Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Otto Julius Bierbaum: Stilpe - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleStilpe
authorOtto Julius Bierbaum
year1909
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin
titleStilpe
created20020709
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1897
Schließen

Navigation:

Viertes Kapitel.

Stilpe war nach Untersecunda versetzt worden, aber nur versuchsweise und mit Nachprüfung in der Mathematik nach einem Vierteljahr. Zudem fand sich in seinem Zeugnis eine Bemerkung, für die er nur die Bezeichnung Infam! hatte. Es war da die Rede von »Zerfahrenheit«, »Unaufmerksamkeit«, »Allotria«.

Wischiwaschi! sagte Stilpe, kaufte sich eine Flasche Eau de Javelle und wischte die Bemerkung weg. Er that es in der Hauptsache wegen der alten Wiehrs, denn es lag ihm daran, daß diese nicht irre an ihm wurden.

In sein Tagebuch schrieb er mit Geheimschrift pathetisch ein:

»Nachdem ich wöchentlich und konsequent einige Diebstähle begehe, kommt es auf eine Urkundenfälschung nicht mehr an.

Ich bin also ein Verbrecher!? Ha! Das ist ausgezeichnet!

Wenn ich wöchentlich, wie Girlinger, 10 Mark Taschengeld hätte, brauchte ich nicht zu stehlen, und wenn die Pauker keine überflüssigen Bemerkungen schmierten, brauchte ich kein Eau de Javelle.

Also? Logik? Schluß? Die Hauptsache ist: Sich nicht erwischen lassen!«

An Girlinger verriet er von seinen Streichen nichts. Er wußte, daß dieser »unfähig war, derlei zu verstehen«.

Und doch hätte er gerne Jemand gehabt, dem ers sagen könnte.

Einmal hatte er bei Martha den Versuch gemacht, indem er sie fragte, sehr feierlich, was sie dazu sagen würde, wenn Jemand ihretwegen ein Verbrechen beginge. Es gruselte ihn angenehm, wie er das sagte.

Sie aber antwortete blos: Den würd'ch anzeigen.

Das gab ihm einen Stoß, und er fand von jetzt ab, daß »diese Person sehr gewöhnlich« sei.

Er war ihrer überhaupt überdrüssig und warf sich mehr ins Ideale, Heroische. Es kam ihm ein Wulst Gedanken wie: Neues Leben! Freiheit! Selbständigkeit!

Je näher die Mathematiknachprüfung rückte, um so dringlicher wurden diese Gedanken.

Wenn er nun diese Prüfung nicht bestünde? Die Perspektive war scheußlich, aber das scheußlichste an ihr war der Gedanke, daß er, der jetzt in Untersekunde mit Sie angeredet wurde, in Obertertia wieder gedutzt werden würde. Also: Das Symbol der Knechtschaft!

Aber auch, wenn er bestünde! Wie gräßlich war diese ganze Schule überhaupt! Und so noch vier Jahre bis zur Freiheit, bis zur Universität!

Und in diesen vier Jahren immer dieses leere Stroh, das Einem vorgeworfen wurde: Da, drisch, aber im Takt!

Und was waren das für Leute, die die Aufsicht dabei führten! Oh, diese Druschmeister! Herrgott, diese Professoren!

Ein paar waren ihm ja »interessante Knaben«, ein bischen steifleinen und steifbeinen, aber man konnte ihnen gut sein, denn, nun ja eben: Sie waren interessant und hatten zuweilen menschliche Töne.

Aber die Andern! Diese kalten Pedanten! Diese langweiligen Schablonenmeister! Kalbsköpfe alle miteinander!

Er würde einmal eine aristophanische Komödie schreiben: Die Kaulquappen. Dazu, als Modelle, seien sie zu brauchen, sonst zu nichts.

Ob wol Einer von diesen Plärrern eine Ahnung davon hätte, was hinter ihm, dem Stilpe, steckte?

Und solchen Leuten war er unterthan, er, der Ziele vor sich hatte, an die sie ebensowenig dachten, wie der Igel an ein Himmelbett!

Nein, er mußte fort aus dieser Sklaverei und fort auch aus diesem Sumpf mit der Person da, die wirklich keine Hetäre war, wie Aspasia.

Ja, eine Aspasia, das wäre seine Retterin! Ein Weib, himmlisch schön und von freier Nacktheit Leibes und der Seele, und voll Poesie! Voll Ideal!

Ah! Hellas! Hellas! HELLAS!

Pfui Teufel, was da auf seinem Arme stand, dieses blödsinnige Epsilon Gamma!

Was ging ihn dieses Deutschland an, ihn, den Kosmopoliten!

Er schrieb mit roter Tinte in griechischen Lettern Hellas auf eine Papptafel und hing diese über seinem Bette auf.

Griechenland, ja, das war ein Wort und ein Ruf, und sein Schrei!

Aber nicht das, was dieses Lehrergesindel im Munde führte, sondern das, von dem Heine schrieb als dem Gegensatz zum Christentum.

Denn mit dem Christentum war er nun auch im Reinen. Er nannte es die Weltmasern und that sich auf das Wort nicht wenig zu Gute.

Eines Tages ging er mit Girlinger ins Rosenthal.

Girlinger war sehr niedergeschlagen. Sein Vater war hinter seine Lektüre gekommen und hatte ihn vor der ganzen Familie als »unreifen Zusammenleser unverschämter Dummheiten« lächerlich gemacht und zugleich Maaßregeln getroffen, die seine Lektüre unter eine strenge Aufsicht setzten.

– Der Herr Staatsanwalt hat ein Ausnahmegesetz über mich beliebt. Aber er soll sich irren. Ich bin nicht der unreife Knabe, für den er mich hält. Ich habe es deutlich bemerkt, daß er von den Sachen, die er verdammt, so viel versteht, wie ich von seinem Büttelamte. Ich lasse mich nicht knechten! Ich werde es ihm zeigen!

– So? Du? Weißt Du, Dein Vater kennt Dich sehr gut. Der weiß, daß Du wie ein Pudel über den Stock springst, wenn Du auch vorher bellst.

