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Otto Julius Bierbaum: Stilpe - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleStilpe
authorOtto Julius Bierbaum
year1909
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin
titleStilpe
created20020709
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1897
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Fünftes Kapitel.

Die Oberprima des Königlichen Gymnasiums einer kleinen sächsischen Industriestadt war ausnahmsweise Sonnabend Nachmittag in die Schule berufen worden, weil der Geheimrat Ammer, der als Königlicher Kommissarius die bevorstehende Abiturientenprüfung zu überwachen hatte, mit dem Wunsche hervorgetreten war, die Kandidaten schon zuvor persönlich kennen zu lernen. Er hatte sich mit ihnen in einer sehr freundlichen und schmeichelhaften Art unterhalten, nämlich gar nicht so, wie es die Art der Lehrer war, sondern in der gewinnenden Manier eines älteren Freundes etwa, der seinen Vorsprung an Jahren und Reife als nebensächlich behandelt und ein Verhältnis von Vertraulichkeit zu schaffen oder wenigstens vorzutäuschen sucht, soweit dies möglich ist. Er hatte sogar »Meine Herren!« gesagt. Und statt der Vorprüfung, die man befürchtet hatte, war es wirklich blos eine Art Unterhaltung gewesen, bei der der Geheimrat jeden Anschein von Examinieren vermieden hatte.

Die Oberprimaner verließen das Schulgebäude also mit stolz erhobenen Häuptern, auf denen hellrote Mützen meist sehr weit nach hinten gerückt saßen. Diese Mützen hatten die Form von umgedrehten kleinen niedrigen Näpfchen, nur drei der jungen Leute trugen solche von anderer Façon, nämlich breite, hinten etwas nach abwärts gedrückte Deckel.

Diese drei Schlappdeckel, wie die anderen sie nach ihren Mützen nannten, gingen in sehr eifrigem Gespräche abgesondert.

– Eigentlich wars etwas gewagt von Schaunard, ausgerechnet die beiden Gracchen als seine Lieblings-Römer zu nennen, nachdem der Hohe Rat ihn wegen Sozialismus und Atheismus schon mal hat schwenken wollen, sagte der Eine, ein untersetzter Bursch mit schläfrigen, aber nicht geistlosen Augen und einem bereits sehr dichten Schnurrbart.

– Aber mein süßer Rodolphe! Du geruhst immer noch, Dich um drei Gramm dümmer zu stellen, als wofür Du uns hältst. Du weißt so gut wie wir, daß Schaunard ein Psychologe von vielen Graden ist. Er hat diesen fürtrefflichen Geheimrat blos sehr gut erkannt. Denn siehe da: Schon ist er zu einer Privataudienz zurückbehalten worden!

Der das sagte, war ein dürrer brünetter Mensch mit einer sehr schönen Nase und wunderschönen braunen Augen, die leider hinter sehr starken Klemmergläsern saßen. Er ging etwas gebückt, aber nicht aus irgend einem körperlichen Grunde, sondern aus philosophischer Koketterie. Es wäre ihm ein Vergnügen gewesen, buckelig zu sein.

– Marcel hat Recht. Schläue und abermals Schläue! Heute hat Schaunard seinen Abitur gemacht, sag ich! Das Backpflaumenmännchen hat sich in ihn verliebt und wird ihn trotz allen konrektoralen Gekrähes und Geheules durchschleppen. Wetten?

Der so sprach, war ein sehr jung und zart ansehender Jüngling, der sich aber ein bischen renommistisch geberdete und damit den knabenhaften Eindruck seiner Person zu verwischen suchte. Auffällig an ihm war seine Haarfrisur, die etwas an die napoleonische Zeit erinnerte, wo man es liebte, nach dem Vorbilde des Cäsaren die Haare ins Gesicht und über die Ohren zu streichen.

Wer Mürgers Bohème-Buch kennt, wird, nachdem die Namen Rodolphe, Marcel und Schaunard gefallen sind, ohne weiteres wissen, daß sich dieser Jüngling des Spitznamens Colline erfreute.

Diese Spitznamen waren übrigens in der Schule nicht allgemein gültig, sondern ein Reservatrecht des »Cénacles« oder der Vereinigung der vier Schlappdeckel unter sich, die, als zukünftige Dichter und Künstler, wie sie sich fühlten, sich das Cénacle in Mürgers Vie de Bohème zum Muster genommen hatten und sogar nach Möglichkeit die Ausdrucksweise ihrer Vorbilder nachahmten. Sie hielten sich, im Gefühle ihrer Zukunft, sehr exklusiv gegenüber den anderen Primanern, die eingestandenermaßen blos Pastoren, Lehrer, Ärzte, Juristen, Offiziere werden wollten, und wurden dafür wieder von diesen als überspannt und lächerlich abgethan. Ihre bürgerliche Nomenclatur war diese:

    Rodolphe: Bruno Wippert,
Marcel: Max Stössel,
Colline: Ludwig Barmann,
Schaunard: Willibald Stilpe.

Stilpe war der Gründer des Cénacles und sein anerkanntes Haupt.

