Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johannes Dose >

Steinbeil und Bronzeschwert

Johannes Dose: Steinbeil und Bronzeschwert - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/dose/steinbei/steinbei.xml
typefiction
authorJohannes Dose
titleSteinbeil und Bronzeschwert
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year1929
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100000
projectidd230c070
Schließen

Navigation:

IX.

Zu hunderten hielten die Störche auf der Waldwiese ihre große Heerschau, und wehe den Schwächlingen, welche die Flugprobe nicht bestanden und die weite Südlandsreise nicht machen konnten! Die altbewährten, gravitätisch stelzenden Heerführer sprachen unbarmherzig das Todesurteil, das sofort vollstreckt wurde. Die Verurteilten empfingen mit Stoizismus die Todeshiebe. Nur ein kondemniertes Störchlein floh, klappernd vor Angst, und flog in seiner Todesnot in die Nähe der Menschen. Vor der Werkstatt fiel es todmüde nieder. Klein-Fin trug es in die Hütte, aber er quälte es nicht in kindisch grausamem Spiel, sondern er hegte, pflegte und fütterte es mit feisten Fröschen. Da lobte ihn sein Meister: »Wie gut, daß wir dich nicht hängten ... Du wirst noch ein wackrer Mann werden. Morgen zeige ich dir, wie man einen feinen Topf macht.« – Das Kneten und Formen des weichen Tons dünkte dem Knaben ein lustiges Spiel.

Die Schwalben flogen südwärts. Tiefer stand die Sonne am Südhimmel. Von jeher, seit Cimbriens Gletscher schmolzen, und so lange Menschen an diesen Förden wohnen, blickten sie mit Sehnsucht gen Süden, wenn die Nächte länger wurden. Weit, weit dort unten, – so träumten sie – sei immer wohlige Wärme und lachender Sonnenschein, Fisch, Fleisch und Frucht in Hülle und Fülle und niemals böse Winternot; weit dort unten sei das Wonne- und Wunderland voll Freude und Glück, voll Schönheit und Sonne. Selbst in dem fellgekleideten Urvolk schlummerte die Ahnung von einem Eden auf Erden, das sonnenwärts liegt.

Da ist aus dem Süden, wo der Sonnschein und das Schöne wohnt, das jähe, finstre Unwetter und das furchtbare Ragnarok des Urvolkes gekommen. Die Völker wanderten und waren im Fluß, solange Menschen auf Erden hausen und eine noch bessere Heimat suchen. –

Nach der kühlen Nacht kam ein sehr schöner und warmer Tag. Die Kinder wühlten im Sande und im Tang, ob sie nicht ein Bröcklein Bernstein fanden. Die Kleinsten wußten, wie begehrt es sei, und daß die Mutter auch ein geringes Stück mit einer Handvoll Honiggeschleck oder Beerenmus bezahle; die Größeren konnten den Wert eines jeden Bernsteinfundes genau bestimmen. Die Männer hängten die Bastnetze zum Trocknen auf oder schaufelten die Austern aus den Einbäumen in große Körbe. Der Aufseher machte bei jedem Korb einen Strich im Sande, schrieb die elf Striche gerade und den Zwölften quer und zählte schon das achte Dutzend. Über sein bärtiges Gesicht lief ein Schmunzeln: »Es wird ein harter, aber kein Hungerwinter werden ... wir haben wie die Hamster Wintervorrat gesammelt.«

Die Kinder riefen plötzlich: »Schaut, schaut!« Alle Hände ließen die Arbeit ruhen, alle Augen starrten auf die Förde und nach dem Südufer hinüber. Dort war endloser Wald und wohnte keine Menschensippe. Drüben am Ufer war eine Menschengestalt mit einem langen, eiligen Froschsprung, wie ein Fliehender, vom Feind Verfolgter, ins Wasser gehüpft. Gar seltsam! Noch nie waren Menschen von drüben gekommen. Es war ein vorzüglicher Schwimmer, der trotz des schweren Fellkleides schnell durchs Wasser schnitt. Jetzt sahen sie, daß ein Fremdling, aber fellgekleidet, breitbackig, mit schwarzem Haargestrüpp und ihnen stammverwandt durch die Förde zu ihnen schwamm. Triefend, jappend stieg er ans Land, unwirsch wies er alle Fragen kurz ab, nur dem Herrn wollte er Meldung machen.

Es war ein Eil- und Unheilsbote, der auf dem kürzesten Wege kam und Unglaubliches, Fabelhaftes, Furchtbares dem Häuptling meldete. Aus dem Süden seien sie auf schwimmenden Riesenvögeln gekommen, aber auch auf dem Lande, an der Küste entlang wälzten sie sich heran, zahllos wie Bienenschwärme, Männer mit schrecklichen, blitzenden Waffen, auch Weiber und Kinder in Menge, und mit sich führten sie ganz wunderbares Getier, das in großen Rudeln getrieben werde. Tausende von ihren Tieren seien mit ihren langen Hörnern und dem wilden Gebrüll viel größer als Hirsche und greulich anzuschauen, viele andere seien kleiner und wie ein zahlloses Rudel von schwärzlichen, häßlichen Rehen. Aber das Schauerlichste sei, daß diese Fremdlinge auch Menschenungeheuer bei sich hätten, gar grausige Wesen, die oben ganz wie ein Mensch, unten aber riesiger als ein Elchhengst seien und vier Beine hätten. Auf, diesen vier Beinen flögen sie wie ein Sturmwind daher und würfen alles vor sich nieder, so daß kein Krieger den Kampf mit diesen Elchmenschen und Ungeheuern bestehen könne.

Man meinte zuerst, daß der Bote närrisch im Kopfe und das meiste in seiner Meldung eine Lügenmär sei. Frod fuhr ihn an: »Einen Riesenbären willst du uns aufbinden ... du bist gewiß ein Dieb, der am Baume hängen sollte und seiner Sippe entflohen ist ... « Aber sein Bruder, der sehr nachdenklich geworden war, ließ dem erschöpften Mann Speise und Trank reichen und nahm ihn dann mit ruhigen und klugen Fragen in ein scharfes Verhör. Der Bote hatte nicht gelogen, wenngleich seine Angst das Ungemeine der Eindringlinge ins Übermenschliche und Ungeheure steigerte. Fred erkannte bald aus dem Bericht, daß eine entsetzliche Katastrophe urplötzlich über ihre Nachbarn durch Einbruch fremder Kriegsvölker, die Weib und Kind, Hund und Haustier mit sich führten, gekommen sei. Der Flüchtling, der dem Untergang seines Volks – der War-Sippe, die am Meer hinter Warnäs wohnte – entronnen war, warf sich vor dem Herrn auf die Erde hin und bat flehentlich um Aufnahme in die Sippe Frods.

