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Michail Petrovic Arcybasev: Ssanin - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorM. Artzibaschew
titleSsanin
publisherGeorg Müller
printrunDreizehnte Auflage
year1909
firstpub1908
translatorAndré Villard und S. Bugow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070718
projectidaffaca67
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II

Es war gegen ein Uhr mittags. Die Sonne strahlte hell, doch rückte schon vom Garten wieder ein weicher, grünlicher Schatten heran. Licht, Stille und Wärme bebten gespannt in der Luft.

Maria Iwanowna kochte Eingemachtes und unter der grünen Linde roch es schmackhaft und eindringlich nach brodelndem Zucker.

Ssanin hatte sich seit dem frühen Morgen an den Blumenbeeten zu schaffen gemacht; er bemühte sich eifrig, die Blumen, welche ihre Köpfchen unter der Hitze und dem Staube sinken ließen, wieder aufzurichten.

»Du solltest doch erst das Unkraut ausjäten«, rief ihm Maria Iwanowna zu, indem sie versuchte, durch den bläulichen, zitternden Dunst des Herdes zu ihm herüberzublicken. »Sage es doch Gruschka, sie wird es dir machen.«

Ssanin hob sein schweißbedecktes, heiteres Gesicht empor. »Wozu«, sagte er und schüttelte mit einer Bewegung das an die Stirn geklebte Haar zurück, »mag es doch wachsen. Ich liebe überhaupt jedes Grün.«

»Ein komischer Kauz bist du!« meinte die Mutter gutmütig die Achsel zuckend; aber doch waren ihr seine Worte nicht angenehm.

»Ihr seid selbst komische Käuze«, rief Ssanin im Tone fester Ueberzeugung und ging ins Haus, um sich die Hände zu waschen; er kehrte bald wieder zurück und ließ sich behaglich in dem geflochtenen Korbstuhl am Tische nieder.

Ihm war froh zumute, leicht und freudig. Das Grün, die Sonne, die Bläue des Himmels drängten sich in einem so starken Strahl in seine Seele, daß sie sich in dem weiten Empfinden vollkommenen Glückes breit öffnete.

Die großen Städte mit ihrem eiligen Lärm und dem hastenden Leben waren ihm zum Ekel geworden. Rings um ihn war Sonne und Freiheit und die Zukunft bekümmerte ihn nicht, weil er bereit war, alles vom Leben hinzunehmen, was es ihm bieten konnte.

Ssanin kniff die Augen zusammen und dehnte mit kräftigem Behagen seine gesunden Muskeln; dehnte und streckte sie. Es wehte eine stille, weiche Kühle durch den ganzen Garten; er schien tief und sanft aufzuseufzen. Die Spatzen zwitscherten von irgendwo, zugleich nah und fern und der gefleckte Foxterrier Mill lauschte, die rote Zunge heraushängend und das eine Ohr aufgerichtet, nachlässig aus dem dichten, hohen Grase hervor. Ueber seinem Kopfe rauschten leise die Blätter und ihre runden Schatten bewegten sich lautlos auf dem glatten Sande des Weges.

Maria Iwanowna verdroß die Ruhe ihres Sohnes. Sie liebte ihn ebenso wie ihre anderen Kinder. Doch eben deshalb kochte es in ihr vor Erregung; – sie wünschte, seine eigensinnige Kälte anzupacken und zu verletzen; sie wollte ihn zwingen, ihren Worten und ihrer Auffassung vom Leben Wert beizulegen. Alle Augenblicke ihres langen Daseins durchwühlte sie wie eine Ameise, die sich im Grase herumgräbt, um den zertretenen Bau ihrer häuslichen Wohlfahrt wieder aufzurichten.

Dieses langweilige, eintönige Gebäude, einer Kaserne und einem Krankenhaus ähnlich, bestand aus winzigen Ziegelsteinen, die ihr jedoch, dem talentlosen Baumeister, als der Schmuck des Lebens erschienen. In Wirklichkeit beengten sie nur Maria Iwanowna, verdrossen und ängstigten sie; stets wurde sie von ihnen in eine bekümmerte Trübsal versetzt. Aber trotzdem glaubte sie, daß kein Mensch ein anderes Leben führen könne.