Er war damals, nachdem er sich von Martha getrennt hatte, nicht gar weit gekommen. In Halle, das doch nicht auf der Route Leipzig-Athen liegt, hatte man ihn in einem Tingeltangel festgenommen, weil er in der Betrunkenheit unablässig laut und rhythmisch geschrieen hatte:

(a + b)² = a² + 2ab + b²

Auf die Polizei gebracht und nach dem Grunde dieser mathematischen Rezitation gefragt, hatte er auf die ihm drohende Nachprüfung in der Mathematik als einen höchst triftigen Grund hingewiesen und überdies gebeten, man möge ihm seine Logarithmentafel holen, die in der Untersekunda der Leipziger Thomasschule Cötus  B auf seinem Platze liege, unten auf der letzten Bank rechts. Damit hatte er sich zur Genüge als der durchgebrannte Gymnasiast aus Leipzig legitimiert, dessen Signalement auch auf der hallischen Polizei eingetroffen war.

Was sich dann begeben hat, bleibe im Schatten der Vergessenheit, wie auch Stilpe selbst nie mehr daran dachte. Denn er liebte unangenehme Erinnerungen wenig und besaß ein ausgesprochenes Talent dafür, fatale Dinge zu vergessen.

Es fehlte nicht viel, daß er damals wirklich, aber nicht in Athen, die Stelle eines Sekretärs, aber nicht bei einem Privatgelehrten, erhalten hätte. Der verzweifelte Lepidopterologe wollte ihn durchaus als Schreibgehülfe bei der Magistratskanzlei in Leißnig anketten. Aber den Bitten der Mutter und den guten Urteilen über Willibalds Begabung, die einer seiner Leipziger Lehrer abgab, gelang es, den Vater zu einem letzten Versuche zu bewegen. So kam Stilpe an das eben begründete Königliche Gymnasium der kleinen Stadt, in dem er es jetzt wirklich bis zum Oberprimaner gebracht hatte.

Auch hier war sein Studiengang nicht ohne Fährlichkeiten abgelaufen, denn die Lehrerkonferenz bedachte ihn mit ausgezeichnetem Mißtrauen, indem sie ihn bald für einen Freund wüster Zechgelage und bedenklicher Mädchen, bald für einen Propagandisten gemeingefährlicher Ideen ansah.

Aber er war klug geworden. Ohne nach dem Ruhme eines Musterschülers zu geizen, aber auch ohne sich irgend etwas abgehen zu lassen, was er zu seinem Wohlbefinden für nötig hielt, lenkte er das scharf beobachtete Schiff seiner Schülerexistenz geschickt zwischen allen Praezeptorenklippen hindurch, indem er aufs Genaueste die Taktik befolgte, sich aller offenkundigen Manifestationen seiner Privatvergnügen zu enthalten. Er war, wie er es selber einmal in seinem immer üppiger werdenden Tagebuch ausdrückte,»zur Höhe eines vorsichtigen Cynikers emporgestiegen«. Was er seine Orgien nannte, feierte er in Leipzig, und den verbotenen Ideen fröhnte er still für sich, ohne etwa in deutschen Aufsätzen, wie damals als »biederer Sekundaner«, davon etwas merken zu lassen. Vielmehr kultivierte er jetzt in seinem Schul-Aufsätzen, deren Gewandtheit und Schwung sogar anerkannt wurde, eine virtuosenhafte Jongleurkunst mit wohlgebauten Phrasen, in die er nur die bestakkreditierten Meinungen silbern und golden einspann.

Zum Glück lernte er in den drei bereits genannten Kameraden Leute von ähnlichen Neigungen kennen. Zwar achtete er sie nicht für seiner ebenbürtig, ja er hatte sogar ein stilles Mitleid mit ihnen, weil sie, wie er bemerkte, noch »einige biedere Züge von Wohllöblichkeit« hatten, aber er fühlte es doch als einen sehr angenehmen Zufall, daß er in ihnen »Instrumente fand, auf denen er spielen konnte«. Colline-Barmann war seine Baßgeige, Marcel-Stössel sein Fagott, Rodolphe-Wippert seine Trommel. Natürlich empfanden sich die Drei selber als beträchtlich mehr, und er seinerseits ließ es ihnen nur selten merken, daß er »auf ihnen spielte«. Auch liebte er sie in einem gewissen Sinne wirklich. Einer ganz hingebenden Freundschaft war er zwar nicht fähig, aber die Frivolität seines zur Schau getragenen Cynismus gegenüber diesen Freunden war doch zum guten Teile bewußt angeschminkt.

Zuerst begann die Vereinigung der Vier mit einem litterarischen Zirkel, »Lenz« genannt.

Dieser Titel galt in zweierlei Bedeutung. Einmal in der, wie ihn die Lyriker als Synonym für Frühling verbrauchen, und dann in der des Namens ihres literarischen Hauptheiligen. Denn sie lasen damals ausschließlich Dichtungen der Sturm- und Drangperiode.

Dann schoben sich Ibsen und die Russen, dann Zola und der Naturalismus ein, und nun wurde aus dem Lesezirkel, wo man mit verteilten Rollen »Die Kindermörderin«, »Sturm und Drang«, »Der Hofmeister« gelesen hatte, ein Debattierklub, wo man vor allem »Herrn Schillinger«, den Dichter »des pp. Wallenstein«, vernichtete und Vorträge folgender Art hielt: »Die Wahrheit als einziges Prinzip der Kunst«, »Inwiefern Naturalismus und Sozialdemokratie Parallelerscheinungen sind«, »Emile Zola und Henrik Ibsen: Die Tragesäulen der neuen Literatur«, »Worin liegt die Gemeingefährlichkeit des sogenannten Idealismus?«

Zu dieser Zeit waren die Vier sehr rabiat.