– Das wirst Du sehen! Ich habe zwar nicht das große Maul wie Du, aber ich handle!

– Da bin ich gespannt. Wirst Du es mir nicht verraten?

– Nein! Der Tag wird kommen, wo Dus siehst.

– Dann muß er bald kommen!

– Wieso?

– Ich verrate auch nichts.

Sie gingen schweigend nebeneinander her, und Stilpe hieb mit seinem Spazierstock in die Büsche. Endlich sagte er:

– Nein, und wenn Du mir auch nichts sagst, ich will offen sein! Aber gieb mir Deine rechte Hand, daß Dus niemand sagst.

– Ja doch.

– Nein, die Hand! Und das ist wie geschworen!

– Ja doch. Hab' ich schon was verraten?

– Also gut!

Und er blieb stehen und sagte leise, aber mit feierlichem Tone:

– Ich gehe nach Griechenland.

Girlinger sah ihn groß an:

– Ja, kannst Du denn Neugriechisch?

Die Frage kam Stilpen unerwartet. Daran hatte er noch nicht gedacht. Er biß die Lippen ärgerlich aufeinander.

– Natürlich nicht.

– Ja, was für eine Sprache wirst Du denn dort reden?

– Es giebt eine deutsche Kolonie in Athen.

Stilpe wußte davon eigentlich nichts, es war eine seiner rettenden Improvisationen, aber Girlinger fand sie plausibel.

– So, nun ja, aber was willst Du in dieser deutschen Kolonie machen?

– Irgend was: Schreiber, Kopist, Sekretair, irgend so was!

Girlinger schwieg eine Weile. Dann meinte er:

– Hast Du denn Geld zur Reise?

Stilpe, langsam:

– Ja.

– Wieviel denn?

– Weiß ich noch nicht.

– Ach so . . . Ich habe hundertunddreiundfünfzig Mark.

– Was? Hundertunddreiundfünfzig! Das ist ja kolossal!

– Das ist viel zu wenig. Ich habe gedacht, Du würdest mindestens tausend haben.

– Ja, woher denn?

– Das ist einerlei.

Girlinger sagte das etwas im Tone des entschlossenen Bösewichts der Bühne, dumpf, tremolo.

– Nein, soviel kann ich nicht . . bekommen.

– Was denkst Du denn, was die Reise kostet?

– Ich laufe natürlich.

– Da werden sie Dich bald einhaben.

– Ich werde sie auf eine falsche Spur locken. Natürlich denken sie Alle: Amerika. Übrigens: Du willst doch nicht etwa nach Amerika?

Girlinger lächelte spöttisch:

– Du hältst mich für sehr dumm. Nein, ich denke an England.

Und er setzte nun sehr kühl und eingehend auseinander, welche Vorzüge England habe: Keine polizeilichen Anmeldungen, Nachfrage nach deutschen Kräften für kaufmännische Korrespondentenstellungen u. s. w., u. s. w. Er hatte Alles, nach seiner Weise, praktisch bedacht und sich über Alles in Büchern Gewißheit verschafft. Englisch und die doppelte Buchführung hatte er sich auch nach Möglichkeit beigebracht.

Aber Stilpe übergoß ihn mit ganz anderen Argumenten für seine Idee:

– Was? England? Dieses große Krämernest? Dieses Land des Nebels und der Kommis? Diese Insel der Pfeffersäcke? Wo sie die Feigenblätter en gros fabrizieren aus Weißblech mit Ölfarbenanstrich? Wo man Sonntags nicht niesen darf? Ja, Mensch, kennst Du denn Byron nicht? Byron, siehst du, der wollte lieber in Griechenland sterben, als in England leben. Nur Griechenland! Nur Griechenland! Denke doch: Dieser Himmel! Diese Erinnerungen! Und: Diese Weiber! Ich sage Dir: Ehe diese Bande hier ihr Abiturientenexamen gemacht hat, sind wir berühmt.

– Ach was, ich will frei sein und nicht dichten.

– In Griechenland wirst Du frei sein! Und warum verstellst Du Dich denn? Ich weiß doch, daß Du noch viel ehrgeiziger bist, als ich. Und dann: Die Schönheit! Die alte Kunst! Die Akropolis! Denke: Wenn wir da hinaufschreiten! Und alles das Südliche überhaupt! Ölbäume, Orangen, Citronen, Rhododendren!

Girlinger hatte allerlei praktische Bedenken, aber schließlich legte auch er es sich zurecht. Seine Phantasie war nicht so schnell losgelassen, wie die Stilpes, und sie schwärmte nicht ins Blaue, aber gerade diese Sehnsucht nach dem Süden war in ihm, und um so stärker, als er sich wirklich ein Bild vom Süden machte, während Stilpe nur den Abreiz von Worten spürte.

Sie gingen mit dem Versprechen Girlingers aneinander, daß er am nächsten Sonntag, in zwei Tagen, seinen endgiltigen Entschluß kund thun wolle.

Girlinger benutzte die Zeit, um gründlich über den Plan nachzudenken und nach Möglichkeit zu studieren, was ihm über das Griechenland von Heute zugänglich war.

Stilpe aber schwamm in einem heißen Entzücken bei dem Gedanken, die große That im Verein mit Girlinger zu vollführen und weidete sich an der Vorstellung, welchen Eindruck es machen würde, wenn nicht blos er, der »zweifelhafte Schüler«, durchgebrannt und verschwunden war, sondern mit ihm der gepriesene Musterknabe und Primus. Mit besonderem Genusse stilisierte er sich im Geiste die Notizen, die über dieses Ereignis in den Blättern stehen würden. Er kam sogar auf die Idee, eine »Rechtfertigung« abzufassen, die er auf irgend eine Weise (das Wie überließ er späterer Überlegung) drei Tage nach ihrer Flucht (Flucht!) von Leipzig aus dem Leipziger Tageblatt zukommen lassen wollte. Vielleicht durch den Deklamator? Oder durch Martha? Diese Frage beschäftigte ihn am meisten.

