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Steinbeil und Bronzeschwert

Johannes Dose: Steinbeil und Bronzeschwert - Kapitel 2
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typefiction
authorJohannes Dose
titleSteinbeil und Bronzeschwert
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year1929
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II.

Es war vor mehr als viertausend Jahren und Frühling an der schönen, blanken Förde, die wie ein Fluß sich schlängelte und in der Sonne wie flüssiges Silber glitzerte. Die Wellen kräuselten sich kaum. Windschutz gab der hohe Hain, der das Wasser umsäumte, und in dem die Fichten, die schwermütig blickenden Urbewohner des Waldes, bereits hart bedrängt wurden von der mächtigen Eiche, die ihr wuchtiges Geäst rücksichtslos breitete. Einzelne Birken, Eschen und Hasel lugten hier und da bescheiden zum Licht empor, und auch die Erlen am Sumpfrande wurden von der großmächtigen Eiche geduldet. Die Windröschen schaukelten sich im sanften Hauch und wiegten nachdenklich ihr Köpfchen hin und her. Ein lustig klarer Waldbach plätscherte den Abhang hinab, wurde unten am Fuß desselben durch einen Erd- und Steinwall eingefangen zum kleinen Weiher und lief durch den Sand in die Förde hinaus. Fünfzig Klafter vom Wasser entfernt lag der sehr lange und fast mannshohe Schalenhaufen der Siedlung. Nach seinem Ausmaß zu schätzen, hatten sechzig bis siebzig Menschengeschlechter hier gesessen und ihr Mahl gehalten und in der gleichen Weise zwei Jahrtausende gelebt. Langhaarige, zottige Hunde wühlten im Haufen, zernagten die Knochen und knurrten sich an. Ringsum waren vom Feuer geschwärzte Steine zu kleinen Herden geschichtet, und auf den Steinherden wurden die Fische gebraten und das Fleisch geschmort. Am sonnigen Abhang unter dem Walde lagen im Halbkreis mehr als fünfzig Hütten, halb in die Erde hineingegraben, mit einem niedrigen Eingang, der nur ein Hineinkriechen gestattete. Die Hütten, die außer dem Türloch ein Loch im Dache hatten, um den Rauch heraus- und Licht hereinzulassen, waren roh und kreisrund aus eingerammten Pfählen gebaut, und ihre Wände waren ein Geflecht von Zweigen, das handbreit mit Lehm beworfen war. Diese Menschenwohnungen ähnelten zwar Hundehütten, schützten aber gegen Regen, Wind und Frost und waren im Winter, wenn hell das Feuer lohte, voll von behaglicher Wärme, aber auch voll von beißendem Rauch.

Männer eines jeden Alters, Jünglinge und Knaben schoben mit viel Geschrei die Einbäume – durch Feuer ausgehöhlte, mit Beil und Schaber geglättete Baumstämme – ins Wasser, stießen sie mit den Stangen, die unten breit wie Schaufeln waren, ins Fahrwasser und trieben aufrechtstehend die Boote vorwärts, indem sie sehr geschickt das schwanke Fahrzeug in Gleichgewicht hielten. Alle trugen das gleiche Fellkleid. Ein Schurzfell reichte von den Hüften bis zu den Knien hinab, den Oberkörper bedeckte eine Felljacke mit kurzen Ärmeln, deren einzelne Stücke mit Tiersehnen zusammengenäht waren. Über den Hüften schnürte ein Gürtel die Jacke zusammen und hielt das Schurzfell fest. Vorn auf der Brust und am Halse hatte die Jacke kleine Löcher, durch die ein langer Dorn als Nadel, um sie zusammenzuhalten, gesteckt wurde, während die Knaben barfuß gingen, hatten die Männer die Füße bis über den Knöchel hinaus mit einem Fellstück bewickelt, das durch einen Fellstreifen festgeschnürt war. Felle von Reh, Hirsch und Elch, von Wolf, Otter, Luchs und Bär hatten den sehr haltbaren Stoff fürs Gewand geliefert. In der Sonne freilich wärmte es zu sehr. Darum warfen die Männer ihr Gewand, bis auf den Schurz, bei der Arbeit ab. Allen wallte das schwärzliche, struppige Haar so lang, wie es seit der Geburt gewachsen war, und der Vollbart, der das halbe Antlitz bedeckte, war nie von einem Schermesser berührt worden. –

Einige Einbäume fischten mit Netzen aus Bast und mit Körben aus Weidengeflecht, einige suchten mit Beinharpunen und Wurfspeeren, die einen Widerhaken hatten, die Beute zu erhaschen. Andere Boote lagen auf der Austernbank. Jünglinge stießen mit den Stangen die Schaltiere vom Grund los, und die Knaben tauchten und warfen mit vollen Händen die Austern in die Körbe. In dem fischreichen Gewässer und bei dem linden Wetter war der Fang mehr ein fröhliches Spiel als eine beschwerliche Arbeit. Nach zwei Stunden kehrten die Boote mit Lachen und Schwatzen und unter eintönigem Gesang der Ruderer zurück. Die Weiber liefen zum Strande, begrüßten die Fischer, lugten in die Körbe und lachten. In der Kleidung waren die Geschlechter kaum zu unterscheiden, nur das Gesicht der Frauen war glatt und weniger gebräunt, auch das Haar sorgfältig mit dem Beinkamm gestrählt und in viele kleine Flechten geflochten. Alle Männer und Frauen trugen Hals- und Armschmuck, der aus durchlochten Tierzähnen und Bernsteinstücken bestand. Besonders die Bärenzähne waren hoch bewertet und ein Zeichen des Wohlstandes.

Diese Urbewohner, nach der Eiszeit eingewandert, waren offenbar keine Germanen. Klein und gedrungen war ihre Gestalt, zu lang die Arme, zu kurz die Beine und die Knie nach vorn geknickt, auch die Backe zu breit und die Stirn zu niedrig, aber zäh war ihr Körper, stark ihre Knochen, straff die Muskeln, katzenartig der Schritt. Im Schwingen der Keule, im Steinschleudern und Speerwerfen leisteten sie Großes, als Schwimmer und Kletterer kam keiner ihnen gleich.

