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Sträflinge / Ein Sonntagmorgen

Berthold Auerbach: Sträflinge / Ein Sonntagmorgen - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchwarzwälder Dorfgeschichten
authorBerthold Auerbach
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-004656-4
titleSträflinge / Ein Sonntagmorgen
pages65-70
created20000323
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der rechte Mann

Magdalene war bald wieder aus dem Gefängnisse entlassen worden; sie konnte weder für noch gegen Jakob zeugen, sie hatte den Eingestiegenen nicht erkannt; ihre eigne Schuldlosigkeit aber war offenbar. Wie traurig kehrte sie in das Dorf zurück. Der Bäck wollte sie nur noch bis zum »Ziele« behalten, der Pfarrer machte ihr herbe Vorwürfe und sagte: er müsse die Sache an den Verein berichten, dessen Stelle er hier vertrete.

Arm und verlassen war Magdalene und doch fand sie einen Trost darin, Jakob ihr Sparkassenbüchlein gegeben zu haben; man mußte das bei ihm gefunden haben, und sie glaubte, er würde eher frei, wenn er das Entwendete damit zurückerstatte. Sie sagte das dem Bäck und bat ihn, ein gutes Wort einzulegen, der aber bedeutete sie:

»Die Sache hat ihren Lauf, da ist nichts mehr zu machen. Du bist jedenfalls um dein Geld, das fressen die Prozeßkosten. Geschieht dir recht.«

Eine Hoffnung erhob Magdalenen wieder. Bärbele, die Adlerwirtin, versprach ihr, sie in Dienst zu nehmen. Nun hatte sie doch wieder einen »Unterschlupf« für den Winter, aber sie mußte im Dorf bleiben, und wie gern wäre sie fort.

Die ihr euer Leben lang behütet und umschirmt im Familienkreise aufgewachsen, denen eine liebende Hand alles versorgte und schmückte, vom ersten Kinderhemdchen an bis zur hochschwellenden, erwartungsreichen Aussteuer, die ihr nie allein und frierend draußen gestanden in der weiten Welt und nirgend ein Herz, das bangend und verlangend nach euch ausschaut – ihr könnt es kaum ermessen, was sich in der Seele eines Mädchens auftut, dem seit dem ersten Gedanken zugerufen ward. Dein Schicksal ist in deine Hand gegeben, du gehörst und hast niemand, du bist allein; alle Liebe und allen Lebensunterhalt mußt du erobern, du kannst jede Minute ausgestoßen werden und bist fremd; kein unauflösliches Familienband umschlingt dich über alle Irrungen und Wechsel des Lebens hinweg.

So ohne Anhang und ohne Abhängigkeit zu leben ist wohl auch eine Freiheit, aber dem jugendlichen Herzen, zumal dem eines Mädchens, tut es wohl zu gehorchen, einem fremden Willen die Verantwortlichkeit für die Lebenswendungen anheimzustellen. Darum hatte Magdalene sich von ihrem Vater ausbeuten lassen, darum gehorchte sie dann so freudig der Fürsorge Heisters und wollte sie Jakob dienen, seine Schwermut und seine Launen ertragen als eine demütige Magd; hatte sie doch einen lieben Menschen, der ihr und dem sie angehörte.

Jetzt war sie wieder ganz allein. Sie wendete sich zum Vater aller Menschen, sie wollte mit aller Macht seine Hand fassen, er sollte sie führen, sie wollte ein Zeichen, einen bestimmten Befehl, was sie tun solle; sie hatte ja rechtschaffen gelebt. Sollte sie alle Gedanken von Jakob ablösen? Sie konnte nicht. Die sie so zerknirscht in der Kirche liegen sahen, hatten Mitleid mit ihrer Reumütigkeit; aber niemand half ihr, selbst der Pfarrer nicht, der ihr zürnte, weil sie ihre Unschuld beteuerte.

Magdalene ging abgeharmt umher; sie hoffte bald durch den Tod erlöst zu werden.

Der Herbstwind spielte mit den abfallenden Blättern und ließ sie erst im Tode fühlen, wie frei es sich wiegt in den Lüften. Im Schicksal Jakobs war noch immer nichts entschieden, nur quälte ihn neben dem Untersuchungsrichter auch noch der Torwart mit seiner zudringlichen Frömmigkeit. Der Gute! wir kennen ihn noch von der Szene im Vorzimmer des Vereins. Er hatte mit Ruhe und einzig durch salbungsvolle Reden sein Ziel erreicht. Die sehr mächtige Partei der Frommen hatte ihm diesen Posten verschafft, und er wirkte in ihrem Geiste, predigte von Entsagung und einziger Hoffnung auf Jenseits und befand sich dabei recht wohl und reichlich genährt von seiner Besoldung hienieden.

