Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Stefan Zweig >

Sternstunden der Menschheit

Stefan Zweig: Sternstunden der Menschheit - Kapitel 13
Quellenangabe
pfad/zweig/sternstu/sternstu.xml
typeessay
authorStefan Zweig
titleSternstunden der Menschheit
publisherS. Fischer Verlag
year1951
firstpub
correctorfranke.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20100726
projectidf57db1c4
Schließen

Navigation:

Der versiegelte Zug

Lenin, 9. April 1917

Der Mann, der bei dem Flickschuster wohnt

Die kleine Friedensinsel der Schweiz, von allen Seiten umbrandet von der Sturmflut des Weltkrieges, ist in jenen Jahren 1915, 1916, 1917 und 1918 ununterbrochen die Szene eines aufregenden Detektivromans. In den Luxushotels gehen kühl und als ob sie einander nie gekannt hätten, die Gesandten der feindlichen Mächte aneinander vorüber, die ein Jahr vorher noch freundschaftlich Bridge gespielt und sich ins Haus geladen. Aus ihren Zimmern huscht ein ganzer Schwarm undurchsichtiger Gestalten. Abgeordnete, Sekretäre, Attachés, Geschäftsleute, verschleierte oder unverschleierte Damen, jeder mit geheimnisvollen Aufträgen bedacht. Vor den Hotels fahren prachtvolle Automobile mit ausländischen Hoheitszeichen vor, denen Industrielle, Journalisten, Virtuosen und scheinbar zufällige Vergnügungsreisende entsteigen. Aber fast jeder hat den gleichen Auftrag: etwas zu erfahren, etwas zu erspähen, und der Portier, der sie ins Zimmer führt, und das Mädchen, das die Stuben fegt, auch sie sind bedrängt, zu beobachten, zu belauern. Überall arbeiten die Organisationen gegeneinander, in den Gasthöfen, in den Pensionen, in den Postämtern, den Cafés. Was sich Propaganda nennt, ist zur Hälfte Spionage, was sich als Liebe gebärdet, Verrat, und jedes offene Geschäft all dieser eiligen Ankömmlinge verbirgt ein zweites und drittes im Hintergrund. Alles wird gemeldet, alles überwacht; kaum daß ein Deutscher von irgendwelchem Range Zürich betritt, weiß es die gegnerische Botschaft schon in Bern, und eine Stunde später Paris. Ganze Bände voll wahrer und erfundener Berichte senden Tag für Tag die kleinen und großen Agenten an die Attachés, und diese weiter. Gläsern sind alle Wände, überlauscht die Telephone, aus den Papierkörben und von den Löschblättern wird jede Korrespondenz rekonstruiert, und so toll wird schließlich dieses Pandämonium, daß viele selbst nicht mehr wissen, was sie sind, Jäger oder Gejagte, Spione oder Bespionierte, Verratene oder Verräter.

Nur über einen Mann gibt es wenig Berichte aus jenen Tagen, vielleicht weil er zu unbeachtlich ist und nicht in den vornehmen Hotels absteigt, nicht in den Kaffeehäusern sitzt, nicht den Propagandavorstellungen beiwohnt, sondern mit seiner Frau völlig zurückgezogen bei einem Flickschuster wohnt. Gleich hinter der Limmat in der engen, alten, buckligen Spiegelgasse haust er im zweiten Stock eines jener festgebauten, dachüberwölbten Häuser der Altstadt, das verräuchert ist halb von der Zeit, halb von der kleinen Wurstfabrik, die unten im Hofe arbeitet. Eine Bäckersfrau, ein Italiener, ein österreichischer Schauspieler sind seine Nachbarn. Die Hausgenossen wissen von ihm, da er nicht sehr gesprächig ist, kaum mehr, als daß er ein Russe ist und sein Name schwer auszusprechen. Daß er seit vielen Jahren aus seiner Heimat flüchtig ist und daß er über keine großen Reichtümer verfügt und keinerlei ergiebige Geschäfte betreibt, erkennt die Wirtin am besten an den ärmlichen Mahlzeiten und an der abgenützten Garderobe der beiden, die mit allem Hausrat kaum den kleinen Korb ausfüllen, den sie beim Einzug mit sich gebracht haben.

