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Otto Julius Bierbaum: Stilpe - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleStilpe
authorOtto Julius Bierbaum
year1909
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin
titleStilpe
created20020709
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1897
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Fünftes Kapitel.

So ein kleiner Junge, der Dichter werden will, ist ein merkwürdiges Phänomen. Es verlohnt sich wohl, es näher zu betrachten.

Es ist keineswegs dasselbe, wie wenn etwa Einer in Prima anfängt, die Papierleyer zu schlagen. Da pflegt meist Nachahmungstrieb und Ehrgeiz der Hauptgrund zu sein, und die Fälle sind selten bemerkenswert. Schon, weil sie, selbst in unsrer Zeit noch, gar zu häufig sind.

Aber wenn die Verse so früh flügge werden, wie bei unserm Stilpe, dann liegt die Sache tief und verdient Beachtung. Bloße Nachahmung ist es nicht, Ehrgeiz steckt gar nicht dahinter, – was also ist es wohl?

Es wird das Beste sein, wir studieren die wunderliche Erscheinung an dem Knaben Willibald.

Zuerst die Bemerkung, daß vor der Szene unter dem Katheder sich nichts in ihm geregt hat, was als Hinweis auf das plötzliche Verswesen ausgelegt werden könnte. Höchstens, daß er sehr gerne im Gesangbuch las, ohne daß ihn Frömmigkeit dazu veranlaßt hätte. Er las, weil es ihm gut klang. Aber es kam ihm dabei durchaus nicht der Gedanke, auch mal so was Klingendes zu machen. Er dachte überhaupt nicht daran, daß das etwas gemachtes sei. Er nahm es wie eine Blume, wie einen Baum und freute sich dran.

Und nun, nicht wahr, es ist doch sonderbar: Kaum, daß er eine kleine Josephine neben sich gefühlt hat, setzt er sich hin und schreibt Verse. Und nicht dies blos, er empfindet plötzlich, wenn auch verworren und wie aus drängenden Nebeln: Dies, das Verseschreiben, ist ein unerhörtes Glück, ein Ziel über allen Zielen.

Etwas Schwillendes ist in ihm, etwas, das sich nur mit diesem unsagbaren Gefühle unterm Katheder vergleichen läßt. Und er hütet das Geheimnis dieses Schwillens mit demselben Gefühle von Scham, wie das Geheimnis seines Abenteuers mit Josephine.

Vielleicht sind diese beiden Geheimnisse nur eines? Vielleicht ist es nur der Biß in den verbotenen Apfel der Erkenntnis?

Aber er hat an diesem Apfel doch fürs erste nur geleckt, wenn auch zugegeben werden muß, daß er eine unbestimmte Lust empfindet, nun auch hineinzubeißen.

Nein, man kann nicht sagen daß Josephine und die Verse ein und dasselbe sind. Es sind zwei Offenbarungen auf einmal, von denen die eine die andre mit sich gebracht hat, und sie sind, obwohl sie scheinbar dieselben Erscheinungen zur Folge haben, doch verschieden von einander. Daß sie einander auch feindlich sein können, wird gerade dieses Leben Stilpes beweisen.

Der Teufel zieht gerne Unterröcke an. Das wissen wir aus der Geschichte mancher heiligen Männer. Manchmal hat er aber auch ein »hölzin Röcklin« an und »liegt beim Wirt im Keller«. Es giebt ein paar lehrreiche Seiten der Literaturgeschichte, wo sich Belege dafür finden.

Heilige und Dichter haben mehr mit dem Teufel zu thun, als gute Christen und schwärmerische junge Mädchen glauben.

Wer nicht mit allerhand Teufeln den Tanz bestanden hat, kann weder ein Gloriole noch den Lorbeerkranz erhalten.

Und die Teufel, die allerhand Teufel, – es ist erstaunlich, was sie tanzen können. Zu Anfang wissen sie so sanfte zu walzen, und es geht lieblich dahin mit ihnen, aber auf einmal ist der Wirbel da, der in den Höllentrichter fegt.

Guter Gott, ich schreibe doch keine Dämonologie! Aber mein Held will (oh Willibald!) Dichter werden.

Der kleine Willibald schied sich jetzt von seinen Kameraden noch mehr ab, als früher. Einesteils fühlte er sich hoch erhaben über sie, und andernteils hatte er Furcht vor ihnen. Er empfand, daß es keinen unter ihnen gäbe, dem er seine Geheimnisse verraten dürfte, ohne furchtbar ausgelacht zu werden, und er hätte auch keinen für würdig gehalten, sein Mitwisser zu sein. Auch war er viel zu sehr mit sich beschäftigt, als daß er Lust hätte haben können, sich an sie anzuschließen.