Jakob konnte um so leichter seinen Anmahnungen widerstehen, da er sich vollkommen schuldlos fühlte, und doch kam bisweilen auch über ihn das trübe Herbstgefühl von draußen. Er wollte Erquickung in den aufgedrängten Traktätchen suchen, aber diese Blätter waren gleichfalls herbstlich welk und priesen den Winter, den Tod aller Natur, als das einzig wahre Leben.

Eines Mittags ging Magdalene vor das Dorf hinaus nach der Hanfbreche.

Der Nebel hatte sich gesenkt und glitzerte auf Gras und Stoppeln, eine erfrischend feuchte Luft wehte; die wilden Buben hatten da und dort eine Lücke in den Zaun gerissen, um schneller einen vergessenen Apfel vom Baume zu werfen; von allen Seiten hörte man Schellengeläute der weidenden Kühe und Peitschenknallen der Hüter; oben an der Halde stand ein Knabe mit der Peitsche neben einem Feuer und sang lustig in die Welt hinein, von fern her hörte man das Knattern der Hanfbrechen; im Buchwäldle knallte ein Schuß, und angstvoll zwitschernd flog hier aus der Hecke ein Schwarm feiger Spatzen, die doch niemand eines Schusses wert erachtete.

Bunt schwärmte es noch überall draußen, als müßte man sich tummeln, ehe der gestrenge Herr, der Winter, hier seine weiße Decke auflegt und niemand zu Gaste kommen darf als seine Hauspfaffen, die Raben, die jetzt schon in großer Schar dort auf dem Kirschbaume sitzen, still über die Zukunft des Reiches Rat halten und den Krähen in ihrer Lakaienlivree und den leichtfertigen Spatzen ihre Gunst und das Gnadenbrot verheilen. Die klugen und sicheren Raben! Sie lassen sich nicht schrecken, sie wittern die Tragweite eurer Waffen, sie lassen euch nahe herankommen und weichen erst dann ruhig aus, und kaum habt ihr den Rücken gewendet, sind sie wieder da. Die klugen und edelsinnigen Raben! Sie stehlen, was blinkt und gleißt und das Menschenauge erfreut, und tragen es fort in ihre dunkeln Nester; nicht daß sie sich selber dessen erfreuen, sondern nur daß es die Menschen entbehren. Die klugen und freien Raben! Sie kennen nicht Vater- und nicht Muttergefühl.

Das wäre nun so recht ein Tag zu stillen, endlosen Träumereien, Magdalene ist aber nicht dazu aufgelegt; sie dachte nur eine Weile darüber nach, warum man von Rabenvater und Rabenmutter spricht, und schritt dann rasch zur Hanfbreche.

Beim Hanfbrechen hilft immer eine große Anzahl dem, der grade heute an der Reihe ist. Der Hanf wird über dem in den Rain gegrabenen Herd, die Darre, noch schnell gedörrt und dann zwischen der einfachen Walke aus scharfschneidigem Holze zu Werg verarbeitet. Je toller das Geklapper der vielen Brechen ist, um so mehr fühlt man sich ermutigt, seine Stimme laut zu erheben, zu allerlei Gespräch. Da wird denn auch manches Verhältnis und mancher Charakter tüchtig zu Werg verarbeitet, daß die Häcksel davonfliegen.

Magdalene hatte sich mit ihrer Hanfbreche an das äußerste Ende gestellt, und man ließ sie in Ruhe, sie war zu unglücklich für den Spott; auch war des Kilians Lenorle, für die man heute arbeitete, ihre Beschützerin. Bald aber wurde sie aus ihrer Ruhe herausgerissen. Es ist ein altes Herkommen der Hanfbrecherinnen, daß jeder, der des Weges daher kommt, ihnen ein Trinkgeld geben muß. Sie gehen dem Ankommenden entgegen, »fangen ihn im Hanf« und streuen ihm Häckerling vor die Füße, und wenn er nichts geben will, so wünschen sie ihm, daß er nie ruhig im Bette liegen könne, sondern immer Häckerlinge spüre; die anderen kommen dann herbei und überstreuen ihn von allen Seiten mit Häckerling.

