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Stella und Antonie

Otto Julius Bierbaum: Stella und Antonie - Kapitel 3
Quellenangabe
typedrama
booktitleStella und Antonie
authorOtto Julius Bierbaum
year1903
firstpub1903
publisherAlbert Langen
addressMünchen
titleStella und Antonie
pages164
created20130919
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erster Aufzug.

Ein Teil des gräflich Birkenthalschen Gartens. Links tritt das Schloß in einem Bogen vor. Eine ganz niedrige Terrasse, durch zwei Stufen mit dem Garten verbunden und von einer, an den Stufen offenen niederen Säulenbrüstung umgeben, liegt davor. Auf der Brüstung Kandelaber mit Windlichtern. Gegenüber der Terrasse ist erst ein freier mit Kies bestreuter Platz, dann folgt eine hohe sich rechts verlierende Wandellaube aus geschorenen dunkelen Bäumen. Vor dem waldigen Hintergrunde ein hohes schmiedeeisernes Gitter, dessen einzelne Abteilungen durch große eiserne Laternen bezeichnet werden. Rechts vorn eine Steinbank; dahinter, in einem Busch, eine Amorstatue.

Es ist ein halbheller Sommerabend. Die hohen Parterrefenster des Schlosses sind erleuchtet. – Die gräflichen Diener sind damit beschäftigt, die Windlichter der Terrasse, die Laternen auf dem Gitter, sowie bunte Lampions anzuzünden, die in der Wandellaube hängen. Vor der Terrassentreppe, etwa drei Meter von ihr entfernt, sitzen vier Harfenmädchen. In dem Laubengange bewegen sich Schauspieler und Schauspielerinnen. Ihr Kostüm deutet auf die verschiedenen griechischen Gottheiten (nach dem Geschmacke des 18. Jahrhunderts).

Auf der Bank vorn rechts sitzt, als Apollo kostümiert, Johann Christian und brütet vor sich hin.

Aus der Laube treten heraus und bleiben auf dem Kiesplatze gestikulierend stehen: Der Komiker (als Bacchus), der Heldenspieler (als Mars), die Liebhaberin (als Venus), die Heldenmutter(als Juno). Christoph und Jakob treten hinzu.

Jakob (jung, geschniegelt und gespreizt, immer den Feinen und Welterfahrenen herauskehrend): Man probt noch, wie ich sehe? Bißchen Lampenfieber, wie? Ah, hoffen doch, daß alles klappt? Wie? (Zur Liebhaberin). Ah, quelle belle demoiselle! Sehr amöne Dame das! Sehr amön! Spielt wohl das verliebte Frauenzimmer?

Die Liebhaberin Was sollte ich in Gegenwart eines so entzückenden Kavaliers anderes spielen?

Jakob Vous me flattez, mademoiselle, vous me flattez. Oh, les actrices! Je connais ça. Sehr gewandte Zungen. Das kommt vom Metier. Ich, äh, ich habe in Paris, im Théâtre français, – oh, c'est un théâtre! un théâtre! – äh, ich habe da die berühmte Demoiselle . . . äh, wie hieß sie doch nur, die berühmte . . . ah, ihre Athalie, ihre Athalie! . . .

Der Komiker Es wird doch nicht die leibhaftige Demoiselle Coucheavec gewesen sein?

Jakob Just die! Just die! Ich habe sie – äh, man versteht mich – hähä, enfin: sie meinte, ich hätte enormes Talent für die Komödie. Indessen, ich zog den gräflichen Dienst vor.

Der Heldenspieler Ich danke untertänigst.

Jakob Wieso!?

Der Heldenspieler Weil unsereins sich nicht weiter unterstehen könnte, auf der Bühne zu agieren, wo ein so gestalter Adonis seine Strahlen wirft.

Jakob Wohl möglich, Herr, wohl möglich! Ich sah in der Tat nur selten, ausgenommen natürlich Paris, Akteurs, die in jeder Hinsicht den Anforderungen entsprochen hätten, die von der seinen Welt in Ansehung des Savoir vivre gestellt werden. Denn, was ist die Kunst? Sich galant bewegen, sich chevalierement expressionieren. Ah, und von wem wollt ihr das lernen?

Der Komiker Von den Herren Lakaien.

Jakob (sieht ihn hochnäsig an) Mit dem Bauch nie! (Zur Liebhaberin) Demoiselle werden heute eine große Rolle haben?

Die Heldenmutter Sie darf die Venus spielen. Es ist ein Zufall.

Die Liebhaberin Darf!? Hahaha!

Die Heldenmutter Was denn sonst? (Zu Jakob) Der Herr muß nämlich wissen, daß sie für gewöhnlich die Zofen macht. Nur, weil unsre Direktorin durchgegangen ist . . .

Die Liebhaberin Lieber Zofen als alte Weiber.

Die Heldenmutter Was? Du! (Macht Anstalten zu einer wütenden Entgegnung.)

Der Komiker Schweig, Juno, des erhabenen Zeus Gemahl!

Jakob Wie sagtet Ihr: Durchgegangen? Die Direktorin? Ah! Höchst interessant! Ein schönes Weib gewesen, was?

Der Komiker Ihr dürft ruhig beim pot de chambre Eures gräflichen Herrn schwören, daß sie schöner ist als irgend eine Gräfin, die ich noch gesehen habe.

Jakob Bah, une beauté de théâtre!

