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Michail Petrovic Arcybasev: Ssanin - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorM. Artzibaschew
titleSsanin
publisherGeorg Müller
printrunDreizehnte Auflage
year1909
firstpub1908
translatorAndré Villard und S. Bugow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070718
projectidaffaca67
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V

Als Lyda Ssanina den Zettel mit der Aufforderung zum Ausflug von Llalja Swaroschitsch erhielt, reichte sie ihn dem Bruder hin. Sie glaubte, er würde für sich absagen, und sie wünschte es auch. Schon im voraus durchkostete sie den interessanten und bangen Genuß, sich dort am Fluß beim Mondlicht wie früher drängend und beklemmend zu Sarudin hingezogen zu fühlen; zugleich erfüllte es sie dem Bruder gegenüber mit Scham, daß es sich gerade um den Offizier handeln mußte, den er augenscheinlich von ganzem Herzen verachtete.

Doch Ssanin erklärte sich sofort mit Vergnügen bereit, an dem Ausflug teilzunehmen.

Es war ein vollständig wolkenloser, warmer Tag; trotzdem wurde es nicht zu heiß. Man konnte nur mit Schmerzen in den glänzenden Himmel schauen; er erbebte fortwährend unter der Reinheit der Luft und dem Schimmern der weißgoldenen Sonnenstrahlen.

»Mädchen werden auch dabei sein,« sagte ganz mechanisch Lyda. »Du wirst mit ihnen bekannt werden.«

»Ah, das ist ja nett!«

»Eigentlich können wir uns ein besseres Wetter gar nicht wünschen ... Fahren wir also.«

Zur bestimmten Stunde kamen Sarudin und Tanarow in dem breiten Schwadrons-Jagdwagen, vor dem zwei hochbugige Soldatenpferde gingen, angefahren.

»Lyda Petrowna, wir erwarten Sie!« rief heiter Sarudin, peinlich sauber, ganz weiß gekleidet und stark parfümiert.

Lyda in leichtem, hellem Kleide mit rosa Samtkragen und ebensolchem Gürtel lief von der Terrasse herab und reichte Sarudin beide Hände. Eine Weile hielt er sie vieldeutig vor sich hin, ihre Gestalt mit einem raschen, vollen Blick überfliegend.

»Fahren wir, fahren wir,« rief Lyda, die seinen Blick verstand und durch ihn erregt wurde.

Kurze Zeit darauf rollte der Wagen schnell auf dem wenig befahrenen Steppenweg dahin, wobei er die harten Halme des Feldgrases zum Boden bog, die dann aufschnellend die Füße streiften. Der frische Steppenwind bewegte leise das Haar der Fahrenden, er lief zu beiden Seiten des Weges in den zarten Wellen des Grases nebenher.

Bald holten sie einen anderen Kremser ein, in welchem Ljalja Swaroschitsch, Jurii, Rjäsanzew, Nowikow, Iwanow und Semionow saßen. In ihrem Wagen war es, eng und unbequem; aber darum waren sie auch doppelt lustig und alle in freudiger Stimmung.

Nur Jurii Swaroschitsch fühlte sich in der Gesellschaft Semionows noch ein wenig von dem Gespräch am vorhergehenden Abend bedrückt. Daß Semionow ebenso sorglos wie die anderen scherzte und lachte, machte einen sonderbaren und fast unangenehmen Eindruck auf ihn; dieses Vergnügtsein konnte er nach allem dem, was er gestern von ihm gehört hatte, nicht begreifen. War es denn nur eine Pose gewesen, dachte er. Er überflog ihn von der Seite mit einem schiefen Blick und wollte sich überzeugen, daß es mit ihm gar nicht so schlimm stehen könne. Aber trotzdem brachten ihn seine Gedanken fortgesetzt in Verwirrung, und er versuchte stets mit aller Mühe, sie zu vergessen.

Aus den beiden Kremsern flogen Scherze und Grüße über Kreuz hin und her. Nowikow, der ununterbrochen Possen trieb, sprang plötzlich von seinem Sitz im Fahren herunter und lief eine Zeitlang lachend neben dem Wagen her, in welchem Lyda saß. Zwischen beiden schien eine schweigende Uebereinkunft geschlossen zu sein, sich in übertriebener Weise Freundschaft zu bekunden und jedes Wort, das sie sprachen, erhielt dadurch eine besondere, liebenswürdige Unterstreichung.

