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Stilicho

Felix Dahn: Stilicho - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleStilicho
correctorreuters@abc.de
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created20070410
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Viertes Buch.

I.

Gleich hierauf führte den Magister militum der Rückweg nach Mailand über Pavia. In dieser ganz überwiegend von Römern besetzten Feste war es wiederholt zu Reibungen, zu offenem Streit, zuletzt zu blutigen Händeln gekommen zwischen einer schwachen Schar germanischer Söldner – Friesen waren's und Franken –, die vor der Stadt lagerten auf ihrem Weg über die Alpen, in Gallien und Rätien die entblößten Grenzen wieder zu besetzen, die einstweilen nur von jenen beiden Königen waren gehütet worden – mit musterhafter Treue und bestem Erfolg.

Stilicho hielt strenges Gericht in der Stadt: es hatte sich herausgestellt, daß wieder einmal, wie so oft geschah, die Römer, wo sie sich in erdrückender Überzahl wußten, plötzlich über die »Barbaren« hergefallen waren.

In Europa wie in Kleinasien waren solche »Vespern«, in denen auch die Weiber und Kinder der angesiedelten Söldner ermordet wurden, schon seit zwei Jahrhunderten nicht selten gewesen: der alte Haß, die Verachtung der »Ketzer«, die junge neidische Eifersucht auf die Bevorzugung durch den »Vandalen« bedurften zu solchem Aufflackern keines Grundes, kaum eines Vorwandes.

Schwere Strafen hatte »der Mann« über die Schuldigen in Pavia verhängt: ein Centurio der »Kohorte der Samniten«, der drei Friesen nachts in ihrem Zelt im Schlaf erdolcht hatte, ward mit gefesselten Händen an ihm vorbei zum Tode geführt: er blieb vor dessen Pferd stehen: »nur noch eine Frage, Vandale.« – »Magister militum bin ich.« – »Ja, so nennst du dich. Aber Barbar bist und bleibst du! Sprich, warum ziehst du deine Germanen überall vor? Warum bezahlst du sie besser als uns Römer?« – »Weil sie bessere Soldaten sind!« – »Ah, bei Mars dem Rächer! Fluch dir! Das sagst du mir, dem Samniten? Jahrhunderte hindurch haben meine Ahnen euch kühestehlende Barbaren zu Tausenden gegriffen und als Sklaven verkauft.« – »Ja! Aber schon lange nicht mehr, wenn euch nicht führten – Germanen.« – »Warte nur! Einst werden sie dich doch noch zerreißen, die Söhne der Wölfin!« drohte der Verurteilte, die geketteten Fäuste gegen ihn reckend, – »Wer oder was wird sie aber dann schützen, die Wölflein, vor den germanischen Bären? Gewiß nicht nächtliche Mordtat, Samnite. – Fort mit ihm.«

Ernst, schweigsam ritt Stilicho mit seinem kleinen Gefolge von der Richtstätte hinweg den Fluß aufwärts nach »Pons Tessini«, wo ähnliche Verbrechen zu ahnden waren. »Hat dich der Fluch verstört, Vater?« fragte Eucherius besorgt. – »Nicht der Fluch gegen mich, lieber Sohn. Aber der Fluch, der, Unheil brütend, über diesem Reiche liegt: der unauslöschliche Haß der beiden Völker. Seit Jahren such' ich sie zu verschmelzen: Haß, Verachtung, Totschlag, Mord ist das Ergebnis. Sollte er dennoch schließlich Recht behalten, der blonde Gotenkönig? Muß ich doch einst wie jener Decius in den Abgrund springen, diesmal in den, der zwischen Römern und Germanen gähnt? Und wird er sich dann wenigstens schließen für immerdar? – – Aber sieh, was drängt sich dort lärmend neben dem Fluß? Priester sind's, Bauern, Liktoren. Rauch steigt auf am Ufer neben der Brücke. Gebet, – Psalmen, – Geheul! Sehen wir näher.«

Sein Zug war jetzt außerhalb der Mauern von Pavia in gartengleichem Reb- und Olivenland. Er sprengte auf das Ufer zu in den dichtesten Knäuel von Menschen hinein. »Was gibt's hier, Diakon?« rief er einen schwarz gekleideten Priester mit haßverzerrten Zügen an. – »Magister militum, ein Strafgericht der Kirche und des Staats. Diese alte Hexe da – Sibylle rühmen sie die Leute – wird verbrannt. Sieh dort den Scheiterhaufen.« – »Hier? Auf freiem Feld? – Heda, Liktoren, warum nicht in der Stadt?« – »Herr, das betörte Volk würde es nicht leiden. Sie halten sie für schuldlos und ihre Sprüche treffen ein.« – »Ja, durch Hilfe der Hölle,« erklärte der Diakon. – »Was hat sie jetzt verbrochen?« – »Geweissagt hat sie wieder.« – »Das tut ihr auch, – sogar aus der Bibel.« – »Und gezaubert!« – »Das tätet ihr so gern, – könntet ihr's.« – »Sie hat ihrem kranken Mann durch bloßes Bestreichen der Glieder die Schmerzen vertrieben, beschworen.« – »Könnte man doch alle so beschwören!« – »Und als er starb, hat sie ihn, statt ihn zu beerdigen, verbrannt.« – »Das tun wir daheim alle,« lachte ein friesischer Reiter. – »Verfluchter Heide! – Aber im Reiche der Römer steht darauf seit Constantius der Feuertod: die Kirche gebeut's und ...« – »Gemach! – Warum gebeut das die heilige Kirche?« – »Weil da geschrieben steht: ›der Mensch soll zur Erde werden, daraus er genommen‹.«

Stilicho lächelte bitter: »Also tot darf man die Leute nicht verbrennen, aber lebendig? Heiliger Unsinn! – Rasch, tapferer Sigiboto, binde die Alte los – sie ist begnadigt – und führe sie in Sicherheit.« Der Friese sprang hurtig ab und zerhieb die Stricke. Die Befreite wankte auf den Feldherrn zu: eine alte Frau in weißem Haar: sie küßte seinen Fuß im Steigbügel: »Das wird dir vergolten, Stilicho. Vergolten von den ewigen Göttern!« rief sie dem bereits Davonsprengenden nach. – »Nein,« knirschte der Diakon, mit erhobener Faust ihm nachblickend, »aber von der heiligen Kirche!«

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