Der Heldenspieler In diesem Punkte, Mann im Sammetfracke, denken die Grafen anders, als ihre Hosenausklopfer.

Jakob Er ist ein Flegel, und ich spreche nicht mit ihm. (Zum Komiker) Ist sie mit einem Kavalier durchgegangen?

Der Heldenspieler Nicht einmal mit einem Lakaien.

Der Komiker Halt deine schwerterspitze Zunge in der Lippenscheide, Männermordender! Dieser Herr hier teilt nachher die Trinkgelder aus, und du bist durstiger nach Rotspohn, als nach Blut. (Zu Jakob) Mit unserm Souffleur, Gott sei's geklagt, ist die Bestie durchgebrannt. Ein Kerl, sag ich Euch, mit dem es keine Vogelscheuche der Welt an Scheußlichkeit aufnahm. Wenn wir einen Buckligen brauchten oder ein Subjekt, das mit der Zunge anstößt, oder so ein recht gemeines und niederträchtiges Luder, daß das Paradies vor Grausen ins Parkett spie, dann ließen wir ihn auf die Bühne. Sonst durfte er höchstens die Lampen putzen.

Jakob Eh, fi donc! Wie ist das möglich? Ein schönes Weib, sagt Ihr?

Der Komiker Bei meinem Bauch: beinah so schön wie Ihr! Ja, mein Herr Kämmerling, die Weiber sind eine Nation mit sonderbaren Einfällen. Ich glaube, daß selbst ein gräflicher Lakai, der Paris gesehen hat, bei ihnen nicht vor Überraschungen sicher wäre.

Jakob Wieso!?

Der Komiker Exempli gratia: Habt Ihr schon einmal gehört, daß ein Mensch, der sich an Malvasier satt getrunken hat, seine Seligkeit im Essigfasse sucht?

Jakob Wieso!?

Der Komiker Oder daß ein Mensch, der zuviel Trüffelpasteten gegessen hat, nach faulen Fischen lüstet?

Jakob Was soll das!?

Der Komiker Das ist figürlich gesprochen, mein Herr Lakai, und will besagen: Wenn man die Weiber mit Liebe überfüttert, kommt sie's an, daß sie dessen satt werden, und dann schreien sie nach faulen Fischen. Laßt Euch eine Maxime verabreichen aus der Apotheke der Lebensweisheit, Fürtrefflicher: Das Frauenzimmer hat ein großes natürliches Talent zur Gemeinheit . . .

Die Liebhaberin Na aber, ich bitte . . .

Der Komiker (sie am Kinn fassend) . . . und die hübschesten sind die talentvollsten. (Zu Jakob) Ich hoffe, Ihr nehmt Euch mal eine häßliche.

Christoph (immer bieder und mit einer gewissen subalternen Würde) Mein guter Herr! Er soll nicht so reden! Und am wenigsten hier und am Verlobungstage unserer gnädigsten Komtesse. Nein, nein: Schweig Er! Das ziemt sich nicht. Wahrhaftig und in der Tat, das ziemt sich nicht! Ich bitt' Euch: führt Euch manierlich auf und vergeßt mir nicht, wo Ihr seid. Denn über alles liebt sie gute und wohlanständige Manieren.

Der Komiker Tausend Dank für die Belehrung, alter Herr. Wir wollen sie ad notam nehmen und uns so verstellen, daß man meinen Schmeerbauch für ein Magazin der guten Sitten halten und den großen Vater Zeus nicht von einem gräflichen Haushofmeister unterscheiden soll.

Die Liebhaberin Ist sie schön?

Christoph Sehr, sehr schön. Wahrhaftig und in der Tat sehr schön.

Die Heldenmutter Man sagt ihr eine spitze Zunge nach.

Christoph Man tut unrecht, so zu sprechen. O nein, sie ist gut; wahrhaftig und in der Tat: gut. Was will das heißen, meine lieben Leute, daß sie es wohl ein wenig gerne hat, ihren Spott zu treiben? O ja, das hat sie freilich gerne. Denn sie ist klug, und niemand kommt gegen sie auf. Der hochgräfliche Herr Bräutigam selber schweigt nur immer vor ihr, ja, wahrhaftig und in der Tat: er schweigt.

Jakob Aus Courtoisie, müßt Ihr verstehen, alter Freund, wie es sich in feinen Häusern ziemt.

Christoph Wohl, wohl, nun ja, in der Tat und wahrhaftig, es mag aus dem oder jenem Grunde sein: er schweigt. Gott gebe ihnen Glück und Eintracht!

Die Liebhaberin Liebt sie ihn denn?

Christoph (bieder) Das ist unziemlich gefragt. Sie sind miteinander aufgewachsen, und die gnädigste Gräfin hat mir schon vor zehn Jahren gesagt, wahrhaftig und in der Tat vor zehn Jahren –: Christoph, hat sie gesagt: kann Er sich ein schönres Paar denken, als unsere Antonie und Junker Franz Friedrich?

Der Komiker Ei, dann erfordern es schon die guten Manieren, daß sie sich lieben! – Das heißt, alter Herr, ich weiß nicht: gehört die Liebe überhaupt zu den guten Manieren?

Christoph (bieder) Ich verstehe Euch nicht.