Immer klarer stieg vor ihnen der Berg empor, auf dessen Gipfel Kirchtürme blinkten und weiße Klostermauern glänzend hell hervorschimmerten. Die ganze Höhe, mit einem Eichenwäldchen bedeckt, erschien wie krausgelockt unter den wogenden Baumwipfeln. Eichen wuchsen auch unterhalb des Berges an beiden Ufern des Flusses, der sich am Fuße der Hügelkette in breiter, träger Ruhe hinwälzte; auch seine Inseln, die wie aus einer silbernen Decke hervorbrachen, waren mit starken Eichen bestanden.

Ueberall roch es nach Wasser und kräftigen Baumblättern, nach Wiesengras und Feldblumen; ein starker, belebender Geruch, der den Frohsinn aller noch steigerte.

Die Pferde bogen von selbst von dem befahrenen Wege ab und lenkten auf das weiche, saftige Wiesengras hinüber, das unter den Hufen zu Boden klatschte, sich aber hinter den Rädern der leichten Wagen gleich wieder in die Höhe richtete. Als Treffpunkt hatte man eine besonders beliebte Waldwiese bestimmt; dort wurden sie schon von drei Personen erwartet, die vor ihnen angelangt waren; einem Student und zwei jungen Mädchen, beide in kleinrussischen, buntgestickten Blusen. Auf dem Grase hatten sie schon Decken ausgebreitet und unter Lachen und Neckereien waren sie beschäftigt, Tee und Imbiß zurechtzumachen.

Die Pferde blieben mit einem Ruck stehen und ließen augenblicklich die Schweife auf das Fell klatschen, um die Fliegen zu vertreiben; die Ausflügler, von der Fahrt, der Luft und dem Dunst des Wasser und des Waldes angeregt, drängten sich alle gleichzeitig aus den Kremsern heraus, stießen sich und sprangen lachend auf den Boden.

Ljalja begann sofort die beiden Mädchen, die den Tee bereiteten, laut zu begrüßen. Lyda nickte, ohne unhöflich zu sein, doch merklich zurückhaltender, stellte dann aber ihren Bruder und Jurii Swaroschitsch vor. Die Mädchen blickten hoch und sahen beide mit jugendlicher, heimlicher Neugierde an.

»Aber ihr seid ja selbst noch garnicht bekannt,« rief plötzlich Lyda, auf ihren Bruder und Jurii blickend. »Bitte, das ist mein Bruder, Wladimir Petrowitsch, und dies, Jurii Nikolajewitsch Swaroschitsch.«

Ssanin drückte lächelnd und mit weicher Bewegung, doch nachdrücklich die Hand Juriis, der ihm bis dahin gar keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte und sich auch bei der Vorstellung vollkommen gleichgültig verhielt.

Für Ssanin war jeder Mensch, der ihm begegnete, interessant, und es freute ihn stets, neue Menschen kennen zu lernen; Jurii war dagegen überzeugt, daß es für ihn nur sehr wenig bemerkenswerte Menschen geben könne und verhielt sich daher im Anfange sehr reserviert. Iwanow kannte Ssanin bereits oberflächlich und das, was er von ihm gehört hatte, fand er sehr sympathisch. Neugierig sah er ihn jetzt an, trat als erster auf ihn zu und suchte ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen. Semionow reichte ihm nur im Vorbeigehen flüchtig die Hand. »Nun, jetzt dürfen wir aber schon vergnügt sein,« rief Ljalja, »mit der langweiligen Vorstellerei sind wir endlich fertig.«

Doch trotz ihrer Aufmunterung fühlte man sich im Anfang etwas befangen, da sich zu viele von ihnen das erste Mal sahen; erst, als man mit dem Essen begonnen hatte und die Männer Wodka, die Mädchen Wein tranken, schwand die Spannung und alle wurden heiter. Es wurde viel getrunken, Scherze, denen dann jedesmal helles Lachen folgte, flogen hin und her, man tanzte und lief um die Wette und schließlich stiegen sie alle den Berg hinauf. Der Wald lag in grüner Schönheit da, still, in verhaltener Ruhe, rings um sie regte sich kein fremdes Geräusch, sodaß keinem von ihnen ein trübes Gefühl oder irgendwelche Besorgnis im Herzen blieb.