Er fing an, mit sich zu phantasieren. In den Schul- und Arbeitsstunden sowohl wie in der freien Zeit ließ er seine Gedanken nach unbekannten Dingen fliegen und machte groteske Ungetüme von Versen daraus. Nebstbei fing er auch an, auf alles Gedruckte zu fahnden, was kein Schulbuch war. Der Hauptinhalt all seiner Phantasien war aber Buschkleppers Josephine.

Er trug die Wärme von ihr, die er unterm Katheder gefühlt hatte, mit sich herum, und zuweilen war es ihm, wie wenn er in einer lauen Wolke ginge. Manchmal mußte er die Augen zumachen, so stark überkam es ihn.

Wenn er sie nur einmal sehen könnte, ihr ein Zeichen geben, dachte er sich. Aber es schien, als ob sie gar nicht mehr da wäre. Jede Minute, die er allein sein konnte, verwandte er darauf, ihr aufzulauern.

Es war im Herbst, und so durfte er hoffen, sie einmal im Lehrergarten zu sehen, der, in verschiedene Parzellen geteilt, für jeden Lehrer ein Sondergärtchen enthielt. Aber immer war es nur der alte Buschklepper in seinem grauen Ziegenbarte, den er botanisierend dort wandeln sah, oder die Frau Buschklepperin, von der unter den Jungen die Rede ging, sie prügele ihren Mann jede Woche mindestens einmal. Das machte sie unter den Jungens zwar sehr beliebt, aber für Willibalds Zwecke genügte es doch nicht.

Etwa vier Wochen lang lauerte Willibald auf Josephine, da kam wieder so ein Selektanerabend, der mit des Direktors Kegelvergnügen zusammenfiel.

Diesmal waren Alkohol und Nikotin in den Hintergrund gedrängt durch ein großes und heroisches Unternehmen. Einer von den Großen hatte sich den Schlüssel zur Küche verschafft, neben der ein Keller voll Äpfel lag. Und es war die Losung verteilt worden, daß jeder Selektaner seinen Reisekoffer bereit halten sollte zu einem Raubzuge auf diese Äpfel. Nur ein paar Strunks waren ausgewählt, Postendienste zu leisten. Es war ein Beweis für das Vertrauen, das man Willibald entgegenbrachte, daß auch er der Vorpostenkette eingereiht wurde. Der Postenkommandant aber war Fliczek. Er hatte sich zwar dagegen gewehrt und das verantwortungsvolle Amt durchaus nicht annehmen wollen, aber die übrigen Großen hatten ihn beim Ehrenpunkte gefaßt und erklärt, er, als der Schlaueste, müsse unbedingt die Posten leiten, wenn er nicht für einen elenden Feigling gehalten sein wollte.

So rückten die Posten, Fliczek an der Spitze, aus. Leise, auf den Zehenspitzen, obwohl dies eigentlich nicht nötig war, schlich man durch die langen dunkeln Corridore, dann ging es eine enge Treppe hinunter in das Souterrain, und von hier aus sollte der Küchenbau umstellt und eine Spähspitze bis vor an das Direktorhaus gesandt werden. Fliczek verteilte die Posten, Willibald behielt er zurück.

– Du mußt bis ans Direktorhaus, Stilpe. Ich geh an Buschkleppern seins. Wenn alles ruhig ist, pfeifst Du, daß Rille in die Classe läuft und die Andern ruft. Wenn der Direktor kommt, klatschst Du und reißt aus.

– Was willst Du denn an Buschkleppern sei'm Hans? Da kommt doch niemand her!?

Halt'n Rand und mach, was ich Dir gesagt habe.

Willibald ging über den Hof geradeaus und hörte, wie sich Fliczek nach links entfernte.

Was wollte der zum Teufel denn dort? Willibald begriff durchaus nicht, weshalb man sich gegen den alten Buschklepper durch einen Hauptposten schützen wollte, vor diesem alten Mann, der ganz gewiß nicht in der Nacht revidierte.

Aber er ging, doch ein wenig stolz darauf, daß er den gefährlichsten Posten erhalten hatte, bis zum Direktorhause und dachte einstweilen nur an seine Pflicht. Als er aber den vorschriftsmäßigen Pfiff gethan hatte und ringsum nichts Verdächtiges zu bemerken war, da kam ihm plötzlich der Gedanke an Josephine.

Wenn ich durch den Lehrergarten hinten herumginge, dachte er sich, so käme ich an die Hinterthüre von Buschkleppers Hause. Dort wird mich Fliczek nicht merken, der natürlich an der Vorderthüre aufpaßt. Vielleicht ist hinten noch Licht, und ich sehe sie.