Die Sippe hier an der Förde mochte reichlich zweihundert Männer, Weiber und Kinder zählen, und ihre Krieger waren in vier Dutzende geteilt. Nach ihrem Häuptling hießen sie die Finleute. Fin, der Herr und Priester, das geistliche und weltliche Oberhaupt der Sippschaft, war kaum fünfzig Jahre alt, aber sein Haar von der Sonne gebleicht, seine Stirn von den Regierungssorgen tief verrunzelt und sein Auge verschlagen und voll Argwohn. Er traute keinem, und es ging im Dorf das Gerede, daß er wie der Hase mit halboffenen Lidern schlafe. Kein Mensch liebte ihn, aber alle hatten Furcht und Angst vor dem Herrn und gehorchten seinen Befehlen. Seiner Würde gemäß hatte er zwei Hütten, in der einen wohnte er mit Finna, seinem Weib und den drei Kindern aus dieser Ehe, davon zwei wenig ge- und beachtete Mädchen und der Jüngste ein siebenjähriger Knabe und des Vaters verzogener Liebling war. In der kleinen Nachbarhütte hausten Frod und Fred, Finnas erwachsene Söhne aus ihrer ersten Ehe mit dem Häuptling Han, der seit achtzehn Jahren tot und verschollen war. Das nächste Häuschen besaß Run, ein starker und angesehener Mann, der mit seinem Weib und seinen zwölf Welpen in der engen Wohnung kaum einen Schlafplatz für alle fand. Es war ein kinderreiches Völkchen, weniger als vier Bälge hatte kein Bürger des Dorfes. Die Austernbank war groß und gut, und die Fin-Sippe hatte seit achtzehn Jahren ihre reichliche Nahrung im Wald und Wasser gefunden. Der Häuptling rühmte es wie sein Verdienst, daß während seiner Regierung keine Hungerszeit im Dorfe gewesen.

Er hatte den Fang besichtigt und sich längelang in den warmen Sand geworfen, wo er ein Sonnenbad nahm und mit seinem Liebling, Klein-Fin, spielte. Der dralle Bursche kroch ihm auf der Brust herum, raufte sein Haar, seinen Bart, und stopfte ihm sogar Sand in die Ohren.

Fred und Frod, die Zwillingsbrüder, die einander an Gestalt und Gesicht sehr ähnlich waren, kamen mit ihren Wurfspeeren aus dem Walde. Aber sie unterschieden sich dennoch sehr, Fred lächelte gern und freundlich, hatte gute Augen und eine sanfte Stimme, Frods Miene war immer ernst, sein Blick unruhig und seine Sprache scharf und hart. Jetzt sah man ihm den Verdruß an, und sein Gesicht verfinsterte sich noch mehr, als Fin den Kopf kehrte und die spöttische Frage hinwarf: »Was gab's? Ein mageres Rehlein? Und ein paar Ratten?«

»Nein, nichts, weder vom Baum noch in der Schlinge, nichts haben wir gefangen,« antwortete Fred. Fin, der ein Feinschmecker und Vielesser war und nach Wildbret sich sehnte, schimpfte über die ewigen Schleimtiere, die ihm zum Halse herauskämen. »Nichts habt ihr mitgebracht, ihr Faulen!«

Frod brummte: »Die Faulen liegen im Sande und lecken Sonnenschein.« Da fuhr der Häuptling empor und schrie ihn an: »Willst du geziemend mit deinem Vater reden?«

»Du bist mit nichten mein Vater...«

»Aber dein Herr, ein störrischer Hund muß Hiebe haben.« Er nahm seinen Eichenstab, der als Herrscher-Zepter nicht aus seiner Hand oder Nähe kam, langte aus und schlug. Frod duckte sich schnell, so daß der Hieb über ihn hinwegging, und rollte die Augen – aber sein Bruder zog ihn von dannen mit Hast.

In der Hütte hängten sie die Jagdgeräte an die Haken, und Frod zischte wütend: »Ich werde ihm im Schlafe das Gehirn zu Brei zerschmettern.«

»Schweig, hier hat jede Wand vier Ohren, alles wird ihm zugetragen. Zuvor würde er dich wie eine Fliege zerquetschen. Wo ist der starke Bor, der einmal im Zorn wider ihn aufstand, geblieben? Seit dem Laubfall verschwunden...«

»Ja, er hat ihn meuchlings umgebracht.«

»Hüte deine Zunge, damit nicht deine Spur verwischt werde!«

Frod erschrak. »Meinst du, daß er einen Zauber hat?«

»Er hat die Macht und den gänzlichen Gehorsam der Männer – einer muß Herr sein – und wäre ein anderer besser als er? Wer über die Menschen herrschen will, der wird voll Argwohn, und das Herz in seiner Brust wird hart wie Stein.«

»Jung-Bor wächst heran, wird ein baumstarker Bär und wird seinen Vater rächen. Auch ich werde alle Tage stärker, während seine Kraft von Tag zu Tag abnimmt...«

»Laß solche Rede nicht über deine Lippen kommen! Fin ist der Gatte unserer Mutter und unser Vater geworden nach dem Gesetz und darum gegen unsere Rache gefeit. Auch ist er ein schlauer Mann, der wie ein Hase schläft und wie ein Luchs schleicht.« –

Der eine Bruder warf sich in den Sand, blinzelte in den Himmel hinein und sann stundenlang. Fred, der einen Bienenfleiß und sehr geschickte Hände besaß, ging in seine Werkstatt. Das war eine Hütte, oben im Walddickicht versteckt, wo kein Müßiggänger ihn störte. Er nahm den Behaustein, in dem vier Vertiefungen waren, um dem Daumen und den drei Hauptfingern festeren Halt zu geben, in die Rechte und das fast fertige Steinbeil in die Linke, stützte es leicht und lose auf einen Stein und schlug nun mit erstaunlichem Geschick kleine und immer kleinere, zuletzt ganz winzige Splitter von der Fläche des Feuersteins ab, so daß die Schneide des Beils immer schmäler und schärfer wurde. Als sie fast messerscharf war, lächelte er beglückt. Dann hieb er den Nacken des Beils immer dünner, bis er ihn in das Loch des Holzschaftes hineinpressen konnte. Nach einigem Nachdenken schlug er rings um das Beil einige Fingerbreit unterhalb des Schaftes eine kleine Rinne in den Stein, und diese Rinne umwickelte er mit einem Fellseil, das er mehrfach mit dem Schaft verband und verknotete. Ach, die Schaftung war von jeher der große Mangel und der stete Verdruß beim Steinbeil gewesen, denn urplötzlich, beim friedlichen Holzfällen oder im furchtbaren Männerkampf und immer in dem Augenblick, wo es am verhängnisvollsten war, löste sich das Beil vom Schafte und flog nicht dem Feinde, sondern seinem Herrn oder einem Freunde an Leib oder Schädel. Fred zerrte kräftig am Beilschaft und an der Bindung, die sich nicht lockerte, und lachte fröhlich: »Eia, du wirst halten bei den härtesten Schlägen viele Winter, bis das Seil zerschleißt.« Fertig und vollendet war das vollkommenste Steinbeil, das man bisher an der Förde gehauen hatte. Vollendet? Nein, ach nein! Er, der größte Handwerker seiner Sippe, der nach der höchsten Vollkommenheit trachtete, war noch nicht zufrieden mit seinem Werk. Freilich, mit diesem einfachen Feuerstein-Gerät konnten die tüchtigen Männer des Dorfes Erstaunliches leisten und die stärksten Eichen fällen und behauen.

