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Streifzüge durch Celebes

Ferdinand Emmerich: Streifzüge durch Celebes - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorFerdinand Emmerich
titleStreifzüge durch Celebes
publisherVerlag Erich Stolpe
addressLeipzig
year1929
correctorhille@abc.de
created20051205
modified20141118
secondcorrectoreldani1@gmx.de
senderwww.gaga.net
projectid606cb196
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Erstes Kapitel.

Eine glühende Junisonne hing wie ein roter Ball am Firmament. Unter ihren senkrechten Feuerstrahlen kochte die See und sandte blendende Reflexe von goldrotem Metallglanz über die menschenleere Marina. Die Perle Siziliens, Messina, schlief. Was nur irgendwie von seiner täglichen Beschäftigung sich freimachen konnte, floh die um diese Stunde unerträglich heißen Straßen und suchte Kühlung in dunklem Schatten.

Seit zwei Stunden, war ich obdachlos. Meine Universitätsstudien hatten vor wenigen Tagen ihren glücklichen Abschluß gefunden, und nun lenkte ich meine Schritte wieder hinaus in das schaffende Leben. Vor der deutschen Bierhalle erwartete ich die Abfahrt des Trajektschiffes, das die Inselbewohner über die Meerenge nach Reggio di Calabria bringt. Dort verschlingt sie der martervolle Eisenbahnzug, um ihnen in achtundzwanzigstündiger Reise die Herrlichkeiten des Golfes von Neapel zugängig zu machen. Mit geheimem Schauder dachte ich an die Tantalusqualen, die meiner in den sonnedurchglühten, engen Waggons harrten.

Da tönte lautes, fröhliches Lachen durch die Stille. Aus einer Seitenstraße bogen vier kräftige Männer auf die Marina und warfen sich ächzend in die Sessel vor der Bierhalle.

»Junge, Junge, dat is man bannig warm hüt!« rief der eine in echtem Hamburger Plattdeutsch.

Ehe noch jemand darauf antworten konnte, stand ich vor ihnen und – wäre vor freudigem Erstaunen beinahe sprachlos geworden.

»Sutor! Lieber alter Freund, sehen wir uns hier wieder!« rief ich, auf den ältesten der vier zueilend und ihm herzlich die Hand schüttelnd.

Der Angeredete war einen Augenblick starr. Dann aber lief frohes Erkennen über seine Züge:

»Ist es möglich? Sie hier? Hier in Messina? Zu dieser Jahreszeit? Wie ist denn das zugegangen?«

Und nun erzählte ich. Daß ich hier meinen »Doktor gemacht« hätte, im Cholerahospital während der Epidemie praktisch tätig gewesen wäre usw., und daß jetzt mein Ziel nordwärts läge, um irgendwo am Lande eine Stellung zu suchen.

Kapitän Sutor lachte hellauf. Er wandte sich zu seinen Begleitern, die er mir als die Kapitäne Truelsen von der »Barcelona«, Dau von der »Lissabon« und Seeth von der »Palermo« vorstellte und sagte:

»Der junge Mann war mit in der Südsee. Dort hat er die tollsten Geschichten mit den Wilden aufgeführt. Nachher haben wir uns zufällig drüben in Acapulco getroffen, als er eben über Land vom Atlantischen Ozean herübergewandert war und nun...«

»Bin ich direkt von Südamerika, mit einem kleinen Umweg über die nordamerikanischen Staaten, halb Europa und die Sundainseln nach Sizilien gekommen« ergänzte ich, um...«

»Um an Land Doktor zu werden! Nee, nee, dat gleuw ik nich!« schrie Sutor, sich herzhaft auf die Knie schlagend. »Nie und nimmer tun Sie das!«

»Ja, das muß ich wohl,« antwortete ich lächelnd, »ich muß jetzt daran denken, irgendwo seßhaft zu werden und Familie zu gründen ...«

»Die arme Frau!« unterbrach Sutor.

