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Steinbeil und Bronzeschwert

Johannes Dose: Steinbeil und Bronzeschwert - Kapitel 4
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typefiction
authorJohannes Dose
titleSteinbeil und Bronzeschwert
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year1929
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IV.

Es war der Juni, der lichteste, lieblichste Monat des Jahres an diesem Gestade des Bernsteinmeeres. Wald und Wiese trugen ihr Prunkkleid, mit Blumen bestickt, mit Blüten behangen. Die Erde grünte, der Himmel blaute, die Förde glänzte, die Sonne leuchtete den langen Tag, der kein Ende nahm. Spätabends sang die Graudrossel, vor Tag und Tau schmetterte die Nachtigall, und alle Singvögel trugen ihre schönsten Lieder vor; ein Flöten und Trillern, Jauchzen und Jubilieren klang von allen Zweigen, wie ein Lobgesang der wunderschönen Erde.

Jedoch der Steinmetz, der oben in seiner Werkstatt pochte, pfiff kein Liedchen. Sein düstres Grübeln galt nicht seinen Töpfen und Beilen. In seiner sanften, friedfertigen Seele war ein Kampf, eine Qual. Bei jenen Urmenschen der Steinzeit war die Blutrache ein von den Vätern überliefertes, urewiges, heiliges Gesetz. Des Erschlagenen Sohn oder der nächste aus seinem Blut war sein Bluträcher, der das Gericht vollstrecken sollte, damit die Seele des Gemordeten Ruhe fände. Wehe dem Manne, der diese heiligste Pflicht vergaß! Verfallen war er dem finstren Gott mit Leib und Seele. Fred war nach den Aussagen seiner Mutter der älteste Sohn und der Bluträcher des Ermordeten. Ein kalter Schauder ging über seinen Rücken am heißen Sommertag. Er war alles andere als ein Feigling, aber ein friedsamer, frommer Mann, dem Hader, Haß und Mord ein Greuel war, und der gern von einer Zeit, wo keine Fehde mehr an allen Förden war, träumte. Die Erfüllung seiner heiligsten Sohnespflicht hatte er von Woche zu Woche hinausgeschoben, weil er Zeugen und Beweise der scheußlichen Neidingstat haben müsse.

Aufspringend warf er das Beil hin: »Ich muß die Eiche und die Grube suchen ... wenn ich die Gebeine des Mannes und die Knochen des Bären in dem Grabe finde, dann ... hilf mir, du lichter Gott!«

Stundenlang lief Fred durch den Wald, schaute in die Wipfel und blieb vor allen alten Eichen stehen, die in dem ungeheuren Forst unzählig waren an Zahl. Auch ein anderer wollte die Eiche finden, sein Bruder suchte auf allen Pirschgängen den unheimlichen Ort. –

Alle Finleute gingen sehr fleißig auf die Jagd und legten auch Schlingen und Fallgruben, obgleich sie in dem bösen Sommer wenig erlegten. Darum waren sie so unermüdlich, weil sie keinen Vorrat hatten und die Furcht vor einem Hungerwinter allen im Blute saß. Gebückt und gedrückt, mit Jagdgerät schwer beladen, zogen die Männer in den Forst, die Schwatzhaften schwiegen, und die Jungmannen lachten nicht.

Die Vorahnung einer schweren Notzeit und die Furcht vor dem Winter lastete auf diesen Menschen der Steinzeit, diesen Naturkindern, die sonst allzeit fröhlich und glücklich waren, wenn sie nur ihr reichliches Futter und an Festtagen ihre Spiele und Feuertänze hatten. Wohl gab die Förde Austern und Fische in Fülle, aber Fleisch, leckeres Wildbret war ihre liebste Nahrung. Bei guter, regelrechter Jagd rechnete man drei Pfund pro Mann und Mahlzeit, und außerdem hatte man alljährlich große Mengen Wildfleisch für den Winter in der Sonne gedörrt, mit Salz gepökelt. In den Räucherhütten hing auch nicht eine Keule. Sehr wenig Wild wurde erlegt und mit Heißhunger vertilgt. Was das allerschlimmste war, die paar mageren Böcke und Ricken, die sie mit Stein oder Speer warfen, waren schwerkranke Tiere und eine leichte Beute. Jetzt, wo Not am Mann, zog Herr Fin in höchsteigener Person in den Wald und lief sich die fürstlichen Beine müde und Blasen an die Füße. Das aber muß man ihm lassen, daß er jetzt unermüdlich war, um sein Dorf mit Vorräten zu versorgen. Der Späher meldete einen Elch im Erlenbruch. Sie pirschten sich heran, ihre Freude war groß; denn es war ein gewaltiger Hengst, der dort am Baume ruhig sich rieb. Zu ihrem Befremden blieb er stehen, als sie immer näher kamen, erst zuletzt schlenkerte er, auf den langen Beinen torkelnd, zehn Schritte in die Büsche hinein und blieb dann unbeweglich stehen, als wenn er sich töten lassen wolle. Nach einem Steinwurf fiel der Koloß krachend hin und schlug kaum mit den Läufen, als Fin das Messer ins Blatt stieß. Aus den Nüstern des Tieres floß Schleim und schwärzliches Blut aus der Wunde. Run, der erfahrene Jäger, rief erschrocken: »Es ist totsiech gewesen, wehe uns, die Wildpest hat auch die Elche ergriffen ... alle Tiere, Rehe, Hirsche und Elche, sind von der Seuche befallen.«

