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Otto Julius Bierbaum: Stilpe - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleStilpe
authorOtto Julius Bierbaum
year1909
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin
titleStilpe
created20020709
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1897
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Drittes Kapitel.

Stilpe saß an seinem Schreibtisch und arbeitete. Er machte dazu ein Gesicht wie der lachende Zola, unendlich zufrieden und mit einem Blick, der auch noch im Lachen ein Ziel im Auge hat.

Die Pfeife saß im rechten Mundwinkel, von den Zähnen nach oben gestemmt, so daß es gar verwegen aussah. Die Dampfwolken fuhren mit Kraft aus dem vollen Munde mit den aufgeworfenen Lippen.

Rechts und links türmten sich neben verschiedenen Liqueurflaschen Papiere, Briefe, Druckproben zu Programmen, Zeitungen, Zeichnungen, Manuskripte, Notenstöße. Große offene Körbe standen im Zimmer, aus denen blumig bedruckte Musselinstoffe, dünne indische Seidengewebe in hellen schönen Farben, schwere dunkle Samte, Spitzen, Goldfranzen hervorquollen. An den Wänden hingen große bunte Kostümbilder im Geschmacke der englischen Ästheten, aber heiterer, frecher. Mit dem Geruch des Old Judge mischten sich Parfüms von der resoluten Art, wie man sie in den Garderoben von Variétédivas einatmet.

Stilpe war von Grund der Seele aus vergnügt. Wenn er einmal die Feder weglegte, rieb er sich die Hände und pfiff vor sich hin. Ja, er murmelte sogar zuweilen Worte erregter Befriedigung: Hop! So! Tja, tja, tja, tja! Höh! Das reißt!

Und doch war der erste Momus-Rausch, der Rausch der Pläne und Phantasieen vorüber, der Rausch der Tage und Nächte, als sie in täglichen Zusammenkünften die Idee der Sängerin im Verein mit ihr genauer durchgesprochen hatten.

Wie hatten sie da über die Zeitschrift gelacht, wie hatten sie die Sängerin gefeiert als Retterin aus dem schlimmsten aller Tintensümpfe; wie war da Stilpe von Tag zu Tag lebhafter, lustiger geworden.

– Ha: Die Renaissance aller Künste und des ganzen Lebens vom Tingeltangel her! Oh, das ingeniöse Mädchen aus Holstein! Man wird sie preisen wie eine neue und größere Neuberin, als die moderne Muse in Person. Unter ihrem Zeichen werden wir das neue, echte, ganze, das lachende Heidentum heraufführen mit Bocksprüngen und höchst edlen Faltenwürfen zärtlicher Gewänder. In unserm Schlepptau wird Alles hängen: Malerei, Poeterei, Musikerei und Alles überhaupt, was Schönheit und genießendes Leben will. Was ist die Kunst jetzt? Eine bunte, ein bischen glitzernde Spinnwebe im Winkel des Lebens. Wir wollen sie wie ein goldenes Netz über das ganze Volk, das ganze Leben werfen. Denn zu uns, ins Tingeltangel, werden Alle kommen, die Theater und Museen ebenso ängstlich fliehen, wie die Kirche. Und bei uns werden sie, die blos ein bischen bunte Unterhaltung suchen, das finden, was ihnen Allen fehlt: Den heiteren Geist, das Leben zu verklären, die Kunst des Tanzes in Worten, Tönen, Farben, Linien, Bewegungen. Die nackte Lust am Schönen, der Humor, der die Welt am Ohre nimmt, die Phantasie, die mit den Sternen jongliert und auf des Weltgeists Schuurrbartenden Seil tanzt, die Philosophie des harmonischen Lachens, das Jauchzen schmerzlicher Seelenbrunst, – ah, werft mir ein paar Feigenkränze voll Worten zu, blast mir Assoziationen ein, laßt mich in Inkohärenzen lallen, laßt mich farbige Wortflutsäulen ausnüstern, groß wie die Wasserwürfe aus den Nasen verzückter Walfische! Wir werden ins Leben wirken wie die Troubadours! Wir werden eine neue Cultur herbeitanzen! Wir werden den Übermenschen aus dem Brettl gebären! Wir werden diese alberne Welt umschmeißen! Das Unanständige werden wir zum einzig Anständigen krönen! Das Nackte werden wir in seiner ganzen Schönheit neu aufrichten vor allem Volke! Lustig und lüstig werden wir diese infame, moralklapprige Welt wieder machen, lustig und himmlisch frech! Leichtsinnig soll die Bande wieder werden und soll bauchtanzen lernen! Ah, wir ahnen vielleicht gar nicht, was für raffinierte Sachen die Biedermänner Germaniens leisten werden, wenn unser Geist über sie gekommen ist! . . . Kinder, küßt unsern blonden Engel hier und umarmt mich, denn wir haben die Welt im Sacke!