Eben sah man einen Mann des Weges kommen, alles lachte, es war Frieder. Magdalene, die zuletzt gekommen war, mußte ihm »streuen«, wie man's nennt, sie wollte nicht; nur als das heftige Schelten aller ausbrach, verstand sie sich dazu. Sie ging Frieder weit entgegen, weiter als Sitte war, und sagte, mit niedergeschlagenen Augen den Häckerling wegwerfend:

»Vater, gebt mir was, daß ich Ruh hab.«

Frieder griff in die Tasche und gab ihr einen ganzen Sechsbätzner. Das war nun ein Hallo, als das Geld kam. Man ließ es auf einen Stein fallen, es klang wirklich echt; alsbald wurde ein Knabe fortgeschickt, um Wein zu holen.

Frieder hatte sich wieder davon gemacht, und Magdalene arbeitete still fort.

War Frieder wirklich ihr Vater? Leider war er's. Jakob hatte recht, da er damals, als er Magdalene neben dem Kleebündel im Felde stehen sah, eine Ähnlichkeit zwischen ihr und Frieder bemerkte. Seitdem Frieder jene Löffel genommen und Magdalene mit ihm gerungen hatte, seitdem hatte sie kein Wort mit ihm gesprochen. Sie hatte ihn zum ersten Male wiedergesehen, als er damals mit Jakob ging; sie war im Tiefsten erschrocken, und wie durch ein geheimes Einverständnis taten nun die beiden, als ob sie sich nicht kennten. Einmal am Brunnen hatte er mit den andern Mädchen gescherzt und redete auch Magdalene an, sie aber antwortete nicht und ging davon.

Um nun das Maß alles Unglücks voll zu machen, war jetzt auch Frieder wieder in das Dorf gekommen; Magdalene hatte mit ihm gesprochen, sie konnte sich ihm nicht mehr entziehen.

Jetzt hatte sie wiederum jemand, der ihr für alle Zeiten angehörte. Magdalene war tief traurig.

Als sie am Abend Reisig hackte hinter dem Hause, kam Frieder freundlich auf sie zu und sagte: »Guten Abend, Magdalene.« Sie stand wie festgebannt, das Küchenbeil ward ihr plötzlich so schwer, daß sie es nicht mehr aufheben konnte. Sie ließ Frieder reden, was er wollte; sie hörte ihn nicht und stierte ihn grausenhaft an. Regungslos stand sie da. Plötzlich fuhr es ihr wie eine wilde Ahnung durch die Seele; sie hob das Beil empor und stand wie ein Racheengel da und rief:

»Gebt das Geld her! Ihr habt es dem Bäck gestohlen.«

Sie riß mit der linken Hand dem Frieder die Mütze vom Kopfe; an dieser hatte sie ihn wieder erkannt, er hatte sie jenen Abend tief in die Stirne gedrückt. Furchtbar drohend stand sie da und ihre Lippen bebten.

Frieder grinste sie höhnisch an und sagte: »Probier's nur, hau zu, hack mir das Beil in den Kopf, da, mach schnell; du bist ja in erster Ehe zur Welt kommen, im Kirchenbuche bin ich ja doch dein Vater nicht.«

Magdalene ließ die Arme sinken. Sie raffte schnell das kleingehackte Reisig zusammen und ging ins Haus. Frieder hob die weggeworfene Mütze auf, ballte sie wie fluchend in der Hand zusammen und ging gleichfalls davon.

Neue Überraschung! Ist der innerste Wunsch Magdalenens Wirklichkeit geworden? Dort kommt der Doktor Heister mit dem Buchmaier das Dorf herab; an ihn hatte Magdalene just gedacht, er konnte all die Wirrnis lösen, und – jetzt floh sie vor seinem Anblicke in das Haus und stand in der Küche und hatte keinen Atem, das Feuer anzublasen; die Tränen brannten in ihren Augen und wollten sich doch nicht lösen. Sie stand da und hielt sich die Stirn, alles war ihr wie ein Traum: daß sie mit ihrem Vater gesprochen, daß Heister da war. – Eines aber stand fest: Frieder hatte sie von neuem ins Unglück gebracht. Das erkannte sie mit innerster Zuversicht. Die Schnalle an der Mütze war ihr schon damals in der Nacht aufgefallen. Für sich selber durfte sie ein fremdes Verbrechen büßen, aber Jakob durfte sie nicht dulden lassen.