Die Männer schwiegen tiefbekümmert – das war eine Lebensfrage für die ganze Sippe. Bor brachte eine böse Botschaft: »Hier drüben liegt das stinkende Aas von einem Keiler, den die Füchse angefressen haben, auch die Wildschweine haben die Pest.« In den heißen, herrlichen Sommertagen, wo Himmel und Erde lachten, war der schwarze Tod im grünen Walde. Das Wild verkroch sich im Gebüsch, wo der freche Wolf dem gewaltigen Elch an die Gurgel sprang. Nur die Füchse wurden feist, und die grisen Hunde mästeten sich. Wenn die Jäger auf Hirsche stießen, waren es kranke oder krepierte Tiere. Die Rudel wechselten meilenweit südwärts, ihr Instinkt trieb sie zur Flucht aus dem verseuchten Wald, der wildleer wurde. –

Aus dem Einbaum stieg ein schmucker Fant mit lebhaften Augen, Jung-Bor, der schon lange der Versorger seiner Mutter und seiner sechs Geschwister gewesen war. Der wackere Bursche trug ein Weidennetz voll von zappelnden Fischen, legte im Tempel den besten Dorsch dem Lichten als Dankopfer hin, besann sich und wählte einen kleinen Breitfisch für den anderen Gott, damit er vor Unglück verschont bleibe. Oben in Freds Werkstatt warf er sich hin, um ein wenig zu rasten und zu reden. Der Steinmetz grüßte freundlich.

»Ein feiner Fang! Du bist ein braver Kerl, der acht Mäuler satt macht nach dem Tode seines Vaters ...«

»Ja, mein Vater, wo blieb er?«

»Auf der Förde draußen ... es frommt nicht zu fragen, wo keine Antwort ...«

»Fin war bei ihm im Boote, und ich muß Antwort haben, denn ich bin Bors Sohn ... heilig ist die Blutrache ...«

»Aber grausig, über die Maßen grausig, daß Blut immer wieder Blut vergießt.«

Bor sagte leise vertraulich: »Ich habe Gerda den besten Aal, den sie mit den Lippen von der Gräte rupfen kann, geschenkt und sie befragt ... die Alte, die oft eigensinnig und schwerhörig ist, murmelte und kicherte: »Zwei im Boot hoben und hißten das schwere Netz ... warum riß er so heftig, daß ihm die Füße hoch in der Luft standen und sein Kopf ins Garn geriet? Hihi! Frage das Wasser und das Netz, frage Herrn Fin und die Götter!«

Fred sagte bittend: »Viele Fischer verschlang die Förde schon, dein Vater ertrank durch einen Unglücksfall.«

»Nein, nein! Bist du mein Freund, so mußt du den Freundschaftsdienst mir erweisen ... dich liebt die Uralte wie einen Sohn, dir wird sie nichts verschweigen. Du sollst mir die Wahrheit erforschen, die ich wissen muß.«

»Oh, erlaß es mir, ich habe genug an meiner Last zu tragen.«

»Willst du mein Freund sein? Oder mein Feind? Eins von beiden!«

Der Jüngling ertrotzte seinen Willen. Fred nickte bekümmert.

»Wohlan, ich will die Uralte befragen, wenn sie eine gesprächige Stunde hat, dir zum Weh und mir zum Leide.«

In Freds Seele war neue Gewissensnot. Es war fast unmöglich, unter den vielen Tausend Eichen des Urwaldes die eine herauszufinden, und nicht viel leichter, aus Gerda etwas herauszulocken; denn sie hatte Tage, Wochen, wo sie wie taub und stumm war und keine Frage hörte. Wenn sie von selbst und plötzlich den zahnlosen Mund öffnete, so erzählte sie mit Behagen von dem großen Hungerwinter, der vor drei Stieg Jahren war und die Hälfte aller Fördeleute hinwegraffte. Die Zuhörer grausten sich, und die Weiber heulten. Dann schlug Herr Fin nach ihr mit seinem Stock, daß sie das Maul halte. Aus ihren tiefen, toten Augen schoß ein greller Blitz, aber sofort verstummte ihr Gemurmel, und sie versank in ihren Traumzustand. –

Das größte und fröhlichste Fest des Jahres stand vor der Tür, der Mittsommertag. Fin saß im Ting und sagte mit Würde: »Wer Gast war, muß Gastgeber sein, wir müssen die Nachbarsippe zum Feuertanz laden.«

Die Ältesten waren alle dagegen. »Wir haben selbst nichts zu braten und zu beißen, nichts als die zwei Elchkeulen, die einen Steinwurf weit riechen. Sollen wir ihnen gemeine Speise, Austern und Breitfische, vorsetzen, damit sie hohnlachen?«

Der Gewaltige blieb beharrlich: »Sie werden unser dürftiges Mahl nicht schmähen, weil auch in ihrem Wald der Wildtod ist und alle Dörfer der Förde fasten müssen.« Fin setzte seinen Willen durch und hatte dafür geheime Gründe. Das Honigbier hatte ihm zu gut gefallen trotz der scheußlichen Nachwehen, die er schnell vergessen hatte.

Zwei der Ältesten gingen zum Näs und luden zum Fest.

Am Mittsommertag rieselte der Regen von der Morgenfrühe an, es rann und rauschte im Walde. Der Sonnengott, den man heute feierte, verhüllte den ganzen Tag sein Antlitz. Die Männer schüttelten das Haupt und die triefenden Haare, die Weiber raunten: Das sei eine ganz böse Vorbedeutung, es werde ein furchtbares Notjahr werden. Gegen Mittag goß es wie mit Eimern. Trotzdem kamen die Näsmänner, wie es Sitte war. Sie schlenkerten das Wasser von sich, wie nasse Hunde. Herrn Fins Begrüßung troff von Freundlichkeit. Rafn, Nans Ältester, und Frod maßen sich mit einem feindseligen Blick und gingen einander aus dem Wege, wie zwei Bulldoggen, von denen keine den ersten Biß wagt.