In diesem Stile und toller noch geberdete sich die Wollust Stilpes, endlich einmal ein Ziel gefunden zu haben, das seinem Wesen gemäß war. Und die andern, der Zungenschnalzer voran, waren nicht weniger außer sich.

Dabei entwickelte Stilpe aber auch eine wirkliche Thätigkeit, und, kaum, daß ein Monat vergangen war seit dem ersten Auftauchen der Momus-Idee, da hatte er auch schon »Kapital am Bändel«, und die Aktiengesellschaft Momus war gegründet, ein verkrachtes kleines Theater gemietet und er »artistischer Direktor« des Ganzen.

Seine Gabe, sich auch klug zu benehmen, wenn es not that, kam ihm dabei sehr zu statten. Es war ein Schauspiel, ihn zu sehen, wie er in seinem Staatsrocke und mit seinen lässigen Gesten des sicheren Geschäftsmannes bei »Leuten von Gelde« am Werke war, die aussichtsreiche neue Idee mit einem großen Aufwande von Zahlen aus dem Geschäftsberichte der Londoner Empire-Gesellschaft zu entwickeln, und wer ihn anzuhörte, wie er in gesetzter Rede, aber mit einem Grundton tiefer künstlerischer Überzeugung und dabei gestützt auf entwickelungsgeschichtliche Ideen origineller Art nachwies, daß das Unternehmen eines »künstlerisch-literarisch bedeutsamen Kunstinstitutes mit Variété-Prinzip« geradezu eine Forderung des Zeitgeistes sei, der zweifelte nicht, daß hier eine »Sache« im Entstehen war.

– Sehen Sie die Theater an! Sie sind leer! Gehen Sie in den Wintergarten! Er ist voll! Dort Ableben, hier Aufleben! Wer die Kunst liebt, muß von Schmerz ergriffen werden bei diesem Anblicke, und Sie wissen, wie sehr sich kunstfreundliche Kreise bemühen, durch Gründung billiger Theater &c. das Publikum, zumal der breiteren Volksschichten, dem Variété zu entziehen. Ein lobenswerter Plan, aber eine falsche Methode, ein verhängnisvoller Irrtum, entsprungen einem Mangel an Zeitpsychologie und an Verständnis für entwickelungsgeschichtliche Resultate! Die Zeit des Theaters ist im Ganzen vorbei! In diesen alten Schlauch füllt nur der Unverstand neuen Wein! Nein, wie das Theater, ehedem ein Appendix der Kirche, sich von dieser losmachte und sich selber eine neue, damals zeitgemäße Form gab, so muß sich die Kunst heute vom Theater emanzipieren und entschlossen die Form annehmen, für die sich der Zeitgeschmack entschieden hat: Die Form des Variétés! Beides ist reif zum Untergange: Das Theater, weil seine ganze Struktur zu klotzig, schwer und unbeweglich ist für die Genäschigkeit des modernen Kunsttriebs, und das jetzige Variété, weil es seine überaus günstige, allen Wünschen einer nervösen Zeit gemäße Form nicht mit wahrhaft künstlerischem Inhalt zu erfüllen versteht. Lassen Sie uns ein Variété gründen als ästhetische Anstalt im weitesten Sinne, als Trägerin und Verkörperung all der heute so üppig sich entfaltenden Richtungen in den Künsten, als Schaubühne des Schönen für Auge, Ohr und Gemüt, und Sie werden sehen, daß Sie sich an einer wahrhaft kulturellen und zugleich eminent praktischen That beteiligt haben!

Mit dieser Anrichtung seiner Ideen für den Geschmack von Leuten, die in Kunst spekulieren wollten, hatte er umsomehr Erfolg, als er sich gleichzeitig den Anschein des vorsichtig bedachten Geschäftsmannes zu geben wußte, der es fürs Erste ablehnte, ein Rieseninstitut ins Leben zu rufen. Ganz von selbst werde sich aus bescheidenen Anfängen das große Etablissement der Zukunftsbühne entwickeln.