Am Sonntag enthüllte ihm Girlinger in kurzen Worten, aber sehr ernst, daß er bereit sei, mitzugehen, aber nicht vor vierzehn Tagen. Denn es sei noch viel zu ordnen und zu bedenken. Er könne, Alles in Allem, 250 Mark zusammenbringen, teils durch Bücherverkauf, teils durch seine Schwestern. Mindestens so viel müsse aber Stilpe beschaffen. Diese Summe werde für jeden zur Hinreise genügen (er hatte das Hendschelsche Kursbuch bei sich) und außerdem Lebensunterhalt für zwei Wochen sichern.

– Natürlich werden wir in diesem Klima vegetarisch leben.

– Selbstverständlich.

Eine ganze Anzahl praktischer Notizen hatte er auf einem Zettel zusammengeschrieben, und Stilpe mußte sich verpflichten, diese auch für sich anzuerkennen. Da hieß es:

Es sind mitzunehmen
pro Person: Ein Koffer
mit: Einem Anzug
ein paar Stiefeln
zwei Hemden
drei paar Strümpfen
(NB. aus der Wäsche sind die Namenzeichen auszutrennen!!)
sechs Taschentüchern
zwei Kragen.

Die Koffer werden in St.'s Gartenhaus in der Versenkung, wo jetzt das Gartengerät aufbewahrt ist, niedergelegt.

Stilpe muß zwei Koffer stellen, da es für G. unmöglich ist, sich mit einem Koffer aus dem elterlichen Hause zu entfernen.

Ein Revolver, wenn billig zu haben, ist wünschenswert.

Stilpe fand den Revolver in allererster Linie für notwendig und machte sich anheischig, einen zu besorgen.

– Natürlich einen, den man in die Brusttasche stecken kann!

– Ja, aber doch nicht allzuklein!

Bereits am Dienstag brachte Stilpe den Revolver mit in die Schule und zeigte ihn Girlingern auf der Retirade.

– Bist Du verrückt! Steck ihn sofort ein! Und er ist ja viel zu groß!

– Ich werde doch kein Spielzeug mitnehmen!

Girlinger entfernte sich eilig, und als sie nach Hause gingen, sagte er sehr scharf: Wenn Dus so machst, nehme ich mein Wort zurück! Überhaupt, wie benimmst Du Dich denn? Alle Augenblicke nimmst Du mich auf die Seite und machst mir Zeichen. Jeder Mensch muß merken, daß wir was vorhaben.

– Bring lieber Deine Wäsche ins Gartenhaus statt daß Du mir Moral schwingst. Meine Sachen sind alle draußen.

– Bei mir geht das nicht so wie bei Dir. Hier (er sah sich nach allen Seiten um) sind zwei Kragen. Ich muß jeden Tag einzeln was bringen. Wenn ich nur wüßte, wie ichs mit dem Anzug mache. Ich kann doch nicht mit ein paar Hosen überm Arm in die Schule gehn.

– Zieh den Mantel an und nimm sie untern Mantel! Oder, halt: Ich komme und hole sie!

– Nein, nein, ich werde schon Alles selber bringen.

Während so bei Girlinger die Schwierigkeiten mehr ins Einzelne gingen, hatte Stilpe nur ein großes Problem zu bewältigen: Das Geld.

So viel war sicher: Die Ladenkasse reichte nicht. Man konnte sie höchstens mit fünfzig Mark ansetzen.

Also denn erstmal alles verkaufen, was in Griechenland überflüssig war an Kleidern, Wäsche, Büchern.

Geschah. Von Büchern entgingen nur Börnes Werke, Tannhäuser in Rom und Byrons Don Juan dem Deklamator. Aber Alles in Allem kamen nur vierzig Mark heraus.

Wie wär es mit ein paar Anzügen Vater Wiehrs? Ein Gedanke! Der Mann hatte ja seine ganze Vergangenheit noch im Kleiderschranke hängen.

Aber Vorsicht! Vorsicht! Und erst in den letzten Tagen. Auf fünfzig Mark konnte man das aber immerhin ansetzen.

Fünfzig und fünfzig sind hundert, und vierzig sind hundertundvierzig . . . Wenn ihm nur irgend ein Coup einfiele! Das Geplempere mit kleinen Posten gefiel ihm gar nicht.

Hm. Im Glasschrank stand so allerlei herum, auch Schmuckzeug . . . Aber da verging ja kein Tag, an dem nicht Mutter Wiehr den Kram bestreichelte.

Halt! . . . Aber nein . . . nein . . .! . . . Freilich, wenn gar nichts übrig blieb . . .? . . .: Die Paten- und Konfirmationsgeschenke des verstorbenen Filius . . .? . . .! . . Die waren in dem verschlossenen Schranke in seiner Stube, und die Alten hatten eine große Scheu vor diesen Erinnerungen. Sie hatten sie verschlossen, um sie nicht zu sehen; nie machten sie den Schrank auf. Da mußten ja wol auch noch Bücher sein und sonst was . . .

Das war aber doch ein verfluchter Coup! Das war schon nicht mehr blos, pfui Teufel, Diebstahl, das war so was wie Frevel. Oder?

Stilpe versuchte, den Gedanken mit Gewalt loszuwerden und erging sich, um ihn beiseite zu schieben, dafür in den abenteuerlichsten Plänen.

Sogar der schmierige Beutel des Deklamators tauchte auf und eine verbrecherische Intrigue mit der rosigen Gattin.

Hatte sie ihm nicht kürzlich hinter dem Rücken des Alten zugelächelt?

Wie, wenn er mit ihr im Bunde den Alten . . .? Aber, duliebergott, das war ja eine Kriminalnovelle und kein Coup!

Immer wieder der verschlossene, große, braune Schrank

Was da wohl alles drin steckte . . . Natürlich zuerst sämtliche Hosen und Höschen, Jacken und Jäckchen des gepriesenen Filius, von der Wiege bis zur Bahre.

Verdammt nochmal: Auch noch Rücksicht auf Sentimentalitäten, wo es seine Freiheit und Zukunft galt! Da gabs doch kein Besinnen! Dort der Tod! Hier das Leben! Hie Mottenfraß! Hie Freiheit!

