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Otto Julius Bierbaum: Stilpe - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleStilpe
authorOtto Julius Bierbaum
year1909
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin
titleStilpe
created20020709
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1897
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Sechstes Kapitel.

Stilpe kam, während er sich auf das Abiturientenexamen vorbereitete, noch manchmal auf seine Hofdichterphantasieen, wie er es nun nannte, zurück. Die Vorstellung, einmal eine Rolle in der großen Welt zu spielen und dabei Verhältnisse mit Herzoginnen anzuknüpfen, that ihm zu wohl, als daß er endgiltig auf sie verzichten sollte. Aber im Ganzen erwies sich Henri Mürger doch stärker, als Geheimrat Ammer.

Wenn sich beides vereinigen ließe! war sein Lieblingsgedanke. Und er verfabulierte sich auch diesen Gedanken.

Warum sollte es nicht möglich sein? Es kam lediglich auf den Potentaten an, mit dem er es zu thun haben würde.

War nicht Karl August anfangs ein sehr fideler Bruder gewesen? Hatte er nicht auch mit der Reitpeitsche geknallt? Daß er schließlich so gräßlich ernsthaft geworden ist, wer war daran schuld, wenn nicht Goethe selber, der eben in sich den Geheimratskeim schon geerbt hatte von seinem Vater?

Goethe und Lenz in einer Person zu sein, das war das Problem, das war das Ideal! Indessen dachte er dabei doch mehr an Lenz, als an Goethe.

Auch Günther, dem »sein Leben wie sein Dichten zerrann«, fiel ihm zuweilen ein, doch kannte er von diesem nichts. Aber er verehrte ihn sehr und nannte ihn oft, nur eben, weil Goethe so von ihm gesprochen hatte.

– Ein fabelhafter Kerl, dieser Günther! dachte er bei sich, und er las oft, was Goethe über ihn geschrieben hat. Man sollte ihn eigentlich lesen. Na, später!

Überhaupt, er schob jetzt noch mehr auf, als es ohnehin seine Art war.

Das Examen bedrückte ihn doch, obwohl er nicht mehr daran zweifelte, daß er durchkommen würde. Aber es blieb eine unangenehme Perspektive und fatal wie alles Unvermeidliche.

Sein Haupttrost war Bertha, das Dienstmädchen.

In Deinen blauen Augen, Schatz,
Sind keine Wolken,
Also sage ich: Es giebt
Keine Wolken.

Stössel machte eine Parodie auf diese freien Rhythmen:

Unter Deinen tümpelbraunen Augen, Schaunard,
Sind schwarzgrüne Wolken,
Also sage ich: Du bist
Eine schwarzgrüne Wolke.

Und das war richtig: Stilpe sah sehr schlecht aus, so schlecht, daß man wirklich glauben konnte, er überarbeite sich wegen des Examens.

Er fand das riesig interessant und gewöhnte sich überdies an, die Lippen nach unten zu ziehen, um das Ansehen beständiger Weltverachtung zu haben. Freilich stimmte das nicht zur Heiterkeitsdevise des Cénacles, aber eben das war wieder paradox, und das Paradoxe hielt Stilpe damals für die Hauptsache.

Das Examen kam heran. Alle Vorbereitungen waren getroffen. Die Übersetzung ins Griechische abonnierte er bei Wippert, die ins Lateinische bei Barmann, die Mathematikaufgabe bei Stössel. Es war sehr gut, daß für jedes Manco seiner Schultüchtigkeit im Cénacle Rat geschafft werden konnte.

– Wir sind die reinen Freimaurer, sagte Stilpe, wir lassen keinen ***Bruder bankerott gehen. Es lebe Müsette! Es lebe der Kommunismus der überflüssigen Kenntnisse! Schade, daß ich euch gar nichts dagegenbieten kann. Höchstens, daß Barmann von meinem französischen Stile zehren könnte.

Aber Barmann verzichtete und meinte, er könne seine grammatikalischen Fehler alleine machen.

 

Und es ging Alles gut vorüber, obwohl Stilpe die Mathematikaufgabe sogar falsch abschrieb. Dafür errang er einen Triumph im deutschen Aufsatz, der das tiefe Thema behandelte: Wie befreite sich Goethe von den Fehlern der Sturm- und Drangperiode?