Was aber anfangen? – Dort der Vater, hier der Geliebte. Kalter Schauer und fliegende Hitze machten sie erbeben. Sie blies so heftig in das Feuer, daß sie das wilde Löckchen versengte.

Nach dem Abendessen machte sie sich eine Ausrede und ging in den »Adler« in die Küche. Sie mußte Gewißheit haben, ob Heister hier sei; sie traute sich nicht recht. Sie schaute durch das Schiebfensterchen in die Stube und – neues Wunder! Sie sah den Regierungsrat, den freundlich stolzen Mann, der früher so oft bei Heisters gewesen war. Bärbele, die Adlerwirtin, bestätigte aber auch, daß Heister da sei und soeben Pfannkuchen bestellt habe. Magdalene freute sich angeben zu können, daß er sie gern recht dünn und »rösch« gebacken esse; sie half schnell mit und rührte den Teig noch recht tüchtig durcheinander, damit das Gebäck auch »luck« sei, und sie ließ nicht nach, bis man noch zwei Eier dazu tat. Als endlich aufgetragen wurde, sagte sie Bärbele, es solle »dem Herrn« berichten, daß sie da sei und notwendig mit ihm zu reden habe. Kaum hatte sie dies vorgebracht, wollte sie es widerrufen, es war aber zu spät; Bärbele stand bereits unter der offenen Tür, durch welche jetzt der Regierungsrat in die Küche kam und um ein Reisig bat, seine Pfeife auszuräumen, obgleich das eigens hierzu dienende Instrument, die sogenannte Amtspflege, drinnen in der Stube stand. Er stutzte, als er Magdalene sah, und sie am Kinne fassend sagte er:

»Du siehst ja recht übel aus. Nicht wahr, in der Stadt ist's doch besser?«

Magdalene wollte vor Furcht und Scheu in den Boden sinken, aber Arbeit hilft aus allen Verlegenheiten. Sie nahm schnell der Magd die Gabel ab und wendete den Pfannkuchen in dem brodelnden Schmalze, indem sie dabei sagte:

»Man muß sich an alles gewöhnen, Herr Oberamtsrichter.«

Der Regierungsrat, dessen Beförderung noch nicht bis zu Magdalene bekannt geworden war, entfernte sich bald und sagte noch zum Abschiede:

»Ich will dem Doktor Heister sagen, daß du da bist, ich will ihn herausschicken; oder willst du hereinkommen?«

»Ach nein, nein.«

Das machte sich nun allerdings gut, denn Bärbele hatte den Mut nicht, den Auftrag auszurichten; auch fand sie es unschicklich.

Nun aber ward es Magdalene plötzlich höllenangst. Sie hatte sich so sehr darauf gefreut, den edlen Mann wieder zu sehen, Trost und Hülfe bei ihm zu suchen, und jetzt ergriff sie namenlose Furcht. Sie eilte rasch aus der Küche fort, die Treppe hinab und nach Hause. Sie hätte allerdings auch vergebens gewartet; denn drinnen in dem Verschlägle – der Honoratiorenstube, die durch eine Bretterwand von der großen Wirtsstube getrennt war – sagte der Regierungsrat:

»Ich habe soeben die lustige Magd gesehen, die vor einigen Jahren bei dir diente. Es ist jämmerlich, wie sie aussieht. Draußen in der Küche steht sie. Sie hat ihrem Herzallerliebsten, dem schmucken Postillon, zu einem Diebstahle verholfen. Es gibt allerlei Konnexionen in der Welt. Erinnerst du dich noch des Burschen? Der wollte, daß kein anderer Sträfling außer ihm ins Dorf komme, der traute den wilden Katzen nicht. Unser Land wäre aber zu klein, wenn man jeden wilden Schößling in ein besonderes Terrain versetzen wollte; wir müßten die Prairien von Südamerika haben.«

»Das wäre nicht nötig«, erwiderte Heister. »Bis auf die Verbrecher erstreckt sich das Übel, das aus der Zerstückelung Deutschlands kommt. In einem großen einheitlichen Lande ist es einem Menschen, der einen Fehltritt begangen hat, leichter möglich, fern von dem Schauplatze seines Falles und doch innerhalb des Vaterlandes, bewacht und doch ungekannt ein neues Leben zu beginnen.«

»Deliziös!« rief der Regierungsrat, »du kannst Aufsehen damit machen, du kannst ein Patent darauf lösen, diesen teleologischen Beweis von dem notwendigen Dasein der deutschen Einheit gefunden zu haben.«

Eine längere Pause trat ein. Man merkte es, die beiden Freunde – so nannten sie sich noch immer – waren verstimmt, sich hier gefunden zu haben. Sie verhehlten einander den Zweck ihrer Reise, und doch wußte jeder den des andern.