Die Frauen bliesen und schürten das qualmende Feuer. Die Gäste hockten sich nieder zum Mahl, rümpften die Nase und witterten nach den Steinherden, wo die Elchkeulen schmorten, hinüber. Ein durchdringender stinkender Wildgeruch! Dennoch schlangen sie, die lange gefastet hatten, das halbrohe, stark riechende Fleisch in sich, alles vertilgten die Gäste kraft des Gastrechts, nur die Knochen blieben zurück für die Gastgeber.

Die Wettspiele und Faustkämpfe wurden ohne Lust erledigt, zu sehr klatschte der kalte Regen auf die nackten Körper. Trübe verlief das verregnete Fest, obgleich Fin sehr liebenswürdig war. Er nahm Nan beiseite und tätschelte seinen Arm. »Freund, genau nach deiner Anweisung habe ich das Honigbier gebraut, aber es wurde kein süßer Met, sondern ein saures, scheußliches Gesöff.«

Nan lachte: »Ja, du hast wohl vergessen, den Honig hineinzutun.«

»Nein, du hast mich zum Narren gehabt ... sei mein Freund und zeige mir, wie die Gärung und Klärung gemacht wird!«

Der andere kniff das lauernde Auge zu. »Was gibst du mir dafür? Dein bestes Beil?«

»Es sei! Wenn du mir ehrliche, ausführliche Auskunft gibst, gehört dir das Beil.«

Nan beschrieb zweimal das Brauverfahren, wie die Würze nicht fehlen dürfe und das gegorene Gesud zu behandeln sei. Jetzt lachte Fin. »Hättest du mir das nicht verschwiegen, du Schelm, so hätte ich dir heute leckeres Honigbier vorgesetzt ... nun müssen wir Wasser saufen, wie die Hunde.«

Fin holte das Feuersteinbeil mit dem natürlichen Loch, das der Steinmetz erweitert und geschaftet hatte, das Beil, das ihm nicht gehörte, und das Fred um keinen Preis missen wollte. Der Häuptling vom Näs prüfte die Schneide, sah sofort die vorzügliche Schaftung und ließ sich sein Entzücken durchaus nicht merken.

»Das Ding ist zu gebrauchen... mache mir sechs Beile von der Art, so liefere ich dir zwölf Töpfe voll Honigbier.«

Fin lachte lustig. »Ich habe sehr viel Honig, mein Lieber, und werde bald Bier verkaufen.«

Da befiel den Näs-Mann eine tiefe bittere Reue, daß er heute das richtige Rezept verraten habe.

Rafn mied den einen Bruder, redete aber sehr freundlich mit dem anderen, und Fred gab ihm höfliche Antwort.

»Du bist ein großer Töpfermeister, wie ich gesehen habe, doch hörte ich auch, daß du die besten Beile machst.«

»Ach, mir ist vieles mißraten.«

»Sehr schön ist der Topf, den du meiner Schwester schenktest, seinesgleichen ist nicht in unserem Dorf.«

»Ja, Funda... Funda ist deine Halbschwester...«

»Du, sie läßt dich grüßen, gern wäre sie gekommen ... daß die Weiber daheim bleiben müssen, das nennt sie eine Ungebühr, eine alte Sitte, haha ... ja, ja, sie hat ihren eigenen Kopf und eine andere Meinung als die anderen Frauen. Gern möchte ich deine Werkstatt und deine Töpfe sehen.«

Fred wurde herzlicher und lebhaft. »Meine Werkstatt sollst du schauen.« Das war es just, was der kluge Rafn gewollt hatte. Sie saßen lange oben in der Hütte. Der Gast konnte sich an dem zuletzt gebrannten Topf, der mit frischen Verzierungen förmlich glänzte, gar nicht satt sehen und fand immer neues Lob. Da sagte Fred bescheiden: »Grüße deine Schwester und nimm den Topf mit, ich schenk ihn ihr.«

»Ei, mit dir ist gut Handel treiben ... verkaufe mir dieses Beil! Ich gebe dir zwei Bärenzähne, die schönsten an der Förde, dafür.«

»Was sollen mir die Zähne?«

»Zwei Bärenfelle lege ich dazu.«

»Warum willst du zahlen? Betrachte dir das Beil und mache dir nach diesem Muster ein gleiches!«

Rafn untersuchte Band, Schaft und Schneide bis ins kleinste, ließ die grellen Augen hin und her laufen und wollte offenbar von dem Meister der Fin-Leute die Kunst erlauschen und seine Kniffe ihm entlocken.

Jedoch die Absicht des Gastes mißlang. Fred hatte den Grünstein, den er durchlochte, und seine feinsten Werkzeuge in der Schutthalde versteckt und verriet keinem, am wenigsten einem Nachbardorfe, die Geheimnisse seiner Kunst.

Das Festfeuer qualmte, obgleich sehr viel Harz auf den Holz- und Reisighaufen geschüttet wurde, schwarzer Rauch erfüllte die Luft, so daß die Feuertänzer husteten und prusteten und jeder Jauchzer im Rauch erstickte, der Regen rann, das Wasser klatschte von den Zweigen. Keiner hatte Freude am Fest. Man sagte gedämpft zu Fin: »Das bedeutet böse Zeit, der Finstre regiert das Jahr.« Dieser antwortete: »Ja, ich wollte, der Herbst und Winter wäre gewesen.«

Die Gäste sprangen in die Einbäume, die Fin-Leute verkrochen sich in ihren Hütten.

