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Stilicho

Felix Dahn: Stilicho - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleStilicho
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XIII.

Als aber Eucherius den Balten Sarus und den Alanen Saul nach der befohlenen Einschärfung verlassen hatte, sprang jener von dem Zelttisch auf, an dem die beiden eng Befreundeten gezecht hatten, warf einen drohenden Blick auf die friedlich im Abendschein des italischen Frühlings ruhenden Gotenlager und flüsterte: »Freund! Ich hab' einen herrlichen Einfall. Hilfst du dazu, sind uns Sieg, Ruhm, reiche Beute und vor allem der Rache furchtbare Wollust sicher.« – »Was meinst du?« fragte der Alane mit schwerer Zunge: wankend hielt er sich an dem Tisch. – »Mein Vetter, der sich König nennen läßt, wähnt sich morgen so sicher wie in dem Himmel der Christen: reiten wir in aller Frühe hinüber und schlachten ihn ab und die ganze Gesellschaft.« – »Nicht übel,« grinste der andere und zwinkerte mit den schief gestellten schmalen Schlitzaugen, indem er den braunroten Schnurrbart wischte, der in seinen zwei dünn herabhängenden Strähnen vom Weine troff. »Du weißt, ich fürchte nichts als den Drachen-Teufel. Aber – der Feldherr?« – »Bah, der Sieg entschuldigt alles. Und zürnt auch er – der tugendsame Knecht seiner Worte! – des Kaisers Verzeihung, Gunst, reicher Lohn sind uns sicher. Den freut ein Sieg ohne den ›Mann‹ – ja gegen ihn – erfochten, mehr als zehn Triumphe seines verhaßten Schwiegervaters. Aber mir ist's nicht um Ruhm, Beute und Lohn: – ich lasse dir alles! – Mir ist's um das Herzblut dieser Vettern, die seit Geschlechtern uns, den älteren Zweig der Balten, zurückgedrängt, jetzt gar den Königstab unseres Volkes erlistet haben! Ich muß dies Herzblut endlich rinnen sehn. Meine Hunnen sind Heiden wie deine Alanen: sie alle bindet morgen nicht ›die fromme Christenpflicht, das heilige Fest‹, von denen Eucherius predigte: und uns folgen sie in die Hölle.« – »Aber du?« – stotterte der Alane. – »Du selbst bist Christ, eh?« – »Wohl: aber katholisch! Es ist fromm Werk, diese arianischen Ketzer zu versäbeln. Und im Notfall beicht' ich's beim Bischof von Mailand: der spricht mich sicher los. Tut er's nicht, – tu' ich's selbst. Nun komm herein in mein Zelt, den Plan geheim und genau zu beraten. Denn rasch muß es geschehen – bevor Freund und Feind etwas ahnen.«


Und rasch geschah's! Kaum hatte am andern Morgen die Sonne die Höhenzüge östlich des Tanarus überstiegen und ihre ersten Strahlen über die Ebene leuchten lassen, in welcher die drei Lager in geringer Entfernung voneinander aufgeschlagen waren, als aus der linken, der südlichsten Hälfte der römischen Zelte die Hunnen und Alanen, fast die gesamte Reiterei des Heeres, lautlos hervorbrachen und in rasendem Rennen sich auf die nächsten gotischen Zeltreihen ihnen gerade gegenüber warfen. Erst als sie das Lager erreicht hatten, stießen sie ihr wildes Kampfgeheul aus, dem Schrei der Hyäne vergleichbar: schrill zerrissen die grellen Töne die frommen Gesänge, mit welchen die Goten psallierend unter Führung ihrer Geistlichen, die Krieger ohne Waffen, die zahlreichen Frauen und Kinder die blonden Häupter mit Frühlingsblumen umkränzt, in den Gassen des Lagers umherzogen, und an reich geschmückten Altären nach alter christlicher, schon von Wulfila eingeführter Sitte gleich nach Sonnenaufgang die österliche Morgenandacht verrichteten.

Furchtbar war die Wirkung des plötzlichen sturmgleichen Überfalls. Niedergeritten waren sofort die wenigen Wachen, die der König, fest auf Stilichos Wort vertrauend, lediglich der Kriegsgewohnheit folgend, an den Eingängen der Lager aufgestellt hatte: sie kamen gar nicht dazu, in den Zelten das Heranjagen der Reiter zu melden. Diese meldeten sich selber schrecklich an! Sie sprengten mitten in die dichten Haufen der wehrlosen Gebetgänger und was die Gäule nicht niederrannten, hieb der sichelähnliche Krummsäbel des Alanen, streckte die neunsträngige Geißel des Hunnen, jeder Strang in eine Eisenkugel auslaufend, zu Boden. Das Jammergeschrei der Weiber und Kinder, die in den gelbbraunen, gellenden, spornenden, metzelnden Reitern mit Entsetzen höllische Unholde sahen, das Wutgeschrei der widerstandlos geschlachteten Krieger stieg gen Himmel, erweckte die noch in den Zelten Ruhenden: es drang hinüber in das römische Lager.

