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Steinbeil und Bronzeschwert

Johannes Dose: Steinbeil und Bronzeschwert - Kapitel 10
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typefiction
authorJohannes Dose
titleSteinbeil und Bronzeschwert
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year1929
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X.

Noch war dunkle Nacht. Herr Frod schlief seit der dritten Morgenstunde nicht mehr, lag still und schwelgte im Vorgenuß seines Liebesglücks. Da klangen schwere Schritte, von draußen rief eine rauhe Stimme: »Unser Einbaum ist verschwunden.«

Frod brüllte zurück: »Sucht ihn! Er ist abgetrieben, weil er schlecht festgebunden war.«

Die Stimme draußen brummte höhnisch: »Auch Funda ist verschwunden, weil sie schlecht angebunden war.«

Von drinnen kam ein Aufschrei, der zum wilden Geheul wurde. Der Häuptling, nur mit dem Schurz bekleidet, rannte, raste durchs Dorf, schlug wild die Trommel und brüllte wie ein Tier. Plötzlich stand sein Bruder, sehr blaß und müde, neben ihm. Frod packte und schüttelte ihn, würgte ihn am Halse und wütete: »Wo ist Funda? Schaff sie herbei! Oder du stirbst!«

Da gebrauchte Fred seine Fäuste, um sich von dem Wüterich zu befreien, und sagte herrisch: »Genug des Wahnsinns! Sie ist entwichen, weil du sie zwingen wolltest. Suche sie!«

Der Häuptling ließ alle Einbäume bemannen, ließ alle Boote um die Wette rudern und versprach all sein Gold und seine höchste Gunst den Leuten, die den Flüchtling einfingen. Sein eigenes Boot war allen voraus, denn er tobte und schlug die Ruderer blutig mit dem Stock.

Oben vor dem Bildnis der Sonne stand der Priester und betete: »Du lichter, leuchtender Gott, hilf mir heute und erhöre mein Gebet! Blende mit deinen Strahlen ihre Augen, daß sie die Fliehende nicht finden noch fangen!«

Sie haben nicht einmal das im Schilf versteckte Boot, geschweige denn eine Fußspur des Weibes gefunden. Die Höflinge Rust und Rist versuchten ihren Herrn zu trösten: »Sie ist ins endlose Meer, das kein Mensch befahren kann, hinausgerudert, denn sie war kein Mensch, sondern eine Meerjungfer, und trotz ihrer Schönheit ein scheußlicher Zauberbalg, den die Wasser an unseren Strand spien, und den das Meer wieder verschlungen hat.«

Diese Trostworte hatten keine abschreckende, sondern die entgegengesetzte Wirkung. Frod schrie: »Ja, die Meerhexe hat mich verzaubert ... vorwärts! Wir fahren auf das ungeheure Meer hinaus, bis wir sie fahen oder den Tod finden. Ich sterbe ohne das Weib!«

Das war der helle Wahnwitz. Darum hielten alle Männer auf einmal die Ruderstangen still, keiner gehorchte dem Häuptling, wie sehr er auch tobte und schlug. Sie ließen sich wie Hunde verprügeln, aber sie ruderten rückwärts in die Förde hinein.

Die Erregung des rasenden Mannes wurde schließlich zur Erschöpfung. Er warf sich auf den Boden des Einbaumes hin und fiel in einen tiefen Schlaf. Er schlief den Abend, die Nacht und bis in den hellen Morgen hinein.

Fred rüttelte ihn. »Die Boote sind bereit, alle zehn Rotten stehen am Strande, nur der Heerführer fehlt. Wir müssen eilen.«

Der Häuptling stand langsam auf und sagte düster: »Du kannst dir Zeit lassen, denn du bleibst hier, du sollst der Hüter des Dorfes und der Weibel der alten Weiber sein.«

Trotz der Bosheit wurde Fred gar nicht zornig, sondern sagte ganz ruhig: »Nein, ich will nicht Weiberhüter sein, sondern kämpfen mit unseren Kriegern ...« »Ich, der Herr, befehle es dir.«

»Ach, du weißt nicht, was du redest. Wer soll die Waffen, die im Kampf zerbrechen oder schartig werden, neu schmieden und schärfen? Es geht um Tod oder Leben des ganzen Volks, laß den törichten Trotz fahren!«

Fred ging mit dem Heer.