In der Werkstatt hingen und lagen viele Werkzeuge, Amboß, Hammer, Meißel, Schaber, Bohrer und Messer und sogar eine Säge, ein langer, schmaler, unten scharfer Stein, in dessen Schneide spitze Zähne hineingehauen waren, und der auf dem Rücken eine Handhabe von Holz hatte. Daneben Sand- und Grünsteine, Granit und Schiefer und eine große Menge von rohen Feuersteinen, die nach reiflicher Auslese am Strande sein Rohmaterial waren, vor der Hütte lag ein hoher Haufe, eine Schutthalde von Splittern und Abfällen.

Fred nahm einen glatten Sandstein in die Hand, um damit die kleinen Furchen, welche die ausgehauenen Splitter hinterließen, zu glätten und die Schneide zu schleifen. Stundenlang saß er bei der Arbeit mit Fleiß und Sorgfalt, und er sah den Erfolg. Die kleinen Vertiefungen verschwanden, und keine noch so winzige Scharte war an der Schneide zu sehen. Freilich, ein paar Wochen lang mußte er mit dem Sandstein an dem einen Beil schleifen und schleifen, aber er und alle Handwerker der Steinzeit besaßen eine unsagbare, unendliche Geduld, und diese Ausdauer im kleinen bei einem Stück war ihre Größe. Ein Beil war die Arbeit von Wochen.

Über Freds stilles Gesicht ging ein Leuchten, Er strich die langen Haare zurück, trat aus der Hütte und schrägte die Arme auf der Brust. Hineinblickend in die untergehende Sonne, dankte er dem lichten Gott, der auf der Sonne thront, der Wärme, Licht und Leben, Fisch und Fleisch, Fruchtbarkeit und Fröhlichkeit spendet. Mit einem andächtigen Erstaunen betrachtete er den goldigen Ball, der hinter den Wipfeln versank.

Unten am Abfallhaufen lohten viele kleine Feuer. Run, einer der Ältesten, hielt ein Instrument, einen ausgehöhlten Holzkloben, dessen Öffnung oben und unten mit einer dünnen Haut bekleidet war, und er schlug mit dem Holzschlägel auf die Haut, daß es weithin schallte. Die dröhnende Trommel rief alle Insassen zur gemeinsamen Mahlzeit, die zweimal, morgens und abends, gehalten wurde. Unter den kleinen Herden hatte das Feuer gebrannt und die Steine bis zur Rotglut erhitzt. Auf die Steine legten sie die ausgeweideten Fische, Butt und Dorsch, Aale und Makrele, die schnell geschmort wurden. Auch die Austern wurden schockweise auf die Steine geschüttet, öffneten in der Todeshitze die festgekniffenen Schalen und wurden bei lebendigem Leibe in ihrer Schale gebraten. Ringsum hockten Männer, Weiber und Kinder auf den untergeschlagenen Beinen. Die am heißhungrigsten waren, verschlangen ein Dutzend Austern roh, um die erste Gier zu stillen. Dann aßen alle, Jung und Alt, das Geschmorte mit unglaublicher Ausdauer. Nur zweimal am Tage wurde ein Mahl gehalten, aber dann wurde gegessen, ja gegessen, wie nur der Urmensch nach der Eiszeit zu schlingen und zu stopfen vermochte. Sie hatten weiße, kräftige Zähne, die das Kauen verstanden. Nur Gerda, die Alte mit dem gelben Runzelgesicht, hatte kein Gebiß mehr, krauste verdrießlich die lange, spitze Nase und hätte gern einen Fisch verspeist, aber sie kaute mit dem Gaumen und würgte an einem Bissen. Die Nachbarn verhöhnten sie: »Wer zu alt geworden, muß sich begraben lassen... vermache mir deine Haut, die eine gute Fußbinde gäbe!«

Die Alte krächzte zornig: »Ja, ich habe achtundachtzig Mittwinter gesehen und den ersten Herrn unseres Geschlechtes noch gekannt, den gewaltigen Jod, der schrecklich schlug und sein erstes und zweites Weib im Zorn tötete. Ja, das war ein Herr, vor dem keiner das Maul aufriß. Fin, du mußt besser schlagen, die Brut heute wird zu frech...«

Herr Fin nickte böse: »Ja, ich bin zu gut und zu gnädig... aber hauen werde ich, ja hauen, wenn ich kein Wildbret bekomme, mir wird übel von dem faden Fischzeug.« Trotzdem hatte er drei Dutzend Austern und vier Butt verzehrt.

Die Alte würgte an dem Bissen. Da nahm Fred einen fetten Makrel vom Herde und setzte sich neben Gerda, zerschnitt den Fisch, kaute die Stücke mit seinen Zähnen vor und schob die Bissen in den zahnlosen Mund des Weibleins, das sich wie ein Vogel atzen ließ: »Du Braver, der Finstre bleibe fern von dir, und der Lichte segne dich, mein Sohn!« murmelte sie.

»Sie flüstern zärtlich miteinander, er wird Gerda freien,« brüllte Frod. Ein schallendes Gelächter folgte. Unbekümmert darum fuhr Fred fort zu atzen, bis sie satt war. Hinter den Schmausenden standen wohl sechzig Hunde mit glühenden Lichtern und warteten auf die Gräten und Abfälle, die ihnen zugeworfen wurden. Der Hund war das einzige Haustier der Fördeleute, aber er war ein wachsamer, treuer und bei der Jagd unentbehrlicher Geselle. Darum sind im Abfallhaufen alle Wildknochen von Hunden abgenagt, aber keine Haustierknochen gefunden worden.

Die Stätte wurde leer. Die Menschen verkrochen sich in den Hütten. Dort warfen sie sich auf das Lager von trocknem Laub, darüber ein Hirschfell gebreitet war, ein zweites Fell diente als Decke und ein Stück Holz als Kopfpfühl. Aber jene Urmenschen schliefen in dem Bett gut und fest. Die Hunde wachten in der linden Nacht. Auch zwei Männer mit Beil und Speer hielten auf dem Abhang Wache und Auslug. Nie war man vor einem Überfall sicher in jener Zeit.

Obgleich an der Förde Wald- und Wasserfriede, Jagd- und Fangfriede war, bestand zwischen den fünf Sippen an dieser Bucht nur ein gelegentlicher und vorsichtiger Verkehr. Zwei Dörfer, die zu schwach an Zahl und Kriegerkräften, aber voll Argwohn und übler Erfahrung ihre jungen Weiber behüten wollten, schlossen sich schroff ab. Die beiden urewigen, allmächtigen Menschentriebe, der Hunger und die Liebe, waren die stärksten Triebe für alles Tun und Lassen jener Urbewohner und die Ursache all ihrer Fehden. Um die besten Bänke und Jagdgründe waren seit Jahren keine Kriege mehr geführt worden, weil das Abkommen die Grenze setzte, auch die geringe Volksmenge ihre Nahrung fand. Aber um ein junges Weib, von einem anderen Stamm geraubt, ist manchmal auf Tod und Leben gekämpft worden. Darum sperrten einige Sippen sich ab und luden die Nachbarn nicht zum Fest und Feuertanz. Die Gemeinde, die am nächsten ost- und meerwärts am Näs – der vorspringenden Landzunge – wohnte, die nach ihrem Häuptling die Nan-Leute, nach ihrem Wohnort auch die Näs-Leute hieß, hatte je und dann einen seltenen und förmlichen Verkehr gepflogen. Nur die Ältesten, die nicht mehr an Frauenreize dachten, hatten auf Ladung hin den Grenzstein überschritten und zu gemeinsamer Beratung des Dorfes Ring und Ting betreten. Seit kurzem aber hatten die Verhandlungen zu einem gegenseitigen Schutzbündnis geführt, und das war der diplomatische Erfolg des schlauen Fin.

