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Stella und Antonie

Otto Julius Bierbaum: Stella und Antonie - Kapitel 5
Quellenangabe
typedrama
booktitleStella und Antonie
authorOtto Julius Bierbaum
year1903
firstpub1903
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titleStella und Antonie
pages164
created20130919
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dritter Aufzug.

(Etwa vier Wochen später)

Der halbrunde Ausbau des Zimmers im Schlosse, dessen erleuchtete Fenster man im ersten Akte sah und hinter dem man jetzt, durch die große Glastüre und mehrere sehr hohe und ganz nahe aneinander stehende Fenster, als Hintergrund die kleine flache Terrasse und den Park sieht. Der Park liegt undeutlich im Dämmerlicht eines bewölkten Spätsommerabends; man hört zuweilen ein stoßweises Rauschen in den Bäumen. Rechts und links, ganz vorn, Türen. Christoph und Jakob zünden den Glaslustre über einem ovalen gedeckten Tisch an, der einen großen Teil des Halbrunds ausfüllt.

Jakob Mon dieu, Ihr seid nicht weit genug herum gekommen und lest zu wenig in den Romanen. Euch fehlt das Raffinement der großen Welt. Wer aber, wie ich, mit auf Universitäten und Reisen war und überdies seine freie Zeit mit galanter Lektüre ausfüllt, dem kann es unmöglich entgehen, daß Mademoiselle la comtesse sich einem amoureusen Zeitvertreib mit diesem, äh, Johann hingibt.

Christoph Ich bitt' Euch, redet nicht so und sprecht leise. Es ist gottlos, derlei Reden zu führen und ziemt unsereinem nicht.

Jakob Bah, diese Aventüre bildet bereits den Gesprächsstoff im Stalle, und der Hundejunge sowohl wie das Geflügelmensch reden so laut darüber, daß schon die Bauernkerls die Köpfe zusammenstecken und grinsen.

Christoph Und es ziemt sich nicht, es ziemt sich nicht! Wahrhaftig und in der Tat, es paßt und ziemt sich nicht. Es ist ein schlechtes und freches Gerede, und ich will nichts davon hören!

Jakob Äh? Wieso? Was ist am Ende weiter dabei? Man amüsiert sich ein wenig mit dem Kerl und wird ihn davonjagen, wenn man ihn satt hat. Ich begreife nur den Geschmack der Komtesse nicht. Ein Kerl, der schon auf die Bank geschnallt war. Ein Kerl, der sich zum Servieren anstellt, wie der Bär zum Tanzen. Ein Kerl ohne alle Manieren und überdies häßlich wie ein wandernder Scherenschleifer. Ich hab mein Lebtag keine solchen Krebsaugen an einem Menschen gesehen. Und dabei hochnäsig. Ein entlaufener Student, – bah, und Komödiant gewesen, – fi donc! Ich würde ihm nicht die Fingerspitzen reichen.

Christoph Ihr habt ein böses Maul und eine schlimme Galle. Wahrhaftig und in der Tat, das habt Ihr, und ich will nichts weiter hören.

Jakob Das Schönste ist, daß der Kerl seine Situation mißversteht. Ich schwöre Euch: er ist verliebt in die Komtesse. Er seufzt und rollt die Augen, und wenn sie ihn frei läßt, rennt er in einen Winkel und schreit und stöhnt und stöhnt und schreit und fuchtelt mit den Armen und fährt sich durch seine Zigeunerhaare. Es ist ungemein komisch und ein großes Amüsement, ihn zu observieren. Lisette hat ihn gestern gesehen, wie er ein Band der Komtesse küßte. Es wird ein Strumpfband gewesen sein. Hähä!

Christoph Nun schweigt endlich! Soll ich alter Mann alle Kerzen allein anzünden, während Ihr lose Reden führt? (Ein Windstoß) Ich glaube, es wittert heut abend noch. Sind die Herrschaften vom Vorwerk schon herein?

Jakob Was weiß ich. Die Komtesse, Alterchen, ist aber gar nicht mitgefahren. Riecht Ihr was? Immerfort draußen im Park allein mit dem Herrn Komödianten. Hähä! Man kann sich die Komödie denken, die da aufgeführt wird. Alles geht recht publiquement vor sich. Man könnte glauben, in Paris zu sein. Nächstens wird man sich wohl von dem Herrn Komödianten zu Bette bringen lassen. Hähä, – bis mein Gnädigster ein Wörtchen dazu sagt. Ich habe die Hetzpeitsche schon ins Wasser gelegt. Hähä!

Antoniens Stimme (aus dem Park) Huh! Jetzt wird's ernst! Die ersten Tropfen! Herrlich die Abendfrische! Herrlich! (Sie kommt eilig durch die Flügeltür; alle ihre Bewegungen verraten eine fröhliche Aufregung) Was macht ihr da?

Christoph Wir haben den Lustre angezündet und wollen den Kaffeetisch decken.

Antonie Laßt das! Ich will Johann unterweisen, daß er das auch besorgen lernt. Zieht die Vorhänge zu! (Christoph und Jakob ziehen die Vorhänge zu)

Antonie (währenddessen durch die Flügeltür in den Park hinausrufend) Johann! (Klatscht in die Hände) Johann! Was treibst du draußen?

Johann Christian (aus dem Park) Ich habe die Windhunde in den Stall gebracht. Befehlen gnädigste Komtesse . . .?

Antonie Komm herein und deck den Tisch! (Zu den Dienern) Geht und bestellt den Kaffee! (Christoph und Jakob verbeugen sich und gehen ab)

Johann Christian (kommt durch die Flügeltür) Antonie . . .!

Antonie Pscht! Leiser! Zieh die Türvorhänge zu!

Johann Christian (tut dies)

Antonie Wie war das schön! Was sang die Nachtigall? Schnell sag mir das liebe Lied noch einmal!

Johann Christian (zu ihr tretend, eindringlich)
        Lausch, o lausche! In den Zweigen
        Singt die kleine Nachtigall;
        Wie im Himmel Engel geigen,
        Zittert, schluchzt der süße Schall,
        Und es strömt aus ihrer Kehle
        Unsre ganze trunkne Seele.

        Horch, sie fühlt, was wir genossen,
        Und es brennt in ihr die Glut;
        Flammen haben uns umflossen,
        Und im Feuer war uns gut.
        Horch, es zittert unsre Seele
        In der kleinen, bangen Kehle.

(Er ist vor ihr in die Knie gesunken und küßt ihr die Hand) Wir und die Nachtigall, Antonie, wir und die Nachtigall! Ich möchte das Herz der Nachtigall küssen wie deinen Mund. Alle Blätter des Baumes, der über uns war, möchte ich an mein Herz drücken. Seit ich dich habe, weiß ich, daß wir nur leben, wenn wir lieben. Alles andre ist dumpf und trübe, aber die Liebe macht klar und stark. Das bist nicht du und ich, das ist die Welt, die ganze Welt in uns und wir in aller Welt. Wenn alles Blut jetzt von mir flösse, es wäre Seligkeit!

