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Stadt und Gebirg

José Maria Eça de Queiroz: Stadt und Gebirg - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorJosé Maria Eça de Queiroz
titleStadt und Gebirg
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1903
firstpub1903
translatorLuise Ey
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060901
projectidbdd58cdf
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XI

Am Tage, der diesen Wohlfahrtsplänen folgte, ritt ich nach Guiaens zurück. Und seitdem trabte ich jene drei Meilen zwischen unsrer und der alten Allee der Jacinthos so viele Male, daß meine Stute, wenn ich sie von der ihr vertrauten Straße ablenkte, die zu einem vertrauten Stalle führte, wo sie mit Melchiors kleinem Klepper auf vertrautem Fuße stand, aus lauter Sehnsucht wieherte. Selbst die Tante Vicencia bezeugte eine gewisse Eifersucht auf Tormes, wohin ich immer lief, und auf diesen Prinzen, dessen Verjüngung ich unablässig feierte, dessen Wohltun, Leckerbissen und landwirtschaftliche Schimären ich pries. Bis sie mir eines Tages mit einem Körnchen Salz und Ironie – das einzige, was in dem unschuldsvollen Herzen Platz fand – und unter lebhafterer Bewegung ihrer Stricknadeln bemerkte:

»Du hast gut ruhmreden! Bin doch neugierig, diesen Jacintho kennen zu lernen. Bring mir das Wunder mal her, mein Junge!«

Ich lachte:

»Nur keine Bange, Tante Vicencia! Hätt' ihn so wie so hergebracht, zu meinem Geburtstag, zu Tisch ... Wir geben ein kleines Fest, veranstalten ein Tänzchen im Freien und laden dazu die ganze ›Dämlichkeit‹ der Nachbarschaft ein. Vielleicht bringen wir dabei sogar den Jacintho unter den Pantoffel.«

Ich hatte allerdings letzteren schon zu meinem »Wiegenfeste« eingeladen. Uebrigens war es auch nur wünschenswert, daß der Gebieter von Tormes die besseren Gesellschaftskreise der Serra kennen lernte. Besonders, wie ich ihm lachend erklärte, war es angebracht, daß er Frauen kennen lernte, jene kraftvollen jungen Mädchen der im Gebirge ansässigen Adelsgeschlechter, da Tormes eine allzu mönchische Einöde darstellte. Denn nur zu leicht geschieht es, daß der vom Ewig-Weiblichen losgetrennte Mann unumgänglich wird und eine rauhe Rinde ansetzt wie ein einsamer Baum.

»Dies Tormes, Jacintho, diese deine Aussöhnung mit der Natur und der Verzicht auf die Lügen der Zivilisation ist ja ganz schön... Aber, Schwerenot, es fehlt das Weib!«

Er stimmte lachend bei und streckte sich behaglich in seinem Weidenstuhl aus:

»Hast recht, es fehlt hier das Weib, mit großem W! Aber diese Damen hier aus der Umgegend ... Ich weiß es nicht, aber ich meine, sie müssen den Gemüsen gleichen: gesund, nahrhaft, trefflich für den Kochtopf – aber, am letzten Ende: Gemüse. Die Frauen, die von den Dichtern gern den Blumen verglichen werden und die sie seit Hesiods und Horaz' Zeit minnen, sind immer die Frauen der Höfe, der Hauptstädte... Und tatsächlich ist recht wenig Duft, Grazie, Eleganz, Vornehmheit in einer gelben Rübe oder einem Kohlkopf... Die Damen meiner Serra denke ich mir nicht allzu interessant.«

»Ich beschreibe sie dir... Deine nächste Nachbarin, die Tochter des Dom Theotonio, ist –- den schuldigen Respekt vor dem erlauchten Geschlecht der Barbedos beiseite – in der Tat ein Scheusal! Die Schwester der Albergarias von dem Rittergut da Loja würde auch nicht einmal den hartbedrängten heiligen Antonius in Versuchung führen. Außerdem ist sie eine höllische Bohnenstange! Die ist tatsächlich Gemüse, und nicht vom nahrhaftesten.«

