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Sträflinge / Ein Sonntagmorgen

Berthold Auerbach: Sträflinge / Ein Sonntagmorgen - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-004656-4
titleSträflinge / Ein Sonntagmorgen
pages65-70
created20000323
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Verein und seine Zöglinge

Wenige Tage darauf saßen in der Hauptstadt fünf Männer um einen Tisch, Aktenbündel und mit Siegel versehene Zeugnisse vor ihnen.

»Es zeigt sich noch wenig Eifer für unser Wirken«, begann der Vorsitzende. »Auf unsern Aufruf haben sich nur zwei zur Annahme von Sträflingen erboten, der eine unser würdiges anwesendes Mitglied, Herr Fabrikant Hahn, der andere ein schlichter Wirt vom Walde; wir haben ihn herbeschieden.«

Er klingelte, und der Diener trat mit Konrad ein.

Die Zeugnisse der aus der Strafanstalt Entlassenen lauteten in Betracht der Umstände ziemlich günstig. Wie war ihnen nun aber fortzuhelfen? Besonders mit einem Schreiber, der wiederholte Namensfälschungen verbüßt hatte, wußte man nichts anzufangen. Unter den fünf Sträflingen, die dem Vereine ihre Zukunft anvertraut hatten, wurde auch ein ehemaliger Postillon genannt.

»Den will ich nehmen«, sagte Konrad.

Während man nun seine Obliegenheiten auseinandersetzt, verfügen wir uns in das andere Zimmer zu denen, die hier harren, was drüben über sie verfügt wird.

Zwei in bereits vorgerücktem Alter, mit verschmitzten Gesichtern, gehen in lebhaftem Gespräch auf und ab. Ein hagerer Mensch in vertragenem schwarzem Frack steht am Fenster, haucht die Scheiben an, macht mit dem rechten Zeigfinger sehr künstlich verschlungene Namenszüge mit allerlei Schnörkeln und verwischt sie immer schnell wieder. Ein vierter sitzt in der Ecke und betet, wie es scheint sehr eifrig, aus einem frisch eingebundenen Gebetbuche. Nicht weit davon sitzt der fünfte, ein schlanker und kräftiger junger Mann, und hält das Gesicht mit beiden Händen bedeckt.

»Was willst du machen, Frieder?« fragte mit dicker Stimme einer der Wandelnden seinen Kameraden.

Dieser blieb stehen, hielt eine Flocke seines grauen Bartes, der das ganze Gesicht einrahmte, in der Hand; in seinem zerwühlten, faserigen, wie aus Tannenholz gehauenen Antlitze hoben sich die Muskeln in raschen Zuckungen. Er zwinkerte mit den klugen grauen Augen und erwiderte:

»Ich hab mein Resolution und da beißt kein Maus keinen Faden davon: eine Anstellung will ich und auf lebenslänglich und mit Pension; krieg ich das nicht, schmeiß ich ihnen den Bettel vor die Tür. Guck, ich wünsch mir kein Kapital und keine Güter, weiter nichts als eine Anstellung. Wenn so ein Vierteljährle rum ist, kommt der Amtsdiener und legt das Geld auf den Tisch, lauter blanke harte Taler. Sei's Sommer oder Winter, Hungerjahr oder wie's will, wenn's Vierteljährle rum ist, hat man sein Gewisses. Man hat sich nicht zu quälen und nicht zu sorgen, man geht so den Trumm fort, und wenn's Vierteljährle rum ist, brauchst du nicht einmal zu pfeifen, da ist ein Säckle voll Geld da. Der Staat muß für mich sorgen, und das ist das beste. – Aber das will ich dir noch sagen, ich dreh dir den Kragen rum, wenn du das vorbringst, was ich dir jetzt sag. Ich will allein. Und du verstehst's ja auch gar nicht –«

»Brauchst nicht sorgen«, unterbrach ihn der andere und verzog sein knolliges Gesicht zum Lachen; »ich will weiter nichts, als daß sie mir genug zu essen geben und auch das Trinken nicht mankiert. Dann will ich meinetwegen ehrlich sein. Narr, aus Übermut stiehlt man nicht.«

Frieder trat auf den Betenden zu und sagte:

»Bitt mir eine Anstellung aus, du Heiliger. Ich will einen Handel mit dir machen: laß mir's hüben für dich gut gehen, drüben kannst du mein Teil auch noch haben.«

Der Betende legte sein Buch nieder und begann mit salbungsvoller Stimme:

»Du wirst von Stufe zu Stufe sinken und fallen, Frieder, weil du nicht einsiehst, wie sehr der Herr uns begnadigte, da er uns sinken ließ, damit wir uns um so höher erheben.«

»Dank für dein Gnad, ich will ja nicht hoch, ich will ja nur fest angestellt sein. Richt't euch«, fuhr er fort, auf den jungen Mann mit verdecktem Angesicht losgehend und ihn schüttelnd; »sei nicht so traurig, du. Da hast mein Hand drauf, wenn ich Oberpostgaul werde, ich will sagen Oberpost... oder so was, das Geheime schenk ich ihnen, da wirst du mein Leibkutscher.«

Der Ermunterte regte sich nicht und antwortete nicht, und Frieder bemerkte wieder: »An dem da haben sie ein Meisterstück gemacht. Mir hat einmal die Hebamm das Züngle gelöst, ich kann's nimmer binden. Es ist doch aber ein schöne Sach um ein Zuchthaus, da ist alles gleich und wenn einer auch ein noch so hochnäsiger Schreiber ist«, schloß er mit einem Seitenblick.