Antonie Du und deine Augen! Du und dein Mund! Du und deine Küsse! Alle meine Adern sind voll von dir. Ich höre dich, wenn ich spreche. Ich fühle dich, wenn ich in die Luft greife. In mir und außer mir: überall du! (Sie schließt die Augen) Ich habe mich ganz verloren, ich fühle keinen Boden unter den Füßen, – es ist alles ein Schweben. Wo kommen wir hin, Apoll, wo kommen wir hin . . . (Sie öffnet die Augen) Es hat uns schon zu weit getrieben. Es ist kein Halten mehr . . . Nein, nein, wir müssen halt machen, wir müssen klug sein, Apoll.

Johann Christian Klug! Klug! Können Selige klug sein? Brauchen Selige klug zu sein? Wie häßlich klingt das Wort Klugheit aus einem Munde, der so zu küssen weiß, wie du. Nein, Antonie, wir wollen nicht Halt machen! Wir wollen uns dem Winde geben, der uns auf seine Flügel genommen hat. Komm! Laß uns fort von hier! Noch diesen Abend! Ich ertrage es nicht länger, diese Komödie zu spielen, die ein Frevel ist. Du gehörst mir in alle Ewigkeit, Antonie, und in dieser Ewigkeit soll keine Minute mit Maskerade ausgefüllt sein. (Steht auf und hochatmend vor ihr)

Antonie (plötzlich verwandelt) Wenn du so schreist, ist alles verloren, und deine Ewigkeit dauert keine fünf Minuten mehr. Das Glück, das wir uns heimlich Stück für Stück stehlen müssen, ist süßer als das, was wir plump mit einem Male an uns reißen. Ich will nicht, daß deine törichte Wildheit mir raubt, was mir deine Liebe gegeben hat und immer wieder geben soll.

Johann Christian – Soll ich dein Diener bleiben, Antonie, – jetzt noch?

Antonie Jetzt mehr als je und immer, immer!

Johann Christian Dein Sklave in alle Ewigkeit, aber nicht dein Lakei.

Antonie Ich sehe nicht deine Livrée an, sondern dich.

Johann Christian Aber mich beengt sie wie eine Zwangsjacke.

Antonie Gut so, gut so, – was würdest du sonst toll sein!

Johann Christian (lauter) Und ich ertrag es nicht, ertrag es nicht! Du machst, daß ich zwischen höchster Seligkeit und tiefster Erniedrigung taumele. Deine Küsse machen mich zu einem Gott, und deine Befehle treten mich unter die Erde. – Hüte dich, Antonie! Du hast ein Feuer angezündet in mir, das frei auflodern muß! Ich bin nicht so geschickt wie du, Komödie zu spielen mit Gefühlen, von denen mir ein jeder Nerv bebt.

Antonie Das wirst du lernen müssen, oder du bist dieser Gefühle nicht wert. O, ich sage dir, es ist süß, das Innige zu verstecken, und gemein ist es, damit vor die Leute zu gehen. Was schiert dich die Livrée? Warum bist du böse auf das Kleid deiner Liebe? Warum denkst du an etwas andres, als an sie? Was willst du mehr, als mich?

Johann Christian (noch lauter) Dich ganz, als dein Herr, dich ganz und vor aller Welt!

Antonie (ihn groß ansehend) Ich glaube, du träumst.

Johann Christian Nein, ich wache auf! (Geht auf sie zu, wie um sie zu ergreifen) Was du mir gegeben hast, bist du selber, – und du bist mir zu köstlich, als daß ich dich mit irgend jemand teilen möchte! Wehe dir, wenn du an andres denkst!

Antonie (nach einer Pause) Ich denke an nichts . . . Ich will an nichts denken . . . Schäme dich, daß du noch denken kannst!

Johann Christian (will reden. Man hört Peitschenknallen)

Antonie Schweig, denn ich weiß, daß du nicht leise reden kannst. (Stampft mit dem Fuße, wie er wieder reden will) Schweig! (Man hört wieder Peitschenknallen) Die Herrschaften kommen, ordne den Tisch!

Johann Christian Ich . . . ? . .

Antonie Ordne den Tisch! So mach doch! Mein Gott, bist du plump! Die Teller ringsum gestellt! Da die Tassen! Von dem kleinen Tisch her! Und die Zuckerdosen! Die Löffel links, die Messer rechts! In die Mitte die Konfituren und das Gebäck.

Johann Christian (tut mechanisch, was sie befiehlt)

Antonie Du mußt heute bei Tisch aufwarten.

Johann Christian Ich soll . . ? . .

Antonie Ja: Du. Das soll deine Strafe sein.

Johann Christian Du spielst mit mir.

Antonie Freilich! Besser spielen, als denken! Es ist so köstlich! Fühlst du es nicht, wie über alles schön das ist? Ganz im Geheim ein Spiel miteinander haben, – ah, es ist eine Wonne. Und daß man zu gleicher Zeit mit den Anderen spielt, ist auch lustig. O du Dichter! O du mein dummer Dichter! Hör auf zu denken und spiel mit mir! (Läuft auf ihn zu und küßt ihn) O du mein Spielkamerad!

Johann Christian Dein Spielzeug . . .

Antonie Und war ich nicht vorhin und bin ich nun nicht immer deins? Du meins, ich deins? . . . ! So soll es sein und bleiben, und wir wollen uns das Spiel nicht mit dummen Gedanken verderben. Da: Küß mir die Hand!

Johann Christian (tut es) Du machst mit mir, was du willst.

Antonie Mein artiger Dichter! (Läuft schnell links ab, wirft ihm Kußhände zu)

Johann Christian (will ihr erst nach, dann bleibt er stehen und hantiert am Tisch, sich zuweilen über die Stirn fahrend)

Graf Franz Friedrich und die beidenVettern treten auf. Der erste Vetter, Graf Hans, ist ein schmächtiges Herrchen von etwa zwanzig Jahren, ebenso unreif, wie ungebildet; der zweite, Graf Franz, ist ein paar Jahre älter und hat den Habitus des ehemaligen Studenten ohne Studium: dick, etwas burschikos gemütlich)

Graf Franz Friedrich (zu Johann Christian) Geh Er hinaus!

Johann Christian Die Komtesse hat mir aufgetragen . . .

Graf Franz Friedrich Er soll hinausgehen!!

Johann Christian (geht ab, ohne eine Verbeugung zu machen)

Der erste Vetter Der Lümmel scheint nicht gut in Dressur zu sein. Schiebt ab wie ein Bauer.

Der zweite Vetter Mein Sohn, es ist der Herr Poet! Man hat auf Akademien studiert! Man macht Verse! Man ist ein Genie! Und mehr noch: man ist hier Hahn im Korb! Haha! Ich für mein Teil würde dem werten Franz Friedrich die Zunge zeigen, wär ich so Hätschelhans der Erste.