Alle Boote konnten ihre allzu schwere, lebende und tote Last kaum tragen und lagen allzu tief im Wasser. Darum sprangen vier Einbäume leck und mußten bei der Münde auf den Strand gesetzt werden. Eine üble Vorbedeutung und eine schlimme Sache! Hier mußte das kleine Heer sich teilen! Die übrigen Fahrzeuge fuhren an der Küste entlang unter Frods Befehl. Die andern Männer mußten schwer beladen auf dem Lande marschieren und murrten laut, warum nicht das Los geworfen sei, warum sie die viel größere Mühsal leiden, die größere Gefahr laufen müßten. Fred wartete den Befehl seines Bruders nicht ab, sondern erbot sich, das Fußvolk zu führen; und er tröstete die Mißmutigen und Müden, die einen wunden Rücken und wehe Füße bekamen: »Schauet zur Sonne empor! Was der finstre Gott wollte, kann der lichte zum Heile uns wenden.«

Er trug als Führer genau so viel Last wie der gemeine Mann und ermutigte durch sein Beispiel alle, so daß sie den ganzen Tag und die halbe Nacht marschierten, um den Booten zu folgen. Am Abend lugten sie vor der Bar-Insel, wo die Bar-Leute wohnten, aufs Meer hinaus und sahen mit Verdruß, daß Frod, der die Ruderer alle Stunden wechseln ließ, weit voraus war. Erst nach Mitternacht warfen sie sich im Walde zur Nachtruhe hin.

Bald wurden sie durch schreckliches Getöse und Geschrei emporgeschreckt. Oh, ihre Brüder auf dem Meer waren in Kampfnot, und sie konnten ihnen keinen Finger reichen. Sie hörten nur das Schlachtgeheul in der Dunkelheit. Die Riesenvögel der Feinde hatten hinter der Insel auf der Lauer gelegen, stießen wie Seeadler hervor und stürmten wider die niedrigen Einbäume, die sie mit ausgeworfenen Haken entern und, wenn das mißlang, mit dem Vordersteven rammen wollten.

Bei Tagesanbruch trieben zehn Einbäume auf den Strand, die andern waren zerschellt oder gekapert. Fünf Rotten und der Häuptling entrannen dem Verderben. Beim Aufruf fehlten dreißig Krieger. Frod saß auf einem gestürzten Baum, starr und finster, ohne ein Wort zu sprechen. Sein Bruder wollte ihn trösten mit dem Sprichwort: »Je übler der Anfang, desto besser das Ende.«

Frod antwortete mit düstrem Fatalismus: Ja, das Ende ist gekommen, der Furchtbare waltet ... lasset uns ziehen in den Kampf und den Tod!«

»Wir mußten auf dem Lande marschieren ... was wir für ein Übel und Unglück hielten, hat der Lichte uns zum Heil gewendet.« Fred blickte sonnenwärts, um zu danken. – –

An der Nordseite der offenen Förde versammelten sich die kleinen Heere und Haufen der Frod- und Sun-, der Bar-, Bäk- und Näs-Leute und der vielen verbündeten Sippen. Alle Rotten hatten sich zu einem Heer von zweitausend Kriegern vereinigt. Das war für jene Zeit eine ungeheure Menge und gab große Siegeszuversicht. Alle forderten, daß ein Heerführer gewählt werden müsse. Aber sofort erhob sich ein heftiger Streit, denn jeder Häuptling wollte Feldherr des ganzen Heeres sein. Es wurde stundenlang gezankt und gezetert; eine Wahl war unmöglich, weil die drei hitzigsten Bewerber um keinen Preis verzichten wollten. Da fehlte wenig, daß das Schutzbündnis zur blutigen Fehde geworden wäre, und es gab zuletzt keinen anderen Ausweg, als diese drei Starrköpfe zu Feldherren zu wählen, so daß die Häuptlinge der Sun- und der Bäk-Leute den linken beziehungsweise den rechten Flügel führten und Frod die Mitte des Heeres befehligte. Alle Krieger waren kecken Muts und der festen Meinung, daß ihre große Menge großen Sieg verbürge, und viele verteilten schon in Gedanken und Träumen die Riesenbeute. Was ihnen am gräßlichsten gewesen, alle Furcht vor den Elchmenschen war verweht, denn es war inzwischen bekannt und immer fester beglaubigt worden, daß es keine Ungeheuer, sondern Männer wären, die auf langmähnigen Tieren rittlings säßen. Das Grauen vor dem Übernatürlichen wurde zum Gespött, und die Angst zur großmäuligen Selbstüberschätzung, besonders als Flüchtlinge der unterworfenen War-Leute neue Mär brachten: »Der Kampf mit den Himbern ist nicht schwer, wenn ihr die rechte Kriegskunst kennt ... stecht nach den Augen der Pferde, dann stürzen sie wie Steine hin und zerdrücken die Reiter, die wie Fische im Garn zappeln.«

