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Stilicho

Felix Dahn: Stilicho - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleStilicho
correctorreuters@abc.de
secondcorrectort-stur@altmuehlnet.de
senderwww.gaga.net
projectid6d4e1fd4
created20070410
modified20141208
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IV.

Wild war der Schreck, ratlos die Verwirrung, welche die Botschaft verbreitete in dem Kaiserpalast. Und von dem Hof aus wirkte die Bestürzung auf alle Kreise der Stadt, bald ganz Italiens. Zumal die Kirche bangte um das Leben ihrer Priester, die Sicherheit ihrer schon damals reichen Schätze an Schmuck und Gerät: denn die Goten waren zwar Christen, aber Ketzer; Arianer; und man hatte alle Ursache, Wiedervergeltung der Verfolgung ihrer Glaubensgenossen in beiden Reichen zu befürchten. Gemeinsame Gebete in den Basiliken, öffentliche Bittgänge auf den Straßen und Plätzen, Gelübde für die heilige Dreieinigkeit, welche ja die Arianer mit der Göttlichkeit Christi leugneten, für den Fall der Abwehr dieser ihrer Feinde, Gaben an alle Heiligen wurden gehäuft. In Mailand stieg die Angst vor den Barbaren und zugleich die religiöse Erregung so hoch, daß die Zuschauer wie die Veranstalter der betenden, psallierenden, Rauchfässer schwingenden Umzüge in Verzückung, in Raserei, in Selbstzerfleischung gerieten.

Da verbot sie »der Mann«: seine Germanen, teils Arianer, teils Heiden, trieben die trotz des Verbotes fortgesetzten Umzüge mit Gewalt, mit den Speerschäften auseinander; auch in der Basilika von Sankt Ambrosius: dabei floß Blut: furchtbar blutig sollte dies dereinst den »Heiligtumschändern« vergolten werden: einstweilen sprach Erzbischof Venerius den Bannfluch »über alle hieran schuld Tragende«.

Aber auch die Verehrer der alten Götter Roms, deren es in den senatorischen Häusern noch gar viele gab, riefen in ihrer Angst die alten Helfer an: kaum bemühten sie sich, die längst seit Constantius (und seit Julians Tod wieder) verbotenen Opfer für Jupiter-Stator und Mars Repulsor zu verbergen, deren Duldung die Christen, deren Unterdrückung die Heiden Stilicho zu schwerem Vorwurfe machten. Sogar der eigene Sohn eilte erregt zu ihm und forschte: »Ist es wahr, Vater? Ich will's nicht glauben! Du hast Befehl gegeben, die Sibyllinischen Bücher nie wieder zu öffnen? Sonst würdest du sie verbrennen! Das altehrwürdige Heiligtum Roms! Die Offenbarung seiner Götter!«

»Ich würde auch die Bibel verbrennen lassen, schadete sie dem Reich. Die Heiden haben in diesen Tagen zu Rom aus jenen Blättern den Sieg Alarichs, seinen Einzug in die Stadt herausgelesen und in allen Städten Italiens verkündet: das hat die schmachvolle Angst deiner geliebten ›Alt-Quiriten‹ zur Verzweiflung gesteigert: haufenweis entlaufen sie den Kohorten, die ›echt-latinischen‹ Helden, mit welchen allein die Carinus und Heraclian die Barbaren zurückzujagen sich berühmten. Wahrlich, Honorius, Rom und das ganze Westreich wären verloren, hätte ich nicht die gehaßten germanischen Söldner, die heidnischen Markomannen und Alamannen, die ketzerischen Heruler und Rugier. Allein ich habe ihrer nicht genug im Lande: ich muß ihrer noch viel mehr herbeiholen.«

»O Vater, das werden dir die Römer nie verzeihn!« – »Sie werden! Denn sie sehen sich lieber gerettet durch Barbaren als zu Grunde gerichtet durch andre Barbaren.« – »Aber woher willst du ...?« – »Ja, das ist das Schwerste an der Sache. Ich muß fort: noch heute.« – »Jetzt? Da ganz Italien vor Angst vergeht? Wohin?« – »Über die Alpen.« – Eucherius erschrak. – »Nach Gallien, Rätien, Noricum. An den Rhein, an die Donau. Dort stehen viele Tausende meiner besten Söldner.« – »Lauter Germanen! Und sie willst du abrufen von jenen stets bedrohten Grenzen? Gerade jetzt sollen wieder die grimmen Sueven, die raschen Franken unter ihren Königen ... – »Ja, sie sind wieder einmal eingebrochen, die wilden Helden. Aber laß sehen, ob ich sie nicht aus Angreifern Galliens zu Verteidigern Italiens machen kann.«

»Vater! Du bist kühn bis zur ...« – »Verwegenheit. Ja. Aber hier ist die Verwegenheit die wahre Klugheit.« – »Und welche Scharen nimmst du mit zur Bedeckung?« – »Nicht einen Mann. Ich bedecke mich selbst. Und ihr werdet hier bald jeden Helm brauchen.« – »Ihr! Ich begleite dich doch?« – »Nein. Du bleibst und übernimmst mit Adalger – nach meinen Weisungen! – die Verteidigung Italiens, bald vielleicht Mailands. Denn ich besorge, ich kann nicht zurück sein, bevor der schnelle Balte vor diesen Toren steht.« – »Und Honorius? Was wird er dazu sagen?« – »Das ist die Sorge! Aber du meldest ihm meinen Entschluß erst, wann ich unterwegs bin.« – »Er wird schelten, klagen, verzagen.« – »Ohne Zweifel: – alle drei Dinge. Aber du bürgst mir dafür, daß er nicht in seinem Verzagen sich und diese Feste dem Goten ergibt. Hörst du? Das fordert meine Ehre, Roms Ehre. Ich vertraue dir sie an. Und du vertraue deinem Vater, daß er nicht Italien, nicht die Seinen im Stiche läßt: gelobe mir, auszuharren, bis ich zurück bin. Bleib' ich am Leben, komm' ich zu rechter Zeit. Dein Vater baut fest auf dich, bau' du fest auf deinen Vater. Und bekappe meinen besten Jagdfalken, den Greif, den ich schon früher mit in Gallien hatte. Ich nehme ihn mit: er kennt den Weg zurück: oft hat er ihn überflogen. Leb wohl, mein Sohn! Auf Wiedersehn – im Siege!«

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