Der erste Vetter (kichert) Sonderbare Launen! Ihr seid ein recht duldsamer Bräutigam, Herr Vetter!

Graf Franz Friedrich Bah! Soll ich auf einen Domestiken eifersüchtig sein? Ich kenne meine Antonie. Sie hat eine Schwäche für die schönen Künste. (Die beiden Vettern kichern) Ich gönne ihr das. Es ist eine durchaus adelige Kaprice und beweist Genie.

Der zweite Vetter Wie ich in Leipzig war, hatt' ich auch eine Schwäche für die schönen Künste, aber mein Herr Vater fand es nicht sehr adelig, daß ich diese Leidenschaft an den schönen Komödiantinnen ausließ. Haha! Der alte Herr hatte keinen Sinn für mein Genie. Hahaha! Eines Tages kam er mit Postpferden und ließ mich Pleiß-Athen von hinten ansehn. Es ist seine Schuld, daß ich nicht ausstudiert habe. O Wurzner Bier! O Malvasier! Hier muß ich Kaffee trinken!

Der erste Vetter Ich würde doch lieber selber Verse machen, Franz Friedrich. Mon dieu, es ist sehr leicht, und was tut man nicht als Bräutigam? Und schließlich, wenn du zu faul dazu bist, es gibt eine Masse Kerls, die die Arbeit gegen Bezahlung verrichten und für ein paar Taler so verliebte Verse zusammenfaseln, daß den Mädchen höllisch heiß zu Mute wird. Aber so einen Reimschmied ans Mädchen selber 'ran lassen – parbleu, das wollt' ich mir überlegen.

Graf Franz Friedrich Herr Vetter, wenn Ihr einmal einen ordentlichen Schnurrbart und eine Braut haben werdet, will ich Euch zur Revanche eben so gute Ratschläge geben, und ich hoffe, daß Ihr ebensowenig darauf acht haben werdet. Ob ich Antonien einen Windhund schenke oder einen Komödianten als Lakai, das ist eins wies andre. Es freut mich, zu sehen, wie sie mit ihm spielt, und ich habe das meiste Vergnügen dabei, denn ihre Liebe zu mir wird umso größer sein, je mehr ich ihren Launen diene. Seit dieser Bursche im Hause ist, verwöhnt sie mich himmlisch, und ich finde nicht den Mut, mich zu trennen. Ach, meine Lieben, ich bin sehr glücklich. Wenn ich morgen reise, so ist es nur, um in vier Wochen zur Hochzeit zurückzukehren.

Der zweite Vetter Gehört der Dichter zur Aussteuer?

Der erste Vetter Hähä, er wird zum Reisemarschall avancieren für die Hochzeitsreise.

Der zweite Vetter Am Hochzeitstage wird er plötzlich seine Livrée ausziehen, und der schöne Apollo wird zum Vorschein kommen, und er wird ein Hochzeitscarmen herunterraspeln, das die Brautjungfern seufzen werden: Mir auch so einen Apollo, mir auch so einen süßen Lakai!

Der erste Vetter Ihr werdet auf billige Weise zu einem Haushofmeister und Hausdichter in einer Person kommen, Vetter.

Der zweite Vetter Und Gedichtbücher braucht ihr nicht erst zu kaufen; das wird bei Euch alles im Hause gemacht, wie die Leberwürste und Mohnkolatschen. Hahaha!

Der erste Vetter Ihr werdet alle Runkelrüben ausrotten und Lorbeerbäume pflanzen.

Der zweite Vetter Ich lasse mir meine Adele aus Leipzig als Kammermädchen nachkommen! Ich will auch die schönen Künste ehren! Schlesien muß ein Musenhain werden. Hahaha!

Die beiden Vettern (lachen unbändig. Es blitzt draußen)

Graf Franz Friedrich Es wird ernst mit dem Gewitter. Ich bitt' Euch, laßt die Scherze. So mag man auf Akademien reden bei Kommerschen im Tabakdunst. Hier ist es unziemlich. Wüßte ich nicht, daß es nur eine unartige Manier ist, und daß Ihr im Grunde denkt, wie es Junkern anständig ist, so würde ich nicht dulden, daß in diesem Hause solchen Späßen der Lauf gelassen wird.

Der zweite Vetter (komisch devot) Ich revoziere.

Der erste Vetter Ich depreziere.

Der zweite Vetter Herr Bruder, Ihr seid bei meiner Ehre der beste Fuchsmajor, den ich auf Universitäten kennen gelernt habe. Wahrhaftig, es ist nur mein böser Humor wegen dem Kaffee, daß ich so unziemlich gesprochen habe. Ich kann mich an das Zeug nicht gewöhnen. Der Teufel steckt in den Kaffeebohnen, und jeder ehrliche Junker sollte einen Schwur leisten, dieses Getränk zu meiden, das der Widerpart von Wein und Bier ist. Denn es macht boshaft, wo jene fröhlich machen.

Der erste Vetter Es ist ein Getränk für kleine Mädchen, die keinen ehrlichen Schnaps vertragen können.

Antonie (tritt mit dem alten Grafen und der Gräfin auf. Verbeugung der Vettern. Stummes Gespräch zwischen den Vettern und dem gräflichen Paare)

Antonie (zum Grafen Franz Friedrich) Hat mein zukünftiger Gebieter das Vorwerk wohl inspiziert? Wie haben ihm die Hammelherden gefallen, unsres Reiches großer Stolz und wollige Zierde?

Graf Franz Friedrich (etwas gezwungen) Ich dachte bei den Schafen an meine holde Schäferin.

Antonie Ei, wie galant! Und hat mein Damon ein Lied zur Flöte gedichtet auf der saftigen Wiese?

Graf Franz Friedrich In diesem Hause dichten die Domestiken.

Antonie Huh! Damon ist boshaft. Damon ist kein holder Schäfer. Da muß Phillis traurig sein.

        Ach, mein Damon ist betrübet,
        Der mich einst so sehr geliebet,
        Lässet nun die Flöte ruhn.

Graf Franz Friedrich Warum wart Ihr nicht mit auf dem Vorwerk?

Antonie Weil ich die heimatlichen Hammelherden schon kenne und die Nachtigallen lieber habe. O, ich habe heut' verstanden, was sie singen!

Graf Franz Friedrich Hat es Euch der Herr Komödiante übersetzt?

Antonie Der Herr Komödiante? Sind Komödianten da? Ei so will ich mir was vorspielen lassen.

Graf Franz Friedrich Ihr spielt mir etwas vor, Antonie.

Antonie (tätschelt ihn leicht)
        Damon, ei, so laß das Schmälen,
        Deine Phillis will erzählen,
        Was die Nachtigall ihr sang.

Graf Franz Friedrich (entzückt) Verzeiht mir, teuerste Komtesse, ich war unartig, aber es ist nur meine Liebe, die mich so verstört. Wenn ich Euch nicht sehe, bin ich traurig und böse. O, in vier Wochen, in vier Wochen . . . Freut sich meine Antonie?

