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Michail Petrovic Arcybasev: Ssanin - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorM. Artzibaschew
titleSsanin
publisherGeorg Müller
printrunDreizehnte Auflage
year1909
firstpub1908
translatorAndré Villard und S. Bugow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070718
projectidaffaca67
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III

Es war dunkel geworden, als die Spaziergänger endlich zurückkehrten. Schon aus der Tiefe des Gartens, der in der Dämmerung weich versunken lag, vernahm man ihre hellen, belebten Stimmen.

Die lustige, erregte Lyda lief Maria Iwanowna in die Arme. Auf ihr lag noch der frische Duft des Flusses. Und mit ihm hatte sich jener reizvolle Hauch schöner, junger Mädchen verbunden, welche bis zur äußersten Spannung von liebenswürdigen, jungen Männern, die sie selbst in gierige Stimmung versetzt haben, erregt sind.

»Abendbrot machen, Mütterchen, Abendbrot machen,« sie zupfte Maria Iwanowna zärtlich an den Ohrläppchen. »Und inzwischen wird uns Viktor Sergejewitsch etwas vorspielen.«

Maria Iwanowna ging, um das Abendbrot anzuordnen und dachte dabei, daß das Schicksal eines so interessanten und ihr so klaren Wesens wie Lydas nicht anders als glücklich sein könne.

Sarudin und Tanarow gingen in den Saal ans Klavier und Lyda ließ sich in dem Schaukelstuhl nieder, der auf dem Balkon stand; geschmeidig streckte und reckte sie ihre Glieder.

Nowikow schritt schweigend auf den knarrenden Dielen des Balkons auf und ab und betrachtete von der Seite ihr Gesicht, ihre hohe Brust und die schlanken Füße, die in schwarzen Strümpfen und gelben Schuhen steckten. Sie aber bemerkte weder seine Blicke noch ihn selbst, ganz hingerissen von dem mächtigen und zauberhaften Eindruck der ersten Leidenschaft. Sie schloß die Augen und lächelte rätselhaft in sich hinein.

In der Seele Nowikows ging der alte Kampf vor sich.

Er liebte Lyda, aber er konnte sich nicht in ihr zurechtfinden. Manchmal glaubte er, daß auch sie ihn liebe; – dann wieder kam ihm dieser Gedanke ganz ungeheuerlich vor. In Augenblicken, in denen er sich ihrer Liebe sicher fühlte, schien es ihm sehr wahrscheinlich, ja selbstverständlich, daß ihm einst ihr schlanker Körper in seiner jungen Reinheit angehören würde. Sobald jedoch in ihm Zweifel aufstiegen, ob sie ihn jemals lieben könne, empfand er die gleichen Gedanken als schamlos und gemein, und wenn er sich dann bei sinnlichen Vorstellungen ertappte, nannte er sich einen niedrigen, schmutzigen Menschen, der Lydas nicht wert sei. Während er so über die Dielen schritt, suchte er sich selbst eine Entscheidung zu setzen: Trete ich mit dem rechten Fuß zuerst auf die letzte Diele, so bedeutet es Ja und ich muß mich ihr erklären; ... und wenn mit dem linken, so ...

Er wollte nicht zu Ende denken, was dann geschehen müsse.

Die letzte Diele betrat er mit dem linken Fuß und wurde von kaltem Schweiß übergossen; er sagte sich aber sofort: Pfui, was für Dummheiten! Wie ein altes Weib! Nun, eins, zwei, drei... Und mit dem Worte drei gehe ich grade darauf los und sage, ... ja, was sage ich ... nun, ganz gleich. Also ... eins, zwei, drei ...

Der Kopf brannte ihm, im Munde wurde es ihm trocken und das Herz klopfte ihm so stark, daß seine Beine anfingen zu zittern.

»Vielleicht wird es Ihnen doch noch einmal über, herumzulaufen,« rief ihm Lyda zu, ihre Augen öffnend. »Sie lassen einen ja garnicht zum Zuhören kommen ...«

Nowikow bemerkte erst in diesem Augenblick, daß Sarudin sang.

