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Stilicho

Felix Dahn: Stilicho - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleStilicho
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IX.

Wohl hatte der Gotenkönig, da die Werkmeister in seinem Lager noch immer nicht die erforderliche Zahl von Maschinen fertiggestellt hatten, Eilboten nach Epirus geschickt, aus den dortigen kaiserlichen Waffenlagern Ballisten und Mauerbrecher zu holen: aber weder die gewünschten Sendungen trafen ein, noch kehrten die Boten zurück. Und Tag um Tag verstrich und noch immer war kein Sturm auf Mailand möglich. Mißmutig ritten eines Abends der König und Ataulf aus den Reihen der Vorposten zurück gegen die Addabrücke. Die Märzsonne, die hinter Mailand zu Rüste ging, warf ihre Strahlen schon fast wagrecht über die weite Ebene, die im Osten der Stadt jener Fluß durchzieht. Es war ein friedlicher Frühlingsabend: vor der Feste ruhten die Waffen und der Lärm aus dem Lager des Volkes an der Brücke drang nicht bis zu den beiden Reitern. Die zahllosen Lerchen dieser Landschaft stiegen trillernd, in immer höherem, schraubenförmigem Aufflug in die Luft: ihre silbernen Stimmlein unterbrachen allein die feierliche Abendstille. Ataulf spornte das Weißroß zu rascherem Gange: »Ich begreife deine Ruhe nicht!« eiferte er. – »Aber ich begreife deine Unruhe,« lächelte der König. »Doch hat sie dir bisher nur einen eingeschlagnen schönen Helm und einen angeschlagnen schönen Kopf eingetragen. Placidia ...« – »Ah, laß das! – Nein, ich meine, deine Ruhe wegen – Stilichos. Kein Mensch weiß zu sagen, wo er steckt: nur gewiß nicht in Mailand! Was er treibt: nur gewiß nichts Gutes für uns. Unbegreiflich, daß er davon ging – wohl ganz aus Italien – wissend, daß wir kamen.«

Alarich schüttelte den Kopf: »Nicht unbegreiflich! Mit den Scharen, die er in Italien hat, allein hätte er die Schlacht am Timavus auch verloren – nicht so rasch und so gründlich wie Freund Heraclians Bruder, aber auch! – Er holt sich Helme: allein kann auch er Italien nicht verteidigen.« – »Schlimm, kömmt er zurück, während wir noch vor Mailand liegen.« – »Kommt darauf an. – Mir wär's ganz lieb gewesen, hätt' ich ihn daheim getroffen in seinem Italien.« – »Nun höre! Dann stünden wir wohl nicht vor Mailand.« – »Aber vielleicht schon viel weiter. Erfuhr er die Absicht, das wahre Ziel meines Zuges, mußte er selbst mir dazu helfen, es zu erreichen. Wenn ihn nicht einer seiner unberechenbaren, unbeugbaren Pflichtgedanken, eines seiner unsinnigen Versprechensworte hemmte. Wenn er kommt und uns nicht gleich ganz mausetot schlägt, – und dazu gehören doch zwei! – – viel Blut und Zeit und Arbeit könnt' er sparen. Auf meine wiederholten Anfragen hat er nicht geantwortet. Schriftlich ist so was auch schlecht verhandeln. – Aber sieh, dort hinter den noch blattlosen Reben steigt weißer Rauch empor: eine dünne Säule. Was mag's bedeuten? Woher rühren? Laß sehn!«