Als die Bitte gewährt und das Leben ihm gesichert war, wurde er sehr gesprächig. Allen, die seine grausige Mär hörten, stand das Haar zu Berge. Hoch und breit wie Riesen seien die Männer, die mit ihren Langschilden unverwundbar seien und mit ihren zehn Ellen langen Lanzen alles niederstießen, ehe man ihnen die Haut nur geritzt. Sehr wenige seien von der Wurfkeule und den Schleudersteinen getroffen worden, und diese hätten sich den Schädel nur gekraut, aber auch nicht einer sei erschlagen worden. Die Ungeheuer und Elchmenschen seien wie ein Gewitterbraus mit Gedonner dahergestürmt, hätten die stärksten War-Krieger niedergerannt und wie Mistkäfer zertreten. »Können Knaben mit Männern, und Männer mit Ungeheuern kämpfen? Wir alle waren wie Zwerge, welche die Elchmenschen mit ihren vier Füßen zerstampften. Ihre Fäuste schlugen wie Bärentatzen ... sie schwangen kurze Stangen, die hart wie Stein und schärfer als Messer waren, die wie Feuer funkelten und zischten und mit einem Hiebe zwei Häupter vom Rumpfe trennten. Bei den Göttern, ich lüge nicht! Ihr gräßliches Schlachtgeheul ist das Gebrüll von tausend Bären.«

Die Männer Frods waren still und blaß geworden. Die Weiber des Dorfes kreischten und heulten vor Entsetzen: Uh–u–u–hu! Runa und Rusta fragten unter Schluchzen und Schniefen den Fremdling, ob auch die Frauen und Kinder der War-Sippe getötet seien.

»Sie wurden in Rudeln von dannen getrieben und die, welche in den Wald fliehen wollten, mit Bast gebunden... ich weiß nicht, ob sie ihren Göttern geschlachtet oder ob sie Leibeigene und Kebsweiber der Elchmänner wurden. Sie alle haben eine ungeheure Gier nach unsrem Bernstein ...«

»Oh, die Gater, die unsere Förden auskundschafteten und unseren Reichtum an Bernstein sahen, sind ihre Späher gewesen.« Frod fluchte wütend: »Die verd– Gater, die unsere Gäste waren, haben die Ungeheuer auf uns gehetzt.«

Fred sagte kalt: »Nein, die Gater wollten durch ehrlichen Handel Bernstein holen und gaben uns gute waren, nur das Gold war ein Übel und Unglück für uns. Jetzt aber, weil wir durch den argen Überfall ihre Todfeinde wurden, wollen sie Blutrache haben für ihre Brüder, wollen sie beides, unsren Bernstein und unser Blut. Darum haben sie den Riesen den Weg zum Bernsteinlande gezeigt.«

Der Häuptling konnte darauf kein Wort erwidern und fühlte mit Angst, daß ein ungeheures Verhängnis sich wie ein Unwetter vom Süden heranwälze, um ihm und seinem Volke den Untergang zu bereiten. Lange blickte er düster vor sich hin. Dann sprach er, die Arme kreuzend, in dem starren Fatalismus, mit dem die Urmenschen alle Erdkatastrophen und jedes noch so entsetzliche Schicksal ertrugen: »Wenn alle anderen Sippen erschlagen oder Knechte werden, müssen auch wir sterben, wenn unsere Stunde schlägt. Lasset uns leben und essen, bis unser Tag und Tod kommt.«

Die Weiber rauften ihre Haare und erhoben ein Jammergeschrei: »Uh–u–uha–u! wir müssen alle sterben ... sterben.«

Mannhafter als der Herr war der Priester, der mit einem harten Blick das Geschrei dämpfte und mutig sprach: »Männer heulen nicht wie Memmen und kreuzen nicht die Arme wie Sklaven, Männer nehmen die Keulen und kämpfen bis zum letzten Atemzug für ihre Weiber und Kinder. Etliche von uns meinen und äußern, daß wir mit unserem ganzen Volke in die nördlichen Länder gehen und fliehen müßten ... dort wohnen Sippen, denen wir in blutiger Fehde ihre Fischgründe und Austernbänke entreißen müßten ... es wäre ein Unrecht, ein Neidingswerk, das der lichte Gott nimmer segnen würde. Nein, nein, wir wollen unsere Waffen schärfen und unsere Körper stählen zum Kampf für Heimat und Herd, für das goldne Sonnenbild und die heiligsten Güter ... gut und heilig ist der Kampf, der lichte Gott ist unser Schirmherr, der unsere Waffen segnen und Sieg uns geben kann über alle Riesen und Ungeheuer.«

Als die rasselnde Trommel zum Gottesdienst rief, strömten alle zum Bilde der Sonne. Es wurde geopfert wie nie zuvor, darunter nicht wenig Gold. Sogar viele Weiber schnitten – mit einem tiefen Seufzer freilich – ein Stück von ihrem Armring ab. Die Not lehrt beten, und die Angst lehrt opfern.

Was kam um die neunte Tagstunde die Förde hinaufgeschwommen? Vier Einbäume, stark bemannt. Sind es Feinde und Vorboten der Fremdlinge? Alle Frod-Leute liefen, schwer bewaffnet, zum Strande. In den flachen Booten standen und lagen Männer und Frauen, die mit kläglichen Gebärden um Gastfreiheit bettelten. »Wir sind von der großen Sun-Sippe an der offnen Förde und vor den furchtbaren Feinden geflohen. Die bösen Leute am Näs haben uns mit Speerwürfen verjagt. Seit fünf Tagen haben wir kein Feuer gezündet, keinen Bissen genossen ... gestattet uns, daß wir unser Garn werfen und ein paar Fischlein fangen.«

»Wir haben Mäuler genug,« brummte Frod.

Aber sein Bruder sagte: »Kann nicht das gleiche Los uns treffen? Zieht nicht das greuliche Gewitter, das diese erschlug, nordwärts? Wir wollen uns ihrer erbarmen, damit der Lichte uns gnädig sei. Wahrlich, jetzt ist sein Beistand vonnöten. Du bist ein kluger Rechner, mein Bruder, darum rechne, ob nicht zwanzig Krieger und Keulen uns dienlich sind im kommenden Kampf!«

Die Sun-Leute durften landen und ans Feuer sich setzen zum gemeinsamen Mahl. Sobald ihr Heißhunger gestillt war, berichteten sie gräßliche Dinge von der Riesenmenge und Riesengröße der Feinde, von der grimmigen Kampfwut der grausigen Tiermenschen.