Es war die alte Romanze:

Ich liebte dich, vielleicht ist dieses Feuer
In meinem Herzen noch nicht ganz verglüht,
Doch deine Ruh' ist mir vor allem teuer.
Durch nichts betrüben will ich dein Gemüt.

Er sang nicht schlecht, aber doch so wie alle musikalisch nicht gebildeten Menschen, die den Ausdruck durch Geschrei und Sinkenlassen der Stimme zu ersetzen suchen. Nowikow erschien der Gesang von Sarudin besonders unangenehm.

»Was ist denn das? Selbstverfaßt? ..« erkundigte er sich, mit dem ungewohnten Gefühl des Grolls und der Erregung, nach dieser allbekannten Romanze.

»Nein! Setzen Sie sich doch hin. Stören Sie doch nicht!« befahl ihm launisch Lyda. »Wenn Sie die Musik nicht lieben, so gucken Sie eben solange in den Mond.«

Der völlig runde und rötlichschimmernde Mond sah wirklich eindringlich und geheimnisvoll hinter den schwarzen Baumwipfeln hervor. Sein leichtes, unfaßbares Licht strich über die Stufen, über Lydas Kleid, und über ihr Gesicht, das die eigenen Gedanken belächelte. Die Schatten im Garten verdichteten sich und wurden allmählich immer schwärzer wie im Walde.

»Dann schon lieber Sie ansehen,« sagte Nowikow ungeschickt. – – »Ach, was für Abgeschmacktheiten ich zustande bringe, wenn ich rede,« dachte er weiter.

Lyda lachte laut auf: »Ja, welch ein hölzernes Kompliment.«

»Ich verstehe es nicht, Komplimente zu machen,« erwiderte düster Nowikow.

»Aber so schweigen Sie doch und hören Sie zu.« Lyda zuckte unwillig die Achseln.

Ich liebte dich stumm, hoffnungslos und schmerzlich,
Mit all der Qual, die solche Liebe gibt,
Ich liebte dich so wahrhaft und so herzlich,
Gott gäb', daß dich ein andrer je so liebt.

Die Töne hallten vom Piano wie klingende,
kristallene Aufschläge in den Garten hinein. Der Mondenschein wurde immer leuchtender, die Schatten immer tiefer. Unten im Grase ging Ssanin leise vorüber, setzte sich unter die Linde, und saß unbeweglich da, bezaubert von der Stille, welche die Laute des Klaviers und der leidenschaftliche Gesang nicht verwischen konnten, sondern im Gegenteil noch erhöhten.

Plötzlich fuhr Nowikow in die Höhe, als wäre es ihm mit einemmal entschieden ins Bewußtsein gekommen, daß er unmöglich noch einen Augenblick verlieren dürfe: »Lyda Petrowna!«

»Was?« fragte Lyda mechanisch und schaute auf den Garten und den Mond und über die schaukelnden Zweige, welche sich von seiner runden und hellen Scheibe abhoben.

»Ich warte schon so lange! ... Ich möchte jetzt sprechen!« fuhr Nowikow mit abgerissener Stimme fort.

Ssanin wendete den Kopf und horchte auf.

»Worüber? ...« fragte Lyda zerstreut.

Sarudin beendete grade seine Romanze, schwieg eine Weile, und setzte dann von neuem ein; er glaubte, eine selten schöne Stimme zu haben, und liebte es, vorzutragen.

Nowikow fühlte, daß er abwechselnd errötete und erblaßte; ein Gefühl der Uebelkeit stieg in ihm auf und der Kopf schwindelte ihm.

»Ich ... sehen Sie... Lyda Petrowna ... wenn Sie ... vielleicht geneigt wären, meine ... Frau ...« seine Zunge schlotterte und er wurde sich bewußt, daß man in solchen Augenblicken nicht so sprechen dürfe wie er. Und bevor er noch geendet hatte, erwartete er es schon als etwas ganz Selbstverständliches, daß sich sogleich ein sehr beschämender Vorgang, der ebenso töricht wie lächerlich wäre, abspielen müsse.

