Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Felix Dahn >

Stilicho

Felix Dahn: Stilicho - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleStilicho
correctorreuters@abc.de
secondcorrectort-stur@altmuehlnet.de
senderwww.gaga.net
projectid6d4e1fd4
created20070410
modified20141208
Schließen

Navigation:

III.

Und Eile allerdings tat Not! Denn zwar hatte das Entsetzen der Italier die Menge der Barbaren maßlos übertrieben, nicht eine halbe, kaum eine viertel Million zählten sie –: aber nicht übertrieben, ja gar nicht zu übertreiben war die Wildheit dieser »Skythen«: dagegen waren die Goten Engel des Himmels, meinten die Flüchtlinge. Zwar waren unter diesen Haufen auch Germanen, zumal Goten aller Stämme: Ostgoten, Gepiden, Heruler, Rugier, Skiren, Turkilinge, Taisalen, Viktosalen, aber sie verschwanden unter der Menge ungermanischer Horden: Hunnen, Jazygen, Alanen, Boranen, Sarmaten, Uturguren, Akazieren und andre kaum sonst gehörte Namen, diese sämtlich Heiden, jene, wenn getauft, Arianer. So hatten denn am schwersten unter dem Einbruch zu leiden die katholischen Priester, deren Kirchen und Kirchengüter. Und der sogenannte »König«, das heißt der Häuptling dieser zusammengelaufenen Räuber, der riesenhafte Rugier Rhadagais – er maß siebeneinhalbmal seinen eignen Fuß, flüsterte die Angst – tat wahrlich nichts, dies Wüten seiner Horden zu bändigen. Man raunte, er habe einen furchtbaren Eid geschworen, jeden katholischen Priester, dessen er habhaft werde, zu töten und den Bischof von Rom auf dem Altar der Peterskirche seinem Kriegsgott Tius als Opfertier zu schlachten, so seine Eltern zu rächen, die, dereinst in Mösien gefangen und getauft, auf Anklage von Priestern von dem Dux von Mösien lebendig seien verbrannt worden, weil sie, rückfällig geworden, jenem Gott heimlich ein Roßopfer dargebracht hatten. Der zwölfjährige Knabe habe das mit ansehn müssen und damals jenes Rachegelübde getan, das er nun schrecklich erfüllte.

Von Osten her, aus Pannonien, durch das Tal der Drau und über Ämona (Laibach) brach – wie so mancher Einfall in Italien vor- und nachher – auch dieser Unhold in die Halbinsel ein: kein wanderndes Volk diesmal, nur ein ungeheures Heer von Räubern vieler Horden, deshalb viel gefährlicher, weil viel beweglicher und weil nicht gebändigt durch gemeinschaftliche Volkessitte und gemildert durch die bloße Anwesenheit schon von Frauen und Kindern. Wie eine Lawine ein dünnes Gehölz von Bergtannen fegte der ungeheure Anprall die schwachen Reihen der Römer dort im Osten unter dem Comes Lucretius hinweg: sie konnten nicht daran denken, das offene Feld zu halten: so flüchteten sie in die festen Plätze, die Kastelle, die Städte, wohin sich auch die gesamte Bevölkerung zusammendrängte, die zu entrinnen vermochte, bevor die raschen Hunnengäule der Vorhut in die Dörfer sprengten. So ergoß sich der Strom der Verwüstung durch ganz Venetien und alles Land nördlich des Po, widerstandslos. Denn mit Belagerung hielten sich die solcher Kriegskunst Unkundigen nicht auf: sie ließen auf ihrem Wege liegen, was sich nicht beim ersten Anlauf ergab: »Friede mit den Steinen!« lachte der Riese: jede Gefahr, die so etwa ihrem Rücken drohen mochte, ließ sie die ungeheure Überzahl verachten. Bei Besello überschritten sie den Po: wohl hatten die Umwohner auf Befehl der Eilboten Stilichos die breite Steinbrücke dort zerstört und alle Kähne versenkt oder auf das südliche Ufer gebracht: aber lachend hatten sich die ungezählten Haufen dicht nebeneinander in den Fluß geworfen, die zahlreichen Reiter je mit einem, auch mit zwei Fußgängern hinter sich, diese auch schwimmend, auf ihre langen Schilde gelegt.

So gelangten sie fast ohne Verlust vor Florenz: sie forderten, wie gewöhnlich, die Feste zur Übergabe auf: dann sollten nur die Priester sterben, die Laien mit Plünderung davonkommen. Aber in Florenz befehligte Adalger, der, mit einer kleinen, doch erlesenen Schar germanischer Söldner, von dem Feldherrn in Eilmärschen vorausgeschickt, die Stadt vor mehreren Tagen erreicht und, so gut es die knappe Zeit verstattete, in ihren Befestigungen verstärkt hatte: ein leichtfertig unternommener tolldreister Anlauf ward mit schweren Verlusten der Stürmer blutig abgewehrt: es war die erste Schlappe des grimmen Königs. Er tobte. Aber bald lachte er wieder: »Bah, lassen wir das alte Nest liegen gleich den andern. Auf dem Heimweg brennen wir sie alle nieder. Jetzt hab' ich keine Zeit: ich muß zu meinem Freund in Sankt Peter: ich hab's ihm schon lang versprochen. Wort muß man halten. Wir rasten heute noch hier: morgen geht's über die Berge dort im Süden: nach Rom!«

Aber am andern Morgen stand auf diesen Bergen – »der Mann«! Und zwar in meisterhaft gewählter Stellung jeden Übergang über die Höhen nach Süden und Westen sperrend. Wohl war er an Zahl gar sehr viel schwächer als der »Skythe«: aber es waren seine besten Truppen Franken, Friesen, Alamannen, Markomannen, andre germanische Söldner – und er war – Stilicho! Zweimal stürmte Rhadagais hinan wie ein Bergstier: beide Male erlitt er auf halbem Wege so furchtbare Verluste, Niederlagen, daß er den Gewaltangriff aufgab: den Weg nach Norden sperrte das vortrefflich verteidigte Florenz: zum Rückweg nach Osten konnte sich sein Stolz nicht entschließen: so verbrachte er mehrere Tage in ratloser, tatloser Ruhe.

