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Staatsanwalt Sierlin

John Henry Mackay: Staatsanwalt Sierlin - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorJohn Henry Mackay
titleStaatsanwalt Sierlin
publisherVerlag der Mackay-Gesellschaft
year
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080707
projectidd4238b09
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I.

Staatsanwalt Sierlin

1.

An einem Märzabend kam Staatsanwalt Sierlin vom Landgericht in Berlin, wie gewohnt, nach Hause, als in der Nähe seiner Wohnung ein junger Mensch hinter ihm herging, der – wie es ihm schien – beim Vorübergehen seine Schritte verlangsamte. Da er aber weder ihn ansah noch zurückblickte, glaubte er sich getäuscht zu haben.

Zwei Tage später, und fast um die gleiche Stunde und auf derselben Stelle, geschah das gleiche: wieder schien es ihm, als ob Schritte, die er hinter sich gehört, beim Näherkommen und Vorüberschreiten langsamer wurden. Diesmal faßte er die Person des Betreffenden ins Auge und sah ihr nach. Aber weder erkannte er in ihr die von vorgestern wieder, noch hatte er Veranlassung, sich weiter um den Fremden zu kümmern, denn er verschwand in dem trüben und mit Regen drohenden Abend. Er hatte den Vorfall bereits vergessen, als er die Tür seines, von der Straße durch einen kleinen Vorgarten getrennten, Hauses aufschloß.

Erinnert wurde er erst wieder an die Begegnung, als sie sich am nächsten Abend, um eine Stunde später, aber wieder in nächster Nähe seines Hauses, zum zweiten Male wiederholte. Wieder war die stille Vorstadtstraße menschenleer. Die wenigen Häuser an ihr – voneinander getrennt stehende Villen – lagen still, wie immer. So auch der kleine Park ihnen gegenüber – Stolz der Anwohner und Freude ihrer Kinder, die im Sommer in ihm spielten.

Wieder also hörte Staatsanwalt Sierlin beim Nachhausekommen die Schritte hinter sich und ihr allmähliches Verlangsamen beim Näherkommen. Wieder ging der junge Mensch – derselbe von gestern und vorvorgestern – ohne ihn anzusehen oder sich sonst im geringsten um ihn zu kümmern, aber wieder – wie er diesmal nicht umhin konnte, zu bemerken – dichter, als es bei der Breite des Trottoirs nötig war, an ihm vorbei. Diesmal warf er ihm einen prüfenden Seitenblick zu und blieb stehen, um ihm nachzusehen, bis er um die Ecke verschwunden war. Es war ein noch junger Mensch, in den Zwanzigern, einfach, aber durchaus anständig gekleidet, ohne Überzieher, mit weichem Filzhut. Er hielt – wie die beiden ersten Male – die Hände in den Taschen seines Jacketts vergraben.

Ein Bankangestellter oder so etwas Ähnliches, dachte der ihm Nachblickende, den sein Beruf um dieselbe Stunde wie mich entläßt, und der wahrscheinlich im Ort selbst wohnt. Aber das muß doch eigentlich ein Umweg für ihn sein. Und warum geht er immer so dicht an mir vorbei: –

Diese jungen Leute von heute haben schlechte Manieren, resümierte er beim Aufschließen seiner Haustür. Sollte ich ihm nochmals begegnen, werde ich ausweichen und beiseite treten, um ihn so auf das Ungehörige seines Betragens aufmerksam zu machen.

Da der junge Mensch indessen in den nächsten Tagen fortblieb, hatte er keine Gelegenheit, seine Absicht auszuführen, und die flüchtigen und gleichgültigen Begegnungen entschwanden seinem Gedächtnis völlig.

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