»Und wenn wir tausend Kriegerrotten hätten, wir würden von den Ungeheuern wie Fliegen zerquetscht, wir sind alle dem Tode geweiht, wenn wir nicht schleunig fahren und nordwärts fliehen.« Haarklein und haarsträubend waren ihre Berichte, obgleich sie selbst wenig gesehen, sondern schnell die Einbäume bestiegen und sich in Sicherheit gebracht hatten. Die Zuhörer wurden ganz blaß und stumm, aber die Weiber kreischten, und die Kinder, um mitzutun, brüllten aus vollem Halse.

Auf dem sorglosen, heitren Fördedorf lag fortan eine dumpfe Not, ein drohendes Schrecknis und die düstre Ahnung des nahen Unterganges. Aber die Eßlust der Leute nahm nicht ab trotz der Angst und Verzweiflung. Wenn die Frühtrommel zum Mahle rief, gab es ein Wettrennen aller zum Abfallhaufen, es fehlte kein Maul oder Mäulchen. Dröhnte die Trommel zum zweiten Male, zum Gottesdienst und Gebet, war meistens die Eile gering und der Haufe klein gewesen. Jetzt jedoch kamen alle, alle, die Alten und die Jungen, um das Sonnenbildnis anzubeten und die Angst der Seele zu dämpfen. Jetzt wurde Golddraht geopfert, wie nie zuvor. Je elender es den Menschen geht, um so geehrter werden die Götter.

Zum dritten Male rasselte die Trommel mit drei langen und zwei kurzen Schlägen. Zum Ting, zum Ting! Fs tagte heute, Stunde um Stunde, den ganzen langen Tag, bis die Sonne hinter die Baumwipfel sank; denn es ging um Tod oder Leben des ganzen Volkes. Im Kreisrund saßen sie auf den Steinen, ernst und unbeweglich, nur wenn einer aufstand und redete, rührte er die Lippen, dann die Mienen, zuletzt, wenn seine Worte warm wurden, die Glieder. Die Jungen forderten ungestüm, was sie für die Rettung erachteten. Die Alten aber hielten Kopf und Körper steif und sprachen wenige, gewichtige Worte, was sie vorschlugen, beschloß das Ting. Zum ersten: Alles, was männlich ist und mehr als sechzehn und weniger als sechzig Winter gesehen hat, wird eingereiht in die Kriegerrotten. Zum zweiten: Die Waffen werden gerüstet, die Schwerter geschärft, die Beile fest geschaftet. Zum dritten und letzten: Zwölf Stunden am Tage soll jede Rotte mit den Waffen sich üben in Angriff und Abwehr.

Fred hatte große Gedanken und Pläne und erhielt das Wort.

»Ein zahlloses Feindvolk wälzt sich wie ein Wespenschwarm heran, will uns und allen Völkern Heimat und Haus, Wald und Wild, Fischweid und Austernbank rauben ... alle Völker an diesen Förden bedroht die gleiche, gemeinsame, ungeheure Not und Gefahr, darum müssen alle ein Volk, ein Haufe, ein Heer sein, jedes einzelne Volk ist dem Verderben geweiht. Die Unmenge der Fremdlinge will eine Sippe nach der anderen mühelos zertreten ... das muß verhütet und verhindert werden. Alle Sippen und Rotten an unseren Förden müssen ein Volk und ein Heer werden und in einer Schlacht die Masse der Feinde erschlagen; gesammelt und geeint werden wir siegen ... aber wehe uns, wenn wir zwiespältig und zersplittert bleiben! Jede einzelne Sippe wird verderben und sterben bis zum letzten Mann.«

Der Häuptling stand auf. »Gut war meines Bruders Rede, die ihm der Gott ins Herz gegeben, wir wollen stracks Boten senden zu allen anderen Sippen, daß wir alle einen Schutz- und Trutzbund schließen, alle unsere Rotten zu einem gewaltigen Heer versammeln und in einer großen Schlacht wider die Tiermenschen stürmen und die Landräuber ausrotten bis zum letzten Mann und Elchmenschen. Lasset uns Boten senden!«

Mit einem bitteren Lächeln freilich setzte er hinzu: »Wann sind unsere Sippen jemals einig gewesen?«

Fred erhielt das Wort: »Ja, es kann eine Sippe in törichter Selbstsucht zum Verräter werden, es können die furchtbaren Feinde unsere Förde besetzen, unser Dorf verbrennen – der Lichte verhüte es! Unser Dorf liegt ganz offen und unbeschützt, wenn wir den letzten Kampf kämpfen müssen ... das hat mir schwere Sorge gemacht. Wir müssen schleunig rings um das Dorf einen klafterhohen Holzwall errichten, damit wir eine Zufluchtsstätte für die Weiber und Kinder und eine Feste für die Krieger haben im letzten Kampf.«

Auch das wurde vom Ting einstimmig beschlossen.

Vom Aufgang bis zum Untergang der Sonne übten die Rotten bald auf dem Lande und Strande, bald zu Wasser auf den Einbäumen. Die fünfzehn Bronzeschwerter und die zwölf Bronzelanzen waren den stärksten und tapfersten Kriegern, die in der Schlacht die vorderste Rotte – den verlorenen Haufen – bildeten, verliehen worden. Die Greise und die Weiber fällten Bäume und gruben Löcher, um den Palisadenwall zu machen.

Fred, der erste Schwertfeger des Nordens, der Kupfer und Bronze schmiedete, arbeitete sechzehn Stunden, um die Waffen noch schärfer und spitzer zu feilen, nahm mit einem tiefen Seufzer, weil sein Bronzevorrat erschöpft war, den Grünstein und den Haustein in die Hand, um Steinbeile und -dolche zu hauen. Sein Geselle bohrte unermüdlich mit dem Meißel die Schaftlöcher. Immer hörte man das Schaben und Scharren des Schleifsteins, mit dem der Lehrling über Sand und Wasser wetzte. Oft kam der Herr der Sippe zur Besichtigung und lobte den flinken Fin und die wackren Waffenmeister, aber nur, um Unmögliches zu fordern. »Zwanzig Dutzend Schafte will ich schlagen und schaben lassen, aber die dazu gehörigen Beile müßt ihr schaffen. Die Näs-Leute nämlich antworteten mir, daß sie schlecht bewaffnet sind und der Beile bedürfen.«

»Und wir bedürfen eines sechsstündigen Schlafs,« antwortete Fred. »Keiner kann in vier Stunden so schnell und fleißig schlafen, daß er eine sechsstündige Ruhe hat.«

