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Steinbeil und Bronzeschwert

Johannes Dose: Steinbeil und Bronzeschwert - Kapitel 1
Quellenangabe
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typefiction
authorJohannes Dose
titleSteinbeil und Bronzeschwert
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
year1929
correctorreuters@abc.de
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l.

Die Prähistorie, d. i. die Geschichte der Menschen vor der von Menschenhand geschriebenen Geschichte, ist in Dänemark und Schleswig-Holstein älter, anschaulicher und reicher als in jedem anderen Lande Europas. Aus der Zeit, bevor noch ein Buchstabe von fleißiger Mönchsfeder auf Pergament gemalt, bevor noch eine Rune von harter Wikingerhand in Stein geritzt wurde, haben wir genaue Kunde von dem Werden und Wirken, von dem Leben und Sterben unserer Ururahnen. Die Gräber, die Stein-, Hügel- und Hünengräber, die wir zu Abertausenden in unserem Lande haben, und die Grabfunde, die zu Hunderttausenden sorgfältig gesammelt und gesichtet wurden, sind die ungeschriebene Geschichte unseres Volkes, die uns zuverlässig berichtet, wie unsere Urväter vor vier- und fünftausend Jahren lebten und litten, jagten und fischten, arbeiteten und ackerten, wie sie kämpften und starben und ehrenvoll bestattet wurden. In den Gräbern, die unsere Forscher durchwühlen, leben die Toten auf, die vor Jahrtausenden atmeten und längst Asche geworden sind. Erst neunhundert Jahre nach Christi Geburt sind die ersten Runen unserer schleswigschen Heimat in Stein gehauen worden und geben uns spärliche Nachricht von den Helden und Heldenkämpfen jener Tage, die vor Hethaby und am Dänenwall bei Schleswig tobten, viel reicher als aus diesen mühselig geritzten Runen ist die ungeschriebene Geschichte aus den Gräbern der Stein- und Bronzezeit zu schöpfen, die mehr als zweitausendfünfhundert Jahre vor Christi Geburt zurückreicht, von unseren Urahnen, die den Feuerstein schlugen und schärften, Steinhammer und Steinbeil schwangen und mit jauchzender Freude das erste Kupferschwert schmiedeten, wollen wir reden und reimen, singen und sagen. –

Aber noch weiter, mehr als fünf Jahrtausende, geht die Prähistorie Schleswigs zurück. An der ganzen Ostküste unserer cimbrischen Halbinsel vom Kattegat bis zur Kieler Förde, fand man rätselhafte, riesige Muschelhaufen, die der Naturforscher zuerst für seltsame, natürliche Strandbildungen hielt, in denen jedoch der Altertumsforscher die allerälteste Geschichte der nordischen Urzeit fand. Diese gewaltigen Anhäufungen von Schalen enthalten nicht nur Austern- und Schneckenschalen, Herz- und Miesmuscheln, Gräten von Scholle, Dorsch, Aal und Hering, Knochen vom Hirsch, Reh und Wildschwein, sondern auch – und da ist das Kostbare des Fundes – Menschengeräte von Feuerstein, Hirschhorn und Knochen. Hier, wo die Austernschalen und die Küchenabfälle Jahrhundert um Jahrhundert sich häuften, haben unsere Ururväter ihre gemeinsamen Mahlzeiten gehalten, und darum hat man diese Haufen, die oft zweihundert, ja bis zu eintausend Ellen lang und fünfzig bis hundert Ellen breit sind, die Küchenabfallhaufen genannt, die an allen unseren Förden und besonders zahlreich am Kattegat gefunden werden, warum sind sie so spärlich an unserer schleswigschen Küste? War unsere Heimat vor fünftausend Jahren wenig besiedelt? Mit nichten! Eines Tages beobachtete ich den Bagger, der das Fahrwasser der Haderslebener Förde bei der Ziegelei vertiefte. Zu meinem Erstaunen warfen die Eimer nicht Sand und Schlamm, sondern Schalen, nichts als Austernschalen in die Prähme. Tagelang wühlten sie aus der Förde Muschelschalen ans Tageslicht, denn sie waren auf einen Küchenabfallhaufen in der Förde gestoßen, und hier war des Rätsels Lösung. Auch an den stillen, waldumkränzten Förden Schleswig-Holsteins waren unermeßliche, unerschöpfliche Austernbänke. Hier fischten, hausten und schmausten unsere Urväter ein paar Jahrtausende, aber ihre Abfallhaufen liegen jetzt draußen im Wasser, weil die ganze Küste sich gesenkt hat und das Wasser der Ostsee hundert Meter ins Land hineingedrungen ist, was oben am unveränderten Kattegat nicht der Fall war. Unsere Bagger haben die Geräte jener Urschleswiger, die aus Knochen, Hirschhorn und Feuerstein waren, zu Tage gefördert und somit die allerälteste Geschichte unserer Heimat geschrieben.