Antonie Sie freut sich, Franz Friedrich, sie freut sich. Merkt Ihr's ihr nicht an, wie sie voll Freude ist?

Graf Franz Friedrich (küßt ihr die Hand) Sie strahlt ja wie eine Rose.

Antonie Seht Ihr's, das hat die Nachtigall gemacht mit ihrem Liede.

Graf Franz Friedrich (sehr glücklich) Meine süße Braut!

Antonie Nun wollen wir Kaffee trinken! (Sieht zum Tische) Aber der Tisch ist ja noch gar nicht fertig. (Ruft) Johann!

Johann Christian (erscheint)

Antonie Warum ist der Tisch nicht fertig!?

Johann Christian Man hat mich hinausgeschickt.

Antonie Man? . . . Wer ist Man?

Johann Christian (auf Graf Franz Friedrich weisend) Dieser Herr.

Antonie Was ist das für eine Sprache? Ich werde Ihm Unterricht in der Domestikensprache geben lassen, wenn Er sich nicht bequemen will, von selbst zu reden, wie es ihm anständig ist. – Rüste Er den Tisch!

Johann Christian (macht eine Verbeugung und geht an den Tisch)

Antonie (weißt ihn an, hilft ihm) Tolpatsch! Was habe ich Ihm gesagt? Dahin die Teller! So! Die Tassen in die Reihe! Leise! Was für ein Geklapper! Er zittert ja! (Leise zu ihm) Das Lied der Nachtigall ist in mir wie ein Rauschen. Es treibt mich wie ein Wind im Herzen. Kaum halt ich mich. O, wie ich voll bin von dir!

Johann Christian (leise) Ich zittre, ich ertrag es nicht länger. Deine weißen Hände. Dein Haar. Ich muß die Zähne auf die Lippen beißen. Sonst schrei ich laut auf!

Antonie (leise) Pst, oder ich schicke dich hinaus.

Johann Christian (leise) Lieber mit Bluthunden gehetzt, lieber in Nacht und Wetter hinaus. Ich ertrag es nicht! (Läßt eine Tasse fallen)

Die alte Gräfin O, der Ungeschickte!

Der alte Graf Das hast du von deinen Ideen. Der Kerl wird sämtliches Porzellan deiner Aussteuer zerschmeißen. Schick ihn zu seinen Komödianten.

Der erste Vetter Er wird gerade gedichtet haben, haha. Poeten sind kein Porzellan gewöhnt, haha. Trinken aus der hohlen Hand an dem, haha, wie heißt er doch, der Musenbrunnen . . .

Johann Christian (laut, grimmig) Kastalischer Quell, Herr Junker, – so lernt man's auf der Lateinschule.

Der erste Vetter (sich umsehend) Impertinent! Äh! Impertinent! Der Kerl . . .

Antonie Aber Hänschen! Vetterchen! Was für ein roter Kopf! Der Musenbrunnen heißt wirklich so!

Der erste Vetter Ich, äh, . . . hahaha, fürtrefflich, schöne Base, ich werde dem Burschen eine abgelegte Weste für die Belehrung schenken. Es geht hier sehr witzig zu. (Schüttelt den Kopf)

Der alte Graf Schick den Burschen hinaus.

Antonie Geh Er den Kaffee holen! Ich bitte zu Tische! (Klatscht in die Hände) Aber so lacht doch! Er ist ja draußen! Lieber Gott, was seid ihr steifleinen! Ich wüßte mir nichts amüsanteres, als einen Domestiken, der unsere Herren Junker in der Mythologie unterrichten kann. Ich bin stolz auf meinen Johann. Wenn mich Franz Friedrich zu Hofe führt, werde ich zum Kaiser sagen: Majestät haben zwar viel: Majestät haben einen Grafen zum Aufwarten, einen Baron zum Stühlerücken, einen Erzbischof zum Beten, – aber ich, ich habe einen Dichter zum Servieren.

Alle (lachen und setzen sich zu Tische. Antonie ganz links)

Antonie Paßt auf, mit was für einem mythologischen Gesicht er servieren wird. Und trinkt mir den Kaffee mit Andacht! Es wird Ambrosia sein. Aber um Gotteswillen sprecht nicht von gelehrten und poetischen Dingen! Denn, wenn ihr was Dummes sagt, wird er aus der Haut fahren.

Der erste Vetter Oder wenigstens aus der Livrée.

Antonie Und sprecht mir nicht etwa französisch, wenn ihr euch über ihn lustig machen wollt. Er versteht alles, mein auserlesener Johann. Denkt euch: er liest das Neue Testament griechisch.

Der erste Vetter Äh, das ist doch . . . wie? Griechisch? Das ist doch überflüssig. Weshalb griechisch? Unser Gottesmann Martin hat es ja schon übersetzt. Sehr töricht, das.

Antonie Ich glaube, Hänschen liest es nicht einmal deutsch.

Der erste Vetter Da muß ich sehr bitten! Ich versenke mich des öfteren . . .

Der zweite Vetter (prustend) Er versenkt sich! Er versenkt sich! Für diese Renommage, Herr Bruder, müßtet ihr eine Spritzkanne Wurzener trinken, wenn es hier Wurzener gäbe, statt Kaffee.

Antonie So soll er eine Kanne Kaffee trinken.

Der zweite Vetter (außer sich) Herrlich! Hahaha! Süperb! Hahaha! Hänschen muß eine Kanne Kaffee trinken!

Der erste Vetter Ich finde diese Witze schal.

Johann Christian (erscheint mit der Kaffeekanne und bleibt ratlos stehn)

Alle (lächeln und sehn ihn an)

Antonie Hierher, Johann, hierher! Ich schänke ein.

Johann Christian (tritt hinter ihren Stuhl und reicht ihr die Kanne)

Antonie (schänkt die ihr zugereichten Tassen voll und gibt sie hin. Dann gibt sie Johann Christian die Kanne zurück) Das Nachschänken besorgt Er! Passe Er wohl auf. Besonders auf den Herrn Grafen Pröhlen; der wird zuerst ausgetrunken haben.

Der zweite Vetter Ich? Hahaha! Vorzüglich! Ich wünschte, daß ich das Zeug unter den Stuhl gießen dürfte, mit Verlaub zu sagen.

Alle (lachen)

Antonie Wie? Ihr mißachtet das Getränk der Grazien? Man wird Euch zur Strafe zwingen, eine Ode darauf zu dichten: Das Lob des Kaffees, gesungen von Junker Dick.

Der zweite Vetter Wenn ich mit Franz Friedrichs Erlaubnis von meiner schönen Base einen Kuß dafür bekomme, werde ich's mit Johanns Hilfe versuchen. – Johann! Antreten! Wir wollen eins zusammen dichten!

Antonie (da sich Johann Christian nicht rührt) Hört Er nicht!? Er soll dem Grafen Pröhlen beim Dichten helfen.

Johann Christian (leise) Ich bitt Euch, laßt das.

