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Gutenberg > Johann Christoph Gottsched >

Sterbender Cato

Johann Christoph Gottsched: Sterbender Cato - Kapitel 3
Quellenangabe
typetragedy
booktitleSterbender Cato
authorJohann Christoph Gottsched
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-002097-2
titleSterbender Cato
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1732
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Die erste Handlung

Erster Auftritt

Arsene. Phenice.

Arsene
Phenice, komm nur her, hier will ich mich verweilen;
Allhier soll Cato mir den besten Trost erteilen.
Von ihm erwart ich ihn, er ist der große Mann,
Auf den das freie Rom noch einzig bauen kann.
Ich selbst will ihm mein Glück und Leben anvertrauen,
Bei ihm will ich mich frei von so viel Wettern schauen,
Die mich bisher bestürmt. Mein Vater, wie man spricht,
Arsaces, hat nunmehr das letzte Lebenslicht
Mit Tod und Gruft vertauscht. Pharnaces aber lebet!
Und weil er sich hieher nach Utica erhebet:
So dringt das Unglück itzt ganz häufig auf mich ein,
So muß ich überall geplagt und trostlos sein.

Phenice
Prinzessin, soll der Held, vor dem sich Pontus beuget,
Der Euch so zärtlich liebt, Euch so viel Gunst bezeuget,
Sagt, soll Pharnaces nicht den Wunsch erfüllet sehn,
Als Euer Bräutigam...

Arsene
Er? Das wird nie geschehn!

Phenice
Warum entsetzt ihr Euch? Prinzessin, da die Mienen,
selbst die Seufzer Euch schon zu Verrätern dienen.
Umsonst verstellt Ihr Euch. Die Tränen fließen zwar:
Allein aus Liebe bloß. Gestehts nur, ists nicht wahr?

Arsene
Ich habe freilich mich bisher vor dir verstecket
Und meine Schwachheit noch kein einzigmal entdecket.
Mein Vater lebte noch. Wie hätt ichs wohl gewagt,
Da mir sein hartes Wort das Lieben untersagt?
Die Klugheit lehrte mich die Neigung zu verhehlen
Und aus Verstellung den, der ihm gefiel, zu wehlen.
Wie teuer kömmt uns doch der hohe Stand zu stehn!
Wie grausam pflegt man nicht mit Fürsten umzugehn!
Man ist in Wahrheit nicht sein eigner Herr zu nennen.
Ein unschuldvoller Trieb, davon die Herzen brennen,
Muß ein Verbrechen sein. Man opfert uns dem Staat,
Und wer aus Sehnsucht liebt, begeht den Hochverrat.
Doch, endlich hab ich nun als Königin zu sprechen:
Drum will ich gegen dich mein langes Schweigen brechen.
Ich will die Glut gestehn, davon mein Herze brennt,
Die noch kein Mensch gespürt und die noch niemand kennt.
Phenice, kannst du dich des Römers noch entsinnen,
Den Cäsar einst gesandt, den Vater zu gewinnen?

Phenice
Sehr wohl! Er zeigte sich in allem als ein Held.
Die Parther haben oft das Urteil selbst gefällt:
Es sei was mehr in ihm, als man geglaubt, vorhanden,
Weil sie bei ihm durchaus was Königliches fanden.

Arsene
O Himmel! Hätt ich es auch damals wohl gedacht,
Daß nur ein Augenblick, der mich entzückt gemacht,
Mir so viel Kümmernis und Tränen kosten sollte?
Denn als der Römer da den Einzug halten wollte
Und an des Vaters Hof sich würklich sehen ließ,
Empfand ich, daß er stets mein Auge nach sich riß.
Sein Ansehn, Gang und Blick schien ungemein und prächtig,
Und seine Majestät war meiner Brust zu mächtig.
Kurz, er bezwang mein Herz durch einen schnellen Sieg,
Weil ihm was Göttliches aus Stirn und Augen stieg.
Jetzt trotzt sein Heldenmut, in Cäsars Dienst, dem Glücke.
Und mein verliebtes Herz beweinet mein Geschicke.