Er ging an den Schrank und versuchte seine Schlüssel am Schloß. Ging nicht.

Also: Eintreten! Einfach eintreten!

Er schlug mit der Faust auf die Schrankthüre. Aber wie er das Poltern hörte, lief er gleich weit weg und sah zum Fenster hinaus.

Wozu überhaupt diese Menge Geld? Hundertfünfzig waren auch genug.

Er stellte das Girlingern vor. Aber der protzte seine ganze widerliche Konsequenz auf:

– Wie wirs ausgemacht haben, so bleibts. Du hast mein Wort, und ich habe Deins.

Stilpe empfand eine kochende Wut über dieses Benehmen.

Nicht einmal sagen kann ichs dem Kerl, was ich vorhabe. Natürlich er: Jede seiner Schwestern giebt ihm fünfzig Mark. Und ich muß solche Gemeinheiten aushecken.

Aber wart nur: Diese Erfahrungen, diese Kämpfe, die werden aus mir was Ganzes, Eigenes machen, wo Du blos eine Molluske bist und bleibst! Ich bin der Kämpfende! Ich werde den Sieg haben! Und dann, oben auf der Akropolis will ich Dirs in's Gesicht schütteln mit meinen Fäusten: Ich habe stehlen müssen für meine Freiheit und unendliche Frevel auf mich geladen für meine Ideale! Du aber bist blos der Pudel, der hinter mir herlief, aufgefüttert und vollgestopft, ohne Mark und Entschluß!

In diesem Aufsud stürmischer Gefühle fiel ihm Karl Moor ein, und er fühlte sich nun nicht blos gerechtfertigt, sondern geradezu verpflichtet, den Schrank aufzubrechen.

Aber Vorsicht! Vorsicht! Und: Nicht zu früh!

Jetzt waren es noch sechs Tage bis zu dem Sonnabend, wo sie sich nachmittags im Gartenhause treffen wollten, um abends abzureisen.

Von Girlinger fehlte immer noch die Hose und ein Hemd im Koffer, aber er konnte ihn nicht einmal mahnen, denn der Primus blieb aus der Schule weg und hatte ihm verboten, ihn zu besuchen.

Er stelle sich krank, hatte er ihm geschrieben, um nicht unnötig durch ihn aufgeregt zu werden, auch habe er einen besonderen Tric vor mit dieser Krankheit. Im Übrigen solle er nur Alles genau nach Verabredung besorgen und thun. Sonnabend um 3 Uhr am Gartenhause!

Stilpe hatte einen grenzenlosen Respekt vor Girlingers kühler Klugheit, und er stellte sich irgend etwas unerhört Schlaues vor, das hinter dieser Krankheit steckte.

Wer weiß: Er bringt vielleicht 500 Mark mit!

Wenn mans nur wüßte! Nur wüßte! Dann wäre auch diese infame Chose mit dem Schrank nicht nötig.

Schon das Verkaufen von Vater Wiehrs Garderobe war eine verdammt schwierige Sache gewesen, und es war blos Dusel, wenn es nicht zur Unzeit bemerkt wurde.

Nun aber der Schrank!

Das Heiterste wäre, wenn mich Mutter Wiehr angeschwindelt hätte, und es gäbe da drin gar nicht diese kostbaren Konfirmationskleinodien und Taufbecher.

Ob ich sie nochmal frage?

Er nahm wirklich einen Anlauf dazu, brachte es schließlich aber doch nicht übers Herz. Dafür machte er sich im Stillen einige moralische Komplimente über diese Feinfühlichkeit und fand, daß er eigentlich sein Gewissen dadurch für beruhigt ansehen könnte:

Denn, wäre ich wirklich ein gemeiner Kerl, so hätte ich gefragt; aber ich handle eben blos unterm Zwang der Verhältnisse und schone dabei nach Möglichkeit, was zu schonen ist.

Unter diesen Erwägungen brach er kaltblütig den Schrank auf, nachdem er die Kammerthür verschlossen und das Schlüsselloch verhangen hatte.

Schau, schau, gepfropft voll! Aber ist es nicht sündhaft, alle diese Sachen von den Motten fressen zu lassen? Es scheint, die guten Wiehrs wissen nicht, wieviel arme Jungens keine ganzen Kleider am Leibe haben. Natürlich! Die Sentimentalität geht bei diesen Bourgeois Allem vor . . .

Der Überzieher da ist noch wie neu . . .

Herrgott, wieviel Hüte hat denn der Filius gehabt? . . .

Sogar seine ersten Hosen sind noch da . . .

Übrigens: Insektenpulver haben sie doch gestreut . . . Donnerwetter: Das kann mich ja verraten! Die ganze Kammer wird stinken!

Er lief und öffnete die Fenster. Unten ging gerade ein Schutzmann vorbei. Stilpe machte eine Verbeugung:

Das Auge des Gesetzes wacht! Sie, Schutzmann, hier wird gestohlen! Ja, das möcht er wohl, der Gute, daß ich ihn raufwinkte. Wird nich verzapft!

Nun aber die Kleinodien!

In der Pappschachtel? Nein: Seidene Tücher. Da könnt ich übrigens eins . . . Unsinn! . . .

Aber es scheint wirklich kein Edelmetall . . .

Er holte sich einen Stuhl und stieg darauf, um besser sehen zu können, was auf dem oberen Schrankbrett stand.

Siehstewoll? Der Kasten ist schwer. Und: Er klappert.

Er nahm ihn langsam herunter.

Es war eine alte Schatulle aus eingelegtem Mahagoniholze mit zopfigen Ornamenten. Ein kleiner Schlüssel mit herzförmigem Griff steckte im Schloß.

Er trug die Schatulle auf den Tisch und schloß sie auf.

Donnerwetter, was für ne Menge!

Zwei Uhren! Eine silberne und eine goldene! Und ditto zwei Ketten. Dieser Filius ist verzogen worden!!

Und goldene Ringe gar dreie! Was? Auch goldne Manschettenknöpfe? Das ist ja blödsinnig!

