Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Georg Christoph Lichtenberg: Streitschriften - Kapitel 1
Quellenangabe
pfad/lichtenb/streit/streit.xml
typetractate
authorGeorg Christoph Lichtenberg
booktitleSchriften und Briefe ? Dritter Band
titleStreitschriften
publisherZweitausendeins
editorWolfgang Promics
isbnISBN 3-86150-042-6
correctorjohannschneller
senderwww.gaga.net
created20100107
projectid3da83a91
Schließen

Navigation:

An die Vergessenheit

Allerdurchlauchtigste, Großmächtigste Monarchin,

Der besondere Schutz, dessen Ew. Königl. Majestät jederzeit die bisherigen Produkte meines Geistes gewürdigt haben, und die Überzeugung, daß dieses Werkchen, wegen seines Inhalts, über kurz oder lang doch an Höchstdieselben gelangen werde, haben mich aufgemuntert, es lieber gleich selbst zu Höchstdero Füßen in tiefster Untertänigkeit zu legen. Ich darf um so weniger an einer gnädigsten Aufnahme desselben zweifeln, als es eine Religionsstreitigkeit betrifft, und Ew. Königl. Majestät bekanntlich dieser Art von Schriften Dero vorzügliche Protektion gönnen, wie sie es denn auch ihrer Wichtigkeit, und der Mäßigung, Gewißheit und Klarheit wegen, die in denselben zu herrschen pflegt, vorzüglich verdienen.

Da Ew. Königl. Majestät nunmehr in Dero unermeßlichen Staaten den allerneusten französischen Witz eingeführt haben, so habe ich Höchstdero weisen Absichten gemäß, denselben überall so viel als möglich zu erreichen gesucht, und mich durchaus eines rigoris gallici in demonstrando beflissen, hingegen alles vermieden, was nach der allerdings bejammernswerten Einfalt des blinden Heidentums schmeckt.

Ich ersterbe in tiefster Devotion,

Allerdurchlauchtigste,
Großmächtigste Monarchin,
Ew. Königl. Majestät

untertänigstdevotester Knecht,
Conrad Photorin

 

Vorrede des Herausgebers

Lieber Leser,

Ehe du an das Werkchen selbst kommst (und wenn du nicht so weit kommen solltest, so wollen wir kein Wort deswegen verlieren) nimmt sich der Türhüter im Namen seines Herrn die Freiheit, dich um eine Kleinigkeit anzusprechen. Du wirst beim Eingang so gut sein und ein paar Vorurteile ablegen, sie nützen dir inwendig auf meine Ehre so viel, als ein Degen in einer Bildergalerie oder in Vauxhall.

Für das erste mußt du nicht glauben, mein Herr habe nachstehendes Büchlein aus jener zügellosen Begierde, die sich um die Zeit des ersten Barts einzustellen pflegt, in die Welt gesetzt, ich meine aus dem Trieb, Bücher zu schreiben, und seinen Witz sehen zu lassen, sondern es ist vielmehr ganz aus reinem Triebe und über die Hälfte aus kalter Pflicht entsprossen. Er leugnet zwar nicht, wie er wohl sicher tun könnte, wenn er allein ein Mensch und du etwa ein Orang Outang wärest, daß ihn jene Begierde zwar öfters angewandelt, er hat ihr aber allezeit mit Mut widerstanden und den festen Vorsatz gefaßt, seine Feder nicht eher zu gebrauchen, bis ihn Pflicht und Gewissen dazu aufforderten, aber alsdenn auch nicht eher niederzulegen, bis ein Schandfleck auf- oder einer zugedeckt ist.

Für das zweite bittet er, ja nicht zu glauben, daß er es bös mit dem Publiko meine, mit dem er es hauptsächlich zu tun hat. Nichts weniger. Wenn er eifert, so ist es immer ein geistlicher Eifer, und wenn er flucht, so sind es immer Segensflüche. Ja er ist vielmehr bereit, für jeden Dürftigen sein Blut oder wenigstens seine Dinte zu versprützen, wie er es mit dem einen, der Dinte nämlich, schon für diese Wiedergeborne getan hat.

Dieses ist es, warum ich dich vorläufig ansprechen wollte, und wogegen ich dich von der Wahrheit des Gesagten, bei der Ehrlichkeit eines Türhüters versichern kann.

Es leuchtet zwar die gute Absicht meines Herrn überall aus dem Büchelchen selbst sattsam hervor, ich habe aber doch auch diese Versicherung gleichsam als einen Zoll entrichten sollen, den man der Würde der menschlichen Natur schuldig ist: denn tun können auch die Ochsen und die Esel, aber versichern kann noch zur Zeit der Mensch nur allein.

Geschrieben im August 1771

 

Man sollte sich zwar nicht wundern, wenn der Satan, der ohnehin sonst wenig oder nichts zu tun hat, sich Tag und Nacht bemühet, hier und da den Kindern der Kirche Netze und Schlingen zu legen, am allerwenigsten, wenn er diejenigen zu verfolgen sucht, die er schon einmal in seinen höllischen Pfoten hatte, die ihm aber durch Uns wieder abgejagt worden sind. Man sollte vielmehr den Fürsten der Finsternis toben lassen und mit jenem Liede gelassen sprechen oder singen:

Laßt den Teufel brummen,
Er muß doch verstummen.

Allein, wenn seine satanischen Kniffe ein ganzes Publikum verblenden; wenn er nicht bloß ein paar Christen kränkt, sondern sich hierzu selbst tausend anderer bedienet, ja wenn dieses verblendete Publikum auf einer ansehnlichen Universität lebt: Welcher natürlichehrliche Mann, von den künstlichen will ich gar nicht einmal reden, wird da stille zu sitzen können?

Man bedenke nur selbst: Auf den meisten deutschen Universitäten sind, wie man sicher annehmen kann, gewiß täglich an die zweihundert Federkiele, die Bleistifte nicht einmal gerechnet, beschäftigt, das Wort so rein als möglich zu halten, ja man hat daselbst durch die sinnreichsten und tiefsinnigsten sowohl aus den Schätzen, als dem Kehricht des Morgenlandes hergeholten Erklärungen, schweren und feinen Rettungen, schweren und feinen Mutmaßungen und gleichsam durch eine Art von exegetischen Selbstschüssen, Palisaden, spanischen Reutern und Kartätschen, die Religion so verrammelt und verschanzt, daß man glauben sollte, dem Satan selbst müsse endlich einmal der Kützel vergehen, die Leute anzuzapfen, die innerhalb des Walles wohnen, und dennoch tut er es. Nun denke man einmal: Wenn es in der Festung so zugeht, was will aus dem platten Lande werden?

Doch ich wende mich so früh zur Sache als möglich. Es haben sich diesen Sommer in und bei G... zwei ehrliche Israeliten zum wahren Glauben bekehrt und die Taufe glücklich empfangen. Konnte das kleine Häuflein der lutherischen Kirche wohl eine größere Conquete machen, als dadurch, daß es über die Hartnäckigkeit zweier Beschnittenen gesiegt hat? Es hätte die Überläufer mit Sanftmut und Milde aufnehmen sollen, um ihnen recht zu zeigen, was sie für einen Dienst verlassen und was für einen sie angenommen haben, daß sie aus dem Nassen in das Trockene, aus der Tiefe in die Höhe, aus der Dämmerung in das Licht gekommen wären; bisher hätten sie mit den Falschen Gemeinschaft gehabt, jetzt aber mit den Guten und Ehrlichen. Aber pfui! was taten die Bürger? Kaum waren sie getauft, kaum waren ihnen, so zu reden, die Köpfe trocken geworden, so schrie man: Man hätte die Betrüger und Landstreicher nicht annehmen sollen; sie wären nicht durch Beweisgründe, sondern durch Mettwürste bekehrt worden; ein ehrlicher Mann ändere seine Religion niemals mit so großen Umständen, und was dergleichen zum Teil recht freigeisterische Reden mehr gewesen sind. Aber ist das christlich gesprochen, sagt? Wie muß das den beiden ehrlichen Männern durch die Seele gehn? Kein Wunder fürwahr, wenn sie gerade unsere Herde verließen, in ein anderes Land gingen und entweder wieder Juden würden, oder wenigstens durch ein zweites Bad der Wiedergeburt sich in andere Hürden eintreiben ließen, wie man denn dergleichen traurige Exempel leider mehr als zu viele hat. Aber wer will es ihnen verdenken! Ich will gar nicht einmal erwähnen, was die andern Juden von uns denken müssen? Werden sich die wohl bekehren lassen? Werden sich die Vögel fangen lassen, wenn ihr so mit Prügeln darunter werft? Ich höre zwar, daß sich dem ohngeachtet wieder einige gemeldet haben, die sich wollen annehmen lassen, allein glaubt mir nur auf mein Wort, das sind gewiß arme Tröpfe oder Betrüger, die bei diesen nassen Jahren nicht mehr wissen, wo sie hin sollen. Die rechten fetten kommen euch gewiß nicht, wenn ihr ihnen solche feine Titel gebt, so bald ihr sie drinnen habt. Stellt euch nur selbst einmal an ihre Stelle. Welcher ehrliche Jude, der sein gutes Auskommen hat, wird sich, seinem Handel und Wandel zum Nachteil, hinsetzen, unsere an sich heut zu Tage schwer zu prüfende Religion zu untersuchen – zu was Ende? um sich Betrüger und Landstreicher schelten zu lassen. Die Ehre haben sie ja so schon, wir halten ja die meisten schon für Galgenvögel, was haben sie nötig, deswegen erst Christen zu werden. Das wäre ja lächerlich. Also seht, ihr, ihr selbst mit euren losen Mäulern seid schuld daran, daß die meisten Juden, die wir zu taufen kriegen, hungrige Schlucker oder Betrüger sind. Wer Fasanen schießen will muß sich stille halten, der Sperlinge kommen ohnehin genung in allen Fällen.