Die Eilboten waren in alle Windrichtungen gelaufen und zum Teil zurückgekehrt. Die nächsten Nachbarn, die Näs- und Bäk-Leute und die anderen Dörfer an dieser Förde, merkten mit Grausen, daß es um Sein und Nichtsein gehe und entweder die Landesbewohner oder die Landräuber von der Erde vertilgt würden. Darum waren alle bereit, das Schutz- und Trutzbündnis zu schließen und durch die Ältesten zu beschwören. Aber alle, besonders die Näs-Leute, erklärten, daß sie der Waffen dringend bedürften. Der schlaue Rafn, dessen Schädel geheilt war, kannte Freds Beile; das Gerücht von der vielen Kupferbronze der Frod-Leute, dem wunderbaren Gestein, das sich erweichen und härten lasse, war an der Förde auf und ab gelaufen und hatte die heftigste Begierde der Nachbarn, die nichts als Goldblech von den Gatern gekauft hatten, erregt.

Der sanftmütige Fred fluchte heute: »Weil sie träge auf der Haut lagen, als wir schwitzten, müssen sie jetzt betteln gehen. Senden wir ihnen die ältesten Beile, die wir entbehren können!«

Als Herr Rafn, der ein schönes Bronzeschwert erwartet hatte, die Gabe der Bundesgenossen, mäßig geschaftete, etwas schartige Feuersteinbeile, erblickte, fuhr ein neuer Neid-Haß in das Herz des Häuptlings, der schon lange eine alte Rechnung mit Frod zu begleichen hatte.

Nach etlichen Tagen sandten auch die Sippen, die weiter östlich am Meer und an der offnen Förde wohnten, mit den Eilboten Antwort zurück. »Wir schwören euch Beistand und Bundestreue in der gemeinsamen Not und Gefahr, einer für alle und alle für einen zu stehen, bis der letzte Fremdling erschlagen oder geflohen ist. Wir aber sind die hart bedrängten, die heute vom Tode bedroht und morgen zertreten werden. Darum müßt ihr in Einbäumen und mit allen Kriegern herbeieilen, damit wir hier alle zu einem Heer vereinigt, den Entscheidungskampf wagen und gewinnen.« Besonders der Herr der Sun-Leute – die also noch nicht überwältigt waren – ließ sehr schmeichelhaft sagen: »Ohne Frod und seine Krieger können wir den Sieg nicht gewinnen ... eilet, eilet mit allen Rotten herbei ... lieber tot als Sklav'!«

Das waren berechtigte Forderungen. Im Ting, das Frod zusammentrommeln ließ, wurde beschlossen, mit allen Rotten sofort zu den bedrängten Stammesgenossen an der offnen Förde zu fahren und durch eine große Entscheidungsschlacht das furchtbare Verhängnis abzuwenden.

Der Häuptling allerdings hatte einige Bedenken und Befürchtungen.

»Noch nie, solange der wind weht, der Fisch zieht und die Auster gefangen wird, sind alle Sippen eines Sinnes gewesen ... wird keine von allen Verrat üben?«

»Nein, noch niemals waren sie einig,« erwiderte Fred, »aber noch nie hat der gewisse Untergang alle bedroht.«

Das Ting beschloß, am zweiten Morgen von heute an die Heerfahrt zu beginnen. Alle Rüstungen wurden beschleunigt. Einige wetzten die Waffen, andere trugen Fleisch und Fische und Wasserschläuche in die Boote, die andre mit Bast und Harz dichteten. Warum trieb der Häuptling die Männer nicht an nach seiner Gewohnheit? Er saß trübsinnig in seiner Hütte und brütete düster. Jetzt sprang er auf in Erregung, um laut aufstöhnend im engen Raum von Wand zu Wand zu stampfen und durch die Zähne zu zischen. Sein Blut war in Gährung und Glut, als wenn er Fieber habe; aber er wußte sehr wohl, warum ihm so warm und wirr im Haupt sei, als wenn er den Verstand verlieren müsse. Oh, nach zwei Nächten und einem Tag begann die Meer- und Heerfahrt. Er stöhnte in Seelenqual. »Sehr viele werden fallen in dem mörderischen Kampf, der keinem Gnade gewährt und jeden Gegner tötet. Zweimal hatte ich einen bösen Traum, Blut, Blut strömte über meine Brust, meinen Schurz, meine Knie herab. Totsiech werde ich auf der Walstatt liegen, mir schwant, daß ich sterben und nimmer die Förde, das Dorf, die Heimat wiedersehen werde. Du leuchtender Gott, soll ich scheiden vom Sonnenlicht, ehe ich meinen heißesten Wunsch erfüllt gesehen, ehe ich das höchste Glück genossen? Nein, Funda muß mein Weib werden, ehe ich von hinnen fahre. Einen Tag und eine Nacht soll sie in meinen Armen ruhen und meine Lippen küssen, ehe das Ende und die ewige Nacht hereinbricht. Oh, wie der finstre Gott die Menschen neckt und narrt, verlacht und verhöhnt! Nach ein paar Tagen ist das Jahr der Trauer verstrichen und Funda frei von ihrem törichten Gelübde, nach ein paar Tagen wäre sie meine Genossin und Gemahlin geworden, oh, Tücke des Finstren!«

»Aber ich spotte seiner, bricht nicht die Not jedwedes Gebot? Wie vielmehr muß die ungeheure Völkernot der Förden das kindische Gelübde brechen! Ich, der Herr der Förde, bestimme und befehle, daß diese Tage gestrichen und gelöscht werden und nicht mehr sind, daß morgen das Jahr der Trauer zu Ende ist. Ja, morgen ist der große Fest- und Wonnetag meines Lebens, bevor ich hinfahre und nicht mehr bin.«

Sofort sandte er die Witwe Runa in Fundas Hütte: Morgen sei die Vermählung, Funda möge in der Nacht alle Vorbereitungen treffen und alles, was sie begehre und wünsche, ihn wissen lassen.

Funda wurde sehr bestürzt und hatte keine Erwiderung, keine Wünsche. Aber nur einen Augenblick. Bald handelte sie mit jener Geistesgegenwart, um die mancher Mann sie beneiden konnte. Schnell hatte sie Bronzespiegel, Stirnband und alle ihre Wertsachen in einer Basttasche verpackt, den Dolch barg sie unter der Felljacke, dann horchte sie an der Hüttenwand, ob es draußen still würde. Weiber gingen vorbei und schwatzten von der großen Neuigkeit des Dorfes: Morgen wolle der Herr mit der hergelaufenen Dirne, die nicht von hier und nicht einmal ein richtiges Näs-Weib sei, sich vermählen.