Am nächsten Morgen leuchtete die helle, herrliche Sonne am tiefblauen Himmel. Fin trieb die Weiber und Kinder in den Wald, um den Honig der Wildbienen zu sammeln. Fleißig summten die Immen. Die Knaben folgten dem Flug der Arbeitsbienen, die mit Nektar schwer beladen heimwärts flogen, kletterten in die Bäume und fanden die Schlupfwinkel. Bald war der Stock ausgeräuchert, das Bienenvolk getötet, die Räuber nahmen die vollen Waben und leckten sich die Finger. Fin schnalzte mit der Zunge beim Anblick der vollen Töpfe und überwachte in höchsteigener Person das Mischen und Sieden des Honigbiers. Mit schmerzlicher Ungeduld, aber auch mit großer Selbstbeherrschung wartete er die vielen Tage, bis die Gärung beendet und das Gebräu wohl geraten war. Fin schmeckte und schmatzte, kostete noch einmal, klatschte sich auf den Schenkel und drehte sich wie ein Kreisel, um durch einen Freudentanz das große Ereignis zu feiern. Als kluger Regent teilte er jedem der Ältesten ein Töpfchen zu, ein weise beschränktes Maß, das keinen Rausch erzeugen konnte. Er selbst freilich trank das Honigbier, um seinen Fleischhunger zu dämpfen, so unmäßig, daß er am Nachmittag betrunken vor seiner Hütte lag. Es war nicht das letzte Mal, daß der Met ihn übermannte. –

Nach dem lieblichen Juni kamen die heißen Hundstage. In der Abendschwüle schwärmten die Mücken und stachen arg die Menschen, die bis auf den Schurz nackt gingen. Um sich gegen die Blutsauger zu wehren, hockten sie um ein Feuer herum, das sie mit Reisig unterhielten und rauchen ließen. Kein Schwatzen und Trällern, kein Kichern und Lachen – wie sonst – vernahm man, stumm und stumpf schlugen die Alten und Jungen nach den frechen Mücken.

Fred ging abseits an den Strand und vergrub sein Gesicht in den Händen, wenn ich Gerdas Lippen öffne und Gewißheit erlange, dann wird Jung-Bor seine Blutrache vollstrecken und Fin erschlagen ... dann wäre auch der Mord meines Vaters gesühnt und meine Hände rein von Blut. Aber war es ein Mord? Mehr als ein Fördemann ist vom bösen Bären zerrissen worden.

In dieser schwachen Hoffnung wurde er durch ein schreckliches Ereignis im August des Jahres bestärkt. Gerdas einziger Enkelsohn, ein schwächlicher Mann von vierzig Jahren, der Hinko hieß, weil er von der Geburt an ein zu kurzes Bein hatte, war ein sehr eifriger Honigsammler, seitdem er durch seine Tätigkeit des Häuptlings Gunst erlangt hatte und bei den Mahlzeiten große Rationen erhielt. Er hatte ein Bienenvolk ausgeräuchert, schöpfte den Honig in ein Gefäß und leckte sich die Finger, als er ein dumpfes Brummen hörte und auf den Tod erschrak. Hinter ihm stand ein riesiger Braunbär, der den Honig des Waldes als sein Eigentum betrachtete, auf den Hinterbeinen. Im Spätsommer, wenn die Bären, die schleckermäulig sind, zu viele Waldbeeren fressen, werden ihre Zähne wund und schmerzhaft, und sie heilen ihr Zahnweh dadurch, daß sie Blut saufen. Dann werden die Tiere, die sonst dem Menschen ausweichen, bösartig und blutdürstig, das wußte Hinko genau, und mit Geistesgegenwart stellte er den Topf voll Honig hin in der Hoffnung, daß Petz seine Schnauze hineinstecken und ihm Zeit zur Flucht lassen werde. Der plumpe Geselle jedoch war sehr behende und packte ihn mit der Tatze. Hinko griff in die Zweige, um den Baum zu erklettern, aber der Bär zerrte ihn herunter und zerriß den Ärmsten.

Als die Trauerkunde ins Dorf kam, schrie die ganze Sippe, daß sie Blutrache nehmen wolle für Hinkos Mord. Zwei Dutzend Männer zogen in den Wald, um den Missetäter zu stellen. Die Hunde scheuchten ihn, der ein Mittagsschläfchen hielt, aus dem Dickicht auf, die Jäger kreisten ihn mit ihren Speeren immer enger ein. Faßte der Bär einen Speer, dessen Schaft wie dürres Holz zerbrach, so stießen vier andere ihre Steinspitzen tief in sein Fleisch; wandte er sich gegen diese Feinde, durchbohrten andere seinen Nacken, und die Hunde bissen sich auf seinem Rücken fest. Im Triumph wurde die Beute ins Dorf getragen, und ein gewaltiges Geschmause begann. Unsinnig schlangen sie nach der langen Fastenzeit das Fleisch in sich, und vor dem Abend war keine Faser mehr an den Knochen.