»Ja, meine Herrschaften,« sagte keuchend Rjäsanzew, als man sich wieder auf der Wiese gelagert hatte, »wenn die Menschen mehr springen und laufen wollten, würde es neunzig Prozent aller Krankheiten nicht geben.«

»Auch aller Laster nicht!« rief Ljalja, ihm zärtlich zunickend.

»Nanu, das wäre!« fiel Iwanow fast entrüstet über diese Zumutung ein. »Laster wird der Mensch immer übergenug mit sich herumschleppen. Warum auch nicht?«

Obgleich niemand hätte erklären können, daß seine Worte besonders treffend oder scharfsinnig waren, lachten doch alle aufrichtig über sie.

Während man jetzt den Tee trank, war die Sonne im Untergehen und der Strom wurde von ihrem matten Lichte golden überspiegelt; auch zwischen den Bäumen zogen schon die rötlichen Strahlen des Abends.

»Jetzt aber, Herrschaften, zum Boote. Vorwärts,« rief Lyda und lief, sich die Kleider raffend, den andern zum Ufer voraus. »Wer am schnellsten dort ist,« schrie sie noch zurück, während sie übermütig den Kopf wendete.

Im Laufschritt die einen, die andern bedächtiger, ging's zum Ufer hinunter, und wieder mit dem Lachen, das allen so wichtig schien, nahmen sie im Boote Platz.

»Abstoßen!« kommandierte Lyda, und das Boot glitt leicht vom Ufer ab, zog breite Streifen hinter sich, die dann in eleganten Wellen nach dem Ufer zu auseinanderflossen.

»Jurii Nikolajewitsch, warum schweigen Sie eigentlich?« fragte Lyda, als erste das Gespräch beginnend.

»Es gibt nichts, worüber zu sprechen wäre.«

»Wirklich? ...« sagte sie gedehnt und warf den Kopf zurück, von dem unbestimmten Gefühl beherrscht, daß alle Männer sie bewundern müßten.

»Jurii Nikolajewitsch liebt es nicht, sich mit Bagatellen abzugeben,« meinte Semionow.

»Aha, Sie brauchen ein ernstes Thema? ...«

»Nun, schauen Sie, da haben Sie eins!« unterbrach Sarudin Lyda. Er zeigte aufs Ufer. Dort tauchte unterhalb des Abhangs zwischen den knorpligen Wurzeln einer mächtigen Eiche ein enges und düsteres Loch auf, das noch zur Hälfte von Gestrüpp verdeckt wurde.

»Was ist denn das?« fragte Schawrow, der Student, welcher mit den beiden Mädchen zusammengekommen war. Er kannte die Gegend noch nicht, da er aus einem andern Gouvernement stammte.

»'ne Art Spelunke ist das,« antwortete ihm Iwanow. »Und was für eine! Weiß der Teufel, die Leute erzählen sowas, hier wäre einmal eine Falschmünzer-Werkstätte etabliert gewesen. Natürlich, wie das immer so kommt; sie sind alle gefaßt worden. Sehr bedauerlich übrigens, daß es immer so kommt.«

»Sonst würdest du schnellstens eine Fabrik von 20 Kopeken-Stücken aufmachen, was?« fragte Nowikow.

»Aber nicht doch, ... wozu das? Von Rubeln, mein Freund, von Rubeln, aber sofort.«

»Hm,« räusperte sich Sarudin vernehmlich und zuckte die Achseln. Ihm mißfiel die Anwesenheit Iwanows und dessen Scherze verletzten ihn.

Iwanow achtete nicht darauf und fuhr fort.