Mechanisch erkundigte sich Lyda noch einmal: »Wessen? ...« Und plötzlich wurde sie glühend rot, stand auf, setzte zu einer Antwort an, sagte aber nichts und wandte sich voller Verlegenheit ab. Jetzt schaute ihr der Mond grade ins Gesicht.

»Ich liebe Sie!« Nowikow bebte am ganzen Körper; er hatte die Empfindung, als ob der Mond zu leuchten aufgehört hätte, als ob es im Garten überaus schwül sei und alles irgendwo in einen hoffnungslosen, furchtbaren Abgrund stürze. »Ich verstehe nicht zu reden. Aber das ist ja gleich. Ich habe Sie sehr gern!«

– – – Wozu brauche ich hier das sehr, dachte er plötzlich, als wollte ich über Vanille-Eis sprechen. Er verfiel in Schweigen. Lyda zupfte nervös an einem Blättchen, das ihr grade in die Hand kam. Es machte sie verlegen, weil seine Worte für sie gänzlich unerwartet und unnötig waren. Sie riefen eine traurige Stimmung, die nichts wieder gut machen konnte, zwischen ihr und Nowikow hervor, an dessen Person sie seit langem fast wie an einen Verwandten gewöhnt war und den sie auch ein wenig liebte.

»Ich weiß wirklich nicht! ... Ich habe niemals an so etwas gedacht.«

Nowikow fühlte sein Herz mit einem stumpfen Schmerz irgendwohin zurückfallen. Er wurde noch blasser, stand auf und griff zur Mütze.

»Auf Wiedersehen!« sagte er, ohne daß seine Stimme ihm selbst in den Ohren nachgeklungen hätte. Seine Lippen verzerrten sich zu einem unpassenden, widersinnigen und bebenden Lächeln.

»Wo wollen Sie denn hin? ... Auf Wiedersehen!« Lyda war verwirrt; beim Händereichen bemühte sie sich, harmlos zu lächeln.

Nowikow drückte rasch ihre Hand und ohne die Mütze aufzusetzen, lief er mit hastigen Schritten über das betaute Gras, geradeaus durch den Garten. Als er in die ersten Schatten eintrat, griff er sich erregt in die Haare: – – –

Oh, mein Gott, warum bin ich so unglücklich? ... Sich eine Kugel durch den Kopf jagen? ... Ach, das sind ja alles nur Bagatellen. Aber doch, sich eine Kugel durch den Kopf jagen ... so schoß es wirbelnd und zusammenhangslos durch seine Gedanken und er hielt sich für den unglücklichsten Menschen, für völlig entehrt und lächerlich.

Zuerst wollte ihn Ssanin anrufen; er bedachte sich aber anders und lächelte nur. Es kam ihm sehr komisch vor, daß sich Nowikow an den Haaren riß und beinahe heulte, nur weil es eine Frau, deren Gesicht, Schultern und Füße ihm gefielen, ablehnte, sich ihm hinzugeben. Dann aber war es Ssanin auch angenehm, daß seine schöne Schwester Nowikow nicht liebte.

Lyda, stand einige Minuten unbeweglich auf demselben Fleck und Ssanin folgte mit scharfer Aufmerksamkeit dem hellen Umriß ihrer Gestalt, auf die grell das Mondlicht fiel. Durch die schon im Mondlicht liegende Tür trat Sarudin auf die Terrasse heraus; für Ssanin war sein vorsichtiges Sporengeklirr deutlich hörbar.

Im Saale spielte jetzt Tanarow einen alten Walzer mit zerrinnenden, duftigen Lauten zaghaft und grämlich.

Sarudin ging leise auf Lyda zu und umschlang ihre Taille mit einer weichen, geschmeidigen Bewegung; es fiel Ssanin auf, wie plötzlich zwei Schatten in einen zusammenflossen, der dann im Mondenlicht sonderbar hin und her schwankte. »Worüber sinnen Sie so verloren nach?« flüsterte Sarudin leise; seine Lippen ergriffen ihr kleines, zartes Ohr, und seine Augen blinkten dicht vor den ihren.