Als Gerda den Tod ihres einzigen Enkels erfuhr, kam kein Seufzer über ihre Lippen; viele meinten, sie habe gänzlich den Verstand verloren und die Botschaft nicht verstanden. Aber nach einer Weile redete sie, nicht mit Gemurmel wie sonst, sondern mit gellender Stimme: »Er ist der erste von vielen, die sterben werden. Wohl ihm, denn er fand einen jachen Tod. Aber wehe den vielen, die der Hunger langsam frißt in wochenlanger Qual! Ich sah vor dreimal zwanzig Wintern, wie sie mit leeren Eingeweiden hinsiechten und stückweise starben. Oh, ich sehe Leichen, Leichen allerwegen ... starke Männer, die ihre Hand nicht heben und die Fliege, die auf ihre Nase sticht, nicht erschlagen können ... zwei Stieg Leichen ... ausgemergelte Weiber, wandelnde Leichen ... und Kinder, fahl und blutleer, welche die eigene Mutter erwürgt, weil sie ihr Wimmern nicht mehr zu hören vermag ... Leichen in den Hütten, am Hag und im Walde ... Leichen an allen Förden ...«

Jetzt kam Fin, schwang den Stock und schimpfte, aber er wagte nicht, die Greisin zu schlagen. »Willst du das Unken lassen, du Hexe, die du das Volk mir verstörst!« Er schlug nach den vielen Zuhörern, die auseinander stoben, und schrie ihnen nach: »Werdet ihr nicht satt alle Tage, ihr Vielfraße? Sorge ich nicht für euch wie ein Vater?« Fin hatte nicht ganz unrecht; an Nahrungsmangel litt die Sippe nicht, solange die Netze mit Fischen und die Körbe mit Austern sich füllten. –

Die Einbäume schwammen auf der Förde. Run, ein alter ausgelernter Fischer, der immer den größten Fang machte und die besten Fischgründe förmlich witterte, warf die Angel aus. Nach dem dritten Wurf hing am Haken ein riesiger Hecht, der wie ein kleiner Haifisch mit dem Schwanze schlug. Sechs Hände griffen zu und zogen langsam, damit Schnur oder Haken nicht zerrissen, den Fisch ins Boot. Hier schnappte er mit den langen Zähnen, bis Run ihm die Ruderstange als Lutscher ins Maul stieß. Sehr fischreich waren die Gewässer, schwere Hechte und armdicke Aale waren keine Seltenheit.

Auch wuchsen im Walde Brom- und Himbeeren, Bick- und Moosbeeren in schwerer Menge. Die Weiber und Kinder brachten Weidenkörbe voll von Beeren ins Dorf. Es war durchaus kein Mangel an Speise. Aber jene Menschen der Steinzeit, die kein Getreide kannten und ausschließlich Fischer und Jäger waren, lebten seit Jahrtausenden von dem Ertrag der Fischweid und des Weidwerks. Die Tiere des Waldes hatten ihnen allzeit mehr als die halbe, die liebste und kräftigste Nahrung geliefert. Die Männer wurden mißgestimmt und mürrisch und klagten, daß sie keine Kraft mehr in den Knochen hätten und ihre Muskeln schlaff würden von dem weichlichen Fisch und dem schleimigen Fraß. –

In alle Farbenpracht des Herbstes kleidete sich der Wald. In Braun und Rot, in Gold und Purpur prangten die Blätter, der Altweibersommer spann seine flimmernden Fäden; Wald und Wiese, Flur und Förde leuchteten und lachten noch einmal in ihrer vollen Schönheit, ehe der Laubfall und das Wintersterben begann. Sonst war der Herbst des Jahres fröhlichste Zeit gewesen, wo der Weidmann mit voller Stange jauchzend heimkehrte. Und heuer? Die Finleute mochten nicht mehr den Wald betreten, der tot war. Aus jedem Dickicht stieg ihnen ein Aasgeruch in die Nase, wenn sie mal auf eine Ricke oder ein Schmaltier stießen, so war es totsiech und ließ sich willig töten. –

Auch die Wildschweine waren verschwunden. Fred und Frod fanden die letzte Sau, eine alte Bache, die schon krepiert war, und vier Frischlinge saugten an der toten Mutter. Frod wollte sie töten und braten. Aber Fred bat sehr: »Laß sie am Leben! Tu mir die Liebe! Laß mir die Frischlinge!« – Sein Bruder zeigte sich großmütig. Fred fing die drolligen Tiere, steckte sie in einen Fellsack, machte neben seiner Werkstatt einen Holzverschlag und fütterte sie mit Fischen und Eicheln. Sie gediehen prächtig, wenn man ihn darum verlachte, sagte er ernsthaft: »Können sie nicht wachsen und sich vermehren und eine Herde werden?« Das war die erste Schweinezüchterei in jener Steinzeit, die kein Haustier, weder Rind noch Schaf, weder Gans noch Huhn, und nur den Hund hatte. Der war schon ein treuer Begleiter des allerersten Wildmenschen, der nach der grausigen Eiszeit den Renntierherden folgte und an dieser Förde eine Erdhöhle grub für sein Weib und seine Welpen.

Morgens war Eis auf dem Wasser. Der grimme Winter, der stets ein böser Gast an den Förden war, setzte heuer viel zu früh ein. Schon im Nebelmonat biß der Frost so, daß die Ränder der Förde sich mit Eis bedeckten. Die Männer krochen am Feuer zusammen, wärmten die steifen Finger und klagten: »Wir verderben! Die Austern alle Tage sind uns zum Ekel geworden.«

Gerda schlürfte mit Behagen die weiche Speise und kicherte: »Wartet nur ein Weilchen! Die Auster wird noch ein Leckerbissen werden, um den drei Männer sich raufen.«

Das Gemurre des Fleischhungers wurde immer lauter. Da gab Fin schweren Herzens den Befehl, die Hunde zu schlachten, jeden Tag zehn Stück. Das tat der Steinzeitmensch nur in der äußersten Not, der Hund war sein treuester Freund, als Wächter und Jagdgehilfe unentbehrlich. Keiner wollte seinen Treu oder Rasch oder Greif zuerst dem Gemeinwohl opfern, alle wollten in dem Stück die letzten sein. Das Los mußte entscheiden.