Antonie So mach Er doch! Aber es versteht sich, Dickchen muß anfangen. Erst der Graf und dann der Domestike. Auch überhebt Ihr euch so der Mühe des Reimens.

Der zweite Vetter Was für ein Versmaß befiehlt meine gnädigste Base? Ich reite und dichte in jedem Tempo.

Antonie Es sollen Alexandriner sein.

Der zweite Vetter (nachsinnend) Alexandriner. Haha! Sehr wohl. Das sind die langen. Äh . . Ta – tam, ta – tam, ta – tam, ta – tam, ta – tam, ta – tam.

Der erste Vetter Bravo! Seht bloß, er schwitzt schon.

Antonie Schweigt! Er hat das mit viel Anstand und Melodie vorgetragen.

Der erste Vetter (parodistisch) Ta – tam, ta – tam, ta – tam, ta – tam, ta – titeltiteltam.

Alle (lachen)

Johann Christian (leise) Es ist unerträglich.

Antonie (leise) Pst. Denk an die Nachtigallen. – Nun, Dickchen, fang an. Nur einen Vers. Den zweiten wird Johann sagen.

Der zweite Vetter (räuspert sich) Äh, wenn ich nur wüßte, was! (Räuspert sich) Äh, das Thema liegt mir zu wenig. (Räuspert sich) Äh. Darf ich nicht das Wurzner Bier besingen?

Antonie Den Kaffee!

Alle Den Kaffee!

Der erste Vetter Ta – tam, ta – tam, – ta – tam!

Der zweite Vetter Ruhe! Ich hab's! – Im Land der Mohren wächst . . . (Schweigt)

Antonie Nun: wächst? Was wächst?

Der zweite Vetter Der Kaffee natürlich.

Der erste Vetter Äh, ich muß doch bitten: Ta – tam, ta – tam, ta – tam!

Alle Ta – tam, ta – tam, ta – tam.

Antonie Ruhe! Dickchen ringt nach Luft. Er will ein zweites Mal beginnen.

Der zweite Vetter Im Land der Mohren wächst, wie jedermann bekannt – hä? – Wie?

Alle Bravo! Bravo!

Der zweite Vetter Johann! Weiter dichten!

Antonie (leise) Mach doch, ich bitte dich, der Spaß freut mich.

Johann Christian (den Blick nach unten, mechanisch) Ein hoher Palmenbaum, der Kaffeebaum genannt.

Die alte Gräfin (gütig, betont) Sehr gut! Sehr gut, Johann. Wirklich: sehr hübsch. Nicht?

Der alte Graf Ganz brav, ganz brav.

Der erste Vetter Ganz wacker, wirklich, aber ich muß doch bemerken, daß der Kaffeebaum in erster Linie ein Wirtshaus in Leipzig ist.

Der zweite Vetter Ich bitte aber, solche Bemerkungen zu unterlassen. Das bringt mich aus dem Konzept. Denn neben dem Kaffeebaum in Leipzig ist die Schenke zur gelben Tulpe, wo man das beste Wurzener zapft, und wenn ich daran denke, kann ich keine Ode auf den Kaffee dichten. Weshalb ich meine schöne Base bitte, mir Pardon zu geben und es genug sein zu lassen.

Antonie Nein! Nein! Es muß weitergehn! Ich wiederhole das erste Paar: Im Land der Mohren wächst, wie jedermann bekannt, Ein hoher Palmenbaum, der Kaffeebaum genannt. Nun hat Dickchen fortzufahren.

Der zweite Vetter (überlegt eine Weile, schnipst dann mit den Fingern) Ich hab's. Eh, ihr werdet euch wundern: diesmal mach ich gleich zwei Verse!

Alle Was? Unerhört! Zwei Verse!

Graf Franz Friedrich Reimverse?

Der erste Vetter Ta – tam und Reim? Erst machen, eh ich's glauben soll!

Antonie Dickchen, wir kommen um vor Spannung.

Der zweite Vetter (sehr langsam, skandierend)
Auf diesem Baume wächst der Kaffeebohnen Schar,
Wie Nüsse auf dem Nuß Baum, das ist wirklich wahr!

Alle Bravo! Bravo!

Antonie Süperb! Wie Nüsse auf dem Nuß!

Der zweite Vetter Bitte, auf dem Nußbaum!

Der erste Junker Ta – tam, ta – tam, ta – tam!

Antonie Baum, das ist wirklich wahr. – Johann, schänk Er dem Grafen zur Belohnung eine neue Tasse ein, und dann fahr Er fort.

Johann Christian (geht und schänkt dem Grafen, der erst mit einem widrigen Gesichte austrinkt, neu ein. Macht die Runde um die Tafel, wo alles lacht und plaudert, und schänkt ein, wo leer ist. Dann hinter den Stuhl Antoniens tretend, leise) Ich kann das nicht länger. Warum demütigt Ihr mich so!

Antonie (leise) Fühlst du es nicht, wie alles in mir bebt vor Entzücken. Es ist ein wollüstiges Spiel.

Der zweite Vetter Das ist ungerecht, Base, wenn Ihr dem Johann einsagt, was er dichten soll. Ich habe auch alleine dichten müssen.

Die alte Gräfin (herablassend) Nun, Johann, die Reihe ist an Ihm.

Antonie Also, Johann!

Johann Christian (den dicken Junker ansehend)
Die heiße Sonne schenkt den harten Bohnen Kraft,
Das heiße Wasser zieht aus ihnen einen Saft
Voll Bitternis und Gift, der zauberisch erregt,
Wie fremder Blumen Duft, daß uns das Herze schlägt,
Und unser Geist sich klärt, – wofern ein Geist vorhanden.
Die Dummheit aber bleibt in ewig dumpfen Banden.
Für sie wächst nirgendwo der Klarheit Panacée,
Drum liebt sie dickes Bier und meidet den Kaffee.

(Eine Weile Pause. Dann, schnell hintereinander)

Der zweite Vetter Wie meint das der Lümmel?!

Der erste Vetter Impertinent. Weiß Gott, impertinent.

Der alte Graf Du siehst, Antonie, in welche Lagen uns deine Kaprice bringt. Ich bin genötigt, den Burschen davon zu jagen.

Die alte Gräfin Rege dich nicht auf, rege dich nur nicht auf. Antonie wird schon . . . Franz Friedrich wird schon . . . Bitte, Franz Friedrich . . .

Graf Franz Friedrich So sehr ich geneigt bin, allen Wünschen meiner gnädigsten Braut nachzugeben, so muß ich allerdings denn doch sagen, daß es mir nicht angängig erscheint, eine Personage länger im Hause zu dulden, die es sich herausgenommen hat, einen Verwandten des gräflichen Hauses mit Sottisen zu attackieren.