Dieser kleine untersetzte Mann ist so unauffällig und lebt so unauffällig wie möglich. Er meidet die Gesellschaft, selten sehen die Hausleute den scharfen, dunklen Blick in den schmalgeschlitzten Augen, selten kommen Besucher zu ihm. Aber regelmäßig, Tag für Tag, geht er jeden Morgen um neun Uhr in die Bibliothek und sitzt dort, bis sie um zwölf Uhr geschlossen wird. Genau zehn Minuten nach zwölf ist er wieder zu Hause, zehn Minuten vor eins verläßt er das Haus, um wieder als erster in der Bibliothek zu sein, und sitzt dort bis sechs Uhr abends. Da aber die Nachrichtenagenten nur auf die Leute achten, die viel reden, und nicht wissen, daß immer die einsamen Menschen die gefährlichsten sind für jede Revolutionierung der Welt, die viel lesen und lernen, so schreiben sie keine Berichte über den unbeachtlichen Mann, der bei dem Flickschuster wohnt. In den sozialistischen Kreisen wiederum weiß man gerade von ihm, daß er in London Redakteur einer kleinen, radikalen russischen Emigrantenzeitschrift gewesen und in Petersburg als Führer irgendeiner unaussprechbaren Sonderpartei gilt; aber da er hart und verächtlich über die angesehensten Leute der sozialistischen Partei spricht und ihre Methoden als falsch erklärt, da er sich als unzugänglich erweist und als durchaus unkonziliant, kümmert man sich um ihn nicht viel. Zu den Versammlungen, die er manchmal abends in ein kleines Proletariercafé einberuft, kommen höchstens fünfzehn bis zwanzig Personen, meistens Jugendliche, und so nimmt man diesen Eigenbrötler hin wie alle diese emigrantischen Russen, die sich mit viel Tee und vielen Diskussionen ihre Köpfe erhitzen. Niemand aber nimmt den kleinen strengstirnigen Mann für bedeutend, keine drei Dutzend Menschen in Zürich halten es für wichtig, sich den Namen dieses Wladimir Ilitsch Ulianow zu merken, des Mannes, der bei dem Flickschuster wohnt. Und hätte damals eines der prächtigen Automobile, die in scharfem Tempo von Botschaft zu Botschaft sausen, diesen Mann durch einen Zufall auf der Straße zu Tode gestoßen, auch die Welt würde ihn weder unter dem Namen Ulianow noch unter jenem Lenins kennen.

Erfüllung ...

Eines Tages, es ist der 15. März 1917, wundert sich der Bibliothekar der Züricher Bibliothek. Der Zeiger steht auf neun, und der Platz, auf dem dieser pünktlichste aller Bücherentleiher tagtäglich sitzt, ist leer. Es wird halb zehn und wird zehn, der unermüdliche Leser kommt nicht und wird nicht mehr kommen. Denn auf dem Wege zu der Bibliothek hatte ein russischer Freund ihn angesprochen oder vielmehr angefallen mit der Nachricht, in Rußland sei die Revolution ausgebrochen.

Lenin will es zuerst nicht glauben. Er ist wie betäubt von der Nachricht. Aber dann stürmt er hin mit seinen kurzen, scharfen Schritten zu dem Kiosk an dem Seeufer, und dort und vor der Redaktion der Zeitung wartet er nun Stunde auf Stunde und Tag auf Tag. Es ist wahr. Die Nachricht ist wahr und wird jeden Tag herrlich wahrer für ihn. Zuerst nur ein Gerücht einer Palastrevolution und scheinbar nur ein Ministerwechsel, dann die Absetzung des Zaren, die Einsetzung einer provisorischen Regierung, die Duma, die russische Freiheit, die Amnestierung der politischen Gefangenen – alles, was er seit Jahren erträumt, alles, wofür er seit zwanzig Jahren in geheimer Organisation, im Kerker, in Sibirien, im Exil gearbeitet, ist erfüllt. Und mit einemmal scheinen ihm die Millionen Toten, welche dieser Krieg gefordert, nicht vergebens gestorben. Nicht sinnlos Getötete scheinen sie ihm mehr, sondern Märtyrer für das neue Reich der Freiheit und der Gerechtigkeit und des ewigen Friedens, das nun anbricht, wie ein Berauschter fühlt sich dieser sonst so eisig klare und rechnerisch kalte Träumer. Und wie erbeben und jubeln jetzt die Hunderte anderen, die in ihren kleinen Emigrantenstuben sitzen in Genf und Lausanne und Bern, bei der beglückenden Botschaft: heimkehren dürfen nach Rußland! Heimkehren dürfen nicht auf falsche Pässe, nicht mit erborgten Namen und unter Todesgefahr in das Kronreich des Zaren, sondern als freier Bürger in das freie Land. Schon rüsten sie alle ihre kärgliche Habe, denn in den Zeitungen steht Gorkis lakonisches Telegramm: »Kehrt alle heim!« Nach allen Richtungen senden sie Briefe und Telegramme: heimkehren, heimkehren! Sich sammeln! Sich vereinigen! Nun nochmals das Leben einsetzen für das Werk, dem sie seit der ersten wachen Stunde ihr Leben gewidmet: für die russische Revolution.

