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Sträflinge / Ein Sonntagmorgen

Berthold Auerbach: Sträflinge / Ein Sonntagmorgen - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-004656-4
titleSträflinge / Ein Sonntagmorgen
pages65-70
created20000323
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Armenadvokat und sein Freund

In einer Gartenlaube der Residenz saßen am selben Nachmittage zwei Männer von gleichem Alter, der eine aber trug einen Orden im Knopfloch.

Eine Magd brachte Kaffee und Zigarren.

»Wo hast du denn das schöne Dienstmädchen hingebracht, das vor zwei Jahren in deinem Hause diente?« fragte der Ordensmann seinen Gastfreund, den Doktor Heister; »das war ein frisches Naturkind, immer fröhlich, mit Gesang die Treppe auf und ab. Es kam mir wie ein heller, reiner Tautropfen vor; ist Eau de mille fleurs daraus geworden? Wie hieß es doch?«

»Magdalene. Das ist eine unglückliche Geschichte. Ich kann's noch kaum glauben, daß das brave Kind gestohlen hat, und doch ist es so. Während ich in Angelegenheiten eines Mündels in Berlin war, haben sie sie hier ins Zuchthaus gebracht.«

»Also du lieferst auch Rekruten zu deinem Verein? Ich werde nun auch wieder eine solche Unschuld zu Gesicht bekommen, die ich unter den Händen hatte, als ich noch Bezirksrichter war. Es war ein Postillon; er hat einen Ehemann, der ihm im Wege stand, in den Graben geworfen und so traktiert, daß er nach vierzehn Tagen für die Ewigkeit genug daran hatte. Das ist ein durchtriebener Schlingel. Ich habe ihn aber hinter gebunden, und habe ihm auf hohe Verordnung einige Dosen Kontumazialprügel wegen frechen Leugnens applizieren lassen. Das hat ihn mürbe gemacht. Es ist nicht anders fertig zu werden mit dem Gesindel. Ich will nur sehen, was der Verein mit ihm anfangen wird; er hat sich auch gemeldet.«

»Es freut mich innig«, erwiderte der Doktor, »daß du die Sache des Vereins so nachdrücklich gefördert hast durch das Rundschreiben an die Bezirksgerichte und die Pfarrämter.«

Der Regierungsrat, denn ein solcher war der Ordensmann, sah geschmeichelt mit dem Kopfe nickend auf seine schönen Sommerstiefeletten und sagte: »Der Verein soll auch die Vorteile unserer geregelten Staatsordnung genießen. Während wir hier sitzen«, fuhr er fort, sich auf dem Stuhle schaukelnd, »ist oder wird von allen Kanzeln des ganzen Landes das Evangelium der armen Sünder verkündet. Hu! wie werden die Tränenbeutel ausgepumpt werden. Das wird den Leuten wohltun in diesen warmen Tagen, es ist auch eine Kur. Aber das mußt du doch gestehen, daß unser Staatsleben ineinander greift wie ein Uhrwerk. Wenn ich hier einen Druck an der Staatsmaschine anbringe, bewegt sich eine Feder im entlegensten Dorfe.«

»Ob das ein Glück ist?«

»Du bist und bleibst der ewige Opponent. Ihr Leute wollt das Gute nicht sehen. Was hättet ihr denn gehabt ohne den Amtsweg? Einen Winkel im Zwischenreich der Landeszeitung –«

»Lassen wir das. Du kannst dich nicht bekehren, sonst müßtest du mit deinem Schicksal unzufrieden sein und einen großen Teil deiner mühevollen Arbeit für nichtig achten. Drum lassen wir das. Du verdienst allen Dank, daß du den Verein so rasch zustande gebracht. Du mußt ihn gut bevorwortet haben.«

»Gut bevorwortet?« lachte der Regierungsrat und hielt das eben entbrannte Zündhölzchen so lange in der Hand, bis er es an den Fingern spürte und wegwarf; »gut bevorwortet? Da sieht man wieder euch unpraktische Weltverbesserer. Ihr glaubt, mit Ideen führt man die Sachen durch. Diplomatie, Freund, Diplomatie ist's, die euch fehlt; ohne diese kommt ihr nie zu etwas. Ich für meine Person gestehe, daß ich gar keinen Penchant für euern Verein habe. Es ist jetzt ein weichmütiger Humanitätsrappel über die Welt gekommen, der das Leben horribel ennuyant macht. Ich habe nun einmal kein Spitalherz und will auch keines haben. Als die Vereinssache im Kollegium vorkam, ich war Referent, zuckte ich mitleidig die Achseln. Der Präsident ist gar kein böser Mann, nur ist ihm angst und bang vor allem Neuen; es ist ihm unheimlich. Es war aber auch gefehlt von euch, daß lauter prononcierte Liberale sich an die Spitze stellten.«

»Warum? Die Sache hat ja nichts mit Politik zu schaffen?«

»Allerdings. Glaubt ihr, man wird euch Gelegenheit geben, euch als Wohltäter der Menschheit hinzustellen und unter den Proletariern Partei zu gewinnen?«

»Nun? Wie ging die Sache denn doch durch?«

»Wie gesagt, ich zuckte die Achseln und das Finale meines Referats war: Wie werden sich die Herren die Finger verbrennen! Wie werden sie einsehen lernen, daß sich die Welt nicht nach ihren Utopien konstituieren läßt. Das gäbe eine gute Schule für sie. Der Präsident lächelte. Nun war die Sache gewonnen. Ich erklärte noch, daß, falls der Verein die Genehmigung erhalte, ich bereit sei, als Regierungsbevollmächtigter demselben zu präsidieren und ihn zu überwachen. So wurde euch die Sache gewährt, um euch einen Possen damit zu spielen.«

