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Otto Julius Bierbaum: Stilpe - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleStilpe
authorOtto Julius Bierbaum
year1909
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin
titleStilpe
created20020709
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1897
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Viertes Kapitel.

Eine kalte Märznacht; Regen, Wind und zerfetzt jagende Wolken. Das Theater ist aus. Karl Häusser aus München hat den Falstaff gegeben, und trotz des abscheulichen Wetters ist es den Leuten, die aus dem Theater kommen, behaglich zu Mute. Auch Girlinger ist darunter. Eben spannt er den Regenschirm auf, um seinen Cylinder und den neuen langen englischen Überzieher zu schützen, da tritt Stilpe an ihn heran. Er hat keinen Überzieher, und statt der gelben Mütze sitzt ihm ein alter Schlapphut auf dem Kopfe. Seine Hosen sind unten ausgefranzt, seine Stiefel zerrissen, statt Kragen und Shlips trägt er ein wollenes Halstuch.

Girlinger erschrickt, wie er ihn sieht, und macht eine Bewegung, als wolle er davon.

– Aber es ist ja dunkel, Herr Referendar! Du wirst Dich nicht kompromittieren, und ich werde Dich nicht einmal anpumpen, denn die zwei Mark, die Du mir spenden würdest, helfen mir nichts. Aber reden möcht ich n bischen mit Dir. Mir ist, als hätten wir uns eine gute Weile nicht gesehen.

– Ich wußte nicht, daß Du noch hier bist. Ich glaubte . . .

– Was glaubtest Du? Geniere Dich nicht!

– Nun, ich dachte, Du wärest vielleicht . . .

– Nach Amerika? Oder zur Schutztruppe?

– Ich meinte, Du wärest fort.

– Fort! Sehr gut! Aber siehe, noch ist er da! Ja: Bleibe im Lande und nähre dich redlich, wenn Du kein Reisegeld hast, mein Sohn. . . . Wo gehst Du hin?

– Nach Hause.

– Ah so! Nach Hause. Das klingt ungemein nett. Sag mal, Du hast doch einen Hausschlüssel?

– Gewiß.

– Schön. Dann kannst Du mir wohl ein paar Viertelstunden schenken?

– Eigentlich habe ich keine Zeit, da ich morgen Sitzung habe und mich noch etwas in den Akten umsehen muß.

– Sitzung! Akten! Nein, daß ich mit solchen Würdenträgern umgehen darf! Wenn Leipzig russisch wäre, wärst Du sicher schon Beamter der achten Rangklasse.

– Ja, wenn Du mich verhöhnen willst . . .

– Nein, Girlinger, wirklich nicht. Nee. Ich bin so matsch . . Weißt Du, meine Stiefeln haben nur noch nominell Sohlen, und Abendbrot hab ich auch noch nicht gegessen. Da sollte ich höhnen? Nein, ich höhne nicht.

– Aber, Mensch, wovon lebst Du eigentlich!

– Sei unbesorgt: Louis bin ich nicht, obwohl . . . na, gleichviel. Du warst im Theater?

– Ja.

– Ich auch.

– Wie? obwohl Du kein Geld zum Abendbrot . . .

– Ja, die Kunst, mein Lieber! Die Kunst! Ich bin nämlich Aushilfsstatist. Hast Du mich nicht bemerkt? Gelbe Schlappstiefel und einen grünen Busch. Ho! Wenn nur die Wämmser nicht so stänken . . . Aber, was: Der Häusser, das ist ein Kerl! Wie? Es ist gemein von Heinrich, diesen Falstaff am Schlusse so zu behandeln . . . man könnte heulen! Überhaupt: Das ganze Stück wird zur Tragödie durch diesen Schluß. Und diese Parkett- und Galleriewanzen fühlen das gar nicht. Oder etwa Du? Oh nein! Welch eine Genugthuung, daß das fette Laster sein Teil kriegt. Widerlich. Auch Shakespeare war ein kluger Herr und verstand das Geschäft wie Ludwig Fulda. Äh! Mich hats gejuckt, laut aufzuschreien und diesem grünen Tugendprotz von Heinrich meine Schlappstiefel an den Kopf zu werfen.

– Ein angenehmer Effekt.