Zwei ältere, ergraute Männer, aufrecht, gemessen, würdevoll schreitend, kamen ohne Waffen am Strande entlang, querten zum Gruß die Arme und blieben vor Fin stehen. Frod lag in der Nähe und lauschte, sprang empor, rannte zur Werkstatt und rief: »Die Nan-Leute haben uns zum Frühlingsfest geladen, hoioho.«

»Hm–hm, das kann Gutes – oder Böses bringen.« Fred nickte nachdenklich und geistesabwesend. Er war in allerlei Versuche vertieft und ließ sich ungern stören. Ihn ließ das Fest sehr kühl, aber sein Bruder war Feuer und Flamme, rannte zum Tingplatz und übte sich stundenlang mit anderen Jünglingen im Ringen und Schwingen, im Stein- und Speerwurf.

Fred saß bei seiner Arbeit, sinnend und suchend. Die Schäftung des Beils vermittelst des Fellseils, das Beil und Schaft fest verband, war unschön und unvollkommen und befriedigte ihn nicht mehr. Mehr als zwanzigmal hatte er versucht, in das Feuersteinbeil ein Schaftloch zu bohren. Mit dem Hammer und dem stärksten Steinbohrer hatte er unermüdlich gearbeitet und auch einen gewissen Fortgang, eine kleine Vertiefung erzielt, aber immer und urplötzlich war der allzu spröde Feuerstein zersprungen und seine Arbeit zerstört. Er seufzte aus tiefster Seele. Ach, es gab keine Lösung, es war schier unmöglich, den Feuerstein zu durchbohren, und der Granit war zu hart, der Sandstein zu weich. Kürzlich jedoch hatte er am Strande einen Feuerstein gefunden, der von Natur ein Loch besaß, das an der einen Seite die rechte Größe hatte, am Ausgang aber zu eng und eckig war. Hochrot vor Aufregung und mit äußerster Vorsicht schlug er kleine Stücke ab, um das Loch zu erweitern – und es gelang ihm. Eia, eia! Das erste Beil mit Schaftloch, das ein Mann der Steinzeit erfand, war fertiggestellt worden!

Freilich, eine Schwalbe macht noch keinen Sommer; die große Frage war nicht gelöst. Ein solcher Fund war nämlich eine große Seltenheit – er hätte jahrelang suchen und scharren müssen, ohne einen ähnlichen Feuerstein zu finden.– – –

Die gemeinsame Morgenmahlzeit am Abfallhaufen war beendet und alle voll und satt bis zum Halse; denn gestern war ein Elchtier in der Grube gefangen worden und viel Fleisch im Dorfe. Fin ließ als Oberpriester die Trommel schlagen und seine Untertanen zum Gottesdienst rufen. Die höchstgelegene Hütte, durch eine Zwischenwand in zwei Teile getrennt, war der Tempel der Sippe. Zur Rechten stand der lichte, auf der Sonne thronende Gott, der Leben, Gesundheit, Wild, Fische und alles Gute spendete, zur Linken sein Gegner, der Finstre und Furchtbare, der in der Erdtiefe hauste, Hunger und Seuche, Unheil, Tod und Verderben sandte. Beide waren roh behauene Holzklötze, an denen im Halbdunkel nur der breite Mund und die unförmliche Nase zu erkennen war.

Jene Urmenschen beobachteten genau den Gang der Gestirne und den Lauf der Sonne, der großen Lebenspenderin. Fin stand auf der Höhe, beschirmte mit der Hand die Augen, sah nach dem leuchtenden Himmelslicht und sagte feierlich: »Die Sonne wirft ihren ersten Strahl über den Wipfel jener Fichten – der Lenz ist gekommen und der Sieg des Lichts ... heute ist Frühling und Frühlingsfest ... hoioho!«

Sie feierten kein Fest, ohne den Göttern zu danken. Einige Männer, wie Run, dessen Lieblingssohn die häßliche Hautflechte hatte, opferten dem Finstren, um ihn zu versöhnen und ein Unglück abzuwenden; die meisten legten ihre Gabe, eine Knochenharpune, eine Speerspitze, ein Bernsteinstück oder ein Tierfell, vor dem lichten Gott hin, dessen Gesicht nicht so grausig wie die Fratze des finstren Fetisch war.

Als das Opfer beendet, wandte Fin sich an seinen Stiefsohn Fred und schalt: »Du hast nichts geopfert ...«

»Ja, ein Stück Bernstein, ein blankes ...«

»Wertloses wirfst du dem Gott hin – opfre ihm das Beil mit dem Schaftloch!«

»Nein, nimmermehr! Denn es gibt nur das Eine und Einzige,« antwortete Fred.

Sein Bruder Frod raunte: »Oh, der Fuchs! Wo bleiben die Opfergaben, die des Nachts verschwinden? Gib nicht dem Gott, der Fin heißt, das feine Beil, sondern schenke es mir!«

»Nein, es ist mein Eigenes und Einziges.«– –

Die Sonne stand auf ihrer Mittagshöhe. Nur die Männer bestiegen die Einbäume, um nach dem Näs zu fahren und das Lenzfest zu feiern. Der Häuptling grinste: »Heute fehlt keiner, keiner, aber, wenn es zum Fang geht, drückt man sich gern.«

»Ja, einer, Fred, fehlt.«

»Ich weiß, wo er steckt,« rief Jung-Bor und lief zur Werkstatt, um ihn zu holen.

