Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Otto Julius Bierbaum: Stilpe - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleStilpe
authorOtto Julius Bierbaum
year1909
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin
titleStilpe
created20020709
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1897
Schließen

Navigation:

Drittes Buch

VIR IVVENIS
DOMINVS
STILPE

In Gottes Apotheke gährt
Ein Stoff, der ist mir herzlich wert,
Ihm hab ich mich ergeben.
Wär er nicht da, die Welt wär hohl;
Oh Du viel lieber Alkohol,
Von Dir lernt ich das Schweben.
Jawohl!
Jawohl!
Das Schweben zwischen den Polen,
Das lehrte mich der Alkohol;
Will mir einmal der Teufel wohl,
Soll er mich alkoholen.

Aus Stilpes zerstreuten Versen

Erstes Kapitel.

Wenn ein neues Semester begonnen hat, pflegen die farbentragenden Studentenkorporationen in Leipzig mit besonderem Eifer das zu kultivieren, was sie den Grimmschen Bummel nennen. Es ist das eine Art stolz geschrittenen Corsos auf der Grimmaischen Straße, wobei sich die zu einem größeren Gesammtverbande gehörigen Verbindungen sehr feierlich nach der gerade im Schwange befindlichen Mode begrüßen.

Denn die Art, die Mütze abzunehmen, ist unter Couleurstudenten gewissen cyklischen Schwankungen unterworfen.

Auch hier ist das Walten harmonischer Gesetze erkennbar. Alte Semester haben darüber kulturhistorisch bedeutsame Aufzeichnungen gemacht, aber das Verdienst, das Gesetz des Cyklus erkannt zu haben, gebührt der kleinen Anna, einem Mädchen von sehr ausgedehnten Bekanntschaften in corpsstudentischen Kreisen.

Wie die Muse der Geschichte hat sie die Semester an sich vorüber streifen (ja, streifen) sehen und dabei dies beobachtet:

Als Beginn eines Cyklus ist allemal die primitive Zeit zu betrachten, wo man die Mütze ganz einfach vorn beim Schild ergreift und sie in leichtem Bogen ziemlich senkrecht nach unten schwingt. Dann folgt:

Die Periode des rechten Randgriffs, die in zwei Unterabteilungen zerfällt:

  1. man ergreift die Mütze am rechten Rande und führt sie mit gebogenem Arm langsam nach vorn,
  2. man ergreift sie wie unter a, führt sie aber nicht nach vorn, sondern stößt sie rechtsseitig steif nach oben.

Sodann folgt die Periode des hinteren Randgriffs, bei der die Mütze also am hinteren Rande ergriffen wird.

Sie hat drei Unterabteilungen:

  1. weiter Bogen nach vorn,
  2. steifer Stoß nach oben,
  3. ganz kurze Lüpfung, wobei das Schild und der vordere Rand fest aufliegen bleiben. Diese Phase, als gewöhnlich letzte des Cyklus, hat etwas marode Decadentes.

Zuweilen fügt sich als vierte Periode noch der vordere Randgriff an, der sich als Pendant zu 3c kennzeichnet. Gewöhnlich indessen beginnt der Cyklus nach der kurzen Lüpfung aufs Neue.

Natürlich sind in diesem kurzen Abriß alle Nuancen, deren es sehr feine giebt, beiseite gelassen worden.

Man befand sich wieder einmal in der Periode 3b, als das weiland Wurzener Cénacle die Leipziger Universität bezog, und es gab keinen Fuchs, der die Mütze so energisch nach oben stieß, wie der stud. phil. et jur. Willibald Stilpe oder, wie er auf der Matrikel feierlich und lateinisch hieß: vir iuvenis dominus Stilpe leissnigensis.

Die Mütze, die er in dieser Weise handhabte, sah gelb aus, genauer gesagt: Kanariengelb, und zeigte außerdem einen weißen und einen schwarzen Streifen.

Stilpe war, uneingedenk des Schwurs an der Mulde, einer Verbindung beigetreten, einer Verbindung schlechthin, die nicht Corps, nicht Burschenschaft, nicht Landsmannschaft war.

Das Kanariengelb war schuld daran.

Stilpes koloristischer Blick hatte sofort bemerkt, daß diese Farbe zu seinen glänzend schwarzen Haaren eminent (das Wort liebte er jetzt) stehen müsse, und es lag überhaupt etwas Schmetterndes, Verwegenes in ihr, etwas, das zu seiner augenblicklichen Stimmung genau paßte.

– Bitte, was kostet diese Handelsstadt? Nur keine Bange! Nur den Preis genannt! Ich zahle ohne Feilschen.

