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Michail Petrovic Arcybasev: Ssanin - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorM. Artzibaschew
titleSsanin
publisherGeorg Müller
printrunDreizehnte Auflage
year1909
firstpub1908
translatorAndré Villard und S. Bugow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070718
projectidaffaca67
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VI

Die draußen Gebliebenen hatten eine ganze Zeit vor der Höhle gestanden und über Jurii und Karssawina gescherzt; dann zerstreuten sie sich am Ufer.

Die Männer zündeten sich ihre Zigaretten an, warfen die Streichhölzer ins Wasser und beobachteten nachlässig, wie der Rauch breite, glatte Kreise zog. Im Grase schritt Lyda leise singend hin und her und machte, die Finger um die Taille legend, halb unbewußt einige Pas mit ihren niedlichen Füßchen. Ljalja pflückte Blumen und warf sie dann Rjäsanzew zu; er fühlte, wie ihn ihre Augen küßten.

»Trinken wir doch lieber was,« sagte Iwanow zu Ssanin.

»Das ist eine gute Idee,« meinte dieser entzückt. »Gehen wir.«

Sie stiegen zum Boot hinunter, öffneten die Bierflaschen und machten es sich bequem.

»Ihr gewissenlosen Säufer!« rief Ljalja, und warf ein Bündel Gras, das sie rasch am Ufer ausgerissen hatte, auf sie hinab.

»Im Gegenteil, das ist vorzüglich!« schrie Iwanow. Und scherzend fuhr er fort: »Ich kann es durchaus nicht begreifen, warum die Menschen gegen den Alkohol ankämpfen. Meiner Meinung nach lebt überhaupt nur der Betrunkene so, wie es sich gehört.«

»Oder wie ein Tier,« ließ sich Nowikow vom Ufer her vernehmen.

»Und doch, – – nur der Betrunkene tut, was er will,« rief Ssanin zu ihm herauf. »Er möchte singen, gut, er singt; will er tanzen, tanzt er; kurz, er schämt sich seiner Freude und Heiterkeit durchaus nicht.«

»Manchmal prügelt er sich auch, oder prügelt andere,« bemerkte trocken Rjäsanzew.

»Kommt auch vor! Aber das ist's eben, die Leute verstehen nicht, zu trinken; sie werden gleich gehässig.«

»Und du schlägst dich im betrunkenen Zustande nicht?«

»Nein,« meinte Ssanin. »Eher im nüchternen. Im Rausch bin ich der beste Kerl von der Welt, wahrscheinlich, weil ich viele Gemeinheiten vergesse.«

»Nicht alle Menschen haben einen so liebenswürdigen Charakter,« warf Rjäsanzew ein. »Die meisten wirklich nicht.«

»Und wenn schon – was geht mich das an?« Mit seinem frohen Lächeln führte Ssanin das Glas zum Mund.

»Nein, man darf nicht so sprechen, wie du,« erklärte Nowikow scharf.

»Warum denn nicht? ... Und wenn es doch einmal die Wahrheit ist? ...«

»Eine schöne Wahrheit,« Ljalja schlug vor Schreck die Hände zusammen.

»Die beste und schönste, die ich kenne,« erwiderte Iwanow für Ssanin.

Lyda, die bis dahin laut gesungen hatte, brach das Gespräch verdrießlich ab. Sie versuchte, es auf ein anderes Thema zu lenken.

»Die beiden Herrschaften beeilen sich auch nicht.«

»Wozu hätten sie es nötig? ...« warf Iwanow hin. »Man soll sich überhaupt niemals beeilen.«

»Und dann die Heldin ohne Furcht, – – und natürlich ohne Tadel!« bemerkte Lyda in sarkastischem Ton.

Tanarow platzte mit lautem Lachen heraus, weil diese letzten Worte grade seine eigenen Gedanken kreuzten; doch sofort wurde er verlegen. Lyda blickte auf ihn, umfaßte wieder ihre Taille und wiegte sich elastisch hin und her.

»Vielleicht sind sie dort sehr vergnügt,« fügte sie hinzu und zuckte die Achseln.

»Sssst,« unterbrach sie Rjäsanzew. Ein dumpfes Grollen ertönte aus dem schwarzen Loch.

»Ein Schuß,« rief Nowikow.

»Was bedeutet das? ...« fragte Ljalja mit ängstlicher Stimme und klammerte sich an den Aermel ihres Bräutigams.

»Aengstige dich nicht! Sollte es auch ein Wolf sein, so sind sie doch um diese Zeit nicht gefährlich.« Rjäsanzew suchte sie zu beruhigen, innerlich auf Jurii und seinen kindischen Einfall ärgerlich.

»Und über zwei Menschen werden sie gewiß nicht herfallen,« brummte Iwanow gleichgültig.

»Eh, um Gotteswillen!« Schawrow, der junge Student war ganz außer sich.

Lyda empfand diese Aufregung als eine unberechtigte Störung.