Jung-Bor schlang die Arme um seinen Pack und weinte bitterlich. Dann schlich er sich nach der Werkstatt hinauf, um dem Freunde seine Not zu klagen – er könne es nicht ertragen, daß sein Hund getötet und verspeist werde.

Fred hob den Hopf und raunte listig: »Ich habe meine Frischlinge, die viele mit allzu lüsternen Augen betrachteten, in einem feinen Versteck, das keiner findet. Mache daneben eine Hütte für deinen Pack und sage den Leuten, daß der Schlaue den Mordanschlag gewittert habe und verschwunden sei.«

Wie er sagte, so geschah es. In einem großen Dornendickicht, das nur einen sehr versteckten Zugang hatte, wurde neben dem Ferkelkoben eine Hundehütte gebaut und Pack hineingetan. »Wenn er nur nicht bellen und seinen Ort verraten wird,« meinte Fred. Nein, Pack war ein zu kluger Hund, um einen Laut von sich zu geben, und schien genau zu wissen, welch ein Schicksal ihn bedrohe. Nachts ließ sein Herr ihn frei umherlaufen, damit er sich Nahrung erjage. Frühmorgens im Dunkeln saß er schon in seinem Versteck, wo er den ganzen Tag schlief oder sinnierte.

Bereits drei Wochen vor Mittwinter fing ein heftiger Nordostwind an zu blasen und zu beißen und heulte bis zum zweiten Neumond. Das Eis drang vom Ufer aus immer weiter vor und wollte die ganze Förde in Fesseln legen. Fin erkannte sofort die furchtbare Gefahr, ließ die Trommel donnern und rief alles Männliche bis zum Zehnjahrs-Knaben auf den Kampfplan. Im eisigen Wasser watend, und dann von den Einbäumen aus schlugen sie mit Beilen und Stangen das Eis in Stücke. Jeder Knirps hielt einen Knüppel und hieb die Schollen in Scherben. War die Arbeit getan, warfen sie Netze und Angeln aus, fuhren sie mit den Schrabern über die Austernbank, bis tief in die Nacht hinein beim Schein des Mondes. Eine furchtbare, vielstündige Arbeit. Es mußte sein! Herr Fin befahl es und zeigte in der Not noch einmal seine Herrschergröße; alle gehorchten und gaben ihre Kraft her bis zur Erschöpfung.

Bei Tagesanbruch biß der Frost am grimmigsten. An jedem Morgen hatten sich die Schollen und Scherben zusammengeschweißt, und weit hinaus stand hartes, dickes Eis. Fins Stimme überheulte den Sturm. Von neuem begann der Kampf mit Beil und Stange, der immer hoffnungsloser wurde. Alle Augen starrten immer wieder nach der Wetterfahne. Doch der Wind sprang nicht um, sondern wurde zum Nordoststurm, der weithinaus das Wasser in Fesseln schlug. Der Häuptling versuchte jetzt nur noch die Mitte der Förde und die Austernbank zum Teil offen zu halten. In diesen Tagen kam kein Tropfen Honigbier über seine Lippen.

Eines Morgens ging Bor in den Wald, um seinen Hund zu begrüßen. Pack sprang mit freudigem Gewedel an ihm empor, ging in die Ecke und legte eine Krähe, die er in der Nacht überfallen hatte, vor seinen Herrn hin. Das kluge und selbstlose Tier wußte, daß sein Herr nach einem Fleischbissen lechzte, und brachte einen Teil seiner Jagdbeute. Der Jüngling machte schnell ein Feuer und briet die gerupfte Krähe, die ein sehr zäher Braten war, aber wie ein Rehrücken mundete. Am Abend holte er seinen Hund, um auf die Pirsch zu gehen. Sie waren genügsam, selbst die Ratte wurde nicht verschmäht. Der Hund führte zum Schlafplatz der Krähen, wo Bor mit dem Wurfstein zwei Stück herunterholte, sprang weiter und hetzte ein Eichhörnchen, das flink in einen Baum hinaufhuschte. Bor blickte ihm nach – stutzte – starrte die Eiche an, die in drei Stämme sich teilte. Seine Hände zitterten, als er in Mannshöhe den Stamm betastete. Hier war die Höhlung! Er zweifelte nicht, daß hier die Eiche sei, die Frod suchte. Hell schien der Mond, ein Irrtum war unmöglich. Meile um Meile hatte Frod den Wald durchsucht, – keine halbe Wegstunde vom Dorf war die Blut-Eiche und der grausige Ort. Jung-Bor lief und klopfte an die Hütte der Zwillingsbrüder. Frod, schon völlig bekleidet, den Speer und die Schlingen in der Hand, trat ins Freie und grüßte erstaunt, Er wollte ein Kleinwild erjagen. Über Bors Lippen stürzten die Worte. Frod warf seine Geräte hin, riß ihn am Arm und rief: »Führe mich an den Ort! Zur Eiche! Halt! Laßt uns Beile, Hammer und Holzschaufeln mitnehmen! Leih mir deine Hilfe! Ich lohn es dir, wenn ich der Herr der Sippe bin.« Frod rannte waldwärts.