– Ja, aber er hätte mich meine künstlerische Position gekostet. Nein, ich darf Shakespearen keine Gemeinheit vorwerfen. Ich bin auch ein rechnendes Schwein. Mangelnde Abendbrote demoralisieren.

Girlinger fing an, einen psychologischen Bissen zu ahnen. Es mußte wohl interessant sein, das Problem der Verlumptheit an einem konkreten und dabei einigermaßen vertrauten Fall zu studieren. Er liebte solche Studien, wenn sie bequem gemacht werden konnten. Also lud er Stilpen ein, mit ihm in ein Lokal zu gehen und Abendbrot zu essen.

Stilpe nahm diese Einladung mit Lebhaftigkeit an:

– Mensch, wie schön sind Deine Gedanken! Und ich hielt Dich keines Schwungs für fähig! Verzeihe mir! Aber Du mußt das Lokal mich bestimmen lassen. Nur ist es schwer, denn Dein Cylinder paßt nicht in meine Milieus . . . Aber es geht schon. Die Gosenstube in der Klostergasse ist ein Rahmen, der für Dich und mich paßt. Auch giebt es dort wunderbare Sooleier und einen Nordhäuser, der die Seele mit feurigem Besen fegt. Du hast das ja nicht nötig; Deine Seele ist rein; dafür kannst Du Dich ja an die milde Gose halten. Ich aber werde mich auf Deine Kosten gewaltig ausfegen.

Sie gingen in die Gosenstube und fanden einen leeren Tisch. Stilpe aß mit Heißhunger und sehr viel, die Gose aber benutzte er nur als Vorwand für eine große Anzahl von Nordhäusern, die er mit »Kutscherschwung« zu sich nahm, wobei es stets den Anschein hatte, als wolle er das Glas mit verschlingen.

Im Lichte der Gasflammen sah Girlinger, wie ihm die letzten drei Jahre zugesetzt hatten. Das unrasierte Gesicht fahl und aufgedunsen, die Lippen bläulich, die Augen scheinbar kleiner geworden und sehr unstät. Eine zuckende Unruhe im ganzen Wesen, zumal in der Bewegung der Hände etwas ziellos Fahriges. Aber der Nordhäuser schien zu beruhigen. Zuletzt bekam Stilpe sogar seinen alten Zug von souveräner Ironie und die gewisse, etwas zu deutlich markierte vornehme Lässigkeit der Gesten. Zumal den Rauch der Cigarre blies er ganz wie früher so grandios und dabei mit Genußmiene von sich. Auch seinen alten Stil gab ihm der Nordhäuser ungefähr wieder.

– Ja, mein Teurer, bis auf diese etwas kleckerige Bank da habe ich mich glücklich hinabavanciert, seitdem diese lieblichen Idioten mit den gelben Mützen mich hinausgethan haben. Wie heißt es doch: c. i., das ist cum infamia. Nun ja: Eine reizende Phrase. Ich hätte die ganze Sache mehr von diesem ästhetischen Standpunkte ansehen sollen. Und wie nett das eigentlich war, ich meine, wie gut es dieses brave Schicksal eigentlich gedeichselt hat, wie mütterlich vorbereitend. Erst diese Jünglinge mit ihrem Mikrokosmos von Bierjudikatur, und drei Monate später dieser Makrokosmos des Senats der freundlichen Alma mater. Nochmal c. i. So sind die Naturgesetze. Du verstehst mich doch?

– Ja, aber sag mal: Hast Du denn wirklich . . .?

– In der That: Ich habe wirklich.

– Aber Mensch, Du mußtest doch bedenken . . .

– Was mußte ich bedenken? Daß die Kasse der gelben Mützen nicht meine Kasse war? In der That! Dieser Umstand war mir nicht verborgen. Aber ad l: Eine andre Kasse hatt ich leider nicht und ad 2 schwang mich die Wiege der Zuversicht, das biedere Cénacle, inclusive die beiden kapitalkräftigen Barbemuches, würden mich momento quo (das ist mein Privatlatein) nicht in der Galläpfelsauce sitzen lassen. Ein falsches Calcul, mein Holder, und wenn Du ein bischen in der Weltgeschichte blätterst, wirst Du die Erfahrung machen, daß so was schon manchmal mehr als eine gelbe Mütze und eine Matrikel gekostet hat. Übrigens wäre ich wirklich beinahe der honorigen Studentenschaft erhalten blieben. Aber nicht immer vermögen die Unterröcke zu retten, was die Hosen versehen haben.