Noch weiter in ferne Äonen zurück geht die Geschichte unseres Landes, die in den Schichten der Erde lapidarisch und ewig steht. Eine ungeheure, entsetzliche Katastrophe brach über das nördliche Europa, das eine Fauna von tropischer Fülle, eine Flora von tropischer Farbenpracht besaß, herein. Gewaltige Gletscher und Eismassen bedeckten alle skandinavischen Länder und brachen bis in das Herz von Deutschland hinein. Alles Leben erstarrte in einem ewigen Winter. Kein Wesen atmete mehr in der Todeskälte. Warum und woher kam dieses ungeheure Sterben über die nördlichen Länder unseres Planeten? Was ist die Ursache der schauerlichen Eiszeit? Hatte die Erdachse urplötzlich sich gedreht? Hatte eine Götterhand, unbekümmert um die ehernen Gesetze des Weltalls, unseren Planeten aus seiner ewigen Bahn geschleudert? Oder war eine alte Sonne, eine herrliche, heiße Sonne, die üppiges Leben erzeugt, am Himmel erloschen? Wir wissen es nicht, wir wissen nur, daß in den Jahrtausenden vor dem grauen Eistode Mammut und Nashorn und Afrikas Getier im Norden wohnte, daß Bäume und Blumen des Südens dort, wo jetzt Schnee und Eis starrt, glühten und blühten. Aber jene strahlende Sonne des Nordens erlosch, das warme Meer wurde zum Eismeer, der Wintertod lag über dem einstigen Tropenlande. Jedoch an einem neuen, herrlichen Schöpfungstage unserer Heimat leuchtete wieder ein Sonnenball am Himmel, der höher und höher gen Norden stieg. Die Eisberge zerschmolzen, die Gletscher vergingen und ließen mächtige Steine und Schmutzmoränen zurück. In der ausgetrockneten Schlammwüste bildete sich eine Vegetation, zunächst eine dürftige Flora, wie in Finnland und Lappland, mit dem matten Grün der Flechten und Moose, die das genügsame Renntier liebt. Gewaltige Renntierherden wanderten aus dem eisfreien Westen Europas ein und ergossen sich über das Moosland Cimbrien. Ihnen folgte der Urmensch, der nur Jäger war und, gleichwie der Löwe den Antilopen- und Zebraherden, den hochgeweihten Renntierscharen nachstellte. Der Hunger war sein stärkster Trieb, die Speise sein Gott, und die volle Sättigung sein höchstes Glück. Und hier war Fleisch die Fülle und das harmlose Tier mit seinem primitiven Jagdgerät leicht zu fangen und zu fällen. Die ersten Jagdgeräte jener Urmenschen, die wir gefunden haben, sind Beinharpunen und gespitzte Knochen für Wurfspeere und Fischstecher.