Kaum, daß er sich das gedacht hatte, war er auch schon auf dem Wege. Der war zwar unbequem, denn er mußte immer über die Zäune steigen, die zwischen den einzelnen Lehrergärtchen waren, auch stieß er sich bald an einen Baum, bald kam er in ein Gebüsch, bald sank er in ein Beet, aber er wäre ja durch Meere geschwommen, um in Josephinens Nähe zu kommen.

Er zählte die Stackete ab. Fünf hatte er nun, nach dem sechsten war er in Buschkleppers Garten.

Herrgott, wie ihm das Herz schlug!

Da, eben, als er übersteigen wollte, hörte er was flüstern.

Himmel! Wer ist das! Er schlich sich nahe an das Stacket, um genau zu hören, wo das Geflüster herkam. Rechts hinten wars, drüben in der Laube.

Er schlich das Stacket entlang nach rechts, der Laube zu.

Das Geflüster wurde vernehmlicher. Plötzlich hörte er:

– Pscht!

– Was denn?

– Da knackte was!

– Ä, nee!

Willibald wurde es siedendheiß. War das nicht . . .?

Aber er ging näher. Und er hörte:

– Bleib doch noch e bißl!

– Nein, nein, ich muß zu den andern, sonst merken sie's.

– Ach, Du!

Da, an diesem Ach Du! merkte Willig daß die eine Stimme Josephinens war, und mit einem Male wußte er, daß die andre die Fliczeks sein mußte.

Eine jagende Wut überkam den kleinen Burschen. Mit einem Sprunge war er übers Stacket, mitten in die Finsternis hinein.

Ein Aufschrei rechts vor ihm. Nur ein paar Schritte.

Noch ehe Fliczek davon konnte, war Willibald dort und drasch auf den Fliehenden mit seinen kleinen Fäusten wie rasend los. Dann wandte er sich um und blieb vor Josephine stehen:

– Du, Du, Du Luder, Du, Du Luder!

– Ja, Du, was willst denn Du hier?

– Ich, ich, ich . . . Und nun heulte der arme Junge los, daß das Mädchen seinen Schreck und seinen Zorn über ihn vergaß und ihn tröstete.

Er war ganz besinnungslos und legte seine Hände auf ihre Achseln und lehnte seinen Kopf darauf und schluchzte: Du . . . mußt . . . mir . . . nicht böse sein, ich, ich . . . ach . . . Und er heulte wieder.

– Nein, nein, ich bin Dir ja nicht böse, ich . . . ich bin Dir wirklich nicht böse . . . nein, aber nu geh doch, geh!

Da war der kleine Junge wieder ganz selig und fiel dem Mädel um den Hals und drückte sie, preßte sie, quetschte sie, daß sie ihre Not hatte, ihn von sich abzustreifen. Ihr Gesicht war ganz naß von seinen Thränen, und die offenen Haare hingen ihr über die Brust vor. Sie sahen einander nicht, aber ihre Blicke hingen ineinander.

Schließlich versetzte ihr Willibald einen Kuß, so laut und schallend, daß sie nun, ob auch ungern, es für unumgänglich nötig hielt, ein Ende zu machen.

– Nu geh, Du, mach, sonst kommt noch jemand. Aber so geh doch!

Willibald ließ sie nicht los.

– Du, ich schreie nu aber! Und wenn mei Vater kommt!

Der Gedanke an den alten Buschklepper brachte Willibald zur Besinnung.

– Ja, ja, aber nicht mehr mit Fliczek'n!

– Nee, nee, geh nur!

Willibald ließ sie los und lief davon. Er lief, als hätte er keinerlei Ursache, leise und vorsichtig aufzutreten, er sprang quer über den Hof, nach dem Classenzimmer zu. Plötzlich zwang ihn etwas, stehen zu bleiben.

Herrgott, wenn jetzt die Andern geklappt sind! Und ich bin schuld daran!

Ich? Nee: Fliczek!

Und jetzt kam die Wut nochmals über ihn, und statt durch die Thüre zu gehn, sprang er durchs Fenster in den Corridor.

Da roch es wundergut nach Äpfeln.

Das besänftigte ihn. Leise schlich er sich hinauf in den Schlafsaal.

Nr. 172, auch ein Selektaner, lag noch wach und kaute an einem Apfel:

– Was kommst Du denn so späte?

– Ich hab, ich hab gedacht, ich muß noch Posten stehn.

– I, Unsinn. Wir sind schon lange oben. Deine Äppel und Fliczek'n seine hat der lange Ayrich. Willst Du een'? Ich habs ganze Bette voll.

– Gieb nur!

Und auch der Apfel schmeckte gut.

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