Empört erkannte Stilicho, was geschehen: er befahl sofort, alles Fußvolk und die wenigen ihm verbliebenen Reiter zusammenzuscharen, ordnete sie in aller Eile und führte sie selbst in der Richtung auf das überfallene Lager, dem vertragsbrüchigen Blutbad ein Ende zu machen: seinen Sohn schickte er auf raschestem Roß mit weißem Heroldstab voraus, die Kämpfenden zu trennen, Sarus und Saul bei schwerster Strafe zurückzurufen.

Aber einstweilen hatte sich das Blatt gewendet: die Angreifer waren die Angegriffenen, ja die Eingeschlossenen geworden: sie konnten nicht mehr vorwärts noch zurück.

Als der Lärm des Überfalls, das Geschrei der Seinen, den König erreichte, geriet er wohl in höchsten Zorn, aber nicht in Schreck: bei heißester Erregung verlor er nicht die kühle Überlegung des geübten Feldherrn, die nur einem Stilicho nicht gewachsen war. Sobald er von dem hohen Streithengst herab die Drachenwimpel der Alanen, aber keine römischen Feldzeichen erblickte, rief er: »Gott Dank, Stilicho hat nicht die Treue gebrochen!« – es war sein erstes Wort! – »das ist nur Saul!« Und nun hinter diesem Haufen die Hunnen erkennend an ihren kleinen zottigen Kleppern, schloß er: »und Sarus hat es angestiftet. Nun wartet!« Er gab Ataulf einen raschen kurzen Befehl: der brauste mit seinen Reitern seitwärts – gen Süden – zum Lager hinaus, während Alarich mit allem erreichbaren Fußvolk, das nun zu den Waffen gegriffen hatte, von West nach Ost sich den Feinden geradewegs entgegenwarf. Diese waren nach dem Erfolg des ersten Anpralls nicht weit vorwärts gekommen: zuerst hatten sie die hochgetürmten Haufen der Erschlagenen gehemmt: dann stießen ihre Gäule in den engen Lagergassen auf die vielen Wagen und Karren, den langen Troß des Wagenzuges: das hielt sie fest: daneben vorbei konnten sie die Pferde nicht zwängen: bei dem Versuch, darüber hinwegzusetzen, stürzte Roß und Mann, während das gotische Fußvolk zu beiden Seiten der Wagen mit gefällten Speeren und geschwungenen Schlachtäxten auf sie eindrang im Nahekampf mit der grimmigen Kraft der Rache.

Jetzt erschauten sich Alarich und Sarus. »Fort mit dem Wagen da!« rief der König. »Schafft mir Platz.« Sechs Speerträger faßten den Karren und schoben ihn zur Seite.

»Ah, der Balte!« schrie Sarus. »Stirb, Herr König der Goten!« – »Treubrüchiger Hund!« gab dieser zurück. Und beide sprengten widereinander mit eingelegten Lanzen. Die des Sarus zersplitterte an der Ringbrünne des Königs: zwar flog der unter der Wucht des Stoßes auf dem sattellosen Hengst bis auf dessen Hüften zurück, aber er hielt sich gerade noch und sah den Feind, in die Kehle durch und durch gestoßen, vom Pferde stürzen: heiser klang sein Todesschrei.

Da entscharte, wie diesen Horden gar oft geschah, des Führers Fall sofort die Hunnen: sie rissen die Gäule herum und flohen. Das heißt: sie wollten fliehen; aber sie stießen in vollem Rennen auf die Alanen in ihrem Rücken und rissen diese, deren Reihen durchbrechend, in Verwirrung mit sich fort: vergebens mühte sich Saul, die Flucht zu stellen: seine Alanen gehorchten ihm, soweit sie konnten: aber nicht die meisterlosen Hunnen.