Antonie (bricht in ein übertrieben lautes Gelächter aus, nachdem sie selber erst ganz betroffen gewesen) Hahaha! Meine Lieben! O! O! O! Hahaha . . . Verzeiht, ich kann nicht anders . . . Ihr Guten! O! O! O! Ihr habt euch blamiert, ihr habt euch blamiert! Euer Zorn wendet sich an eine falsche Adresse. Die Herren Junker müssen unsern schlesischen Ovid, den seligen Herrn von Hoffmannswaldau für die Verse fordern, die Johann der schamlose Reimdieb soeben deklamiert hat. Schämt euch, schämt euch! So schlecht kennt ihr den Ruhm Schlesiens? Ein hergewanderter Domestike weiß besser Bescheid auf dem schlesischen Parnaß als ihr! O! O! . . . Da sitzen sie da, immer noch mit roten Köpfen, und rühren sich nicht. So lacht wenigstens mit, damit es nicht aussieht, als ärgertet ihr euch über eure mangelhafte Belesenheit. Hahahaha!

Graf Franz Friedrich (herzlich lachend) Hahahaha! (Küßt Antonien die Hand) Meine angebetete Antonie, die vielbelesene, die Freundin der Musen! Wahrhaftig, wir sind dumme Junker, und ich bin froh, daß wenigstens ich Aussicht habe, noch unterrichtet zu werden. Dicker, laß deinen Dänen satteln und fordere den Geist des Herrn von Hoffmannswaldau vor die Klinge; Hänschen wird dir sekundieren und keine Finte durchgehen lassen. Wenn du den schlesischen Ovid zum zweitenmale zu seinen Vätern gesandt hast, wollen wir ein Kaffeegelage zu deinen Heldenehren veranstalten! Hahaha!

Der zweite Vetter (verdrossen lachend) Wenn es so ist, na, hahaha, Tote koramieren kann ich nicht. Aber eine Frechheit von dem Lümmel war es doch. Wenn ich meine Verse selber mache, so hat er sich nicht zu unterstehen, fremde herzusagen.

Der erste Vetter Hähähä! Ich finde es wirklich für einen Servierkerl witzig, wie er sich aus der Affäre gezogen hat. Fatal, daß ich es nicht gleich gemerkt habe. Bekannt kamen mir die Verse schon vor. Das mit dem dicken Bier hätte außer unserm Oder-Schwan keiner so, äh, so mit der Blume gesagt. Der Hoffmannswaldau, wirklich, das war ein Poet! Ich begreife nicht, wie es heute noch Menschen gibt, die sich erdreisten mögen, nach ihm in die Leier zu greifen. Elende Stümper! Zuchtloses Gesindel! Ohne Schwung! Ohne Maß! Nüchtern, – äh, nüchtern!

Antonie Bravo, Hänschen! Schlesien reicht dir eine Birkenrute, damit du die schlechten Poeten vom Parnaß treibst.

Der erste Vetter Parbleu, ich wollte sie wohl jagen! Plumpe Gesellen! Da ist ein Kerl, leider auch ein Schlesier, Günther mit Namen, habe Verse von ihm gelesen, Zeug wie Sackleinewand, grob, ungefüge, gemein, – äh, hat mich angeekelt, war außer mir, habe mich geschämt, ein Schlesier zu sein.

Johann Christian (leise, erregt) Laßt mich hinausgehen, oder ich schlage dem Burschen übers Maul.

Antonie Stille, stille! Ein zweites Mal mach ichs nicht wieder gut. (Laut) Aber, Hänschen, meinen Günther schmähst du mir? Ich wette, Dickchen liebt ihn sehr. Gelt, Dickchen, du liebst meinen Günther?

Der zweite Vetter Ich will meinen Kuß, Base, für meine Verse, und dann will ich alle Dichter lieben, wie du befiehlst.

Johann Christian (leise) Laß mich hinaus!

Antonie O Dickchen, höre, was mein Günther sagt:

        Ihr Bogen voller göldnen Pfeile!
        Ihr schwarzen Augen voller Glut!
        Erlaubt mir, daß ich mich verweile
        Und führt den Kuß in Nerv und Blut,
        Damit er Dickchens Herze lehre,
        Wie nah ich ihm schon angehöre.

Johann Christian (leise) Jedes Wort gegen mein Herz. Lieber gepeitscht! Laß mich gehen!

Der zweite Vetter So hole ich mir meinen Kuß! In Nerv und Blut! Mit Franz Friedrichs Erlaubnis. (Er erhebt sich)

Johann Christian (leise) Ich schlag ihn nieder.

Antonie (leise) Du bist von Sinnen. (Laut)
        Damit er Dickchens Herze lehre,
        Wie nahe ich ihm angehöre.

Johann Christian (leise) Stella! Stella!

Antonie (während der zweite Vetter mit Franz Friedrich spricht, laut) Dem Dichter seinen Lohn! (Der zweite Vetter will auf sie zu. Draußen ein Windstoß, der, wie er schwächer wird, Harfentöne herüberläßt) Horcht! Eine Harfe! (Der zweite Vetter steht vor Antonie und will sie umarmen) Gleich, Dickchen, erst mach aber das Fenster auf, damit wir hören, wer uns ein Ständchen bringt.

Der zweite Vetter Nicht erst den Kuß?

Antonie Nein, erst das Fenster auf.

Der zweite Vetter (öffnet das Fenster. Man hört Stella zur Harfe singen)
        Bettelnd vor verschlossner Türe
        Steh ich, Liebster, laß mich ein,
        Laß mich nicht mit meiner Liebe
        Frierend draußen einsam sein.
        Hörst du, wie die Stürme sausen?
        Liebster, horche, ich bin draußen,
        Liebster, Liebster, laß mich ein.

Der zweite Vetter Eine Bänkelsängerin.

Der alte Graf Schick sie in die Gesindestube.

Der zweite Vetter (zur Tür herausrufend) He! Weg da von der Türe! Hinten ist das Gesindehaus.

Johann Christian (sehr erregt, fast zitternd) Es ist Stella!

Antonie (sich plötzlich umwendend) Du . . . (Laut) Sie soll . . . (mit einem starken Entschlusse) Sie soll heraufkommen!

Der zweite Vetter Äh?

Antonie Heraufkommen soll sie. Hier herein. Ich will sie hören.

Die alte Gräfin Aber Antonie . . .

Antonie (gefaßt, leichthin) Ihr Lied gefällt mir. Mach die Türe auf, Dickchen.

Der zweite Vetter (öffnet die Türe und ruft) Hier herein! Na, da, hopla, die Treppe herauf. (Der Wind, der im folgenden immer stärker wird, fegt in den Saal durch die Türe, durch die Stella hereintritt. Sie ist ganz vom Winde zerzaust, vom Regen durchnäßt, höchst dürftig bekleidet; ein schwarzes Tuch dient ihr gleichzeitig als Mantel und als Kopfbedeckung. Sie trägt mühsam eine Harfe und ist sehr verschüchtert. Sieht sich demütig, zitternd um, ein erbärmlicher Anblick. Wie sie Johann Christian erblickt, sieht sie ihn groß an und wendet dann sofort die Blicke auf Antonie mit dem Ausdruck: Ah, die! Johann Christian läßt den Kopf sinken. Antonie wendet von nun an keinen Blick von ihr. Im folgenden fortwährend stummes Spiel Johann Christians, der seiner Erregung kaum Herr wird)

Die alte Gräfin Armes Ding. Noch so jung.