– Das verstehe ich nicht.

– Tröste Dich: Ich werde es Dir gleich erzählen. Erinnerst Du Dich an meine erste Liebe?

– Welche?!

– Die chronologisch erste . . . Ich habe es Dir wie jedem Andern damals unfehlbar erzählt. Josephine hieß sie.

– Ach so, die, wo Du erst acht Jahre alt warst, in dem Dresdener Institut?

– Präzis die. Josephine. Buschkleppern seine. Dieser Engel hat mich retten wollen. Es ist zweifellos rührend.

– Aber wieso denn?

– Sehr einfach. Du erinnerst Dich, wie ich euch damals die ganze Sache klar machte. Nicht wahr? Ich sprach doch, wie Cicero und Catilina in einer Person. Es war einer meiner Höhepunkte. Ein paar Anakoluthe hab ich noch in der Erinnerung. Nun, ihr wart mit Talg gepanzert. Es rollte Alles ruhig ab. Besonders Du warst ein großes Achselzucken. Hehe, famos hast Du das gemacht, mein Liebling! Prost! Dafür sollst Du heute noch viele Nordhäuser bezahlen. Also schön. Ich raste ab. Du mußt Dich daran erinnern. Ich habe in meinem Leben das Wort Schweinehunde! nie wieder so schön tremoliert. Und überdies warf ich Dir ja ein Bierseidel an den Bauch. Nicht wahr, Du erinnerst Dich deutlich?

– Ja, Du warst noch unfläthiger, als sonst.

– Das ist mir lieb, zu hören. Aber sela! Als ich draußen war, sagte ich mir: So, die Sache ist nun fix, wo tröst ich meine Seele? Und da besuchte ich denn, aber Du darfst nicht rot werden, Referendar, jene Hausbesitzerin, von der wir manchmal gesungen haben:

Warum ist Deine Laterne wie Blut so rot, Amalie?

Du hast das sehr schön singen können, mein Engel, und oft habe ich Dich im Scheine dieser Laterne stehen sehen, überglüht wie von der Morgenröte. So magisch wirst Du nie wieder aussehen, nie! Und darum prost und sela! Apropos: Du bist doch verlobt?

– Das gehört wol nicht hierher.

– Nein, es fiel mir in diesem Zusammenhange blos so ein. Weißt Du, mir fällt immer das Ungehörige ein, hehe. Übrigens fange ich an, in Stimmung zu kommen, und da rutschen mir immer die Gedanken aus. Wart mal, wovon sprach ich doch. Richtig: Von Deiner Braut! Ist sie wieder gesund?

– Sei nicht albern. Du sprachst von dem Hause dieser alten Vettel, dieser Amalie.

– A–ma–li–eh! Richtig! Und, daß ich damals hinging, wie ihr mich verstoßen hattet. Richtig! Ich bin im Gleise wie die Pferdebahn. Nun gerade aus! Hüh! Brr! Ulrichsgasse! Alles aussteigen! Ah! Was giebts Neues, Mutter der Houris? Wa–as? Wer ist denn das da? Ruhe! Na ja, is gut . . .

– Mensch, Du phantasierst ja.

– Roll mir ein paar Sooleier her, und ich steige auf die Erde.

Er aß ein paar Sooleier und kam zu sich.

– Also denke Dir: Ich gehe mit einem Mädchen hinauf und unterhalte mich mit ihr. Sie gefiel mir nicht etwa. Nein, sie gefiel mir gar nicht. Sie war so, ich weiß nicht, so fatal dürr und, ja: Gläsern. Sie hatte entschieden grüne Augen und unendlich viel Sommersprossen. Aber um den Mund rum hatte sie so was Verächtliches, als ob er schon oft vor Ekel ausgespuckt hätte. Weißt Du, wer so einen Mund gehabt hat? Unser alter Freund Börne.

Also, sie setzt sich aufs Bett und sagt: Na?

– Hm, sag ich, schenken wir uns das!

Sie guckt mich groß an.