Der Meister des Dorfs war so völlig in sein Werk vertieft, daß er den Stand der Sonne vergessen hatte. Vor der Hütte brannte ein gelindes Feuer, vor dem er mit gespannter Aufmerksamkeit hockte. Seine Töpfe brannte er heute. Meistens benutzte man als Trinkgefäß die Hände, oder ein ausgehöhltes Stück Holz, doch hatte man in den Förde-Dörfern schon lange Töpfe und Schalen aus schwärzlichem Ton, die oft schief und unschön und immer plump und schmucklos waren, verfertigt. Fred machte aus dem Lehmteich lange Bänder, die er in Spiralen übereinander legte, mit einem flachen Holzstab zusammenpreßte und sorgfältig glättete. Mit peinlicher Genauigkeit, mit einem erstaunlichen Augenmaß vollendete er die äußere Form des Topfes, war diese nach seiner Meinung vollkommen – sonst stampfte er sie in die Breimasse hinein,– nahm er den zackigen Rand der Herzmuschel, den er rings um den Topf unter dem Rande in den weichen Ton hineindrückte, Reihe um Reihe. Zur Abwechslung ergriff er eine regelmäßig geflochtene Schnur, die er um den Topf legte und in die Masse hineinpreßte. Mit Herzmuschel und Schnur arbeitete er reihenweise. Zuletzt kam das Brennen des Topfes, eine schwierige Sache, denn das Feuer durfte nicht zu stark und nicht zu schwach sein, und der richtige Augenblick, wo man den Topf aus der Glut riß, mußte auf die Minute beachtet werden. Fred stand sprungbereit vor dem Feuer und hörte gar nicht Bors Ruf:

»Sie warten im Boot– – komm schnell, komm schnell!«

Aber auch Bor blieb staunend stehen. Der Töpfer, der ein Fellstück um Arm und Hand gewickelt hatte, griff zu und nahm den Topf aus dem Feuer. Lange, mit liebkosendem Blick betrachtete er sein Werk. Dort stand der Topf, ebenmäßig in gefälliger Rundung, blank und glänzend vom Brennen, und ringsum liefen regelmäßig die hübschen Verzierungen, die er mit den einfachsten Mitteln, einer Herzmuschel und einer Schnur, erreicht hatte. Es war ein schmucker Topf und der erste mit hübschen Ornamenten, der an diesen Förden gemacht worden war. Darum war die Wirkung auf Bor eine so große, daß er sofort die Zierate betasten wollte. Au, au, er hatte sich die Finger verbrannt.

Beide ergötzten sich an dem Anblick und vergaßen ganz die Zeit, und daß Herr Fin fluchte. Endlich brachen sie auf. Kein Mann verließ das Dorf, ohne sich zu bewaffnen. Fred hängte das Beil mit dem Schaftloch, das er geglättet und geschäftet hatte, über die Schulter und nahm den noch warmen Topf, den er in Fellstücke wickelte, unter den Arm. Bor blickte ihn verwundert an: »willst du mit dem prächtigen Ding vor den Näsleuten prunken, damit sie aus Neid und Gier uns überfallen und unsere Töpfe und Schätze rauben?«

»Kleine Geschenke machen große Freunde ... ich möchte Freundschaft und einen ewigen Frieden haben zwischen allen Sippen der Förde ... wie herrlich wäre es, wenn kein Totschlag mehr wäre auf Erden ...«

Bor war für sein Alter verständig und nüchtern. »Du hast seltsame Gedanken – verschlingt nicht ein Fisch den anderen? Frißt nicht der Wolf das Reh und jedes kleine Lebewesen das noch kleinere? Nie war und nie wird ein ewiger Friede sein.«

»Ja, Tier bleibt Tier tausend und zehntausend Jahre, aber der Mensch, ist ein höheres Wesen und Wandelt sich zum Besseren und wird, wie meine Töpfe, immer vollkommener werden, und dann wird Friede sein zwischen allen Sippen. Nur der Anfang ist schwer. Ich kann zwei Dutzend Töpfe in sechs Tagen machen, der Ton kostet nichts, ich verschenke sie an die Näsleute, damit wir Freunde an der Förde haben.«

Die Einbäume waren schon fortgerudert. Bor und Fred blieben aber nicht zu Hause, sondern liefen am Strande entlang und trabten eilig, um gleichzeitig mit den Genossen das Näs zu erreichen. Es wäre den Schnelläufern gelungen, wenn nicht ein Zwischenfall sie aufgehalten hätte. Als sie aus dem Walde traten und vor sich das sandige Näs und die Dorfhütten, die flach am Strande lagen, erblickten, blieben beide wie auf Befehl stehen, und ihre Ellbogen stießen sich an. Vor ihnen bildete die Förde eine kleine schilflose Bucht, und im klaren Wasser tummelten sich sechs bis sieben junge Mädchen des Dorfes in weithin schimmernder Weiße unter dem schwärzlichen Haar. Die lustigen Dirnen kicherten, tauchten, sprangen und bespritzten sich mit Wasser, ohne eine Ahnung von den stillen Beobachtern ihres Spiels zu haben.

Bor wisperte: »Laß uns zum Scherz ihre Kleider rauben und damit in den Wald laufen...ihr Gekreisch und Geflatter möchte ich sehen und hören.«

Jedoch der andere wollte nicht den derben Spaß, sondern trat sittsam hinter einen Baum und stieß einen Warnungsruf aus. Die Weiblein schrien laut auf, sprangen wie Fischottern aus dem Wasser und fuhren in Fellrock und Felljacke hinein. Aber Bor und Fred liefen auch, was sie laufen konnten, und hatten die bekleideten Wassernixen erreicht, ehe diese in den Wald entwischen konnten. Drüben ein hastiges Zupfen an der Jacke und ein leises Gekicher, ein verschämtes Niederschlagen der Augen und ein verstohlenes Schielen nach oben, hüben Freds freundlicher Gruß und Bors freche Rede: »Puh, die Sonne wärmt zu gut ... Kinder, zieht doch die Jacke aus!« Dreist wollte er den Dorn, den das schönste Mädchen vorn auf der Brust als Nadel befestigte, herausziehen – da stach sie ihn mit dem Dorn tüchtig in den Finger und sagte: »Schrei doch, mein Junge!« Der Jüngling aber verbiß den Schmerz und die Abfuhr. Sein Genosse schmunzelte in den Bart und beäugte die Mädchen vom Näs. Sie waren einander ähnlich wie eine Krähe der anderen; schwärzlich das grobsträhnige Haar, klein die Augen, breit die Backen, sehr voll die Lippen, tief gebräunt Gesicht und Hals, Arme und Hände, aber groß und weiß die Zähne, wenn sie lachten. Nur die eine, die Große und Stattliche, die mit dem langen Dorn und der spitzen Zunge gestochen hatte, war ganz anders; länglich, viel heller und hübscher ihr Antlitz, groß und braun ihr Auge und ihre leicht gerümpfte Nase nicht plattgedrückt, sondern gerade und von seiner Form. Ein Goldfasan unter all den Krähen!

Sie lächelte lustig-freundlich, denn Fred starrte sie an, ohne einen Ton hervorzubringen. »Was guckst du wie ein Laubfrosch mich an?«

Der junge Mann antwortete tiefernst: »Du! Ich möchte dich heute und morgen und alle Tage anschauen ... du bist kein Weib von unserer Förde ...«

»Ich habe neunzehn Sommer und Winter gesehen, und neunzehn Sommer lebte ich an diesem langweiligen Sandnäs.«

»Dann war dein Vater ein Fremdling im Lande ... oder deine Mutter.«

»Du bist weiser, als ich wähnte ... ja, ich bin als Säugling vom Himmel gefallen und im Boot gefunden worden.«

Fred holte tief Atem und hauchte: »Darum bist du so wunderbar ... du ... du sollst mein Weib werden ...«

»Haha! Du heuriges Häslein! Ich warte auf den Königssohn aus dem Südland, der, zwei Haupt höher als du, mit tausend Kriegern kommen und mich zur Königin aller Förden machen wird.«

»Ich bin kein Kriegsherr und kein König ... aber ein Waffen- und Werkzeugmeister!« setzte er mit Stolz und mit Nachdruck hinzu.