Jakob (zum Komiker) Ihr sprecht wie Plebs. Man liebt sich in den niederen Schichten. In höheren Kreisen geht man eine Liaison ein. Unsere beiden gräflichen Häuser werden es sich sans doute überlegt haben. (Die Türe hinter der Terrasse öffnet sich; Graf Franz Friedrich tritt heraus.) Da: der Herr Graf! (Geht auf ihn zu, seine Befehle erwartend.)

Graf Franz Friedrich (auf die Terrasse tretend) Alles parat? Eilt euch! Macht! Hol einen von den Komödianten her!

Jakob (wendet sich um; man weist ihn an den Heldenvater, der am Eingang der Wandellaube, im Kostüm des Zeus, steht. Jakob geht auf ihn zu und bringt ihn zu Franz Friedrich, der mittlerweile in den Garten getreten ist. Dann, auf einen Wink des Grafen, ab.)

Graf Franz Friedrich Nun, fertig? Es möchte beginnen.

Der Heldenvater (sehr tiefe Stimme, immer feierlich und deklamatorisch) Wir sind des Winks gewärtig und bereit, die Herrlichkeiten des Olymps zu zeigen. Venus im Netz heißt unser Spiel.

Graf Franz Friedrich Schon gut. Gebt euch Mühe! Die Komtesse ist an das Beste gewöhnt von der Residenz her. Wenn ihr eure Sache brav macht, soll es euch nachher an nichts fehlen. Sogar Kanarisekt sollt ihr haben.

Der Heldenvater Wir wissen, vor wem wir die Ehre haben, zu spielen. Diese Kostüme da kommen nur vor einem hochadeligen Publiko auf die Szene, und unser Stück wird nur an gräflichen Verlobungstagen aufgeführt. Auch hat unser Direktor, des Dienstes der Musen wohl gewohnt und kein Fremdling auf dem deutschen Parnasso, ein eigenes Carmen für den erlauchten Gegenstand dieses begnadeten Abends aufgesetzt und wird es dem durchlauchtigen Brautpaar und hochdero Gesellschaft und Gefolge selber vortragen.

Graf Franz Friedrich Wo steckt denn der Direktor? Warum steht er nicht an Seiner Stelle?

Der Heldenvater (sehr wichtig) Im Stuhl dort, gräfliche Gnaden, tief versenkt in poetische Meditation, ganz hingegeben der erhabensten Aufgabe.

Graf Franz Friedrich Daß mir der Lümmel nur nicht stecken bleibt. Die Komtesse dürfte ihm sonst jedes Haar aus seiner göttlichen Perücke zupfen, und der Herr Apollo würde geschunden, daß er sich nicht mehr unter Menschen sehen lassen kann, geschweige denn unter Göttern. (Will auf Joh. Chr. zu gehen.)

Der Heldenvater (mit aufgehobenen Händen) O, wollen ihn jetzt nicht stören in seiner Inspiration, gräfliche Gnaden! Seht, er memoriert!

Johann Christian (halblaut, für sich, den Blick nach unten)
Wenn man vergessen könnte, untergehn
Im Quark des Lebens! Blind sein, taub sein, leer
Und niederträchtig sein. Wenn's doch nicht brennte
Im Herzen wie Geschwüre! – Ach, es hört nicht auf!
Nur immer sie und immerfort nur sie!
Ich bin besessen von der Kreatur,
Mein Blut ist angesteckt von ihr, ich bin
Besessen! (Die Fäuste schüttelnd, laut.)
                  Fort von mir, Schmach der Erinnerung!
Ich spei dich an! Kämst du mir wieder jetzt,
Ich würgte dich, ich träte dich von mir,
Besudelte! –

Graf Franz Friedrich Ich hoffe, daß er sich nachher etwas menagieren wird. Das scheint mir nicht die richtige Art zu sein, ein Verlobungscarmen vorzutragen. Sag Er ihm das, und daß er sich sputen soll. In zwei Minuten kommt die Gesellschaft auf die Terrasse. (Geht zurück ins Schloß.)

Der Heldenvater Es wird alles nach Eurer gräflichen Gnaden Befehlen geschehen. (Eilt auf Johann Christian zu.) Um Gotteswillen, Direktor, was redest du da! Mir zittern die Kniee. Wenn ein Mensch hörte! Bedenke, wo du bist! Ermanne dich! Mach dich frei von diesem Wahnsinn! Oder sie werden uns mit Peitschen vom Hofe jagen, und wir brauchen Geld! Hast du das Carmen fertig?

Johann Christian (wie abwesend) Was für ein Carmen? (Die Augen schließend, Kopf hintenüber:)
Als ich zum erstenmal sie sah: Mir schien,
Das Leben selbst, die Holdheit der Natur,
Kindheit und Liebe, Güte, Frommheit, Lust,
Alles was gut und klar ist, stand vor mir.
Das Wasser trat mir in die Augen; heiß
Schwoll mir das Herz; ich jubelte inwendig,
Und kaum ertrug ich's, daß ich schweigen mußte.
So schön war sie, so unbegreiflich schön!
Mein Mädchen! rief's in mir, mein Mädchen, du!
Wer du auch bist, ich bin dein Knecht, ich bin
Fortan nur da, bei dir, für dich zu sein! – – – –

Glückselig war ich. Ach, dies Glück ist wert,
Dafür verdammt zu werden und versenkt
In tiefsten Schlamm. (Blickt auf.)
Welch' Carmen, sagst du? –

Der Heldenvater (händeringend) Herr des Himmels! Welch Carmen?! Mensch, du bist verrückt! (Schüttelt ihn an den Schultern.) Hast . . du . . es . . nicht gemacht?! In drei Minuten sollst du vor der Komtesse stehen und sie andeklamieren!

