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Otto Julius Bierbaum: Stilpe - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleStilpe
authorOtto Julius Bierbaum
year1909
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin
titleStilpe
created20020709
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1897
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Zweites Kapitel.

Diese Martha war eine schöne, schlank üppige Person von etwa zwanzig Jahren mit dunkelblauen Angen, zwei langen blonden Zöpfen und sehr blasser Gesichtsfarbe. Sie hätte zu irgend etwas sehr Unschuldigem Modell stehen können, und wie sie aussah, so stellen sich sämmtliche Backfische Fausts Gretchen vor. Dazu hatte sie eine sehr liebe, linde Stimme und die allerweichsten, rundesten Bewegungen. Professor Thumann hat diesen Typus in die Seele der deutschen Bourgeoisie gemalt, und wir begegnen ihm noch immer auf Wäschekartons, Cigarrenkisten und Glaube-Liebe-Hoffnung-Buntdrucken.

Damit wird es begreiflich erscheinen, daß der sechzehneinhalbjährige Stilpe, öffentlicher Obertertianer und heimlicher Dichter, Vaterlandsschwärmer und Idealist, unendlich täppisch verliebt in dieses Mädchen war. Sie erschien ihm als der Inbegriff dessen, was er früher in dem Idealbilde der Thusnelda verehrt hatte. Nur kam nun noch das Gretchen aus dem Faust, das Käthchen von Heilbronn und die Lindenwirtin, die Feine, dazu. Dies, soweit es sich in seinen Versen aussprach, die er ausgiebig zum Lobe dieses Mädchens hervorbrachte, und deren Idealismus ihm bitter ernst war.

Aber es gab auch noch einen andern Gesichtswinkel, unter dem er diese Martha ansah. Jener Idealismus war mehr das Gefühl aus der Entfernung, eine Distanceschwärmerei, eine bewegte Andacht hinter blauen Weihrauchnebeln. Zuweilen aber geriet der schwämerische Beter durch diesen duftenden Nebel hindurch und kam auf weiches Fleisch. Und, siehe, mit einem Ruck war die Situation verändert. Die Gefühle bekamen ein anderes Tempo und einen anderen Thermometergrad; irgend etwas in ihm schien sich zu überschlagen, irgend etwas pochte von innen an die Wände seines Leibes, – es wurde da etwas lebendig, das nicht Idealismus war. Der gute Junge hatte böse Tage und bösere Nächte dabei. Es warf ihn gewaltig hin und her, und durch seine schwärmerischen Verse quollen zuweilen absonderliche Töne eines unheimlichen Drängens aus der Tiefe.

Ich glaube, für die Augen der Götter sah seine Seele damals aus wie ein Glas voll Federweißem, in dem die Gährschichten durcheinanderwallen und die Blasen steigen. Vielleicht richten die Götter derlei blos an, weil ihnen dieser Federweiße der menschlichen Pubertät besonders schmeckt. Für den Menschen selber aber ist dieser Zustand keine ungemischte Freude.

Stilpe verkam sichtlich dabei. Er war beim Austragen eines wesentlichen Stückes seiner selbst: Er ging mit seiner Mannheit schwanger. Vielleicht war es zu früh, daß es ihm so viel Qualen machte?

Da war es ein großes Glück für ihn, daß er nun als Ablenkung Ludwig Börne kennen lernte. Er stürzte sich auf diesen vielbeweglichen blendenden Geist, wie eine Frau, der es in der Hoffnung nach Dingen gelüstet, die ihr vielleicht schädlich sind, im Augenblicke aber wohlthun. Es verging kein Monat, und er war ein wütigerer Revolutionär, als sein Freund Girlinger. Selbst seine deutschen Aufsätze in der Schule brachten Äußerungen zu Tage, die über das erlaubte Maaß der Lobpreisung antiker Freiheitshelden wie Harmodios und Aristogeiton hinausgingen.

Aber in seinen Tagebüchern rumorte sich die Empörung seines Wortschatzes am wildesten aus. Dort fanden sich in wunderlichem Nebeneinander die Namen von Gajus und Tiberius Gracchus, Catilina, Marat, Danton, Robespiere, August Bebel und Eugen Richter. Für Majestätsbeleidigungen hatte er sich eine eigene Geheimschrift erfunden. Der vor vier Wochen noch angebetete Name Bismarcks war von nun an durch das Zeichen eines Dolches wiedergegeben, wofür die Erklärung lautete. »Man kann das nehmen, wie man will. Entweder als den Dolch, mit dem dieser hochfahrende Strunkjunker die Freiheit Deutschlands hingemordet hat, oder als den Dolch, mit dem er . . .? . . .«

Die Freiheit Deutschlands hatte übrigens auch ihr Geheimzeichen (»denn sie ist ganz und gar verboten«), nämlich ein Epsilon und Gamma, was heißen sollte: Eleutheria Germanias. Dieses Epsilon Gamma schnitt sich der entflammte Demokrat sogar auf seinen linken Unterarm ins Fleisch; aber nicht sehr tief.