Am Ende hat der Junge auch noch eine Busennadel gehabt. Richtig! . . .

Ekelhaft, das! So einer muß ja ein Protz werden. Und dabei war er dumm wie ein Heuroß.

Gut! Gut! Klappe zu!

Er stellte die Schatulle wieder an ihren Platz, lehnte die Schrankthüre fest an, klemmte ein bischen Pappe ein und hatte eine deutliche Empfindung von Zufriedenheit, wie er sah, daß äußerlich nichts an dem Schranke zu merken war.

Was aber nun anfangen mit dem Zeug? Er beschloß, es erst in Athen zu verkaufen. Trödler giebts dort sicher auch . . .

Nun kam der große Tag heran. Das letzte, was Stilpe ins Gartenhaus getragen hatte, waren seine Tagebücher und Manuskripte gewesen. Die letzten Worte in seinem Tagebuche lauteten schwungvoll so:

        Und nun, mein stolzes Schiff, stich aus ins Meer!
Du trägst mein Alles, und dein Zeichen heißt:
Freiheit, Hoffnung und Zukunft.
                                                  Meine Hand,
Mit der ich nun die Ankerkette schnell
Aufwinde, ist beschmutzt, doch wasch ich sie
Im Meer der Schönheit, und ich schwöre: Nie,
Bei allen Göttern, die ich suche, nie
Soll wieder Schmutz an diese heiße Hand!

Die letzte Schulstunde, zu der er sich herabließ, war Griechisch. Es wurden unregelmäßige Verba abgefragt, und da er sich nicht vorbereitet, auch nicht einmal in der Vorpause, wie er sonst zu thun pflegte, in der Grammatik nachgelesen hatte, blieb er jede Antwort schuldig.

– Warum haben Sie Ihr Pensum nicht gelernt?

Er lächelte und dachte bei sich: Freiheit, Hoffnung und Zukunft!

– Wollen Sie wohl antworten? Warum haben Sie Ihr Pensum nicht gelernt?

– Es war mir zu langweilig.

Der Professor schnappte nach Luft. Das war der Gipfelpunkt der Frechheit. Das war jenseits aller Bezeichnungsmöglichkeit. Nur das eine Wort: Karzer! wühlte sich aus dem verstopften Sprachschatze empor.

– Wie viel Stunden, Herr Professor? fragte Stilpe mit unterwürfigem Lächeln.

– Ist der Mensch verrückt geworden?

Die ganze Klasse hatte mit dem Professor nur diesen einen Gedanken und starrte auf den lächelnden Stilpe. Sein Nachbar rückte ein Stück von ihm ab.

Er aber setzte sich gelassen und that, als ob die Sache für ihn erledigt wäre.

Der Professor, eben noch violett, wurde weiß wie weicher Käse und rief, indem er sein Buch von sich warf:

Verwegener Bube! Ah! Ah! Am Montag werden Sie erfahren, was Sie sich zugezogen haben.

Bei dem Worte Montag hätte Stilpe laut auf lachen mögen, aber es kam ihm der Gedanke, daß man ihn gleich heute am Nachmittag einsperren könnte, und so hielt er sich stille.

Als die Stunde vorüber war und die Sekundaner ihre Bücher zum Heimgehen packten, bildete sich ein Kreis um Stilpe:

– Na, die Unverschämtheit kommt Dir teuer zu stehen, mein Söhnchen . . . Du hast wohl Lust, geschwenkt zu werden? . . . Du bist wohl nicht bei Troste? . . .

Stilpe lächelte blos geringschätzig. Gerne hätte er jetzt irgend eine kleine Andeutung gemacht. Es wurde ihm sehr schwer, sie zu verbeißen. Aber er überwand sich.

Und nun kam er in Aufregung. Wenn er nur nicht noch zu Tische zu gehen brauchte! Aber das mußte er natürlich, ganz abgesehn davon, daß er recht gut bei Appetite war.

Kaum aber, daß er sich vom Tische erhoben und gesegnete Mahlzeit gewünscht hatte, lief er aus dem Hause und rannte durch die Straßen.

Es war ein unfreundliches Spät-Frühlingswetter, Regen und Wind. Da er keinen Schirm hatte, war er bald ganz durchnäßt. Aber er lief, so unangenehm ihm diese eindringende Feuchtigkeit war, immer auf und ab und immer denselben Weg: Grimmaische und Petersstraße. Er wollte nicht eine Minute früher als Punkt 3 Uhr am Gartenhause sein, aber er wollte auch nirgends vorher einkehren, denn er fühlte, daß er nicht sitzen könnte.

Sein einziger Gedanke war: Wenn wir nur erst im Zuge sitzen. Und dann bis Triest in einem Saus! Ah! Nacht und Tag und Nacht! Und dann das Schiff! . . .

Freilich: Die Seekrankheit . . . Unsinn! Wenn erst die schimmernde Küste Griechenlands auftauchen wird . . .! Venus Anadyomene! . . . Und diese Hellenen in ihren bunten Trachten; auch Türken, Armenier! Und herrliche Weiber mit Krügen auf den Köpfen! Großäugig! Glutäugig! Und broncene Brüste schimmern durch paphische Gewänder . . .! Und Marmorpaläste, südliche Gärten und sengende Sonne!

Und nun mein stolzes Schiff, stich aus ins Meer!

Plötzlich kam ihm seine Mutter in Sinn. Es kam so unvermutet und grell, daß er mitten im Rennen stehen blieb.

Herrgott, wie wird sie weinen . . . Es ist doch eigentlich . . . Ah, aber nein: Wenn ich sicher bin, schreib ich ihr Alles, und wenn sie sieht, wie glücklich ich bin, dann wird sie stolz auf mich sein! Sie versteht mich ja! Sie weiß, daß aus mir was Großes werden wird!

Mütterchen weine nicht, weine nicht so,
Sieh ich bin in der Fremde froh
Und denke Dein.

Er hoffte, es würde ein ganzes Gedicht werden, aber es blieb, wie gewöhnlich, beim Anfange.

Endlich ¾3 Uhr! Nun zum Gartenhaus!