Ihr zweites Wort war: Konferenz. Gewisse Namen durften, bei hohen Strafen, bis zu zwanzig Pfennigen, unter ihnen nicht genannt werden, so Paul Heyse und Julius Wolf. Wer es wagte, »Schiller und Goethe« zu sagen, statt »Goethe und Schiller«, mußte, da gab es kein Erbarmen, Tabak für alle Vier auf einen Monat kaufen. Aber auch Goethe galt nur für voll, »insoweit er nicht Geheimrat war«. Das war sogar statutenmäßig festgelegt. Shakespeare wurde fortwährend und mit besonderer Ehrerbietung genannt, aber doch mehr als »merkwürdiges Phänomen eines frühen Naturalismus.« Denn es stand ihnen fest, daß die eigentliche Litteratur jetzt erst begänne, und Stilpe führte den Gedanken mit Vorliebe aus, daß man jetzt in dem wirklichen Sturm und Drang stehe, ans dem der »neue und ganze Goethe« hervorgehen werde.

Wenn man ihn dann höhnisch fragte, ob er vielleicht Lust habe, diese Rolle zu übernehmen, so grinste er mit sichtlicher Anstrengung und sagte: Vor der Hand sind wir Alle blos Teig. Das Leben wird uns erst kneten und backen.

– Du aber hast die großen Rosinen, entgegnete ihm darauf Stössel.

– Und Dir fehlt es an Salz, revanchierte sich Stilpe.

Barmann aber ließ etwas von »zukünftigen Dreierbroten« vernehmen, und Wippert meinte, auch Hundekuchen sei ein Backwerk.

In diesem Stile bewegten sich die Verhandlungen des Debattierklubs, wenn man aufs Persönliche kam. Sonst war die Ausdrucksweise trotz der naturalistischen Tendenz mehr auf höhere Tropen bedacht.

Aber eines Tages, es war ganz zu Anfang des Oberprima-Jahres, begann Stilpe in einem neuen Stile und von anderen Dingen zu reden. Er baute fürchterliche und schnöde Hyperbeln, fand den »Naturalismus in Worten« lachhaft, fragte, ob es »in diesem Neste« nicht ein Trictrac gebe und erklärte, die famoseste Mädchenfigur der Weltliteratur sei Mamsell Müsette. Dazu kamen die Worte: Nasenwärmer, Bohème, Cénacle und eine große Menge französischer Flüche. Auch trug er fortwährend ein kleines Buch aus der Reclambibliothek mit sich herum, das er sein Brevier nannte. Eine Woche später sah man aber an dessen Stelle ein anderes, französisches. Er sagte: Ich lese jetzt meine Bibel im Urtext.

Durch diese Geheimthuerei voll herablassend abgegebener Andeutungen fühlten sich die Anderen beleidigt, und es wäre fast zu einem Bruch gekommen, denn Stilpe behandelte sie im Grunde wie kleine Knaben, die nicht wissen, was ein Mädchen ist, da rückte der Adept endlich mit seinem Mysterium heraus, indem er eine Versammlung mit einem Schreiben einberief, das folgenden Wortlaut hatte:

Die ehrenfesten und rühmlichst bekannten Säulen des königlich sächsischen Gymnasialnaturalismus zu . . . werden hiermit so höflich wie dringend eingeladen, in der bescheidenen Behausung des unterzeichneten Renegaten und Müsettisten Schaunard, weiland Stilpe, zu erscheinen und außer zwei Steinguttellern mit Zwiebelwurst und Muldecaviar einen Vortrag entgegenzunehmen, dessen Titel und Thema ist:

Der Müsettismus

als einzige und eigentliche Künstlerreligion, nachgewiesen an dem classischen Werke wahrer Künstlerfreiheit und Laune:

Scènes de la Vie de Bohème
par
Henry Murger.

(NB.! Das Werk wird auch in einer Übersetzung herumgereicht, und im Urtext sind die schwierigeren Vokabeln in deutscher Übersetzung beigeschrieben.)

Nach beendigtem Vortrag wird der Unterzeichnete sich die Freiheit nehmen, zu beantragen was folgt:

Der naturalistische Debattirklub wird aufgehoben, und an seine Stelle tritt

Das Cénacle

der vier Schlappdeckel.

Zur Leitung der unausbleiblichen Debatte wird der ehrenwerte Naturalist Barmann berufen, falls er sich für die Dauer dieses Ehrenamtes seiner ihm angeborenen Grobheit zu enthalten verspricht, die vielleicht einem Naturalisten, nicht aber einem zukünftigen Cénaclier angemessen ist.