Lyda schwamm es süß und ängstlich durch den Kopf. Wie immer, wenn sie und Sarudin sich umarmten, erfaßte sie ein eigentümliches Gefühl. Sie war sich klar, daß er seiner geistigen Entwicklung nach unendlich niedriger stände als sie und daß sie sich ihm niemals unterwerfen würde. Gleichzeitig aber beherrschte sie ein angenehmer Schauer der Unsicherheit bei dem Gedanken, diese Berührungen einem starken und schönen Mann zu gewähren; es war, als blicke sie in einen bodenlosen Abgrund: – – – Und mit einemmal raffe ich mich auf und stürze mich hinunter ... will es und stürze mich ...

»Man wird uns sehen ...« flüsterte sie kaum hörbar, ohne sich aber stärker an ihn zu drücken oder sich weiter von ihm zu entfernen, während sie ihn grade durch diese hingebende Passivität noch mehr lockte und erregte.

»Ein Wort!« fuhr Sarudin fort, indem er sich, mit heißem Blut übergossen, stärker an sie drängte.

Lyda zitterte. Diese Frage stellte er nicht zum ersten Mal an sie und stets begann in ihr etwas zu sehnen und zu beben, das sie schwach und willenlos machte.

»Wozu das?« fragte sie ihn dumpf und ihre Augen blickten, von irgendeinem feuchten Schimmer überzogen, weit geöffnet in den Mond.

Sarudin konnte und wollte ihr nicht die Wahrheit sagen, obgleich er wie alle Männer, die bei Frauen Glück haben, fest davon überzeugt war, daß Lyda ihn verstand und im Inneren dieselben Wünsche hatte; sie ängstigte sich nur.

»Wozu? ... Nun, um Sie endlich einmal frei anschauen zu können. Um mit Ihnen ein freies Wort zu sprechen. Wie wir jetzt zusammenkommen, das ist eine Folter. Sie quälen mich. Lyda, Sie kommen, ja? ...« wiederholte er, seine bebenden Kniee an ihren elastischen und warmen Schenkel drückend.

Diese Berührung seiner Kniee brannte in ihr wie glühendes Eisen; um sie erhob sich nur noch ein dichter, traumschwüler Nebel. Ihr ganzer, biegsamer Körper erstarb; er schob und zog sich ohne ihren Willen dem seinen entgegen. Ihr wurde qualvoll gut und scheu zumute. Ringsumher hatte sich alles in sonderbarer, unbegreiflicher Weise verändert. Der Mond war kein Mond mehr, er leuchtete nahe, ganz nahe durch das Gitter der Terrasse, als hinge er grade über der hellerleuchteten Lichtung. Der Garten, nicht jener, den sie bisher gekannt hatte, sondern ein anderer, der viel dunkler und geheimnisvoller war, rückte dicht an sie heran und drängte sich um sie. Ihr Kopf schwindelte langsam und nachhaltig. Doch, sich mit eigenartiger Lässigkeit biegend, entwand sie sich seinen Armen und flüsterte mühsam durch die plötzlich wie ausgetrockneten Lippen:

»Gut!«

Schwankend und schwerfällig ging sie ins Haus; sie verstand daß etwas Furchtbares, Unabwendbares geschehen war, das sie lockte, lockte, das sie in den Abgrund zog.

– – Es ist ja nur eine Bagatelle, es wird nichts sein, ich mache nur Spaß; ganz einfach, weil es mir interessant ist, ein Scherz, weiter nichts; – – so bemühte sie sich selbst zu überzeugen, als sie in ihrem dunklen Zimmer vor dem Spiegel stand und darin nur ihren Schatten sah, welcher durch den Widerschein der vom Eßzimmer aus beleuchteten Türe hineingeworfen wurde. Sie hob langsam die Hände über den Kopf, knackte die Finger zusammen und dehnte sich leidenschaftlich; dabei beobachtete sie die Bewegungen ihrer schlanken Taille und ihrer breiten, runden Hüften.

Sarudin durchschauerte es, als er allein geblieben war; er knirschte mit den Zähnen und zuckte, die Augen schließend, mit den Achseln. Wie gewöhnlich fühlte er sich glücklich und er empfand, daß ihm ein noch größeres Glück bevorstände. Lyda erschien ihm in dem Augenblick, in dem sie sich ihm hingeben würde, so ungewöhnlich, so wollüstig schön, daß ihm die Erregung physische Schmerzen verursachte.