Sein bekannter Name, mit dem sich die Empfindung von »geistreicher Schriftsteller« verband, that das Übrige dazu, auch wirkte es besonders überzeugend, daß er selbst als Erster fünftausend Mark allein zeichnete. So erfolgte die Gründung der Gesellschaft schnell, und er erhielt einen Kontrakt als artistischer Direktor mit vollkommener Selbständigkeit.

Da er so klug war, bei den ersten Ankündigungen des entstehenden Unternehmens seinen Namen, obwohl ihm das sehr schwer fiel, beiseite zu lassen, so nahm sich auch die Presse, wenn auch mit den üblichen Vorbehalten, der Sache an, und der Name Momus tauchte in kurzen Zwischenräumen halb geheimnisvoll immer wieder in den Blättern auf.

Es konnte kein Zweifel mehr sein, daß das Berliner Publikum, in erster Linie die literarisch und künstlerisch interessierten Kreise, der neuen Sache mit Spannung entgegensahen. Der Umstand, daß die Witzblätter das Schlagwort vom poetischen Tingeltangel aufbrachten, allerlei literarische Chansons vorschlugen, Ernst von Wildenbruch als Hausdichter des Momus, Menzel als Kostümzeichner und Karl Frenzel als Tanzmeister namhaft machten, trug dazu bei, das Interesse wachzuhalten.

Indessen arbeitete Stilpe mit heiterer Ausdauer unausgesetzt an der Ausgestaltung des Unternehmens bis ins Einzelne. Der Bärenführer und der Peripathetiker schleppten täglich die unerhörtesten Chansons herbei, der Zungenschnalzer entwarf erotische Szenen von trikotloser Kühnheit, Kasimir röchelte im Psalmenstile schauerlich schöne Seelenmonologe voll krebsgeschwürigen Abendröten und satanischen Absynthismen, gestimmt und berechnet auf die Maultrommelbegleitung aztekischer Urmelodieen, die gesammte junge Lyrik aller Schattierungen sandte nach Berlin NW. 32, »postlagernd Momus«, Lieder jeder erdenklichen Art, die Componisten waren auch nicht faul, und die jungen Maler und Zeichner ebensowenig. Dazu wimmelten Chansonetten und Komiker, Reckturner und Jongleure, Tierbändiger und Zauberkünstler, Knockabouts, Clowns, Gedankenleser, Schlangenmenschen, plastische Poseusen, Schnellmaler, Schnelldichter, Schnellmodelleure, Schnellrechner, Mimiker, Negertänzer, Skandalfürstinnen, Antispiritisten, Bauchredner, Zwerg- und Riesenmenschen, kurz alles herbei, was nur auf den Namen Variété hörte und das Literarisch-Künstlerische für Nebensache erachtete. Sogar Herr Ahlwardt kam.

All das bereitete Stilpen ein herzliches Vergnügen, und er bedauerte fast, daß das Programm des Momus so enge Grenzen hatte. Dabei war er in Auslegung des Begriffes Ästhetisch keineswegs engherzig und legte es im Grunde mit »irgendwie angenehm« aus. Nur mit Aufgebot von außerordentlicher Energie ließ er zumal weibliche Artisten ziehen, wenn sie irgendwie angenehm auf ihn wirkten, und gewaltig groß war die »Liste der für später notierten Mädchen«, die er zwar nicht sogleich brauchen konnte, denen er aber mit väterlichem Wohlwollen erklärte: Später peutetre!

Seine Haupthelfer waren der Zungenschnalzer und Martha die Muse. Diese beiden besaßen die eingehende Fachkenntnis, die ihm, dem Organisator und Neuschöpfer, doch abging.

Der Zungenschnalzer wurde als »Choreograph«, Martha als »Direktrice für Chanson und verwandte Gebiete« engagiert. Der Bärenführer, der Peripathetiker und Kasimir konnten in festen Stellungen nicht verwandt werden, doch übten sie das Amt lyrischer Lektoren aus.

Kasimir stöhnte am lautesten unter dieser Bürde:

– Lauter Joethes, Bacillenschwärme von Joethes; es ist sehr scheußlich.