Sie betupfte mit zwei Fingern das Fellpäckchen, das er unter Arm und Jacke hielt, und lachte: »Hast du dein Kindlein mitgenommen zum Fest, du guter Vater?«

»Ich bin unbeweibt, aber mein Kind, mein letztes sollst du sehen.« Er wickelte plötzlich den Topf aus der Umhüllung und hielt ihn auf der flachen Hand vor ihr hin.

Ei! Sie erstaunte nicht wenig, und ihr Auge ergötzte sich an dem glänzenden Schwarz, der seinen Rundung und den vielen Verzierungen des Topfes. Das war etwas anderes als die plumpen Gefäße, die sie am Näs hatten. »Oh, wie sein ist die blanke, glatte Fläche! Wie schön sind die Schnüre und Zierate! Du bist ein Meister!« Sie streichelte und liebkoste den Topf. »Ich würde dir diese meine beste Halsschnur für den Topf geben.« Sie bezweifelte sehr, daß er auf den Tauschhandel eingehen werde.

»Da! Nimm ihn hin!« sprach er. »Ich schenke ihn dir, wenn du mir deinen Namen nennst.«

»Ich heiße Funda ... oh, der Topf ist mein, mein! Haha! Was werden Hama und Oda sagen, und Ena wird vor Neid Bauchgrimmen bekommen ... Dank, zwei Stieg Dank dir, du Guter!« Mit beiden Händen den Topf haltend, tanzte sie mit Anmut um ihn herum. Jauchzend lief sie zu den Gefährtinnen, die mit Bor schäkerten, um das wunderbare Geschenk zu zeigen.

Funda hüpfte allen voraus nach dem Dorfe am Näs, um allen das Kunstwerk vor Augen zu halten. Aber kein einziger durfte es anfassen.

Fred war am Näs ein berühmter Töpfermeister, noch ehe sein Fuß das Dorf betreten hatte. Jene Menschen der Steinzeit hatten einen nicht geringen Schönheitssinn. –

Am Grenzstein standen zwei von den Ältesten der Nan-Sippe, begrüßten feierlich die Gäste und bedeuteten ihnen, daß hier die Waffen niedergelegt werden müßten. Kein Mann durfte während des Festes Beil oder Keule, Speer oder Wehr tragen – das war ein uraltes und urweises Gesetz an allen Förden.

Das Steinbeil, das durch ein Fellseil mit seinem Schaft verbunden war, und das Bor, der nach Jünglingsart gern wie ein Kriegsmann sich schmückte, heute geliehen hatte, erregte die Aufmerksamkeit der beiden Alten. Ihr Erstaunen nahm zu, als Fred das Beil mit Schaftloch, das er trug, in ihre Treuhände legte. »Heiliger Donnerschlag! Welch ein Beil hast du!« Sie holten damit aus und hieben in einen Baum hinein – wie tief fuhr die Schneide in das Holz! Sie prüften die geschliffene Fläche und die scharfe Schneide und fragten eifrig, wie er das gemacht habe. Aber der Meister lächelte nur und verriet sein Werk-Geheimnis beileibe nicht dem Nachbarvolk. –

Fin, kürzlich angekommen, blickte Fred und Bor unfreundlich an: »Seid ihr mit dem Floß gefahren?«

»Nein, auf unseren Füßen gelaufen ...«

»In einer Stunde! Gut, daß ich so schnellfüßige Leute habe ... in der nächsten Fehde sollt ihr meine Läufer sein.«

Die Läufer und die Späher, die des Feindes Stärke und Stellung auskundschafteten, hatten ein gefahrvolles Amt. –

Der Häuptling Nan, ein grobschlächtiger Mann, dessen Haar, von einer Bastschnur zusammengehalten, auf dem Rücken hinunterhing, und dessen Gesicht so völlig vom Bart bedeckt war, daß man nur einen Streifen der Stirn und zwei verkniffene Augen sah, lud die Gäste zum Mahl. Sie hockten nach Wildmannsart auf den untergeschlagenen Beinen und kauten, schmausten und schmatzten mit Ausdauer und ohne Tischgespräch. Geröstete Aal, Butt und Makrele, Fleisch von Reh, Elch und Hirsch wurden heiß vom Herde gereicht. Die Frauen hatten aus dem Honig der wilden Bienen, den man in hohlen Waldbäumen fand, ein Gebräu gekocht, das sie in Tongefäßen gären ließen. Nach dem Mahle gingen einige Weiber mit den Töpfen voll Honigtrank und mit einer Holzschale die Reihe entlang, und jeder tauchte die Schale in den Topf, füllte und leerte sie. Fin schmatzte mit den Lippen und lobte: »Ah! Der Trank ist süß und würzig.« »Und macht das Herz heiter und die Seele lustig,« grinste Nan und kniff die Augen ganz zu.

Die Sippe Fins kannte das Gesud und das Gären noch nicht. Darum fragte er eifrig, wie dieses Getränk herzustellen sei. Und Nan bewahrte das Geheimnis durchaus nicht, sondern gab genaue Anweisung und grinste in sich hinein.

Jetzt kam Funda mit ihrem Topf und einer Holzschale, füllte diese und reichte Fred, dem Meister, den Ehrentrunk. Es ruhte sein Blick in ihrem Auge, während er langsam trank. Aber auch ein anderer betrachtete das junge, anmutige Weib mit Wohlgefallen. Sein Bruder Frod schaute ihr nach mit großen, gierigen Augen. –

Fred richtete eine leise Frage an den Näsmann, der neben ihm saß. Ja, Funda sei ein Fremdling, ein Findling ... vor achtzehn Wintern seien sie mit den Booten aus der Förde herausgefahren, um den Hering zu fangen ... nach tagelangem Ostwind sei es gewesen ... draußen vor der Münde sei ein seltsames Wrack angetrieben, ein Schiff aus vielen Hölzern gebaut und dreimal so lang wie ihr Einbaum ... in dem Wrack des Vielbaums habe eine Holztruhe, darin ein Halbjahrskind lag, gestanden. Das Mägdlein sei von Nan als Pflegetochter angenommen und längst sein Liebling geworden. Es sei närrisch, wie sein Vaterherz weit mehr an ihr, als an all den vierzehn Bälgen, die seines Fleisches und Blutes seien, hänge, und rein zum Lachen, wie die verhätschelte Funda dem barschen Gebieter den Bart zupfe und mehr als eine Nase ihm drehe.