Antonie Wollt Ihr uns eins spielen und singen? Kommt hier vor!

Stella (geht mühsam um den Tisch und bleibt rechts vorn stehen)

Antonie Nehmt Euch einen Stuhl!

Die alte Gräfin Ruht euch erst aus. Wollt Ihr Kaffee?

Stella (die sich gesetzt hat und starr auf Antonie hinsieht, schüttelt den Kopf)

Antonie Seid Ihr bei so bösem Wetter auf der Wanderschaft?

Stella (nickt)

Antonie Habt Niemand zu eurem Schutze?

Stella (schüttelt den Kopf und sieht dann Johann Christian flehend an).

Die alte Gräfin Keine Eltern mehr?

Stella (schüttelt den Kopf)

Die alte Gräfin Armes Kind!

Antonie Keinen – Mann?

Stella Fort.

Antonie Wie?

Stella Fortgegangen von mir.

Die alte Gräfin Abscheulich! Warum?

Stella Mag mi nimmer.

Antonie Habt Ihr ihm was zu leide getan?

Stella (demütig, flehend, auf Johann Christian hin) Ja

Antonie (böse) Was denn?

Stella (schüttelt den Kopf)

Die alte Gräfin Quäl sie nicht, Kind.

Johann Christian (leise) Antonie . . . Ich . . .

Antonie Wo wollt Ihr denn hin jetzt?

Stella I geh und such ihn.

Johann Christian (leise) Wen!? Wen!?

Antonie (leise) Den andern!

Johann Christian (leise) Dirne!

Antonie Ist er schon lange fort?

Stella I bin fort. (Schluchzt)

Die alte Gräfin Sie ist verwirrt, Kind. Laß sie in Ruh.

Johann Christian (leise, für sich) Stella! Stella!

Antonie (leise) Armer Narr! (Laut) Singe sie uns was!

Stella Was Lustigs?

Antonie Ei ja, was Lustiges!

Die alte Gräfin Aber Kind!

Antonie Wenn sie eine Künstlerin ist, was schiert sie dann das?

Stella Ja. (Nimmt die Harfe und präludiert)

Johann Christian (leise) Antonie, wie soll ich das anhören! Schick mich hinaus!

Antonie (leise) Das Stückchen Jammer macht dir Angst? Ich dachte sie mir anders.

Johann Christian (leise) Du weißt nicht, was du tust, wenn du sie singen läßt. Ich breche so schon fast zusammen.

Stella (hört mit Präludieren auf und starrt die Beiden an; alle folgen ihrem Blicke)

Antonie (laut befehlend) Stell Er die Kanne weg! Biet Er Konfitüren an!

Johann Christian (stellt die Kanne auf einen Serviertisch, nimmt eine Platte mit Konfitüren und bietet sie der Reihe nach den Anwesenden an)

Stella (folgt allen seinen Bewegungen)

Antonie (hart) Sie besinnt sich zu lange.

Stella (unvermittelt beginnend)
        Es war ein braunes Maidelein,
        Jung, jung, heisasa,
        Das mocht' kaum sechzehn Jahre sein,
        Sechzehn Jahre sein,
        Das ging gar gern spazieren
        Wohl in den tiefen Wald hinein,
        Wohl in den Wald hineisasa,
        Wohl in den Wald hinein.

        Hat an den Füßen keine Schuh,
        Barfuß, heisasa,
        Und hat im Herzen keine Ruh,
        Im Herzen keine Ruh,
        Drum ging sie gern spazieren
        Wohl in den tiefen Wald hinein,
        Wohl in den Wald hineisasa,
        Wohl in den Wald hinein.

        Begegnet ihr ein junger Mann,
        Grüß Gott! Heisasa!
        Der sah die Kleine freundlich an,
        Die Kleine freundlich an:
        Was gehst du denn spazieren
        Wohl in den tiefen Wald hinein,
        Wohl in den Wald hineisasa,
        Wohl in den Wald hinein?

        Sie setzten sich ins weiche Moos,
        O, o, heisasa,
        Da nahm er sie auf seinen Schoß,
        Nahm sie auf seinen Schoß.
        O, schön ist's zu spazieren
        Wohl in den tiefen Wald hinein,
        Wohl in den Wald hineisasa,
        Wohl in den Wald hinein.

        Das braune Maidlein ohne Schuh,
        Juck, juck, heisasa,
        Das hatte nun im Herzen Ruh,
        In seinem Herzen Ruh.
        Ging jeden Tag spazieren
        Wohl in den tiefen Wald hinein,
        Wohl in den Wald hineisasa,
        Wohl in den Wald hinein.

Der erste Vetter Charmantes Liedchen, charmant! Und wie die Kleine munter geworden ist!

Der zweite Vetter Juck, juck, heisasa! Sie hat es wirklich niedlich gemacht! Bravo! Bravo!

Alle (drücken ihren Beifall aus)

Stella (verneigt sich strahlend; ihr Blick bleibt leuchtend auf Johann Christian, der, die Arme an den Seiten hängen lassend, vor sich hin blickt)

Antonie Ein nettes Liedchen und hübsch vorgetragen. Ich kannte es noch nicht. Von wem ist es?

Stella Mein Mann hat es mir als Bräutigam gedichtet.

Antonie (leise) Ei! So lustig sind deine Lieder nicht mehr.

Johann Christian (leise) Schick sie hinaus! Siehst du nicht, was sie vorhat?

Antonie (leise) Vielleicht gelingt es ihr? Ah, ich will sehen, was so eine kann. (Laut) Nun etwas Trauriges. Oder hat ihr Mann nur Lustiges gedichtet?

Stella Trauriges auch.

Antonie Singe sie das Traurigste.

Die alte Gräfin Etwas recht Rührendes.

Der zweite Vetter Meine Tränen kommen auf Ihr Haupt, gnädigste Tante. Mich weinert's schon. Hänschen, leih mir dein Taschentuch. Huhuhu!

Die Gesellschaft (lacht belustigt, besonders Antonie)

Johann Christian (leise) Du läßt mich zermartern, – und sie! Deine Grausamkeit ist empörend. Siehst du ihre Augen nicht?

Antonie (leise) Sie spielt brillant.

Johann Christian (leise) Sie leidet so erbärmlich, wie ich. Deine Frivolität ist ekelhaft. Ich möchte mit Fäusten um mich schlagen und ihr zu Füßen stürzen.

Antonie (leise) Das wird ein prächtiger Effekt sein. Sieh, wie sie mich mit ihren Augen verschlingen möchte. Paß auf, – sie springt mir an den Hals wie du damals. Die kleine Bestie hat Rasse. Ein Glück, daß die andern blind für uns sind. Sie tut's ihnen allen an.