Ich sage hiermit gar nicht, daß unsere beiden Neubekehrten Schelmen wären. Das sei ferne von mir. Gegenteils habe ich mir vorgenommen, sie mit Gründen, und wenn das nicht helfen will, mit Eifer gegen die ruchlosen Beschimpfungen unserer Mitbürger zu verteidigen. Überall, wo man nämlich hin kommt, sagen die Leute einmütig: der Jude, der in W... getauft worden wäre, sei einer der größten Spitzbuben, der nur lebendig gedacht werden könne, und doch, wenn man nach einem Beweis des Behaupteten fragt, so halten sie am Berge und wissen nichts vorzubringen. Es fehlt ihnen zwar nicht an Scheingründen, womit sie ihre boshaften Verleumdungen wahrscheinlich zu machen suchen, als z.E. sie sagen, er habe gestohlen, habe zu B... lange im Stockhause gesessen, sei des Landes verwiesen worden, und was dergleichen Sophismata mehr sind. Ich leugne zwar nicht, daß dieses alles wahr sei, denn es ist gerichtlich bestätiget, aber kann der Jude nicht deswegen ein ehrlicher Kerl sein? Hierauf allein kommt es an. Denn ob er gestohlen oder nicht gestohlen, im Stockhaus gesessen oder nicht gesessen habe, ob er verwiesen oder nicht verwiesen worden sei, mit einem Wort, das wollen wir nicht wissen. Die ganze Frage lauft darauf hinaus: ist der Kerl ehrlich, und konnte er zur Taufe gelassen werden? Können wir dieses beweisen, so gibt es sich mit dem einfältigen Stehlen, Stockhaussitzen und Landesverweisen von selbst.

Aber nun hört einmal, was ihr mit euren vermeintlichen Beweisen hiergegen ausrichtet. Nichts, gar nichts. Denn erstlich wollen wir einmal euer verwiesen worden und euer Landstreicher sein, beleuchten. Ich denke noch immer nicht, daß ihr dieses im Ernste anführt, den Mitbruder verdächtig zu machen; tut ihr es aber, so verratet ihr dadurch eure grobe Unwissenheit in der Gelehrten-, Kirchen- und politischen Geschichte. Denn wem ist unbekannt als euch, daß man die größten Gelehrten, die frömmsten Männer, und die erfahrensten Staatsleute öfters des Landes verwiesen? Ihr lest nicht einmal die Zeitung mit Aufmerksamkeit, sonst müßtet ihr wissen, daß vor kurzem der Duc de Choiseul und das ganze Parlement von Frankreich verwiesen worden ist, und zwar, wohl gemerkt, gerade deswegen, weil sie ehrliche und patriotische Leute waren. Ja einige heilige Leute des neuen Testaments haben sich dieses aus eben dem Grunde müssen gefallen lassen. Ihr müßt mir nicht mit dem schalen Einwurfe kommen, und sprechen: jene Leute seien nur auf ihre Güter gegangen, wo hatte der Jude Güter? Er hatte keine, und, fürwahr, wenn ich nirgends etwas habe, welches der Fall unsers Mitbruders ist, so will ich gewiß nicht in dem Lande bleiben, aus dem ich bin verwiesen worden. Mit einem Wort, die Historie ist so reich an Beispielen von ehrlichen Leuten, die verwiesen worden sind, hingegen so arm an welchen von verwiesenen Betrügern, daß wir Menschen, die wir in den wenigsten Dingen zu einer mathematischen Gewißheit kommen können, es recht als ein Kriterium von der Ehrlichkeit eines Mannes anzusehen haben, wenn er des Landes verwiesen worden ist. Was ich hier von dem Lande überhaupt sage, behauptet ein großer Gelehrter von den Palästen der Großen, die doch als der Sitz der Seele eines Landes angesehen werden müssen, ein Mann, dessen Buch die Ehre gehabt hat, die sonst nur allein der Bibel zu widerfahren pflegt, daß der Tod zwei der größten Männer, den Kardinal Richelieu und den Herrn von Leibniz darüber angetroffen. Barclajus sagt nämlich in seiner Argenide Lib. I. Cap. X. Nunc fortuna instituit, ut in multis gentibus prope fit egregii animi indicium arceri a regiis, aut in illis jacere, welches man im Deutschen so geben könnte: Nun ist es einmal nicht anders, wenn ihr seht, daß ein Mann entweder vom Hofe gejagt worden ist, oder es an demselben nicht über die Bratenwenderstelle zu bringen weiß, so denkt nur sicherlich, es ist ein ganzer Mann.

Ferner sagt ihr, er sei ein Landstreicher. Aber, ums Himmels willen, sagt, was ist Unehrliches in einem Landstreicher? Ich weiß es wohl (und es ist eine unmittelbare Folge unsers natürlichen Verderbens) daß die Erfinder der Sprachen gewöhnlich einen geringen Grad von einer sonst guten Eigenschaft mit einem besondern Worte bezeichnen, auf welches sie gleichsam den Akzent der Unehrlichkeit gelegt haben. So nennen wir einen kleinen Poeten einen Reimschmidt, einen Poetaster oder einen Schmierer, ein Name, der in meinen Ohren fast klingt wie Ketzer, Bastard oder Komödiant; einen geringen Grad von Reinlichkeit nennen sie Schweinerei, von Advokatie Zungendrescherei, von Malerkunst Weißbinderei. Ein Mensch, der nur eine geringe Courage besitzt, heißt gleich eine alte Hure, eine kleines Werkchen, ein Wisch usw. Ja in unsern Zeiten machen wir es nicht besser, ein kleiner Journalist wird gleich ein Ziegra, ein kleiner Grad von Süßigkeit Jacobismus genennt. Also wenn ein Armer seinem angebornen Trieb zu reisen zu Fuß ein Genüge tun will, so heißt er ein Landstreicher. Aber ist dieses philosophisch und christlich gedacht und gesprochen. Alle honetten deutschen Gesellschaften sollten alle ihre Macht, und wenn es nicht anders sein könnte, wenigstens ihre Ohnmacht anwenden, einem solchen Übel zu steuren, und entweder das Wort von dem Begriff durch Gelindigkeit scheiden, oder wenn die Scheidung nicht angehen sollte, den ganzen Plunder mit einem mal wegwerfen. Denn wenn dieses noch 200 Jahre so fort geht, so weiß ich nicht, was wir mittelmäßigen Köpfe endlich anfangen wollen. Die güldne Mittelstraße und alle, die darauf wandeln, werden mit solchen Wörtern belegt werden, daß man sich lieber auf dem Wege zum Galgen als auf demselben wird antreffen lassen. Alle können wir doch fürwahr nicht immer mit sechsen fahren, oder mit vieren im Meßcatalogus stehen. Die Manns- und Weibsstühle im Tempel der Ewigkeit sind heut zu Tage alle besetzt, was will man denn anfangen? Man muß sich nach der Decke strecken. Und am Ende, was hat denn ein Landstreicher Besonderes, ist denn unser zu Hause sitzen verdienstlicher? Ja die Seele des sogenannten Landstreichers hat gemeiniglich ein gewisses allgemeines, in alles passendes Wesen, das der beinahe tierischen, eingeschränkten Seele des Genies weit vorzuziehen ist. Den erstern kann man überall nutzen, hier zum Ausfüllen, dort zum Zuschmieren und überhaupt da, wo nichts anders dient, hingegen das letztere, wenn es nicht gerade dahin kommt, wo es Eckstein oder Schlußstein werden kann, das ist mit Quadratwurzeln und Reihen spielen, von Planeten fabeln, unter halbverfaulten Muskeln kramen, oder Gesetze geben kann, ist ein so sperrigtes, unbrauchbares, ärgerliches Ding, als ein Kachelofen im Sommer. Ich kann nicht leugnen, daß ich fast wünschte, es möchte einmal ein Landstreicher, der ein großer Mann wäre und die Gabe hätte, aufstehen und auf unser zu Hause sitzen einen ähnlichen Akzent legen, wie würden wir da schwärmen, und eben dadurch unsern Vätern, den alten Deutschen, ähnlicher werden, bei denen solche Stadthöcker, wie ihr und eures Gelichters, eben so unehrlich gewesen wären, als ihr die Landstreicher jetzt gehalten wissen wollt. Was ich oben von der Gemeinnützigkeit der Landstreicher gesagt habe, will ich noch mit dem Zeugnisse zweier der größten Kenner des menschlichen Herzens in diesem Jahrhundert, ich meine des Grafen von Zinzendorf und des General Fischers, belegen. Der letztere hat nämlich versichert, daß die tapfersten Leute in seinem Corps, jederzeit die sogenannten Landstreicher, Vagabunden und Verwiesenen gewesen wären, und der erstere soll ebenfalls gefunden haben, daß niemand der Fahne des Lammes treuer folge, als eben diese Leute, zumal wenn sie zu gesetzten Jahren gekommen sind, und sich unter derselben einmal recht eingedient haben. Wem ist ferner unbekannt, daß das weise England seinen Kolonien täglich solche Leute zuschickt, um jene immer mehr und mehr in den Flor zu bringen. Also seht ihr, drei Kardinaltugenden, Tapferkeit, Religion und Industrie findet sich nach dem Zeugnis der größten Männer und der weisesten Nation in dem Corpore der Vagabunden, und ihr wollt sie verdammen, ihr, die ihr vielleicht – seht zu solchen Eröffnungen bringt ihr mich – die ihr vielleicht keine von allen dreien besitzt. Euch zu Liebe breite ich mich über diesen Artikel nicht weiter aus, sondern lasse euch mit Fleiß diesen Dorn in eurem Gewissen und gehe weiter.