Phenice
Prinzessin, kann es sein? Ists möglich, daß Ihr liebt
Und gleichwohl den nicht kennt, dem sich das Herz ergibt?
Wie heißt der Sieger denn?

Arsene
Ich kann ihn zwar nicht nennen,
Doch gab sein edles Tun ihn sattsam zu erkennen.
Denn wem das Schicksal schon die Krone zugedacht,
Nimmt gleich an andern wahr, was sie zu Fürsten macht.
Die Ahndung der Natur gibts heimlich zu verstehen
Und läßt sich nicht so leicht betrüglich hintergehen.
Doch, Cato kömmt bereits. Phenice, siehst du nicht,
Daß seiner Weisheit Strahl durch Schmerz und Kummer bricht.
Bewundre doch den Held! Er hat nicht seinesgleichen,
Die Götter haben ihn mit vielen Unglücksstreichen
Bisher umsonst versucht. Er steht noch immer fest:
Weil ihn sein starker Mut nicht einmal wanken läßt.
Er bleibet gleichgesinnt bei allen ihren Schlägen
Und setzet ihrem Zorn nichts als sich selbst entgegen.
Ein vielmal größer Lob!

Der andere Auftritt

Cato. Arsene. Phenice. Catons Gefolge.

Cato
Ich höre, Königin,
Ihr seid so kummervoll als Rom, als ich itzt bin.
Das Schicksal drücket Euch und uns mit gleichen Händen.
Arsaces ist nun tot. Wohin wollt Ihr Euch wenden?
Indessen wartet nur auf keinen Trost von mir!
Ihr seid so unverzagt in Eurer Not als wir.
Ihr mögt Euch, wie Ihr wollt, mit fremder Kleidung decken,
Man sieht ein römisch Herz in Eurem Busen stecken.
Nunmehr erwegt es wohl: Da Euer Vater fällt
Und Euch ein stolzes Volk die Krone zugestellt:
Sagt, ob der teure Bund, den er und wir beschworen,
Durch seinen Tod die Kraft und Gültigkeit verloren?

Arsene
Nein, Herr, er steht noch fest. Der unbesiegte Phrat
Verehrt den Friedensschluß mit Euch und Eurer Stadt.
War Euch Arsaces treu, ich bins mit stärkerm Triebe:
Nur denket mir nicht mehr an des Pharnaces Liebe!

Cato
Wie? Königin!

Arsene
So ists. Denn als vor kurzer Zeit
Ein Krieg der Römer Macht und unser Reich entzweit:
So wißt Ihr selber wohl, wie Crassus umgekommen,
Als unsrer Parther Schwert ihm Volk und Sieg genommen.
Allein Ihr wißt wohl nicht, was da Pharnaces tat?
Mein Bruder, der nach mir das Rund der Welt betrat,
Pacor, der jüngste Sohn von meines Vaters Ehe,
Um den ich itzo noch in tiefer Trauer stehe,
Der unsers Volkes Lust, der Feinde Schrecken ward,
Den ließ Pharnaces selbst, nach Meuchelmörder Art,
In einer strengen Schlacht durch Hinterlist ermorden:
Dieweil des Bruders Arm ihm selbst zu stark geworden.

Cato
O welch ein Bubenstück! Ich hab es nicht gewußt:
Doch rührt mich, Königin! der Schmerz in Eurer Brust.

Arsene
Ja glaubt nur, Cato, glaubt sein grausames Verfahren:
Weil Schwert und Arme stets von Lastern blutig waren.
Er hatte diesen Mord bishero ganz versteckt:
Nur gestern hat ihn mir der Bösewicht entdeckt,
Der selbsten dazumal das Blut Pacors vergossen,
Weil sein Gewissen ihm die Lippen aufgeschlossen.
Nun, da der Parther Reich in Fried und Ruhe steht,
Soll er der Bräutgam sein, der mir zur Seite geht!
Wer schon in Lastern steckt, wird insgemein verwegen.
Pharnaces wagte sich, mir Netz und Strick zu legen;
Er kam an unsern Hof und suchte mich zur Braut:
Ich ward ihm spinnenfeind, sobald ich ihn geschaut.
Und dennoch ließ ich mich, gleich zahmen Opfertieren,
Geduldig bis nach Rom zur Hochzeitfeier führen.
Doch hab ich Hymens Joch bisher noch nicht gesehn:
Der Römer Zwietracht machts, daß es noch nicht geschehn.
Der Krieg, Pompejens Fall und Cäsars Siegeszeichen,
Die ließen den Pharnaz aus seinem Staat nicht weichen.
Und dieses zwang auch mich, zu Euch, mein Herr, zu fliehn;
Nun kömmt er gleichfalls her, die Hochzeit zu vollziehn;
Wiewohl, ich wüßte nicht, was ich beginnen sollte,
Wenn seine Raserei mich irgend zwingen wollte.