Nach einem großen Geschmause marschierte das Heer um die Förde herum, zweitausend Beile und fünfzehn Bronzeschwerter stark, in hundertneunzig Rotten und drei Haufen geteilt. Die Schlachtlosung lautete: Erst die Rosse schlagen, und dann die Reiter, und keinem Himber das Leben lassen.

Aber sie brauchten sich nicht um die Förde herumzubemühen. Herulf war ein freundlicher Herr, der stets seinen Feinden entgegenkam und auf der Heide, die im Westen der Förde zwischen Wäldern und Mooren lag, sie begrüßen wollte. Schnell hatte er sein Fußvolk herangeholt und in keilförmiger Schlachtordnung aufgestellt, seine Reiterei aber im Walde wohl versteckt. Oben auf einem hohen Hünen- und Steingrab, wo er die weite Heide überschauen konnte, hielt er als Feldherr hoch zu Roß. Die Rotten der Fellgekleideten wälzten sich heran wie eine breite, tiefe Menschenmauer, alle voll Mut und Wut. Von ihrem Gestampf bebte der Grund, von ihrem Schlachtgebrüll zitterte die Luft. Sie heulten: »Haiahahai! Die Elchmenschen wagen sich nicht hervor, statt der Rosse sollen unsere Beile die Schädel der Räuber zerschmettern, jeder Himberhund muß sterben.«

Drüben unter dem Hünengrabe bliesen die Hörner. Ohne Geschimpf und Geschrei, mit festen Tritten und finsteren Gesichtern rückte Herulfs Phalanx heran, von den Gauherren geführt.

Godebart war gestern von seiner Reise zurückgekehrt, hatte seinen Bernstein an Händler aus Ninive und Ägypten für Gold verkauft und glänzende Geschäfte gemacht, wollte den ausbedungenen Anteil an der Bernsteinbeute einheimsen und die andere Hälfte von den Himbern für billigen Preis erwerben. Er war ein großer Kaufherr, aber auch ein tapferer Kriegsmann, der nicht im Lager bleiben konnte, wenn die Schlachthörner gellten. Er ging sogar mit dem vordersten Haufen, der die Spitze des Keils bildete und zuerst mit der Mitte des Feindes zusammenstieß, mit den Rotten, die Frod befehligte, und bei denen sein Bruder Fred als Unterhauptmann stand.

Die Barbaren waren sehr geschickte Schleuderer. Viele Wurfsteine trafen Kopf und Schulter der Himber, die aber einen sehr harten Schädel hatten, die Geschosse abschüttelten und durch die Beulen und Blutschrammen in die rechte Kampfwut gerieten. Alles stachen und schlugen sie nieder, nichts widerstand den Recken, wenn sie Berserker wurden. Wo ihre Lanzen von den Beilen zerschmettert wurden, zischten ihre Schwerter wie lohende Blitze; ihr Stoß oder Hieb traf, ehe das weit ausholende Steinbeil niederkrachte. Manchem Fördemann entglitt das Beil mitten im Schwung, weil ihm ein Blutquell aus Brust oder Gurgel sprang und seine Füße unter ihm brachen.

Fred stand im zweiten Treffen, sah die Genossen wie knickende Halme fallen und erkannte mit Grausen: Nicht das Beil, nur das schnelle Schwert ist dem Schwert ebenbürtig, ach, nutzlos wird unser Blut verschüttet, nur die Flucht kann uns retten. Nein, ein Feigling flieht.