Johann Christian (höhnisch) Erhabene Aufgabe! Einer hochgräflichen Gans Perlen der Poesie ins Haar flechten, weil sie einen hochgräflichen Gänserich eingefangen hat. Vortrefflich! Vortrefflich! Apollo mit der Leier, Süßholz im Maul, die Augen verdreht vor lauter Himmelswonne, weil ein Frauenzimmer ihren Zweck erreicht hat. Der ganze Olymp auf die Beine gebracht, weil wieder mal Aussicht vorhanden ist, daß ein dummer Kerl Hörner kriegt. Heisa, ihr Musen, munter, munter! Singt und zeigt eure Beine! Ihr seid ja auch von dem Geschlechte! . . . Ah, mich ekelt des Handwerks! . . . Laßt mich als Vulkan auftreten, den hinkenden Hahnrei! Für diese Rolle hab' ich ernstlich Studien gemacht.

Der Heldenvater (mit dem Fuß aufstampfend) Denk endlich an dich, an uns und vergiß die Kanaille!

Johann Christian (wild) Wag es mir nicht, sie zu beschimpfen, Larve! (Plötzlich weich, fast zärtlich, seine Hand ergreifend) Hast du sie nicht gekannt? Hast du sie nicht täglich gesehen? Ihre Blicke so aus der Tiefe, so wunderbar gut und innig? Und wie sie alles bezauberte? Wie jedes Tier sich ihr schmiegte? Lebloses ihr lebendig ward? Wie sie mit ihren Haubenbändern sprach, eine Maus aus ihrem Sacktüchlein machte, die Schatten ihrer Finger an der Wand spielen ließ – ein Kind in allen Gnaden der Unschuld und Heiterkeit! – Wenn sie ging, sprich, war es nicht ein Tanz? Jede Wendung ihres Kopfes, sprich, war es nicht wie ein tröstliches Geschenk: Seid fröhlich, fröhlich . . !? Und habt ihr nicht alle mit mir empfunden, daß jedes Wort von ihr eine Liebkosung war? . . . Wenn mich nur ihr Ärmel streifte, fühlte ich das Innerste des Lebens, und ich machte meine Arme hinter ihr auf, wenn sie ging, und rief in meines Herzens strömender Gottseligkeit: Ich bin ein Verlorener, der alles gewonnen hat! . . . . O, du hättest sie sehen sollen, wenn wir alleine waren und die heimliche Blume ihrer Zärtlichkeit aufging! Wenn sie schlafend lag und im Schlafe meinen Namen lallte und ihre nackten Arme liebkoste, ihre Fingerspitzen küßte und mich dazu nannte! Dann trat ich zu ihr und küßte sie im Schlafe und sprach: Stella, schöne Stella, sieh, ich bin der Kaiser, und ich liebe dich. Auf meinem Throne sollst du sitzen und im Goldwagen fahren, Kaiserin sein, Kaiserin Stella, – nur für einen Kuß, nur für eine schnelle Nacht! – Und sie machte ein Mäulchen im Schlaf und lallte wie ein erschrockenes Kind: Geh weg, Kaiser, pfui, Kaiser, du hast einen langen Bart und bist langweilig, –: meinen Christl will ich, eíjola, bloß meinen Christl, und gar niemand sonst! Christl, rief sie, Christl, bist net bei mir? Und nahm mich in die Arme und küßte mich.

Der Heldenvater Und ich sage dir, von deinen Träumen werden wir nicht satt. Und ich sage dir, dein Wahnsinn richtet uns zu Grunde. Und ich sage dir, du bist kein Mann, sondern ein Jammer. Wach auf, reib dir die Augen und schäme dich! Ein Kerl, wie du, jung, fest auf den Beinen, mit solchen Augen und einem Schädel voller Imagination, und kann so eine Putaine nicht vergessen! Statt allen Göttern zu danken, daß er sie los ist, daß er frei ist, daß er keine Lüge mehr im Bettsack hat, sitzt er da mit Rändern um die Augen und wimmert wie ein Lateinschüler, dem der Magister den Hintern gestrichen hat. Pfui, sag ich, pfui, und nimm dich zusammen, sonst geht es schlimm! Wir sind unser Zwölf und wollen Brot! Brot, Direktor, Brot!