... und Enttäuschung

Aber konsternierende Erkenntnis nach einigen Tagen: die russische Revolution, deren Botschaft wie mit Adlerschwingen ihr Herz aufgehoben, ist nicht die Revolution, von der sie träumten, und ist keine russische Revolution. Es ist ein Palastaufstand gegen den Zaren gewesen, angezettelt von englischen und französischen Diplomaten, um den Zaren zu verhindern, mit Deutschland Frieden zu schließen, und nicht die Revolution des Volkes, das diesen Frieden und seine Rechte will. Es ist nicht die Revolution, für die sie gelebt haben und für die sie zu sterben bereit sind, sondern eine Intrige der Kriegsparteien, der Imperialisten und der Generäle, die sich in ihren Plänen nicht stören lassen wollen. Und bald erkennen Lenin und die Seinen, daß jenes Versprechen, alle sollten zurückkehren, für alle die nicht gilt, welche diese wirkliche, diese radikale, diese Karl Marxsche Revolution wollen. Schon haben Miljukow und die andern Liberalen Auftrag gegeben, ihnen die Rückreise zu sperren. Und während die gemäßigten, die für eine Kriegsverlängerung brauchbaren Sozialisten wie Plechanow auf liebenswürdigste Weise von England mit Torpedobooten nach Petersburg unter Ehrengeleit befördert werden, hält man Trotzki in Halifax und die andern Radikalen an den Grenzen fest. In allen Ententestaaten liegen an den Grenzen schwarze Listen mit den Namen all derjenigen, die am Kongreß der Dritten Internationale in Zimmerwald teilgenommen haben. Verzweifelt jagt Lenin Telegramm auf Telegramm nach Petersburg, aber sie werden abgefangen oder bleiben unerledigt; was man in Zürich nicht weiß, und kaum jemand in Europa, das weiß man in Rußland genau: wie stark, wie energisch, wie zielstrebig und wie mörderisch gefährlich seinen Gegnern Wladimir Ilitsch Lenin ist.

Grenzenlos ist die Verzweiflung der ohnmächtig Zurückgehaltenen. Seit Jahren und Jahren haben sie in zahllosen Generalstabssitzungen in London, in Paris, in Wien ihre russische Revolution strategisch ausgedacht. Jede Einzelheit der Organisation haben sie erwogen und vorgeprobt und durchdiskutiert. Jahrzehntelang haben sie in ihren Zeitschriften theoretisch und praktisch die Schwierigkeiten, die Gefahren, die Möglichkeiten gegeneinander abgewogen. Sein ganzes Leben hat dieser Mann nur diesen einen Gedankenkomplex immer und immer wieder revidierend durchgedacht und zu den endgültigsten Formulierungen gebracht. Und nun soll, weil er hier festgehalten ist in der Schweiz, diese seine Revolution verwässert und verpfuscht werden von andern, die ihm heilige Idee der Volksbefreiung in den Dienst gestellt fremder Nationen und fremder Interessen. In merkwürdiger Analogie erlebt Lenin in diesen Tagen das Schicksal Hindenburgs in den ersten Tagen des Krieges, der gleichfalls vierzig Jahre den Russenfeldzug manövriert und exerziert und, da er ausbricht, im Zivilrock zu Hause sitzen muß und auf der Landkarte mit Fähnchen die Fortschritte und Fehler der einberufenen Generäle verfolgt. Die törichtsten, die phantastischsten Träume wälzt und erwägt der sonst eherne Realist Lenin in jenen Tagen der Verzweiflung. Ob man nicht ein Flugzeug mieten könne und über Deutschland oder Österreich fahren? Aber schon der erste, der sich zur Hilfe anbietet, erweist sich als Spion. Immer wilder und wüster werden die Fluchtideen: er schreibt nach Schweden, man solle ihm einen schwedischen Paß besorgen, und will den Stummen spielen, um keine Auskunft geben zu müssen. Selbstverständlich erkennt am Morgen nach all diesen phantasierenden Nächten Lenin immer selbst, daß alle diese Wahnträume unausführbar sind, aber dies weiß er auch am lichten Tag: er muß nach Rußland zurück, er muß seine Revolution machen statt der andern, die richtige und ehrliche statt der politischen. Er muß zurück und bald zurück nach Rußland. Zurück um jeden Preis!

