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Stilicho

Felix Dahn: Stilicho - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleStilicho
correctorreuters@abc.de
secondcorrectort-stur@altmuehlnet.de
senderwww.gaga.net
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created20070410
modified20141208
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III.

Allein der Imperator scheute den Kampf Aug' in Auge mit dem Gewaltigen, dem zu widerstehn er all' diese Jahre oft versucht, aber nie vermocht hatte: er entzog sich nach Kräften dem Zusammenstoß mit dem Schwiegervater, dessen Tochter zu verstoßen er im Begriffe, mit dem Staatsmann, gegen dessen Willen, wie er wohl wußte, die Regentschaft des Ostreichs zu übernehmen, seinen Herrschersitz nach Byzanz zu verlegen er entschlossen war. Freilich, so ganz entschlossen hierzu war er doch noch nicht: er hoffte immer noch, des Ministers »Erlaubnis« hierfür zu erlangen. Aber die Reise zu Eudoxia durchzusetzen war er um jeden Preis gewillt. Um jeden? Ja, zumal auch um den Preis von Stilichos Verlust. Denn er haßte ihn seit jener Demütigung zu Rom noch bitterer als je zuvor. Nur weil er ihn für unentbehrlich hielt, hatte er ihn seither noch ertragen. Und für unentbehrlich mußte er ihn trotz der Gegenreden seines Hofes halten, immer noch, wenn er kühl nachdachte: wer aus all seinen Feinden sollte ihn in Krieg und Frieden ersetzen, diesen »Mann«? Allein nun war der Tag gekommen, da das kühle Nachdenken ausgeschlossen war durch den heißen Zauber jenes kleinen Bildes.

Die erste Enttäuschung erwartete Stilicho in Mailand: er fand den Kaiser nicht in dem dortigen Palast: ohne seinem Minister Kenntnis zu geben, hatte er die Stadt verlassen, begleitet von Olympios und Heraclian, jetzt seine ständige Umgebung. Es verlautete – gewiß wußte es niemand zu sagen – er sei nach Pavia gereist, die dort stehenden Truppen zu mustern.

»Pavia!« rief Stilicho sofort. Und zu Eucherius sprach er: »Jawohl! Dort stehen nur Römer, Carinus befehligt sie. Der hat das geplant, hat ihn zu dieser ›Musterung‹ bewogen, das heißt ihn aus meinem Machtbereich gelöst und in seinen ›Schutz‹ genommen. Auf nach Pavia!« – »Vater, geh' nicht nach Pavia. Deine germanischen Söldner sind in Ravenna, nur ihre Weiber und Kinder in und um Pavia angesiedelt. Geh nicht ohne Schutz in ...« – »In die Höhle des Löwen Honorius, willst du doch nicht etwa sagen? Solcher Hohn wäre crimen laesae! Soll ich auf meine alten Tage noch lernen, mich fürchten? Und vor Honorius? Wäre schwer! Nein,« schloß er zornig, »der Bube wagt nicht, mir mit einem Nein ins Auge zu sehn, Ich hab's oft erprobt: zuletzt wieder in Rom. Ich such' ihn auf, stelle ihn in Mitte seiner Römer.« – »Ich begleite dich. – Aber ehe wir aufbrechen, wünscht eine Bittende, dich zu sprechen. Hier ist sie schon. Ich gehe.« – »Nein, bleib, lieber Bruder,« bat eine sanfte, traurige Stimme und über die Schwelle des Gemaches schwebte eine zarte, ganz in Weiß gekleidete Gestalt, »Bleib und hilf mir den Vater bitten.« – »Mein lieb Töchterlein!« rief Stilicho, ihre beiden Hände fassend. »Himmel, wie bleich du bist! Und wie dünn diese Finger! Und eiskalt.« Er führte sie an eine Kline. »Bist du leidend?« – »Nicht mehr als sonst,« erwiderte sie, sich niederlassend. »Die letzten Tage brachten nur mehr ... ein wenig mehr des Bittern, als ich gewöhnt bin. Der Imperator ...« – »Was hat er dir getan?« Grimmig drohend kam die Frage. – »Ich klage ihn nicht etwa an: – gewiß nicht. Es ist meine Schuld, nicht die seine: – daß ich sein Herz ...« – »Hat er eins?« lachte der Vater bitter. – »Nicht zu gewinnen vermocht habe. So wenig wie die Schwester, die Glückliche.« – »Warum preisest du sie glücklich, die Tote?« fragte der Bruder. – »Weil sie tot ist. Und weil sie es nicht so lang wie ich – vergeblich! – versucht hat.«