Johann Christian Das war so wunderbar an ihr, daß sie niemals klagte, niemals forderte. Hungerte und bettelte, lief schier nackt in Lumpen und lachte, lachte! Oder war gar lieb in ihrer süßen Ohnmacht und Hilflosigkeit . . . Ich sehe sie vor mir stehen in ihrem armen kurzen Rocke, heimgekommen von dem Bettelgang mit den Karten, nur ein paar Heller in der Schürze, – wie lieb und ängstlich steht sie da, – o du, du mit deinen braunen Rehaugen, doppelt schön in deiner Scheue! – und sagt es hin wie ein klein Bettelkind: Ich hab halt nix kriegt. (Überströmend) O du! du! auf den Knieen vor dir, meine Stirn auf deinen zerrissenen Schuhen! (Plötzlich, wie erwachend) Wie? Du? Du wagst es wieder? Du drängst dich her? Schamloseste! Niederträchtigste! Dirne! Fort! – Du –: Lügnerin! Du –: Gauklerin! Metze! Metze! Mit dem Feuer meiner Küsse auf deinen Lippen, mit dem Sturm meiner Verse in deinem Herzen hast du dich in die schmutzigsten Arme geworfen, die je ein Weib umfaßt haben . . . Hahaha, welch ein Galan! Welch ein Galan! Wahrlich, so zeichnet der Himmel nur die auserlesensten Schufte! Trieften nicht seine Augen, die entzündet waren von Scheelsucht? Blieben nicht die Jungen auf der Straße stehen und höhnten, wo der Unhold humpelte? Stank seine Gemeinheit nicht auf zehn Ellen weit her? Und seine niedere, flache Stirne, was war sie mehr, als ein Schild, darauf geschrieben stand: dieser da ist ein Lügner, ein Dieb, ein Feigling! . . .? . . . Ah, und dieses mißratene Gemächte berührt sie! Mit diesem Zerrbild von Mann läuft sie durchs Land, seinen schmutzigen Atem um sich, wie in eine Staubwolke gehüllt von seiner Gemeinheit, – keine Pore mehr an ihr, die rein wäre, innen und außen besudelt durch und durch . . . Geht mit ihm! Geht mit ihm! (Packt den Heldenvater und schüttelt ihn.) Ist es möglich! Ist es möglich! Mensch, sage mir: warum träume ich so unflätig!

Der Heldenvater Laß mich los! Mir graut vor deinem Wahnsinn! (Macht sich los, wendet sich um) Herr, Herr Gott, schon alle Lichter an! In einer Minute müssen die Herrschaften heraustreten . . . . . (Flehend) Direktor! Direktor! Sieh: ich alter Kerl bettle dich an: Richt uns nicht zu Grunde! Nimm dich zusammen, nur für eine halbe Stunde zusammen. Wozu hast du deine Kunst, wenn sie dir nicht hilft, über eine Elende wegzukommen. – Ich sage dir: schäme dich! Das ist mir ein Kerl, der in jeder Pfütze ersäuft! – Kurasche, Direktor! Solche Sachen läßt der liebe Gott einen rechtschaffenen Komödianten erleben, damit er nur um so besser Komödie spiele. Und gar du, – ein Dichter! – (Wieder weinerlich) Du hast doch das Carmen gemacht?

Johann Christian (aufstehend) Haben wir derlei nicht immer auf Lager, alter Mann? (Fast renommistisch) Was für ein miserabler Dichter und Direktor wär' ich, wenn mir keine hohen leeren Worte zu Gebote stünden, wie Blechkronen und Pappszepter? Das geht von mir wie Winde – haha! Sei ruhig, Alter, ich sag meinen Spruch. (Wieder verändert, leise zu sich selbst) Ich bin es jetzt gewöhnt, ins Leere zu reden, und es wird mir angenehm sein, zu plappern, – denn es ist da eine Stimme in mir, die überschrieen sein will. (Zu dem andern, fast lustig) Ja, Kerl, ich will an nichts denken und nur die Vershaspel schnurren lassen. Mit geschlossenen Augen will ich dastehen und auf Mord und Tod unsern hausbackensten Unsinn herunterleiern. (Leiser) Verhüte nur der Himmel, daß ich nicht wieder Gespenster sehe.

Der Heldenvater (ungeduldig) Laß verfaulen, was tot ist. Es gibt keine.

Johann Christian Aber man sieht sie, und die lebendigen sind die bösartigsten. – Siehst du, das ist es: sie lebt mir noch, und nicht bloß da (auf die Brust schlagend), – nein, auch im Aug. – Ich hab die Kanaille zu tief angesehen, – sie steht in meinem Auge, wie das Bild des Mörders im Auge des Toten. – Glaubst du, ich sehe ein ander Weib außer ihr? Glaubst du? (Wild, verweifelt) Hahaha! Dann wäre das Spiel leicht. – Aber was ich sehe, wird zu ihr! Jedes Weib – sie! Sie mit ihrem Lachen! Sie mit ihrem Wiegen der Hüften! Sie! Sie! (Er schüttelt sich.) Drum darf ich keine ansehen und stehe vor ihnen wie ein Knabe mit unfreiem Blick, der sich vor den Mädchen fürchtet.

Der Heldenvater So sieh in Gottes Namen dem Teufel seiner Großmutter unter die Unterröcke, aber, ich bitte dich, triefe dabei von Honig und schwimme im Fette poetischer Lobhudeleien und denk: es gilt um die Verlobungsdukaten und für meine braven Kumpane. Wir wollen dir hinterher Absolution für die gröbsten poetischen Hundsföttereien erteilen, die nur je ein Hofdichter der deutschen Muse abgewaltsamt hat. Frisch, Direktor, die Welt will Honig ums Maul!

Johann Christian (lustig) Amen! Das ist: so sei es! Ich will Lavendelöl speien. (Sie gehen nach hinten in die Laube.)