Der Schreiber kehrte sich um; auf seinen eingefallenen Wangen glühte Zorn und Verachtung.

Der Diener berief die Harrenden vor den Vorstand.

Der Betende nahm sein Buch unter den Arm und fixierte sich die lammfromm Miene im Gesichte, um sie beizubehalten. Der Schreiber verlöschte noch schnell einige Namenszüge und knöpfte den Rock zu. Der Verdeckte erhob sich mit schwerem Tritte, er sah bei aller jugendlichen Spannkraft wie geknickt aus und hatte die Unterlippe zwischen den Zähnen eingekniffen.

Unter der Türe verbeugte sich noch Frieder vor dem Schreiber und sagte:

»Sie haben den Vortritt, spazieren Sie voran, Herr von Federkiel, Graf von Papierhausen, Fürst von Dintenheim, König von –«

Der Schreiber schritt stolz an Frieder vorüber, der aber mit seinen Standeserhöhungen nicht eher endete als bis sie an der Türe des Sitzungszimmers waren.

Vor dem Vereinsausschusse drängte sich indes Frieder vor und offenbarte, noch ehe man ihn fragte, sein Begehr, ohne aber wie vor wenigen Minuten die Motive so bündig vorbringen zu können. Es ging ihm dabei wie manchen Rednern, die nach ausführlicher Vorbereitung und privater Darlegung, wenn's drauf und dran kommt, ungeschickt aufs Ziel lostappen, ohne den Weg zu demselben nochmals fest zu durchschreiten. Er kam dadurch in den Nachteil, daß er bloß als anmaßend erschien. Als man seinem Begehr nicht willfahrte, verließ er trotzig die Versammlung.

Die Vorstandsmitglieder sahen sich nach dieser ersten Begegnung verwundert an, der Regierungsrat lächelte hinüber zu seinem Freunde dem Doktor Heister.

Konrad unterbrach zuerst die eingetretene Stille, indem er auf den Schlanken losging, den er sogleich als den Postillon erkannt hatte, und sagte:

»Willst du mit mir gehen? das Vieh versorgen, im Feld schaffen und den Fuhrleuten vorspannen?«

Der Angeredete hielt die Lippen noch immer zusammengekniffen und sah Konrad stier an. Erst als man die Frage zum dritten Mal wiederholte, antwortete er:

»Ja, wenn sonst keiner von den Kameraden da ins Dorf kommt; allein.«

Schnell schlüpfte seine Unterlippe wieder zwischen die Zähne.

Man ging, wie natürlich, leicht auf die gestellte Bedingung ein und war froh, vorerst einen untergebracht zu haben.

Der Schreiber und der aus Hunger Stehlende traten nach vielem Widerstreben bis auf weiteres in Hahns Fabrik ein. Der Fromme wollte Pfründner in einem Versorgungshause werden, um ganz seiner Seele zu leben. Da man ihm dies nicht gewähren konnte, verließ er mit einem Segenswunsche die Versammelten.

Konrad verließ mit seinem Knechte das Haus. Auf der Straße begann er folgendermaßen:

»Wie heißt du?«

»Jakob.«

»Brauchst mir dein Geschieht nicht erzählen, sei nur jetzt brav. Du hast gesehen, wo der krumme Weg hinführt.«

Jakob antwortete nicht.

»Hast du schon was gessen?« fragte Konrad wieder.

»Ja«, lautete die Antwort aus fast verschlossenem Munde.

Im Wirtshause ging Jakob schnell in den Stall zu den Pferden. Er streichelte und klatschte sie in einem fort. Es tat ihm gar wohl, wieder mit Tieren zusammen zu sein. Seit drei Jahren war er einsam oder unter Menschen, die seine Vorgesetzten waren und bei aller Güte doch stets vor allem den Verbrecher in ihm sahen. Jetzt war es ihm gar eigen zumute, daß er nun doch wieder bei Tieren war; etwas von der Unschuld der Welt sprach ihn daraus an. Das verlangte auch keine Rede und keine Antwort. Jakob wünschte, daß er mit gar keinem Menschen und nur mit den Tieren zu leben hätte.

Wie leuchtete sein Angesicht, als er mit seinem Herrn rasch dahinfuhr; er, der seit Jahren in einen kleinen Raum eingefangen war, rollte jetzt wie im Fluge an Bäumen und Feldern und durch Dörfer dahin.

Auch jetzt noch sprach Jakob wenig, und nur als ihn Konrad bedeutete, daß der Gelbbraune nicht Fuchs, sondern Brauner heiße, antwortete er: »Schon recht.«

Als man unterwegs einkehrte und Jakob sein Essen erhielt, nahm er sich dies mit in den Stall und verzehrte es bei den Tieren.

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