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Stille Existenzen

Jeanne Marni: Stille Existenzen - Kapitel 1
Quellenangabe
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typefiction
authorJeanne Marni
titleStille Existenzen
publisherVerlag von Albert Langen
year1899
translatorFranziska Gräfin zu Reventlow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Sein Grab

(Auf dem Kirchhof Montmartre. Es ist zehn Uhr morgens an einem ausnahmsweise regenfreien Junitage.

Madame Mael, 39 Jahre alt. Sie ist immer noch schön, trotz ihrer frühzeitig ergrauten Haare.

Madame d'Alysse, 35 Jahre, eine schlanke, hübsche Blondine mit harten, grauen Augen und einem eigensinnigen Zug um den Mund.

Beide Damm sind in tiefer Trauer, sie tragen große Sträuße von Rosen, Narzissen, Iris und Stiefmütterchen. Sie begegnen sich am Eingang des Friedhofs.)

Madame Mael:

»Sie hier? Und zu dieser Tageszeit?«

Madame d'Alysse:

»Wie Sie sehen. – Guten Morgen, Liebste.«

Madame Mael:

»Guten Morgen, Madelon. Ich dachte, Sie wären schon auf dem Lande?«

Madame d'Alysse:

»Wir haben unsre Abreise wieder verschoben. Das Wetter war gar zu schlecht. – Wie geht es Ihrer Tochter?«

Madame Mael:

»Danke, sehr gut. Sie ist mit Miß Roberts im Louvre.«

Madame d'Alysse:

»Louvre? – Im Magazin?«

Madame Mael:

»Nein, im Museum.«

Sie gehen während des Gesprächs weiter. Dann bleibt Madame Mael stehen.

»Ich muß hier nach links abbiegen.«

Madame d'Alysse:

»Ich auch.«

Madame Mael:

»Sie auch? Ich dachte, das Grab Ihres Vaters läge dort in der dritten Allee rechts?«

Madame d'Alysse:

»Ja, das thut es auch (sie zeigt auf eine kleine Allee), aber ich habe dort auch noch ein Grab zu schmücken.«

Madame Mael:

»So, dann haben wir denselben Weg.«

Sie gehen stillschweigend weiter. Dann bleibt Madame d'Alysse plötzlich vor einem einfachen Eisengitter stehen.)

»So, da ist es.«

Sie kniet nieder und legt einen großen Strauß lila Iris auf den einfachen Stein mit der Inschrift:

Hier ruht
Boniface Ruchet,
Professor.
Gestorben im Alter von 63 Jahren.
Betet für ihn!

Madame Mael (macht ein erstauntes Gesicht und sagt ganz leise):

»Madeleine, wer ist Boniface Ruchet?«

Madame d'Alysse (ebenso leise):

»Er war – Ich will es Ihnen nachher erzählen – einen Augenblick.«

(Sie senkt den Kopf und betet. In einem nahestehenden Baum singt ein Vogel. Madame Mael geht währenddem auf eine kleine weiße Kapelle zu, die von vier dunklen, fast schwarzen Cypressen umgeben ist. Dann richtet Madame d'Alysse sich wieder auf und folgt ihr.)

(Jetzt kniet Madame Mael nieder. Ohne die Kapelle zu betreten, befestigt sie einen Riesenstrauß von Rosen an der Pforte.

Langes Stillschweigen. Die Allee ist ganz menschenleer, in der Ferne hört man dumpfes Wagengerassel, dann und wann knistert ein vertrockneter Zweig.)

Madame d'Alysse (nähert sich Madame Mael und berührt leise ihre Schulter):

»Henriette.«

(Madame Mael fährt zusammen): »Ja!«

(Dann schlägt sie das Kreuz und erhebt sich.)

Madame d'Alysse:

»Kommen Sie jetzt?«

Madame Mael:

»Gleich.«

(Sie wirft noch einen Blick auf die Kapelle, dann folgt sie ihrer Freundin.)

Madame d'Alysse (als ob sie zu sich selber spräche):

»Nein, das könnte ich nicht.«

Madame Mael:

»Was denn?«

Madame d'Alysse:

»Ich könnte nicht so handeln wie Sie.«

Madame Mael:

»Wie meinen Sie das?«

Madame d'Alysse:

»Sie bringen der Maitresse Ihres Gatten Blumen ans Grab.«

Madame Mael:

»Nein, Liebste, nicht ihr – die Blumen sind für ihn.«

Madame d'Alysse:

»Nun ja, natürlich – aber da sie in einem Grabe ruhen, gilt es ihr mit.« (Kurze Pause.)