»Nun, wie also, soll es etwa so weitergehen? ...« Sie tat, als ob sie angestrengt in die Schüssel mit dem Eingemachten blicke.

»Wie ... so ... weiter?« ... fragte der Sohn und nieste mehrmals.

Maria Iwanowna war überzeugt, daß auch dieses Niesen nur in der Absicht geschah, sie zu verletzen. Und obgleich sie offensichtlich unrecht hatte, fühlte sie sich dadurch gekränkt und wurde noch mißmutiger.

»Es haust sich doch ganz gut bei euch«, meinte Ssanin träumerisch. »Nicht schlecht,« gab Maria Iwanowna reserviert zur Antwort, da sie es für notwendig hielt, böse zu sein. Aber doch war es ihr angenehm, daß ihr Sohn Haus und Garten gelobt hatte, mit denen sie wie mit nahen, lieben Wesen verwachsen war.

Ssanin blickte zu ihr auf und erwiderte nachdenklich:

»Und wenn ihr mich nicht noch mit allerlei Kleinlichkeiten belästigen wolltet, so wäre es noch besser.« Der harmlose Ton, mit dem er dies hinredete, widersprach dem verletzenden Inhalt seiner Worte, sodaß die Mutter nicht wußte, ob sie böse sein oder lachen sollte.

»Wenn ich dich so ansehe, ... du bist auch als Kind immer anders gewesen, abnorm, aber jetzt, ...«

»Was jetzt? ...« fragte Ssanin so heiter, als erwartete er etwas sehr Interessantes und Angenehmes zu hören.

»... und jetzt bist du schon ganz vollkommen!« antwortete Maria Iwanowna und schwenkte den Löffel aus.

»Nun um so besser!« lächelte er und fügte nach kurzem Schweigen hinzu: »Da kommt auch Nowikow!«

Vom Hause her kam ein hochgewachsener, hübscher und blonder Mann. Sein rotes Seidenhemd, das sich dicht an den gedunsenen, aber gut gebauten und kräftigen Körper legte, flammte unter den Sonnentupfen grell und mit rötlichen Spiegeln auf; seine blauen Augen schauten zärtlich und lässig gradeaus. »Und Sie zanken sich noch immer?« ließ er sich schon von weitem mit einer ebenso zärtlichen und lässigen Stimme vernehmen. »Worüber nur, um des Himmels willen?«

»Ja, siehst du, Mama findet, daß meinem Gesicht eine griechische Nase besser gestanden hätte; ich aber meine, wie sie auch ist, dem Himmel sei Dank!«

Ssanin schielte von der Seite auf seine Nase, lächelte und drückte Nowikows weiche, breite Hand.

»Nun, was noch gar!« rief Maria Iwanowna verdrossen aus.

Nowikow lachte laut und heiter auf und der abgerundete, weiche Wiederhall ließ sein Lachen gutmütig und dröhnend aus dem grünen Dickicht zurückschallen, gleichsam, als ob sich dort jemand stille seiner Heiterkeit gefreut hätte.

»Ja, das weiß ich selbst; hier sorgt man in einem fort um dein Schicksal!«

»Was soll ich nur damit anfangen? ...« sagte Ssanin in komischer Verlegenheit.

»Du hast's ja reichlich verdient.«

»Hoho, wenn ihr euch meiner etwa von beiden Seiten annehmen wollt, so steht es mir immer noch frei, davonzulaufen.«

»Nein, bleib nur, ich werde selbst lieber fortgehen,« unterbrach ihn plötzlich Maria Iwanowna mit ganz unerwartetem Aerger. Sie riß mit einemmal die Schüssel vom Herde herunter und ging ins Haus, ohne einen von ihnen anzublicken.

Mill sprang aus dem Grase auf, spitzte die Ohren, und sah ihr fragend nach. Dann rieb er die Nase an der Vorderpfote, blickte wieder aufmerksam aufs Haus und lief schließlich ärgerlich irgendwo tief in den Garten hinein.

»Zigaretten! ... Hast du welche? ...« fragte Ssanin äußerst zufrieden, daß seine Mutter fortgegangen war.

