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Otto Julius Bierbaum: Stilpe - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleStilpe
authorOtto Julius Bierbaum
year1909
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin
titleStilpe
created20020709
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1897
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Erstes Buch

Der Knabe Willibald

Eine schlechte Kinderstube wird durch kein Begräbnis erster Klasse wett gemacht.

Aus Stilpes zerstreuten Papieren.

Erstes Kapitel.

Als mein Freund Stilpe geboren worden war, herrschte, wie das so üblich ist, viel Freude in der Familie. Dies umsomehr, als die Sache anfangs gedroht hatte, bös auszugehn.

Tante Pauline, die nachgezählt hat, will es beschwören, daß Stilpe-Vater an jenem schweren Tage dreiundachtzig Mal: Umgotteswillen! gesagt hat, wobei er sich, zornig halb, halb mit der Miene eines zerknirscht auf alles Gefaßten, in den Achselausschnitt der Weste fuhr und mit sämmtlichen Fingern, außer den Daumen, die eben hinten steckten, auf beide Seiten der Westenbrust trommelte. Und dabei war Stilpe-Vater eigentlich ein sehr ruhiger Mann, seines Zeichens Lepidopterologe, und konnte von sich sagen, daß er die Welt mit Gelassenheit betrachtete.

Aber dieser Fall war zu sehr außerhalb der Erfahrungen seines Metiers. Das Kind lag nämlich schief, und Doktor Schatzheber, schon durch diesen Namen zum Geburtshelfer prädestiniert, sah sich genötigt, mit der Zange einzugreifen.

Umgotteswillen! Mit der Zange! Dem Lepidopterologen, der an die gelinde Art dachte, wie sich die Schmetterlinge auf diese Welt bringen, hätte sich das Haar gesträubt, wenn es nicht schweißnaß am Schädel geklebt wäre.

– Nu, nu! sagte Tante Pauline: das ist das Schlimmste noch nicht. Die Hebamme hat mir erzählt . . .

– Umgotteswillen, Pauline, verschone mich! Du bist nie in der Lage gewesen. Also solltest du auch nicht . . .

Tante Pauline rauschte ab. Es muß gesagt werden, daß die ganze aufregende Geschichte ihr eine gewisse Genugthuung bereitete.

Das Verheiratetsein hat also auch seine Schattenseiten! Ja, ja, ja!

Das versöhnte sie auf eine Weile mit der Welt.

Schließlich lief also Alles gut ab, nur daß der kleine Stilpe eine kleine Eindöllung am Hinterkopfe aufwies. Tante Pauline hatte die Güte, fragend zu bemerken, ob derlei nicht Blödsinn zur Folge haben könnte?

– Nein! schnaubte Doktor Schatzheber, aber, wenn die Wöchnerin nicht bewußtlos wäre, würde ich Sie . . . . ; dann wusch er seine Zange in Karbol.

Tante Paulinens Benehmen ist schuld daran, daß ich vergessen habe, den Schauplatz von Stilpes Geburt zu nennen. Es vollzog sich dieser Akt in Leißnig, einer kleinen sächsischen Stadt, über die ich in Kürschners Quartlexikon nichts weiter finde, als daß sie an der Freiberger Mulde und nicht weit von dem Schloß Muldenstein liegt. Ich habe auch keinen Anlaß, mich bei diesem Gemeinwesen länger aufzuhalten, denn, wenn ich auch zu Beginn meiner Geschichte eine kleine Stilpopädie zu liefern gedenke, so bin ich doch weit entfernt, mich nach dem preiswürdigen Muster des lieben Meisters Rabelais auch mit den Windelerlebnissen meines Freundes zu beschäftigen. Selbst die erste Hose und die Schulzuckertüte bringt mich nicht von dem Vorsatz ab, erst in dem Augenblick einzusetzen, wo mein Freund in das versandfähige Alter eintritt, da man ihn von Hause weg und in fremde Hände gab, genauer gesprochen, da man ihn aus Leißnig nach Dresden und zwar in die Königliche Erziehungsanstalt für Knaben in Friedrichstadt-Dresden gab, die unter dem Namen Freimaurerinstitut bekannt ist.

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