Und fortwährend zitierte er die ihm verfallenen Lyriker mit dem Tone ironischer Ergriffenheit.

Der Peripathetiker mißbrauchte die ihm anvertrauten Gedichtblätter zu Manuskripten, und der Bärenführer erklärte, daß er nur über solche Lyrik objektiv urteilen könnte, der deutsche Briefmarken als Rückporto beigelegt seien. Im Übrigen interessierte der ganze Momus diese Drei nur insofern, als sie durchaus wünschten, auf dem Programm der Première zu stehen. Stilpe war auch ganz damit einverstanden, nur waren die bis jetzt von ihnen vorgelegten poetischen Erzeugnisse nach seiner Meinung noch nicht momusreif.

– Druckreif und momusreif ist ein Unterschied, meine Süßen! Ihr seid noch nicht auf der Höhe des Brettls, ihr seid noch zu papieren! rief er ihnen immer wieder zu.

Übrigens entschied er nicht allein darüber; Martha die Muse hatte das Hauptwort dabei.

Wie er mitten im vergnügtesten Correspondieren war, trat sie ein:

– Na, haben wir endlich ein paar Dichter?

– Nee, ich glaube nicht. Wir müssen den Stil erst erfinden. Entweder fehlt ihnen der Mut oder der Geschmack zum Gassenhauer. Blos der Zungenschnalzer hat ein paar gute Sachen produziert, und das Schönste ist, daß er sie auch selber singen kann. Er ist überhaupt unbezahlbar, und ich werde ihn zum Conrektor des Momus ernennen. Er kann direkt Alles, nur muß man ihn eigentlich erst ein bischen kastrieren. Himmelschreiend diese Erotik! Die vier Tanzmädchen hat er schon vollständig verdorben, und sie wollen nun schon gar nichts mehr anziehn. Er übt jetzt ein Literaturballet mit ihnen ein und ist schon bei den Romantikern: Pas de Tieck. Dann hat er mit den drei Poseusen eine herrliche Nummer ausgeheckt: Das Heinedenkmal. Die Idee ist von mir, aber ich muß sagen: Er hat sie direkt mit Diamanten übersät. Er wird Heine selber darstellen, im Bett liegend, von anmutigen weiblichen Visionen ergötzt. Auch einen dressierten Bären hat er als Atta Troll aufgetrieben. Na, Du wirst ja sehen! Es ist eine unbeschreibliche Nummer! Damit die Antisemiten nicht Spektakel machen, lassen wir darauf das »Journalistische Trio« folgen mit den drei jüdischen Komikern. Sie sind zwar ein bischen ruppig, aber ohne Ruppigkeiten gehts nicht. Übrigens ist mein Text dazu um so feiner. Die Bande solls spüren! Jetzt, wo sie wissen, daß ich die Sache mache. druckt kein Mensch unsre Waschzettel mehr. Na, dafür haben wir die Litfaßsäulen! Totschweigen giebts nicht! – Nur: Diese verfluchten Lyriker! Schließlich muß ich alle Couplets alleine machen. Wenn ich nur mehr Zeit hätte! Und dieser Bärenführer, auf den ich so viel Hoffnung gesetzt hatte! Der Mensch weigert sich, regelmäßige Strophen zu bauen und steift sich fortwährend auf das, was er »Finesse« nennt. Der Peripathetiker thut auch nicht, was man will, und Kasimir kennt seit zwei Wochen blos noch ein Thema: Die Blutschande. Was soll man mit solchen Leuten machen? Die Literatur sitzt ihnen im Schädel wie eine Riesentrichine. Keiner begreift, daß wir die Bühne der Zukunft gründen wollen! Sie werden heute wieder anrücken und Vorschuß verlangen. Ich zahle jetzt aber nicht mehr in baar, sondern in Viktualien. Dabei hat sich Kasimir in die zweite Poseuse verliebt und will für sie einen Seelenrhythmus dichten, natürlich ohne Worte, blos »Geberden einer profunden Idiotie des Geschlechtszentrums«. Das geht noch über den Zungenschnalzer! Dafür verlangt der Bärenführer – den antierotischen Bauchtanz! Nächstens schmeiße ich alle Drei die Treppe hinunter. Sie haben keinen Ernst, weil sie keine Verantwortung haben!

– Gott, vorhin hast Du so'n fideles Gesicht gemacht, und jetzt bist Du der richtige Direktor!