Durch Deutschland: Ja oder nein?

Die Schweiz liegt eingebettet zwischen Italien, Frankreich, Deutschland und Österreich. Durch die alliierten Länder ist Lenin der Weg als Revolutionär gesperrt, durch Deutschland und Österreich als russischer Untertan, als Angehöriger einer feindlichen Macht. Aber absurde Konstellation: von dem Deutschland Kaiser Wilhelms hat Lenin mehr Entgegenkommen zu erwarten als von dem Rußland Miljukows und dem Frankreich Poincarés. Deutschland braucht am Vorabend der amerikanischen Kriegserklärung Frieden um jeden Preis mit Rußland. So muß ein Revolutionär, der dort den Gesandten Englands und Frankreichs Schwierigkeiten macht, ihnen nur ein willkommener Helfer sein.

Aber ungeheure Verantwortung eines solchen Schrittes, mit dem kaiserlichen Deutschland, das er hundertmal in seinen Schriften beschimpft und bedroht, nun mit einemmal Verhandlungen anzuknüpfen. Denn im Sinne aller bisherigen Moral ist es selbstverständlich Hochverrat, mitten im Kriege und unter Billigung des feindlichen Generalstabes gegnerisches Land zu betreten und zu durchfahren, und selbstverständlich muß Lenin wissen, daß er damit die eigene Partei und die eigene Sache anfänglich kompromittiert, daß er verdächtig sein wird, daß er als bezahlter und gemieteter Agent der deutschen Regierung nach Rußland geschickt wird und daß, falls er sein Programm des sofortigen Friedens verwirklicht, ihm ewig die Schuld in der Geschichte aufgelastet wird, den richtigen, den Siegfrieden Rußlands verhindert zu haben. Selbstverständlich sind nicht nur die linderen Revolutionäre, sondern auch die meisten Gesinnungsgenossen Lenins entsetzt, wie er seine Bereitschaft kundgibt, notfalls auch diesen allergefährlichsten und kompromittierendsten Weg zu gehen. Bestürzt verweisen sie darauf, daß durch die Schweizer Sozialdemokraten längst schon Verhandlungen angeknüpft sind, um die Rückführung der russischen Revolutionäre auf dem legalen und neutralen Wege des Gefangenenaustausches in die Wege zu leiten. Aber Lenin erkennt, wie langwierig dieser Weg sein wird, wie künstlich und absichtsvoll die russische Regierung ihre Heimkehr bis ins Endlose hinausziehen wird, indes er weiß, daß jeder Tag und jede Stunde entscheidend ist. Er sieht nur das Ziel, während die andern, minder zynisch und minder verwegen, nicht wagen, sich zu einer Tat zu entschließen, die nach allen bestehenden Gesetzen und Anschauungen eine verräterische ist. Aber Lenin hat innerlich entschieden und eröffnet für seine Person auf seine Verantwortung die Verhandlungen mit der deutschen Regierung.