Da hob er sein Auge zur Sonne empor, mit flehendem Blick. Er sah über das Feld und über die Unmenge Feinde, und drüben auf dem Hügelgrab hinter dem Reiter ein großes Gefolge, und neben den hohen Männern eine kleine, seltsame, zarte Gestalt, auf deren Gesicht jetzt die volle Sonne fiel. Ein Antlitz, das er eine Meile weit und unter Tausenden erkannt hätte! Wehe, es war Funda, die das lange Gewand der fremden Frauen trug, die das Weib eines Himbers geworden war. Jetzt war der sanfte Fred in wilde Kampfwut geraten, wie ein Berserker sprang er in das vorderste Treffen, um zu töten oder getötet zu werden.

Hier war es kein Schlachten der weit überlegenen Waffe. Die Schwerter, die er geschmiedet, waren dem Himberschwert gewachsen. Mn wüstes Morden begann, keine Gnade dem Gegner; Todwunde wälzten sich im Heidekraut und würgten einander. Der keuchende Frod sah ein ihm bekanntes Gesicht – ja, es war der lange Gater, den er am grimmigsten haßte. Da rollten seine Augen im Kopfe, er rief: »Steh, du geiler Hund! Du feiger Nachtdieb!«

Godebart stand in seiner ganzen Länge und Kraft und spreizte die Beine. Ihre Schwerter sausten, klirrten, krachten hart auf hart, Schlag auf Schlag, Scharte um Scharte. Der Gater, ein geübter Fechter in Hieb und Stich, stach einmal, dreimal vergebens. Aber Hadurs Lanze flog über seine Schulter hinweg, verfing sich einen Augenblick in dem schwärzlichen Haarwulst da drüben und fiel über Frods Gesicht herab, ohne zu verwunden. Nur einen Atemhauch lang zuckten Frods Augen, aber in dem Hauch fuhr Godebarts Schwert ihm tief in die Brust hinein.

Als Fred seinen Bruder hintenüber stürzen sah, brüllte er vor Schmerz, doch er rächte auch das strömende Blut. Ohne zu achten, daß der Gater sein Schwert herausriß und es ihm in die Schulter hineinschlug, rannte er sein Schwert von unten in den Leib des langen Gaters hinein, so wildgewaltsam, daß die Hälfte abbrach und er den Stumpf in der Faust behielt. Viele Feinde stachen nach ihm. Der waffenlose Mann, der stark blutete, sprang in seine Rotte zurück.

Herr Herulf winkte. Die Hörner bliesen. Aus dem Walde brachen die Reiter hervor und brausten heran wie ein Hagelsturm. Fred übernahm den Oberbefehl über die Mitte des Heeres und rief mit Donnerstimme: »Hauet die Pferde auf die Stirn, stehen, stehen! Hauen, hauen! Stechen, stechen!«

Die Mauer der Fördeleute wankte noch nicht. Da kam ein Geschrei vom linken Flügel her und lähmte die Herzen auch der tapfersten Männer: »Verrat, Verrat! Die Sun-Leute haben ihre Waffen wider uns gewandt und fallen über ihre verbündeten Brüder her ... die Heimtücker haben einen Bund mit den Feinden geschlossen und uns in diese Falle gelockt, wir sind verloren.«

Zu gleicher Zeit stürmten die Reitergeschwader daher und stampften alles nieder; die Rosse bäumten sich hoch auf, halfen ihren Herren und hieben mit den Hufen die Feinde in den Grund, ehe diese ausholen und hauen konnten. Fred, vom Blutverlust ermattet, war niedergekniet, um seine Wunde mit Bastfasern zu verbinden, sprang auf und bedrohte die Fliehenden mit dem Schwertstumpf. Aber die Mauer zerriß. Ganze Rotten fingen an zu rennen. Eine kopflose, sinnlose Angst warf und wirbelte die Masse. Die Heide war purpurrot von Blutlachen; die Walstatt ein wirrer Knäuel von Menschen und Tieren, von Lebenden und Leichen, von stürzenden, sterbenden, laufenden, heulenden Kriegern.

Im Wahnsinn der Flucht hielt Fred zwei Rotten zusammen. Trotz der Wunde rief er knirschend: »Nicht die Gater, die Sun-Leute sind unsere Todfeinde, tötet, tötet die Verräter! Jeden, der eine Giftschlange zertritt, wird der lichte Gott segnen.«

Die Fliehenden fielen über die treulosen Brüder her und erschlugen viele. Fred hatte einen guten Fluchtplan und befahl: »Zu den Booten der Sun-Leute, die unsere einzigste Rettung sind!«

An der Förde lag das Dorf der Sippe. Nachdem sie mit Stöcken und Steinen die Hunde, Weiber und Kinder vom Strande verjagt hatten, nahmen sie so viele Einbäume, wie sie bedurften, auch Speise, Netze und was ihnen nützlich war.