Gegen Mitternacht huschte Funda in den Wald und zur Werkstatt hinauf, wo der Waffenschmied ein Beil schaftete. Als sie auf der Schwelle stand und mit der Hand winkte, schleuderte Fred das Beil auf die Erde, stürmte hinaus, riß sie in seine Arme und eine Strecke in den Wald hinein. »Du Liebste! Ist ein Unheil geschehen?«

»Nein, aber vor der Tür! Hast du nichts gehört von dem Machtspruch deines Bruders, der sich morgen früh mit mir vermählen will ... wir beide müssen fliehen, noch in dieser Nacht, sofort ... ist alles bereit zur Flucht?«

Fred erschrak und sagte schmerzlich: »Wehe uns! Funda, darf ich fliehen und mein Volk, das vom Untergang bedroht ist, und das Heer, das in die Todesschlacht zieht, feige verlassen in dieser Stunde? Oh, ich kann, ich darf es nicht.«

Sie sah ihn fest an und sagte eisig: »Du willst, daß ich morgen das Weib deines Bruders werde? Wohlan, ich gehorche.«

»Nein, nein,« schrie er in Angst, »lieber will ich deinen und meinen Tod.«

»Still, still!« Sie streichelte seine Wange, seine Stirn. »Warum sterben, mein Geliebter, wo wir leben und lieben wollen? Sind wir des Todes würdig? Oder hat der Unhold, der seine Macht mißbraucht und ein Weib vergewaltigen will, den Tod verdient? Nimm diesen Dolch, ziele ruhig und richtig und stoße ihn dem Bösewicht ins Herz. Dann bist du jetzt zur Mitternacht der Herr, und morgen in der Frühe bin ich dein Weib. Frod muß sterben!«

In Seelenqual rang er die Hände: »Oh, fordere nicht das Entsetzliche, das Ungeheure von mir, ich kann nicht ein Meuchler sein und meines Bruders Blut vergießen, bei dem Allsehenden, ich kann es nicht! Eher wollte ich den Dolch in meine Brust stoßen.«

»Wenn du zu furchtsam bist, um das Todesurteil an ihm zu vollstrecken, so müssen wir in dieser Nacht fliehen. Entweder – oder, einen dritten Weg weiß ich nicht. Rüste alles zur Flucht! Eile, eile!«

»Funda, wohin? Wohin sollen wir fliehen?«

»Zu einer der vielen Sippen, die uns Bürgerrecht geben wird, denn du kommst mit geschickten und nicht mit leeren Händen.«

»Bei den Sippen, die mit Frod einen Schutzbund schließen, ihm willfährig sind und ihm ein Dutzend Weiber ausliefern würden, willst du Zuflucht suchen?«

Sie biß sich auf die Lippen, sie stampfte mit dem Fuße: »Ich weiß es! Wir müssen andere Fluchtwege wählen, denn fliehen müssen wir in dieser Stunde, wenn Frod die Nacht überlebt. Er selbst hat gesagt: Not bricht jedes Gebot. Ja, ja! Wir gehorchen dem höchsten Gebot und Gesetz der Menschen, daß wir leben und lieben wollen ... du, mein Liebster! Folge mir, wohin ich führe!«

»Wohin, wohin?«

»In unserer äußersten Not fliehen wir zu den Fremdlingen, denen wir gute Dienste leisten können, und die uns Leben und Freiheit verbürgen werden. Folge mir, mein Geliebter!«

Sie liebkoste seine Wange, preßte sich an seine Brust, schmeichelte und bat mit vollen Lippen: »Küsse mich und komm!«

Fred stöhnte, als wenn sein Herz in zwei Stücke zerrissen und todwund wäre. »Fliehen zu den Feinden und Räubern, die unser Volk ausrotten wollen ... das heißt, mein Volk verkaufen und verraten. Oh, du könntest es nicht reden noch mir raten, wenn du Fleisch von unserem Fleisch und Blut von unserem Blute wärest. Ach, du bist im fernen, fremden Land geboren, darum kannst du zu den Fremdlingen gehen, denn du bist nicht Volk von unserem Volk, nicht Leib von unserem Leib; aber mir graust davor, mein Volk in seinem Untergang zu verraten. Funda, ich kann nicht fliehen, ich kann es nicht, ich muß kämpfen und, wenn es sein muß, sterben mit meinem Volk und meiner Sippe.«

Das junge Weib erstarrte und sagte schrill und schneidend: »Ich kann auch nicht, ich kann nicht und ich will nicht die Dirne des Elenden sein ... ich weiß keinen anderen Weg, keinen ... ich muß fliehen, allein und ohne dich. Erzeige mir eine letzte Liebe, gib mir eine gute Lanze!«

Er schwankte wie betäubt auf seinen Füßen und holte seine beste Lanze. Noch einmal warf sie sich an seine Brust und bedeckte sein Gesicht mit heißen Küssen und heißen Tränen.

Sie war plötzlich im Walde verschwunden.

Fred taumelte, fiel schwer auf die Schutthalde hin und hielt sein Haupt mit den Händen. Ihm war, als wenn sein Verstand sich verwirre in dem Wirbelsturm seiner Verzweiflung.

Auf der Halde saß er lange, wie ein vom Alter verfallener oder von der Sorge zerrissener Mann. Aber dieser kraftlose Mann hatte heute in dem furchtbarsten Kampf seines Lebens den Sieg gewonnen und sein höchstes, heiliges Glück um seines Vaterlandes und Volkes, um des Gewissens und der Treue willen hingegeben und dem Lichtgott geopfert. – –

Funda holte aus ihrer Hütte die Basttasche mit den Kostbarkeiten, auch einen Fellsack mit Austern und anderer Speise hängte sie sich über die Schulter, die kurze Lanze diente ihr als Stab. Als sie durch das Dorf huschte, blieb sie vor des Häuptlings Hütte stehen, um zu horchen. Ein Ekel überkam sie, als sie sein rasselndes, rohes Schnarchen hörte. Frod schlief ausgezeichnet, denn morgen sollte seine verzehrende Sehnsucht Erfüllung werden. Mit einem Griff umfaßte sie ihren Dolch, den zweischneidigen und nadelspitzen. Wenn ich ihm die Spitze ins Herz stoße, flieht seine häßliche Seele ohne einen Laut, ohne einen Zeugen aus dem Leibe. In der Frühe wird sein Wanst ins Steingrab geworfen, Fred ist Herr der Sippe, und ich die Herrin.