Er hat aber gestohlen, sagt ihr. Nun, gestohlen, gut – was ist denn? Seid ihr etwa gar noch Stoiker und leugnet die Grade der Moralität? Ich weiß es so gut als ihr, daß es Diebstähle gibt, auf denen der Strang steht, und die ihn verdienen, aber ich weiß auch, daß es Diebstähle gibt, wobei man der ehrlichste Mann von der Welt sein kann. Denkt nur selbst nach, was heißt stehlen? Wenn ich nicht sehr irre, so heißt es so viel, als seinem Nächsten das Seine wider seinen Willen, ohne Gewalt entwenden. Ohne Gewalt, merkt es wohl, da sitzt der Knoten, der euch Blöde so bedüstert hat. Aber macht das unehrlich? Nichts weniger. Denn sagt mir einmal, wie könnten so viele honette Leute bei Hofe und in der Stadt, die den reichen Kaufleuten ihren Überfluß abnehmen, borgen und nicht bezahlen, so viele ehrliche Vormünder, die ihren Pupillen das Ihrige entwenden, wie könnten das ehrliche Leute sein? Es wird sich niemand unterstehen, auch sich nur im mindesten merken zu lassen, daß er es nicht glaubte, und man tut wohl. Warum schimpft man denn bei diesem armen Teufel von einem Juden von Morgen bis in die Nacht, und dort regt sich niemand? Deswegen, weil diese Personen nicht allein Belesenheit genung besitzen, allenfalls einen Beweis zu führen, sondern auch Macht, einer solchen müßigen Verleumdung mit Nachdruck zu begegnen. Ich, der ich gottlob auch einen Beweis zu führen gelernet habe, trete also hiermit öffentlich für den Juden auf, und erkläre: Wer da sagt, daß der Jude ein Schelm sei, weil er gestohlen habe, der ist ein Lügner. Warum haben die Leute ihre Effekten nicht besser in Acht genommen. Hätte der Jude gefehlt, das ich aber nicht zugebe, so hat er weiter nichts als eine Pflicht gegen seinen Nächsten verabsäumt, das ist alles, aber der andere, der nicht beständig auf seiner Hut ist, verabsäumt eine weit heiligere Pflicht, die Pflicht gegen sich selbst, von welcher heut zu Tage die Welt und unsere besten Systeme der Moral so gerade abhängen, daß es ausgemacht ist: sollten diese Pflichten nicht mehr beobachtet werden, so ginge nicht allein alles in der Welt zu Grunde, sondern alle unsere braven Philosophen hätten auch Unrecht. Ich für meine Person hielte es also gar nicht für ungereimt, wenn man ein Gesetz gäbe, vermöge dessen der Dieb zwar eine Strafe geben, z.E. 60 Prozent des Gestohlenen in die Schatzkammer, aber der Bestohlene, ohne weiteren Prozeß, aufgeknüpft werden müßte. Ich habe auch bereits vernommen, daß das Licht dieses Gesetzes schon in einigen Provinzen unsers deutschen Vaterlandes dämmern soll, wo nämlich der Staupbesen und Verlust des Vermögens demjenigen drohen, von dem es stadtkundig wird, daß er von einem bekannten angesehenen Manne ist bestohlen worden, und man hat Hoffnung, dieses Gesetz auch auf die Spitzbuben vom Bauernstande ausgedehnt zu sehen.

Noch unüberlegter räsonieren diejenigen, welche da sagen: es könne deswegen mit dem Juden nicht so ganz richtig sein, weil er etlichemal im Stockhause gesessen. Nun wahrlich, wenn dieses Argument nicht vom Zaune gebrochen ist, so verstehe ich es nicht. Meint ihr denn, jeder der im Stockhause säße, wäre ein Mörder, ein Komödiant, ein Gotteslästerer, ein Possenreißer oder ein Straßenräubers O glaubt nur sicherlich, das sind zuweilen die ehrlichsten Leute, deren es innerhalb des Stockhauses eben eine solche Menge gibt, als Spitzbuben außerhalb. Die Geschichte des Ursprungs der Stockhäuser bekräftiget dieses selbst, wie ich einmal in dem höchst raren Werke: Vom Ursprung der Lybes- und Lehensstrofen und deren tidigen Gebruk und Mod, so auf der Göttingischen Bibliothek befindlich, gelesen habe. Die Stelle ist naiv und wegen des eigenen Dialekts merkwürdig, daher ich sie hier ganz einrücke. Es heißt nämlich daselbst Seite 17:

»In de olle Tiden, do weren alle de Gewissen der Lüe (Leute) veel genuer examineeret und de Schelmen und de Galgenschwengels veel scharper stroft; man ded nit onseen de Persohn, ob he was en gemeen Kerl or ob he was en förnehmb Kerl, dat was alle like veel. Do wurden ups lest de Karzers so full, dat en Rechtsman den Vorschlag ded, ob es nit better was, de ehrliken Lüe von de Galgenschwengels aftosundern as de Galgenschwengels von de ehrliken Lüe, sint der Galgenschwengels veel mehr weren als der ehrliken Lüe. Dese Vorschlag ded Byfall finden und man ded höie (hohe) Muren medhoie Thören upföhren umb de Städt und alle Städt wurden Karzers för de Galgenschwengels. Wann de Prediger or de Rechtslüe (denn de weren de ontige (einzige) ehrliken Lüe in en Stadt) saen (sahen) dat en Man hed en Beassung (vermutlich kommt das englische byass Hang, Neigung daher) to en ehrlik Kerl, so sette se hem ut den Dore, und let hem fry. Dodurch seynd nach und nach Dörpers entstanden und erbuet worden, wo de ehrliken Lüe wohnten, de den Galgenschwengels in de Stadt ups leßt nit Eten und Drinken to toföhren vermögten, do ded en heel kunning (recht durchtriebener) Rechts Man, der selber en von den Galgenschwengels ma west syn, en ander Vorschlag, dat wyl der ehrliken Lüe veel to wenig weren, de ander to underhollen, so möte (müßte oder mögte) man es med de Galgenschwengeley nit so gnu nehmen, damit der ehrliken Lüe mehr worden, und es ward resolveert, dat keen Kerl för en Galgenschwengel passeren sulde, wenn he nit en arm Düvl were, or nit kunning (schlau) nugh syne Museryen to bergen, und diß wird trülig gehollen bis up den hütigen Dag. Do fand sich es denn sann (bald) dat en enselt Thorm grot nugh wer för de Conventions-Schelme, de armen Düvels etc.« So weit unser Autor, woraus sattsam erhellet, daß es bloß von einem Zufall herrühret, daß diese Unglücklichen eingesperret werden. Würde einmal (und man kann nicht wissen, ob sich dieses nicht einmal noch ereignen wird) ihre Anzahl größer als der Unsrigen, so müßten wir in die Gefängnisse, wovor uns aber doch der Himmel bewahren wolle.

Aber nun gesetzt auch, der Jude habe sich so aufgeführet, daß man ihn wirklich für einen Schelmen erkennen, und als einen solchen hätte einsperren müssen, glaubt ihr denn, daß er ohne so etwas zu uns übergetreten wäre. Bedenkt nur, wie kann ein armer Jude, der mit Kopf und Händen den ganzen Tag zu arbeiten hat, um nur Nahrung für heute zu finden, wie kann sich der hinsetzen, seine Religion und die unsrige prüfen, und Argumente abwägen? Er könnte zehnmal verhungern, ehe er eine einzige unsrer Verteidigungen oder Beweise der Wahrheit der christlichen Religion durchstudieret hätte und zu einem Entschluß kommen könnte. Allein die dunkeln Zellen eines Stockhauses, wo Tod, Jammer und Verwesung uns aus jedem Winkel anfletschen; wo die Sorgen der Nahrung uns nicht quälen; wo beständiges Wasser und Brod zwischen Geist und Fleisch Friede machen, und der Waage des Urteils die erwünschte Richtigkeit geben, da ist der Ort, die Religion mit Muße zu prüfen; da konnte der Jude Gründe gegen Gründe, System gegen System abwägen, da konnte er untersuchen, welches am besten gerändet sei, die Äsgen zählen, um welche jenes zu leicht und dieses zu schwer war; im Stockhause konnte er dieses tun, nicht in seiner Hütte, nicht auf der Landstraße, nicht in der Synagoge und nicht auf der Wechselbank. Ja es ist mir, indem ich dieses schreibe, als wenn mir innerlich etwas sagte: Der Jude hat mit Fleiß gestohlen und sich greifen lassen, um Muße zu bekommen, das Werk anzufangen. Widersprechendes hat es nichts in sich. O der Durst nach der wahren Lehre ist bei manchem sehr brennend, und die Art und Weise, es mit dessen Löschung anzufangen, ist bei einem Menschen nicht wie bei dem andern. Beherzigt einmal dieses, betrachtet einmal den Juden in diesem Licht und sagt, ob ihr, um des Evangelii willen, das wagen würdet, was er gewagt hat? Wie man eine Hand umwendet, so hätte er können aufgeknüpft werden. Bedenkt, aufgeknüpft, und nicht der Religion wegen, sondern als Spitzbube, als Schelm aufgeknüpft, ohne daß nur eine Zunge oder eine Feder je gesagt hätte: da hängt der Märtyrer.

Wenn ich dieses alles zusammen nehme, so werde ich immer mehr und mehr in einem Gedanken bestärkt, auf den ich einmal bei Durchlesung des vortrefflichen Büchleins des Herrn Beccaria von Verbrechen und Strafen, gekommen bin, ein Gedanke, der diesem Kopf von weit geringerer Polhöhe, als der meinige (ich meine eben diesen scharfsinnigen Italiäner) entwischt ist. Daß nämlich Spitzbuben, Räuber und Beutelschneider, oder die nachherigen Karregefangenen, Galeerensklaven und Arrestanten bei weitem die niedrigen, verwerflichen Glieder der Gesellschaft nicht sind, die man aus ihnen zu machen überall sich befleißiget. Sie sind zwar nicht das Salz der Gesellschaft, so notwendig sind sie freilich nicht, aber unter dem Pfeffer dünkt mich, kann man ihnen einen Platz nicht wohl versagen. Denn man beliebe nur zu bedenken, wenn es keine Menschen mehr gäbe, die ihr Genie antriebe, sich der Karre oder der Galeere zu widmen, so müßten wir sogenannten ehrlichen Leute am Ende fürs Geld selbst hinein. Ich lebe auch in Wahrheit der Hoffnung, daß, so wie wir die Bastarde und die Schäfer jetzt unter die ehrlichen Leute rechnen, die unsere Vorfahren nicht dafür erkennen wollten, wir mit der Zeit auch dem bedrängten Orden der Spitzbuben eine ähnliche Gerechtigkeit werden angedeihen lassen. Ja sie sind schon so gut als gesichert, wenn sich die mit Recht beliebte mitleidige Empfindlichkeit unter Richtern und Advokaten immer weiter ausbreitet, die für jeden Bettler ein Dreigroschenstück, und für jeden Eingekerkerten eine Träne hat. O, Freunde, ich sehe schon mit Entzücken die Morgenröte einer empfindsamen peinlichen Halsgerichtsordnung über dem Horizont von 1800 heraufdämmern, da niemand mehr im Gefängnisse lebendig modern, oder kein Unschuldiger mehr den Raben zu Teil werden wird. Freilich werden alsdann unsere Gassen und unsere Landstraßen nicht mehr, ich möchte fast sagen, so schrecklich sicher sein als jetzt, allein wie Not um das? Wir schaffen unsere, ohnehin unbrauchbare Taschenuhren nur ab, und tragen an deren Stelle ein paar weit nützlichere Taschenbuffer, die bei hundert andern kleinen Vorfällen noch zu gebrauchen sind.