In der ersten Zeit, als er anfing, ihr den Hof zu machen und auch später noch, als sie ihm schon erlaubte, sie zu umarmen, konnte er ein Gefühl der Furcht in sich nicht unterdrücken. In ihren verdunkelten Augen lag etwas Fremdes, das ihm unbegreiflich war, wie, wenn sie ihn trotz ihrer Liebkosungen doch im geheimen verachtete. Sie erschien ihm so klug, so allen jenen Frauen und Mädchen unähnlich, bei denen er stolz seine Ueberlegenheit empfunden hatte; – – ihr klares Selbstbewußtsein zeigte sie so deutlich, auch während er sie küßte, daß er bei den Umarmungen zurückhaltend und ängstlich wurde, als erwartete er in jedem Augenblick, eine Ohrfeige zu bekommen. Der Gedanke, sie ganz zu besitzen, rief in ihm nur stärkere Furcht hervor. Mitunter kam es ihm geradeso vor, als spielte sie nur mit ihm und seine Rolle schien ihm dann einfach dumm und lächerlich.

Nach dem heutigen Versprechen jedoch, welches sie ihm mit einer eigentümlich ersterbenden, willenlosen Stimme, die er schon von anderen Frauen her kannte, gegeben hatte, fühlte er, wie seine Kraft unerwartet zurückkehrte. Er verstand, daß nun alles so kommen mußte, wie er es wollte.

Und in das beklemmende Gefühl wollüstiger Sehnsucht mischte sich sein und unbewußt eine Spur von Schadenfreude darüber, daß dieses kluge und gebildete Mädchen, welches so stolz und rein war, ihm ebenso unterliegen würde, wie alle die anderen, und daß sie mit sich dasselbe vornehmen lassen sollte, was er bei den andern zu tun pflegte.

Harte, brutale Szenen stiegen vor ihm empor und schwebten nebelhaft vor seinen Augen auf und ab; sie waren voll überreizter Wollust und von ausgesprochener Niedrigkeit. Als Mittelpunkt drängte sich allmählich das Bild von Lydas nacktem Körper hervor. Sarudin sah ihr aufgelöstes Haar, ihre klugen Augen; alles das verband sich zu einer wilden Orgie überhitzter Grausamkeit. Plötzlich erblickte er sie deutlich vor sich auf dem Boden liegen, hörte das Sausen seiner Reitpeitsche und ein rosiger Streifen zog über ihren nackten, zarten Körper, der sich in sklavischer Unterwürfigkeit zuckend dehnte und streckte. Unter einem plötzlichen Aufschießen des Blutes, das ihm ins Gehirn stieg, schwankte er zitternd gegen das eiserne Geländer der Terrasse. Goldene Kreise, Flammen schwirrten ihm vor den Augen. Es war ihm physisch unerträglich, weiter zu denken. Mit bebenden Fingern zündete er eine Zigarette an, seine starken Füße hatten alle Kraft verloren; er trat ins Haus. Wladimir Petrowitsch, der nichts von allem gehört, aber doch genug gesehen hatte, um Sarudins Lage zu begreifen, ging ihm mit einer Empfindung der Eifersucht nach. – – – Welch ein Glück doch solche Bestien haben, dachte er. Weiß der Teufel... Lyda und dieser ...

Das Abendbrot wurde im Eßzimmer eingenommen. Maria Iwanowna war nicht gut aufgelegt, Tanarow schwieg gewohnheitsmäßig und träumte davon, wie angenehm es sein müßte, Sarudin zu ähneln und von einem Mädchen wie Lyda geliebt zu werden. Es schien ihm, daß er sie nicht so wie Sarudin lieben würde, der nicht imstande war, ein solches Glück zu schätzen.

Lyda war blaß und schweigsam; sie schaute niemanden an. Listig und behutsam dagegen benahm sich Sarudin, wie ein Raubtier auf der Fährte, und Ssanin gähnte wie immer, aß, trank sehr viel Wodka; dem Anschein nach war er äußerst schläfrig. Das hinderte ihn aber nicht, nach dem Abendessen zu erklären, er wolle sich noch nicht hinlegen und werde statt eines Spazierganges Sarudin nach Hause begleiten.