Sie haben ihre Förde und Heimat erreicht und wurden von den Frauen und Greisen, die inzwischen den Holzwall vollendet hatten, mit wilder Wehklage empfangen. »Wo ist mein Mann? Mein Vater? Wo sind meine drei Söhne? Wo habt ihr meinen Liebsten gelassen?«

In den nächsten acht Tagen kamen noch einige versprengte Flüchtlinge krank und kraftlos, von Dornen zerrissen, vom Hunger ausgehöhlt, ins Dorf gehinkt. Sie wurden mit Freudentränen empfangen und nach den vielen anderen gefragt, schüttelten nur den Kopf, als wenn sie vor Grausen die Sprache verloren hätten, und verschlangen die Speise, die man ihnen brachte. Mit allen Nachzüglern waren nur vier von allen Rotten, die siegesfroh auszogen, in die Heimat zurückgekehrt. Fred war Herr einer kleinen, unmächtigen Sippe. Aber jeder, der mehr als sechzehn und weniger als sechzig Jahre zählte, mußte im Waffengebrauch sich üben und war ein wehrhafter Mann.

Die Trommel rasselte und rief zur Mahlzeit wie früher, die Menschen aßen wie einst, aßen übermäßig viel; denn es war überreichliche Speise für die wenigen Mäuler und morgen das Ende gekommen. Die meisten erwarteten in stumpfer Ergebung das nahende Verhängnis, viele warfen die Werkzeuge hin und wollten keine Hand rühren, weil alles umsonst und der Tod gewiß sei. Obgleich Fred in düstrer Untergangsahnung fühlte, daß sein Volk todgeweiht sei, zeigte er, der stille Mann des Friedens, gerade jetzt in der höchsten Not, seine Seelenkraft und Seelengröße. Trotzdem er mit seinen Augen gesehen hatte, daß seine Funda ihr Volk verlassen, ihre Liebe verraten habe und eine Himberfrau sei, trotzdem das Leben ihm verhaßt und ein rascher Heldentod sein höchster Wunsch war, saß er nicht tatenlos in Trübsinn versunken. Nein, er war wie im Feuer gehärtet und ein Häuptling geworden, der herrische Befehle rief und den Stock schwang, um die Müßigen zu treiben.

Vor dem Holzwall ließ er einen tiefen Graben auswerfen, jeder Mann mußte schaufeln, jedes Weib und Kind mußte Erde tragen. So wurden die Holzpalisaden unten durch einen Erdwall gesichert und der Waldbach in den Graben hineingeleitet. Das Dorf war eine Feste geworden, die den Waffen der Zeit widerstehen konnte. Bei günstigem Wetter wurde gefischt und gepirscht, und große Vorräte wurden gesammelt.

Fred glaubte selbst nicht, daß der Wall den Untergang abwenden könne, denn die Übermacht war zu ungeheuer. »Ich will mit meinem Volk ehrenvoll sterben; furchtbare Zeit wird kommen, wo der finstre Gott waltet auf Erden und die Sonne erlöschen wird.«

Ganz anders aber redete er im Ting, wo er den Männern neuen Mut ins Herz goß. »Mögen sie wider Graben und Wall anstürmen, ihre Reiter setzen nicht darüber hinweg, ihre Schwerter und Lanzen können uns nicht erreichen, aber unsere Wurfsteine werden fliegen und viele töten. Auch können sie uns nicht aushungern, oder ausdursten, denn wir haben Speise bis zum Lenz, und der Bach hat Wasser für tausend Jahre. Wartet nur! Wenn der Frost beißt, werden sie mißmütig-müde der nutzlosen Umlagerung ... und wenn sie mürbe sind, sollen sie Freiheit und Eigentum, Dorf, Wald und Austernbank durch Geißeln uns verbürgen.«