Dieses könnte für mich und den Juden schon hinlänglich sein hier aufzuhören, wenn es mir bloß um den Ruhm eines guten Logici oder Advokaten zu tun wäre, aber höhere Pflichten fordern von mir, weiter zu gehen, und zu zeigen, wie viel natürliche Bosheit, modischer Leichtsinn, ja sogar, wenn ich es recht genau nehme, Gotteslästerung in euren schändlichen Äußerungen verborgen liegt. Vor allen Dingen sagt mir einmal, glaubt ihr, daß ein Jude, als Jude selig werden könne, oder nicht? Doch ich will nicht hoffen, daß ihr glauben werdet, daß wir dereinst im Paradies wieder mit Juden umgehen sollen. Ihr gebt also zu, daß jeder Jude, der als Jude stirbt, im höllischen Feuer mit dem Teufel und seinen Engeln ewig glühen muß, und so weit, Freunde, denkt ihr anständig und billig. Allein nun frage ich euch: kann wohl ein Jude, der nun einmal ein Opfer der ewigen Flamme werden soll, und zu dessen Verdammung Gott seine weisen Ursachen gehabt haben muß, seine Sache dadurch schlimmer machen, daß er hingeht und ein paar Gänse stiehlt, wofür er eingesteckt wird. Merkt ihr wohl, wo ich hinaus will? Gott hat sie verstoßen, und wir dulten sie dennoch, bis sie uns erst ein paar Groschen stehlen, alsdann verstoßen wir sie auch. Ei wer sind wir denn? wir Würmer, wir Staub? daß wir Geschöpfe, die vom höchsten Richter verworfen sind, gleichsam noch auf die Probe annehmen, um zu sehen, ob sich auch jener Richter nicht vielleicht geirret habe. Ich will es euch selbst überlassen, die schrecklichen Konsequenzen hieraus zu ziehen und nur noch im Vorbeigehen die kleine Anmerkung machen: daß ich es gar nicht tadle, wenn ihr diese Verworfenen verfolgt, ja ich glaube ihr könnt den Himmel verdienen wenn ihr – – O! Er dort oben weiß es, daß meine Absichten gerecht sind – – – mit der Schärfe des Schwerts – doch ihr versteht mich, lieben Brüder, – ich tadelte euch nur deswegen, daß ihr den Geist der erlaubten Verfolgung erst durch ein nichtswürdiges, weltliches Vergehen habt in euch erwecken lassen. Nun rechnet einmal zusammen und zieht eine Summe, was heißt dann nun euer ganzes elendes Geschwätz: Wir wundern uns, daß man einen Betrüger und Spitzbuben zur Taufe läßt. Heißt es nur eine Silbe mehr, als: wir wundern uns, daß man einen Juden zur Taufe läßt, oder daß man einen Febricitanten zum Arzt weist. Seht, so schal, elend, neidisch und gottesvergessen sind eure Reden, daß man es mir nicht verdenken könnte, wenn ich einmal die Rute gegen euch gebrauchte, aber ich will mich diesesmal damit begnügen, sie euch über den verstockten Köpfen geschüttelt zu haben und weiter gehen.

Was sagt ihr denn von dem andern Juden, der in G.... selbst getauft worden ist? Ist der etwa auch ein Betrüger? Wie? Nein! Selbst unter euern fertigen Lästerzungen zählt man kaum zwo oder drei, die ihm etwas anzuhängen getrachtet haben. Ja ihr wißt so wenig von ihm, daß ihr nicht einmal sagen könnt, wo er her ist, ein Glück für den armen Mann, sonst würden gleich zwanzig aufstehen und sprechen: ich habe einen Brief bekommen, worin steht: oder ich habe einen Durchreisenden gesprochen, der hat mir gesagt: er sei ein unruhiger, sich verstellender Landstreicher; wir sollten uns durch seine Demut nicht blenden lassen, maßen das ja bekanntlich die Tugend aller Schelmen sei; dort würde ein anderer schreien: Recht, das ist er, ich habe ihn in einer Zeitung beschrieben gelesen; er ist aus einem Gefängnis entsprungen. Aber so kann man mit Recht von ihm sagen, was ein sonst gottesvergessener Zweideutigkeitenreißer, sehr schön von einem Unschuldigen sagt: Die scharfsichtigste Verleumdung kann nicht das kleinste Häkgen an ihm entdecken, um auch nur den geringsten Verdacht daran zu hängen. Denn ich will um aller Welt willen nicht hoffen, daß ihr ihm als ein Vergehen anrechnet, daß er neulich, als er einen seiner ehmaligen Glaubensgenossen besucht, etwas mitgenommen hat. Mitgenommen, sprechen die Leute, das ist die wahre Sprache der kriechenden, ängstlichen, raunenden Verleumdung, die, wenn sie sonst nichts, sich im Fall der Not zu decken, finden kann, sich im Worte selbst noch einen Schlupfwinkel baut. Warum sagt ihr nicht gleich gerade heraus, gestohlen. Aber ich habe Materie genung, ich will dieses ungebraucht liegen lassen und lieber gleich fragen, um kurz von Sache zu kommen: wem hat er es gestohlen? Einem Juden oder einem Christen? Einem Juden, sagt ihr. Also gut. Zeigt aber dieses nicht eine edelmütige Verachtung seiner ehmaligen Glaubensgenossen an? und daß eine wahre Sinnesänderung bei ihm vorgegangen ist? Wer nicht recht bis auf den Boden bekehrt ist, wird immer heimlich seinem alten Glauben anhangen und heimlich seine ehmaligen Brüder lieben. Aber wie edel ist dieses nicht! Nicht einmal so viel würdigt er sie, daß er seinen Fingern Einhalt tut, welches wir alte Christen doch noch selbst gegen die Ungläubigen tun. Sollte man die Tat auch nicht billigen, so ist doch nicht zu leugnen, daß der Anlaß dazu etwas verrät, was man mit den Herrnhutern ein gesalbtes Wesen nennen möchte. Alles übrige, was man von ihm weiß, gereicht ihm zur höchsten Ehre, daß er das Hebräische tief studiert hat; daß er sich auf die Sterne versteht und im Stande ist, ein ehrliches Stück Brod mit Wahrsagen aus den Händen zu verdienen u. d. gl. Mir ist zwar nicht unbekannt, was die heutigen Superklugen und namentlich die Professoren zu G.... gegen sein Hebräisch einwenden: Er verstünde kein Arabisch. Gut, er versteht auch keines, aber dafür ist er ein geborner Jude, und das sind wir nicht. Im Englischen läßt sich vieles durch das Plattdeutsche erklären, lernen deswegen die Engländer Plattdeutsch? Keinesweges. Und am Ende sagt mir, wessen Sprache ist das Hebräische? Des Volkes Gottes. Gut. Wessen Sprache ist das Arabische? Des Volkes des Teufels. Richtig. Aber nun sagt mir ferner ums Himmels willen, muß man, um die Sprache des Volkes Gottes zu erlernen, beim Volk des Teufels in die Schule gehen? Ich weiß wohl, daß wir es tun, aber wenn der Teufel hierunter keine Ränke hat, (sagt nur ich hätte es gesagt) so ist er der Teufel nicht mehr. Er sucht unsere besten Leute alle an diese Grenze zu locken, und auf der andern Seite, wo alles offen ist, auf der Fleisch- und Blutseite, fällt er ein, und fouragiert uns alles weg. Ich will zwar damit nicht in Abrede sein, daß man dem Teufel manches herrliche Schlupfloch mit einer arabischen Etymologie mag verkleistert haben, aber daß es so gar nötig sei, kann ich mir deswegen nicht vorstellen, weil einige Hauptmänner unsrer Kirche nicht einmal das Hebräische verstanden haben. O ich erinnere mich noch immer mit Vergnügen an meinen seligen Herrn Taufpaten, den Herrn Doktor und Konsistorialrat W.... Sie waren der ansehnlichste, liebreichste Mann, hatten eine rechte Segensmiene, eine rechte Gnade im Predigen, und verstunden, wie Sie sich zuweilen, wenn Sie aufgeräumt waren, merken ließen, kein Wörtchen Hebräisch. Ja ich darf kühn behaupten, hat jemals ein Mann die Kanzel und den Beichtstuhl mit Anstand gefüllt, so waren Sie es.

Wieder auf die Gelehrten zu kommen, wer unparteiisch sein will, der muß bekennen, daß sich in unsere Bibelerklärungen ein gewisser schädlicher Luxus eingeschlichen hat, so daß man wünschen möchte, Michaelis, Kennicot und Schultens hätten die Küsten von Arabien nie befahren. Sie haben uns allerlei Leckerbißlein von dorther zugeführt, ohne die sich sogar die Weibsstühle in den Kirchen jetzt nicht mehr wollen abspeisen lassen. Wie viel bequemer und gesünder wäre es, wenn sie uns in unserer Einfalt, bei unserm Roggenkaffee und Gerstenbier, ich meine bei Luthers Übersetzung gelassen hätten, so könnte man sein Gedächtnis auf andere Dinge verwenden, womit dem Menschen mehr gedient wird; die Prediger könnten ihr Geld, das jetzt für arabische Lexika, Reisebeschreibungen und neue Bibelübersetzungen weggehet, in der Haushaltung gebrauchen, ihre Besoldungen würden hinreichen und sie hätten nicht nötig, den ganzen Tag die Arbeitsleute zu hüten oder auf der Zehntwache zu stehen.