»Also, eines schönen Tages hob man die Gesellschaft aus. Seitdem erfüllt die Höhle kein Zweckbedürfnis mehr. Kein Wunder, daß sie verwahrlost ist. Eingestürzt ist sie wohl auch. Traut sich niemand mehr hinein. Als ich noch ein Junge war, kroch ich selbstverständlich durch. Ziemlich interessant ist es darin.«

»Wie könnte es darin nicht interessant sein,« rief Lyda begeistert. »Viktor Sergeitsch, ich bitte Sie, kriechen Sie hinein. Sie sind doch tapfer.«

Ihr Ton war eigentümlich, gleichsam, als wollte sie jetzt im Licht und unter Leuten Sarudin verspotten und sich für den bangen Zauber rächen, unter den er sie an Abenden zwang, an denen sie allein zusammen waren. »Wozu das?«

»Ich werde es tun,« rief plötzlich Jurii, errötete aber im selben Augenblick, weil ihn der Gedanke erschreckte, daß man glauben könnte, er wolle sich auszeichnen.

Iwanow billigte seinen Vorschlag durchaus.

»Vielleicht gehst du selbst mit, kannst ja Führer sein,« neckte ihn Nowikow. »Du weißt doch in diesem Mauseloch Bescheid.«

»Ach nein, Bruder, ich bleibe schon lieber hier sitzen.« Und damit rekelte er sich bequem im Boote zurecht.

Alle lachten auf.

Das Boot stieß ans Ufer, und die schwarze Höhlung lag nun grade über ihren Köpfen.

Ljalja wurde mit einem Mal ängstlich.

»Jurii, mach gefälligst keine Dummheiten,« bat sie ihn. »Das sind wirklich nur Dummheiten, bei Gott, nur Dummheiten.«

»Gewiß, nur Dummheiten,« gab ihr Jurii ruhig zu. »Aber bitte Semionow reichen Sie mir die Kerze rüber.«

»Wo soll ich denn eine hernehmen? ...«

»Sehen Sie nur hinter sich, im Korb.«

Semionow holte, ohne sich zu beeilen, mit besonderem Ausdruck seines Phlegmas eine Kerze vor.

»Wie? Wollen Sie denn tatsächlich da hineinkriechen?« fragte eins der Mädchen. Sie war groß und schön; ihre volle Brust hob ihre Gestalt, ohne die seinen Linien zu verwischen. Ljalja nannte sie Sina; ihr Familienname war Karssawina.

»Natürlich, weshalb nicht. Mal etwas anderes,« erwiderte Jurii, indem er gewaltsam eine gleichgültige Miene aufsetzte; unwillkürlich erinnerte er sich, wie oft er bei Partei-Unternehmungen dasselbe gleichgültige Gesicht zur Schau getragen hatte. Doch aus irgend einem Grunde erweckte diese Erinnerung in ihm ein unangenehmes Gefühl.

Am Eingang zur Höhle war es feucht und dunkel.

Ssanin blickte hinein: »Brrrr,« machte er voll Ekel. Ihm schien es ganz unverständlich und lächerlich, daß dieser Jurii sich in eine unbequeme, vielleicht gefährliche Situation begeben wollte, nur weil ein paar Mädchen dabei auf ihn hinschauten. Das kann man doch viel leichter haben, dachte er

Jurii steckte die Kerze an und bemühte sich keinen der andern anzusehen. Ihm kam es jetzt, ebenfalls so vor, als ob er sich mit seinem Mut nur lächerlich mache. Gleichzeitig tauchte aber die andere Empfindung in ihm auf, daß es schön und bewunderswert sei, und damit regte sich in ihm eine angenehme und bange Neugierde.

Er wartete, bis die Kerze aufflackerte, und lachend, um sich gegen den Spott zu sichern, schritt er vorwärts; sogleich verschwand er in der Dunkelheit. Das rief den Eindruck hervor, als wäre die Kerze selbst ausgelöscht, und allen wurde es in der Tat unheimlich zumute; man war besorgt um ihn und doch wieder neugierig.

»Seien Sie vorsichtig, Jurii Nikolajewitsch,« rief Rjäsanzew noch hinter ihm her, um seine Besorgnis auszudrücken. »Geben Sie gut acht. Dort halten sich mitunter Wölfe versteckt.«

»Ich habe einen Revolver bei mir,« schallte Juriis Stimme dumpf zurück; sie erklang aus der Erde, so eigentümlich, wie die eines Toten.