(Indessen sind alle Lichter angezündet worden. Die Schauspieler sind alle in der Laube verschwunden. Die großen Flügeltüren öffnen sich. Die Komtesse, der Bräutigam, der alte Graf, die alte Gräfin und ihre Kavaliere und Damen treten auf die Terrasse, wo sie sich in Stühlen niederlassen, die Komtesse ganz vorn, allein. Sie hält ein langstieliges Lorgnon vor die Augen. In diesem Augenblick greifen die Harfenmädchen in ihre Instrumente. Nach einem Vorspiel singen sie:)

        Herr der Liebe wie der Tage,
        Der du trennest und vermählst,
        Und des Ehstands Lust und Plage
        Im Verborgnen wägst und zählst,
        Mische diese reinen Flammen
        Durch des Geistes Kraft zusammen!

        Gib den zwei vertrauten Herzen
        Eintracht und Zufriedenheit,
        Leite sie bei Ruh und Scherzen
        An das Ziel der Eitelkeit,
        Bis sie dir in jenem Leben
        Ihrer Liebe Pfänder geben.

        Laß auch ihrer Eltern Augen
        Noch an Enkeln Freude schaun,
        Ihr Gebete müsse taugen
        Und den Kindern Häuser baun,
        Die nach deinen Vorsichts-Schlüssen
        Jetzt einander brünstig küssen.

Antonie Hu, was für ein feierliches Carmen! Und mir scheint, lieber Graf, die guten Leute irren sich im Datum. Das klingt wie zu einer Hochzeit. Und so weit sind wir, dem Himmel sei Dank, doch noch nicht.

Graf Franz Friedrich Teuerste Komtesse danken dem Himmel für einen Umstand, den ich auf das lebhafteste beklage. Mein Glück hat jetzt den Glanz des Mondes; möchte es bald im Glanze der Sonne der Erfüllung strahlen.

Antonie Um des Himmels willen, Graf, Sie werden poetisch und verderben dem Manne sein Entrée, der da hinten Anstalten macht, mit seiner Leier anzutreten; passen Sie auf, Graf, der wird die ganze Milchstraße über uns ausschütten. Ich wette darauf, daß es sehr amüsant werden wird.

Johann Christian (tritt vor; er schreitet langsam über den Kiesplatz, zwischen den Harfenmädchen durch bis nahe an die Terrassenstufen. Er blickt vor sich nieder und macht eine kurze Verbeugung. Nun beginnt er, nachlässig, wie wenn er etwas Eingelerntes hersagte, zu deklamieren, zuweilen gemacht pathetisch, zuweilen wegwerfend, immer die Laute im Arm):
Mich schickt, erlauchtes Paar, der göttliche Verein,
Der auf Olympus thront. Ich soll der Bote sein,
Der ihren Segen bringt und ihre Freude kündet,
Daß wiederum der Ring der Liebe sich geründet.

Antonie (zum Grafen) Das ist im pretiösen Stil gesagt, Graf, damit Ihr's wißt: »daß wiederum der Ring der Liebe sich geründet«. Sie müssen zugestehen, man kann gar nicht exquisiter ausdrücken, was zwischen uns vorgegangen ist. In der Tat: unser Ring ist rund; ich bestätige es; der göttliche Verein hat sich nicht geirrt.

Johann Christian
Denn mit gewognem Aug' verfolgt der Götter Schar,
Was Amor unten treibt, und jed verliebtes Paar
Von adligem Geblüt und hohen Sinnes Wesen,
Auf Marmortafeln ist's in Golde dort zu lesen.

Antonie Eine Preisfrage, Graf: Haben demnach die olympischen Steinschreiber viel oder wenig zu tun?

Graf Franz Friedrich (schweigt, um Antwort verlegen).

Antonie Frisch geraten ist halb geantwortet: Ja oder nein?

Graf Franz Friedrich Meine Teuerste: ja!

Antonie Falsch geraten, Graf, oder seid Ihr wirklich ein so schwärmerischer Verehrer des Menschengeschlechts? Ich wäre mehr für nein. Aber gottlob: wir standen wenigstens aufgeschrieben. Unser Adel ist demnach echt.

Johann Christian (ungeduldig werdend, daher schneller sprechend)
Zeus selber, wie bekannt, verehrt der Erde Frauen,
Als Schwan bald, bald als Stier läßt er sich ihnen schauen,

Antonie Es ist nicht galant vom Vater der Götter, daß er sich in Feder- oder Rindvieh verwandelt, wenn er ein Rendezvons mit Damen sucht.

Johann Christian
Als Wolke bald und bald als Regen voller Gold
War der Gewaltige der Erde Grazien hold.

Antonie Passen Sie auf, Graf, hier können Sie was lernen und Ihre Studien auf der Ritterakademie repetieren. Wie hieß die Dame, der er als Goldregen kam?

Graf Franz Friedrich Es war die Danaë.

Antonie Wahrhaftig, die Danaë. Ihr werdet mich in der Mythologie unterrichten müssen, Graf, – oder seid ihr blos in des Zeus Abenteuern so gut beschlagen?

Graf Franz Friedrich Ihnen zu Liebe, meine Teuerste, werde ich die Klassiker noch einmal lesen.

Johann Christian (schweigt statt fortzufahren).

Antonie Weiter, Apollo, weiter, und vergesse Er doch nicht, manchmal in die Leier zu greifen, wenn die Saiten auch aus Bindfaden sind. Überhaupt die Haltung könnte göttlicher sein, und der Patron der Musen dürfte mich einmal ansehen.

Johann Christian (blickt kurz und zornig auf und sieht dann wieder gerade vor sich hin).

Antonie Hu, Herr Apoll ist beleidigt. C'est drôle.