Dem sei aber wie ihm wolle, so muß man keinem ehrlichen Menschen vorwerfen, er verstehe etwas gar nicht, wann er es nicht so versteht, wie andere Leute, von denen man weiß, daß sie es verstehen. Denn zwischen dem, ein Ding verstehen und ein Ding nicht verstehen, gibt es viele Klassen, in denen sich 9/10 des menschlichen Geschlechts ganz commode aufhalten. Man könnte, wenn es nötig wäre, aus allen Ständen viele Beispiele von Leuten anführen, die ihr Amt mit Anstand geführt und doch nicht verstanden haben, was dazu nötig ist; also kann es einem keine Schande machen, etwas nicht zu verstehen, das man sich zu verstehen ausgibt, und ist Bosheit, jemanden ein solches menschliches Gebrechen vorzurücken.

Aber, höre ich euch sprechen, sind die Astrologie und Chiromantie nicht herrliche und einem Christen höchst anständige Wissenschaften? O ihr Schälke, ich sehe es wohl, daß ihr dieses nur aus Spott sagt, aber höchst alberner Spott ist es. Warum einem Christen unanständig? Glaubt ihr etwa noch, der Teufel mische sich drein? ihr Einfältigen. Der Teufel weiß es so gut als ihr, daß man mit dergleichen Wissenschaften nicht mehr weit kommt, es müßte denn unter den Blöden sein. Nein, wenn er Menschen verführen will, so weiß er es besser anzufangen, er bringt sie zu Mord, Hurerei, zweideutigen Einfällen, Straßenraub, verliebte Komödien, Trauerspielschreiberei, Mordbrennerei oder Verleumdung getaufter Juden; das tut der Teufel, er macht einen Käsebier Ein deutscher Straßenräuber. oder Shakespear Ein englischer Tragödienschreiber. aus euch, läßt euch euren Nächsten um das Seine bringen, oder gar lachen machen, wenn er beten könnte, da geht er sicherer. Mit Stern- und Händegucken hat Fleisch und Blut nichts zu schaffen, und ihr könnt mir glauben, wo der Teufel nicht eines von diesen beiden wenigstens zur Decke nehmen kann, da bleibt er gewißlich weg. Nein, wenn ihr denn doch etwas sagen wollt, so sagt lieber, es verrät eine Schwachheit des Verstandes bei dem Juden, und da will ich gerne schweigen, nicht als wann ich euch recht gäbe; gar nicht. Sondern weil mich dieses nichts angeht, hier will ich nur beweisen, daß er ein guter Bekehrter sei und bei Bekehrungen haben wir ja mit dem Verstande nichts zu tun. Ein Lahmer am Verstande kann so gut selig werden, als ein Lahmer am Leibe. Ja man hat durch vielfältige Erfahrung befunden, daß ein etwas stumpfer Verstand, oder die Art Leute, von denen man zu sagen pflegt, sie hätten das Pulver nicht erfunden, zur Bekehrung und geistlichen Behandlung die fähigsten sind. Der Wurm des Zweifels nagt sie nicht und der Geist des Widerspruchs plagt sie nicht.

Übrigens wer hat euch denn gesagt, daß die Chiromantie eine so gar nichtswürdige Kunst sei? Daß man aus dem Gesichte wahrsagen könne, ist ausgemacht, und ihr selbst habt manches, was ihr von diesen Neubekehrten sagt, aus ihren Gesichtern geschlossen. Ich war selbst einmal in einer Gesellschaft, wo einer sagte: Sieht der hiesige Jude nicht aus wie Oliver Cromwell und nickte mit prophezeiendem Stillschweigen; wie Richard Cromwell, sagte ein Zweiter, und lächelte sicher; wie Sancho Pansa, sagte ein Dritter, und lachte ganz laut. Geht aber dieses bei dem Kopfe an, so geht es auch bei den Händen an Der Aufschub, den der Abdruck gegenwärtiger Verteidigung erlitten, setzt mich nunmehr in den Stand, dem Leser sagen zu können, daß ich meine, vor zwei Jahren im Text geäußerte Mutmaßungen und Gedanken, durch den Beifall eines jungen Gelehrten vom ersten Rang, ich meine des Herrn Diakoni Lavaters bestätigt sehe. Es sagt nämlich derselbe in dem 2ten Teil seiner vortrefflichen Physiognomik, daß man aus den Händen den ganzen Mann erkennen könne. Wohlverstanden, er meint nicht bloß, daß man dadurch einen Grobschmied von einem Accoucheur, einen Matrosen von einem Lautenisten, oder einen Blaufärber und Hutmacher von einem Bäckerknecht unterscheiden könne, sondern daß man sehen könne, ob jemand ein Christ oder Antichrist, ein Genie oder Non-Genie, eine Jungfer oder Non-Jungfer, ein Spitzbube oder ehrlicher Kerl sei, das ist, finden, ob einer mit Strichen oder mit Fluxionen rechnet, ob die Hand, die ich fühle, mir etwas in den Hut werfen oder aus der Ficke ziehen will etc. Es ist demnach jener Gebrauch der sich Schämenden, daß sie die Hand für das Gesicht halten, höchst ungereimt, denn die Hände, und nicht das Gesicht, sind die Fenster in der Brust. Es kommt mir dieser Gebrauch eben so töricht vor, als wenn jemand, den man im Hemde überraschte, aus Scham sein Gesicht mit dem Zipfel desselben zudecken wollte., da bei ganz andern Leuten, als wir sind, die Hände Kopfsdienste tun müssen. Daher liest man häufig von Gespenstern, die ihre Köpfe in den Händen, aber nie von welchen, die ihre Hände im Maule herumgetragen hätten. Unsere Vorfahren, die wahrscheinlicher Weise diese Historien aus weisen Absichten erfunden haben, um in diesen vehiculis schon in der zarten Kindheit durch die Ammen den Kindern allgemeine Wahrheiten beizubringen, haben vermutlich damit sagen wollen, was andere anders bewiesen haben: ohne Hände sei nichts anzufangen, aber der Kopf sei nur eine Art von Hut, den man zwar zuweilen trage, der aber bei den eigentlichen Galabegebenheiten unsers Lebens abgenommen werden müsse. Daher auch die gütige Natur dem Menschen zwo Hände aber nur einen Kopf gegeben hat. Eben so viel und weit mehr noch könnte ich für die göttliche Astrologie anführen, wenn es nicht eine unerlaubte Verschwendung wäre, Zeit und Papier in Verteidigung des Verstandes eines Subjekts gleichsam wegzuwerfen, die man besser zur Verteidigung des Herzens desselben anwenden kann.

Ich hoffe es nunmehr so weit gebracht zu haben, daß wohl nicht leicht jemand unter euch mehr aufstehen und den abgenutzten alten Gemeinort aller Verleumder, womit sie ihren Nächsten anzuschwärzen pflegen, ich meine die höchst zweideutigen und schwankenden Stichelreden von Stehlen, Betrügen, Landstreichen usw. gegen meine Freunde gebrauchen werde. Da also dieser Schlupfwinkel abgeschnitten, so hoffe ich euch nun mit Hülfe der Philosophie noch aus dem letzten herauszutreiben. Ihr sagt, es könne nicht geleugnet werden, daß nicht die Beweisgründe, sondern die Mettwürste das beste bei der Sache getan hätten. Einfältig. Als wenn Mettwürste nicht auch Beweisgründe wären. Wenn ihr Logik gehört hättet, so würde ich gerade sagen, ihr wäret Tröpfe, und euch sofort in die Schule schicken; da ihr aber Leute seid, die nicht einmal wissen, wie Leib und Seele aufeinander wirken, ja die zum Teil das Wort Psychologie nicht einmal buchstabieren können, so muß ich euch nur diese Kleinigkeiten erklären.