– Ach, ja, freilich! Weißt Du: Die ganze Geschichte wäre herrlich, wenn blos nicht diese verdammte Literatur dabei wäre. Natürlich bin ich fidel! Ich habe ja was zu thun! Aber, wie gesagt: Die Literatur! Wenn wir blos keine Literatur brauchten!

In diesem Augenblicke schoben sich die Drei zur Thüre herein, und der Bärenführer rief, indem er Miene machte, sich in einen Dufthaufen hellblauen Musselins zu setzen:

– Verzeihe mir, Stilpe, verzeihe mir, wie gesagt, ich bin betrunken, und Du mußt mein Couplet nehmen! Es ist ja so schön! Der Droschkenkutscher Nr. 8715 hat mich dafür gratis fahren wollen! Wirklich, wie gesagt, Du mußt es als Prolog von mir deklamieren lassen!

Und er schrie ganz wild, fast schäumend:

   Rum will ich! Uranusbraunen Rum will ich!
Keinen Thee!
Denn ich will betrunken sein!
Gleich den tiefen Unken sein!
Fröhlich wie ein Schnee-
König will ich sein!

Der Peripathetiker sang kindlichen Tones im Refrain:

Fröhlich wie ein Schnee-
König will ich sein.
                          

Der Bärenführer fuhr mit rollenden Augen fort:

        Arak will ich! Sehnsuchtblonden Arak will ich!
Keinen Thee!
Denn ich will besessen sein!
Gleich den rauchenden Essen sein!
Fröhlich wie ein Schnee-
König will ich sein.

Der Peripathetiker säuselte den Refrain dreimal nach. Der Bärenführer aber, mit plötzlich veränderter, sanft flehender Stimme sprach:

– Ach, Stilpe, sieh doch nur: Wie regelmäßig diese Strophe ist! Siehst du, ich folge dir, ich thue was du willst! Ich mache, wie gesagt, regelmäßige Strophen.

Und nun wieder mit dem knurrenden Zorn eines Ebers:

    Gin will ich! Gletscherweißen Gin will ich.
Keinen Thee!
Denn ich will betümpelt sein!
Lilagrün bewimpelt sein!
Fröhlich wie ein Schnee-
König will ich sein.

Wie gesagt, selbstverständlich führe ich die Strophe regelmäßig durch alle Schnäpse fort:

            Absynth will ich! Qualwolkigen Absynth will ich
Keinen . . .

– Genug! schrie Stilpe. Bist Du verrückt!? Denkst Du, ich will mir mein Publikum mit hoher Literatur verjagen? Du bist ganz unbrauchbar! Du kannst beim Momus die Lichter putzen!

Der Bärenführer war tief betrübt und setzte sich in die Sophaecke.

Der Peripathetiker aber schüttelte den Kopf:

– Ja, aber, was willst Du denn haben? Dieses Schneeköniglied ist doch essenzhaft tief und dabei heiter wie eine weiße, segelnde Wolke über Fabrikschlöten. Es hat etwas modern-goliardisches. Nicht wahr, Mathilde: Es ist ein schönes Lied!?

Die Muse lächelte:

– Ach ja, es ist ganz nett, und man könnte es später schon mal singen lassen, als Alkoholistenintermezzo, aber für den Anfang . . .? nein. Ihr müßt euch mehr an den Brettlstil anlehnen vorderhand. Habt ihr denn gar nichts Verliebtes?

Der Peripathetiker machte ein mild-ernstes Gesicht und ließ seine rechte Hand in der linken Brusttasche des Smokings verschwinden, der jetzt schon ein bischen speckig geworden war. Dann entfaltete er eine Nummer der Kreuz-Zeitung und las aus dieser, aber nicht aus ihrem gedruckten Texte, dies:

Gieb mir Deine Hände, Kind,
Deine kleinen weichen Hände,
Die wie Blütenblätter sind,
Kühl und feucht.

Gieb mir Deine Hände leis,
Deine kühlen, feuchten Hände,
Denn die meinen sind so heiß
Wie mein Herz.

Gieb mir Deine Hände, gieb
Still sie mir in meine Hände,
Kleines Mädchen, hab mich lieb,
Hab mich lieb!

Er las das mit einem seltsamen Flüstertone, flehend.