Cato
Prinzessin, diese Stadt kann Eure Zuflucht sein,
Selbst Cato schließet sich in ihre Mauren ein.
Rom seufzet, und es steht das Capitol in Flammen!
Hier zieht die Freiheit noch die letzte Kraft zusammen,
Mit der die Republik gewiß zugrunde geht,
Und wenn sie einmal fällt, wohl niemals aufersteht.
Das beste Kriegesvolk hat sich hieher gezogen;
Doch ist uns sonderlich die Tugend selbst gewogen:
Sie schützet Turn und Wall, ja selbst die Billigkeit
Scheut hier die Waffen nicht und folgt uns in den Streit.
Hier laß ich unsern Rat noch einst zusammenkommen;
An Anzahl hat er zwar sehr merklich abgenommen:
Doch an der Hoheit nicht, so ihm die Tugend gibt,
Die mehr ein redlich Herz als Glanz und Ansehn liebt.
Hier können Könige noch eins so sicher wohnen,
Als wo man sie verehrt, als auf den höchsten Thronen.
Das Recht beschützt Euch selbst; drum dämpfet Gram und Pein
Und bauet nur, wie Rom, hinfort auf mich allein.
Mein Schicksal lenkt mich stets, die Bosheit zu bestreiten,
Und sollt ich mir dadurch mein eigen Grab bereiten!

Arsene
Nein, Herr, ich bitte, gebt der Ahndung kein Gehör!
Das höchstbedrängte Rom braucht so ein Haupt noch mehr,
Denn zweene können itzt nicht wohl entbehret werden,
Im Himmel Jupiter und Cato hier auf Erden.
Wiewohl, es kömmt vielleicht Pharnaz in kurzem her;
Darum entfern ich mich. Sein Anblick fällt mir schwer.

(Sie geht ab.)

Cato (allein)
Ich spüre neuen Trieb, Arsenen zu beschützen.
Allein, was seh ich doch aus ihren Augen blitzen?
Sie gleicht der Portia! Mein Kind lebt fast in ihr!
Doch, Phocas läßt sich seh'n; was will er doch bei mir?

Der dritte Auftritt

Phocas. Artabanus. Cato.

Phocas
Herr, dieser Tag hebt an das Ungemach zu dämpfen.
Ein neuer Beistand kömmt und hilft uns künftig kämpfen.
Ihr wißt es selber wohl, dafern Ihr Euch besinnt.
Als Eure Gattin starb, blieb Euch ein junges Kind.
Des Crassus Ehgemahl erzog es bei den Scharen,
Die wider den Arsaz mit ihm zu Felde waren,
Im fernen Orient. Und damals ists geschehn,
Daß wir von Parthern uns einmal umringt gesehn;
Die Festung ward bestürmt, darin wir uns befanden,
Das Schwert fraß alles weg: Es war kein Rat vorhanden!
Ich ganz allein entkam dem grimmigen Geschick
Und bracht Euch schreckenvoll die böse Post zurück.

Cato
Warum erneuerst du ein traurig Angedenken?
Und warum soll mich itzt ein alter Kummer kränken?
Weil ich die Portia, mein Kind, daselbst verlor?

Phocas
Ich hab es auch geglaubt und konnte nichts davor;
Allein, sie lebet noch!

Cato
Wie? Was? Mein Kind am Leben?
Was sagst du?