Der Pakt

Gerade weil Lenin um das Aufsehenerregende und Herausfordernde seines Schrittes weiß, handelt er mit möglichster Offenheit. In seinem Auftrag begibt sich der schweizerische Gewerkschaftssekretär Fritz Platten zu dem deutschen Gesandten, der schon vordem allgemein mit den russischen Emigranten verhandelt hatte, und legt ihm die Bedingungen Lenins vor. Denn dieser kleine unbekannte Flüchtling stellt – als ob er seine kommende Autorität schon ahnen könnte – keineswegs eine Bitte an die deutsche Regierung, sondern legt ihr die Bedingungen vor, unter denen die Reisenden bereit wären, das Entgegenkommen der deutschen Regierung anzunehmen: daß dem Wagen das Recht der Exterritorialität zuerkannt wird. Daß eine Paß- oder Personenkontrolle weder beim Eingang noch beim Ausgang ausgeübt werden dürfe. Daß sie ihre Reise zu den normalen Tarifen selbst bezahlen. Daß ein Verlassen des Wagens weder angeordnet noch auf eigene Initiative stattfinden darf. Der Minister Romberg gibt diese Nachrichten weiter. Sie gelangen bis in die Hände Ludendorffs, der sie zweifellos befürwortet, obwohl in seinen Erinnerungen über diesen welthistorisch vielleicht wichtigsten Entschluß seines Lebens kein Wort zu finden ist. In manchen Einzelheiten versucht der Gesandte noch Änderungen zu erreichen, denn mit Absicht ist das Protokoll so zweideutig von Lenin abgefaßt, daß nicht nur Russen, sondern auch ein Österreicher wie Radek in dem Zuge unkontrolliert mitfahren dürfen. Aber ebenso wie Lenin hat auch die deutsche Regierung Eile. Denn an diesem Tage, dem 5. April, erklären die Vereinigten Staaten Amerikas Deutschland den Krieg.

Und so erhält Fritz Platten am 6. April mittags den denkwürdigen Bescheid: »Angelegenheit in gewünschtem Sinne geordnet.« Am 9. April 1917, um halb drei Uhr, bewegt sich vom Restaurant Zähringerhof ein kleiner Trupp schlechtgekleideter, Koffer tragender Leute zum Bahnhof von Zürich. Es sind im ganzen zweiunddreißig, darunter Frauen und Kinder. Von den Männern ist nur der Name Lenins, Sinowjews und Radeks weiter bekannt geblieben. Sie haben gemeinsam ein bescheidenes Mittagsmahl genommen, sie haben gemeinsam ein Dokument unterzeichnet, daß ihnen die Mitteilung des »Petit Parisien« bekannt ist, wonach die russische provisorische Regierung beabsichtigt, die durch Deutschland Reisenden als Hochverräter zu behandeln. Sie haben mit ungelenken, schwerflüssigen Lettern unterschrieben, daß sie die ganze, volle Verantwortung für diese Reise auf sich nehmen und alle Bedingungen gebilligt haben. Still und entschlossen rüsten sie nun zu der welthistorischen Fahrt. Ihre Ankunft auf dem Bahnhof verursacht keinerlei Aufsehen. Es sind keine Reporter erschienen und keine Photographen. Denn wer kennt in der Schweiz diesen Herrn Ulianow, der mit zerdrücktem Hut, in einem abgetragenen Rock und lächerlich schweren Bergschuhen (er hat sie bis nach Schweden gebracht) da inmitten eines Trupps mit Kisten beladener, korbbepackter Männer und Frauen schweigsam und unauffällig einen Platz im Zuge sucht. Nicht anders sehen diese Leute aus wie die zahllosen Auswanderer, die von Jugoslawien, von Ruthenien, von Rumänien her oft in Zürich auf ihren Holzkoffern sitzen und ein paar Stunden Rast halten, ehe man sie weiterbefördert ans französische Meer und von dort nach Übersee. Die schweizerische Arbeiterpartei, die die Abreise mißbilligt, hat keinen Vertreter gesandt, nur ein paar Russen sind gekommen, um ein bißchen Lebensmittel und Grüße in die Heimat mitzugeben, ein paar auch, um in der letzten Minute noch Lenin von »der unsinnigen, der verbrecherischen Reise« abzumahnen. Aber die Entscheidung ist gefallen. Um drei Uhr zehn Minuten gibt der Schaffner das Signal. Und der Zug rollt fort nach Gottmadingen, zur deutschen Grenzstation. Drei Uhr zehn Minuten, und seit dieser Stunde hat die Weltuhr andern Gang.