Beide sprangen ab, banden die Hengste an zwei junge Olivenbäume, die zu beiden Seiten des schmalen Eingangpförtleins der Weinbergmauer ragten und traten über die Steinschwelle des Rebgärtleins. Es erwies sich als sorgfältig, als liebevoll gepflegt: die mit gelbem, rotem, weißem Sande bestreuten schmalen Pfade glänzten in dem Licht der Abendsonne, die ungehindert durch die noch unbelaubten Weinstöcke, die flach gewölbten, Lauben ähnlichen Rebdächer, die »pontones«, ihre Strahlen über das niedrige Mäuerlein herein sandte. Die Rebgänge waren zierlich eingefaßt durch Rasenstreifen, in denen zur Zeit alle Blumen des italischen Frühlings, buntgereiht, prangten und dufteten: Krokus, Narzissen, Anemonen und Veilchen. Im Hintergrund des gartenähnlichen Weinbergs stand ein höchst einfacher Altar, aufgerichtet aus einigen alten Marmorplatten, die einst wohl einem reicheren Bau angehört hatten. Der oberste Querstein trug weder ein Kreuz noch die Büste oder Herme eines Gottes: ein paar Stücke Holz mit dürrem Reisig brannten darauf und ließen in der Windstille des friedlichen Lenzabends eine weiße Rauchsäule kerzengerad in die laue Luft des blauen Himmels steigen. Vor dem Altar kniete ein alter Mann mit silberweißem Haar in unscheinbarem Gewand: er hielt die Arme betend empor in der Haltung, in der man die Götter des Olympos angerufen hatte. Er ließ sich in seiner Andacht nicht stören, als die beiden hohen Kriegergestalten rechts und links an seine Seiten traten und ihn musterten: er sprach sein Gebet zu Ende: unhörbar, kaum die Lippen bewegend: erst als er ausgebetet hatte, erhob er sich – mühsam – und begrüßte die Fremden: verwundert sahen diese in sein Antlitz, das bei offenbar recht hohem Alter keine Falte, aber rosige Wangen wie eines Knaben zeigte.

»Willkommen, ihr Goten, im Namen des Gottes,« sprach er, sie freundlich anblickend. – »Welches Gottes?« fragte der König. »Dein Altar ist leer.« – »Der Gott ist überall, also auch auf diesem leeren Altar. – Darf ich euch mit meinem Wein erquicken? Er ist gut.«

Und ohne die Antwort abzuwarten, schritt er zur Rechten in eine Reblaube, wo vor einer halbkreisförmigen Holzbank ein Steintisch stand, aus dem gleichen rotbraunen Marmor wie der Altar gefertigt. Er holte unter der Bank drei kleine Zinnbecher hervor und einen irdenen, wohlvergipsten Henkelkrug, schenkte ein und tat den Gästen Bescheid.

»Trefflich ist dein Wein,« sprach Ataulf, »hab' Dank! – Aber sage, fürchtest du dich denn nicht? Du bist hier, scheint es, ganz allein und rings um dich her tobt der Krieg. Wenn wir dich nun tot schlügen?« – »Ich lebe schon achtzig Jahre. Das ist genug,« – »Oder dich ausraubten?« meinte der König. »Dich und dein Häuslein dort hinter den Lorbeerhecken?« – Der Alte lächelte: »Würdet nicht viel finden! Seht übrigens nicht aus wie Räuber. Erinnert mich an ... Aber das Alter schwätzt.« Er verstummte und sah an ihnen vorbei weit in die Ferne –: wie in die Vergangenheit. – »Nein,« lachte Ataulf, »es schweigt leider statt zu erzählen. An was, an wen erinnern wir dich?« – »An Strataburg, wie sie jetzt sprechen, statt Argentoratum. Und an sieben Könige.« – »Wie?« forschte Alarich, »du warst am Rhein?« – Der Alte nickte: »Mit ihm, dem Unvergleichlichen!« – »Mit wem?« fragten beide zugleich.« – »Mit dem Cäsar Julian, meinem Feldherrn, als er sieben Alamannen-Könige zwang. Die sahen aus wie ihr. So seid ihr wohl Könige der Goten?« – »Schau, Alarich! Da hat wirklich der Alte eine lange, lange Narbe am Halse.« – »Ja, ja, sie hatten gar lange Schwerte. Dieser Streich hatte ihm gegolten: – ich sprang vor und fing ihn auf. Der Gütevolle vergaß es nie. Als er gegen die Perser aufbrach – mein Hals war steif geworden – schenkte er mir dies Gütlein. Lang ist's her. Seitdem hab' ich diesen Garten nicht mehr verlassen: Frau, Sohn, Sohneskinder hab' ich begraben – da drüben neben dem Häuslein: nun hab' ich nur noch den Urenkel: – da kommt er gerade gesprungen: Brot und Milch hat er – gegen unsern Wein – getauscht beim Nachbar –: komm nur herzu, Julian!«

Der schöne Knabe im kurzkrausen schwarzen Gelock, nackt an Armen und Beinen, den Leib nur von braunwolligem Schafvlies bis an die Knie bedeckt, blieb an der Eingangspforte stehen, stellte Milchkrug und Brotkorb nieder und starrte staunend die hohen, in reichem Waffenschmuck prangenden Gestalten an. »Ahn, sind das Götter?« fragte er.