Phocas
Ja, mein Herr! Ihr seht mich selber beben;
Ich bin so wohl erstaunt als Ihr dabei erschreckt:
Doch Artaban hat mir die Heimlichkeit entdeckt.
Ich hab ihn hergebracht, Euch alles zu erklären:
Was Ihr nur wünschen könnt, das kann er Euch gewehren.
Er riß mich dazumal, als er mein Sieger war,
Mit großmutvoller Faust aus tödlicher Gefahr.
Nun hat Arsaces selbst ihn zu Euch hergeschicket,
Und ich erkannt ihn gleich, sobald ich ihn erblicket.

Artabanus
Arsaces hatte nur ein einzig Ehepfand,
Ein wohlgeratnes Kind an Schönheit und Verstand.
Das starb in seinem Arm. Ich hab es selbst gesehen,
Und also war es fast um Thron und Reich geschehen.
Ein jeder Prinz und Fürst, der seinen Hof betrat,
Zerteilte schon vergnügt der Parther weiten Staat.
Ein unbeerbtes Reich hätt jeder gern gewonnen
Und zeitig einen Grund zum Aufruhr ausgesonnen.
Drum machte man den Tod Arsenens nicht bekannt,
Bis bald darauf Arsaz die Römer überwand.
Der Himmel und der Sieg erfüllte sein Verlangen,
Und ich bekam im Streit die Portia gefangen.
Dieweil sie nun, mein Herr, an Jugend und Gestalt
Arsenen ähnlich war, so hab ich sie alsbald
Arsacen überbracht: Der nahm die junge Schöne
Vergnügt zur Tochter auf und nannte sie Arsene.
Dies hat er sterbend Euch im Schreiben kundgetan,
Das Euch noch mehr entdeckt, als ich berichten kann.

(Er überreichet dem Cato das Schreiben.)

Cato (liest)
Arsaces an den Cato.
Es würde grausam sein, wenn ich erblassen sollte
Und Eure Tochter Euch noch länger bergen wollte.
Durch ihre Tugenden ist sie der Ehre wert,
So ihr durch Eure Huld und Liebe widerfährt.
Erkennt dann Euer Blut und liebt es in Arsenen!
Und will sie meinen Thron und Purpur nicht verhöhnen,
So nehmt doch ihrer Hand der Parther Zepter nicht:
Indem ihr Regiment der Welt was Guts verspricht.

Artabanus
Erwegt nunmehro selbst, ob Ihr es wollt entdecken?
Wo nicht, so kann man es noch fernerhin verstecken.
Befehlt nur, was Ihr wollt. Ich bin sogleich bereit
Und führe willig aus, was Cato mir gebeut.

(Er gehet ab.)

Der vierte Auftritt

Cato und Phocas.

Cato
Wie? Soll mein eigen Blut mir Brust und Herz zerreißen?
Was? Eine Königin soll Catons Tochter heißen?
Ihr Götter! Schützt ihr so des Cäsars Tyrannei
Und stürzt das arme Rom in seine Sklaverei?
Ihr gebt mir zwar mein Kind durch eure Gunst zurücke,
Allein, es ist dabei ein Scheusal meiner Blicke.
Ihr Anblick war mir lieb; doch dein zu strenger Schluß,
Verhängnis! kehrt die Lust in Jammer und Verdruß.
Wie kann mir Portia im Kronenschmuck gefallen?
Mein Blut erlaubt es zwar, doch Rom verbaut es allen!
Ach! Cato, diesmal kann, zu deiner größten Pein,
Ein zärtlich Vaterherz kein römisch Herze sein.
Nein, nein, sie soll und muß des Thrones sich entschlagen!
Nur eilend, bringt sie her, der Herrschaft abzusagen.

Phocas
Wie das, Herr? Wird denn itzt nicht zu des Reiches Heil,
Durch des Geschickes Huld, ihr Zepter uns zuteil?
Ihr seht ja, wie es steht. Wird uns vor Cäsars Waffen
Ein Utica mehr Schutz als Afrika verschaffen?
Wird das verjagte Rom in dieser Mauren Kreis
Vor ihm gesichert sein? Nein, Cato, nein, ich weiß,
An Beistand fehlt es uns! Sonst hat der Krieg ein Ende,
Und Rom gerät nebst uns dem Sieger in die Hände.
Ja, glaubt, die Königin, als Eure Tochter, stellt
Zu unsrer Freiheit Schutz ein parthisch Heer ins Feld.
Entdeckt ihr, wer sie ist, und lehrt sie ihr Geschlechte:
Doch laßt ihr Thron und Reich und bringet Rom zurechte.
Das Schicksal war Euch hold, drum helft ihm selber nun;
Sein Beistand machts nicht aus; man muß das Seine tun!