Er lief im Trabe mitten durch Pfützen und ohne aufzusehen, wie ein Junge neben dem Reifen.

Jetzt am Garten. Nun die Allee hinauf.

Ob Girlinger schon da ist?

Nun den Seitengang. Gott sei Dank, daß es regnet und niemand im Garten ist.

Aber der Dreck! Der Dreck! Ganz bespritzt!

Das wird doch auf der Eisenbahn nicht auffallen?

So, jetzt bei Kürners Garten vorbei und nun mit Barrieresprung übers Stacket. Teufel! Mitten in eine Pfütze! So ein Blödsinn!

Punkt drei!

Aber Girlinger ist noch nicht da. Natürlich; der macht sichs bequem und kommt sicher in Gummigalloschen und muß um jede Pfütze einen Bogen machen und womöglich bei jedem Buchladen stehen bleiben. Ekelhaft diese Hundsschnauzigkeit.

Er ging zum Gartenhaus und griff in seine Tasche nach dem Schlüssel.

Plötzlich fuhr er zusammen und starrte auf etwas weißes, das in der Thürsperre klemmte. Sein Gesicht verzerrte sich: Ah, du Hund, du!

Er riß das eingeklemmte Papier heraus. Herunter das Couvert. Da stand mit den schönen, so oft in der Schule belobten Schriftzügen unter Einhaltung des Höflichkeitsrandes &c. folgendes:

Lieber Stilpe!

Nachdem ich mir unsern Plan noch vielmals und reiflich überlegt habe, bin ich zu der unumstößlichen Überzeugung gelangt, daß es im Grunde blos ein etwas persönlich drapierter Dummerjungenstreich wäre. Wenigstens was mich angeht. Du bist ja anders, und Dein Temperament berechtigt Dich gewissermaßen zu einem solchen Schritte, der ins Ungewisse führt. Aber ich bin nicht zu dergleichen kühnen Entschlüssen geeigenschaftet.

Also: Ich kann nicht mitthun.

Verachte mich, soviel Du willst und nenne mich einen Feigling und Wortbrüchigen. Ich kann nichts dagegen thun. Höchstens, daß ich auch Dir rate: Stehe auch Du von dem Plane ab.

Selbstverständlich bist Du strengster Geheimhaltung von meiner Seite aus sicher. Aber ich erwarte auch von Dir, daß Du nicht etwa in einem Deiner Wutausbrüche mich als Deinen Komplizen nennst. Das wäre keineswegs honorig.

Indem ich Dir, für den Fall, daß Du den Plan zur Ausführung bringst, alles Glück aufrichtig wünsche, bin ich, auch wenn Du mich verachtest,

Dein Freund
Robert Girlinger.

P.S. Meine Sachen nimm, wenn Du gehst, mit. Sie werden Dir nützlich sein.

Stilpe geriet in eine maßlose Wut.

Zuerst ließ er sie an dem Briefe aus, den er mit den Zähnen zerriß und in das matschige Erdreich hineinstampfte. Dann warf er seinen Hut auf die Erde und schlug mit den geballten Fäusten an die Gartenhausthür. Er war aschfahl im Gesicht und biß sich fortwährend auf die Lippen, als wenn er das Bedürfnis hätte, etwas zu zerfleischen.

Dann schloß er die Thür aus und ging ins Gartenhaus. Mit einem Fußstoße öffnete er die Deckthür zu der Versenkung, wo die Koffer standen und spuckte auf diese. Dann warf er die Deckthür zu, daß es krachte und setzte sich auf einen Gartenstuhl. Ein Windstoß warf die Thüre zu, und nun war er im Dunkeln allein mit seiner kochenden Wut.

Was thun?! Was thun?!

Ah, vor Allem Eins: Rache an diesem feigen Hund! Hin zu Girlinger und ihm laut ins Gesicht schreien, was für ein erbärmliches Subjekt er ist. Das ganze Haus zusammenschrein! Ihm den Koffer vor die Füße, nein, vor den Bauch werfen. Und ihn prügeln!

Prügeln! Unsäglich und lange prügeln!

Ach was, erschießen müßte man ihn!

Erschießen! Das ist ein Gedanke! Ah, und da ist ja auch der Revolver! Gottseidank, daß er so groß ist!

Aber das war schon mehr blos pathetische Zierleiste. Er merkte das selber, und den Gedanken, sich hinter her etwa selber zu erschießen, ließ er nur ganz von Ferne vorbeidrohen.

Überhaupt nein: Weder Prügel noch Revolver, nur Verachtung! Ein einziges Wort auf eine Postkarte geschrieben: Lump! und dann fort!

Fort! Fort! Fort! Er rüttelte das Wort in sich hin und her. Fort! Fort! Aber es geschah halb mechanisch, wie er sich das in plumpen Stößen immer wiederholte.

Fort! Fort! Natürlich: Fort!

Ich werde doch wohl wegen dieser Kanaille nicht hier bleiben!?

Aber diese Bestie hat ja das Kursbuch! Der ganze Reiseplan stand ja bei ihm!

Ich Wickelkind habe ihm ja Alles überlassen!

Sonderbar: Der Gedanke, sich nun selbst ein Kursbuch anzuschaffen und einen Reiseplan zu machen, kam ihm nicht.

Dafür entwarf er bereits den Brief, den er nach seiner Ankunft in Athen »diesem Elenden« schicken wollte: »Hier bin ich, auf der Akropolis, und gottlob ohne den Pintscher, der mir folgen wollte . . . Ich habe eine sehr angenehme Stelle als Sekretär eines deutschen Privatgelehrten . . . Meine Adresse teile ich Dir nicht mit, um vor Deiner Verräterei sicher zu sein. Denn es giebt keine Gemeinheit, die ich Dir nicht zutraute . . .«

Dieser Brief, den er vielmal in sich hin und her wandte und mit zahlreichen vergifteten Spitzen versah, beruhigte ihn ungemein.

Als er ihn auswendig wußte, war er so weit, die »Jammerhaftigkeit dieses Staatsanwaltssprößlings« für ein Glück anzusehen.