Johann Christian (mit verhaltener Erregung):
Und so denn steh ich hier, von Jupiter gesandt,
Der junge Liedergott, die Leier in der Hand,
Und dies ist mir von Zeus in Gnaden aufgetragen:
Der edlen Braut zum Ruhm soll ich die Leier schlagen.

Antonie Um Gottes willen, schont die Bindfaden!

Johann Christian (wirft die Leier weg; ingrimmig)
Ich aber, seht, ich werf' die Leier weit von mir,
Was ich von Frauen weiß, steht in dem Busen hier,
Kein Saitenton und Sang weiß so es auszutönen,
Was ich im Herzen weiß, von euch, ihr edel Schönen.

Antonie Mon dieu, verpulvere deine Leidenschaft nicht zu früh, edler Apollo; du wirst am Schluß keine Stimme mehr haben, wenn du schon jetzt schreist wie ein Pfannenflicker.

Johann Christian
Oh, ihr seid schön, weiß Gott, ein Blick von euch, und hei,
Herz, Sinne, Hirn verbrennt und wird zur Wüstenei,
In der, ein Irrwisch nur, besessene Liebe glüht,
Und der Komet des Wahns am leeren Himmel sprüht.

(Bewegung in der Gesellschaft. Der gräfliche Bräutigam beugt sich zu Antonie vor.)

Antonie Aber ich finde das sehr amüsant. Der Mann fällt keineswegs aus der Rolle. Vielmehr, gottlob, – er kommt endlich hinein. Die Manier ist ja wunderlich, daß er auf einmal aufhört, sich wie Apollo auszudrücken, aber es wird wohl jetzt so Mode sein, und ich habe gar nichts gegen diese Mode. Im Gegenteil, wir werden ihn aufmuntern. (Sie applaudiert; die Gesellschaft tut dasselbe.)

Johann Christian (sich zur Besinnung zwingend)
Mich schickt Gott Zeus, ich bin der Bote Gott Apoll,
Dem alle Musen hold, dess' Herz von Liedern voll.
Viel Schönheit sah ich schon, doch keine so wie hier.
Die Göttin Cyperns selbst reicht ihre Krone dir,
Erlauchte Braut, und muß voll von Bewunderung sagen:
Du bist es wert, den Kranz der Himmlischen zu tragen;
Dein Adel: ein Demant, dein hoher Sinn: Saphir,
Dein Auge: Sonne selbst, dein Mund: Korallenzier,
Die Stirn: ein Lilienblatt, dein Wuchs: der Säule gleich,
Wer dich besitzen darf, ist aller Güter reich.

Antonie Jetzt ist er wieder in den alten Brei gefallen. Mir scheint, die Mode steht noch nicht fest. Und das Schönste ist, daß er meine süßen Qualitäten auf Treu und Glauben lobt. Apoll, ich ersuche dich zum zweitenmal, mir die Gnade eines göttlichen Blickes zu schenken. Ich halte dich sonst für einen göttlichen Lügenpeter und erkläre, daß du schamlose Flausen machst.

Graf Franz Friedrich (wichtig tuend) Er fürchtet, meine Liebe, es könnte ihm gehen wie Zeus und er müßte sich in ein Tier verwandeln aus Begeisterung.

Antonie Wahrscheinlich in einen Bär. – Ah, schon reißt er die Augen auf. Allerliebst! Er holt alles auf einmal nach.

Johann Christian (sie groß und starr ansehend langsam:)
Ja, Schönheit ist nur hier. Was wär' des Lebens Qual,
Fiel nicht von euch darein der Schönheit Silberstrahl.
Das Herz steht still vor Glück, sieht euch das Auge an,
Das nicht mehr sehen nun, das nur noch beten kann.
Andacht ist Liebe, Dienst am heiligsten Altar,
Nur der kennt Gott, der hier ein frommer Beter war.

Antonie Ich kenne mich nicht mehr aus. Ist er nun wieder Apoll oder das andere? Übrigens dürfte er jetzt aufhören, mich mit seinen Blicken zu verschlingen.

Graf Franz Friedrich Er dürfte überhaupt aufhören. Der Mensch scheint nicht nüchtern zu sein.

Antonie Sie wissen nur mit Göttern und Dichtern nicht Bescheid, Graf. Lassen Sie ihn nur machen. Ich bin auf den Schlußeffekt gespannt.

Johann Christian (ganz wie für sich, aber immer den Blick auf Antonie)
Wir sind in tiefer Nacht ins Leben ausgesetzt,
Von immer wacher Not und Angst und Gier gehetzt,
Und Mensch auf Mensch gejagt, in jeder Hand das Schwert;
Aus diesem Kampfe kommt nicht Einer unversehrt.
Doch eure Liebe, Fraun, macht alles Leiden gut.
Wohl dem, dess' Haupt betreut in eurem Schoße ruht!
Er kann, wie elend auch sein armes Leben sei,
Niemals ganz elend sein, ihm steht die Liebe bei.
Ob alle Bitternis sich über ihn ergieße:
Ein Friedensort ist ihm in Gottes Paradiese,
Ein grüner Flecken Glück, wo eurer Schönheit Strahlen
Des Lebens Häßlichkeit mit Golde übermalen.

Die alte Gräfin Das ist sehr schön gesagt; so hat man zu unserer Zeit gedichtet.

Der alte Graf In der Tat, sehr schön.