Cato
Welch unerhörter Rat! Meinst du daß Freveltaten
In einer Tugend Dienst auch tugendhaft geraten?
Betrüge dich doch selbst mit leerer Hoffnung nicht!
Mit was vor einer Stirn, mit welchem Angesicht
Würd ich, und Rom dazu, durch ungerechte Waffen
Des angemaßten Reichs, der Freiheit Hülfe schaffen?
Da schlüge Jupiter mit Blitz und Donner drein!
Vielmehr soll Utica mein Scheiterhaufen sein.
Wir würden sträflicher als Cäsar selber werden.
Was recht und billig ist, sonst rührt mich nichts auf Erden!
Tyrannen helfen sich durch Schand und Laster auf;
Doch wer die Tugend liebt, geht lieber selbst darauf.
Die Götter haben selbst, im Aufruhr jener Riesen,
Sich zornig und gerecht, nicht lasterhaft erwiesen.
Wir sind bestürmt, wie sie, bedrängt und kummervoll;
Was hinderts, daß man nicht der Tugend folgen soll?

Phocas
Sitzt Portia denn nicht mit Recht auf ihrem Throne?
Die Götter fehlen nie, die schenkten ihr die Krone!
Bedünkts uns ungerecht? Ach! Unser Augenschein
Kann hier von ihrem Tun kein rechter Richter sein;
Man unterwerfe sich nur dem, was sie befehlen;
Schlagt nie das Mittel aus, so sie uns selber wehlen.
Zum mindsten macht uns erst ein Opfer beim Altar
Des Schicksals letzten Schluß im Eingeweide klar.

Cato
Wer? Ich sollt allererst in toten Opfertieren
Des Gottes, der mich treibt, Befehl und Willen spüren?
Der mir doch damals schon, eh ich das Licht erblickt,
Den Trieb zur Billigkeit in Herz und Sinn gedrückt.
Der lenkt ohn Unterlaß mein Tichten und mein Trachten
Und treibt mich, lebenslang die Tugend hoch zu achten,
Dem Laster feind zu sein, so mächtig es auch ist;
Gesetzt, daß ich dabei zugrunde gehen müßt!
Der lehrt mich, Rom sei nur zur Freiheit auserkoren
Und habe die Gewalt der Könige verschworen.
Ja, der beut uns auch itzt der Parther Zepter an,
Zur Prüfung, ob man ihn beherzt verschmähen kann?
Drum laßt uns standhaft sein und solchen Beistand fliehen!
Die Tugend weiß uns schon aus der Gefahr zu ziehen.
Man rücke nur getrost auf den Tyrannen los,
Und jedes Herze sei von edler Hoffnung groß.
Darf uns nur künftig nichts von unserm Tun gereuen,
So sind wir stark genug, Tyrannen zu zerstreuen.
Allein, Pharnaces kömmt. Geh zu der Tochter hin,
Doch sag ihr noch kein Wort, daß ich ihr Vater bin;
Auch Artaban sei still. Ich wills ihr selber sagen
Und sehn, ob ihr Gemüt auch aus der Art geschlagen?

Der fünfte Auftritt

Cato und Pharnaces.

Cato
Ein andrer würde itzt in tausend Ängsten sein,
So sehr stimmt das Geschick mit unsern Feinden ein.
Der junge Scipio und Juba sind geschlagen;
Nur Cäsar triumphiert auf seinem Siegeswagen.
Bei uns hergegen, Prinz, gibt es mehr Mut als Glück,
Vielleicht hält dieser noch des Schicksals Haß zurück.
Getrost und standhaft sein, das stärkt und lehrt die Herzen,
Aus Hoffnung auf den Sieg Gefahr und Not verschmerzen.