Hei, wie da Stilpe ins Zeug ging! Er war ganz Hofpoet, ganz Harmonie, ganz »Weltauge«. Ohne es sich merken zu lassen, natürlich, identifizierte er sich während der fünf Stunden, da er seine Perioden baute, völlig mit Goethe und endete mit einem feierlichen Panegyrikus auf Karl August, der gleichfalls »aus Sturm und Drang emporgedieh zur fürstlichen Ruhe schönheitbeschirmender Macht«.

So gut hatte er den königlichen Kommissarius verstanden.

Auch im mündlichen Examen ging Alles vortrefflich, und das Ende war, daß Stilpe mit Note  2b das Zeugnis der Reife zum Universitätsstudium erhielt.

 

Eine große Cénaclefeier schloß sich der Verkündigung der Examenergebnisse an.

Man trank lediglich deutschen Schaumwein, und Stilpe verwahrte sich gegen alle literarischen Gespräche. Dafür wurde lebhaft darüber debattiert, ob ein Cénaclier in ein Corps oder in eine Burschenschaft einspringen müsse. Man kam aber zu keinem Entschluß, sondern setzte fest, daß darüber endgiltig in einer letzten Cénaclesitzung zu befinden sei, die man im Freien, draußen an den Ufern der Mulde, abhalten wollte.

Im Übrigen waren alle Vier vollkommen betrunken, als dieser Beschluß gefaßt wurde, Stilpe aber immerhin noch mehr als die anderen. Er wollte durchaus ein Corps »Bertha« gründen und rief beharrlich mit lallender Stimme: Bertha seis Panier!

Der Abiturientenball war vorüber, der Abiturientenkommers war vorüber. Nun kam am letzten Tage ihres Aufenthaltes in der Gymnasialstadt die Schlußsitzung des Cénacles.

Bedeckt mit großen schwarzen weichen Filzhüten (aber Stilpes Hut war der breiteste) wanderten sie zu einem an der Mulde gelegenen Dorfe. Jeder trug einen dicken Spazierstock, jeder trug ein rotes Klemmerband. Jeder lächelte souverän, wenn Bürgerin und Bürgersmann mauloffen stehen blieb. Aber Stilpe lächelte am souveränsten, denn er trug in der linken Hand die Schildkröte.

Als sie dem Polizisten begegneten, der sie einmal abends beinahe arretiert hätte, lüftete Stilpe mit großem Schwunge seinen Hut und fragte ihn:

– Sagen Sie, Bürger Nationalgardist, ist das der Weg ins Bois de Boulogne?

– Quatsch! antwortete der Polizeidiener, worauf Stilpe den Kopf schüttelte und bemerkte:

– Dieser Funktionär spricht ein ungewöhnliches Französisch. Er scheint das hiesige Gymnasium frequentiert zu haben.

– Der Frühling scheint mir noch nicht ganz fertig zu sein, sagte Stössel, als sie außerhalb der Stadt waren.

– Es ist der richtige Mulus-Frühling, erwiderte Wippert.

– Der Religionslehrer an der höheren Bildungsanstalt dieser Stadt würde sagen: Mit ein wenig mehr Eifer hätte der Schüler sein Ziel vollkommener erreichen können! fügte Wippert hinzu.

Stilpe aber sang, indem er Fechthiebe phantastischer Natur in die Luft schlug:

Der Frühling ist ein Mädchen,
Das Bertha Linke heißt,
Oh weh, daß aus dem Städtchen
Schaunard, der Knabe, reist,
Ein Knabe sonder Makel,
Der Knabe Schaunard,
Der treu dem Cénacle
Und Fräulein Bertha war.
Oheh! Oheh!
Das Leben ist ein Kuhschwof,
Und Scheiden thut nicht weh.

Sofort schwangen die Drei gleichfalls ihre Stöcke und sangen mit Überzeugung:

Oheh! Oheh!
Das Leben ist ein Kuhschwof,
Und Scheiden thut nicht weh.

Stilpe aber sang weiter (es hatte den Anschein einer sorgsamen Vorbereitung):

Der Tacitus
Ist kein Genuß,
Wenn man ihn präparieren muß,
Dagegen lieb ich sehr
Den Vater Homer,
Denn ich lese, denn ich lese,
Denn ich les ihn nimmermehr!