Es versteht sich, daß auch der Herrgott übel wegkam in diesem Tagebuche:

»Was ist denn Gott? Ein Substantivum generis masculini. Oder ein Eigenname? Aber was für ein Wesens damit gemacht wird! Wozu denn nur? Das gute Lumen (das war der Religionslehrer) sieht nie so dumm aus, als wie wenn es Gott sagt. Liegt das nun an diesem Substantivum oder am Lumen? Ich muß Girlinger fragen.«

Übrigens sollen ja auch große Leute an Gott geglaubt haben. Girlinger behauptet sogar, sie hätten ihn erfunden. Wer weiß, wo er das her hat. Er liest jetzt viel Philosophisches. Wenn nur Kant nicht so dunkel wäre. Diese verfluchten langen Perioden. Schopenhauer geht eher. Aber es ist entsetzlich, wie er über die Weiber schimpft. Ich glaube, man muß ein alter Knacks sein, um diese Philosophen lesen zu können.«

»Das Lumen (man sollte es die Funzel nennen) sagt, Gott sei wie die Luft, die man auch nicht sieht, aber spürt, und ohne die man nicht leben könne. Dann ist die Philosophie wohl eine Luftpumpe. Man setze die Funzel hinein, und sie wird verlöschen. Deshalb hat sie auch so einen Abscheu vor der Philosophie.«

Zuweilen gab es aber auch Verzweiflungsausbrüche in diesem Tagebuch, so sehr Stilpe auch bemüht war, in ihm den scharfen Geist zu posieren, dessen Atheismus über jeden Zweifel und jede Angst erhaben war. Dann türmte er bedenkliche Jamben-Quadern aufeinander

      Ich bin ein Mensch, und, hat mich Gott gemacht,
So soll er einstehn auch für das Gemachte
Und soll nicht Sünde heißen, was ich thu,
Und seiner Pfaffen ekelhafte Schaar
Auf mich loslassen wie ein Heer von Geiern.
Ich bin voll Wollust, und ich schreie laut
Nach Wollust wie der Hirsch nach Wasser schreit.
So gebt sie mir, denn Gott hats so gewollt,
Und wenn ihr Sünde sagt, so sündigt Gott.
Nein, nein und nein, ihr kennt ihn nicht, den Gott,
Von dem ihr sprecht; er ist kein lieber Gott:
Ein böser Gott! – Ach Gott, er ist ja nicht!

Jeden Sonntag kam Girlinger zu Stilpe und ließ sich von ihm das Tagebuch zeigen. Er war, bei aller eigenen Unreife, doch viel reifer, als jener, denn er hatte vielmehr Verstand und war wirklich fleißig hinter der Literatur her, die er Stilpen zutrug. Vor Allem kam ihm zustatten, daß er alle die zu frühe Gedankenkost kühl in sich aufnahm, während sie Stilpe heiß verschlang. Auch ließ er sich, trotz seiner Jugend, nicht so leicht blenden, und wenn er auch merkwürdig viel Sinn für das Brillante in Stil und Gedanken hatte, so nahm er das doch schon mit einer Art von Kennerschnalzen hin, während Stilpe sofort wie überschüttet und überglänzt war und Alles am liebsten gleich subjektiv für sich zur That gemacht hätte.

Der Fleiß fehlte ihm, wie in der Schule. so auch hier. Keines der Bücher, die ihn wild begeisterten, las er fertig, und Sitzfleisch hatte er nur in der Kneipe bei Martha.

Eines Tages kam er auf Girlingers Wohnung gestürzt.

– Bist Du allein?

– Meine Schwestern sind im Wohnzimmer.

– Können sie hören, was wir sprechen?

– Wenn sie nicht horchen: Nein!

– Aber sie werden horchen, natürlich!

– Unsinn, sie machen ihre deutschen Aufsätze.

– Nein, ich kann das hier nicht sagen.

– Was denn?

– Es . . . es . . . Komm nur! Komm! Ins Freie!

– Ja, was hast Du denn nur?

– Ach, es ist schrecklich! Schrecklich!

Sie gingen zusammen in den Garten, den Stilpes Pflegeeltern vor der Stadt hatten.

– Also, was ist denn los? Du siehst ja ganz blaß aus!

– Wie? Sieht man mirs an? Nicht wahr, ich bin furchtbar blaß?

– Ja, blaß bist Du . . . Und außerdem stinkst Du nach Sprit.

– Ja, ich habe sechs Glas Bier getrunken.

– Pfui Teufel, und natürlich dieses gräßliche Lagerbier in der Austria.

– Ja, aus Verzweiflung Girlinger. Denke Dir nur . . . Martha . . .! Ach Gott!

– Ich kann mirs wirklich nicht denken. Daß der Engel einen Bräutigam hat, der Unteroffizier ist, weißt Du ja schon seit vier Wochen.