»All mein Herzeleid wäre in Herzfreude verwandelt durch einen Stoß und Stich. Aber nein ... nein ... wenn ich der Meuchler seines Bruders wäre, würde Fred mich hassen, und ich muß sterben ohne seine Liebe und unter seinem Haß. Nein, nicht durch Mord kann ich mein Schicksal retten.«

Das junge Weib, das eine nicht geringe Körperkraft und eine noch größere Seelenstärke besaß, betrat ohne Furcht den gefahrvollen Fluchtweg. Nur weit, weit fort von dem Gewalttätigen und der schändlichen Zwangsehe! Aber sie verhehlte sich nicht, daß sie, wenn sie bei dem fremden Volke Zuflucht suche, in arge und noch ärgere Hände geraten könne ... dann war ihr Dolch die letzte Rettung.

Der kleinste Einbaum, der am Strande lag, wurde ins Wasser gestoßen. Dann trieb Funda mit raschen Ruderstößen die Förde hinunter; immer horchend, ob nicht ein Boot hinter ihr wäre. Sie raste mit der Ruderstange, so daß der Schweiß von ihrem Leibe troff, obgleich sie nur den Schurz trug und die Felljacke hingeworfen hatte. Es war eine sehr schnelle Fahrt. Von Fünen drüben kam der neue Tag, seine fahle Morgendämmerung glitt über das graue Wasser des Belts, als sie die Mündung erreichte und aus Furcht vor dem hellen Tag ihr Boot im hohen Schilfrohr versteckte. Auf der Höhe oben war ein feiner Luginsland. Im Südosten glitzerte in der Morgensonne das endlose, gewaltige, unheimliche Meer, zur Rechten stand die gelbe Küste mit ihren Steinblöcken, und dahinter der Urwald wie eine düstere Mauer.

Funda war eine Recke und Tapfere, aber doch nicht tollkühn genug, um mit ihrem zerbrechlichen Fahrzeug das offene Meer zu befahren. Sie wanderte am Strande entlang über Sand und Steine, in tiefer Einsamkeit, als wenn sie der einzige Mensch auf Erden wäre, Stunde um Stunde, bis sie todmüde im Schatten des Waldes in tiefen Schlaf fiel.

Alle Nächte wanderte das junge Weib südwärts, die Gestirne waren ihre Wegweiser, am Tage ruhte sie im Gebüsch, in der Abenddämmerung pflückte sie Beeren, die in Hülle und Fülle wuchsen. In ihr war keine Furcht mehr vor dem rasenden Frod und seiner Verfolgung, wohl aber eine weise Vorsicht, um nicht in die Hände einer einheimischen Sippe zu geraten. Sobald sie in der Ferne Hundegekläff vernahm, umging sie in dunkler Nacht jede menschliche Niederlassung.

Am fünften Abend stand sie am Gestade der offenen Förde, die breit und tief ins Festland hineinbuchtet und nur in mehreren Tagesmärschen zu umschreiten ist. Weil Windstille war, schlich sie sich an den Strand der hier wohnenden Loit-Leute, um einen Einbaum zu lösen, um den Weg zu verkürzen.

Es war ihr gelungen, über die Förde zu setzen, und der Weg nach War-Näs nicht mehr weit.

An dem Morgen betete Funda innig und lange zum Sonnengott, der sein leuchtendes Auge aufschlug; denn sie fühlte und wußte, daß jetzt das große Wagnis kommen und die Entscheidung über Freiheit und Leben fallen werde. Ihr Schritt wurde langsam und leise, ihr Auge spähte, ihr Ohr horchte nach allen Seiten. Gegen Mittag hörte sie ein merkwürdiges Klirren und Schnaufen. Sofort war sie wie ein Eichhörnchen in eine hohe Eiche hinaufgeklettert, wo sie sich im Laube versteckte und einen weiten Ausblick hatte.

Was erblickte ihr Auge mit bänglichem Erstaunen? Zehn, zwölf Riesenvögel schwammen zur Linken auf dem blauen Meere, große Schiffe, die nahe der Küste am Anker lagen und im sanften Ostwind sich wiegten. Noch viel erstaunlicher und erschrecklicher war das Bild auf dem Lande. Dort unten hinter dem Walde breitete sich eine große Strandwiese, und darauf wimmelten wohl tausend Elchmenschen durcheinander, und ihre Stimme, ihr Geschrei war ein gräßliches Gewieher. Das waren keine Elche, die oben in einem Manneskörper endeten, sondern ganz andere Tiere. Die tapfere Funda erblaßte, erschrak bis ins Herz – die Ungeheuer mit den Menschenkörpern oben und den vier langen Beinen unten erregten ihr Grauen. Immer rätselhafter wurde es. Zwei von den Unmenschen hielten lange Hörner vor den Mund wie zum Trinken, aber, wenn sie tranken, gab es ein gellendes Getöse, das durch Mark und Bein drang.

Oh, wie die Ungeheuer jetzt hin und her sprangen, wild mit den Füßen stampften und mit dem Maule wieherten! Die Zuschauerin riß die erschrockenen Augen weit auf. Was war dort unten auf der Wiese geschehen? Die Elchmenschen hatten sich in zwei Teile aufgelöst! Hochgewachsene Männer, richtige Menschen, standen auf ihren zwei Beinen neben ihren vierbeinigen Tieren, die kein Geweih, sondern eine flatternde Mähne und einen langen Schweif hatten. Es waren Reiter, die ihren Rossen Zaum und Sattel abnahmen und sie auf dem Rasen werden ließen. Das gräßliche Rätsel war gelöst. Funda mußte jetzt laut auflachen, denn es war ein zu drolliger Anblick, wie die Ungeheuer in zwei Teile sich lösten und Mensch und Tier wurden. Alles Unmenschliche, das natürlich sich erklärt, wird lächerlich. Fundas große Spannung platzte plötzlich, platzte los in einer herzhaften Lache.

