommen scheinen, und die wiederum so warm ins Herz tönt, daß man die Augen schließen möchte, um den Zauber voller zu empfinden. Was sie mir sagte? Eigentlich sehr banale Dinge, aber damals Musik für mein Ohr, eine ganze Symphonie für mein Herz: »sie nehme es mir nicht übel, sie angesprochen zu haben, aber ich müßte ihr verzeihen, daß sie anfangs geschwiegen, denn es sei schwer, eine Antwort auf derartige Anreden zu finden, die nicht immer aus achtenswerten Gründen an ein Mädchen gerichtet würden, das zur Stadt ins Geschäft geht.« Jetzt begann ich zu reden, wie zehn Demosthenesse auf einmal. Mein Herz explodierte und warf vor der Hand eine Unmasse ähnliche Bemerkungen aus, denen sie mit einem entzückenden Zuge der Aufmerksamkeit folgte. So ging ich mit ihr bis zur Ecke der Friedrichstraße, wo sie mich bat, sie ihren Weg allein fortsetzen zu lassen. Wir verabschiedeten uns, sahen uns, so oft es möglich war, noch gegenseitig um, und ich legte es als herrlichen Beweis gegenseitiger Sympathiekraft aus, daß sich unsere Köpfe just immer zur selben Zeit drehten. – Zwei Stunden Pandekten darauf, während deren ich mein Heft mit unzähligen J's verzierte, was sich neben den Offenbarungen des »Interdictum uti possidetis« außerordentlich sinnig ausnahm und woraus Du erkennen magst, daß sie Josephine hieß. – Mit dieser Errungenschaft schließe ich diesen Brief. Du kennst jetzt nicht bloß den Helden meiner Geschichte in seinem genauen Zustande zu Beginne derselben, sondern auch den Vornamen der Heldin. Das ist ein Fortschritt, mit dem ich sehr zufrieden bin, und ich schließe mit dem Bewußtsein, endlich meine Pflicht gethan zu haben.

Dein Richard.

Nachschrift. Wie ich den Brief überlese, bemerke ich, daß ich vergaß, Dir die Farbe ihrer Haare zu schildern. Das muß nachgeholt werden; denn sie hatte so schön kastanienbraune, wie ich sie sonst noch nie gesehen. In der Sonne schillerten sie ganz hell, fast wie blonde. Ihre Augen waren braun. Ein eigen tiefer Glanz leuchtete daraus. Denke ich an sie, so schimmern mir fast leibhaftig die dunklen, braunen, lachenden und doch zuweilen so innig ernsten Sterne vor Augen.

 

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