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Stilicho

Felix Dahn: Stilicho - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleStilicho
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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created20070410
modified20141208
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IV.

In dem kleinen Palatium zu Pavia, das dicht am Ufer des Ticinus lag, fand das glänzende Gefolge des Imperators, dem sich zahlreiche Heerführer aus dem Lager der »Römer« vor der Stadt angeschlossen hatten, kaum Unterkunft. Die Vorzimmer seines Gemaches waren von Geistlichen, Beamten, Kriegern dicht gefüllt. Wohlgefällig musterte Heraclian die zahlreichen Kriegstribunen mit den echt römisch geschnittenen Gesichtern und römischen Schutz- und Trutz-Waffen, oft mit Namen altrömischer Geschlechter.

»Wagt er sich wirklich hierher,« meinte er zu Olympios – »schwerlich kommt er aus soviel Haß lebendig wieder heraus. Aber er kommt wohl nicht.« – »Doch!« gab der Byzantiner zurück. »Wie ich ihn kenne, kommt er.« – »Er ist schon da,« rief Carinus, der im Eintreten diese Worte vernommen. »Er ritt mitten durch die Gassen meines Lagers. Meine Leute knirschten. Ein Pfeil traf von hinten seinen Helm. Ich hatte Mühe, die tosenden Kohorten zurückzuhalten.« – »Warum gabst du dir diese Mühe?« grollte Heraclian. – »Befehl des Kaisers. Heut' in aller Früh' ergangen.« – »Was? Wie? sollte er abermals umgeschlagen haben?« forschte Olympios erbleichend. – »Weiß nicht,« erwiderte Carinus achselzuckend. »Aber heute Nacht ist etwas vorgegangen in dem heiligen Schlafgemach.« – »Was? Was? Erzähle!« – »Tretet näher. Ganz leise! Ich hatte die Wache im Vorzimmer. Kurz vor Mitternacht führte der Eunuch ein verhülltes Weib in das Schlafzimmer.« – »Ah, ein Weib?« rief Olympios. »Und mein ganzer Plan? Und Eudoxia?« – »Ohne Sorge,« lachte Carinus, »Das ist keine Nebenbuhlerin! Der Eunuch ging mit ihr hinein. Er trug einen weitbauchigen Erzkessel. Und als sie nach einer Stunde wieder herauskam, glitt ihr – gerade unter der Ampel – das schwarze Kopftuch herab: es war die alte Hexe, die man die Sibylle vom Ticinus nennt.« – »Ah, die greise Vettel, die da draußen in einer Höhle am Flußufer wohnt,« erklärte Heraclian. – »Die ganze Stadt, all' meine Römer,« fuhr Carinus fort, »glauben an ihre Weissagungen fester als an die Bibel. Er hat offenbar von ihr und ihrem Ruhm gehört und ...« – »Er wird wieder einmal schwankend geworden sein.« – »Ist er doch allzulang an seine Knechtschaft unter dem Vandalen gewöhnt!« – »Und nun wollte er erforschen, was seine, was des Barbaren Zukunft birgt. Kurz: heute früh erging an mich der Befehl, den Magister militum um jeden Preis zu beschützen: kein Haar darf ihm gekrümmt werden: ich hafte dafür mit meinem Kopf, daß ihm kein Leid geschieht: unversehrt muß er nach Ravenna zurückkehren.« – »Verflucht! Das ist seine sicherste Burg.« – »Gewesen!« höhnte Carinus, ganz leise. »Er wird sich wundern, sieht er sie wieder. Honorius hat auf meinen Rat im geheimen befohlen ... du Heraclian sollst heute noch ... aber still, da ist er.«

Stilicho trat raschen Schrittes ein: erhobenen Hauptes, schweigend, nahm er die Begrüßungen entgegen, die seinem Range gebührten und die man ihm nicht zu versagen wagte. »Ostiarius,« sprach er ruhig. »Melde mich dem Imperator. Ich muß ihn sofort sprechen – gleich. Und er muß entschuldigen – den Staub der Reise an meiner Gewandung: es eilt. Ich kann nicht baden und mich umkleiden, wie's Palast-Gebot. – Nein, melde lieber nicht. Ich gehe ungemeldet hinein.« Er schob den Staunenden zurück, öffnete die Tür und trat ein. Der Ostiarius wankte, fassungslos: »Er hat ihn zugelassen – ungemeldet. Das war noch nie! Das ist des Reiches Ende!«

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