Ein Triumphatoren, ein Sankt Georgsgefühl! Hinter ihm, ein widerlich geschwollenes Grau, lag der überwundene Drache Gymnasium, vor ihm breiteten tausend junge schöne Mädchen glänzende Teppiche aus, weit ins Land hinein, wo rechts und links die angenehmsten Dinge als rotgoldene Ähren auf gelbgoldenen Halmen schaukelten.

Blos mitnehmen! Blos einscheuern! Sklaven wimmeln ringsum und schielen aus tiefer Verbeugung nach Seiner Herrlichkeit gelassenen Winken . . .

Und diese vielen Restaurants! Und keins verboten! Kühn darf man mitten in Damenbedienung sitzen und das Taschentuch behaglicher Paschahwünsche werfen.

In dieser Stimmung hatte er sich ohne viel Besinnen die kanariengelbe Mütze aufgesetzt. Und nun saß sie fest und sah gut aus.

Nachdem er sich für sie einmal entschieden hatte, erbaute er sich aber auch ein System von Gründen dafür, daß er just in eine simple Verbindung, nicht in ein Corps, nicht in eine Burschenschaft, nicht in eine Landsmannschaft eingetreten war:

Das Corps: Rückständige Institution aus unfreien Zeiten, daher Fuchsensklaverei, Burschentyrannis, starrer Formelnkram; die Burschenschaft: Entweder rückständige Romantik, Tugendbund und Keuschheit bis zum Ehebette oder Form ohne Inhalt; die Landsmannschaft: Traditionslose Neugründung, bemäntelt mit einem alten Namen, ohne Wurzeln im Alten, ohne Greifranken ins Neue: Zwitter. Die bloße Verbindung dagegen, nun ja: Das war eben eine Sache für sich, etwas mehr Improvisiertes, das daher auch nicht so umklammerte und absorbierte. Zweifellos bot sich hier auch die leichtere Möglichkeit, eine beeinflussende Stellung zu erhalten. Und das ist doch wohl das Wichtigste!

So verteidigte sich Stilpe vor sich selber. Erst hinterher kam ihm der Gedanke: Aber warum denn überhaupt eine farbige Mütze? Das war ja doch wohl eigentlich eine Kinderei, – wie? Ein Atavismus? Ein testimonium paupertatis animi? Hatte er nicht das Wort geschliffen: Ein freier Kopf braucht keine bunte Mütze?

Gewiß, gewiß! Aber: Si duo faciunt idem, non est idem! (Seitdem er nicht mehr Latein treiben mußte, zitierte er viel Lateinisches.) Für jene anderen ist die Mütze eine gewisse Notwendigkeit und ein Ziel; für ihn aber nichts als ein in souveräner Laune frei gewähltes Mittel.

Mittel, – wozu?

Erstens zur Erzielung gewisser landsknechthafter Empfindungen! Denn es steckt Historie in dieser Institution des wehrhaften deutschen Rauf- und Sauf-Studenten und ein rechter Kerl zeigt seine Rasse; und zweitens zur Kenntnis eben dieses Milieus für seine zukünftige künstlerische Verwertung, denn: Wie sollte er einmal den deutschen Studenten darstellen, wenn er nicht auch diese Spezies studiert hatte?

So rechtfertigte er, der nicht gerne etwas bereute, aber noch weniger gerne etwas unterließ, was ihm lustig dünkte, vor sich selber den improvisierten Schritt, und er legte sich damit auch gleich die Sätze zurecht, mit denen er den Cénacliers entgegentreten wollte, wenn sie ihm mit den Einwendungen kommen würden, die ja eigentlich aus der Rüstkammer seines Intellekts stammten. Er hatte sogar vor, sie für seine Verbindung zu keilen.

Indeß: Er kam zu spät.

Eines Tages, als er mit seiner Mütze und seinen Verbindungsbrüdern leuchtend den Grimmschen Bummel absolvierte, gewahrte er, obwohl er regelrecht und stolz geradeaus ging und scheinbar kein Auge für andre Couleuren hatte, unter den fünf Mitgliedern eines rotmützigen Corps – Stössel.

Es gab ihm einen Ruck, und schon wollte die Hand zum hinteren Rande der gelben Mütze zucken, da kam ihm noch rechtzeitig die Kluft zum Bewußtsein, die zwischen diesem schmetternden Gelb und jenem trüben Rot lag.

Und er lächelte nur ein wenig und dachte bei sich:

– Schau, schau, – Corpsier! Dieser Knabe Marcel war immer ein bischen eitel. Nun, mögen sie ihn bisaken, die Herren C. B. C. B. Übrigens sah er schon verbisakt genug aus. Natürlich wird er mich verachten . . . Wie? Er? Mich? Er möge sichs gefälligst unterstehen! Dieses Knickebein! Sah er nicht aus wie ein frisiertes Meerschweinchen? Welch ein üppiger Knabe!