Als das Moosland allmählich, von der warmen Sonne geküßt, sich mit Gräsern und Bäumen bedeckte und zu dem gesegneten Cimbrien, das wir bewohnen, geworden war, hatte der Mensch sich gemehrt im Lande. Nicht mehr durchstreifte der Mann, mit der Steinkeule bewehrt, nur von seinem Weib und seinen Welpen begleitet, nach Wildmannsart die Weiten des Landes, nur auf Beute, auf Fleisch und Fraß bedacht. Jetzo, vor fünf Jahrtausenden, wohnten unsere Urahnen geselliger, gesitteter, in Sippen und kleinen Geschlechtern und Dörfern beieinander an einem still geschützten Orte der vielen ins Land schneidenden Förden. Anno dazumal träumte die Auster, dieser leckere Meerbewohner, in schier zahlloser Menge auf unabsehbaren, unerschöpflichen Bänken der Ostsee und besonders in den stillen Meerbusen mit ihrem untiefen, wenig bewegten Wasser. Hier auf der Waldhöhe über den Bänken war gut zu wohnen und viel zu essen, die leckere Speise war mühelos zu haben und wuchs den Menschen, die wenig Arbeit liebten, in den Mund hinein. An einer reichen Austernbank der Haderslebener Förde hauste unser Ururahn in einem Dorf von vierzig bis fünfzig Hütten, schmauste Austern schockweis und trank dazu aus dem kristallklaren Waldquell. Der Küchenabfallhaufen bei der Ziegelei zeugt von seiner wackeren Eßtätigkeit. Er und sein Nachbar fuhren nicht mehr mit der Steinkeule wie die wilden Tiere aufeinander los, wenn Mann dem Manne begegnete. Gewisse, ungeschriebene Gesetze galten in jeder Gemeinschaft und zwischen den benachbarten Geschlechtern, obgleich noch viel Fehde und Totschlag zwischen den einzelnen Sippen war, sei es um ein besseres Jagdgebiet, eine größere Austernbank oder ein schöneres Weib.

Rudel von Rehen, Hirschen, Elchen und Wildschweinen, aber auch Bären, Wölfe, Luchse waren eingewandert und hatten gesehen, daß in Cimbrien gut zu wohnen sei. Die Menschen im Lande waren Jäger und Fischer und hatten meist Nahrung in Hülle und Fülle. Dennoch kamen schwere Notzeiten, eine Scheuheit der Tiere, eine Seuche unter den Rudeln, oder ein langer, harter Winter, wo das Hungergeschrei der Welpen laut kreischte. In einer solchen Notzeit ging unser Urahn an der Haderslebener Förde aus, um Nahrung zu suchen, um alles, was nicht Stein oder Holz und kaubar war, zu kosten und zu verschlingen. Er watete ins Wasser, um mit dem Wurfspeer Fische zu stechen, aber die glatten Schwimmer entschlüpften ihm. Er fluchte und fand statt eines Fisches die erste Auster. Nachdem er aus purer Neugierde mit dem Feuerstein die harte Schale aufgebrochen, kostete er griesgrämig das schleimige Zeug. Ah! Ah! Schlürfend verdrehte er die Augen vor Wonne, als wenn es eine Götterspeise sei, und er sättigte sich an einem Schock der Schaltiere. Die erste Austernbank war gefunden worden. Alle Not des Urvolks schien nun zu Ende, denn zahllose Bänke dehnten sich im seichten Wasser. Hier war endloser Vorrat. –

Wohl tobten zwischen den Sippen wütende Kämpfe um die beste Bank, bis schließlich verständige Häuptlinge verhandelten und ein Abkommen trafen, wo jedes Geschlecht seine Bank habe. Wohl hörten die Fehden nicht auf, aber mondelang, jahrelang herrschte Jagd-, Fang- und Fischfriede an allen Förden. Das Volk mehrte sich und fing an, Werke des Friedens, Hammer, Meißel, Messer, Tongefäße und Götterbilder, zu schaffen. Viele Menschengeschlechter lebten und starben neben ihren Küchenabfallhaufen. Ein paar Jahrtausende hatten unsere Urahnen an der Austernbank der Haderslebener Förde gewohnt. In den Schalenhaufen, den der Bagger ans Tageslicht hob, lesen wir ihre Geschichte.

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