»Meine Herbstfahrt liefert mir prächtige Ausbeute«, begann der Regierungsrat wieder. »Ich habe ganz magnifique Cabinetsstücke aus der Rokokozeit gefunden und für einen Spottpreis gekauft. Ich kann jetzt noch ein viertes Zimmer nach dem Geschmack der Renaissance möblieren.«

Heister lächelte innerlich über die Verschlagenheit seines Freundes, aber er fühlte heute auch die Lust, diplomatisch mit ihm zu spielen wie die Katze mit der Maus. Er fühlte sich so sicher in seiner wirklichen Sendung und schob eine andere in den Vordergrund, indem er vorgab, als Ausschußmitglied des Vereins für entlassene Sträflinge die Gegend zu bereisen, um nach den Pflegebefohlenen zu sehen. So spielten die beiden Freunde Versteckens miteinander, daß der Buchmaier, der dabei saß, verwundert drein sah.

»Ah«, nahm der Regierungsrat wieder das Wort, »bald hätte ich vergessen, dir zu gratulieren, Herr Direktor; du bist ja in das Direktorium der Eisenbahn gewählt worden. Da sieht man eben doch, wo ihr Liberale hinauswollt. Darum habt ihr's dahin gebracht, daß die Eisenbahn nicht Staatseigentum wird, damit ihr auch Ämter zu vergeben habt und auch Titel. Nicht wahr, so ein Titel schmeckt doch gut?«

»Allerdings«, erwiderte Heister, zwar lächelnd, aber doch etwas gereizt, »Wir haben es auf den Ruin der Titel abgesehen; der Nimbus fällt. Und dann: Euer allmächtiger Staat soll nicht noch neue Macht aufhäufen, um wieder von oben bis herunter durch Ämtchen und Versorgungen einen ganzen Troß kirre zu machen.«

»Da sieht man wieder euch Kurzsichtige, die ihr euch Liberale nennt«, entgegnete der Regierungsrat. »Mag der Staat nicht so sein, wie er sollte – was ich gern in manchen Beziehungen zugebe – so verkennt ihr doch alle Prinzipien des Staatslebens, wenn ihr darauf ausgeht, die Staatsmacht zu schmälern und zu spalten. Bekommt ihr einmal einen Staat, wie ihr ihn wollt, so habt ihr mit diesen Grundsätzen ein hölzernes Schwert, das nicht hauen und nicht stechen kann. Man kann freisinniger sein als ihr, wenn man auch nicht mit euch übereinstimmt, ja man muß das; die Staatsmacht ist das Höchste.«

»Sagen Sie Beamtenmacht«, schaltete der Buchmaier halblaut ein. Der Regierungsrat schien sich auf keine weiteren Erörterungen einlassen zu wollen; er stand wie unabsichtlich auf und machte wieder seinen Rundgang durch die große Wirtsstube und die Küche.

Heister und der Buchmaier saßen mißvergnügt beieinander, und der letztere sagte:

»Der Regierungsrat ist auch kommen, um sich von unseren Bezirk zum Landstand wählen zu lassen.«

»Weiß wohl«, entgegnete Heister, »aber weil er vor mir hinteren Berg hält, sag ich auch nichts.«

»Der Oberamtmann hat auch schon viel Stimmen für den Regierungsrat im Sack«, berichtete der Buchmaier; »es sind diesmal zu viel Schultheißen Wahlmänner geworden. Der Oberamtmann hat die Schultheißen immer in der Hand, die laufen ihm nicht davon; er kann sie schon drücken, wenn er will. Und dann heißt es auch, wir bekommen eine Seitenbahn, wenn wir den Regierungsrat wählen.