Daß man Krankheiten der Seele, worunter bekanntlich der ansteckende Papismus und der bösartige Judaismus die fürchterlichsten sind, und wodurch mehr Seelen an einem Sonntage oder an einem Sonnabend hingeraffet werden, als an den schrecklichen Abenden zu Drurylane Eine Gegend in London, wo ein Gebäude befindlich ist, in welchem unter der Anführung eines berüchtigten Bösewichts, namens Garrick, dem Teufel sechsmal die Woche, göttliche Ehre erwiesen wird. in einer Komödie oder in einem Ballet; daß man, sage ich, solche Krankheiten nur durch moralische Mittel heilen könne, ist ein Vorurteil, welches unsere alten Seelenquacksalber von einem ähnlichen der gemeinen Quacksalber und Marktschreier hergenommen haben. Diese letzteren haben nämlich lange geglaubt, Krankheiten des Körpers ließen sich nur durch physische Mittel heilen. Wie unsere guten Alten aber in diesem Punkt so lange haben im Finstern herumtappen können, verstehe ich nicht so ganz recht. Denn laßt sie Influxionisten, laßt sie Okkasionalisten, laßt sie Harmonisten gewesen sein, ja laßt sie mein bekanntes Pulversystem Hiervon wird unten geredet werden. gekannt haben, welches zwischen das erste und zweite der oben erwähnten fällt, so hätten sie allemal auf diese Entdeckung geraten müssen. Man hat aber freilich den Grund dieser und mancher andern Oscitanz unserer Väter in der besonderen Einfalt und dem guten Herzen derselben zu suchen, wovon ihnen der Himmel, zum äußersten Nachteil ihres Verstandes und Witzes, doppelte Portion zugemessen hatte. Mit der Entdeckung ist es ohngefähr so zugegangen. Die Ärzte hatten nämlich schon lange bemerkt, daß man, um gewisse Krankheiten zu heilen, die Arzeneien auf die den kranken Gliedern gerade entgegengesetzte Teile des Leibes applizieren müsse. Wenn jemand z. E. ein Brausen in den Ohren verspürte, so steckte man ihm die Füße in laulichtes Regenwasser; hatte der Schlag jemanden auf der rechten Seite gelähmet, so öffneten sie eine Ader auf der linken; hatte jemand die Krätze auswendig auf der Haut, so schmierten sie den Patienten nicht auswendig, sondern inwendig; saß endlich die Seele jemanden auf der Zunge; gut, so legten sie Blasenpflaster auf die Waden. Ja einige gingen so weit, daß sie glaubten, unheilbare Krankheiten könnten ihren Sitz nur in solchen Teilen des Leibes haben, die keine entgegengesetzten hätten, und daß der Tod diejenige Krankheit sei, die den Ärzten seit jeher am meisten zu schaffen gemacht, rühre einzig und allein daher, daß er alle Teile auf einmal so angreife, daß gar keine entgegengesetzten mehr übrig blieben. Dieses war auch die Zeit, da man, wenn die Frau in Kindesnöten war, den Mann in einen Topf blasen ließ, oder daß sich der letztere gar in das Bette legte, wenn die erstere durch eine Niederkunft geschwächt worden war. Nun war nur noch ein kleiner Schritt zu tun, so leicht, daß, so bald er getan war, jedermann gleich sah, daß er ihn auch hätte tun können. Der ihn aber getan hat, ist vergessen, so wie es allen denjenigen braven Männern geht, die ihre Entdeckungen auf der geraden Heerstraße, und nicht auf absichtslos angestellten Streifereien, und von ohngefähr machen. Der Schritt war folgender: Die Seele ist ein dem Körper gerade entgegengesetzter Teil des Menschen, wie also, wenn man alle Krankheiten, namentlich die, deren Sitz in der Fläche liegt, durch welche der Mensch in zwo gleiche und ähnliche Teile geteilt wird, durch eine auf die Seele applizierte Kur zu heilen suchte? Und umgekehrt, Krankheiten der Seele durch Mittel am Leibe. Seht, dieses ist die ganze, simple Theorie der Heilart, von der ich jetzo etwas mehreres gedenken werde. Einen recht herrlichen, gründlichen und dabei faßlichen Beweis von der Richtigkeit der Heilart selbst, bei Krankheiten, des Leibes so wohl, als deren gehörigen Übertragung auf die Krankheiten der Seele, gibt das Beispiel von den beiden zusammengewachsenen Mädchen, wovon man in zween, sonst unter uns Geistlichen unbekannten Büchern, ich meine in den Transactionibus philosophicis und in Herrn Reimari, eines Weltlichen, Buch von der natürlichen Religion, Nachricht findet. Die Sprüchwörter, oder die Philosophie der Toren, spricht zwar den Gleichnissen die Stärke eines Beweises ab, omne simile claudicat, sagen sie, ferner similia illustrant non probant, welches einer von uns, aber ein Scandalum ecclesiae, der Präbendarius Sterne zu Yorck νυν εν γενα του πυοσ; nach seiner skurrilen Unart durch: Brillenwischen ist noch kein Syllogismus, übersetzt. Aber was hat man sich um solche Possen zu bekümmern, man muß ihnen nicht einmal die Ehre antun, sie wegzuräumen, wenn sie über den Weg hinliegen, sondern gelassen und frisch zu marschieren. Diese Mädchen waren das vollkommenste Ebenbild von Leib und Seele, das man seit der Schöpfung gesehen hat. Durch diese Erscheinung hat gleichsam die Seele den Weltweisen nach einer Blockade von ein paar tausend Jahren, die Schlüssel zu ihren Geheimnissen präsentieren müssen. Diese Mädchen waren von Jugend an zusammengewachsen, wie Leib und Seele; eine war munterer, geistiger Natur und stellte die Seele, die andere träg und schläfrig und stellte den Körper vor. Sie halfen sich wechselsweise, wie Leib und Seele, und lagen sich zuweilen einander in den Haaren wie, mut. mut. Leib und Seele auch. Zuweilen wollte die eine dahinaus, wenn die andere dorthinaus wollte, da denn die stärkste die andere auf den Buckel nahm und hinging, wo sie hin wollte, so wie wir an Leib und Seele sehen. War Helena lustig, flugs war es Judith (so hießen sie) auch; hingegen ließ Lenchen den Kopf hängen, so hielt ihn Jüdchen auch nicht mehr. Doch hatten beide auch eigene Krankheiten, und da hat man denn folgendes befunden. Wenn Jüdchen sich den Magen überladen hatte, so wurde Lenchen purgiert, hingegen schlug man Jüdchen eine Ader, wenn Lenchen über Wallung klagte. Verfuhr man anders, so wurde der einen nicht allein nicht geholfen, sondern die andere wurde auch krank. Die Ursache davon liegt am Tage, denn daß Kuren Krankheiten sind, kann man außer den schönen Beweisen, die Herr Unzer in seinem Arzt für diesen Satz anführt, allein schon daraus sehen, daß man daran sterben kann. Hatte nun eine von beiden schon eine Krankheit, und man kam mit noch einer angezogen, so mußte allerdings die Verwirrung so groß werden, daß sie sich auf die andere erstreckte. Aus diesem allem gehörig zusammen genommen, erhellet nun sonnenklar, daß man bei Seelenkrankheiten die Mittel auf den Leib applizieren müsse. Ja wenn man die Alten nachschlägt, so findet man, so wie überhaupt von allen unsern leidigen Entdeckungen, schon Spuren dieser Heilart, die schon ihren bloß natürlich guten Köpfen nicht entwischt ist. Die Rute ist nämlich schon seit jeher als das kräftigste Mittel gegen einige Krankheiten des inneren Kopfs bekannt gewesen. Freilich hat diese ihre besondere Wirksamkeit auch dem doppelten Gegensatz zu danken, der bei ihrem Gebrauche statt findet. Denn erstlich wird sie nicht bloß auf den Leib, als das Entgegengesetzte der Seele, sondern auch auf einen solchen Teil des Leibes appliziert, der dem Kopf, als dem Sitze derselben, gerade entgegen gesetzt ist, zumal wenn der Mensch im natürlichen Zustand ist, und auf allen Vieren geht. Vom Irrtum abbringen heißt aber bekehren, also bekehrte man schon lange durch körperliche Mittel. Ja in dem klugen England sind daher täglich an die 1000 Hände beschäftigt, selbst erwachsene Herzoge und Lords auf diese Art zur Wahrheit zu führen und von der angebornen Unart abzubringen. So wie man aber nicht alle Krankheiten mit Rhabarber und China heilt, sondern auch zuweilen wahre Leckerbißlein, Zunge-, Magen und Herz stärkende Tropfen, warme, kräftige Brühen und wohlriechende Aufschläge gebrauchen muß, so eben auch hier. So versprechen die gelehrten Gesellschaften 50 Dukaten demjenigen Körper, dessen Seele die beste Abhandlung über eine gewisse Materie liefert, und heilen dadurch oft die Schlafsucht, in welche die Seelen eines ganzen Distrikts verfallen waren; die Gefäße eröffnen sich, die Ideen sammlen sich und die Schlüsse ergießen sich. So könnte ich mit leichter Mühe hundert Beispiele anführen, allein was dem Schriftsteller gar zu leicht wird, muß er dem Leser überlassen. Ich fahre also in der Hauptsache nunmehr wieder fort.