Die beiden lachten: »Solche Schmeichelei bringt Claudian nicht für Honorius, ja nicht für seinen Stilicho fertig,« meinte Ataulf.

Der Alte aber sprach, mild verweisend: »Es gibt keine Götter. Es gibt nur den Gott.« – »Den Gott der Christen?« forschte der König. – Der Alte schüttelte das Haupt. – »Also Jupiter?« drängte Ataulf. – »Nichts von beiden. Seht dort meinen Altar. Er trug einen Jupiterkopf als Constantinus herrschte. Sein Sohn Constantius ließ den Jupiter zerschlagen und durch ein Kreuz ersetzen. Ein Priester des Jupiter unter Julian – wahrlich nicht der Cäsar selbst! – zerschlug das Kreuz und setzte wieder einen Jupiter darauf. Da kamen heidnische Alanen: die glauben nur an den Drachen-Dämon, sie schlugen den Jupiter und den ganzen Altar in Trümmer und trabten weiter. Mich hatten sie nicht gesehn in dem dichten Gebüsch. Ich kroch heraus und baute aus ein paar Marmorplatten einen neuen Altar – meinem Gott.« – »Und wer ist das?« – »Der Unbekannte! Der unausdenkbar ist und den ich doch denken muß! Der ewig war und ewig sein wird, wann keine Seele mehr an Jupiter oder an Christus glauben wird. Sonder Anfang, sonder Ende! Ich kann's nicht denken und kann auch nicht lassen, es zu denken. Was der tut, das ist wohlgetan. Aber man kann nicht beten zu ihm, etwas zu erlangen oder abzuwenden: beten ändert nichts. – ›Glaube doch nicht durch Gebet die Beschlüsse der Götter zu ändern,‹ – so sprach einmal ein Philosoph zu Julian, da der unablässig opferte.«

»Aber auch du hast gebetet, als wir kamen,« wandte der König ein. – »Nur ein Dankgebet: zu danken drängt mich die Seele dem Gott für alles, was er mir gespendet hat. Freilich mußte er wohl.« – »Warum?« fragte Ataulf. – »Weil er gut sein muß! 's ist sein Wesen so.« – »Wenn er dir aber wehe tut?« – »Dann muß er auch. Er hat nicht Willen, wie die Menschen, die da sprechen, ›das tu' ich und jenes lass' ich.‹ Ah und sind so wenig frei, wie der fallende Stein, der zu fliegen wähnt gleich dem Adler.«

»Und wie lautet dein Dankgebet?« fragte Alarich.

»›Gott ich danke für das, was du mir des Guten gegeben, und für das Üble zumal, welches du von mir gewehrt.‹ So betete mein Cäsar zu seinem unbesiegbaren Sonnengott. Aber den gibt es nicht. Und er fügte ein Bittgebet hinzu: ›Vater, das Gute verleih', auch wenn wir nicht darum bitten, aber das Böse versag', bäten wir selber darum.‹ Das war schön: aber sinnlos. Wir müssen uns in den Gott ergeben.«

»Ein beneidenswerter Glaube,« meinte der König, – »für einen Greis. – Mir aber ziemt's, für mein Volk zu sorgen, zu handeln: ich folge der inneren Stimme, die mich unablässig ruft nach ... Genug! Du,« lächelte er, »brauchst ihr ja nicht zu folgen.« Er legte einen Goldsolidus auf den Tisch. »Für den Wein!« – »Dies ist kein Wirtshaus. Dich schickte mir der Gott. Gib's den Armen.« – Mit Beschämung nahm der Gote die Münze an sich: »Soll ich dir nicht ein paar Speerträger schicken, dich Einsamen zu schützen?« – »Mich schützt der Gott. – Er müßte dann,« lächelte er, »nur auch noch deine beiden Speerträger schützen.«

Alarich reichte ihm die Hand: »Wahrlich, immer noch ein Held!« – »Des Glaubens,« fügte Ataulf bei. »Des Unglaubens, würden die Priester sagen.« – »Brauchst du je etwas, was ich gewähren kann, dir oder deinem Urenkel dort, oder hast du sonst Wichtiges zu melden, so schicke den schönen Buben ins Gotenlager und laß ihn fragen nach König Alarich.« – »Oder nach Ataulf, dessen Vetter,« rief dieser im Fortgehn zurück. »Dann soll euch Hilfe werden.«

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