Pharnaces
Ich war von Jugend auf den Römern zugetan
Und nahm von ihnen, Herr, ein standhaft Wesen an.
Ihr wißt es, Cäsars Macht besiegte meine Staaten;
Doch blieb mir noch ein Rest von Freunden und Soldaten.
Die Flotte, so sie führt, liegt schon vor Utica
Und ist, dafern Ihr wollt, zu Eurer Rettung da.

Cato
Er zieht schon auf uns los; es wird nicht lange dauren,
So sieht ihn Utica ganz nah an seinen Mauren.
Drum eilet nur, mein Prinz, und kommet ihm zuvor:
Erzwingt mit mir den Sieg, den Rom bisher verlor.

Pharnaces
Ich folge gern, mein Herr. Die Götter sollen zeugen,
Daß Cäsar oder ich ein sterbend Haupt soll neigen;
Allein, Ihr wißt auch wohl, Arsenens Mund und Hand
Versprach mir schon vorlängst ein festes Eheband;
Bevor mich nun die Wut noch wird zur Rache lenken,
So laßt die Hochzeitlust...

Cato
Daran ist nicht zu denken!

Pharnaces
Wie das, mein Herr?

Cato
Ihr meint, sie sei die Königin?

Pharnaces
Was denn?

Cato
Erkennt sie nur vor eine Römerin;
Und sagt mir: Kann man wohl nach unsern Grundgesetzen
Die Eh mit Königen vor recht und billig schätzen?

Pharnaces
Was hör ich? Götter! O! das ist aus List geschehn!
Ich hab Arsenen ja im Königsschmuck gesehn;
So pflegen sich gewiß die Römer nicht zu zeigen!

Cato
Ich weiß es ganz gewiß; doch muß ichs noch verschweigen:
Allein, in kurzem wird Arsenens wahrer Stand,
Durch meinen eignen Mund, ganz Utica bekannt.

Pharnaces
O Cato, scheuet Euch, was Heimlichs zu entdecken,
Es möcht Euch solches einst zu späte Reu erwecken.
Ich stund auf der Partei, dabei Pompejus war,
Drauf raubte Cäsar mir mein Erbreich ganz und gar.
Ich mußte meine Macht in wenig Schiffe fassen
Und so mein ganzes Glück den Wellen überlassen,
Die Hoffnung wies mir noch Arsenens Heirat an,
Die mir ein mächtig Land zum Brautschatz bringen kann.
Ist diese nun umsonst, so war mein Dienst vergebens,
Ach, schont doch Eures Staats, der Freiheit und des Lebens!
Denn herrscht Arsene nicht, so flieh ich Utica,
So ist sein Untergang und Roms Verderben nah.

Cato
Zieht hin, mein Prinz, zieht hin. Wer zwingt Euch hier zu bleiben?
Wir wollen schon allein den Feind zurücketreiben.
Das unbezwungne Rom, so itzo durch mich spricht,
Erniedrigt sich vor Euch und Euresgleichen nicht.

Der sechste Auftritt

Cato. Pharnaces. Felix.

Felix
Die Felder werden voll von Cäsars wilden Scharen,
Und Utica soll selbst den ersten Sturm erfahren;
So werdet Ihr samt uns dem Sieger untertan.

Cato
So feure man denn hier auch unsre Römer an!
Ich eile selbst, dem Heer ein Herze zuzusprechen;
Wir wollen Cäsars Macht auch sonder Beistand brechen.
Geht nur, Pharnaces, geht und steht ihm selber bei!
Seht, Cato schickt Euch selbst zur siegenden Partei
Und fürchtet nicht einmal, das Treffen zu verlieren
Gesetzt, dort wär ein Feind und König mehr zu spüren.

Der siebende Auftritt

Pharnaces. Felix.

Pharnaces
Wie? Straf ich denn den Haß und die Verachtung nicht,
Womit die Eitelkeit der stolzen Römer spricht?
Nein, meiner Rachgier Lauf soll nichts zurückehalten,
Die Glut, so mich entbrannt, soll nicht so leicht erkalten!
Was mach ich länger hier? Es kostet einen Streich,
So hab ich mit Gewalt Arsenens Herz und Reich.
Er soll das Opfer sein!