Jurii tastete sich vorsichtig vorwärts. Die Wände waren uneben und feucht, wie in einem tiefen Keller. Abwechselnd hob sich der Boden und senkte sich dann wieder; ein paarmal wäre er beinahe in glitschige Löcher gestürzt. Dann kam ihm der Gedanke, doch noch umzukehren. Er konnte sich ja einfach niedersetzen, sich eine Weile ruhig verhalten, und ihnen dann draußen vorreden, daß er tief hineingegangen wäre.

Aber mit einem Male wurden hinter ihm Schritte, die über den feuchten Lehmboden hinglitten, hörbar; dazwischen unterbrochenes Atmen.

Jurii hob die Kerze über seinen Kopf; er erkannte hinter sich das schöne Mädchen.

»Sinaida Pawlowna!« rief er erstaunt.

»In höchsteigener Person!« schallte es von Karssawina lustig zurück und das Kleid aufraffend, übersprang sie eine breite Pfütze.

Jurii durchlief ein angenehmes Gefühl, als er ihre stolze Gestalt neben sich sah; er lächelte glücklich.

Das Mädchen wurde unter seinem Blick verlegen:

»Nun gehen wir doch weiter,« sagte sie hastig. Folgsam und leicht schritt Jurii voran, mit keinem Gedanken mehr bei der Gefahr verweilend; sorgsam suchte er den Weg vor Karssawinas Füßen zu beleuchten.

Die braunen, feuchten Wände der Höhle näherten sich ihnen bald wie mit einer erstarrten Geste, bald bogen sie sich plötzlich wieder zurück, als wünschten sie selbst, diesen jungen, frohen Menschen den Weg frei zu machen. Stellenweise waren große Erdblöcke herausgebrochen, Steintrümmer niedergestürzt, und an ihrem Platze gähnten nun tiefe, schwarze Höhlungen, die durch die Dunkelheit noch bedeutend auseinandergedrängt schienen. Ueber ihren Köpfen hingen ungeheure Erdmassen tot und starr; es lag eine furchtbare Drohung darin, daß sie nicht herunterschlugen, sondern von einem mächtigen, unfaßbaren Gesetz gehalten, unbeweglich über ihnen wuchteten.

Schließlich mündeten die Gänge in ein breites, düsteres Gewölbe, das von stickiger Luft erfüllt war.

Auch das Licht erlosch beinahe in dieser bedrückenden Finsternis, während Jurii an den Wänden entlang tastete, um einen neuen Ausweg zu suchen; dabei sprangen schwankende Schatten und getupfte Flecken, die das Licht zurückwarf, um ihn herum.

Es gab noch einige andere Ausgänge, sie waren jedoch sämtlich durch Erdrutsche verschüttet. Alles machte den Eindruck des Grabes und es wäre nicht denkbar gewesen, daß hier Menschen gehaust haben sollten, wenn nicht in einer Ecke die Ueberreste einer hölzernen Lagerstatt traurig verfault wären. Aber auch sie glich nur einem alten, längst zermorschten Sarge.

»Hier ist es nun grade nicht sehr interessant,« meinte Jurii, ohne es selbst zu bemerken, mit gedämpfter Stimme. Die Erdmassen drückten so stark auf beide, daß Karssawina unwillkürlich ihre Lippen zu einem Flüstern bewegte, während ihre Augen im Lichtschein flimmernd umherirrten. Ihr wurde es bange, sie drängte sich näher an Jurii, als suche sie bei ihm Hilfe. Er bemerkte es und es erfüllte ihn mit Freuden, daß er, neben der Schönheit und Schwäche dieses Mädchens, noch eine leise Zärtlichkeit hervorrief, von der sie nichts wußte, die sie aber deutlich in ihren behutsamen Bewegungen ausstrahlte.

»Wir sind wie lebend Begrabene,« flüsterte Karssawina. »Ich glaube, wenn hier jemand schreit, so kann ihn draußen keiner hören.«

»Gewiß nicht!« Jurii lächelte. Plötzlich wurde sein Kopf von einem Schwindel ergriffen. Er blickte von der Seite auf ihre hohe Brust, kaum von dem dünnen Stoff der kleinrussischen Bluse verhüllt und sah ihre runden, weich abfallenden Schultern. Der Gedanke, daß sie sich in Wirklichkeit hier in seinen Händen befand und daß niemand ihre Schreie hören würde, packte ihn mit furchtbarer Ueberraschung; im Kopf wirbelte es ihm so stark, daß es ihm einen Augenblick lang dunkel vor den Augen wurde.

