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Stilicho

Felix Dahn: Stilicho - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleStilicho
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VII.

Und alsbald schien es wirklich, der blonde Ataulf werde demnächst durch das zertrümmerte Tor von Mailand reiten. Unaufhaltsam war das Gotenheer, vortrefflich gerüstet aus den byzantinischen Waffenhäusern in Epirus, die Alarich als Magister militum per orientem waren übergeben worden, über die Julischen Alpen in den Nordosten der Halbinsel eingedrungen auf altvertrauten Wegen: wiederholt hatte sie der Balte, im Kampfe gegen Anmaßer wider Theodosius sieghaft durchzogen. Diesmal hatte er am Timavus, dem alten Grenzfluß Italiens, ein römisches Heer geschlagen, den Übergang durch Gefecht erzwingend, und nun über Aquileja, Treviso, Vicenza, das starke Verona nördlich umgehend, am Südufer des Gardasees dahinziehend, die Adda erreicht. An deren rechtem Ufer schlug er Lager bei den »Altären des Mars«: hier ließ er den größten Teil des Fußvolks rasten, sowie die gewaltige Menge des wehrunfähigen Volkes, die auch diesmal die Beweglichkeit des Heeres schwer hemmte. Diesen Scharen vertraute er die Bewachung der einzigen Brücke über den Fluß an, während er mit den andern Tausendschaften des Fußvolks und Ataulf mit seinen raschen Reitern an der Spitze den Zug auf Mailand eilig fortsetzte. Kein Feind trat ihnen noch im freien Feld entgegen.

Eucherius und Adalger befolgten treulich den Befehl des scheidenden Feldherrn, die einzigen tüchtigen Truppen, die germanischen Söldner, in Mailand zur Verteidigung dieser Stadt und der Person des Kaisers beisammen zu halten. Carinus, dem es an Mut nicht gebrach, wagte mit seinen römischen Kohorten einen Ausfall gegen die Heranziehenden, ward aber von den gotischen Reitern rasch und blutig zurückgeworfen; er selbst, durch Schild und Panzer hindurch verwundet von dem Wurfspeer Ataulfs, – starker Haß hatte ihn beschwingt – wäre der Gefangennahme nicht entgangen, hätten ihn nicht Saul und Goar, die Alanen, und Sarus der Balte, die zur Aufnahme der Fliehenden aus den Toren brachen, herausgehauen.

Das Gerücht übertrieb alsbald, je weiter es sich von dem Schauplatz entfernte, die Bedeutung dieser Schlappe; groß war und größer ward von Tag zu Tag der »gotische« wie weiland der »kimbrische« Schreck. In Rom fürchtete man, demnächst Alarich sein Roß im Tiber tränken zu sehen und flickte ängstlich die Mauern, die dereinst Aurelian erneut hatte und im nächsten Jahrhundert Belisar gegen König Witichis verstärken sollte.

Der Senat beriet bereits die Flucht nach Sardinien, nach Korsika: mit Mühe hielten einige Mutigere wie Heraclian und Symmachus die verzagenden Väter zurück: durch das Westreich und durch das Ostreich flog das Gerücht, Honorius sei in dem eroberten Mailand gefangen, Rom genommen.

Allein Alarich konnte weder, Mailand und Ravenna mit ihren Besatzungen im Rücken lassend, auf Rom ziehen noch Mailand ohne weiteres mit stürmender Hand nehmen: die sturmfreie Feste forderte regelrechte Belagerung: für diese aber fehlten dem Wandervolk die Belagerungswerkzeuge jeder Art, die Mauerbrecher, die Katapulte, die Torsplitterer, die Skorpione und Ballisten, um die Zinnen von Verteidigern säubern zu können, die hohen, fahrbaren Türme, um die Wälle zu überhöhen und Fallbrücken auf deren Kronen niedergleiten zu lassen, die Schutzdächer, aus Brettern, Flechtwerk, Hürden, Drahtgittern zusammengefügt, um darunter die den Toren und Mauern nahenden Minierer und die Bediener der Sturmmaschinen zu bergen gegen die Wurflanzen, Pfeile, Steine, Feuerbrände und Güsse von heißem Öl oder Wasser, die von den Zinnen auf sie herabregneten.

Und wie die Bezwingung fester Plätze damals immer noch – wie übrigens noch Jahrhunderte später – die schwächste Seite germanischer Kriegführung war, so gebrach es den Goten zumal an kundigen Werkmeistern für Herstellung so kunstreicher Maschinen: sie waren dafür angewiesen auf die wenig zahlreichen Handwerker unter den Gefangenen, die sich auf solche Geräte verstanden und die nur gezwungen, deshalb schwerfällig und äußerst langsam arbeiteten, auch wohl absichtlich Fehler scheinbarer Fahrlässigkeit begingen, welche dann die Leistungen von Tagen und Wochen vereitelten.

Ungeduldiger noch als Alarich ertrug Ataulf dieses Zögern. Des Königs Trost, schließlich werde der Hunger die Ergebung der Belagerten erzwingen, machte ihn ganz zornig: »Wenig eilt dir's!« schalt er. »Aber mir eilt's: du willst nur den Jämmerling Honorius fangen: – ich aber seine Schwester!«

Und als er einmal bei einem Ritt um die Wälle nahe dem ligurischen Tor Placidia erschaute, die auf der Mauerkrone stand – den Imperator sah man nie auf den Wällen – und, wie er deutlich wahrnahm, ihm huldvoll zunickte, da war der Jüngling nicht zu halten. Er ließ sein Reitergeschwader absitzen und suchte mittels einiger vom Fußvolk hier fertig gestellten Leitern die hohen Mauern zu erklettern, er allen voran. Ein recht ansehnlicher Stein traf seinen Helm und warf ihn von der Leiter. Aber er hatte im Fallen Placidias erschrocknen Wehschrei gehört: – da schmerzte die Wunde nicht. Eucherius hatte Mühe, die Besorgte, die sich ängstlich weit vorbeugte, mit dem Schild gegen die Pfeile der gotischen Bogenschützen zu decken und von der Wallkrone herunterzubringen. »Sieh,« sprach sie, »du Beinah-Imperator, dem liegt daran, zu mir zu kommen! Ihn hemmt kaum der hohe Wall. Er kann wirklich nicht zu mir. Jedoch ...«, zu sich selbst flüsternd, schloß sie ... »kann ich auch nicht zu ihm? Er ist sehr, ach sehr schön. Wie blitzte sein Auge! Aber ruhig, Placidia. Nicht! Noch nicht!«

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