»Welchen Grund hattest du aber, eine so feine Intrige anzulegen für eine Sache, die dich nicht interessiert?«

Der Regierungsrat faßte die Hand des Advokaten und sagte: »Du bist und bleibst eine ehrliche Haut, aber auch dir gegenüber mußte ich intrigieren. Seitdem ich von der Kreisregierung hieher versetzt wurde, tut es mir immer leid, daß unsere beiderseitige öffentliche Stellung eine vertrautere Sozialität fast nicht zuläßt; die Parteiungen haben alles zerrissen. Lache nicht! In der Verbrecherkolonie finden wir einen Indifferenzpunkt, wo wir uns aneinander anschließen, ohne daß einer sich bei seiner Partei zu kompromittieren braucht. Wir haben in Heidelberg den Freundschaftsbund geschlossen, er soll aufrecht erhalten werden. Nicht wahr, alter Cherusker, wir bleiben die Alten?«

Die beiden Jugendfreunde drückten sich die Hände. Dem Advokaten kam diese Mischung von Treuherzigkeit und Schlauheit, die er eben vernommen, doch sonderbar vor; er wendete sich indes immer gern nach der idealen, sonnenbeschienenen Seite an der Frucht des Lebensbaumes und erwiderte:

»Wir haben noch so viele Berührungspunkte, noch so viel gemeinsames Streben, daran wollen wir uns halten, das andere beiseite liegen lassen.«

»Ja, das wollen wir.«

»Du bist auch besser als du dich gibst«, bemerkte Heister.

»Was besser? Alle Menschen sind Egoisten. Alles Uneigennützige geschieht aus Eitelkeit, Langeweile oder Gewohnheit. Freilich, du bist eine Exceptio idealis, darum verzeihe ich dir deine Demagogie.«

»Nein, ich will kein Privilegium. Ich glaube, daß noch zu keiner Zeit so viel Menschen waren, deren ausdauerndes Streben dem Gemeinwesen gilt, deren Leid und Freud vornehmlich aus den Zuständen des Vaterlandes seine Nahrung empfängt. Ein seltener Opfermut bewegt die heutige Welt; leider findet er kaum eine Gelegenheit, sich anders als im Hoffen und Dulden zu bewähren –«

»Gelegenheit macht Diebe. Wir kommen da an einen Punkt, über den wir uns nie vereinigen werden – transeat.«

Eine Weile herrschte Stille; beide Männer schienen innerlich nach den Einheitspunkten zu forschen, die sie so bereitwillig voraussetzten. Es war eine peinliche Pause.

So erquickend es für die Seele ist, wenn zwei Freunde lautlos beieinander sitzen, sich und den andern still in der Seele hegen, nach fernen Gedankenwelten schweifend doch beieinander sind, jeder in dem andern ein sichtbares Jenseits erkennt; ebenso schmerzlich ist das innere Suchen und Stöbern, einander friedlich zu begegnen.

Der Regierungsrat nahm zuerst wieder das Wort, indem er sagte: »Auch die Poesie ist uns heutigen Tages geraubt. Der schöne Gott Apollo ist zum kranken Lazarus voll Wunden und Beulen geworden. Die Poeten führen uns heute immer in die schlechteste Gesellschaft. Freigeister und Pietisten blasen aus einem Loch und proklamieren diese heitere, sonnige Welt als ein Jammertal. Du warst doch auch einmal ein Stück Poet, was sagst du dazu?«

»Die Poesie der modernen Welt ist ein Kind des Schmerzes, selbst die harmloseste ist das freie Aufatmen der vorher gedrückten Brust. Ich sehe einen großen Fortschritt darin, daß selbst die Poesie jene falsche Idealität aufgegeben hat, welche die wirkliche Welt ignorierte oder nicht in sie einzugreifen wagt. Eine Idee muß Wirklichkeit werden können, oder sie ist eine eitle Seifenblase. Nun betrachte die Armen und Elenden –«

»Gut, daß Sie kommen!« rief der Regierungsrat, einer stattlichen, schönen Frau entgegengehend; »Ihr guter Mann hätte mich sonst noch zum Dessert durch alle Höhlen der Armut gejagt.«

Das Gespräch nahm nun eine heitere, spielende Wendung, denn der Regierungsrat liebte es, die Frauen durch zierliche Redeblumen zu ergötzen; den Ernst des Lebens entfernte er gern aus ihren Augen. Darin bestand seine Frauenachtung.

Er sprach sodann von seinem Rokoko-Ameublement, das ihm mit Frau und Kind bald nach der Stadt folgen würde, und bemerkte mit ausführlicher Sachkenntnis, wie das echte Alte alles neu Fabrizierte weit hinter sich lasse, da die Arbeiter Geduld und Kunstfertigkeit zu diesen feinen Schnitzeleien nicht mehr haben. Er hatte Schränke, Stühle und Krüge aus alten Ritterburgen und von den Speichern der Bauernhäuser um einen Spottpreis zusammengekauft und wußte manche lustige Geschichte davon zu erzählen.

Der Advokat sah bisweilen schmerzlich drein, denn er fühlte es tief, daß der Riß zwischen ihm und seinem Jugendfreunde nur notdürftig überkleistert war.

Man trennte sich bald. Der Advokat machte sich noch daran, die Papiere eines Klienten zu ordnen, für den er andern Tages eine Reise antreten wollte. Selbst bei der Arbeit konnte er den Gedanken an seinen verlorenen Jugendgenossen nicht loswerden: Dabei erkannte er wieder aufs neue, daß selbst die rein humanen Bestrebungen keine Einigung zulassen, wenn der sittlich-politische Hintergrund ein anderer ist.

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