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Stilicho

Felix Dahn: Stilicho - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleStilicho
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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created20070410
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XI.

Einen Tag, nachdem das Gotenlager, halb verbrannt, verlassen war, irrte durch die Zeltgassen hin ein schöner Knabe von etwa vierzehn Jahren: barhäuptig, barfüßig, einen Hirtenstecken in der Hand, über dem braunen Schafvlies, seiner einzigen Bekleidung, an einem Strick einen Kürbiskrug geschnürt. Es war ein schöner Abend des Vorfrühlings: die fein gebogene schmale Mondsichel sah aus den noch vom Sonnenuntergang rötlich behauchten, vor dem Westwind langsam flutenden Wolken auf die breiten Gefilde an der Adda grünenden Ufern herab. Es war so feierlich still hier, wo vor kurzem der klirrende Lärm der Schlacht getobt hatte: eine Lerche sang noch, allmählich aus den Lüften sich niederlassend: nun schwieg auch sie, in die junge Saat geduckt, da war es ganz still. – –

Der Knabe schritt weiter und weiter. Er stieg auch zuweilen über eine der Leichen, die noch lange nicht alle bestattet waren: er tat's ohne Grauen: wußte er doch kaum, was das all' bedeute. Nur vermied er, nachdem er einigen in die verzerrten Gesichter gesehen, leise fröstelnd, diesen Anblick. Allmählich ermüdete er: er lehnte sich an die Stange eines stehen gebliebenen Zeltes und rief: »Alarich, König der Goten! Wo bist du? Jetzt komm aber bald. Sechsmal hab' ich dich gerufen. Lange lauf' ich über stumme Menschen, blutige Pferde, zerbrochene Waffen. Komm endlich! Müde bin ich. Alarich, komm!«

Da rührte sich etwas in dem Zelt, dessen rauchgeschwärztes Lattendach zur Hälfte nach innen herabgestürzt war, die Eingangsfalten rauschten und ein etwa gleichaltriges Mädchen lugte neugierig dadurch. Nun trat das Kind heraus: dichte blonde Zöpfe fielen auf das lange weiße Wollhemd, das, ihr einziges Gewand, bis an die Knöchel reichte, aber die unbeschuhten Füßlein sehen ließ. Lieblich klang die Stimme, als sie, die blauen Augen groß aufschlagend, fragte: »Was bist denn du für einer?« – »Ich? Ich bin doch Julianus. Und ich suche den König der Goten.« – »Das hab' ich dich rufen hören. Aber die sind fort. Alle. Oder tot.« Sie blickte erschauernd auf die Leiche, die dicht vor dem Zelte lag.

»Ich muß ihm aber sagen, daß der Großvater in der Erde liegt: das war sein letzter Auftrag. Weißt du, wo sie hin sind, die Goten?« Sie schüttelte schweigend den Kopf. »Hm, wer bist aber du?« – »Ich? Ich bin Hailiko, Hailswinths Kind. – Und nun bin ich ganz allein. Wir waren unser acht: Vater, Mutter und die fünf Geschwister. Jetzt sind sie alle fort. Wo mögen sie hin sein? – Wie war es doch?« Und sie griff mit der Hand an die Stirn.

Da sah der Knabe geronnenes, kaum erst getrocknetes Blut unter den gelben Flechten an der rechten Schläfe. »Du blutest! Hast du Schmerzen?« – »Nicht mehr viel. – Aber wie war doch alles? Kaum weiß ich's noch. Ja, ja, so war's: wir, die Mutter und die Geschwister, wir lagen da drinnen und schliefen. Der Vater stand auf Wache bei den hohen Holzböcken. Da plötzlich Geschrei – arges Geschrei! – Waffenlärm – durch die Zeltfalten Feuerschein. Auf sprang die Mutter, nahm den Kleinsten auf den Arm, riß die zweite mit der Linken dahin und schrie uns zu ›lauft! lauft mir nach‹. Ich wollte gern laufen: aber auf einmal stürzte das Dach über mir zusammen: – eine Latte traf meine Stirn: – ich sank zu Boden: – seither hab' ich nichts mehr gedacht, gesehn, gehört, bis dein Ruf mich weckte. Habe Dank!«

»Arme Hailiko! Bist so zart, so ... so anders! Was fängst du nun an?« – »Ich suche die Eltern.« – »Ja, aber wo?«