Stürmischer Kehrgesang der drei, sechsmal wiederholt.

Und wieder Stilpe:

Und die Mathematik
Hatt ich lange schon dick,
Fast wärs ihr gelungen, und sie brach mirs Genick.

Da sangen die Drei nicht mit, denn in diesem Punkte fühlten sie sich Stilpen überlegen.

Aber das hielt ihn keineswegs ab, weiter zu singen:

Wer weiß mir zu raten,
Wo finde ich, wo,
In Schobern und Schwaden
Das trockenste Stroh?
Liebwerte Kameraden,
Ach, sagt es mir: Wo?

Als wenn er auf Antwort wartete, schwieg er einen Augenblick, dann gellte er in höchster Fistel:

Im Ci–cero!

Und alle Kehlen stimmten krähend bei:

Im Ci–cero!
Im Ci–cero!

Stilpe aber, in der Melodie des Postillons von Lonjumeau:

Hoho! Hoho!
Das steifste Stroh
Verzapft Herr Konsul Cicero!

Unter diesen und ähnlichen anmutigen Gesängen erreichten sie das Dorf an der Mulde, das das Cénacle für würdig gefunden hatte, zum Schauplatz seiner letzten Sitzung zu ernennen.

Nun, es ging hoch her, und vorzüglich in Versen. Eigentlich hatte man vorgehabt, hier, mit freier Benutzung des Hambacher Festes als Vorbild, sämtliche Schulbücher zu verbrennen, aber Stilpe hatte sich rechtzeitig des Deklamators in Leipzig erinnert, wo man diese nichtswürdigen Schwarten gewinnbringender anlegen könnte, und so unterblieb dieser Teil des ursprünglichen Programmes. Dafür wurde die Schildkröte des Cénacles, »in ihrer Eigenschaft als Symbol einer in Unfreiheit befangenen Vereinigung und um ihrer nachgerade störend wirkenden Ähnlichkeit mit jenem pp. Pädagogen willen«, in die Mulde geworfen, wozu man sang:

Lebewohl! Lebewohl,
Niederträchtiges Symbol!
Schwimm vorbei! Schwimm vorbei,
Schauderhaftes Conterfei!

Dann aber hub Stilpe seine große Schlußrede an, die mit den beifallumtosten Worten endete: Le cénacle est mort! Vive le cénacle!

Und man schwur sich, in Leipzig »keinesfalls den atavistischen Farbenblödsinn jener kläglichen Jünglinge mitzumachen, die einer bunten Mütze bedürfen, um sich als Studenten und freie Bürger einer Universität zu fühlen, sondern sofort ein neues, das eigentliche Cénacle zu gründen als die erste künstlerische Studentenverbindung mit neuen Bräuchen und neuen Zielen!«

Eine unendliche Debatte knüpfte sich an diesen Schwur. Stilpe entwickelte das größte Programm:

  1. Jeder muß ein Mädchen haben (aber richtig haben, nicht etwa blos in dieser knabenhaft blümeranten Manier!).
  2. Jede Ähnlichkeit mit bestehenden Verbindungen muß vermieden werden. Keine Mützen! Sondern graue Cylinderhüte!
  3. Man geht nur auf Säbel los! Die Schläger sind pur enfantillage. (Das Wort war ihm aus der Vorrede zur deutschen Übersetzung der Vie de Bohème geläufig.)
  4. Man muß eine Zeitschrift gründen.
  5. Man muß sich einen Barbemuche zu verschaffen suchen, d. h. einen ehrgeizigen Esel, der für »bessere Bowlen« sorgt.

Dieses Programm wurde im Allgemeinen angenommen, eine sehr genaue Beratung und Ausarbeitung jedoch vorbehalten.

Als man sich dann zum Heimgehen anschicken mußte, weil das Dorf eine »geradezu mittelalterliche« Polizeistunde hatte, war Stilpe so betrunken, daß die Drei ihn schleppen mußten. Unaufhörlich stellte er den Antrag, für Cénacle künftig Berthacle zu sagen und ihn zum Geheimrat Ammer zu bringen, wo er sich durchaus vorstellen müsse.

Die Anderen aber sangen unablässig, fast pausenlos:

Auf in den Kampf Tore–e–e–ero!

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