»Du sagtest schon: Bohnenstange!«

»Ferner ist da Donna Beatriz Velloso ... die ist recht hübsch ... Aber Junge, Junge, welch entsetzlicher Schöngeist! Sie redet wie die Heldinnen des Camillo.Gemeint ist Camillo Castello Branco, hervorragender und höchst fruchtbarer Romantiker der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts, als gründlichster Kenner der portugiesischen Sprache und Besitzer des umfangreichsten Wortschatzes gewürdigt. Du hast nie den Camillo gelesen ... Und dann, einen Stimmton, den ich dir nicht beschreiben kann, den Ton, mit dem man in Donna Maria in Gefühlsstücken spricht. Du bist auch nie im Theater Donna Maria gewesen ... Kurz und gut, ein Horreur! Und Fragen ... Zum Angst- und Bangewerden! ›Finden Sie Lamartine nicht auch entzückend, Herr Doktor?‹ Das hat sie mich schon gefragt, das schnöde Frauenzimmer!«

»Und du?«

»Ich? Ich hab' die Augen gerollt ... ›O, Lamartine! ...‹ Aber sonst ist sie ein nettes, gutes Mädchen! Auf der andern Seite haben wir die Rojoens, die Töchter des Joaon Rojoens, zwei Blumen, sehr frisch, sehr lustig, mit einem Duft und Glanz blühender Gesundheit, und sehr einfach ... die ganze Schwärmerei der Tante Vicencia. Sodann die Frau des Doktors Alypio, – eine Schönheit. O, ich sage dir, ein blendendes Geschöpf! Aber – leider! – die Frau vom Doktor Alypio, und du hast ja auf die Pflichten der Zivilisation verzichtet. Außerdem eine höchst ehrbare Frau, die in ihren zwei Kleinen völlig aufgeht – ein paar Murillosche Engelsköpfe ... Und wer sonst? Jetzt will ich schon gleich die Liste des weiblichen Personals vervollständigen. Da ist die Mello Rebello von Sandosim, sehr niedlich, mit prachtvollem Haar ... Stickt vollendet, macht Konfitüren wie eine Nonne des alten Regimes ... Da war auch eine Julia Lobo, sehr schön, ist aber gestorben ... Jetzt weiß ich weiter keine. Das heißt, noch fehlt ja die Krone der Bergjungfrauen, mein Bäschen Joanninha von Flor da Malva! Das ist ein Prachtweib!«

»Und wie hast du da als Vetter Zé widerstanden?«

»Wir sind wie Geschwister miteinander aufgewachsen und vertrauter und mehr aneinander gewöhnt als du und ich ... Gewöhnung läßt das Geschlecht vergessen. Ihre Mutter war der Tante Vicencia einzige Schwester und ist sehr jung verstorben. Joanninha ist fast von der Wiege aus in unserm Hause in Guiaens aufgewachsen. Ihr Vater, der Oheim Adriaon, ist eine gute Haut. Gelehrter, Altertumsforscher, Sammler ... Er sammelt alle möglichen seltsamen Dinge: Glocken, Sporen, Petschafte, Schnallen ... Hat eine ganz interessante Sammlung. Schon längst will er gern nach Tormes kommen, dich als Nachbar zu begrüßen ... Aber der arme Kerl hat ein Nierenleiden, das ihm nicht zu reiten erlaubt. Und die Fahrstraße von Flor da Malva nach hier ist unmöglich.«

Mein Prinz breitete, sich reckend, die Arme aus:

»Nein, natürlich werde ich deinem Oheim und der Tante Vicencia einen Besuch machen ... Ich wünsche meine Nachbarn kennen zu lernen. Aber später, wenn ich Muße habe. Jetzt nimmt mich ›mein Volk‹ zu sehr in Anspruch.«

Und wahrlich! Jacintho war jetzt wie der Gründer eines Königreichs. In der ganzen Herrschaft von Tormes wurde gebaut, um die Wohnungen der Pächter und Häusler zu renovieren: die einen wurden ausgebessert, andre ältere wurden abgerissen, um in bequemer Geräumigkeit wieder aufgebaut zu werden. Auf den Wegen kreischten beständig stein- oder balkenbeladene Ochsenwagen.