Die Kleine sann nach: »Ei, ich weiß! Der Vater ist Herrn Ataulfs Gefolge. Ich suche Herrn Ataulf, den viel Gütigen.« – »Ataulf? So hieß der andre, des Königs Vetter. Weißt du was, Hailiko? Die Vettern werden wohl beisammen sein. Da könnten wohl wir beiden miteinander gehn, sie suchen: nicht? Weißt du, es ist doch besser für dich. Du bist gar so ... nun, so fein, so anders. Und so jung. Leicht könnte dir was geschehen! Ich werde dich schützen.« Und ohne Grauen löste er dem toten Goten, der neben ihnen auf dem Rücken lag, das Kurzschwert aus der erstarrten Hand, schwang es und steckte es in den Strick, der ihm den Gürtel ersetzte. »Nun komm mit mir! Ich schütze dich!« wiederholte er. – »Ich danke dir. Aber ich bedarf deines Schutzes nicht. Mich schützt der gute Himmelsherr da droben, der Vater, der alle Haare gezählt hat auf meinem Haupt. Und sein Engel fliegt vor mir her.«

Verwundert sah der Knabe nach oben: »Ich seh' ihn nicht. Und ein Vater im Himmel da oben? Hab nie was von ihm gehört.«

Die Kleine erschrak: »Nichts vom Himmelvater? O du Armer! Wie kannst du leben?« – »Weiß nicht, wie. Aber ich lebe.« – »Höre du, da will ich freilich mit dir gehn: da schützt dich mein Gebet besser als das Schwert da mich. Und wäre schade, geschähe dir was. Denn du bist gut, – glaub' ich. – Der Weg wird vielleicht weit. Denn wo mögen sie sein, die wir suchen? Darum wart' einen Augenblick: wir hatten noch Brot im Zelt und Ziegenkäse: das nehmen wir mit.«

Gleich kam sie wieder heraus, eine Jagdtasche an braunem Riemen um die Schulter geschlungen, beide Hände voll Brot und Käse: sie gab ihm die Hälfte: »Da, iß! Sonst mag ich auch nicht essen. Und bin doch hungrig.« Er nahm und aß: dabei betrachtete er sie nachdenklich: »Das Blut da! Es paßt nicht zu dir. Bist sonst so weiß an der Stirne. Bücke dich. Ich wasch' dir's weg.« Gehorsam neigte sie das Köpflein: er öffnete die Kürbisflasche, besprengte die Stelle und wusch sie ab, mit gar leiser, leiser Berührung; »tat das weh?« – »Nein, wohl hat's getan. So kühl! Dank! Siehst du, ich sagte ja, du bist gut.« – »Nun komm, eh' es dunkel wird. Wir wollen übernachten in Großvaters Hüttlein. Er liegt daneben im Grabe, das er sich selbst – schon lange! – gegraben. Und wie er zu sterben kam, legte er sich selbst hinein: ich hatte nur, nachdem er nicht mehr atmete, die Erde darauf zu schütten. Du fürchtest dich doch nicht vor dem Toten?!« – »Ich werd' an seinem Grabe für ihn beten.« – »Also komm!«

»Erst laß uns beten. Knie nieder wie ich und sprich gleich mir: ›Allmächtiger Vater im Himmel! Schütz' uns zwei arme Kinder auf unsern Wegen. Denn wir wissen nicht wohin. Aber du wirst uns führen Nacht und Tag, über Berg und Tal, durch Wald und Heide. Beschirm' uns vor bösen Menschen und bösen Tieren und bösen Geistern. Wir vertrauen dir ganz, hörst du, lieber Gott?‹« Sie sprang auf: »Nun komm: nun kann uns nichts geschehen.«

Und raschen Ganges, munter, schritten sie dahin.

Kaum hatten sie dem Zelte den Rücken gewandt, als hinter ihm hervor zwei Kerle schlichen, die Hailiko wohl zu den bösen Geistern würde gerechnet haben: römische Troßknechte waren's, Sklaven, bepackt mit Gold, mit Schmuckstücken, Ringen, auch mit kostbaren Waffen, die sie in den Zelten, in der Asche, bei den Leichen aufgelesen. Tierische Roheit lag auf den häßlichen Gesichtern. »Du bist ein Hasenherz,« lachte der eine und bückte sich: denn er erblickte an dem Goldfinger des toten Goten einen Ring mit einem leuchtenden Rubin: sofort schnitt er den starren Finger mit seinem Dolche durch, ließ den roten Stein im letzten Strahl der Sonne spielen und steckte ihn in seinen schon strotzenden Lederranzen.

»Hasenherz! Ich hätte den Jungen gemurxt, das bildschöne Mädel hätt' ich mir gezähmt. Und dann verkauft.«

»Wäre dumm gewesen! Die Senatoren in Rom, auch Priester dort, zahlen für einen schönen Jungen viel mehr als für ein Mädel. Ich hätte den Buben verhandelt. Aber wie die Kleine gen Himmel sah, – mit den Augen! – erwürgt hätt' ich dich, griffst du sie an.«

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