Stilpe schüttelte den Kopf:

– Aber wer soll denn das singen! Das ist ja Lyrik! Himmlische Mächte: Was soll ich mit Lyrik anfangen? Das geht ja nicht! Das ist ja viel zu zart! Ein Tingeltangel ist doch kein Lesekränzchen!

Der Peripathetiker steckte die Kreuzzeitung ruhig in die Hosentasche und sagte blos:

– Ich dachte, es paßte. Ich fände das Gedicht sehr passend, wenn es ein junger müder Mann an ein kleines Mädchen hinsänge, und er nähme ihre Hand und küßte ihr dann die Füße. Aber ich habe auch komische Gesänge. Ein Lied vom geschorenen Pintscher habe ich einmal gemacht. Ich werde es suchen.

Er setzte sich neben den Bärenführer und strich mit seinen schönen schmalen Händen den langen Apostelbart.

Kasimir grinste:

– Hehe, Du hast wohl genug, Direktor. Weißt Du, meine polnische Rhapsodie werde ich Dir auch hier lassen. Auf diesem sehr umfangreichen Schreibtisch da. Hehe, sie wird auch nicht passen. Du willst natürlich, hehe, Humor! Und so mußt Du Herrn Stinde engagieren oder diesen, äh, wie heißt doch der Herr, diesen dicken deutschen Biertrinker, hehe, richtig: Hartleben, hehe; dieser Pilsener-Bier-Joethe paßt für Dich sehr gut. Das ist ein hervorragender Dichter, hehe, geradezu der Onkel der deutschen Poesie. Ich liebe ihn, hehe! Er hat gerade so einen schönen Hornkneifer wie Du.

Stilpe lächelte. Gegen diese Manier fühlte er sich gewappnet.

Aber wütend war er doch. Sie fingen also schon an, ihn zu verachten. Blos, weil er klug war. Weil er langsam vorgehen wollte. Nicht mit dieser tolpatschigen Hast junger Jagdhunde, sondern mit der Ruhe bewußter Verantwortlichkeit.

Unter seiner Freude an der bewegten Arbeit eines Sprechstunde abhaltenden Theaterdirektors hob sich mehr und mehr ein Ingrimm gegen die Leute, mit denen zusammen er eigentlich gedacht hatte, das Momus-Theater zu machen. Ihre Unfähigkeit, für die Zwecke dieses Theaters zu arbeiten, empfand er nicht als einen Mangel ihrer Begabung, sondern er ärgerte sich darüber, daß sie auch in diesem Falle keinerlei Konzessionen an den Begriff des Zweckes in der Kunst machten, und er beneidete sie im Grunde darum. Zwar sagte er sich manchmal, daß sich darin auch Schwäche und Ziellosigkeit offenbarte, aber seine eigene Fähigkeit, gerade für das Momus-Theater zu arbeiten, erschien ihm als ein Anzeichen seiner künstlerischen Inferiorität.

Er fing mit einemmale an, die »Dichterei« zu hassen, und es war ganz ehrlich, wenn er der Muse gegenüber es verwünschte, daß die »Literatur« ein Hauptprogrammpunkt ihrer Gründung war. Und dabei hätte er doch auch um Alles nicht ein bloßer Tingeltangeldirektor sein wollen. Der Gedanke, auf so paradoxe Weise der Kunst zu dienen, kitzelte ihn angenehm.

Aber gerade für das Eigentliche des Unternehmens, gerade für die Verbindung des wertvoll künstlerischen mit dem Tingeltangelhaften, that er am wenigsten. Dafür mußten der Zungenschnalzer und die Muse die Hauptarbeit leisten. Er wars nur zuweilen »Ideen hinter die Kulissen«, schrieb ein paar Couplets von geistreicher Frechheit und entfaltete im Übrigen eine mehr fahrige als zielbewußte Thätigkeit.

Besonders groß war er in der Anschaffung schön bedruckter Stoffe aus England und Belgien. Auch ließ er ausgezeichnete Plakate lithographieren und drucken. In Paris und London engagierte er brillante Tänzerinnen und Sängerinnen zu sehr hohen Gagen; das Beste, was das Ausland an Variété-Theaterkunst hervorbrachte, verpflichtete er dem Momus-Theater. In gewissen Äußerlichkeiten war er sehr erfinderisch und originell. So stellte er anstelle von Logenschließern hübsche junge Mädchen in allerliebst dekolettierten Kleidern an, sorgte für schöne Blumenverkäuferinnen und benutzte seine vorzüglichen Verbindungen in der besseren Berliner Halbwelt zu einer auf das Prinzip der Auswahl des Besten hin systematisierten Verteilung der Freibillets.