»O Henriette, wie konnten Sie das zugeben? Sie – eine Frau wie Sie! Wie konnten Sie es zulassen, daß man diese Fremde hier an der Seite Ihres Mannes begraben hat?«

Madame Mael:

»Er hat mich darum gebeten. – Sie haben gemeinsam den Tod gesucht. Ich fühlte nicht das Recht in mir, sie nach dem Tode zu trennen. – An meiner Stelle hätten Sie ebenso gehandelt.«

Madame d'Alysse:

»Niemals.«

Madame Mael:

»Doch – – Sie hätten gar nicht anders können.«

Madame d'Alysse:

»Aber ich versichre Sie, ich hätte es nicht gethan. Ich wäre nicht imstande, so großmütig zu handeln. Wenn mein Mann sich so gegen mich benommen hätte wie der Ihre und wenn ich ihn so geliebt hätte wie Sie – dann hätte ich ihn wenigstens nach dem Tode für mich haben wollen. Das ist denn doch wirklich nicht zu viel verlangt, daß man seinen Mann, wenn er gestorben ist, nicht mehr mit einer andern teilen will!«

Madame Mael:

»Ich sage Ihnen noch einmal, Madeleine, er hat mich darum gebeten, mich angefleht, er hat es von mir verlangt, ihn nicht mehr von jener Frau zu trennen. Und ich habe ihm gehorcht – wenn auch meine Liebe und mein Stolz sich darunter gewunden hat.«

Madame d'Alysse:

»Und Marguerite?«

Madame Mael:

»Meine Tochter denkt ebenso wie ich!«

Madame d'Alysse:

»Und sie kommt auch hierher? – an das Grab?«

Madame Mael:

»Ja, sehr oft.«

Madame d'Alysse (bewegt):

»Ich bewundere Ihre Seelengröße – ich wollte, ich wäre so wie Sie und Ihre Tochter. (Madame Mael bleibt stehen.) Sie wollen schon wieder gehen?«

Madame Mael:

»Ja, ich habe vor dem Frühstück noch eine Menge Besorgungen zu machen. Wir wollen nämlich auch morgen abreisen – nach Anjou.«

Madame d'Alysse:

»Warten Sie noch einen Augenblick. Es thut mir so wohl, mit Ihnen zu sprechen. Wollen Sie mir noch ein paar Minuten schenken?«

Madame Mael (lächelnd):

»Aber mit dem größten Vergnügen.«

Madame d'Alysse blickt sie mit gespannter Aufmerksamkeit an.

»Sagen Sie mir ganz offen – Sie halten mich gewiß für recht böse – Sie finden, daß ich hart und kalt bin, nicht wahr?«

Madame Mael:

»Aber Gott bewahre. Wie kommen Sie darauf? Ich halte Sie weder für böse, noch für hart oder kalt. Im Gegenteil, ich glaube, Sie sind ungewöhnlich aufrichtig, gut und edel.«

Madame d'Alysse:

»Und Sie halten mich für eine sehr – sehr anständige Frau?

Madame Mael (mit Überzeugung):

»Ja.«

Madame d'Alysse:

»Nun und darin täuschen Sie sich – ich bin nicht so tugendhaft wie Sie glauben. (Madame Mael blickt sie erstaunt an.) Nicht wahr, das hätten Sie nicht gedacht?«

Madame Mael (sanft):

»Nun, es überrascht mich in der That.«

Madame d'Alysse:

»Ja, es ist etwas in meinem Leben gewesen – ein Geheimnis – und das will ich Ihnen anvertrauen.«

Madame Mael:

»Warum?«

Madame d'Alysse:

»Weil ich Ihnen mein Herz ausschütten möchte. – Sie haben das Grab gesehen, wo ich vorhin die lila Iris niedergelegt habe?«

Madame Mael:

»Boniface – –?«

Madame d'Alysse:

»Ja, Boniface Ruchet. Nun, Henriette, diesem braven Mann verdanke ich es, daß ich vor Ihnen nicht zu erröten brauche. Er hat mich vor einer Schuld bewahrt, die nie wieder gut zu machen gewesen wäre.«

Madame Mael:

»Wie das?«

Madame d'Alysse:

»Ich will Ihnen erzählen, wie es kam. – Eines Tages, wie Ihr Mann bei mir war – –«

Madame Mael:

»Ah.«

Madame d'Alysse:

»Er war mir sehr sympathisch – Ihr Mann – ich hatte ihn wirklich gern. Er war auch ein Charmeur, nicht wahr? Und ich war damals ein wenig verliebt in ihn – o nicht sehr arg, aber doch ein bischen verliebt. Also wie gesagt, an jenem Tage besuchte er mich. Es war in der Dämmerstunde – ich ließ kein Licht kommen, ich weiß selbst nicht warum. Ich fühlte so eine Art seltsamer Mattigkeit und konnte mich nicht entschließen, dem Mädchen zu klingeln. So blieben wir denn im Halbdunkel sitzen – Ihr Mann und ich, ohne ein Wort zu reden. Dann faßte er plötzlich meine Hand. Ich weiß, Henriette, ich hätte sie ihm entziehen sollen. Ich weiß, daß es schlecht von mir war, aber es war so schön, es that mir so wohl, meine Hand in der seinen zu fühlen, daß ich sie ihm ließ. Ich ging sogar noch weiter, ich preßte meine Hand fest gegen die seine. – Das ermutigte ihn natürlich – er zog mich an sich und unsere Lippen berührten sich beinah, als plötzlich die Thür geöffnet wurde. Es war Boniface Ruchet, der Mathematikprofessor meines Sohnes. Damals, in jenem Augenblick war ich böse auf den guten alten Vater Boniface, sogar sehr böse, aber später habe ich eingesehen, was für einen Dienst er, ohne es selbst zu ahnen, mir geleistet hatte, ich habe ihm im Stillen dafür gedankt und dann – –«

Madame Mael:

»Und deshalb haben Sie ihm heute Blumen ans Grab getragen? – Aus Dankbarkeit?«

Madame d'Alysse:

»Ja – er hat mich davor bewahrt, eine niedrige Handlung zu begehen, es wäre ein abscheulicher Vertrauensbruch von mir gewesen, denn ich war doch Ihre Freundin – ich bin es immer noch (etwas zaghaft), nicht wahr, ich bin immer noch Ihre Freundin?«

Madame Mael (drückt ihr die Hand):

»Mehr wie je.«

(Beide schweigen tief bewegt. Madame Mael faßt sich zuerst wieder und macht ein paar Schritte vorwärts. Madame d'Alysse folgt ihr):

»Sie reisen also bestimmt morgen nach Anjou?«

Madame Mael:

»Ja. Und ich hoffe, daß Sie im September auf ein paar Tage zu uns kommen, nicht wahr?«

Madame d'Alysse:

»Ja gewiß, ich komme, wenn die Jagden beginnen, vielleicht noch eher. – Auf Wiedersehen, liebste Henriette, geben sie Marguerite einen Kuß von mir, aber, daß Sie es ja nicht vergessen.«

Madame Mael:

»Nein, ich vergesse es nicht.« (Dann deutet sie auf die Blumen, die Madame d'Alysse in der Hand hält.)

»Sind all diese Blumen für das Grab Ihres Vaters bestimmt?«

Madame d'Alysse:

»Ja.«

Madame Mael:

»Wissen Sie, was Sie thun sollten? – Sie sollten ein paar davon dort unten niederlegen – sehen Sie diese Stiefmütterchen, diese schönen samtschwarzen Stiefmütterchen.«

Madame d'Alysse:

»Dort unten? Meinen Sie die Kapelle, wo Ihr Mann ruht, mit seiner –«

Madame Mael:

»Mit seiner Maitresse – ja.«

Madame d'Alysse (errötet heftig):

»O Henriette.«

Madame Mael (mit traurigem Lächeln):

»Wollen Sie denn eifersüchtiger sein wie ich, Madeleine?«

(Sie drücken sich noch einmal die Hand, dann trennen sie sich. Madame Mael geht langsam dem Ausgang zu. Ein schmerzlicher, nachdenklicher Zug liegt auf ihrem Gesicht.

Madame d'Alysse sieht ihr nach, zögernd sucht sie dann die schönsten Stiefmütterchen aus ihrem Strauß zusammen und saugt ihren leichten, unbestimmten Duft ein. Sie denkt einen Augenblick tief nach, dann wirft sie die Blumen mit einer heftigen Bewegung auf die Erde und zertritt sie.)

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