Nowikow nahm, seinen Körper lässig zurückreckend, das Etui heraus: »Du neckst sie doch rein umsonst. Laß doch das Necken!« sprach er gedehnt mit zärtlichem Vorwurf in der Stimme. »Sie ist doch eine alte Frau.«

»Womit necke ich sie denn? ...«

»Nun, mit alledem.«

»Ach was, alledem! Sie hackt selbst auf mir herum. Ich verlange nie etwas von den Leuten, Brüderchen, mögen sie mich auch in Ruhe lassen.«

Beide schwiegen.

»Nun, wie geht's dir, Doktor? ...« Ssanin verfolgte während seiner Frage angespannt die zierlichen und kapriziösen Gebilde des Tabakrauches, die sich in der reinen Luft zart um seinen Kopf wanden.

Nowikow, der über etwas anderes nachdachte, antwortete nicht sogleich.

»Schlimm,« sagte er schließlich.

»Weshalb das? ...«

»Na so im allgemeinen! Langweilig! ... Dieses Nest hängt mir längst zum Halse heraus. Gibt nichts zu tun hier.«

Du? ... Für dich gibt es hier nichts zu tun? ... Du hast ja selbst dein Leid geklagt, kämst garnicht zum Aufatmen.«

»Davon spreche ich ja nicht. Man kann doch nicht nur ewig kurieren und Mixturen verschreiben. Es gibt doch noch was anderes im Leben.«

»Und was stört dich, auch für dieses andere zu leben? ...«

»Nun, das ist schon eine komplizierte Geschichte.«

»Durch was kompliziert? ... Ueberhaupt, sage mal, was fehlt dir denn eigentlich? ... Du bist ein junger Kerl; hübsch, gesund ...«

»Und das ist, wie sich herausstellt, im Grunde sehr wenig,« erwiderte Nowikow mit gutmütiger Ironie.

»Wie soll man dir das beibringen. Viel ist das, sehr viel sogar.«

»Und für mich nicht genug ...« Nowikow schmunzelte ein wenig. Und aus diesem Schmunzeln konnte Ssanin entnehmen, daß ihm das Lob über seine Gesundheit, Kraft und Schönheit angenehm gewesen war. Er wurde sogar ein wenig verlegen und errötete wie ein junges Mädchen auf der Brautschau.

»Dir fehlt nur eins,« sagte Ssanin nach einer Weile.

»Und das wäre? . ..«

»Der richtige Blick fürs Leben ... Siehst du, du fühlst dich von der Einförmigkeit deines Lebens bedrückt. Aber wollte dir jemand vorschlagen, alles beiseite zu werfen und deiner Nase nachzulaufen, so wärest du einfach platt. Vor Staunen.«

»Wohin? ... Vielleicht als Landstreicher?«

»Meinetwegen auch als Landstreicher! Warum denn nicht? Ich seh dich so an und denke mir: Das ist nun auch so einer, der bei Gelegenheit fähig wäre, für irgendeine Konstitution im russischen Reich auf Lebenslang nach Schlüsselburg zu gehen, alle Rechte, seine Freiheit einzubüßen ... und man sollte doch meinen: Was kann ihm die Verfassung sein? ... Aber handelt es sich darum, sein eigenes, überflüssiges Leben umzugestalten und fortzugeben, um einen Sinn und Interesse darin zu suchen, so steht auch schon die Frage vor ihm: Wovon werde ich leben? ... Und werde ich auch ja nicht untergehen, ich der gesunde, kräftige Mann, wenn ich mal mein Gehalt verliere und damit auch die Sahne zum Morgentee, das seidene Hemd und den gestärkten Kragen ... Komisch ist das ... bei Gott komisch!«

»Daran ist garnichts Komisches! Dort handelt es sich um eine Frage der Weltanschauung und hier ...«

»Was hier? ...«

»Ja, wie soll man das auseinandersetzen,« Nowikow knackte mit den Fingern.

»Hier siehst du, wie du urteilst! Gleich hast du Unterscheidungen zur Hand. Ich werde es dir noch nicht glauben, daß dich die Sehnsucht nach einer Verfassung mehr aufreibt, als Sinn und Interesse an deinem eigenen Leben.«

»Nun, das ist immer noch eine Frage ... Vielleicht doch mehr.«

Ssanin winkte ihm verdrießlich mit der Hand ab:

»Ach laß doch den Unsinn. Schneidet man dir in den Finger, so wird's dir sicher weher tun, als tut man's irgendeinem andern Untertanen Väterchens. Das ist Tatsache!« »Oder Zynismus,« Nowikow wollte beißend antworten, aber er forderte nur zum Lachen heraus.