Der plombierte Zug

Millionen vernichtender Geschosse sind in dem Weltkriege abgefeuert worden, die wuchtigsten, die gewaltigsten, die weithin tragendsten Projektile von den Ingenieuren ersonnen worden. Aber kein Geschoß war weittragender und schicksalsentscheidender in der neueren Geschichte als dieser Zug, der, geladen mit den gefährlichsten, entschlossensten Revolutionären des Jahrhunderts, in dieser Stunde von der Schweizer Grenze über ganz Deutschland saust, um in Petersburg zu landen und dort die Ordnung der Zeit zu zersprengen.

In Gottmadingen steht auf den Schienen dieses einzigartige Projektil, ein Wagen zweiter und dritter Klasse, in dem die Frauen und Kinder die zweite Klasse, die Männer die dritte belegen. Ein Kreidestrich auf dem Boden begrenzt als neutrale Zone das Hoheitsgebiet der Russen gegen das Abteil der zwei deutschen Offiziere, welche diesen Transport lebendigen Ekrasits begleiten. Der Zug rollt ohne Zwischenfall durch die Nacht. Nur in Frankfurt stürmen plötzlich deutsche Soldaten heran, die von der Durchreise russischer Revolutionäre gehört haben, und einmal wird ein Versuch der deutschen Sozialdemokraten, sich mit den Reisenden zu verständigen, zurückgewiesen. Lenin weiß wohl, welchem Verdacht er sich aussetzt, wenn er ein einziges Wort mit einem Deutschen auf deutschem Boden wechselt. In Schweden werden sie feierlich begrüßt. Ausgehungert stürzen sie über den schwedischen Frühstückstisch, dessen Smörgås ihnen wie ein unwahrscheinliches Wunder erscheint. Dann muß sich Lenin erst statt seiner schwerfälligen Bergstiefel noch neue Schuhe kaufen lassen und ein paar Kleider. Endlich ist die russische Grenze erreicht.

Das Projektil schlägt ein

Die erste Geste Lenins auf russischem Boden ist charakteristisch: er sieht nicht die einzelnen Menschen, sondern wirft sich vor allem auf die Zeitungen. Vierzehn Jahre war er nicht in Rußland gewesen, hat er die Erde nicht gesehen, nicht die Landesfahne und die Uniform der Soldaten. Aber nicht wie die andern bricht dieser eiserne Ideologe in Tränen aus, nicht umarmt er wie die Frauen die ahnungslos überraschten Soldaten. Die Zeitung, die Zeitung zuerst, die Prawda, um zu untersuchen, ob das Blatt, sein Blatt, den internationalen Standpunkt genug entschlossen einhält. Zornig zerknüllt er die Zeitung. Nein, nicht genug, noch immer Vaterländerei, noch immer Patriotismus, noch immer nicht genug in seinem Sinne reine Revolution. Es ist Zeit, fühlt er, daß er gekommen ist, um das Steuerrad umzureißen und seine Lebensidee vorzustoßen gegen Sieg oder Untergang. Aber wird er dazu noch kommen? Letzte Unruhe, letztes Bangen. Wird nicht Miljukow gleich in Petrograd – so heißt die Stadt damals noch, aber nicht lange mehr – ihn verhaften lassen? Die Freunde, die ihm entgegengefahren sind in dem Zuge, Kamenew und Stalin, zeigen ein merkwürdiges geheimnisvolles Lächeln in dem dunklen Abteil dritter Klasse, das von einem Lichtstumpf unsicher beleuchtet ist. Sie antworten nicht oder wollen nicht antworten.

Aber unerhört ist dann die Antwort, die die Wirklichkeit gibt. Wie der Zug einläuft in den finnischen Bahnhof, ist der riesige Platz davor voll von Zehntausenden von Arbeitern, Ehrenwachen aller Waffengattungen erwarten den aus dem Exil Heimgekehrten, die Internationale erbraust. Und wie Wladimir Ilitsch Ulianow jetzt heraustritt, ist der Mann, der vorgestern noch bei dem Flickschuster gewohnt, schon von hunderten Händen gefaßt und auf ein Panzerautomobil gehoben. Scheinwerfer von den Häusern und der Festung sind auf ihn gerichtet, und von dem Panzerautomobil herab hält er seine erste Rede an das Volk. Die Straßen beben, und bald haben die »zehn Tage, die die Welt erschüttern«, begonnen. Das Geschoß hat eingeschlagen und zertrümmert ein Reich, eine Welt.

 << Kapitel 12 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.