NB.! Vier pariser Nasenwärmer sind heute eingetroffen und stehen, aber erst nach Constituierung des Cénacles, zur Verfügung.
NB.! Der Unterzeichnete hat sich in Anbetracht des ungewöhnlichen und wichtigen Ereignisses in Unkosten gestürzt und vier Flaschen Pontet Canet (Marke: Le petit bleu) herbeigeschleift. Doch wird man gebeten, Weingläser mitzubringen, da es stilwidrig wäre, Rotwein aus Bierseideln oder Kaffeetassen zu trinken.
NB.! Petita Molinarina wird die Honneurs der Schaunardschen Hütte machen, falls der gute Zufall, der Gott des künftigen Cénacles, es so einrichten sollte, daß die schauderhafte Mutter des erfreulichen Mädchens zur Zeit der Feierlichkeit nicht zu Hause wäre.
NB.! Da die Schildkröte des Unterfertigten, deren Intelligenz so häufig als überlegenes Gegenstück zu der des Hüh-Wüh-Konrektors anerkannt worden ist, sich leider entschlossen hat, seit vergangener Nacht als Leiche zu existieren, so erscheint es angemessen, sie künftig als Symbol des verewigten naturalistischen Debattierklubs in pietätvollen Ehren zu halten. Sie wird in einer rosa auswattierten Cigarrenkiste als Tafelschmuck funktionieren.
NB.! Man spanne seine Erwartungen hoch!

Schaunard.

Da man das Muster dieser Einladung nicht kannte und überhaupt lauter Rätseln gegenüberstand, so wirkte das Schriftstück auf die Drei ungewöhnlich stark.

Völlig verblüfft war man aber, als man, der Einladung folgend, Stilpe erblickte. Er präsentierte sich nämlich in Unterhosen und Frack. Im Munde hatte er eine kurzgebissene rotbraune Thonpfeife, und sein ganzes Benehmen war ungemein zeremoniell und feierlich.

– Petita Molinarina kann leider nicht gereicht werden. Diese beklagenswerte Bourgeoise hat sich an meinen Unterhosen gestoßen und war nicht dahin zu bringen, zu begreifen, daß diese nur als Surrogat für weiße Nangkingpantalons anzusehen und damit nicht nur entschuldigt, sondern geradezu in die Sphäre des Schönen und Wohlanständigen erhoben sind. Dafür ist die Schildkröte mit der ganzen Würde eines amphibischen Leichnams zur Stelle. Sie darf betrachtet werden, und ich bitte zu bemerken, wie sie im Tode noch mehr den rührenden Zug einer Familien- und Intelligenzverwandtschaft mit Sr. Brüllenz Hüh-Wüh hat.

Da auch der Rotwein keine Fiktion war, so stand einer fröhlichen Sitzungseröffnung nichts im Wege.

Barmann übernahm mit einem geharnischten Proteste gegen den Vorwurf der Grobheit den Vorsitz. Seine Eröffnungsansprache, die er ohne Zweifel auswendig gelernt hatte, schloß schwungvoll so:

– Und nun möge Stilpe, den wir einstweilen noch so und nicht anders nennen wollen, seinen Vortrag halten, an den sich ein so wichtiger Antrag knüpfen soll. Ich bin beauftragt, ihm zu erklären, daß wir ernstlich indigniert sein werden, wenn sich seine Machination (Stilpe: Oho!) als Frivolität entpuppen sollte. Wir sind bereit, uns überzeugen zu lassen, aber wir werden entschieden und scharf Front machen gegen jeden Versuch, unsre augenblicklichen Prinzipien (Stilpe: Sehr gut!) nur mit den billigen Waffen seichten Witzes (Stilpe: Tautologie!) anzugreifen. (Stössel und Wippert: Bravo!) Stilpe hat das Wort!

Stilpe erhob sich und machte jedem Einzelnen, zuerst dem Vorsitzenden, eine tiefe Verbeugung, wobei er beide Hände auf den Bauch legte. Dann fuhr er sich mit entschlossenen Fingerkammstrichen durch die Haare, schleuderte seinen Zwicker (sämtliche Schlappdeckel trugen schwarze Hornzwicker mit sehr breiten Bändern) wie etwas überaus Lästiges von sich und begann:

Meine Herren Naturalisten!

Gleich vier Edelaustern unter unzähligen Massen niedrigen Kümmelkäses, harter Picklinge, zerkrümmter Sardellen und andrer Mobdelikatessen verwandter Art befinden wir uns in dieser schäbigen Industriestadt und versuchen es, wenigstens unter uns den Sinn für Geistiges zu kultivieren.

Wir haben zuerst das denkwürdige Lesekränzchen »Lenz« gegründet und unterhalten, indem wir uns an den kühnen, wenn auch künstlerisch mangelhaften Bestrebungen der Sturm- und Drang-Dichter erbauten, die unter dem Rousseaurufe »retournons à la nature« den Limonadenteich der damaligen Modelitteratur mit riesigen Klumpen Edelmetalls aus dem Schachte ihrer Seelen ausfüllten und damit beseitigten. (Wippert: Ist das Bild von Dir? Stilpe: Ich gebe nur eigene Münze aus und verbitte mir im Übrigen Zwischenrufe von beleidigender Fraglichkeit. Barmann: Die Kritik der Zwischenrufe steht bei mir. Stilpe macht drei Verbeugungen vor der Person des Vorsitzenden.)