Stella (präludiert in wehmütigen Akkorden)

Der zweite Vetter O Gott, o Gott, mir wird's schon schwummerig.

Der erste Vetter Nach dem Präludium zu schließen, handelt das Lied von der unglücklichen Liebe.

Der zweite Vetter Nein, es wird eine Moritat.

Die alte Gräfin Silence! Silence!

Stella Das Lied heißt die Bettlerin.

        Weh, ach weh, ein böser Engel
        Trieb mich aus dem Paradies,
        Weh, ach weh, mein Herz schlug irre,
        Daß ich, Liebster, dich verließ.
        Sieh mich an in meinen Schmerzen,
        Laß mich ein zu deinem Herzen,
        In mein altes Paradies.

        Dich nur lieb ich, alles andre
        War ein böser, schlechter Traum,
        Und mein Herz hat, einzig Lieber,
        Nur für eine Liebe Raum.
        Stoß mich nicht von deiner Schwelle,
        Dann wird alles wieder helle,
        Es versinkt der böse Traum.

        Bettelnd vor verschlossner Türe
        Steh ich, Liebster, laß mich ein,
        Laß mich nicht mit meiner Liebe
        Frierend draußen einsam sein.
        Hörst du, wie die Stürme sausen,
        Liebster, horche, ich bin draußen,
        Liebster, Liebster, laß mich ein!

(Sie läßt beide Arme herabsinken und sieht, mit Tränen in den Augen, Johann Christian an, der die Hände erhebt und schwer atmet)

Der zweite Vetter Merkwürdig, das Lied muß ich schon mal gehört haben.

Der erste Vetter Dein Gedächtnis ist stupend! Sie sang es ja vorhin schon. Es scheint ihr Leiblied zu sein. Hehe, reichlich jämmerlich das. Nicht mein Geschmack.

Die alte Gräfin (sich die Augen wischend) Sie hat das sehr rührend gemacht, sehr rührend. – Ist das Lied auch von ihrem Mann?

Stella (tonlos, immer mit dem Blick auf Johann Christian) Das hab i mir selber g'macht.

Antonie (leise) Drum ist's so verlogen und schlecht. Aber geschickt. Sie kennt alle Register. Armer Apollo!

Johann Christian (leise, in höchster Erregung) Schweig, sag ich, schweig! Was weißt du! Hier willst du kritteln? Hier siehst du Komödie? Du, die du nichts als Komödie bist! Dort, wo alles Herz ist! Alles Empfindung! Das ist zu gut für deine Laune. Mich konnt' ich erniedrigen! Mit Der laß ich nicht spielen!

Antonie (leise, sehr erregt) Ah! Ah! Sie hat schon gesiegt!? Narr! Soll ich dich verachten? Gehst du ein zweites Mal ins Netz? Hüte dich! Du gehörst mir!

Johann Christian (die Hände auf ihre Stuhllehne stützend, sich überbeugend) Ich gehöre der, die mich liebt, die mich nicht erniedrigt, die mir gehört. Das Spiel hat ein Ende, Komtesse!

Graf Franz Friedrich (aufmerksam werdend) Was hat denn der Kerl fortwährend!

Antonie (mit mühsamer Fassung) Er . . . hahaha . . . er ist ergriffen . . . Johann, der Dichter will hinaus, weil er soviel Poesie nicht ertragen kann. (Höhnisch lachend) Nehmt euch ein Beispiel, kalte Seelen, an diesem Kammerdiener. Ihr sitzt da wie die chinesischen Pagoden, und er brennt lichterloh vor Empfindung.

Graf Franz Friedrich Alberner Patron. Schickt ihn unter die Pumpe zur Abkühlung.

Antonie O nein! Auch das gehört zu seiner Dressur. Stramm gestanden, Dichter! Sie soll noch eins singen, extra für ihn eins. He! So singe sie doch! Ist sie etwa auch ergriffen, und von sich selber? Sie spielt zu viel Komödie. Möge sie lieber besser singen. Ihre Stimme ist wie aus Stroh und hat keine Schule. Mit den Augen wird nicht gesungen, Harfenmadam! Ah! Vielleicht kann sie auch tanzen? Hopla, tanze sie eins zum Gesang! Hat sie ein Tanzlied?

Johann Christian (fast laut) Antonie!!

Antonie Tanzen! Tanzen! Ei, wie sie aufspringt! So ist's recht! Lustig! Wild! Und singen dazu!

Stella (die aufgesprungen ist und den Mantel abgeworfen hat, sodaß sie im kurzen Rocke und Mieder dasteht, die Haare lang herunter, beginnt zu tanzen und kommt während des folgenden Liedes tanzend immer näher an Antoniens Stuhl)

        Eijola! Eijola!
        Die Sterne am Himmel und ich sind da!
        Steh auf, steh auf, komm heraus, komm heraus,
        Nur die Alten tanzen im Haus.
        Uns hat die Nacht
        Einen Saal gemacht
        Auf der Waldwiese draus, –
        Auf der Waldwiese draus . . .
        Eijolá! Eijolá!

        Die Sterne am Himmel und ich sind da!
        Heijá! Heijá!
        Du, weißt du noch, das erste Mal?
        Heijá? Heijá?
        Wie ich mich zu dir stahl?
        Ein feuriger Busch von Rosen stand
        Vorm Haus, – ich aber bin durchgerannt,
        Da hat mich die Liebe und dich verbrannt.
        Eijola! Eijola!
        Drum gehören wir zueinand.

(Sie steht, nachdem der Tanz immer leidenschaftlicher geworden, am Schlusse mit ausgebreiteten Armen und leidenschaftlich hochgehender Brust, glühenden Auges ganz nahe vor Antonie)

Johann Christian (springt vor) Du! Du! Du! Endlich du! (Umfaßt sie, küßt sie) Meine Stella! Meine!

Die Gesellschaft (durcheinander) Was soll das! – Welch ein Affront! – Hinaus mit dem Pack!

Antonie (die sich erhoben hat, starr) Laßt sie! (Zu Johann Christian, den Finger gebieterisch vor sich hinstreckend) Johann!

Johann Christian Hahaha! Die Komödie hat ein Ende! Da, weg mit der Maskerade! (Zieht den Livréerock aus, wirft ihn Antonie vor die Füße) Holt Euch Eure Puppen in der Nähe! Freiheit, Stella, Freiheit! Wir wollen lachen draußen im Wetter! Lachen! Lachen!

Stella (jauchzend) Du! Du! Christl! Eijola! Hahaha!

Beide (nehmen sich an der Hand und rennen lachend hinaus. Noch von draußen her, wo der Sturm stößt, hört man Stella) Eijola! Eijola! (Die Vettern wollen ihnen nach)

Antonie (herrisch) So bleibt doch! Die holt ihr nicht ein!

(Der Vorhang fällt sehr schnell.)

 


 

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