In dieser Woche aber brütete die Hitze des italischen Sommers, den Riesenleibern der Nordländer unertragbar, schlimme Seuchen aus: das massenhaft von den Durstenden getrunkene schlammige Flußwasser vermehrte das Übel: das böse Sumpffieber raffte Tausende gerade der Stärksten dahin, die Leichen, auf dem harten Felsboden (um Fiesole) nicht zu begraben und daher in den Arno geworfen, verpesteten Wasser und Luft. Dazu kam in der zweiten Woche der Mangel, der Hunger. Vorräte hatten die siegreichen und raubfrohen Plünderer nie mitgeführt: wie die Heuschrecken von dem Boden lebend, den sie bedeckten. Von den fruchtbaren Landschaften Etruriens waren sie abgesperrt durch Stilicho, die Mauern von Florenz und im Rücken durch den Fluß: auf den steinigen Höhen von Fiesole, wo sie sich eingezwängt sahen, fanden sie schon am zweiten Tage nicht mehr, was sie für Mann und Roß brauchten.

In wenigen Tagen waren die meisten Pferde geschlachtet und verzehrt: nur die Hunnen hatten die geliebten »Springerlein« verschont, deren Hälse mit den zottigen Mähnen umklammert, die hungrigen Genossen abgewehrt: »Wie soll ich leben, wozu soll ich essen, kann ich nicht mehr reiten?« meinte Bleda, ihr Häuptling: es gedieh ihnen zum Heile: nur von diesen Berittenen entgingen einzelne dem allgemeinen Verderben. –

Da, in äußerster Not, – zum Sturm auf die Felsenkronen Stilichos waren sie nicht noch einmal zu bringen! – bestürmten sie ihren Führer, endlich in den Rückzug nach Osten zu willigen. Schweren Herzens, verzweifelnd gab er nach: nicht mehr Stolz und Trotz, wie in den ersten Tagen hielt ihn ab, nein, die Erkenntnis, daß dieser Rückzug der Untergang sei. Denn seit einigen Tagen war ein zweites Heer unter Carinus im Norden und Osten des Arno erschienen: wie sollten die entmutigten, geschwächten, vom Fieber geschüttelten Überbleibsel seiner Scharen den brückenlosen Fluß überschreiten im Angesicht eines Heeres und im Rücken verfolgt von Stilicho, der gewiß aus seiner unheimlichen Ruhe auf den Berghöhen da oben auf die ihm Entfliehenden furchtbar herunterbrechen würde.

Und als nun Rhadagais – zögernd – den Befehl, vielmehr die Erlaubnis zu dem Rückzug nach Osten erteilt hatte, – da war es nicht mehr ein abziehendes Heer, da waren es Haufen verzweifelter Flüchtlinge, welche, die nutzlosen, die hemmenden Waffen wegwerfend, auf den Fluß zu stürzten, einzeln, paarweise, oder in wehrlosen, hilflosen Klumpen und in das Wasser sprangen, wo sie es erreichten. Nur wenige gelangten hinüber. Denn von drei Seiten zugleich wurden die Widerstandunfähigen niedergemacht: von den Ufern drüben ergoß sich ein Hagel von Pfeilen und Wurfgeschossen jeder Art auf die Schwimmer wie auf Zielscheiben. Aus den Toren von Florenz traf in ihre linke Flanke ein grimmiger Ausfall Adalgers und tödlich, vernichtend, umklammerten die Germanen Stilichos ihren Rücken und die rechte Flanke von Westen und von Süden her. Kampf wagten die wenigsten: ganze Rudel ließen sich von einzelnen Reitern greifen: »Brot! Nochmal Brot vorm Sterben!« flehten sie.

So wuchs die Zahl der Gefangenen gewaltig: nur einen Goldsolidus, etwa zwölf und eine halbe Mark, zahlten die in Menge herbeiströmenden römischen Sklavenhändler für den Kopf.

Auch Rhadagais war unter den Gefangenen: Adalger hatte ihn, der all' die Seinen überragte, erschaut und nicht geruht, bis er ihn erreicht und in ungestümem Jagen überritten: aber vier Krieger waren erforderlich, den auf dem Rücken Liegenden zu fesseln.

Als er vor Stilicho gebracht ward, verkündete dieser ihm sofort das Todesurteil: der Kaiser hatte im voraus die Hinrichtung angeordnet: die Ermordung so vieler Priester, meinte auch der Feldherr, habe diese Strafe verdient. Trotzig hörte der Gefesselte ihn zu Ende: dann lachte er: »Wohl! Aber das wisse, ich sterbe, nicht weil ich zu viele Priester, nein, weil ich einen zu wenig umgebracht habe: den in Rom. Drum zürnt mir der Kriegsgott. Aber er hätte mich doch ihn erreichen lassen sollen. Auf baldig Wiedersehn in Hel, Stilicho.« Und trotzig schritt er hinaus.

 << Kapitel 31  Kapitel 33 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.