Nachdem wir damit zu Ende waren und keine Lust verspürten, die deutschen Klassiker, die im Pennal ohnehin genug maltraitiert und zu Popanzen der Langeweile mumifiziert werden, auch unsrerseits privatim zu traktieren, haben wir uns, mitgerissen von der modernen Sturm- und Drangbewegung, entschlossen, den Lesezirkel Lenz durch einen naturalistischen Debattierklub abzulösen. Wir haben die Hauptwerke der nordischen, französischen, russischen und deutschen Naturalisten nicht allein gelesen, sondern auch in heißen Debatten eingehend besprochen, und wir haben so, während unsere biedere Lehrerschaft von der Existenz einer solchen Litteraturbewegung nicht viel mehr weiß, als eine Hebamme von unser lieben Frau Aspasia (Allgemeines Bravo! Ausgezeichnet! Famos!), in uns Alles aufgenommen, was heute in der Litteratur aller Völker bewegend ist. Wir können, wenn uns auch bei dieser Gelegenheit einige unregelmäßige Verba im Griechischen entfallen sein sollten (Stössel: Man denke!), auf diese Thatsache stolz sein, denn wir haben nach dem ewig citierten, aber sonst nie befolgten Satze gehandelt: Non scholae, sed vitae discimus (Barmann, sehr laut: Jawohl! Haben wir auch! Stilpe: Gewiß, haben wir!)

Wem aber soll unser Leben dienen?

Irgend einem dieser sackleinenen »wissenschaftlichen« Broterwerbe, als da sind: Die Lehre, den Menschen juristisch zu verblöden, die Lehre, den Menschen theologisch zu kastrieren, die Lehre, den Menschen medizinisch zu vergiften, die Lehre, den Menschen philosophisch zu benebeln, die Lehre, den Menschen philologisch zu verschweinsledern?

Bei allen schönen Mädchen und guten Geistern, wir rufen: Nein! Sapristi! Nein! (Tosender Beifall. Barmann schwingt die Arme.)

Unser Leben soll der Kunst dienen! Wir wollen Dichter werden! (Gläserklingen. Hörbare tiefe Schlucke. Stilpe lächelt.)

Aber eben darum, meine lieben Debattiernaturalisten, müssen wir jetzt unsern Debattierklub auflösen, dem Naturalismus Lebewohl sagen und den Müsettismus proklamieren! (Alle möglichen Rufe durcheinander: Wieso!? Was ist das!? Nur nicht so fix!? Wo hast Du denn das her?)

Und nun erging sich Stilpe in einer Schilderung der Mürgerschen Bohème, als eines Musters für alle künstlerischen Seelen, die nicht blos von Kunst reden, sondern Kunst leben wollten.

Natürlich sei »dieser Haufen Steine hier« nicht Paris, und sie selber seien ja noch für elf Monate »Geisteigene verschiedener patentierter Knabenerzieher«, aber der Grundgedanke dieses vorbildlichen Lebens: Die Verbindung von Kunst und Genuß, von revolutionärem Streben und »Lachesinn« (das Wort wurde beanstandet), kurz das, was er Müsettismus nenne, der müsse und könne gepflegt werden.

Um praktisch zu reden: Man müsse, statt über Naturalismus zu debattieren, in fröhlichen Zusammenkünften brav trinken und eigene Lieder singen, man müsse sich entsprechende Mädchen beilegen, kurz man müsse nicht blos in Worten, sondern in Werken »bald zwanzig« sein. So erst werde man sich dem zukünftigen Berufe recht vorbilden:

Et nous chanterons à la ronde,
Si vous voulez,
Que je l'adore, et qu'elle est blonde
Comme les blés!

Stilpes glutvolle Rede und zumal die Citate aus dem Zigeunerleben wirkten absolut überzeugend, und der Antrag auf Gründung des Cénacles wurde mit ungewöhnlicher Begeisterung durch Acclamation angenommen.

Vive le cénacle! Vive le cénacle!

Stilpe konnte die eigentliche Sitzung mit der Verteilung der »Nasenwärmer« schließen, aus denen innerhalb einer Viertelstunde solche Massen von Tabakrauch produziert wurden, daß man die Notwendigkeit einsah, morgen in die Schule andere Röcke anzuziehen.

Vive le cénacle! Vive le cénacle!

Das Cénacle schloß die vier Schlappdeckel noch viel enger aneinander, als es die früheren Vereinigungen gethan hatten.

In diesem Müsettistenklub lagen denn doch noch ganz andere Reize und Hilfsmittel der Freundschaft als in jenen Deklamier- und Debattier-Zirkeln.

Zwar waren auch jene unerlaubter und daher verführerischer Natur gewesen, aber ihr Fehler war Einseitigkeit. Sie hatten die protzende Fülle des Unerlaubten nicht kühn genug erschöpft. Stilpe hatte das sehr klar erkannt und mit den an seine Lektüre von Büchners Kraft und Stoff erinnernden Worten ausgedrückt: Wir haben an einer Hypertrophie der Cerebralbedürfnisse gelitten; besinnen wir uns auf die – Niederlande, (hier hatte er gewartet, ob man seinen Witz verstünde; da es nicht den Anschein hatte, fügte er erklärend hinzu) –: Wir müssen unsern werten Sinnen auch was zukommen lassen.

Aber das war es nicht allein.

Eine Hauptsuggestion lag in dem Worte: Paris.

Die vier Oberprimaner spürten das Komische, das in ihrer Imitation lag, nur wenig (bisweilen nämlich doch, anflugweise), aber sie empfanden es als etwas verteufelt Keckes und Unverschämtes, den Ausbund der französischen Künstlerschaft zu kopieren. Natürlich konnte die Kopie nicht sehr treu sein, aber das war ein Reiz mehr, daß sie ihre Muster in vielen Beziehungen wenden und drehen mußten.