Doch sofort wurde er wieder seiner Herr. Er empfand, wie widerwärtig der Gedanke allein war, mit Gewalt auf eine Frau einzudringen. Und vor allem für ihn, Jurii Swaroschitsch, den Revolutionär. Anstatt der beißenden Erregung, die jeden Nerv in ihm aufreizte, nachzugeben, sprach er ganz ruhig:

»Versuchen wir, wie es hallt.«

Ein seltsames Zittern seiner Stimme konnte er nicht unterdrücken; er war sicher, daß auch Karssawina empfinden mußte, was in ihm vorging.

»Wie?« fragte sie.

Jurii zog seinen Revolver heraus:

»Ich werde einen Schuß abfeuern.«

»Kann dabei nichts einstürzen? ...«

»Ich weiß nicht,« antwortete er aus irgend einem Grunde, trotzdem er sicher war, daß nichts geschehen würde. Doch dann wendete er sich plötzlich zu ihr: »Fürchten Sie sich denn?«

»Nein, schießen Sie nur!« Karssawina rückte etwas von ihm zurück.

Jurii hob die Hand mit dem Revolver und feuerte ihn ab.

Ein blendender Streifen blitzte dicht vor ihren Augen auf; in einem Moment wurde alles um sie mit einem trüben Dunst überzogen, dann rollte ein schwerer, dumpfer Lärm grollend durch den Berg.

Aber die Erde hing ebenso unbeweglich wie früher über ihren Köpfen.

»Und das ist alles,« sagte eintönig Jurii.

»Gehen wir zurück! Kommen Sie!«

Sie gingen zurück, doch als Karssawina voraus schritt und Jurii nun den Rücken zukehrte, sodaß er ihre kräftigen, elastischen Hüften sah, stieg die heiße Gier in der alten Stärke wieder in ihm auf.

»Hören Sie, Sinaida Pawlowna,« fing Jurii an, obgleich er schon im voraus von seiner Stimme und der Frage erschreckte; er bemühte sich, sie möglichst harmlos zu gestalten. »Hören Sie. Es ist ein interessantes, psychologisches Problem! Warum fürchten Sie nicht, mit mir hier herumzukriechen? Sie sagten selbst, daß es niemand hören würde, wenn hier drinnen jemand schreit. Und Sie kannten mich doch absolut nicht.«

Karssawina fühlte, daß sie in der Finsternis tief errötete, schwieg aber; Jurii atmete schwer und sie konnte jedem dieser Atemzüge deutlich folgen. Er war von glühender Scham erfaßt worden und doch durchflutete ihn ein angenehmes Gefühl, als glitte er sicher über einen breiten Abgrund.

»Ich nahm selbstverständlich an, daß Sie ein anständiger Mensch sind,« stammelte schwach und zitternd das Mädchen.

»Vielleicht haben Sie das umsonst gedacht,« erwiderte Jurii, noch immer das heiße Gefühl durchkostend. Plötzlich erschien es ihm originell, daß er so und nicht anders zu ihr sprach; er fand sich und die ganze Situation, in die er sie gebracht hatte, bewundernswert.

»So hätte ich mich ertränkt,« sagte Karssawina einfach, noch stiller und noch mehr errötend.

Aus diesem kurzen Satz strömte eine weite und mitleidvolle Bewegung in Juriis Seele über. Die Erregung versank mit einemmal, und ihm wurde vollkommen frei und leicht zumut.

Welch famoses Mädchen, dachte er warm und aufrichtig. Und das Bewußtsein, daß diese warme und aufrichtige Empfindung rein von jedem beschmutzenden Gedanken war, erfreute ihn so, daß aus seinen Augen Tränen traten.

Karssawina lächelte ihm glücklich zu, stolz auf ihre Antwort und auf seinen lautlosen Beifall, der sich stumm auf sie übertragen hatte.

Solange sie dem Ausgang zuschritten, dachte sie mit eigentümlicher Erregung darüber nach, warum es ihr garnicht beleidigend und beschämend gewesen war, sondern angenehm erregend, daß er diese Frage an sie gerichtet hatte.

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