Ssanin und Sarudin gingen bis zur Wohnung des Offiziers in fast völligem Schweigen; – – um sich die tiefe Nacht. Nur in den obersten Wolkenschichten schwamm, kaum sichtbar, der Mond. Ab und zu blickte Ssanin auf den Offizier und überlegte, ob es nicht das beste wäre, ihm eine herunterzuhauen.

»Ja,« sagte er plötzlich, schon dicht vor Sarudins Wohnung, »es gibt Verschiedenes in der Welt; zum Beispiel so allerlei Lumpen.«

»Wie meinen Sie das? ...« fragte Sarudin, vor Verwunderung die Augenbrauen hochziehend.

»Ja, so im allgemeinen. Aber grade die Lumpen, das sind die interessantesten Kerle.«

»Was sagen Sie da? ...«

»Natürlich, es gibt nichts Langweiligeres in der Welt, als ein rechtschaffener Mensch zu sein. Was ist so einer? Das Programm der Rechtschaffenheit und Tugend, das ist doch eine allbekannte Geschichte; was sollte es darin Neues geben? In diesem alten Plunder geht dem Menschen jede Individualität verloren. Das ganze Leben engt sich in einen öden, platten Rahmen der Anständigkeit ein. Hehle nicht, lüge nicht, verrate nicht, brich nicht die Ehe, und dabei ist die Hauptsache, daß grade alles dies am festesten im Menschen sitzt; jeder Mensch lügt, verrät, und betreibt besagtes Ehebrechen, nach Maßgabe seiner Kräfte.«

»Doch nicht jeder,« bemerkte nachsichtig Sarudin.

»Nein, jeder! Es genügt schon, sich in das Leben eines anderen Menschen hineinzuversetzen, um darin auf die Sünde zu stoßen. Sehen Sie, in dem Augenblick, wo wir dem Kaiser geben, was des Kaisers ist, uns dann ruhig schlafen legen und zum Mittagessen niedersetzen, verüben wir schon Verrat.«

»Aber was sprechen Sie da?« rief Sarudin unwillkürlich entrüstet.

»Nun wir zahlen Steuern, genügen unsern Bürgerpflichten und die Folge davon ist, daß wir dem Staat die Mittel geben, Tausende von Menschen in denselben Krieg zu schicken, über dessen Ungerechtigkeit wir uns empören. Wir legen uns schlafen und wir denken garnicht daran, die zu retten, die sich gleichzeitig für unsere Ideen aufopfern. Wir verzehren soviele überflüssige Bissen und lassen Menschen Hungers sterben, für deren Wohlergehen wir sorgen müßten, wenn wir wirklich tugendhafte Menschen wären. Und so fort. Das ist ja verständlich. Aber eine andere Sache ist es mit dem Lumpen, dem echten, aufrichtigen Lumpen. Das ist vor allen Dingen ein vollkommen offener, natürlicher Mensch.«

»Ein natürlicher? ...«

»Gewiß, unbedingt. Er tut eben das, was für einen Menschen ganz natürlich ist. Er sieht irgendetwas, was ihm nicht gehört, aber gefällt, und nimmt es sich. Er sieht ein prachtvolles Weib, das sich ihm nicht gleich hingeben will, also nimmt er es mit Gewalt oder mit List. Und das ist vollkommen natürlich, weil das Bedürfnis und Verständnis für den Genuß grade einer der wenigen Züge ist, wodurch sich der Mensch vom Tiere unterscheidet. Je mehr Tier das Tier ist, um so weniger weiß es etwas vom Genuß oder ist imstande, ihn zu suchen. Tiere befriedigen nur ihre Triebe. Ich glaube, darüber sind wir uns doch alle klar, daß der Mensch nicht zum Leide geschaffen ist, und daß Leiden nicht das Ideal menschlichen Strebens sein kann.«

»Selbstredend,« gab Sarudin zu.