»Auf zum Feuer! Zum Feuer!« Alle rannten. Aber Fin konnte nicht von dem süßen Honigbier lassen, er und die Alten blieben bei den Töpfen zurück. – An der ganzen Förde brannten die Lenzfeuer zum Preis der siegreichen Sonne, die immer höher steige. Auf dem flachen Näs war ein haushoher Haufen von dürrem Holz, mit Harz getränkt, entzündet worden und lohte gen Himmel. Rings um das Feuer sprangen die Männer und Weiber, Gäste und Gastgeber und stießen wilde Freudenschreie, Jodler und Jauchzer aus, die über das blinkstille Wasser gellten. Hoioho! Juheujeuhe Es war ein grausiges Geheul. Funda hielt sich die Ohrmuscheln zu.

Dann wetteiferten die Jünglinge, wer am kräftigsten brüllen könnte. Keiner am Näs siegte in dem edlen Wettstreit, sondern von den Fin-Leuten hatte Frod die stärkste Lunge. Funda lachte ihn an und aus. »Du bist der größte Brüller im Lande.« Von Stund an blieb er an ihrer Seite und redete viel, aber immer karger wurde ihre Antwort. Ging sie ums Feuer, nach rechts oder links, unverfroren folgte er ihr mit seinem Geschwätz, plötzlich war sie verschwunden und wie versunken. Er glotzte nach allen Seiten und bemerkte nicht, wie sie sich hinter der dicken Hama duckte und deckte und dann von Baum zu Baum hüpfte.

Während die Jünglinge das Feuer umsprangen, stand Fred weit abseits hinter einer Eiche in so tiefsinnigen Gedanken, daß er Funda erst bemerkte, als sie ihn anstieß und anlachte: »Du Trübsinniger! Wo weilen deine Gedanken?«

»Bei dir!« sagte er todernst, »wenn du erst mein Weib bist, will ich dir wunderfeine Töpfe brennen und den schönsten Bernstein, daß du staunen wirst, dir schenken.«

»Bilde dir nichts ein, mein Bürschlein! Ich wollte dir nur melden, daß dein Vater eine Leiche ist, hihi.«

»Und du lachst? Sie haben ihn im Streit erschlagen ...?«

»Nein, der Honigtrank erschlug ihn.«

Fred betrachtete das junge Weib in stummer Bewunderung und fand kein Wort. In ihm war ein tiefes Erstaunen, als wenn er heute, wie bei seinen Arbeiten und Versuchen – die größte Entdeckung gemacht und den glücklichsten Griff getan habe. –

Frod hatte die Verschwundene überall gesucht und sah sie schließlich neben seinem Bruder. Da schoß er hinter den Bäumen vor und schlang dreist den Arm um sie. Funda schrie auf, mehr zornig als erschrocken: »Geh, du Arger! Du hast den bösen Blick des Bären, der im Winterschlaf gestört wird.« Die Geschmeidige entwand sich ihm, hüpfte hinter einen Baum und höhnte: »Fifi! Du plumper Petz, nimm die dicke Hama, die für deine Tatzen paßt!«

Frod wurde bei dem Spott krebsrot. Aber Fred bat sanft für seinen Bruder: »Zürne nicht dem allzu Kecken! »Er ist mein Zwillingsbruder ... gib ihm ein gutes Wort!«

»Wohlan!« sagte sie. »Komm, du rauhbeiniger Bär, und zeige im Wettkampf, was du für ein starker Bamse bist!«

Auf der Tingstätte war der Kampfplatz. Je zwei gesetzte Männer aus den beiden Dörfern waren Schiedsrichter.

Die Krieger warfen mit den Speeren. In der Eiche war handbreit und -hoch die Borke weggehauen, und diese kleine weiße Fläche mußte getroffen werden, aber so, daß der Speer stecken blieb. Erst wurden fünfundzwanzig, und dreißig, zuletzt vierzig Schritt abgemessen. Groß war die Speerkunst der Männer, die mit der Steinspitze den hellen Fleck trafen, aber je größer die Entfernung, desto seltener der Treffer. Sieger blieb ein Näsmann. Seine Landsleute jauchzten. Die Finleute schwiegen und forderten zum Ringkampf heraus.

Nackt rangen die Jünglinge miteinander, wer den Gegner, wie eine Schildkröte, auf den Rücken legte, war Sieger. Zuletzt hatten Frod und Nans ältester Sohn, Rafn, sich gefaßt. Ihr Schweiß strömte, ihre Muskeln sprangen hervor, ihre Knochen knackten. Die beiden rangen bis zur Erschöpfung. Fred, den das Spiel kalt ließ, betrachtete Funda, die ihren Bruder anfeuerte: »Reiß ihn! Rafn, reiß ihn in den Sand!« Gönnte sie dem groben Bären die Niederlage? »Greif unter, greif unter!« rief sie heftig. Und Rafn warf durch geschickten Untergriff den Gegner und lachte: »Du bist die Schildkröte!« Funda kicherte, die Näsleute jauchzten. Die Finleute schwiegen sehr verdrossen.

Bor trat an Fred heran und sagte leise: »Du! Die Ehre unserer Sippe muß gerettet werden.«

»Rette du sie!« war die kühle Antwort. »Ich liebe nicht das wüste Gebalge.«

Das begriff Bor nicht.

Der Faustkampf nämlich war das liebste und am höchsten geachtete Kampfspiel bei jenen Völkern. Er ist es durch fünf Jahrtausende und als »Boxen« bei unsren höchst gesitteten Zeitgenossen ein lobesamer Sport geblieben. Das ist ein Kampf, Mann gegen Mann mit den natürlichsten Waffen, den geballten Fäusten. Große Schnelligkeit und Leichtigkeit in allen Bewegungen und dabei die Fähigkeit, im rechten Augenblick wie ein Sturmbock vorzustoßen und sofort wieder zurückzuschnellen, aber auch ein wenig Schauspielerei in Miene, Körperhaltung und Beinbewegung, halb ausgeführte Scheinstöße, und dann der plötzliche furchtbare Angriff – das war und ist die Kunst des Faustkampfes, der viele erlaubte und – unerlaubte Finten gebrauchen kann.

Brav und mutig trat Bor in den Ring, wurde in zwei Gängen glatt und platt geschlagen und mehrte die Unehre seiner Sippe.

Jetzt spuckte Frod grimmig in die Hände. »Rafn, komm her!« Jener fuhr los wie ein wilder Bulle, aber dieser merkte bald die Lieblingsstöße des Gegners und fing sie ab. Die Hiebe fielen wie Keulenschläge, ein paar Zähne flogen, Blut floß, es war ein hartes Hauen, als wenn's kein Spiel mehr sei.