Im Grunde war es ihm höchst ärgerlich, daß Stössel Corpsstudent geworden war, und er bemerkte plötzlich, daß seine Verbindungsbrüder an äußerer Eleganz einiges zu wünschen übrig ließen. Er nahm sich vor, da Wandel zu schaffen.

Kaum, daß er seinen Ärger ein bischen verwunden hatte, sah er Barmann als hellrotmützigen Burschenschafter vorüberziehen.

Diesmal dachte er schon nicht mehr ans Grüßen und verfolgte mit innerlichstem Wohlgefühl die Hand des wackeren Colline, die schon an der Mütze saß, um dann freilich schüchtern herabzusinken.

Und Stilpe dachte dies:

– Was man nicht Alles erlebt! Dieser Colline, der einen Vortrag im Cénacle hielt über »die Epoche der patriotischen Phrase«, als Fahnenschwinger für Ehre! Freiheit! Vaterland! . . .! Gut! Gut! Allerliebst und sehr niedlich! Die Haare haben sie ihm aber schon nach hinten gekämmt. Und wie er errötötöte! Jetzt sieht er sich sicher nach mir um. Nein, mein Lamm, ich nicht! Ich habe schon genug gesehn.

Über diesen Fall ärgerte er sich übrigens weniger. Burschenschaft – bah! Aber gespannt war er nun, »in welcher Couleur der tüchtige Rodolphe eidbrüchig geworden sein möchte«. Er taxierte ihn voll Zorn auf Akademischen Turnverein:

Wir recken den Arm, wir strecken das Bein,
Wir sind der akademische Turnverein.

Aber nein: Wippert war Landsmannschafter geworden und trug eine dunkelblaue Mütze stolz an Stilpes gelber vorüber.

– So wären wir denn also glücklich nach allen Windrichtungen auseinandergefahren. Das ist eigentlich eine Direktionslosigkeit. Warum haben es diese Knaben denn nicht für nötig gehalten, mich aufzusuchen, ehe sie so weitgehende Entschlüsse faßten? Kein Zweifel: Sie wollten sich meinem Einflusse entziehen! Sie wußten, daß ihr Wille verloren war, sobald sie sich in die Zerreibungszone meiner Beredsamkeit begaben, und feig flohen sie davon. Crapüle! Dabei trug dieser Rodolphe eine Art von nasensteifem Selbstbewußtsein zur Schau, die mir nicht gefallen hat. Nun, im Walde pfeifen die Handwerksburschen, wenn ihnen die Hosen schlottern . . . Eine erstaunliche Sippschaft. Wie bring ich sie zur Raison?

Es war ihm doch fatal, daß die Drei sich so ohne weiteres von ihm emanzipiert hatten. Hätte er nur nicht selber schon die gelbe Mütze aufgehabt! Das komplizierte seine Stellung den Abtrünnlingen gegenüber stark. Es war, als wenn er mit vernagelten Kanonen schießen sollte.

Aber es dauerte nicht lange, und er hatte seine volle Sicherheit wiedergewonnen. Er schrieb in drei gleichlautenden Stücken folgenden Brief und sandte ihn an die Drei.

Landerirette!

Farben sind stärker als Eide, und was die Mulde gehört hat, braucht die Pleiße nicht zu wissen. Sela.

Indessen: Soll gelb oder blau oder dunkel- oder hellrot auch stärker sein, als Herz und Intelligenz? Soll die Pleiße völlig entbehren müssen, was die Mulde füllereich genoß?

Nein! Unsre Mützen sind gelb, blau, dunkel- oder hellrot, aber unsre Herzen schlagen noch im Takte des momischen Alexandriners:

O l'Amour! ô l'Amour! prince de la jeunesse!

Oder? Schmach dem Fragezeichen!

Wir haben nicht aufgehört, Menschen zu sein, indem wir unsre respektiven Mützen aufsetzten, und so haben wir auch nicht aufgehört, Cénacliers zu sein.

Und also darum sage ich euch, ich, der ich Schaunard war, bin und sein werde: Wir müssen die farbigen Schranken und Planken, hinter die wir uns, jeder nach freier Wahl und geistvoller Erwägung, begeben haben, wenigstens aller zwei Wochen einmal mit dem Elan unsrer Cénacleherzen überspringen und einander in die Arme eilen! Eine Jammerlende, die diesen Sprung nicht wagt, eine Groschenseele, die sich vor dem Comment mehr fürchtet als ehemals vor dem Konrektor, ein Castrat des Herzens, wer nicht wenigstens aller zwei Wochen einmal singen will:

        Der Freiheit Tabernakel,
      Ja nakel!
Der Freude Heiligenschrein
Ist einzig das Cénacle
Und wird es ewig sein.
      Landerirette!

Man trifft mich Sonntag Abend in meiner Wohnung, die den Kopf dieses Briefes ziert.

Schaunard.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.