»Larifari.«

»Er scheint gar nicht dumm«, bemerkte der Buchmaier wieder; »was er da vorhin gesagt hat, ist doch gar nicht so uneben, wenn ich auch wohl weiß, zu welchem Loch er naus will.«

»Zu welchem Loch? Durch das leere Knopfloch zu einem neuen Orden«, ergänzte Heister lachend. »Das arme Knopfloch! sperrt das Maul auf und ist so hungrig, und es will doch nichts hereinfliegen. Ein Bändelesfutter wär ihm zu gunnen.«

Dieser Ton schlug beim Buchmaier an, er lächelte vergnügt, und Heister fuhr fort:

»Laßt euch doch von ein paar feingedrehten Redensarten nicht am Narrenseil herumführen. Der Mann hat seinen hochroten Orden aus dem Knopfloch und die hochroten Redensarten aus dem Munde getan und tut ganz schlicht gegen euch. Ihr habt's ja selber gesagt: Er spricht von Staatsmacht und meint Beamtenmacht. Wir wollen auch, daß der Staat stark sei; aber er soll's nur dadurch sein, daß er die Aufsicht über die Macht führt, die in Händen der Bürger liegt.«

Heister setzte nun noch weitläufig auseinander, welche Kraft einem gegliederten Staate innewohne, der aus selbständigen Genossenschaften und Vereinen erwachse.

Wir sehen, welche Bewegungen im Dorfe vorgehen. Wer wird mitten in den Wahlkämpfen noch des unglücklichen Mädchens und des eingekerkerten Knechtes gedenken? Und doch – so wunderbar verschlingen sich die Fäden des Lebens – sollte dadurch die traurige Geschichte ihr Ende finden.

Der Regierungsrat kam plötzlich wieder in die Herrenstube und sagte: »Da draußen geht's wild her. Der Stellenjäger, der Frieder, führt das große Wort. Ich müßte alle kriminalistische Witterung verloren haben, wenn der nicht frisch gestohlenes Gut in der Tasche hat.«

Die drei waren still und horchten hin, wie Frieder draußen rief: »Adlerwirt, bring mir einen Überrheiner, der Wein da schmeckt ja nach nichts, der schmeckt just, wie wenn man die Zung zum Fenster naus streckt.«

Als der bessere Schoppen kam und schnell auf einen Zug geleert ward, rief Frieder abermals: »Adlerwirt, hast kein'n Hund da?«

»Warum?« fragte Konrad.

»Narr«, schrie Frieder, hell auflachend: »Ich hab so viel Kronentaler, ich möcht sie gerad einem Hund zu fressen geben. Mehlwürmer! Mehlwürmer!« kreischte er taumelnd: »Ich hab sie dem Bäck aus der Nas zogen.«

Er schlug das Glas auf den Tisch, daß ihm die Scherben in die Hand schnitten, er stampfte gewaltig auf den Boden, fuhr sich mit beiden Händen in die Haare und zerrte sich zähneknirschend und schrie, obgleich ihn niemand fassen wollte: »Weg da, weg da! Rühr mich keiner an, oder ich schneid ihm die Gurgel ab. Himmel heilig, weg! drei Schritt vom Leib sag ich!«

Er starrte stier drein, dann ließ er die Hände fallen, der Kopf sank immer tiefer, er legte ihn auf den Tisch, als wollte er einschlafen; seine Schultern schüttelte er noch immer abwehrend, als fasse ihn jemand.

Der Buchmaier, der Regierungsrat und Heister waren in die große Wirtsstube getreten. Heister wurde schnell alles klar. Er kannte Frieder als den Vater Magdalenens. Niemand als dieser hatte das Geld gestohlen.

In seinem Rausche wurde Frieder fortgebracht. Er hatte sich nur gegen die Angreifer in seinen Gedanken gewehrt; gegen die wirklichen war er ganz willig, so weit in seinem Zustande von Willen die Rede sein konnte.

Andern Tages wurde Frieder nach der Stadt geführt. Er verlangte vorher noch einmal zu Magdalene gebracht zu werden, er habe ihr vieles zu sagen. Magdalene hörte und sah ihn aber nicht, sie lag in Fieberphantasien und rief nur bisweilen aus dem Traume:

»Das Beil weg, das Beil weg... Hauet dem Marder in den Kopf... der Rab hat die Löffel...«

Heister stand mit Tränen in den Augen an ihrem Lager. Frieder bekannte ihm auch sein früheres Verbrechen und daß Magdalene vollkommen schuldlos.

Jakob wurde nun frei, Frieder kam an seine Stelle.