Ich habe nämlich die Antwort auf die Frage: ob die Bekehrung, die durch Mettwürste geschieht billig und rechtmäßig, ob solche Christen für echte zu erkennen, oder ob sie, wie die Prinzen vom Berge Libanon, oder wie die Greifswaldischen Magister zu Upsal, nicht für voll, anzusehen seien, dahin gebracht, daß nur ein Unmündiger oder Verstockter noch an der Gültigkeit solcher Christen zweifeln kann. Denn ich will nicht hoffen, daß ihr euch an dem Worte Mettwurst stoßet, alsdann könnte ich euch wiederum eure kindische und recht läppische Art zu denken vorrücken, denn während als ihr andre verlacht, die sich durch Mettwürste haben bekehren lassen, laßt ihr euch selbst durch den Schall des Worts Mettwurst verleiten, die Schwere eines überwiegenden Arguments nicht zu fühlen. Welches ist ärger? Sprecht ihr Kurzsichtigen, wenn ihr anders gefaßt habt, was ich euch gepredigt habe. Doch aus Liebe zu euch, aus Mitleiden mit eurer Blödsinnigkeit und weil ihr von dem Commercio animae et corporis gänzlich nichts wißt, nehme ich mir die Mühe, euch etwas in die Seelenlehre zu führen, ob ich gleich weiß, daß solche Sachen selten begriffen werden, wenn sie nicht zur Zeit des leidenden Studierens erlernet werden, so lange sich nämlich der Probierstein, auf den im Alter alles gestrichen werden soll, noch selbst ein wenig nach den Sachen bequemt.Wenn ich sage, daß jemand durch eine Mettwurst auf eine bessere Meinung verleitet werden könne, so verbinde ich damit keinen so rohen Begriff, als ihr vielleicht denkt. Ich meine nicht, daß ein Geruchteilgen, das sich von der Wurst losreißt, durch einen Stoß die Seele auf andere Gedanken bringen könne. Dieses sind rohe, sündliche Ideen, die von Anfang zwar der Einbildungskraft etwas schmeicheln, aber ehe man sich es versieht, so steht man in der Mitte zwischen Lamettrie und dem Teufel. Ein körperlicher Stoß ist noch kein geistischer Bewegungsgrund. Wenn Geruchteile durch ihren Stoß den Gedanken hervorbringen könnten, oder der Gedanke die Bewegung wäre, so müßte umgekehrt der Gedanke die Geruchteilgen wieder stoßen können; mit einem Wort, man würde in den meisten Fällen riechen können, was die Menschen denken, und so mit andern Sinnen. So ist es nicht. Es sind zwar von der Nase bis an die Seele, vorausgesetzt daß sie zu Hause ist, etwa drittehalb Pariser Zolle, wenn man zwischen allen Meinungen ein arithmetisches Mittel nimmt. Aber, wohlverstanden, jenes bleibt immer die erste, und dieses die letzte Instanz, und nichts kann doch weiter von einander sein, als das erste und das letzte. Ich stelle mir die Sache so vor (und dieses ist mein oben erwähntes System, welches ich, wegen des Anlasses zur Erfindung, das Pulversystem genennet habe). Alle Entschlüsse, von dem sich selbst zu ermorden, an gerechnet, bis zur Selbstvergötterung und allen unendlich vielen dazwischenfallenden, liegen in der Seele, so wie der aër fixus im Schießpulver, und so wie diesen ein einziges Fünkgen lösen und die fürchterlichsten Würkungen hervorbringen kann, so eben auch da. Ihr berührt mit einem kleinen Finger den Drücker einer Flinte und ein Schwein sinkt in den Staub. Eine Wurstpartikel trifft den Geruchnerven eines Juden, und der Jude wird bekehrt. So glaube ich liegt in allen Juden der Entschluß, sich taufen zu lassen, nur das Fleckgen, wo das lösende Fünkgen auffallen muß, ist uns verborgen. Bald ist es hier, bald dort, ja bei diesem Menschen anders als beim andern, der gerät in Flammen durch leibliche, der durch geistische Zündmaterialien. Ich verbitte mir alle Einwürfe, und versichere, daß ich sie alle heben kann, aber es erfordert mehr Zeit, als ich darauf zu verwenden verbunden bin, da überhaupt diese ganze Ausschweifung ein Leckkuchen ist, den ich euch aus väterlicher Liebe vor eure lose Mäuler halte, und den ich ganz hätte können stecken lassen. Weil ich aber aus vielfältiger Erfahrung weiß, daß der Ungläubige einen Beweis in geistlichen Dingen nicht glaubt, wo er nicht die Sache auch im Weltlichen wahr findet, so will ich noch ein Beispiel anhängen von einer sonderbaren Seelenwürkung, welcher durch einen physischen Stoß, nach meinem Pulversystem, Luft gemacht worden ist, woraus ihr zugleich sehen könnt, wie wunderbar zuweilen die Natur bei einem Menschen, das zu einem Entschluß gehörige Zündloch angebracht hat, so daß ich glaube, daß eine vollständige Theorie dieser Zündlöcher der höchste Flug des theorisierenden Menschen wäre, wogegen des albernen, oberwähnten Präbendarii Sterne, mit so vielem prahlerischen Wörterkram versprochene Theorie von den Knopflöchern, wahres Kehricht und Sentinisches Gewäsch sein müßte. Die Geschichte ist die: Warum der Mond ohne Nagel und Strick dort oben hängt, ohne uns auf die Köpfe zu fallen, wenn wir drunter weggehen, hat ein alter Inspektor bei der Münze zu London erraten, als ihm einmal ein Apfel, der nicht größer als eine Faust war, von einem Baume auf die Nase fiel. Nun haben die Philosophen über diese Materie seit jeher schon in ihren Nasen gegrübelt, auswendig dran gegrübelt, den Zeigefinger daran gerieben, die ganze Nase in ein Buch gesteckt, sie wieder herausgezogen, in die ganze Hand genommen, Brillen darauf gesetzt, sie an die Tubos angestoßen, ja gar, wie Thales und Bianchini, bei der Nacht beim Observieren gestolpert und drauf gefallen, und doch haben sie das Fleckgen nicht getroffen, vermutlich weil es bei allen diesen Leuten nicht auf der Nase gelegen hat. Hier bei diesem Manne war die Entdeckung gemacht, so wie der Apfel die Nase berührte. Fühlt ihr nun die Stärke der Demonstration. Ob ich aber gleich gezeigt habe, wie eine solche Bekehrung als gültig ohne weitere Probe zu erkennen sei, so müßt ihr wissen, daß es doch teils noch feiner mit der Bekehrung zugegangen sein kann, und wie ich aus gewissen Umständen schließen kann, würklich zugegangen ist, teils auch die Leute keine Vorwürfe verdienen würden, wenn es auch noch gröber und körperlicher zugegangen wäre. Nun habe ich euch zwischen zwei Feuern und außerdem könnte ich euch noch in die Luft sprengen. Ich sage es euch voraus, entgehen könnt ihr mir nicht mehr, ihr mögt gelindere Saiten aufspannen oder gröbere, oder auf den alten fort fiddeln. Laßt einmal sehen, was ihr anführen könnt, zu beweisen, daß die Würste nicht die Veranlassung, sondern die Hauptursache gewesen wären. Der eine Jude, sagt ihr, und meinet den hiesigen, habe sich gar nicht halten können, und lange vor der Wiedergeburt Wurst gegessen, damit habe sich der Betrüger verraten. Schweigt mit den satyrischen Beinamen stille, sage ich euch, könnt ihr denn keinen Menschen anklagen, ohne solche schielende Ausdrücke zu gebrauchen? Ich sage, die Handlung ist edel. Wurst essen ist eine christliche Handlung, wozu ein neubekehrter Jude am ersten Gelegenheit, zumal in G..... findet, wo man in allen Häusern welche antrifft. Hingegen zur Ausübung anderer Pflichten eines Christen, als z. E. der allgemeinen Menschenliebe, Verträglichkeit, und zur Erfüllung des Alles was ihr wollet daß euch die Leute tun sollen pp, dazu sitzen die Gelegenheiten nicht so dick, ja es hat wohl eher graubärtige Christen, und selbst welche unter uns Geistlichen gegeben, die in ihrem ganzen Leben nicht ein einziges Mal dazu haben Gelegenheit finden können. Ich glaube noch immer, die Würste waren eine Nebensache, denn haben sie nicht alle beide ihr Glaubensbekenntnis mit dem gehörigen Gesicht abgelegt? oder sie sind just der unendlich kleine Ausschlag gewesen, der noch nötig war, die schon bereits sinken wollende Schale nieder zu drücken, und da ist eine Wurst allemal etwas, so lange man nicht beweisen kann, daß sie gar nichts ist. Ich stelle mir vor, der Jude fand eine Gleichheit der Gründe für beide Religionen, ich schließe dieses aus dem Gesicht, das er einmal machte, als er mir auf einem einsamen Spaziergange begegnete, und nun hing er zwischen zwo Religionen wie Buridans Esel zwischen zwei Heubüscheln, hier kamen die Würste auf unsrer Seite dazu, nun drehten sich erst die Augen, dann der Kopf und so war es geschehen. Ohne diesen Umstand hätte er zwischen zwo Religionen unschlüssig hängen können, bis ihn der Teufel abgeschnitten hätte.

Gesetzt aber auch, das wäre alles nicht gewesen, die Würste sollen ihnen einmal weder die Augen zum Beweis geöffnet, noch auch zum Anlaß gedient haben, ihr Licht leuchten zu lassen, sondern sie sollen schlechtweg dadurch bewogen worden sein, Christen zu werden, ist denn das so etwas gar Entsetzliches? Ich sehe es nicht ab.

Denn für das erste, so heißt Bekehren so viel als Werben. Daher auch der berühmte St. Whitefield in England einmal einen Tambour, der die Werbetrommel in der Gegend schlug, wo Er selbst, mit Butlero zu reden, die Werbekanzel rührte, einstmalen so anredete: Höre, guter Freund, wir werben beide, du für deinen König, ich für meinen Erlöser, laß uns, uns einander nicht um unsre Rekruten bringen. Selbst der Tambour fühlte die ganze Schwere dieser Ähnlichkeit, und ging so weit weg, daß weder St. Whitefield seine, noch Er St. Whitefields Trommel hören konnte. Wenn aber nun Bekehren Werben heißt, so bedenkt einmal selbst, wie viel Rekruten würde der König von Preußen in den Schlesischen Kriegen bekommen haben, wenn er sie durch lauter deutliche Vorstellungen seiner gerechten Ansprüche auf Schlesien hätte anwerben wollen? Antwort: Vielleicht gar keine. Gründe sind nicht für jeden Magen. Aber so wurde der eine mit Gewalt, der andere mit List, ein dritter mit Geld, ein vierter mit Branntewein, der fünfte mit Versprechungen zur Erkenntnis des Systems der Ansprüche geführet. Die Überzeugung war da, und wenn der Kerl hieb, so sah man dem Säbel nicht an, ob die Kraft, die ihn führte, aus dem Kopf oder aus dem Magen kam. Ja, unter uns Protestanten gesprochen, wenn wir nicht, wie andere Christen, anfangen, besseres Handgeld zu geben, und weniger Vernunftschlüsse gebrauchen, so werden wir nicht allein keine Rekruten mehr machen, sondern unsere Leute werden uns durchgehen wie die Holländer.

Für das zweite heißt Bekehren so viel als Umkehren, das ist, das Ende A hinbringen, wo vorher das Ende B gewesen war. Von der Art, wie solches zugegangen, kommt und gehört nichts in die Definition, und es verrät Unverstand, wenn man es hineinbringen will, oder müßige Neugierde, wenn man von einem Dinge, das man umgekehrt haben wollte, das man einem auch umgekehrt hat, noch wissen will, auf was Art man es umgekehrt habe.

O wollte nunmehro der Himmel, daß dieses eure Einwürfe alle gewesen wären! daß ich jetzo abtreten könnte, da ich euch euren Unverstand, müßiggängerische Bosheit, philosophische Kleinmeisterei, Unerfahrenheit und Schalkheit genugsam vor die Augen und die Nase gelegt habe! Aber noch darf ich nicht schweigen. Bisher habe ich den sanften Pflichten eines Advokaten obgelegen, nun beobachte ich die strengeren und herberen eines Richters. Bisher hat Gottes Langmut aus meinen Vernunftschlüssen gelächelt, nun, Würmer, höret seinen Donner. O! die Stunde eurer Geburt wollte ich segnen und den Tag eures Todes in der Asche begehen, wäret ihr bloß dumm und unverständig, vielleicht wäret ihr doch fromme Bürger. Aber so merke ich, daß die Seuche der Freidenkerei und des Leichtsinns, ja daß der sogenannte schlichte Menschenverstand, und sogar die satanische Unterscheidung der Begriffe Theologe und Gesandter Gottes, die doch einerlei, in eure Werkstätte eingedrungen sind. Aber der Geruch eurer Bosheit ist zu uns und zum Himmel gestiegen, dessen Boten wir sind – wartet – der Zorn wird über euch kommen. Haben gleich unsre protestantischen theologischen Fakultäten keine Schwerter und keine Flammen, wie die theologischen Fakultäten zu Mexiko und Japan, so sind wir dennoch schrecklich, unser gelähmter weltlicher Arm ist noch immer stark genug, solche Insekten zu zerknirschen, und solchen Mücken zu wehren. Wißt ihr wie? Ein Federstrich macht euer Vergehen zu Straßenraub und Gotteslästerung; ein Fältgen im Gesicht zur Stunde gezogen, eine Achsel im Audienzsaal gehörig gezuckt, ein Seufzer mit Bedacht eingeschaltet, fällt eurer steigenden Beförderung in die Flügel und macht euch zu ewigen Hofmeistern, ewigen Advokaten oder ewigen Musketiern. Zittert hierbei und denket nach.