Antonie Der Herr ist überaus geschickt, und ich komme jetzt hinter sein System: er führt für die verschiedenen Generationen verschiedene Stilproben vor. Wie schade, daß Großpapa und Großmama nicht auch dabei sein können. Die Paradigmensammlung würde noch reichhaltiger sein. – (Da Johann Christian schweigt) Nun, hurtig, weiter, vielseitiger Dichter. Wir wünschen nun auch etwas Lorbeer aufs Haupt des Bräutigams.

Johann Christian (sich über die Augen fahrend)
Des Lebens Häßlichkeit . . .
pfui, pfui . . . ich will dich nicht sehen, ich will nicht! Geh fort, sag ich, geh! (Stammelnd)
Erlauchtes Paar, ich bin der Liedergott Apoll –
Nein, sag ich, nein, durch diese Augen kommt nie mehr dieses besudelte Bild. Erbarmen! Erbarmen! (Sich zwingend)
Ich bin der Gott Apoll, mich sandte Vater Zeus . . .

Graf Franz Friedrich Was treibt dieser Mensch eigentlich? Es wird wahrhaftig Zeit, ihn abtreten zu lassen. Er ist sternvoll.

Antonie (die aufmerksamer geworden ist) Ich wünsche, daß er weiter spricht. Dieses Spiel fängt an, mich zu interessieren, obwohl ich es noch nicht verstehe. Der Mensch ist ein Künstler.

Johann Christian (außer sich, schreiend) Tu nicht den Mund auf, Kreatur! Deine Silbertöne verfangen nicht. Halte dir keine Larve vor, lüge kein blondes Haar, – du bist es, blos du in allen Vermummungen, eine so niedre Dirne, wie noch keine war!

Der Komiker (springt vor, packt Johann Christian am Arm und raunt ihm zu) Um Gottes willen, besinne dich! (Lauter, zu der Gesellschaft) Es ist eine Improvisation.

Antonie Sehr seltsam! Ein aufregendes Impromptu! Von einer gewagten Originalität. Aber der Mensch spielt ausgezeichnet. Bravo! Bravo! (Sie applaudiert.)

Die alte Gräfin Mir wird angst bei alledem. Was sind das für schreckliche neue Moden.

Der alte Graf Der Mensch atmet wie im Krampfe und blickt wie ein Wahnsinniger. Es ist genug! Genug!

Antonie (heftig) Nein! Nein! Weiter spielen! Weiter spielen! Bravo! (Applaudiert) So klatscht doch!

Graf Franz Friedrich (klatscht).

Johann Christian (dumpf) Ich bin auf einer seltsamen Bühne. Es ist ganz dunkel um mich, und ich habe das Stichwort vergessen. Tausende stieren mich an und warten auf mein Wort, aber ich bin stumm. Wo ist der Souffleur! (Plötzlich grell auflachend) Hahaha! Wo ist der Souffleur! Bringt mir den Hund her, in meine Fäuste den Hund! Und mit ihm sie! Für mich gibt es nur ein Stichwort! Dirne! . . . Ah! Ah! Welche Schamlosigkeit! (Auf die Komtesse mit zitternden Fingern deutend) Da sitzt sie und lächelt! Lächelt, als wäre nichts geschehen! . . . Glaubst du, ich wüßte nicht, daß all dein Lächeln, dein jahrelanges Lächeln, dein Wiegen in den Hüften, dein Gezwitscher, Küssen, Zärtlichtun, daß alles das nichts als Lüge war, feige, freche, lauernde Lüge? Niedrige Komödiantin, werde ernst! Ich habe ein Wort in mir, vor dem du ernst werden mußt! . . . Ah! Ah! Gebt mir das Wort! Gebt mir das Wort! (Er ist in fürchterlicher Aufregung. Einige der Gesellschaft erheben sich. Der Komiker drängt sich wieder vor.)

Antonie (blaß werdend, tonlos) Hier begibt sich mehr als ein Spiel. (Zum Komiker) Fort, Hanswurst. Ich will das Ende hören.

Johann Christian Das Ende, ja! Etwas vom Ende ist in dem Worte! Du hast es gesagt, Süße, Scheußliche, du hast es gesagt, und auf deinem Antlitz steht es geschrieben. Es ist nur ein Stichwort mehr in diesem Stücke, und, wenn es fällt, ist alles aus . . . Blast es mir doch ein! Schreit es mir doch zu! Was kümmert uns das Publikum! Wir spielen einmal noch und nimmermehr! Das Wort heißt: Tod! (Stürzt sich mit einem gellen Aufschrei auf Antonie und greift nach ihrem Halse, sie zu erwürgen.)

Graf Franz Friedrich und der eine Vetter (springen vor und schleudern ihn zurück).

Johann Christian (die Fäuste vors Gesicht, atemlos)
Ich bin . . . der . . . Gott . . . Apoll . . .

Antonie (ist ohnmächtig zurückgesunken).

Der alte Graf und die alte Gräfin (sind um sie beschäftigt).

Graf Franz Friedrich Genug des Wahnsinns! Bindet den Schuft! Jagt das Gesindel aus dem Hofe! – (Die Lakaien treiben, bis auf zwei, die Johann Christian binden, die Schauspieler, die sich entsetzt vorgedrängt haben, über die Szene rechts weg.)

(Der Vorhang fällt schnell)

 


 

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