Ach, das allzu laute Hahahihi verriet ihren Horchposten. Sechs Reiter zu Fuß standen unter der Eiche mit drohenden Gebärden. »Komm herunter, du spähender Hund!« Als das Eichhörnchen den Erdboden erreichte, sahen die Reiter, daß es ein Weib und noch dazu ein sehr junges und höchst anmutiges Weiblein sei, und fingen an zu schmunzeln, und einer grinste: »Was bist du für eine Wildtaube und von wannen hergeflogen?«

Das bärtig braune Gesicht des einen und älteren Mannes kam ihr so bekannt vor, sie blickte ihn forschend an und rief in plötzlicher Erkenntnis: »Ei, du bist Hadur, ein Steuermann Godebarts.«

»Ja, Hadur ist mein Name, und du ... du gehörst zur Sippe des verfehmten Frod, den wir lebendig fangen wollen; er soll Godebarts Leibsklave sein und die Mahlsteine drehen. Du bist der Vogel, den wir uns lange gewünscht haben.«

Funda ließ sich nicht merken, wie ihr Herz zitterte. Ging sie nicht in die Höhle des Bären, wenn Godebart hier war? Sie sagte kurz und keck: »Führe mich zu dem Herrn der Sippe!«

»Der Sippe? Haha! Es ist ein großes Volk, das keiner zählen kann, mit mehr als hundert Kriegerrotten als Vorhut bloß; fünfhundert Rotten folgen später nach.«

»Ich höre deine Rede und glaube, was ich will. Wo ist dein Herr?«

»Godebart ist mit seinem Schiff nach dem Gaterland gefahren.«

Da wurde ihr Herz leicht und ihre Zunge gelöst, weil sie sich mit Hadur einigermaßen verständigen konnte, fragte sie sehr viel, und sie erfuhr mancherlei, das sehr nützlich zu wissen war. Die Eindringlinge, den Gatern nach Abstammung und Sprache verwandt, waren von einem fremden Volk, das wie ein Heuschreckenschwarm aus den östlichen Steppen kam, vertrieben worden und drangen jetzt immer weiter in dem Meerlande vor, das die Gater als fisch- und wildreich beschrieben und als das gesuchte Bernsteinland gepriesen hatten. Seit altersher nannten sie sich die Himber, was sie fast wie Chimber aussprachen. Der Herr und Fürst der Himber, zu dem er Funda führen wolle, heiße Herulf und sei ein hoher Herrscher, den man mit tiefer Verneigung des Körpers begrüße, nur ein Barbar schräge die Arme auf der Brust.

Die junge und hübsche Barbarin beherzigte die Anstandslehre, verneigte sich vor dem alten Seebären und erkundigte sich nach diesem und jenem. Ob Herulf ein junger Mann sei und ein Weib habe?

Der Steuermann grinste: »Du wirst ihn nicht bestricken mit deiner Lieblichkeit, mein Täubchen. Er ist höher und stattlicher als alle, ein König vom Scheitel bis zur Sohle, rank und stark wie ein Mann von vierzig Jahren, obgleich fünfundsiebzig Winter seine Haare schneeweiß färbten.«

Die Auskunft gefiel ihr sehr, furchtlos wurde ihr Herz. Am Waldrande stand ein Zelt aus dickem Gewebe. Daraus trat ein Mann hervor, um ein Haupt höher als Hadur, breitbrüstig, stark und steil wie eine Eiche, frisch und blühend das gebräunte Gesicht, aber schneeweiß wallte das dichte Haar auf die Schultern herab. Ein geborener Herrscher, und jeder Zoll an ihm ein König, ein Greis in voller Manneskraft, der auf den ersten Blick Ehrfurcht, aber auch Vertrauen erweckte – das war Herulf, der Himberfürst.

Die Fellgekleidete trat freimütig vor mit der richtigen Verneigung. Seine scharfen, blauen Augen warfen einen schnellen, hochfahrenden Blick über das häßlich plumpe Fellkleid der Barbarin, blieben an dem seltsam feinen Antlitz, das gar nicht zu der Gestalt zu gehören schien, aufmerksam haften, wurden hell und freundlich. Ein hübsches Gesicht ist eine gute Empfehlung. Darum winkte er einem gefangenen War-Mann, der ihm als Dolmetscher diente.

Funda beugte schnell ein Knie vor dem Fürsten, schaute wie ein bittendes Kind zu dem Gewaltigen empor und antwortete ohne Scheu, aufrichtig und wahrhaftig auf alle Fragen. Nicht als gestäupte Dirne oder Diebin, um schwerer Strafe zu entrinnen, sei sie aus Heimat und Sippschaft entflohen, nein, der größten Schändlichkeit und Schande, die einem Weibe widerfahren könne, sei sie entronnen – ihr Gesicht wurde glutrot, ihre Stimme wurde leise – der Herr ihres Dorfes habe sie mit roher Gewalt zwingen wollen zur Ehe. Funda beugte beide Knie, hob beide Hände flehend empor und bat: »Großer König, eine fremde, freundlose Frau bittet um deinen großmächtigen Schutz.«

Herulf hob sie mit drei Fingern empor voll Wohlwollen und Wohlgefallen. »Dein Mund lügt nicht, dein Gesicht ist ohne Falsch ... du stehst als freier Fremdling unter meinem allerhöchsten Schutz. Dein Dorfherr wird sich hüten, dich zu heischen oder hier zu holen; keiner von meinen Mannen wird ein Haar von deinem Haupte reißen oder ein schandbares Wort dir sagen. Du bleibst in meinem Gefolge. Wohlschmeckender ist mir jede Speise, die von zarter Frauenhand gereicht wird ... kannst du bei Tisch aufwarten, fein, flink und leise?«

»Ich werde jeden Wunsch in deinen Augen lesen. Hoher Fürst, nimm meinen kleinen, armen Dank für deine große, königliche Gnade!«

Herulf, der an der klugen und hübschen Barbarin ein väterliches Gefallen gefunden hatte, betrachtete sie von oben bis unten und lächelte lustig-listig. »Aber beileibe nicht in der abscheulichen Felljacke wirst du mir an der Tafel die Speise reichen, ein neues und nettes Gewand soll man dir bringen, auch wird dir ein Bad am Strande wohltun vor dem Gewandwechsel.« –

Sehr lange hielt Funda ihren Bronzespiegel hin und her, nach rechts und links, als sie nach dem Bade das neue, weiche Wollkleid angelegt hatte. Vorne fehlte nicht der blanke, bronzene Schmuck-Schild, der ihr die größte Freude bereitete, immerzu zupfte sie an dem buntfarbigen Gürtel und den köstlichen Bügelnadeln, ihre Hand streichelte und liebkoste das ganze Gewand, das an ihre Glieder sich schmiegte, ihres Körpers Anmut nicht verbarg und vom Halse bis zu den Knöcheln reichte. Aber würdevoll wurde ihr Gang, weil jede hastige Bewegung gefährlich und der lange Rock ihren Füßen zum Fallstrick wurde.