Frod schlug immer rasender – da brüllte Rafn erbost: »Er hat ein Bein gestellt und unter den Bauch gestoßen.« Nach dieser unstatthaften Finte fletschte Rafn die Zähne, und Frod duckte sich wie ein Raubtier. Das Spiel wäre blutiger Ernst und Totschlag geworden, wenn die Schiedsrichter nicht dazwischen gesprungen wären und den Kampf für unentschieden erklärt hätten. Tiefes Schweigen ringsum. Weil es alte Sitte und ein ungeschriebenes Gesetz war, daran die Schiedsrichter erinnerten, tauschten Frod und Rafn einen zögernden, kalten Händedruck. Wo sie sich fortan trafen, grüßten sie sich mit einem lauernden Blick.

Das Feuer wurde geschürt. Die jungen Weiber tanzten den Festreigen. Auch Funda warf ihr Gewand – bis auf das Schurzfell – von sich und schwebte um das Feuer mit einer Anmut, die alle Augen auf sich zog. Frod verschlang ihre Gestalt mit gierigem Blick. Plötzlich setzte sie sich mit einem Wehlaut auf einen Baumstumpf – sie war mit dem Fuß in ein Loch getreten und hatte den Knöchel verrenkt. Als sie aufstehen wollte und der Fuß versagte, sprang Frod herbei, und mir nichts dir nichts nahm er das Weiblein auf seine Arme, zärtlich gurrend: »Ich trage dich in deine Hütte, mein Täubchen.« Ein schmetterndes Gelächter erhob sich, denn das Täubchen wurde zur Katze, raufte und riß so kräftig in seinem Bart, daß er vor Schmerz fauchte und das Kätzchen fallen ließ.

Frod verschwand im dunklen Hintergrund und fraß die Wut in sich hinein. Ar schielte hinüber und sah, wie sein Bruder, der die Heilkräuter kannte und auch ein tüchtiger Medizinmann seiner Sippe war, bescheiden vortrat und schüchtern fragte: »Darf ich deinen Fuß reiben und wieder einrenken?«

»Ja, dir vertrau ich.«

Er zögerte. »Es wird ein wenig weh tun ...«

»Oh, ich beiße die Zähne zusammen und schreie nicht...«

»Auch nicht, wenn dir ein Backenzahn gerissen wird?«

»Nein, faß nur den Fuß kräftig an!«

Er rieb, drückte und knetete von den Zehen aufwärts und über den Knöchel hinaus. Dann, mit einem jähen Ruck riß er den Knöchel ins Gelenk zurück. Es war ein arger Schmerz, und ihr Körper machte einen förmlichen Satz, aber über ihre Lippen kam kein Laut.

Er bewunderte das tapfere Mädchen. »Du hättest schreien müssen.«

»Ich schreie nie bei Schmerzen ...«

»Was hattest du mit deinen achtzehn Wintern für Schmerzen?«

»Oh, viele, viele ... ich möchte wissen, wer die Sonne am Himmel lenkt und wer die Sterne zündet ... ich möchte sehen, welche Menschen hundert Tagreisen weit unten im warmen Südlande wohnen, und ob sie froher und glücklicher sind als wir, ach, wie die Möwe möchte ich fliegen über das Meer hinaus und schauen, wer dort drüben wohnt hinter dem endlosen Wasser. Sehen und wissen möchte ich alles, was ich nicht weiß ... und das macht mir Schmerzen und Sehnen.«

Fürwahr, ein seltsames Weib, desgleichen er noch nie gesehen! War nicht das Forschen, Suchen und Versuchen auch seine Lust, und das viele Nichtwissen und Nichtkönnen in allem, was er tat, sein Leid?

Als Funda vorsichtig den Fuß ansetzte und ein paar hinkende Schritte machte, nahm sie ohne weiteres seinen Arm, ja, sie legte die Hand auf seine Schulter und lehnte sich auf ihn, während er sie zur Hütte führte. Alles Blut strömte heiß zu seinem Herzen, alle Rede stockte ihm. Nicht nur das Auge seines Bruders war voll Zorn und Neid, sondern auch die jungen Männer des Näs begleiteten das Paar mit unfreundlichen Blicken.

Funda flüsterte: »Du stützest mich brav und lind ... ja, dir vertrau ich, denn deine Augen sind gut.«

Seine Träumeraugen und ihre großen, glänzenden Lichter ruhten ineinander. Dann hauchte sie die Worte, und ihr Atem küßte seine Wange: »Komm wieder, komm wieder, wenn der Kuckuck ruft, aber ohne den breitrückigen Burschen, dem ich nicht traue!«

Fred ging von ihr in einem tiefen Staunen, als wenn er das Neueste und Größte gefunden und das Rätsel des Daseins gelöst habe. Als er das wunderbare Bernsteinstück am Strande liegen sah, hatte sein Herz auch gehämmert, aber dieses Erlebnis heute war noch viel wonniger und wunderbarer. Er hätte über das schlafende Gewässer der Förde einen Jauchzer senden, er hätte drei Schuh hoch springen mögen, so übervoll war ihm das Herz. –

Da faßte eine Hand, die hinter der Eiche hervorkam, den Träumer am Arm. Es war Frod, der unwirsch und höhnisch fragte: »Hast du sie geherzt und geküßt? Haha!«

»Bist du von Sinnen?«

Der Tollkopf fuhr sich mit beiden Fäusten ins Haar und schrie mit kreischender Stimme: »Du Sanftmütiger, ich wette dein und mein Leben! Bevor die Sonne zur Winterwende am tiefsten sich neigt, hole ich mir in einer finstren Nacht das junge Weib aus dem Näsdorf, jaja!«

Da schalt Fred mit harten Worten, voll Zorn wie noch nie: »Du elender Wicht! Der Raub eines Weibes bedeutet Todfehde zwischen Nan und Fin. Weil dich nach der fremden Dirne gelüstet, soll Männermord zwischen den Nachbarsippen sein, bis mehr als die Hälfte der Männer erschlagen liegt? Frage morgen Gerda! Die Uralte erzählt es mit ihrem zischenden Munde gern, wie grausig die letzte Weiberfehde endete.«

Jetzt lenkte Frod ein: »Ja, es war eine trunkene Rede ... vergiß das törichte Geschwätz!«

Von Funda ist nicht mehr gesprochen worden.

Dieweil Herr Fin auf dem Rücken lag und mit weit offenem Munde schnarchte, und weil das Honiggetränk ihm zu stark gewesen, nicht wachzurütteln war, rief sein Sohn zur Heimkehr. Vier von seinen getreuen Mannen huben den Gewaltigen wie einen Ledersack auf ihre Schultern und warfen ihn unsanft und ohne Ehrerbietung in den Einbaum hinein. Nan und die Näsleute gaben dem Zuge das Ehrengeleit unter prustendem Gelächter, und sie standen am Strande voll von jener tiefen, stillen Schadenfreude, welche schon dazumal die ungetrübteste von allen Freuden war. Ja, der süße Honigtrank hatte den großmäuligen Nachbarhäuptling besiegt.

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