»Also liegt im Genuß das Ziel des Lebens. Paradies ist gleichbedeutend mit absolutem Genuß und alle Menschen träumen auch, so oder so, vom Paradies auf Erden. Ursprünglich war es ja auch hier unten, wie man sagt. Und dieses Märchen vom Paradies ist keineswegs ein Unsinn; es ist ein Traum und ein Symbol.«

»Ja,« sagte nach einigem Schweigen Sarudin, »die Enthaltsamkeit ist wirklich keine natürliche Eigenschaft des Menschen; am aufrichtigsten sind tatsächlich die, welche ihre Begierden garnicht zu unterdrücken suchen.«

»Ganz recht,« fiel ihm Ssanin ins Wort, »das heißt also solche, die man in unserer Gesellschaft Lumpen nennt. Sehen Sie, wie Sie zum Beispiel.«

Sarudin zitterte und prallte zurück.

»Sie sind natürlich,« fuhr Ssanin fort und tat so, als wenn er nichts bemerkt hätte, »der beste Mensch von der Welt. Wenigstens in Ihren eigenen Augen. Aber gestehen Sie, trafen Sie jemals einen Menschen, der besser war als Sie? ...«

»Viele,« antwortete unentschlossen Sarudin, der ihn jetzt überhaupt nicht mehr begriff und nicht mit sich ins Reine kommen konnte, ob es angebracht wäre, sich beleidigt zu fühlen oder nicht.

»Sagen Sie wen? ...«

Sarudin zog schwankend die Schultern an.

»Nun da haben Sie's,« rief Ssanin heiter, »zuletzt bleiben Sie doch selbst der allerbeste Mensch. Und ich zähle mich natürlich auch zu ihnen. Und haben wir beide nicht, wenn's drauf ankommt, den Wunsch, zu stehlen, zu lügen und ehezubrechen? Selbstverständlich, ... vor allen Dingen ehezubrechen.«

Sarudin schob wieder die Schultern in die Höhe.

»Originell,« murmelte er.

»Meinen Sie?« fragte Ssanin, mit einer unfaßbaren Nuance von Spott. »Von der Seite habe ich es noch garnicht angesehen. Ja, Lumpen sind die aufrichtigsten Menschen. Nebenbei auch die interessantesten. Weil man sich in der menschlichen Lumpenhaftigkeit gar keine Schranken und Begrenztheit vorstellen kann. Einem Lumpen werde ich stets mit ganz besonderer Hochachtung und großem Genuß die Hand drücken.«

Und mit einem ungewöhnlich offenen, freudigen Gesicht drückte Ssanin dem Offizier die Hand, schaute ihm dabei liebenswürdig gerade in die Augen, verdüsterte sich aber plötzlich und murmelte, nun schon mit völlig veränderter Stimme: »Adieu, gute Nacht!« und ging fort.

Sarudin blickte, einige Minuten unbeweglich auf demselben Flecke stehend, dem fortgehenden Ssanin ganz verdutzt nach. Er wußte nicht, wie er seine Worte aufnehmen sollte und er befand sich daher in einer selten peinlichen Stimmung. Aber sofort wurde sie durch die Erinnerung an Lyda verdrängt; – – er dachte daran, daß Ssanin ja ihr Bruder sei und daß er im Grunde wohl recht hätte; im selben Augenblick empfand er für ihn auch ein Gefühl brüderlicher Liebe und Freundschaft.

– – – »Er bleibt aber doch ein interessanter Kerl,« dachte er selbstgefällig, als wenn ihm Ssanin bis zu einem gewissen Grade angehöre und er selbst für dieses Interesse in Frage komme. Dann öffnete er die Haustür und schritt, immer noch kopfschüttelnd und von angenehmen Nachdenken angeregt, in seine Wohnung.

Ssanin kehrte gleichmütig nach Hause zurück, kleidete sich aus, legte sich nieder, zog die dicke Decke hoch und wollte zum Zarathustra greifen, den er bei Lyda gefunden hatte.

Aber schon von der ersten Seite an war ihm das Buch langweilig. Die aufgeblasenen Bilder erweckten in seiner Seele keinen Rhythmus, er spuckte drauf, warf sie beiseite und schlief sofort ein.

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