Die Erde war gefroren und wie Granit, die beiden Männer schlugen mit dem Beil Stücke aus dem Grund und verschnauften keinen Augenblick, obgleich der Schweiß rann. Besonders Frod arbeitete mit einem wütenden Eifer. Sobald sie das gefrorene Erdreich durchstoßen hatten, nahmen sie die Holzschaufeln. Kein Wort fiel, nur das Kratzen und Keuchen war zu hören. In der Tiefe arbeiteten sie vorsichtiger. Dort stießen sie auf Gebeine, die sie bloßlegten. Es war das Gerippe eines Bären. Frod warf sich hin und wühlte mit beiden Händen. Auf der anderen Seite der Grube faßte er einen Knochen – die Knochenfinger eines Menschen! Die Erde wurde vorsichtig entfernt. Bor stieß einen Schrei aus. Dort lag das vollständige Gerippe eines sehr großen, kräftigen Mannes auf dem Rücken, die Hände wie zur Abwehr erhoben. Frods Augen funkelten, ein triumphierender Laut fuhr aus seinem Munde. Um den Knochenhals des Toten hing noch das Halsband, das aus sechsundzwanzig Wolfs-, Luchs- und Bärenzähnen bestand. Frod zählte noch einmal die Schnur: »Ja, zweiundzwanzig und vier Zähne des Bären ... es ist der Schmuck meines Vaters.«

»Warum vergaß der schlaue Mörder das Halsband?« fragte Bor.

»Weil der finstre Gott seine Gedanken wirr und finster machte, weil die Sonne, die alles ans Licht bringt, wollte, daß wir sechsundzwanzig Zeugen wider den Meuchler hätten.«

Die Totengräber kehrten das Gerippe um. »Schau her! wir haben noch mehr Beweise der schändlichen Bluttat.« Im Rückenknochen stak noch die abgebrochene Steinspitze eines Speers. »Der Mörder hat zweimal gemordet, hat von hinten den Ahnungslosen durchbohrt und dann ihn in die Grube des rasenden Tieres gestürzt. Der Elende müßte zweimal sterben, zweimal den Todeskampf erleiden.« Frod legte die Hand wie zum Schwur auf die Knochen seines Vaters.

Bor fragte: »Bist du der Bluträcher oder dein Bruder?«

Die Antwort war ein barscher Befehl: »Hole schnell meinen Bruder, aber insgeheim vor den Leuten! Sehen soll er die Beweise, die er haben will.«

Fred kam angerannt und wurde im Gesicht kreideweiß, als er den Halsschmuck erblickte. Er war so tief erschüttert, daß er sein Antlitz mit den Händen verhüllte. Aber Frod lachte hart und laut: »Was heulst du wie ein Kind? Freue dich mit mir, daß wir Gewißheit haben ... Fin muß mit seinem Blut den Mord bezahlen.«

Der weichherzige Fred war wieder ruhiger geworden und sagte mit fester Stimme: »Ja, Fin muß sterben, denn es ist ein ewiges Gesetz: Beule um Beule, Blut um Blut. Aber weder heute noch morgen. Höre meine Gründe! Jetzt, wo der Frost uns bedroht, so daß unsere letzte Nahrung versiegt, jetzt in der höchsten Not, wo der Hungertod vor unserer Tür steht, darf kein Zwist im Dorfe sein. Auch ist Fin ein Herrscher, der Gewalt über alle hat ... er ist der einzige, der die Sippe vom Hungertode erretten kann. Fin muß leben bis zum Lenze, damit das ganze Dorf am Leben bleibe.«

»Er muß sterben,« sagte Frod, und seine Zähne knirschten. Da wurde sein sanfter Bruder so hart wie Granit. »Ja, er muß sterben, wenn seine Stunde gekommen ist, von meiner Hand, denn ich bin der Erstgeborene und der Bluträcher ...«

Der Breitschultrige bäumte sich auf, ballte die Fäuste und brüllte: »Ha ... du ... du willst Herr sein ...«

»Nein, bei dem Auge der Sonne schwöre ich sieben Eide, daß ich nicht die Herrschaft begehre, nicht, niemals und nimmer ... du bist aus dem harten Holz, daraus man Herren schneidet, die Lust und die Last überlasse ich dir. Aber Fin muß Herr sein, bis der furchtbare Frosttod überwunden ist.«

»Es sei! Ich will es geloben, wenn du im Tempel sieben Eide mir schwörst.«

Fred hatte einen Aufschub erzwungen, weil es sich um Sein oder Nichtsein der ganzen Sippe handelte.

Frod nahm den Halsschmuck des Toten an sich, die drei Männer schaufelten die Grube zu. Bor schielte nach den großen Zähnen des Halsbandes und bat: »Gib mir zwei davon, weil ich die Eiche fand!« Zögernd löste Frod die Schnur und reichte ihm einen, den kleinsten Bärenzahn. Sein Bruder sah es und sagte: »Ein großer Fürst muß groß und freigebig sein.« Da bekam Bor den zweiten und zweitkleinsten Bärenzahn.

An dem Frühmorgen ging ein Schrei durch das Dorf: »Auf der ganzen Austernbank steht fußdickes Eis!« – Die letzte Nahrungsquelle der Menschen der Steinzeit war versiegt. Starr und stumm stierten alle auf die Förde hinaus, denn alle wußten, was das bedeute. Fin behielt die Fassung und rief seine Befehle. Die Männer stürmten hinaus und hieben mit Wut in das Eis der Bank. Ach, nur hier und da schlugen sie kleine Löcher. Und wenn sie stundenlang vor dem Eisloch knieten, mit Schabern und Netzen, waren ihre Finger und Fußzehen erfroren, und die ganze Ausbeute der entsetzlichen Arbeit war eine Handvoll Austern und zwei fingerlange Dorsche.

Der Häuptling zählte nach dem Fang dreiundfünfzig Austern und siebzehn Fischlein, nahm vier Fische und vier Austern als seinen Fürsten- und Löwenanteil und teilte das übrige in winzige, redliche Rationen. Auf drei heißhungrige Mäuler kam eine Auster. Jetzt gierten alle nach der gemeinen Speise. Längst waren die Hunde verspeist, bis auf vier, die ebenso schlau wie Pack das Verhängnis gewittert hatten und plötzlich verschwunden waren.