In der Schenke des Pedro, am Eingang des Kirchspiels, ging es ungewöhnlich lebhaft zu von Steinmetzen und Zimmerleuten, die beim Bau beschäftigt waren; und Pedro, mit aufgeschürzten Hemdärmeln hinter dem Zahltisch, hatte alle Hände voll zu tun, um die Gläser aus einem weitbauchigen Krug zu füllen.

Jacintho, der jetzt zwei Reitpferde hatte, kontrollierte liebevoll allmorgendlich die Bauten. Ich fühlte voll Unruhe aufs neue in meinem Prinzen seine alte, unsinnige Leidenschaft, Zivilisation anzuhäufen, fiebern und klopfen. Der ursprüngliche Bauplan wurde unaufhörlich erweitert, vervollkommnet. Hinsichtlich der Fensterluken, die nach dem durch die Jahrhunderte geheiligten Brauch nur Läden haben sollten, entschied er sich für Glasscheiben, trotzdem ihn der Baumeister ehrlich darauf aufmerksam machte, daß nach einem Monat des Bewohntseins kein Haus auch nur noch eine einzige Scheibe haben würde. Um das herkömmliche Deckengebälk zu ersetzen, wollte er die Zimmerdecken in Stuck machen lassen, und ich sah deutlich, daß er sich zurückhielt, sich mit gesundem Menschenverstand dagegen verhärtete, daß er nicht jedes Haus mit elektrischen Klingeln ausstattete. Auch fiel ich nicht auf den Rücken, als er mir eines Tages erklärte, der Schmutz des Landvolks käme nur daher, daß sie keine bequeme Waschgelegenheit hätten, und daß er deshalb daran dächte, jedes Haus mit einem Badezimmer zu versehen. Wir stiegen gerade mit den Pferden am Zügel eine steinige Waldschlucht hinab. Der Morgenwind spielte in den Zweigen, ein Rinnsal hüpfte geschäftig über das Geröll. Wie gesagt, ich fiel nicht auf den Rücken – aber es schien mir wirklich, als lachten die Rinne, das Wasser, das Laubwerk und der Wind belustigt über meinen Prinzen.

Und außer diesen Bequemlichkeiten, die der Baumeister Joan mit irre rollenden Augen »Großartigkeiten « nannte, faßte Jacintho auch die Seelenpflege ins Auge. Schon hatte er bei seinem Architekten in Paris den vollständigen Plan einer Schule bestellt, die er auf der Flur von Carriça, neben dem Kapellchen, das »die Gebeine« umschloß, errichten wollte. Mit der Zeit würde er dort auch eine Bibliothek einrichten, mit illustrierten Büchern, um an Sonntagen diejenigen zu unterhalten, die schon nicht mehr lesen lernen könnten. Ich beugte meinen Nacken und dachte: ›Nun kommt die fürchterliche Anhäufung der Begriffe! Das »Buch« wird die Serra überschwemmen!‹

Andre Ideen Jacinthos aber waren rührend, und ich selbst begeisterte mich und erregte die Begeisterung der Tante Vicencia für seinen Plan eines Kinderheims, in dem er sich fröhliche Vormittage versprach, wenn er den Kinderchen zusehen würde, wie sie auf allen Vieren kröchen oder hinter einem Balle herstolperten. Uebrigens, unser Apotheker von Guiaens war bereits aufgefordert worden, eine Filiale in Tormes zu errichten unter der Leitung seines Praktikanten, eines Patensohns der Tante Vicencia, der einen Artikel über Volksfeste im Douro im Familienkalender veröffentlicht hatte. Und schon war die Stelle eines Bezirksarztes von Tormes ausgeschrieben, mit einem Gehalt von sechshunderttausend Reis.

»Fehlt nur noch ein Theater!« lachte ich.