Wie ein siegreicher Held wurde Jakob im Dorfe empfangen. Alles drängte sich zu ihm heran, alles faßte seine Hand; man nannte ihn einen braven, wackern Menschen und war überaus liebreich. Man lobte ihn fast noch mehr, als man berechtigt war, denn niemand kannte genau die Tiefe seines Wesens; aber jedes hatte ihm etwas abzubitten und kam ihm nun mit doppelter Liebe entgegen.

Heister nahm sich Jakobs an wie ein Bruder, und dieser sah jetzt selber ein, wie recht Magdalene gehabt hatte da sie immer behauptete: Es gibt eine Einigung des Menschen über die Familie hinaus – die freie, rein menschliche Liebe.

Magdalene erkannte Jakob und Heister nur einmal einen Augenblick, dann verfiel sie wieder in ihre Fieberphantasien und träumte vom Marder mit der Mütze, vom Kopfspalten und vom Beil.

In der ganzen Gegend gewann es Heister alle Herzen, daß er die Unschuld so ans Tageslicht gebracht hatte. Er war allen bereits als freigesinnter Mann bekannt, jetzt war er ihnen durch sein menschenfreundliches Wesen in den beschränkteren Lebensverhältnissen näher getreten. Die politische Freisinnigkeit zeigte sich allen in ihrem ursprünglichen Kern: der Humanität. Die Sage verbreitete noch zum Überflusse, daß Heister hauptsächlich zur Befreiung der Unschuldigen in das Dorf gekommen sei, da er das Rechte schon lang geahnt habe. Mit großer Stimmenmehrheit wurde Heister zum Abgeordneten gewählt, und er vertritt die Rechte des Volkes mit nachdrücklichem Freimute.

Und Frieder? Wir müssen zu ihm ins Gefängnis dringen, werden aber wenig erkunden; er, der Feind alles Schweigens, regt jetzt kaum die Lippen zu einem Worte. Es muß noch ein schweres Verbrechen auf ihm lasten, denn bisweilen knirscht er doch vor sich hin:

»Pfui, alter Schindersknecht, hast dir selber den Strick um den Hals dreht; hast's gelernt, tu's recht. Weinheber, pfui!«

Am zweiten Tage nach der Einkerkerung Frieders fuhr in aller Frühe ein zweirädriger Karren, dran ein mageres Pferd gespannt war, durch das Tal der Universitätsstadt zu. Auf dem Karren lag eine lange Kiste, und drinnen war die Leiche Frieders. Er hatte sich im Gefängnis erhängt. Schwere, geheimnisvolle Verbrechen hat er mit hinübergenommen.

Bald hoch in den Lüften, bald nahe geleiteten Raben den Karren. Ihr Krächzen war der einzige Klagelaut, den man vernahm. Das Fuhrwerk ging ihnen zu träge, und sie flogen voraus und setzten sich auf einen hervorragenden Tannenast, ließen das Gefährt einen Vorsprung gewinnen und folgten dann immer mit Krächzen wieder nach. Oder waren es Kameraden, die sie anrufen mußten und die ablösten? Der Fuhrmann wenigstens glaubte steif und fest, es wären dieselben, die ihm bis zum Tore der Stadt folgten.

Frieder hatte geheimnisvolle Verbrechen mit sich erdrosselt. Die Gelehrten durchforschten jede Ader seines Körpers, das Geheimnis seines Lebens fanden sie aber nirgends.

Ein freundlicher Genius hatte Magdalene in Fieberphantasien versenkt; sie verschlief Leid und Freud der letzten Tage. Als sie nach mehreren Wochen genas, nahm Heister sie wieder zu sich in die Stadt. Sie ward wieder das selige, frohe Kind von ehedem und lebt in der Meinung: Frieder sei eines natürlichen Todes gestorben.

Magdalene hatte keine Ruhe, bis Heister Jakob eröffnete, in welcher Beziehung sie zu Frieder gestanden. Er zuckte schmerzlich zusammen über dieses letzte grausame Geschick, überwand es aber mit seltenem Gleichmute, zu dessen Gewinnung ihm noch eine neue Überraschung verhalf.

Als Frau Heister in die Küche trat, erkannte er augenblicklich in ihr jene junge Frau wieder, die er an jenem Schicksalsabende mit seinen Stücklein so erfreut hatte; sie war ihm im Gedächtnis geblieben, Heister hatte er nicht erkannt.

Ein freundliches Erinnerungsband wurde nach gegenseitiger Mitteilung dadurch wieder fester geknüpft.

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