Im Dorfe war eine tiefe, tote Stille, man hörte kaum einen Laut, kein Zorn- oder Wehgeschrei. Seltsam! Die vom Hunger Gequälten zankten und rauften sich nicht um die paar elenden Bissen. Dumpf und stumpf in das unerbittliche Schicksal ergeben, hockten sie am Feuer der Hütte, fest in ihr Fellkleid gewickelt, denn die grimmige Kälte ging ihnen durch Mark und Bein, als wenn das Blut in den Adern gefröre. Grau wurden die Gesichter der Männer und Weiber, tief in den Höhlen lagen die Augen, die allen Glanz verloren und wie erloschen waren, aber die Gesichter der Kinder waren bläulich, dick und gedunsen. Mehrere Säuglinge starben, weil die Mutter keine Milch mehr hatte in der welken Brust.

Der grausame Frost und der finstre Gott forderten immer neue Menschenopfer. Die ganz Alten blieben, in Felle gehüllt, auf ihrem Lager, Tag und Nacht, Tage und Nächte – als man sie wecken wollte, waren sie entschlafen ohne Kampf und Klage. Das große Hungersterben hatte an der ganzen Förde begonnen. Es war erstaunlich, wie zählebig die alte Gerda mit ihren mehr als neunzig Wintern war. Obgleich sie seit zehn Tagen keinen Bissen gegessen hatte, war ihr Äußeres unverändert, ihr Blick wurde scharf, ihre Sprache war deutlich, wenn sie mal aus tiefer Versonnenheit auffuhr und die Lippen bewegte.

Bor, der sie zum Reden bringen wollte, steckte ihr zerkaute Bissen des zähen Bratens in den Mund und sagte: »Was hast du im Gesicht gesehen?«

»Fan und Fana, die beiden Alten, liegen seit zwei Tagen steif in ihrer Hütte ... Leichen sehe ich am Strande, Leichen am Feuer, Leichen im Wald ... hihi, was schaue ich? Auch Herr Fin Großmächtig liegt auf dem Rücken und glotzt gen Himmel, als wolle er die Sterne zählen, offen steht sein großes Maul, aber es schreit und schilt und brüllt nicht mehr ...«

Zum Unglück hatte Fin, der hinter einem Baume horchte, diese Worte vernommen. Er stürzte auf Gerda los, schlug sie und schrie: »Du verdammte Vettel! Mit deinem Unken willst du das arme Volk noch mehr ängstigen ... Wenn du dein Maul nicht verschließest, werde ich dich, du Lügenprophetin, für ewig stumm machen.«

In Gerdas Augen sprühte ein wilder Haß, dann erlosch ihr Blick, und ihre Gestalt fiel in sich zusammen.

Als Jung-Bor im Abenddunkel nach seiner Mutter Haus ging, hockte ein Häuflein auf dem Baumstumpf, der als Hausbank diente, hob die Hand und winkte. »Horche und schweige!« – Gierige Ohren fingen Gerdas Gemurmel auf. »Fin hat immer die tapferen und starken Männer gefürchtet und gehaßt und die feigen Schmeichler geliebt ... dein Vater war ein Stolzer und Starker, der jedem Unrecht im Ting widersprach, darum wurde er stumm gemacht. Zu zweien fuhren sie aufs Wasser hinaus, um zu fischen, als die Morgensterne schienen. Dunkel waren die Gewässer, leer und lautlos die Förde, noch schlief der ewige Zeuge, das allsehende Sonnenauge, nur der finstre Gott wachte und lachte. Aber mein Enkel Hinko watete unweit im Schilf, um die Nester der Wildenten zu plündern, lugte nach dem Boot und rührte sich nicht. Die zwei Fischer taten einen sehr großen Zug. Als der erste fahle Tagschein über das Wasser flutete, hoben und hievten die beiden das schwere Netz in den Einbaum. Es widerstand und wollte nicht. Bor beugte sich weit über den Bootsrand, um mit beiden Händen und mit aller Kraft ins Geflecht zu greifen, – da packte Fin von hinten seine Beine und riß ihn hoch, so daß dein Vater kopfüber ins Netz hineinschoß und wie ein Stein mit dem Netz versank. Fin ließ schnell das Seil fahren, trieb das Boot an den Strand und rannte mit gellendem Geschrei durch das schlafende Dorf. Sein bester Freund, sein einziger Freund sei vom Geflecht gefangen und über Bord gerissen worden. Oh, wie er sich im Sand wälzte, seinen Bart raufte und sein Gesicht blutig kratzte! Oh, der heuchlerische Schurke hat zehn der besten Männer meuchlings umgebracht! Der Schuft hat mich geschlagen, wie einen Hund. Hinko sah die Teufelei mit seinen Augen und ist vor den Göttern dein Blutzeuge. Jung-Bor, tue bald, was du tun mußt! Ich segne dich, mein Sohn.«

Des Jünglings Seele war in Aufruhr. Er wälzte sich schlaflos auf seiner Hirschhaut hin und her. In der einen Nacht reifte der Jüngling zum Manne, der weiß, was er will, was er kann und muß, der seine Kräfte und Pflichten, aber auch seine Grenzen erkannt hat. Er sprach mit keinem Menschen darüber, aber immer wieder sagte er zu seiner Seele: »Ich bin Bors ältester Sohn und sein Bluträcher, keinem andern will ich mein Recht und meine Rache lassen.«

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