»Aber sie werden ja schon kommen,« sagte sie und schürzte verächtlich die Lippen.

Da tauchten mit einem Mal Jurii und Karssawina aus der Finsternis auf. Er verlöschte die Kerze und lächelte allen liebenswürdig und unentschieden zu, weil er noch nicht wußte, wie sie sich zu seinem Einfall verhielten.

Er war von oben bis unten mit gelbem Lehm befleckt und auch die Schulter Karssawinas, mit der sie die Wand gestreift hatte, war beschmutzt.

»Nun, was war? ...« fragte gleichgültig Semionow, der sich die ganze Zeit über scheinbar um nichts gekümmert hatte.

»Ziemlich originell und ganz hübsch,« gab Jurii unentschlossen, wie um sich zu rechtfertigen, zur Antwort. »Nur reichen die Gänge nicht weit hinein. Aber irgend ein Holzgestell fault da seinem Ende entgegen.«

»Und haben Sie den Schuß gehört?« fragte lebhaft und mit den Augen blinkend Karssawina.

»Wozu die Heldentaten berichten? ... Meine Herrschaften, das ganze Bier ist schon ausgetrunken und unsere Seelen sind also in genügendem Maße erquickt worden. Fahren wir los!« schrie Iwanow.

Als das Boot wieder die Mitte des Flusses erreichte, war der Mond schon aufgegangen. Die Luft war wunderbar still und durchsichtig. Im Himmel und im Wasser, über und unter ihnen, prangten, goldenen Feuerhäufchen gleich, die Sterne, und es schien, daß das Boot zwischen zwei unendlichen, erleuchteten Lufttiefen dahinglitt.

Der Wald an den Uferseiten und sein Schatten, der nicht bis in das Wasser fiel, war düster und geheimnisvoll. Eine Nachtigall begann zu schlagen. Und wenn alle schwiegen, so war es, als ob nicht ein Vogel sänge, sondern irgendein vernunftbegabtes, in seinem Glücke nachdenkliches Wesen.

»Wie schön,« sagte Ljalja, die Augen hebend und legte ihren Kopf auf die runde Schulter Karssawinas, deren Wärme sie durchdrang.

Dann schwieg man wieder lange und lauschte. Das Schlagen der Nachtigall erfüllte den Wald, hallte trillernd über den tiefsinnigen Strom und zog über die Wiesen dahin, wo lauschig Gräser und Blumen in den monddurchleuchteten Nebel starrten.

»Wovon singt sie?« fragte Ljalja wieder. Wie unbeabsichtigt fiel ihr Arm mit der Handfläche nach unten auf die Kniee Rjäsanzews. Sie fühlte, wie dieses harte, starke Knie unter ihrer zarten Hand erbebte, und sie wurde froh und erschrak gleichzeitig über diese Bewegung.

»Von der Liebe natürlich!« erwiderte halb scherzhaft, halb im Ernst Rjäsanzew; er bedeckte sachte Ljaljas Hand, die vertrauensvoll auf seinem Knie lag, mit der seinen.

»In einer solchen Nacht möchte man nicht über Gutes, nicht über Böses nachdenken,« sprach Lyda vor sich hin und gab damit nur ihren eigenen Gedanken lauten Ausdruck. Sie dachte daran, ob sie gut oder schlecht handle, das bange und verlockende Spiel mit Sarudin zu genießen. Als sie auf sein Gesicht blickte, das im Mondenschein noch hübscher und mannhafter erschien, fühlte sie plötzlich die gleiche bekannte, süße Schwäche, die bange Willenlosigkeit ihr ganzes Wesen durchfluten und mit sich fortreißen.

»Sondern über etwas ganz anderes,« setzte Iwanow ihre Gedanken fort.

Ssanin lächelte zu diesen Worten, wendete aber seine Augen nicht von der Brust und dem weißen, im Mondenschein schimmernden Halse Karssawinas, die ihm gegenübersaß. Auf den ovalen Ausschnitt ihres Kleides fiel plötzlich ein dunkler Schatten von einer der vorspringenden Uferstellen her; sobald jedoch das Boot, immer den glänzenden Silberstreifen hinter sich, wieder über beleuchtete Wellen glitt, kam es Ssanin vor, als ob dieser Ausschnitt heller, weiter und freier geworden wäre.

Karssawina warf ihren breiten Strohhut beiseite, und während sie ihre Brust noch höher hob, begann sie zu singen; ihre Stimme war hübsch und klar, wenn auch nicht groß.

Es war ein kleinrussisches Volkslied, so weich und traurig, wie all diese Lieder.

»Aeußerst gefühlvoll,« murmelte Iwanow gähnend.

»Es ist schön,« sagte Ssanin.

Als Karssawina endete, klatschten alle Beifall; es schallte scharf in den dunklen Wald hinein und den Fluß hinab.