Sie trieben den verrücktesten Unfug.

Die tote Schildkröte wurde allmählich ihr Wahrzeichen, indem sie sich daran erinnerten, daß eine Schildkrötenschale das Urmaterial zur griechischen Lyra abgegeben hatte.

Da sie, was Trictrac sei, nicht ausfindig machen konnten, und es ihnen höchst notwendig erschien, auch ihrerseits etwas zu spielen, das nicht an den üblichen Skat der deutschen Primaner erinnerte, so legten sie sich ein japanisches Bretspiel bei, das »die Gabe hatte, Jeden, der im Verdauen war, unfehlbar und höchst angenehm zu idiotisieren«, wie Stilpe behauptete.

Mit Eifer frequentierte man die sonntägigen Tanzvergnügungen auf den benachbarten Dörfern, die »Kuhschwöfe«, doch stellte es sich bald heraus, daß sich dort nichts fände, was auch nur mit »Phémie Teinturière« verglichen werden konnte, geschweige denn mit Mimi oder der völlig götzendienerisch verehrten Müsette.

Dafür verliebte sich Stössel in die Tochter eines Gerbers, Wippert in die eines Viktualienhändlers und Barmann, der immer was ganz Ausgefallenes haben mußte, in das boshafteste und häßlichste Mädchen der Stadt, die Tochter eines Arztes.

Diese Liebschaften fand Stilpe allesammt blamabel, denn, so sagte er, selbst ein blindes Huhn sieht, daß sie irreparabel platonischer Natur sind.

Dafür ging er selber ein vollkommen und zielbewußt unplatonisches Verhältnis mit dem Dienstmädchen seiner Wirtsleute ein, einem stämmig liebenswürdigen Wesen, das sich für ihn hätte vierteilen lassen, so verliebt war es in ihn.

Er machte ganz heillose Gedichte auf dieses Verhältnis, und es gehörte zu den stürmischsten Augenblicken der Cénaclezusammenkünfte, wenn er diese freien Rhythmen losließ, die an Überschwänglichkeit Alles in den Schatten stellten, was den Schlappdeckeln an erotischer Lyrik bekannt war. Im Übrigen wurden die Cénaclezusammenkünfte mit Theetrinken (doch war viel Rum dabei) und den ungeheuerlichsten Gesprächen ausgefüllt.

Es durfte von Allem gesprochen werden, nur nicht von der Schule. Hauptsächlich sprach man von zukünftigen dichterischen Plänen. Stössel, der zugleich Musiker war, wollte Opern dichten und komponieren: Wißt ihr, Opern moderner Art, voll fabelhafter Sinnenfreudigkeit, ungeheuer umfassend, allegorisch, aber lebendig!

Mehr war darüber nicht zu erfahren, und wenn er am Klavier saß, kams immer auf die ungarischen Rhapsodien von Liszt heraus.

Wippert hatte vornehmlich satirische Pläne. »Juvenalia« sollte sein erstes Werk heißen mit dem Untertitel: Ein Hechelepos in sieben Zinken. Jede Zinke sollte »einen Hauptstand der gegenwärtigen Ordnung zerstrählen«. Die erste Zinke, in gereimten Hexametern, behandelte die Sippe der Gymnasiallehrer und begann so:

Strähle mir, Zinke, den Mann, der schwitzend auf dem Katheder
Mit höchsteigener Hand verteilt sein eigenes Leder!

Barmann hatte noch viel vom alten und neuen Sturm und Drang. Obwohl er am wenigsten von der wirklichen Welt wußte (wie denn Alle, mit Ausnahme Stilpes, ziemlich unwissend in diesem Punkte waren), haßte er diese Welt doch mit einem sehr grimmigen Hasse und wollte ihr »in machtvoll wahren, meinethalben krassen Dramen einen Spiegel vorhalten, daß sie sich vor Selbstekel übergeben sollte.«

Stilpe aber hatte so viel Pläne, daß niemand recht wußte, was er eigentlich vorhatte.

Manchmal fühlten sie ihm höhnisch auf den Zahn: Ob er vielleicht immer blos seine jeweiligen Betthasen besingen wolle?

Er aber antwortete gelassen: Wohl möglich! Jedenfalls wird immer mein Prinzip sein: Erst leben und dann dichten! Ich heiße doch nicht Müller von der Werra, sapristi! Ich bin doch nicht blos zum Skandieren da! Das Dichten ist blos Wiederkäuen des Genusses. Aber um wiederkäuen zu können, muß man vorgekäut haben. Verlaßt euch drauf: Ich werde enorm vorkäuen!

Die andern fühlten instinktiv, daß er der Einzige unter ihnen war, der sein Programm sicher durchführen würde, und sie hatten deshalb viel Respekt vor ihm, obwohl sie auch nicht ohne Neid waren.

So rollte das Jahr bis an die Schwelle der Abiturientenprüfung.

Bis auf Stilpe waren die Schlappdeckel so ziemlich sicher, daß sie das Examen bestehen würden. Was aber ihn anging, so hatte Barmann recht gehabt, als er sagte, daß auch er jetzt so gut wie durchgekommen sei, da der Königliche Kommissarius ein so auffälliges Interesse für ihn an den Tag legte.