»Wieso arme Frau?« fragte ich.

»Na, weil Sie ihr doch bald wieder ausrücken. Sie können nicht an Land festkleben. Wenn Ihnen mal erst Eis und Schnee zusetzen, kommt die Sehnsucht nach der ewigen Sonne. Dann dauert es nicht mehr lange ... ich kenne das!«

»Darin kann ich Sutor nur recht geben,« warf jetzt Kapitän Seeth ein. »Ich habe da ein Beispiel an meinem Bruder. Als der erst einmal Tropenluft geatmet hatte, zog es ihn immer wieder dahin. Seine schöne Stellung in Hamburg hat er aufgegeben, um Abenteuer aufzusuchen. Augenblicklich weilt er beim König Menelik von Abessinien und dressiert dort Löwen.«

Vom Hafen her dröhnte der dumpfe Laut einer Schiffssirene.

»O weh, mein Trajekt fährt ab!« rief ich, unwillig aufspringend. »Wie konnte ich aber auch ahnen, daß ich hier einen so lieben Freund finden würde? Ich hätte sicher noch einige Tage länger hier verweilt. Es tut mir leid ...«

»Wer zwingt Sie denn, heute schon zu reisen?« fragte Sutor.

»Hm – ja, wer zwingt mich eigentlich?«

»Nun, wenn Sie das selbst nicht wissen, dann bleiben Sie doch hier. Meine ›Genova‹ geht erst übermorgen weiter. Also haben wir noch drei vergnügte Tage, wer weiß, ob wir uns noch einmal treffen!«

»Wenn Sie nach Hamburg wollen, fahren Sie doch mit mir. Ich gehe morgen abend aus,« lockte Kapitän Truelsen.

Während ich noch zauderte, heulte der dritte Ton der Sirene.

»Do geiht he hin!« rief jetzt Sutor vergnügt. »Nun ist die Frage schon erledigt.«

Und wirklich! Eben dampfte das Trajektschiff an der Marina vorüber und nahm Kurs auf die weißen Häuser des von der andern Seite der Meerenge herüberleuchtenden Reggio.

Dieser Augenblick des Zauderns wurde für mein späteres Leben von besonderer Bedeutung.

Mit dem Eintritt der kühlen Nachmittagsbrise brachen wir auf. Das Wiedersehen mit meinem alten Freunde hatte dem Wirte eine mehr als gewöhnliche Einnahme verschafft. Den Kapitänen hatten sich noch zwei Obermaschinisten von den im Hafen liegenden Slomandampfern zugesellt, die Herren Wimmel und Hartmann, und in die sieben deutschen Seebärenkehlen waren ungezählte Tröpflein edlen bayrischen Gerstensaftes hinabgeflossen. Die Essensstunde nahte. Das Essen sollte an Bord der »Genova« eingenommen werden und es wurde beschlossen, den Abend einmal recht gemütlich zu verbringen.

Am Eingange zum Hafengebäude fiel mir ein großes Plakat auf:»Deutsche Dampfschiffreederei – Hamburg. Dampfer China trifft heute abend 8 Uhr ein und wird morgen mittag 1 Uhr nach Ostasien weitergehen.«

Der alte Kapitän Dau zupfte mich am Ärmel:

»Das wäre so etwas für Sie, nicht wahr? Ich sehe es Ihren Augen an, daß Sie eben denselben Gedanken liebkosten.«

»Wahrhaftig, Kapitän, Sie sind Gedankenleser!« rief ich. »Aber leider geht das nicht immer so wie man gern möchte.«

»Wie?« sagte Sutor und drängte sich näher an das Plakat, »bleibt der Kasten die Nacht über hier? Dann muß der Kapitän mit uns zusammenkommen. Ich weiß zwar nicht, wer es ist, aber einer von uns kennt ihn sicher.«

»Fahren Sie nur an Bord, Sutor. Ich werde dem Agenten sagen, daß er etwas ausmacht für heute abend,« erwiderte Kapitän Truelsen, indem er sich der Agentur zuwandte.