»Singe noch Dubinuschka?« bat Ljalja »oder, besser, trage deine eigenen Gedichte vor.«

»Sind Sie etwa auch Dichterin? ... Welche Menge von Talenten kann doch der liebe Gott einem einzigen Menschen zukommen lassen, wenn er es gut mit ihm meint!«

»Ist das denn schlimm? ...« Aus Karssawinas Frage klang ein verlegenes Scherzen.

»Nein im Gegenteil, es ist sehr gut,« sagte Ssanin mit ehrlicher Bewunderung.

»Wenn, sagen wir, das betreffende Mädchen nebenbei jung und schön ist, so kann es nichts schaden,« stimmte ihm Iwanow bei.

»Trage doch vor, Sinotschka,« bat Ljalja ganz zärtlich und voll Liebe.

Karssawina blickte verlegen lächelnd über das Wasser und begann, ohne sich zu zieren, mit derselben lauten und klaren Stimme.

Liebster, mein Liebster, nie sollst du es wissen
Wie mich mein Herz dir entgegentreibt;
Will meine träumenden Augen verschließen,
Daß tief mein Geheimnis verborgen bleibt.

Niemand auf Erden soll es erraten,
Nur Tage der Trauer haben's gekannt,
Nur schweigende Nächte durften es ahnen,
Nur Sterne, die golden am Himmel gebrannt.

Und nur die zitternden, blinkenden Netze
Der Zweige, die stillen Märchen gelauscht.
Wissen's und werden's doch nimmer verraten.
Wie meine Liebe mich glühend durchrauscht.

Alle gerieten wieder in Entzücken und klatschten voller Begeisterung Beifall; nicht, weil sie dieses Gedicht so gut fanden, sondern weil sie sich alle selbst gut und frei fühlten und nach Liebe, Glück und Sehnsucht verlangten.

Man schwieg, man sah über das Wasser, lächelte vor sich hin.

Plötzlich rief Iwanow so laut und in so tiefem Baß, daß alle erschreckt zusammenfuhren:

»Nacht,... Tag ... und Sinaida Pawlownas Augen! ... Seid großmütig und teilt mir mit, ob ich nicht dieser Glücksvogel bin.«

»Das kannst du auch von mir zu hören bekommen,« erwiderte Ssanin. »Du gewiß nicht.«

»Oh, weh mir,« heulte Iwanow.

»Sind meine Verse schlecht?« fragte Karssawina Jurii.

Jurii fand eigentlich, daß sie nicht sehr originell und hundert anderen ähnlich seien. Aber Karssawina war so schön und sah ihn mit ihren schwarzen, schüchternen Augen so reizend an, daß er ein ernstes Gesicht machte und ihr antwortete:

»Mir schienen sie klangvoll und schön.«

Karssawina lächelte ihm zu, selbst verwundert, daß ihr sein Lob so angenehm war.

»Du kennst meine Sina noch nicht,« rief Ljalia voll Entzücken ihrem Bruder zu. »Sie ist selbst so klangvoll und schön.«

»Schaut mal an!« meinte Iwanow erstaunt.

»Ihre Stimme ist klangvoll und schön, sie selbst ist eine Schönheit, ihre Verse sind klangvoll und schön, und selbst ihr Name ist klangvoll und schön.« Ljalja umarmte sie und drückte ihren Körper an den Karssawinas.

»Uebrigens, auch ich habe nichts dagegen einzuwenden,« erklärte Iwanow. Karssawina errötete und lächelte doch zufrieden vor sich hin.

»Es ist Zeit, nach Hause zu kommen,« sagte Lyda plötzlich schroff; es berührte sie unangenehm, daß alle Karssawina lobten.

Ssanin fragte sie: »Und willst du nichts singen? ...«

»Nein,« antwortete Lyda in gereiztem Ton, »ich bin nicht in Stimmung.«

Rjäsanzew erinnerte sich, daß er am nächsten Tage sehr früh aufstehen und ins Krankenhaus gehen mußte; dann hatte er zu einer Sektion zu fahren. Darum stimmte er Lyda bei und drang ebenfalls darauf, sich ein wenig zu beeilen.

Aber alle anderen bedauerten es, weiterfahren zu müssen; sie schienen durch die Verse Karssawinas noch immer mit diesem Flecken verbunden zu sein.

Als man später im Wagen nach Hause fuhr, verspürte niemand mehr den Wunsch, sich zu unterhalten; in sich gekehrt saßen sie in den Kremsern, keiner konnte der schweren Ermattung Herr werden, die sie alle bedrückte. Man fühlte das Steppengras, jetzt unsichtbar, über die Stiefel streichen; hin und wieder haftete das Auge an den grauen Staubwolken, die die Wagen hinter ihnen aufwirbelten. Und weiter dehnten sich die Felder unendlich aus, ganz verschwommen im bläulichen Glänze des Mondlichts, ohne dem Auge einen Anhaltspunkt zu geben. Gleichmäßig schlugen die Hufe der Pferde auf den Boden; es war das einzige Geräusch, das die Dunkelheit durchbrach.

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