– Weißt Du was, sage ich, Du kannst mir dafür Deine erste Liebe erzählen.

– Ich? sagt sie, ich habe gar keine erste Liebe gehabt. Gerade, wies anfing, wars aus!

– Nee, sage ich, so was! Das mußt Du mir nun grade erzählen.

Sie wollte durchaus nicht, aber ich hatte die Gabe der Eindringlichkeit, weißt Du, mit ein bischen Schauspielerei und ein bischen Gefühl neben dran. Denn ich war ja immer gefühlvoll neben dran, hehe. Und so erzählt sie mir denn . . . aber das war wirklich . . . hol mich der Teufel noch einmal! . . . ich dachte, ich wäre endlich wieder mal betrunken . . . ja, denke Dir: Sie erzählt mir meine Geschichte von damals! Ganz genau! Unterm Katheder und dann im Garten!

Ich kriegte direkt Angst. Ich packte sie an den Handgelenken und sah sie so fürchterlich an, daß sie aufschrie. Und da nannte ich ihren Namen, den richtigen, und dann meinen.

Nordhäuser! Nordhäuser!

Er war ganz aufgeregt.

– Wie sie mich da ansah! Die grünen Augen wurden tiefblau und strahlig. Und mit einem Male lag sie mir am Halse und heulte, daß ich denke, sie läuft aus. Und stammelt und stottert und klappert mit den Zähnen. Herrgott! In meinem Leben habe ich ein fremdes Leben nie wieder so gefühlt. Mir wars, als hätte ich ihr Herz leibhaftig und blutend und stoßend in meiner Hand, und es rönne mir über die Finger.

– Du Windelband! Glotze gescheidter. Hehe! Dieser Referendar ist ergriffen!

Er lehnte sich zurück und blies den Cigarrenrauch lachend von sich.

– Komisch! Furchtbar komisch! Was? Das Leben ist talentvoll. Es macht die schwierigsten Sachen ohne allen Apparat. Schmeißt da zwei Zerschmissene aufeinander und sagt: Da habt ihr euch!

Er sah Girlingern blinzelnd an:

– Nicht wahr, die Geschichte ist ein paar Nordhäuser mit Sooleiern wert? Aber mir wird sie langweilig. Was kam auch noch? Ich hatte das Stichwort und goß nun meine Geschichte von mir: So, na und dann bist Du also gefälligst bald dorthin gekommen, wo Du jetzt bist, mein teures Mädchen; bon! Des Herrn Wege sind unerforschlich, und: Wer weiß, wozu es gut ist, sagt der Christ. Ich aber . . . Ach, ich mag nicht mehr erzählen! Kurz und gut, wie sie erfuhr, was mir bevorstand, wollte sie das Geld aufbringen. Viel Gesuche in allen Kasten, dann Geschrei und Gebettel bei Madame Amalie . . . Satis superque, es langte nicht.

 

Die Beiden schwiegen eine Weile.

Dann Girlinger: Und, was hast Du dann eigentlich getrieben?

– Ich? Getrieben? Welch ein Tropus! Ich habe mich treiben lassen. Ach so, Du willst wissen, was ich »gewesen« bin? Höh! Reichskanzler nicht!

– Haben denn Deine Eltern . . .?

– Ich habe eine Schmetterlingssammlung geerbt. Es waren ein paar reizende Kerle darunter. Das andre hat beinah für die Schulden gelangt.

– Warum bist Du nicht unter die Journalisten . . .

– Du siehst doch, daß ich noch unter die Journalisten gegangen bin.

– Aber, Mensch, Du hast doch Talent!

– Aber das Leben hat noch mehr, wie ich mir schon ein Mal zu bemerken erlaubte. Übrigens, mein Sohn, irrst Du Dich, wenn Du denkst, ich bin unter den Rädern. Ich bin blos zwischen dem Roßmist. Du brauchst mir nur das Reisegeld nach Berlin zu leihen, und ich stürze Herrn Bleibtreu. Oh, es kommt schon noch die Zeit, wo ihr mit einigem Stolze sagen werdet: Den berühmten Stilpe kenn ich! Das ist ein Freund von mir.

Deinen Nordhäusern von heute wirst Du es zu verdanken haben, wenn ich Dich dann nicht verleugne.

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