»Nun denn, meine Drachen,« schrie er zuletzt erbost, »so weicht auch ihr! Zurück! Heraus aus dem verfluchten Lager.« Und er wandte das Pferd dem Ausgang zu. Da erschrak der so furchtlose Mann. Der Ausgang war nicht mehr frei: mit lautem Kampfes- bald Sieges-Geschrei sprengte Ataulf mit seiner ganzen Reiterei, die langen Speere vorgestreckt, gegen die weichenden Alanen, die fliehenden Hunnen heran. Im Augenblick waren beide Geschwader zurückgeworfen in das Lager hinein in die Lanzenreihen des grimmig verfolgenden Fußvolks Alarichs.

»Hui,« knirschte Saul, »das hat der schöne Ataulf getan. Wart', Milchgesicht, ich mach' dich noch schöner.« Und scharf gezielt, gerade zwischen die Augen, schleuderte er den kurzen Wurfspeer gegen den Goten. Aber Ataulf schlug das Geschoß mit dem Langschwert zur Seite und spaltete mit dem zweiten Streiche des Alanen spitze Mütze von schwarzem Lammfell und auch den Kopf darunter bis ins Kinn. Grell kreischten seine Reiter, als sie den vieljährigen, tapfern Führer fallen sahen.

In diesem Augenblick erreichte Eucherius, sich durch die hintersten Reihen Ataulfs drängend, diesen: er winkte mit dem weißen Stab und rief: »Halt ein! Stilicho ist schuldlos!« – »Das glaub' ich! Aber deine Drachenbrut!« Und er hieb wieder einen Alanen vom Gaul. – »Ich rufe sie ab! Ich führe sie sofort zurück.« – »Nein,« lachte Ataulf, »wahrlich nein! Schau die erschlagenen Frauen am Boden! Da vorn mäht der König die Hunnen: die Alanen sind mein. Jetzt haben wir die falschen Wölfe. Nicht einer soll zurück!« – »Nicht einer!« jauchzten die nächsten Goten,

Eucherius erkannte die Unmöglichkeit, die zornigen Rächer umzustimmen. Er jagte zurück zu dem Vater, den er bereits auf halbem Wege nach den Lagern der Goten an der Spitze des Fußvolks fand. Er meldete, was er gesehen, gehört. Der Feldherr hielt das Pferd an, er sann einen Augenblick nach: er suchte Rat.

»Überlaß sie doch,« mahnte Adalger an seiner Seite »ihrem Schicksal. Sie haben's reich verdient, die Treu- und Ehre-Brecher!« – »Des Kaisers beste Reiterscharen? Nein, ich darf nicht. Ich muß sie retten! Aber wie? Wie am sichersten, am raschesten? Ah, ich hab's! Rechtsum! Vorwärts auf das andre Lager der Goten! Dort haben sie die meisten ihrer Weiber, ihrer Kinder. Sehen sie diese gefährdet, – gebt acht, wie schnell sie von unsern Reitern lassen. Vorwärts! Nach rechts! Im Sturmschritt auf jenes Lager.«


Er hatte recht. Sowie Alarich und Ataulf die ganze Wucht des römischen Fußvolkes in ihrem Rücken auf das größere Lager fallen sahen, – bald scholl der Kampfruf der Männer, das Geschrei der Weiber zu ihnen herüber – wandten sie sich, diesen zu helfen: Alanen und Hunnen, so frei gegeben, jagten, was die Gäule laufen konnten, zurück ins römische Lager: sie konnten heute nichts mehr leisten. – Aber Ataulf hatte eine weite Schwenkung um das kleinere Lager herum zu vollziehen, bis er in den Kampf um das größere eingreifen konnte: er kam zu spät.

Der Sieg Stilichos auf diesem – dem nördlichen – Teil des Schlachtfeldes war rasch entschieden: er hatte mit der erdrückenden Übermacht seines Fußvolkes – der trefflichen germanischen Söldner zumal – den Widerstand der gotischen Verteidiger hier schnell überwältigt, das Lager genommen, in Brand gesteckt, viele Wehrunfähige gefangen.

Ataulf und auch der früher eintreffende König konnten nicht mehr erreichen als die Flucht des Volkes, den Abzug auch des stark geschwächten Heeres in die schützenden Mauern des Städtleins Pollentia im Rücken des Nordlagers zu decken. Und auch dies gelang nur durch immer wiederholte Vorstöße der beiden unermüdbaren Führer, die Verfolger aufzuhalten. Doch diese Versuche halfen immer nur auf kurze Zeit und wurden unter schwersten Verlusten der sich aufopfernden Nachhut ausgeführt. So ward der Tag von Pollentia trotz der Niederlage seiner Reiterei schließlich ein großer Sieg Stilichos.

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