Er glaubte es selber nicht. Aber die Männer hofften und regten die Hände und sammelten Wurfsteine, die zu Bergen geschichtet wurden. Der Häuptling sah das Ragnarok seines Volkes kommen und hatte keinen Glauben mehr an Menschenliebe und Menschentreue, keinen Glauben mehr an die Allmacht und Allgüte der leuchtenden Sonne, die den Greuel geschehen und sein Volt ausrotten ließ. In der Nacht nahm er das goldene Sonnenbildnis vom Holzgestell herunter und vergrub es im Walde hinter der Eiche, die seine Schätze barg. Sein größtes und liebstes Werk sollte nicht in die Hände der Feinde fallen. Oh, das rote Gestein, das die Gater uns brachten, ist der Anfang und die Ursache all unseres Jammers geworden! – –

Zwischen den dampfenden Blutlachen der Heide, um die Leichen herum ging ein Weib mit tieftraurig suchenden Augen. Funda blickte ohne Schauder in die verzerrten Gesichter und die offenen, stieren Augen, aber in ihrem Herzen zitterte die Angst, daß sie Freds toten oder todwunden Leib finden werde. Im Arm trug sie einen Topf mit Wasser, um Verschmachtende, die in Durstqual schrien, zu erquicken.

Hier lag ein reckenhafter Mann, stumm und starr – nach dem Gewand ein Gater – es war Godebart. Schon hatten Sun-Leute oder andere Räuber, die über das Schlachtfeld schlichen, seinen Rock aufgerissen und ihn ausgeplündert, was nützen ihm nun all sein Gold und die Bernsteinschätze, die er erbeutet hat? Nichts wird er behalten von seinem Reichtum; nur ein enges Grab im Erdhügel werden seine Genossen ihm geben.

Unweit lag ein Todwunder im Fellkleid und wimmerte nach Wasser. Das barmherzige Weib kniete neben ihm nieder und hielt den Topf an seine brennenden Lippen. Es war ein Sterbender, der die Brustwunde mit Gras verstopft hatte und nicht mehr den Kopf heben konnte. Darum legte sie den Arm unter sein Haupt und labte ihn.

Er flüsterte: »Fun–da ...« so daß sie erschrocken das von Schmutz und Blut entstellte Antlitz genau betrachtete. Es war Frod, den sie von allen Menschen am meisten gehaßt! Sie hatte aber keinen Haß und keinen Abscheu mehr vor dem Manne, der in den letzten Zügen lag, sondern hilfreich und lind legte sie ihm eine Felljacke unter das Haupt, gab ihm zu trinken und hauchte an seinem Ohr: »Ist dein Bruder gefallen? Wo liegt er?« Ihr Herz stand ganz still, bis Laute über die blutleeren Lippen kamen: »Fr–ed ge–flohen ...« Da streichelte sie den Sterbenden, dessen brechende Augen wie im letzten Abendsonnenglanz aufleuchteten, als wenn ihm ein letztes Glück geworden.

Funda erquickte viele, bis der Topf leer war, und lief eilends ins Lager zurück, ihr Antlitz verhüllend. Es kamen nämlich die Säuberer des Schlachtfeldes, Himberkrieger, von Sklaven begleitet, die allen Todwunden den Gnadenstoß gaben, alle leichter verletzten, ob Freund oder Feind, verbanden und auf Reisigbahren forttrugen. Auch die Barbaren wurden gut gepflegt, bis sie genasen. Dann freilich schor man ihnen das Haar, und sie wurden als Leibeigene unter die Krieger Herulfs durch das Los verteilt.

Am nächsten Tage war die Totenfeier. Alle Kriegsgeräte der Wahlstatt, die zerbrochen oder beschädigt waren, wurden auf einen Haufen gelesen, im nahen Moor versenkt und den Göttern geweiht. Nach dreitausend Jahren gruben die Torfgräber unserer Zeit und fanden, ohne zu suchen, Lanzenspitzen, Stücke von Schwertern und Beile in Menge; die Forscher kamen schleunig herbei und machten den großen Moorfund, der im Museum gezeigt wird.

Die Himber trugen die Leiber ihrer gefallenen Helden auf einen Haufen, bestatteten sie in einem riesigen Steingrab und schütteten einen hohen Erdhügel darüber; denn zweitausend Krieger hatten einen Tag lang Erde herbeigetragen, um die Toten zu ehren. Das gewaltige Hünengrab steht noch auf nordschleswigscher Heide, und viel tausendmal winkte im Lenz das Windröschen auf seiner Höhe und blühte im Herbst die Erika an seinem Fuß, während hundert Menschengeschlechter kamen und gingen.

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