Wäre ich denn in seiner Gegenwart frei gewesen? Hätte er mich nicht in meinen besten Entschlüssen gestört? Was für eine unglaubliche Verirrung dieser Gedanke überhaupt gewesen ist, mit dieser Hundeschnauze zusammen nach Griechenland gehen zu wollen. Aber eine gute Lehre das! Immer und Alles allein! Jedes Vertrauen ist Wegwurf!

Er schrieb sich diese Maxime in sein Notizbuch und empfand das ganze differenzierte Wohlgefühl des Pessimisten.

Er wurde sogar übermütig. Warte, mein braver Knabe, dachte er sich und nahm die Girlingerschen Sachen aus dem Koffer, hing sie, nachdem er sie zerrissen hatte, auf eine Bohnenstange und stellte das Ganze nach Art einer Vogelscheuche in ein Beet. Daran befestigte er ein Stück Papier mit der Aufschrift: Siegeszeichen des Wohlverhaltens.

Dann nahm er den Koffer mit seinen Habseligkeiten und schlug den Weg zu dem Hause ein, in dem Martha waltete.

Es war selten, daß dort ein Mensch männlichen Geschlechtes mit einem Koffer erschien, denn, wenn auch viele Handlungsreisende in diesem gastfreien Hause verkehrten, so ließen sie ihre Musterpackete doch gewöhnlich im Hotel. Und so erregte er ein gelindes Aufsehen.

– Ja, Schnutchen, kleines, willst Du denn verreisen? rief ihm Martha entgegen, die, mit einem schwarzseidenen Hemde bekleidet, nicht mehr an die Gemälde Professor Thumanns erinnerte.

– Ich bin auf dem Wege zum Bahnhofe und will Dir nur Lebewohl sagen, erwiderte Stilpe etwas ernster, als es im Stile dieses Milieus war.

– Nanu, doch nich ganz fort, Schnutchen? Dann muß ich ja weinen!?

– Ganz fort. Weit weg. Aber frage nicht. Wir wollen noch einmal fröhlich sein.

Er gab sich hier sonst gerne frivol, weil er fürchtete, im andern Falle seine Jugend zu verraten, die ihn in diesem Hause immer etwas genierte, aber diesmal konnte er die jugendliche Feierlichkeit nicht verleugnen.

– Jetzt wird mirs aber ängstlich, Schnutchen. Wer soll mir denn dann Verse vorlesen?

– Du brauchst nicht so spöttisch zu sein.

– Aber nee, ich meines ernst, auf Ehre. Ich kann sie ja auswendig!

Und sie deklamierte mit unverstellter Genugthuung:

Wie jene Ritter in der alten Zeit,
Die für die Liebe stritten todbereit,
Streit ich für Dich und Deine Edelheit.

Ich liebe Dich und glühe mich Dir an,
Vor Deinen Füßen lieg ich, sieh mich an,
Ein Knabe bin ich, küsse mich zum Mann!

Nein, bin kein Knabe! Denn ich weiß durch Dich,
Was Liebe ist, Dein Blick erweckte mich,
Drum sing ich Dank Dir heut und ewiglich!

– Siehst Du, ich kann's ganz auswendig!

Stilpe war selig. Seine Verse klangen ihm aus diesem Munde wie der Inbegriff aller Poesie, und er fiel dem Mädchen heiß um den Hals.

– Rotwein! Champagner! Und Cigarretten!

– Aber Schnutchen, hast Du denn soviel Geld?

– Ja, ja, massenhaft! Laß nur kommen.

– Nee, Schnutchen, laß das doch die alten Onkels machen. Ein paar Glas Bayrisch thuts bei Dir schon.

– Nein, nein! Heute müssen wir Wein trinken! Weißt Du, eine Orgie feiern! Eine Orgie! Weißt Du, was das ist?

– Ja, ja, so was Verrücktes. Aber wozu denn?

– Mach! Mach! Ich habe nicht lange Zeit. Ich muß fort. Bestelle nur! . . . Ach so, vorausbezahlen? Da, da ist Geld.

Er gab ihr sein ganzes Portemonnaie.

– Gehört das ganz meine?

Stilpe erschrak sehr. Aber er faßte sich und sagte mit edlem Anstande:

– Wie Du willst. Aber dann kann ich nicht reisen.

– Gott, bist Du ein anständiger Junge! sagte das Mädchen und gab ihm das Portemonnaie zurück.

Diesmal ärgerte ihn das Wort Junge nicht.

Der Wein nahm seiner Stimmung den Rest von Gedrücktheit. Zwar wollte sich durchaus nicht das entwickeln, was er eine Orgie nannte, denn das Mädchen bemutterte ihn heute noch mehr als sonst, aber wenn er auch nicht tanzte, so lief er doch recht lebhaft in dem kleinen Zimmer, soweit es nicht Bett war, auf und ab.

– Wenn Du wüßtest, was ich vorhabe! Wenn Du wüßtest, wohin ich reise!

– Na, so sags mir doch.

Er blieb stehen und sah sie ekstatisch an.

– Ja! Wenn Du mir versprichst, mit mir zu reisen!

– Ja, wenn Du bei Mutter Zanken meine Schulden bezahlst.

– Wieviel sind es!

– Na, blos so dreihundert Märker.

– Herrgott! Dreihundert! Nein, das kann ich nicht. Oder! Halt! Warte mal!

Und er stürzte sich auf seinen Koffer und brachte die Uhren und Ringe ans Bett.

– Da, was kriegt man dafür?

Martha kniete sich im Bett auf und breitete die Tauf- und Confirmationsgeschenke von weiland Wiehr junior vor sich aus, hübsch eins neben das andere; es gab eine lustige Reihe, die im Lichte der roten Bettampel verstohlen blinkte.

– Das kann schon zweihundert Mark geben, wenn Du Dich nicht beschummeln läßt.

Sie sah die Sachen verliebt an, steckte sich die Ringe an die Finger, schüttelte die Uhren und hielt sie ans Ohr und ließ die Diamanten der Busennadel leuchten.