Herulf und seine Hauptleute schmausten Wildbret, Brot und Brei, danach Austern stiegweise, denn den leckren Meerbewohner hatten sie hier oben kennen und lieben gelernt. Funda wartete auf an dem Tische, wo Herulf und seine vier höchsten Gauherren saßen, und reichte jedes Gericht mit einem Anstand, als wenn sie jahrelang bei Hofe gedient und gedienert habe. Als sie gegen Ande des Mahls zum Herde hinauslief, ein Dutzend Austern röstete und dem Fürsten kredenzte, mundete ihm dieses neue Gericht so vortrefflich, daß er sie laut lobte und mit einer silbernen Gewandnadel belohnte. In jener Zeit, die noch keine Knöpfe kannte, hielt man das Kleid und den Mantel mit Bügelnadeln zusammen.

Nach dem Mahle war Herulf in bester Laune und hatte eine lange, leutselige Unterredung mit der fremden Frau, die schnell seine Gunst gewonnen hatte. Funda hat wahr und aufrichtig geantwortet und gar nichts verhehlt und weit mehr erzählt, als ihrem Fred und seinem Dorfe und allen Sippen der Förde gut und dienlich war. Sie konnte hier nichts verschweigen, hier, wo sie in ihrer Not Zuflucht und Freunde gefunden hatte. Der Fürst lächelte gütig-fröhlich und fragte noch viel mehr, während seine Gauherren steif und ernst auf ihrer Bank saßen und mit beiden Ohren horchten.

Funda, die mit viel Anstand das schmiegsame Wollkleid, auf dem Haupte die Stirnbinde und an den Armen die goldenen Ringe trug, wäre für eine schöne und vornehme Himberfrau gehalten worden, wenn sie nicht die schwarzen Haare und die tiefdunklen Augen gehabt hätte. Die Krieger im Lager warfen begehrliche Blicke auf diese befremdliche Erscheinung; aber keiner wagte, nur mit einem dreisten Wort ihr nahe zu treten, weil sie unter dem Schutz des Fürsten stand. Mit keinem, nur mit dem War-Mann und Dolmetscher sprach sie, so oft sich ein Anlaß fand. Vieles erfuhr sie von ihm, soweit denn sein Wissen reichte.

Die Himber hatten, solange der Wind weht und der Wald grünt, mehr als hundert Tagreisen im Südosten gewohnt. Aber unzählige Schwärme von Reitern mit Schlitzaugen waren plötzlich wie Heuschrecken aus den Oststeppen gekommen, hatten den großen Fluß durchschwommen und die Dörfer verbrannt. Wenn die Himber ihr Heer gesammelt und Tausende von diesen Affenmenschen erschlagen hätten, so wären neue Horden und Zehntausende gekommen, dieses Menschen-Ungeziefer sei gar nicht zu zählen, noch auszurotten. Darum verließen die Himber ihre Wohnsitze und wanderten nordwestwärts mit Weibern und Kindern, Ahnen und Enkeln, mit ihren Herden und Hunden, ihrem Gut und ihren Göttern. Seit drei Jahren waren sie auf der Suche nach einer neuen Heimat. Ihre zehn Schiffe waren den Fluß hinab und an der Meeresküste entlang gefahren und zufällig den Schiffen der heimkehrenden Gater-Kaufleute begegnet. Godebart habe viel von dem Bernsteinlande erzählt und mit den Himbern einen Vertrag geschlossen, daß die Gater ihnen den Weg in jene Förden hinein weisen, auch Waffengeleit geben und dafür als Lohn den dritten Teil des gewonnenen Bernsteins erhalten sollten. Der schlaue Gater, dem der Heerzug der Himber höchst gelegen kam, wollte zweierlei, den hinterlistigen Überfall und das Blut seiner Brüder rächen und gleichzeitig ein glänzendes Geschäft machen.

»Ist Godebart hier im Lager?« fragte Funda zum zweiten Male ängstlich, denn sie hatte ein Grauen vor dem langen Gater.

»Nein, er ist gen Süden gefahren, um all seinen Bernstein zu verkaufen und Waffen zu holen, und wird erst in vier, fünf Wochen zurück sein ... was fürchtest du? Weder Godebart, noch der erste Gauherr wird wagen, dir einen Kuß zu rauben, solange du unter dem Schutze des Fürsten stehst, denn Herulf ist furchtbar im Grimm, alle gehorchen einem Wink seiner Hand und zittern vor dem Blitz seiner Augen. Der Gewaltige hat achttausend Krieger, hier siehst du mehr als eintausend Reiter, die den Vortrupp bilden ... dahinter lagert das unzählige Himbervolk. Wir, die War-Leute, sind seine Knechte geworden, und klug wären alle Sippen der Förden, wenn sie um Frieden bäten und gehorsam ihm würden.«

Stolz wies sie die Rede zurück: »Nein, feige ist es, durch Knechtschaft das Leben zu kaufen.«

Funda ging frei im Lager umher und erstaunte immer wieder. Nicht bloß durch Größe und Stärke des Körpers überragten diese Männer die Bewohner des Landes, sondern in allen Dingen waren die Himber weit überlegen und neben den armen Fördeleuten gleichwie Halbgötter. Alles, was man von Elchmenschen und Ungeheuern erzählt hatte, war unsinnige Fabel gewesen. Die Pferde waren struppige, schnellfüßige, ausdauernde und zahme Tiere, die friedlich auf der Wiese grasten und mit der Hand sich streicheln ließen, wenn aber die Krieger im Sattel saßen und wie eine Windsbraut daherstürmten, dann würden alle Beilrotten Frods wie Blätter des Herbstes gewirbelt und in den Dreck gestampft. Wäre nicht eine freiwillige Unterwerfung besser als der todsichere Untergang?

Funda sann oft hin und her und hatte große Gedanken und verwegene Träume: Wenn sie ihrem Dorf an der Förde, und besonders ihrem Fred, Leben und Freiheit verbürgen und eine ehrenvolle Untertänigkeit erwirken könne, wenn sie die Retterin ihres Volkes würde ...

Zunächst tat sie alles, was ein behendes und schlaues Weiblein ersinnen kann, um des Fürsten Gunst zu mehren. Sie war in kleinen Aufmerksamkeiten und Dienstleistungen erfinderisch, reichte ihm die Schüssel, die er wünschte, ehe er ein Wort gesagt, und schichtete und schüttelte die Felle und Decken seines Lagers so geschickt, daß er am Morgen rühmte, wie gut er geschlafen. Greise Herren lassen sich gern von zarter Frauenhand hegen, und Herr Herulf fand immer mehr Wohlgefallen an der neuen Dienerin, die ihm Bequemlichkeit und Behagen zu verschaffen verstand. –

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.