– Ach, ich bitte Dich, sei nicht so spöttisch jetzt. Es ist zu furchtbar.

Er war wirklich wie zerschmettert. Girlinger fühlte Mitleiden mit ihm, und wie sie im Garten angekommen waren, redete er ihm sehr teilnahmsvoll zu, sich ihm auszuschütten.

Es war ein kleiner Mietsgarten zwischen anderen von der gleichen quadratisch angelegten Art. Selbst in der schönen Jahreszeit sah er trostlos öde aus mit seinen kleinen nach der Schnur gepflanzten Bäumen, den kümmerlichen Sträuchern und den harten gelben Kieswegen. Jetzt, da es Spätherbst war, die kahlen Bäume wie Besen aufragten, verfaultes Laub in den schwarzen Beeten lag und ein kalter Wind unter grauem Himmel ging, machte er einen völlig jämmerlichen Eindruck.

Da sie keinen Schlüssel hatten, sprangen sie über das Stacket. Plötzlich rief Stilpe: Wo ist denn die Bank?! Nicht einmal eine Bank ist da!

Wütend rannte er im Garten herum. Es kam ihm unbewußt sehr gelegen, daß er Ursache zu einem Wutausbruch fand.

– Wir können ja hin- und hergehn!

– Nein! Ich will eine Bank! Ich bin wie zerschlagen! Ich muß sitzen!

– Aber, wenn doch keine da ist?

– In der Baracke sind sie. Wart! Ich werde sie gleich haben!

Und er stürzte zum Gartenhaus, rüttelte erst mit den Händen an der Thür und trat diese dann mit den Füßen ein.

– Hö! Bänke genug!

Und er schleppte eine heraus und stellte sie mitten auf den Weg.

– Da, setz Dich!

– Ich brauche nicht zu sitzen. Ich bin nicht »zerschlagen« wie Du, denn ich bin nicht betrunken. Übrigens werde ich gleich wieder nach Hause gehn, denn ich habe besseres zu thun, als Deine Rohheiten mit anzusehn.

Jetzt wurde Stilpe wieder weinerlich.

– Setz Dich doch, ich bitte Dich, setz Dich. Ich muß . . . ach Gott, sei mir nicht böse . . . Ich bin ja so . . .

Girlinger setzte sich auf die Bank und sah vor sich auf den Boden. Stilpe stellte einen Fuß auf die Bank und stützte den Kopf in die rechte Hand. Große Thränen rannen ihm aus den Augen.

Lange konnte er nicht sprechen. Dann sagte er ganz leise:

– Kennst Du das Haus mit den weißen Fensterscheiben gegenüber der Austria?

– Das Puff?

Stilpe schlug sich mit der Faust aufs Knie und schrie: Da drin ist sie!

Girlinger sah auf und pfiff durch die Zähne. Dann sagte er sehr bedächtig: So, so! Ja, ja!

Da packte ihn Stilpe an beiden Schultern und schüttelte ihn wütend:

– Du bist ein Vieh! Ein Amphibium! Geh aus dem Garten, oder ich schmeiße Dich naus!

– Bist Du denn verrückt geworden? Jetzt hör aber auf! Was fällt Dir denn ein? Glaubst Du, ich bin für Deine Grobheiten da? Das war das letzte Mal!

Er wollte gehen.

Aber nun hielt ihn Stilpe wieder fest und drückte seine Hände, und indem ihm Thräne auf Thräne über die Backen lief, rief er aus:

– Ich weiß ja nicht, was ich sage, ich weiß ja nicht, was ich thue, ich bin Dir ja so dankbar; Du mußt mir alles verzeihen, was ich sage, ich bin ja ganz zerschlagen.

Girlinger bekam jetzt Angst vor ihm. Dieses Weinen war gräßlich, und all dies Gehaben war ihm so fremd. Er glaubte im Ernste, daß sein Freund verrückt geworden wäre, und fing an, ihn wie einen Kranken zu behandeln.

– Sei nur ruhig, Stilpe, ich bring Dich jetzt nach Hause. Du bist so aufgeregt. Du mußt ins Bett gehen. . . . Und übrigens: Ist es denn auch sicher?

– Sie hat mirs ja geschrieben; sie hat mich ja eingeladen, ich soll sie in ihrer neuen Stellung besuchen . . .

Girlinger hatte was Ironisches auf den Lippen, aber er bezwang sich.

– Ach Gott, wer weiß, was dahinter steckt. Es ist vielleicht gar nicht so schlimm. Überhaupt: Was ist denn schließlich dabei? Erinnere Dich, was Lassale über die Prostitution sagt. Es ist mehr ein Opfer, als eine Schande. Und die schlimmsten Huren sind nicht in den Bordells.

So, mit vielen Citaten, abgeklärten Sentenzen und ein paar historischen und ethnographischen Excursen ins alte Griechenland und nach Japan, tröstete er seinen zerschmetterten Freund nach Hause.

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