Wir saßen eben auf dem Deck der »Genova«, als ein mächtiger Dampfer von See her auf die Mole zusteuerte. Der rote Ring mit dem D.D.R ließ ihn als den erwarteten Ostasienfahrer erkennen. Als dieser so viele Schiffe der heimatlichen Sloman-Reederei versammelt sah, grüßte die Sirene in tiefen Tönen herüber und entfesselte dadurch auf den andern deutschen Schiffen ein Antwortgebrüll, das die Lustwandelnden auf der Marina erstaunt ihren Spaziergang unterbrechen und zum Hafen eilen ließ.

»Ich konnte den Kapitän nicht erkennen, die Sonne stand mir zu ungünstig,« sagte Sutor, als der Dampfer vorbeigetrieben war.

»Er schien Sie aber zu kennen,« warf der erste Offizier ein. »Er schwenkte die Mütze und winkte lebhaft herüber.«

Eine Stunde später legte ein Boot längsseit.

»Hallo, Käpt'n an Bord?« fragte eine Stimme, die mir seltsam durch die Nerven zuckte. Und zwei Minuten später trat eine markige Gestalt auf das Hinterdeck, die auf Sutor zueilte und ihm herzlich die Hände schüttelte. Dann wandte er sich grüßend zu uns. Als sich unsere Blicke kreuzten, zuckten wir beide zusammen.

»Ja – wie ist mir denn? Wir kennen uns doch?« erscholl es wie aus einem Munde.

»Gewiß kennt ihr euch, Hinsch! Denk doch an die Südsee!« rief Sutor mit frohem Lachen dazwischen.

»Hinsch!« Wie ein Blitz durchzuckte es mich. In raschem Wandel traten mir alle die Szenen vor Augen, die wir Seite an Seite dort unten in der fernen Südsee erlebt hatten. »Hinsch! Lieber, bester Freund, wie freue ich mich, Sie wiederzusehen!«

Und nun war des Erzählens kein Ende. Kaum konnten die übrigen Herren, die der Einladung folgend nach und nach an Bord der »Genova« kamen, ihre neugierigen Fragen nach den jeden Kapitän interessierenden, heimischen Schiffsverhältnissen anbringen, so sehr nahm uns unsere Unterhaltung in Anspruch.

Während wir zu vorgerückter Stunde zur Marina hinüberfuhren, um noch einen Schoppen »frisch vom Faß« vor dem Schlafengehen zu »verstauen«, schnitt Sutor nochmal die Frage meiner beabsichtigten »Landpraxis« an. Er wiederholte seine Ansicht, daß es doch nicht von Dauer sein könne, wenn ich mich irgendwo ansässig machte.

»Am besten wäre es, Hinsch, Sie nähmen unsern Freund gleich mit nach Ostasien!« schloß er seine Rede, indem er mir listig zublinzelte.

»Donnerwetter, ja, das ist eine gute Idee!« rief dieser. »Kommen Sie mit mir, Mann. Unterwegs besprechen wir dann das Weitere.«

Natürlich wehrte ich mich gegen dieses Ansinnen. Anfangs waren die Worte wohl scherzhaft gemeint. Je länger aber das Projekt besprochen wurde, desto mehr verdichtete es sich zu greifbaren Formen. Auch mir schien die Idee nicht so unausführbar. Die erforderlichen Geldmittel ließen sich auf telegraphischem Wege beschaffen. Bis zum Eintreffen der Zahlungsorder langten meine Mittel noch ...

Um es kurz zu sagen: Als wir lange nach Mitternacht die Sitzung mangels »Stoff« aufheben mußten, bezog ich bereits meine Kabine an Bord des »China«. Zwölf Stunden später durcheilte ich mit dem Ostasienfahrer die Straße von Messina – den Kurs auf den Suezkanal gerichtet.

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