Sie strich das ganz helle, weißgelbe Blondhaar zurück. Der Vater aber schlug die Hand vor die Stirn: »Meine beiden Töchter geopfert! Ihr blühend Leben dem toten Begriff des Römerreichs! Sprich, mein armes, weißes Täublein, was hat er dir ...?« – »Ich wiederhole, ich klage ihn nicht an. Aber ich muß doch sagen, was mich zu meiner Bitte zwingt.« – »Rede! Aber sag' alles, verschweige nichts, ihn zu schonen. Alles muß ich wissen.« – »Ja, sonst erfüllst du mein Begehren nicht. – Am Abend vor seinem Aufbruch aus dem Palast hatte ich mich, der Hofordnung gemäß, in seinem Gemach von ihm zu verabschieden. Ich fand ihn ... nun, sehr erregt. Es war gleich nach seiner Coena: er hatte wohl wieder mit Heraclian und Olympios ...« – »Um die Wette getrunken,« ergänzte der Vater. »Ja, das haben sie den verachteten Germanen abgelernt.« – »Er war ... nicht freundlich. Mir kamen die Tränen. Ich wollte es verbergen: ich wandte mich ab: doch er sah mein Gesicht in dem Silberspiegel der Marmorwand: ›Heulen?‹ schrie er. ›Schon wieder einmal heulen? Es ist nicht anzusehen! Wie sie aussieht! Wie eine Lemure! Da, du bleich' Gespenst, –‹ er taumelte an sein Bett, riß unter dem Kopfkissen eine runde Kapsel von Elfenbein hervor, öffnete sie und hielt mir ein Mosaikbild vor die Augen: ›da schau her, so muß ein Weib aussehn. So sieht das Weib aus, von dem du, Jammerbild, mich trennst ...‹« – »Das Weib ... es hatte rote Haare?« fragte der Vater mit dräuendem Kopfnicken. – »Ja. Aber ich sah nicht viel davon. Ich schlug sofort die Augen nieder. Es war ...« – »Kann mir's denken!« – »Nun, lieber Vater, – o blicke nicht so furchtbar! – danach kann ich doch nicht mehr des Imperators Gattin auch nur heißen.« – »Wahrlich nein,« rief Eucherius. – »Ich will nicht sein Unheil sein, will ihn nicht trennen von dem, was er sein Glück nennt. Laß dieses Band – es ist ja keine Ehe! – von der Kirche trennen: sie kann es.«

»Ja,« lachte Stilicho wild, »sie kann es. Und sie wird es gern tun, die Tochter des Ketzerfreundes in Schmach verstoßen. Und sie wird den frommen Kaiser auch gern von dem Verbot entbinden, die Schwägerin zu heiraten, gewiß. Aber beim Zorne Gottes, daraus wird nichts. Du bleibst Imperatrix,« – »Vater, ich kann doch nicht ...« – »Gewiß, mein Kind, kannst du nicht, sollst du nicht bleiben bei dem Elenden: du bleibst fortab bei deinem Vater. Ach, jetzt fehlt die Mutter!« – »Sie fehlt nicht mehr! Sie ist da! Sie wird nie mehr von euch lassen,« rief Serena in dem düstern Gewand der Religiosae in das Gemach stürmend. »O mein Gatte, vergib! Kannst du vergeben?« Und sie warf sich vor ihm auf die Knie.

Rasch erhob er sie und zog sie an die Brust: heiß strömten die Tränen: lange fand die Schluchzende die Worte nicht.

»Was ist geschehen, Mutter?« forschte Eucherius. – »Was führt dich uns zurück?« fragte der Gemahl. – »Ach, die Erkenntnis der Ruchlosigkeit dieser Priester!« – »Sie kommt dir spät!« meinte Stilicho. – »Nicht zu spät, wenn du verzeihen kannst.« – »Verzeihen! Du handeltest in frommem Wahn. Ich liebe dich: das ist mehr als verzeihn. Jene aber – sie alle! – hasse ich und sie sollen's spüren!« – »Was haben sie dir getan, Mutter?« bangte die Tochter, ihre Hand fassend. – »Ach, was haben sie mir nicht getan, mein Kind? Entfremdet haben sie mich dem Manne, dem Sohn: sie als Sünder mir verleidet, mich von ihnen hinweggerissen in ihren Seelenkerker, das Kloster, und dort, dort haben sie mir alle Treu und Ehre zertreten wollen. Ich sollte ...« sie stockte. – »Nun?« drängte Stilicho. – »Zuerst sollte ich ihnen – in der Beichte! – alles verraten, was du mir je an Staatsgeheimnissen anvertraut, ich sollte angeben, wo im Palast oder in unserem Hause du deine Briefe, zumal die von und an Alarich, birgst. Und endlich – oh, es ist schändlich, ist unglaublich ...« – »Bei denen? Wenig!« – »Ich sollte vor dem Imperator beschwören, als Zeugin ... denn sie erheben Anklage gegen dich wegen Hochverrats ...« – »Sie wollen! Aber sie kommen nicht mehr dazu. Ich bin rascher.« – »Ich sollte beschwören, du habest mir deinen Plan anvertraut, unsern Sohn zum Kaiser des Ostreichs zu erheben mit Hilfe des Gotenkönigs: deshalb habest du den wiederholt entschlüpfen lassen, dafür ihm die Hilfsgelder bezahlt. Tu' ich es, würden sie Eucherius als uneingeweiht, als schuldlos hinstellen, weiger' ich es, ihn mit dir verderben, mich aber aus der Kirche stoßen. Und da ich sie mit Abscheu von mir wies, fesselten sie mich, schlugen mich ...« – »Ah, mein Weib!« schrie Stilicho. – »Und wollten mich in einen finstern Kerker werfen. Aber ich entkam mit Hilfe einer mitleidigen Nonne und floh zu dir. Verzeiht mir!« – »Du bist genug gestraft, bei Gott. Eucherius, du sperrst sofort jenes Kloster. Dann geleitest du Mutter und Schwester in mein sicheres Ravenna. Von dort aber fliegst du – es ist noch immer kein Bescheid von Adalger und jenen Germanen eingetroffen und nun eilt es gar sehr – zu diesen Söldnern an der Grenze, nimmst sie für mich in Eid und führst sie auch nach Ravenna. Das Geld erhebst du hier aus dem geheimen Thesaurus des Palastes.« – »Vater, das ist ...« – »Gehorche!« – »Und du, mein Gemahl?« – »Ich gehe zu Honorius.« – »Allein?« warnte Eucherius. – »Nein. Mit dem Gott der Rache.«

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