Plötzlich warf sie den Kopf zurück, daß die langen blonden Haare von den Brüsten weg über die Schultern fielen und fragte erstaunt: Ja, wo hast Du denn die Sachen her?

Stilpe überlegte. Sollte ers sagen? Hatte sie sich damals nicht so verdammt moralisch gehabt? Aber jetzt steht die Sache doch anders. Das Zeug liegt auf dem Bette und gehört beinahe schon ihr. Ob sie da nicht . .? . .

Aber er zögerte doch und sagte blos: Alte Tauf- und Confirmationsgeschenke.

– Und das willst Du verkaufen? Das ist aber nicht schön von Dir!

Was? Schon das fand sie unrecht? Das empörte ihn förmlich, es kam ein Gefühl von Zorn über ihn, und zugleich regte sich etwas wie Furcht. Er wurde mit einemmale irre.

Aber, wart, nun gerade soll sies wissen, diese elende Duckmäuserin. Das wird einen Effekt geben!

Ob sie das Zeug aus dem Bette und mir vor die Füße wirft?

Und er erzählte ihr ganz kühl, daß er die Sachen gestohlen habe und wem sie gehörten.

Sie sah ihn blos erstaunt an und schüttelte den Kopf.

Dann sagte sie langsam und wie ungläubig: Nein . .! . . Du . .! . . Das . .? . .

– Ach mach kein solches Gehabe. Es ist so, und ich finde gar nichts dabei.

Jetzt sprang sie aus dem Bette und faßte ihn an den Schultern:

– Aber, Junge! Was ist denn mit Dir los? Du bist doch kein so gemeiner Kerl! Herr du mein Gott, wie kommst Du denn auf so was!

Sie sagte das fast tonlos und mit einer ganz anderen Stimme, als er an ihr gewöhnt war.

Es ging ihm durch und durch. Mit einemmale fühlte er, daß er etwas Gemeines gethan hatte. Hätte sie nur im Geringsten was pathetisches gesagt oder gethan, er würde ihr ins Gesicht gelacht, und, wenn sie etwa Miene gemacht hätte, Lärm zu schlagen, alles geleugnet haben. So aber wars wie ein Urteil, wie eine Verdammung.

Er mußte auf den Boden sehen und fühlte sich gedemütigt, ohne sich dagegen aufzulehnen.

Was sie nun noch sagte, war eigentlich überflüssig und schwächte den Eindruck der ersten Worte eher ab. Aber er ließ Alles über sich ergehen und sagte nichts dazu.

Sie legte durchaus den Hauptton darauf, daß er den alten Leuten das genommen hätte, was ihnen das Liebste war. Sie sagte das nicht in feinen und gefühlvollen Worten, sondern fast roh und ungeschickt.

Immer wieder kam das Wort: So eine Sünde, und gar nichts dabei zu fühlen!

Er wagte nicht ein einziges Mal aufzusehen, und ihre Hände auf seinen Schultern fühlte er wie eine unerträgliche heiße Last.

– Was soll ich aber nun thun? sagte er ganz verzweifelt, wie sie schwieg.

– Gleich Alles wieder hintragen! Alles sagen!

– Das geht nicht!

Und nun erzählte er ihr, schluchzend und unfähig, seine Thränen zurückzuhalten, Alles, was er vorhatte, Alles, was ihm geschehen war, Alles, was ihn drückte.

Das machte weniger Eindruck auf sie. Sie verstand es nur unklar, aber das Davonlaufen begriff sie.

– Fahr hin, wo Du willst, wenn Du nicht mehr in die Schule gehn magst. Sie erwischen Dich doch bald. Aber das Zeug da nimmst Du nicht mit . . . Nein . . . So ein Junge! Gottseidank, daß Du zu mir gekommen bist! Denke blos: Später! Wenn Dus gefühlt hättest, was Du gethan hast . . .

Herr du mein Gott, so ein Unglück! Du wärst ja ein Lump geworden, Junge! Gott weiß, was Du noch Alles angerichtet hättest! Mord und Todschlag! Wahrhaftig ein Glück, daß der andere Bengel nicht gekommen ist. Sonst hätt ich Dich nicht hier.

Es beleidigte ihn gar nicht, daß sie ihn so in aller Deutlichkeit als Junge &c. traktierte. Er war vollkommen mürbe.

Nach langen Beratungen kamen sie schließlich überein, daß er die Nacht noch hierbleiben sollte (denn er fühlte sich nun unfähig zu jedem anderen Vorhaben, als eben hier zu sein); am nächsten Tage möge er dann getrost nach Griechenland oder Kamerun fahren; sie aber werde die Sachen einpacken und mit einem Brief, den er schreiben müsse, an die Adresse der alten Wiehrs schicken.

Der Brief lautete:

Lieber Vater und liebe Mutter Wiehr!

Seien Sie mir nicht böse, daß ich ohne Abschied von Ihnen fortgegangen bin und nahe daran war, eine große Schlechtigkeit zu begehen. Ich hoffe, Alles gut machen zu können, und bitte Sie, meinen Eltern nichts von dem zu sagen, was ich beinahe begangen hätte. Lassen Sie mich nicht verfolgen und melden Sie mich in der Schule ab. Es dankt Ihnen für alles Gute, was Sie ihm, dem Unwürdigen, gethan haben,

Ihr Pflegesohn

W. St.

Die Schlußsätze des Briefes waren eigenste Hinzufügung Stilpes. Sonst war der Brief nicht eigentlich nach seinen Intentionen. Er hatte ihn zerknirschter und umfangreicher angelegt, mit einer großen Diatribe gegen das Geschlecht der Gymnasiallehrer als Mittelstück, aber das Mädchen wollte nichts davon wissen.

Als aber der Brief geschrieben war, fingen beide an, vergnügter zu werden, als vielleicht die Leute glauben, die da nicht wissen, zwischen welch fernen Gegenden die Schaukel in der Seele mancher Menschen hin und her schwingt.

Denn Himmel und Hölle, Reue und Wollust liegen zuweilen nicht weiter von einander entfernt, als die Lippen zweier Menschen, die sich küssen.

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.