Ich werde warm. Dem Himmel sei es tausendmal gedankt, daß ich es noch werden kann. Welcher rechtschaffne Kandidat wird es nicht werden, wenn er eine Rotte blinder Lottersünder sprechen hört: (Mit Abscheu wiederhole ich die Blasphemien) Man solle gar keine Proselyten mehr machen; ein rechtschaffner Mann bleibe bei seiner Religion, oder ändere sie vor Gott allein, heimlich und ohne Pomp; Lavater habe seinen Unverstand und Mangel an philosophischer Welt verraten, daß er mit Mendelssohns philosophischer Ruhe, als mit seinem Eigentum ungebeten gespielt, und diesen Weisen habe bekehren wollen; Er habe sich durch sein langes Gucken in die Ewigkeit die Augen ganz für den zeitlichen Horizont verdorben; Er solle, statt solche Dinge zu unternehmen, lieber zu seiner eignen höchstnötigen und nicht lange mehr aufzuschiebenden Kur, ein kühlendes weltliches Buch lesen, z. E. den Appollonius von Kegelschnitten, und was dergleichen unverschämte, minute, zotenartige Tiraden mehr sind.

Was? keine Proselyten mehr machen? Keine Seelen mehr retten? Wißt ihr, was die Folgen sein würden? der Teufel würde Proselyten zu Tausenden machen. Atheisterei, Toleranz, geistliche Anarchie, allgemeiner Umgang mit Juden, Heiden und Heidamacken, würde daraus entspringen. Einen Juden, der ein natürlich ehrlicher Mann wäre, würde man für seinen Nebenmenschen ansehen, ja gar vielleicht manchem Christen vorziehen. Es ist ohne Schauder nicht daran zu gedenken. Aber lieb ist es mir doch in gewissem Betracht. Ich habe schon ein decennium vorausgesehen. Das sind die Folgen von eurem verfluchten Studium des Altertums, von euren geheimen Geschichten des Herzens, von eurer Seelenanatomie und Physiologie, von euren feinen Pädagogiken, euren mathemathischen Naturlehren und populären Art euch auszudrücken, daß wir nun eine Nordwestliche Durchfahrt zum Teufel entdeckt haben, worauf sich jetzt jeder Schafskopf in seinem Schlafrock selbst hinfinden kann. Zeigt mir, wo haben unsere Vorfahren solche Reden geführt, sie haben sich um ihrer Hände Arbeit bekümmert, aber wenn sie an uns und an die Religion gedachten, da war ihr Wahlspruch: zittere und bete an, und nicht wie jetzt: denke und untersuche, und ich möchte fast hinzusetzen: und fahre zum Teufel.

Ein rechtschaffener Mann ändere seine Religion gar nicht, oder doch nicht mit Pomp. Ist das nicht schändlich? Wißt ihr auch, Leute, daß die Hölle auf solchen Reden steht? Antworten auf solche Blasphemien gehören nicht für die Kanzel und den Katheder, sondern für das Rad und den Block, welche die Lauigkeit unsrer Vorfahren, leider! zu weit von der Kanzel abgerückt haben. Nicht mit Pomp. Pomp! Was war denn für Pomp bei der Judentaufe? Nicht mehr als bei einer Magisterpromotion, und kaum so viel. Aber Opponenten hatten sie genug, höre ich einige sprechen. O ihr Wölfe in Schafskleidern, meint ihr, ich sähe nicht, daß dieses ein witziger Einfall sein soll? Aber auf Witz lasse ich mich nicht ein; wenn ihr kämpfen wollt, so nehmet Waffen wie ich, und kommt herauf, damit man Ehre davon hat, wenn man euch in den Staub legt.

Und du guter Lavater, wie haben sie dir mitgespielt. Ich weiß es wohl, was dich antrieb, deine Briefe und deine Vorreden zu schreiben. Es schmerzte dich längst, so gut wie mich, daß es Christen gibt, die noch jüdische Bücher über die Unsterblichkeit der Seele lesen können. Der Schande! Als wenn man von einer Judenseele auf die unsrige schließen könnte. Ich weiß es wohl, daß du dich schon im Geiste die Stütze der christlichen Kirche und den unsterblichen Bekehrer Mendelssohns wirst haben nennen hören. Ich sehe gar zu deutlich, wie sehr es dich schmerzen muß, da dir nun alles mißlungen ist, ja da du, wiewohl unschuldiger Weise, die Sache schlimmer gemacht hast, als sie vorher gewesen war, indem mancher Jude, der uns noch wohl einmal gekommen wäre, es jetzt brav wird bleiben lassen. Denn wie viel Nachdenken ist jetzt den andern Juden durch diese Standhaftigkeit des weisesten unter ihnen, erspart worden, ja eine rechte Stütze ihrer Hartnäckigkeit, die gegen alle unsere Exempel von Judenbekehrungen aushält, haben sie jetzt dadurch erhalten, denn sagt, welcher Jude kennt seine und unsere Religion besser, als Mendelssohn (unsere Proselyten nehme ich der Erleuchtung wegen aus). Welcher Jude unter den lebendigen, führt eine so feine Waage, Gründe abzuwägen, als er? Und wiegt nicht ein Kopf voll bon sens ganze Herzen voll Wärme, voll frommer Glut und voll redlicher Absichten, auf? Ja, es muß dich, teurer Freund, um so mehr betrüben, da dir deine schöpferische Einbildungskraft noch alle jene Vorstellungen mit Farben der Engel ausgemalt haben wird; ich kann mir vorstellen, daß du selbst da Göttersprüche in der Hofsprache des Himmels zu reden geglaubt haben wirst, wo Mendelssohn nur gutes schweizerisches Deutsch und gute warme Absichten sahe. Desto mehr, teurer Märtyrer, schmerzt es mich, da du von vielen für einen ohnmächtigen Enthusiasten gehalten wirst, daß du dich so betrogen findest. Habe aber Dank von mir, du wirst dereinst, wenn du in penetrabelm Licht wandeln, und durch Krystallinsen, deren Brennpunkt du selbst berechnet hast, in die Ewigkeit hinausschauen kannst, reichlich dafür belohnt werden. Dann wirst du das Vergnügen, das du jetzt oft zwischen Wachen und Schlafen empfindest, ganz wachend, mit starken Nerven durch alle Poren einsaugen, daß nicht so viel verloren geht, als in der Hölle oder in dem Cabinet eines Meßkünstlers anzutreffen ist. Es ist aber unstreitig eine Schande unsers Zeitalters, daß man so viel warme Religion in einem so jungen Manne verkennt. Bei dem geringsten Spruch aus der Bibel verfällt er in geistliche Zuckungen, scheint im Meer der ewigen Wonne zu schwimmen, und in nie gefühlte Empfindung aufgelöst, spricht er, und mit dem Unaussprechlichen schwanger, wallt sein sterblicher Ausdruck daher, so daß man leicht, an einem schönen Abend, die Schwingungen fängt und in einer andächtigen und unaussprechlich heiligen Entzückung wegdämmert. Ihr Philosophen solltet es nicht einmal dulten, daß man ihn verkennt, sagt, wo findet ihr, daß ich eure Sprache rede, mehr psychologischen Stoff, als in des frommen Mannes Aussichten in die Ewigkeit. Mir graute zuweilen, wenn ich ihm nachsah; auf der Scheidewand, wo sie am dünnsten ist, zwischen Wahnwitz und Vernunft, läuft er euch hin, wie wir auf der gleichen Erde, und kommt selten ohne eine Ladung des Unsäglichen wieder zurück. Ich sage, er ist und bleibt ein außerordentlicher Mann.

Daß unsere Proselyten seinen Beweisen vieles zu danken haben, habe ich auf dem Titel allein anzuzeigen für nötig erachtet, indem dieses den Juden niemand zur Last leget, und ich habe lieber das Publikum, das es glaubt, so gerade dabei lassen, als durch Beweise, daß es würklich andern sei, der leidigen Zweifelsucht einen Plan in die Hände spielen wollen, nach welchem sie auch von dieser Seite uns zu weitläuftigern Äußerungen bringen würden, als die ganze Sache wert ist, da wir einmal, wie ich hoffe, die Rechtmäßigkeit, Aufrichtigkeit, das ungeheuchelte Wesen und die Sinnesänderung unserer Neugebornen in das klarste Licht gesetzt haben.

Ich wende mich nunmehr noch zuletzt zu euch, meine Freunde und Brüder. Glaubt nicht, daß ich durch den Timorus etwas von euch oder euren Bekehrern zu erhalten trachte. Meine Absichten sind rein, völlig frei von allem Eigennutz und finden ihre Belohnung in eurer künftigen Sicherheit vor allen müßigen Verleumdungen. Sowohl die feinere, die um den Kaffeetisch lebt, als ihre grobe Schwester, die an den Ecken der Gassen steht, wird die Hand auf den Mund legen. Wäre ich bei euch geblieben, so hätte ich meinen Namen gewiß verschwiegen, um euch die allezeit erniedrigende Mühe der Danksagung zu ersparen, da ich aber gewiß weiß, daß ich vor Bekanntmachung dieser Schrift nicht mehr bei euch sein werde, so habe ich es nicht unterlassen wollen. Ehret mich aber ja nicht mehr als andere Christen, oder schließet mich nicht allein in euer Gebet ein. Denn der beste Teil der Stadt denkt so von euch wie ich, der ich nur ein schwaches Werkzeug abgegeben habe, ihre Gesinnungen der schlimmeren Hälfte mit Ernst und Nachdruck bekannt zu machen. Nachdruck in dem Verstande genommen, worin wir es nehmen, nämlich da wir, wenn die Widerlegung mit Gründen geschehen ist, noch hinten nach mit Eifer drücken.

Zum Zeichen, daß ich es gut mit euch meine, und um selbst einige eurer Feinde zu nötigen, euch Gutes zu tun, so habe ich die Veranstaltung getroffen, daß das für diese Verteidigung einkommende Geld euch unverzüglich zugestellt werde. Wachset im Glauben.

Geschrieben zu G....
im August 1771

 Kapitel 2 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.