Der alte Geheimrat Ammer hatte schon aus den deutschen Aufsätzen dieses »zwar begabten, aber sonst in mehr als einer Beziehung bedenklichen Schülers«, wie er ihm bezeichnet worden war, gesehen, daß Stilpe in der That ein merkwürdig frühreifer Kopf und überhaupt ein ungewöhnlich angelegter Jüngling sei. Die Probestunde mit den Abiturienten hatte ihm das noch deutlicher gezeigt. Er hatte die Primaner aufgefordert, ihm zu sagen, welche Männergestalten ihnen aus dem Altertum am nächsten stünden. Die Antworten lauteten durchgängig so, daß er sich über die völlige Gleichgültigkeit, die die jungen Herren gegenüber den antiken Männern empfanden, sehr klar wurde.

Wie oft war Odysseus genannt worden, sogar Cicero dreimal! Nur dieser Stilpe hatte die Kurasche gehabt, die beiden Gracchen zu nennen und »mit schöner Offenheit«, wie der Commissarius meinte, zu erklären, sie seien ihm deshalb besonders lieb, weil sie ihn »fast modern anmuteten in ihren sozialpolitischen Forderungen«.

Der Geheimrat machte sich sogleich ein Bild von der Entwickelung dieses ungewöhnlichen Jünglings, wie sie sich gestalten würde, wenn man ihn rechtzeitig und früh auf die richtigen Bahnen lenkte. Unzweifelhaft: Ein zukünftiger Publizist! Jetzt natürlich noch unreif und verworren, eines Tages wahrscheinlich sozialdemokratischer Idealist, aber dann, immer eine geschickte Beeinflussung vorausgesetzt, wahrscheinlich einmal eine glänzende und feste Stütze der staatserhaltenden Institutionen!

Dieser alte Geheimrat war ein sehr kluger Herr und ärgerte sich im Stillen rechtschaffen über die Plumpheit, mit der sich die Lehrerschaften der verschiedenen Gymnasien die Gelegenheit entgehen ließen, Talente für den Staat zu erziehen, die den staatsfeindlichen Gewalten in der Hauptsache deshalb zum Opfer fielen, weil sie sich schon auf der Schulbank zu Revolutionären gestempelt sahen. Sein Bestreben war, wenigstens im letzten Augenblicke gut zu machen, was noch gut zu machen war. Daher auch sein Verhalten Stilpen gegenüber.

Er behielt ihn, als die anderen Schüler fortgingen, zurück und machte den Weg in sein Hotel mit ihm zusammen. Dabei verhehlte er ihm nicht, daß seine Aussichten, das Examen zu bestehen, nicht eben glänzend wären, aber er ließ auch deutlich durchblicken, daß mancherlei zu seinen Gunsten in die Wagschale fiele.

– Nehmen Sie beim deutschen Aufsatz alle Kräfte zusammen! Gelingt der Ihnen so gut wie die häuslichen Aufsätze, so haben Sie viel gewonnen. In der mündlichen Prüfung hoffe ich mir eine gute Leistung im Übersetzen aus dem Griechischen und Lateinischen ins Deutsche. Zeigen Sie, daß Sie den Geist der Alten schnell erfassen können! Daß Sie so manches, zumal Mathematik und alles Grammatikalische, so vernachlässigt haben, ist schlimm, sehr schlimm, aber, wenn Sie zeigen, daß Sie dafür anderen Dingen um so mehr Liebe entgegenbringen, dann wird sich das gelinder ansehen lassen. Und nun noch dies: Was Sie auf der Schule in Hinsicht der sittlichen Führung gefehlt haben, machen Sie das auf der Universität gut! Wenn Sie, wie ich hoffe, auf unsrer Landesuniversität studieren werden, so wird es mir eine liebe Aufgabe sein, Sie in den Augen zu behalten. Vergessen Sie das nicht!

Stilpe antwortete mit edler Offenheit und in gut zu Tage geförderten Sätzen, die eine heiße Dankbarkeit und tiefe Vorsatznahme alles Guten schön erkennen ließen.

Der Kommissarius: So sei es! Ich hoffe, wir werden uns auch in veränderten Verhältnissen noch sehen und sprechen. Meine Anteilnahme für Sie gründet sich auf eine gute Meinung und wird so lange andauern wie diese. Denken Sie immer daran! Es handelt sich um mehr als die Reifeprüfung.

Stilpe (sehr leise und mit einer fast zärtlichen Tonfärbung): Ich werde immer an diese gütigen Worte denken und bestrebt sein, mich ihrer würdig zu erweisen.

Händedruck und ein tiefer Abwärtsschwung der Schlappmütze.

 

Als der Geheimrat verschwunden war, setzte Stilpe seine Mütze nicht wie sonst auf den Hinterkopf, sondern tief in die Stirne. Er kam sich unendlich brav vor und stieß seine Vergangenheit energisch von sich.

Kein Zweifel: Er würde das Examen bestehen! Und mehr noch: Seine Zukunft war gemacht.

Dieser Geheimrat hatte erkannt, was in ihm steckte, und es wäre ein Frevel, sein Vertrauen zu täuschen. Wer weiß, was er mit ihm vor hatte! Offenbar ganz hohe Posten!