Der Pole karakterisierte das Ganze in seiner Weise so:

– O Herr Direktor, Du bist geradezu dschenial! Du eröffnest Ausblicke in geradezu orientalische Kulturen! Du solltest direkt ein literarisches Bordell gründen! Weißt Du, hehe, wo die Mädchen auch gleich dichten oder Joethe deklamieren. Hehe, was Du da für reizende Divänchen in die Logen gestellt hast! Und diese köstlichen Rosa-Ampeln! Hehe, und daß man die Logenthüren von innen verriegeln und an der Brüstung die Vorhänge zuziehen kann, – daran erkenn ich den Meister! Und so sollst Du überhaupt gar keine Vorstellungen geben lassen, sondern blos, hehe, Eintrittspreise verlangen; hehe: »Damen zahlen die Hälfte.«

– Na, und wenn es so wäre! entgegnete Stilpe unerschrocken, wäre das nicht auch schon Verdienst genug? So ein bischen angewandte Erotik ist genau so wichtig, wie eure ganze Schreiberei. Und deshalb ärgert ihr euch eben: Weil Ihr seht, daß ich ins Leben wirken will mit dem Momus und nicht blos in die Literatur. Ihr seid die großen Geister; gut, schön, eminent: Ich laß euch eure Lorberkränze. Ich bin ein einfacher Pionier des neuen Lebens. Nur der Zungenschnalzer versteht mich, weil er den Willen der Zeit versteht. Und denkt ihr denn, ich habe den alten Hut voll Geld gekriegt, um eine Bouillonkultur Seelenkrebs anzulegen? Ich habe das Amt erhalten, die Berliner in ein künstlerisches Leben hinüber zu amüsieren, nicht aber, sie mit Literatur zu mopsen. Der Zweck des Momus ist direkt, eurer ganzen Literatur den Rest von Interesse zu nehmen, den sie etwa noch hat. Wir wollen die Berliner ästhetisch machen. Es giebt hier immer noch Menschen, die Bücher lesen. Das muß aufhören. In den Spitzenunterhöschen meiner kleinen Mädchen steckt mehr Lyrik, als in euren sämtlichen Werken, und wenn die Zeit erst so weit ist, daß ich ohne Unterhöschen tanzen lassen kann, dann werdet sogar ihr begreifen, daß es überflüssig ist, andere Verse zu machen, als solche, die bei mir gesungen werden. Umgotteswillen, begreift doch die Situation! Schöne Kleider, schöne Frisuren, schöne Arme, Brüste, Beine, Bewegungen – darauf kommts an. Erfindet mir Tänze, dichtet Pantomimen, löst mir das Problem der Emanzipation vom Tricot, – das sind Sachen, die ich brauchen kann. Und wenn ihr schon durchaus Verse machen müßt, so vergeßt doch nicht, daß sie von schönen Mädchen gesungen werden, die nicht mit leeren Corsetts auftreten. Und seht euch mal die bunten, feinen Stoffe da an! Was müssen das für Verse sein, die mit solchen Farben, solchen Mustern konkurrieren wollen! Zieht doch eure Verse endlich mal aus! Ich lasse Rops tanzen, – habt ihr doch die Kurasche, Rops zu dichten! Unser Theater heißt doch Momus und nicht Stöcker. Seid ihr denn Predigtamtskandidaten? Mein Gott, was thät ich, wenn ich auf euch angewiesen wäre!

So polterte er sich aus und genügte seinem Bedürfnisse, ab und an verwegene Worte zu ballen. Aus diesem Grunde waren ihm die renitenten Dichter, obwohl er sich herzhaft über sie ärgerte, doch unentbehrlich. Er konnte »an sie hin reden« und sich bei dieser Gelegenheit klar machen, worauf hinaus er eigentlich wollte. Diese Art, sich in Feuer zu reiben, that ihm gute Dienste. Er fand sich mit seinem literarischen Gewissen ab, indem er sich mit den ungebärdigen Poeten abraufte. Wären sie nicht immer wieder aufgetaucht, so hätte er die Literatur überhaupt vergessen und wäre ganz in Mußlin und Seide aufgegangen.

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