Felix
Wer?

Pharnaces
Cato!

Felix
O ihr Götter!
Herr, Euer Bundsgenoß? Beschützer und Erretter?

Pharnaces
Mein Haß hat sich bisher der Freundschaft gleichgestellt:
Ich bin den Römern gram. Hier siehst du einen Held,
Den Mithridat erzeugt. Du kennest diesen Namen:
Erkenne denn in mir den Rest von seinem Samen!
Ich habe wider ihn den Römern zwar gedient,
Weil ihrer Waffen Glück im Orient gegrünt.
Ich sah mehr als zu wohl an seinen grauen Haaren,
Daß solche Krieger ihm zu stark und mächtig waren.
Verlör er nun das Reich, so käm ich doch als Sohn,
Weil ich gut römisch schien, vielleicht noch auf den Thron.
So ging es auch: Denn Rom gab mir den Zepter wieder;
Nunmehro leg ich denn auch die Verstellung nieder.
So lange Rom geblüht, sah ich sein Wachstum an
Als einer, der es haßt, doch ihm nicht schaden kann.
Erwege, wie vergnügt ich nachmals zugesehen,
Als durch der Zwietracht Wut die Trennungen geschehen,
Wenn der Parteien Schwert sich wechselsweise schlug,
Ein Römer wider Rom Gewehr und Harnisch trug.
Um meine Rache nun vollkommen auszuüben,
Hab ich hernach den Bund Pompejens unterschrieben.
Ich hoffte, dieser Krieg würd lang und allgemein
Und beiden Teilen einst zugleich verderblich sein.
So dacht ich mit der Zeit die Herrscher zu verbannen
Und selbst die Häupter Roms noch in mein Joch zu spannen.
Doch, Felix, der Erfolg zeigt itzt das Gegenteil.
Ich bin den Römern itzt selbst wie ein Opfer feil.
Selbst Cato tat es kund. Jedoch, ich muß nur schweigen,
Um dies Geheimnis noch nicht jedem anzuzeigen.
Geh, Timon und Arbat soll augenblicklich gehn,
Und Cäsarn Catons Kopf mit nechstem zugestehn:
Doch so, daß er davor mir Pontus wiedergebe
Und auf Arsenens Thron mich ungesäumt erhebe.
Mein Ruhm erfodert das! Was wagt man um ein Reich:
Ein glücklich Bubenstück sieht oft der Tugend gleich.

Felix
Dergleichen Mord, mein Herr, wird Cäsar nicht verlangen.
Er will nur, wie man spürt, mit eignen Taten prangen,
Es wäre selbst der Sieg bei ihm nicht angenehm,
Im Fall der Lorbeerzweig von fremden Armen käm.
Wohl hundertmal hat man sein bloßes Schwert erblicket,
Das auf Pompejens Hals sein eigner Arm gezücket:
Allein, die Strafe fiel auf Ptolomäus Haupt,
Dieweil er Cäsars Faust die Freveltat geraubt.

Pharnaces
Es war ein andrer Grund, warum er umgekommen.
Denn seine Tyrannei hatt' überhandgenommen;
Er hatte Cäsarn schon ein Gleiches zugedacht,
Drum zog er dazumal die ganze Kriegesmacht
Bis an den fernen Nil und strafte den am Leben,
Sein eignes nicht sobald gewaltsam aufzugeben.
Dergleichen Ungelück betrifft mich nicht so leicht!
Ich folg, in Cäsars Dienst, den Göttern, wie mich deucht.
Ich weiche, so wie sie, dem Glücke, so ihn schützet.
Auf Lastern liegt sein Grund, durch Laster wirds gestützet.
Der Ehrsucht opfert er ganz Rom und alles auf:
Vor Catons Mord erfolgt für mich noch mehr darauf!
Wohlan, nun will ich auch die Unschuld nicht mehr hören;
Ich muß, wie Cäsar tat, die Macht durch Bosheit mehren.
Ein Frevel hilft mir leicht und schafft mir Thron und Ruh;
An ein paar Lastern liegts, so fällt mir alles zu.

(Ende der ersten Handlung.)

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