So etwa als litterarischer Regierungssekretär oder . . . aber gleichviel: Irgend etwas sehr Angesehenes. Natürlich: Erst studieren, und zwar neben Kunstgeschichte und Litteratur auch Jurisprudenz!

Seine alten Pläne waren durchaus versunken. Hier winkte Außerordentliches! War nicht auch Goethe Geheimrat und Minister gewesen?

Das wars, was winkte! Die Verbindung von Staatsmann und Poet.

Sollte er etwa wie Lenz untergehn? Nein: Seine Sturm- und Drangperiode war vorüber. Endgiltig.

Hinter ihm Nebel des Wüstseins, vor ihm die breite, sonnenhelle Marmortreppe zu Einfluß und Ruhm und Reichtum.

Oh diese Eselhaftigkeit, zu vergessen, daß ohne Reichtum Genuß undenkbar ist.

Was wär ich geworden? Ein genialer Lump! Eine hungrige Berühmtheit, nein, pfui Teufel, ein Litterat!

Was hätt ich gehabt? Nichts zu essen und mediokre Weiber, Nähmädchen, höchstens Choristinnen.

Nun aber! Stellung und Ansehen! Mitten in den höchsten Kreisen!

Ach, diese aristokratischen Damen! Alles an ihnen Schönheit und Eleganz, rauschende Seide, feinster Geist!

Er sah einen ganzen Hofball vor sich von nackten Schultern und Brüsten, Diademe in duftenden Haaren, heiße Blicke hinter Straußfederfächern. Und er fing gleich zu dialogisieren an:

– Ah, Exzellenz, Ihr letztes Drama, wie herrlich!

– Hat es Ew. Hoheit Beifall?

– Ach, ich bin hingerissen!

Und die Herzogin sah ihn glühend an, diese Herzogin, die geistreichste Frau des Hofes, und so jung und schön! Ah!

Ein ganzer Roman entzündete sich in ihm. Zuletzt lag er der Herzogin zu Füßen und küßte ihr die Kniee, und sie neigte sich über ihn, und er küßte sie auf die . . .

– Höh! Schaunard! Musterknabe! Favorit! Prima-Nota-Jüngling!

Die drei Schlappdeckel! Ekelhaft!

Er machte ein ärgerliches Gesicht:

– Was wollt ihr!!!

– Na! Na! Na! Stolz und grob wie ein Günstling!

– Ich verbitte mir diese Albernheiten.

– Köstlich! Er verbittet sich!

– Er ver–bit–tet sich!

– Unglaublich! Weil ihm der Geheimrat die Hand gedrückt hat, ist er übergeschnappt.

– Das ist ein Zeichen von schwacher Cerebral-Konstitution.

– Affen!

– Hahahaa!

– Er sieht förmlich frisiert aus.

– Guckt nur, wie er die Mütze aufhat!

– Er hat ja einen Heiligenschein!

– Sogar zweie, einen um den Kopf und einen um den Hintern.

– Aber ein bischen verblödet sieht er aus.

– Man könnte fast stupid sagen.

Stilpe machte ein Zeichen der Verachtung, und zwar so: Er fuhr über die dünn stehenden schwarzen Haare seines Schnurrbartes und hustete dann in die Hand.

– Der reine Gesandtschaftsattaché!

– Ich glaube, der Geheimrat hat ihm einen Schwur abgenommen, Jurist zu werden.

– Habe wenigstens die Gnade, uns zu sagen, ob Du noch mit uns verkehren willst.

Das sagte Stössel. Aber Barmann fuhr hinterdrein:

– Was! Er! Ob er will! Ob wir wollen! Das ist die Frage! Ein Mensch, der offenbar zu Kreuze gekrochen ist! Ein Renegat!

Wippert: Ein Feigling!

Barmann: Pater peccavi hat er gemacht!

Stössel: Höre mal, mein Lieber, Du hast wohl die beiden Gracchen zurückgenommen?

Barmann: Ja, und Cicero als Lieblingsrömer proklamiert, wie dieses Stint, der brave Müller-Emil!

Das war Stilpen zuviel. Dieser Vergleich wühlte seine ganze Natur auf, und er sprach:

– So! Also bis zu dieser Niederträchtigkeit depraviert euch ein jämmerlicher Neid! Wißt ihr, was ich gethan habe? Ich habe diesem Biedermann gesagt: Nicht die beiden Gracchen verehre ich am höchsten, denn das sind die Nationalliberalen des alten Rom, und sie kommen mir vor, wie zwei rot angemalte Zuckerstengel . . .

– Das hast Du nicht gesagt!

– Beim Momus, das hab ich gesagt! Und noch was hab ich gesagt: Mir imponiert überhaupt gar keiner in der ganzen alten Toga-Gesellschaft mit Ausnahme von . . .

– Von . . .!? . . . Na . . .? . . .

– Von Catilina!

– Donnerwetter! Ist der Kerl nicht in Ohnmacht gefallen?

– Ach Der! So ein Amphibium! Habt ihr nicht bemerkt, daß er aussieht, als wenn er einem Aquarium entsprungen wäre? Wenn man ihn grün anstriche, könnte man ihn von einem Laubfrosch nicht mehr unterscheiden.

So sprach Schaunard.

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