»Ein Theater, nein. Aber ich denke, an Demonstrationen mit Projektionsbildern, um diese armen Leute über die Städte dieser Welt und die Dinge in Afrika und ein bißchen Geschichte zu lehren!«

Und auch auf diese Neuerung war ich persönlich stolz. Und als ich sie dem Oheim Adrian erzählte, gab dieser würdige Altertumsforscher trotz seinem Rheumatismus seinem Schenkel einen furchtbaren Klaps. »Famos! Vortrefflicher Gedanke! Auf diese Weise könnte man dies unwissende Volk durch Bilder anschaulich die heilige Geschichte lehren, und die römische Geschichte und selbst die Geschichte von Portugal! ...« Zum Bäschen Joanninha zurückgekehrt, erklärte der Oheim Adrian, Jacintho wäre ein Mann, der das Herz auf dem rechten Fleck hätte!

Durch die ganze Serra wuchs meines Prinzen Popularität zusehends. In jenem »Gott geleite Sie, gnädiger Herr!« mit dem die Frauen ihn im Vorbeigehen grüßten, sich umdrehten, um ihm nachzusehen, lag ein Gebetsernst, der aufrichtige Wunsch, daß Gott ihn immer führen und behüten möge. Die Kinder, denen er kleine Silbermünzen schenkte, witterten schon von weitem seine Fährte, und um ihn herum wimmelte es wie Ameisen von braunen, schmutzigen Gesichtchen mit großen staunenden Augen, aus denen indes die Furcht verschwunden war. Als eines Abends sein Pferd an der Mündung der Allee über ein paar große Steine, die im Weg lagen, gestürzt war, kam andern Tages ein Trupp Menschen, ohne daß Jacintho es befohlen hatte, um voll Hingebung die Stelle zu ebnen und mit Kies zu bewerfen, damit der »gute Herr« nicht wieder in Gefahr käme.

In der ganzen Gegend war schon dieser Titel des »guten Herrn« verbreitet. Die Aeltesten der Gemeinde begegneten ihm nicht, ohne daß die einen mit feierlichem Ernst, die andern mit breitem, zahnlosen Lächeln ausriefen: »Das ist unser Wohltäter!« Manchmal lief eine alte Frau hinten aus dem Garten herzu oder trat an die Tür ihrer Hütte, wenn sie ihn unterwegs sah, um unter großen Schlenkerbewegungen der hageren Arme zurufen: »Der Herr schütte seinen Segen auf Sie herab! Der Herr schütte seinen Segen auf Sie herab!«

An Sonntagen kam der Pfarrer José Maria – ein lieber Freund von mir und ein großer Jäger vor dem Herrn – von Sandofim auf seiner Fuchsstute nach Tormes, um im Kapellchen die Messe zu lesen. Jacintho wohnte dem Gottesdienst auf seiner Empore bei, damit diese schlichten Leute ihn nicht etwa für einen Gottsfremden hielten. Und dann erhielt er fast regelmäßig Geschenke, die die Töchter oder das kleine Kroppzeug der Pächter ihm errötend in die Veranda brachten und die in Töpfen mit Quendel oder großen Nelkensträußen bestanden, zuweilen auch einer fetten Ente. Dann gab's ein Verteilen von Zuckerwerk und Kuchen aus Guiaens an die Kinder, und im Hofe kreisten die Krüge voll Weißwein unter den Männern. Silverio behauptete mit Staunen und verdoppelter Hochachtung, daß der Senhor Dom Jacintho in kurzem über mehr Wahlstimmen zu verfügen haben würde als der Doktor Alypio. Und ich selbst fühlte mich lebhaft impressioniert, als Melchior mir erzählte, der Joan Torrado, ein alter Sonderling mit langem weißen Bart, Kräutersammler, ein wenig Wundarzt, ein wenig Wahrsager, der geheimnisvolle Bewohner einer Höhle in einem Felsenhorn, versichere allen Leuten, der »gute Herr« wäre kein andrer als der König Dom Sebastian, der wiedergekommen sei!Sebastian, König von Portugal 1557 bis 1578, fiel im Kriege gegen die Mauren in der Schlacht bei Kassr-el-Kebir, ohne daß sein Leichnam gefunden wurde. In Portugal wollte man lange nicht an seinen Tod glauben, und noch heute herrscht im Volk die Legende von der Wiederkunft Dom Sebastians an einem Nebeltage. Viele bringen damit den Weltuntergang in Verbindung. Anm. d. Übers.

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