»Mag übrigens sein. Aber das steht fest. Obwohl es nicht nur in Rußland, auch in vielen andern Ländern der Welt keine Verfassung, ja nicht einmal eine Andeutung davon gibt, grämst du dich jetzt nur, weil dir dein eigenes Leben nicht das richtige Vergnügen macht. Aber nicht im Geringsten einer Konstitution wegen. Und wenn du was anderes behauptest, so, nun so schwindelst du eben.« Plötzlich unterbrach sich Ssanin selbst mit frohem Aufleuchten in seinen hellen Augen und richtete sich halb auf: »Du grämst dich ja auch jetzt garnicht, weil dich vielleicht dein Leben anekelt, sondern ganz einfach, weil dich Lyda bisher nicht lieben wollte. Nun, ist es nicht so? ...«

»Jetzt redest du schon ganz und gar dummes Zeug,« rief Nowikow rot werdend wie sein rotes Hemd und in seine guten, ruhigen Augen stiegen Tränen der naivsten und aufrichtigsten Verlegenheit.

»Warum denn dummes Zeug, wenn du über Lyda die ganze Welt vergißt. Von Kopf bis zu den Füßen steht auf dir der eine Wunsch geschrieben, sie hinzunehmen. Und dann sagst du dummes Zeug.« . ..

Nowikow zuckte ganz eigentümlich mit der Achsel und ging hastig die Allee auf und ab. Selbst wenn nicht grade Lydas Bruder davon gesprochen hätte, wäre er wohl in Verlegenheit geraten, aber es schien ihm ganz besonders eigentümlich, diese Worte, deren Sinn er garnicht einmal richtig verstehen mochte, nun von Ssanin zu hören.

»Weißt du was,« murmelte er endlich vor sich hin, »entweder du willst eine Pose markieren, oder ...«

»Oder? ...« fragte lächelnd Ssanin.

Nowikow zuckte schweigend mit der Schulter und blickte zur Seite. Die andere Auffassung sollte Ssanin als einen gemeinen, verdorbenen Menschen bezeichnen. Das aber konnte er ihm nicht sagen, weil er für ihn stets, schon auf dem Gymnasium, eine aufrichtige Zuneigung empfunden hatte. Wirklich gefiel ihm dieser schlechte Mensch, trotzdem er fühlte, daß es eigentlich nicht der Fall sein durfte; das schlug sich in Nowikow als schwere und trübe Stimmung nieder. Die Erinnerung an Lyda war ihm schmerzlich und setzte ihn in Verlegenheit; und doch konnte er, da er Lyda vergötterte und das große und tiefe Gefühl selbst, welches er für sie empfand, anbetete, Ssanin wegen der Erinnerung nicht böse sein. Sie war qualvoll, aber gleichzeitig auch beglückend, als hätte jemand sein Herz ergriffen und leise gedrückt.

Ssanin schwieg und lächelte; sein Lächeln war aufmerksam und zärtlich.

»Nun, denke dir nur die richtige Bezeichnung aus; ich warte ein Weilchen, ich habe es nicht eilig.«

Nowikow schritt noch immer die Allee auf und ab und man sah ihm an, daß er aufrichtig litt.

Mill kam herbeigelaufen, schnüffelte besorgt umher und begann, sich an Ssanins Knieen zu reiben. Augenscheinlich war er über etwas froh und wünschte seine Freude auch den andern mitzuteilen.

»Du bist mir ein schönes Hundevieh,« sagte Ssanin, ihn streichelnd.

Nowikow hielt sich mühsam zurück, mit ihm Streit zu beginnen, fürchtete aber, daß Ssanin noch einmal das berühren könnte, was ihn auf der ganzen Welt am tiefsten traf. Und doch schien ihm alles andere, das ihm in den Kopf stieg, gleichgültig, leer und tot in Vergleich mit jedem Gedanken an Lyda.

»Und wo ist Lyda Petrowna? ...« fragte er ganz mechanisch, grade das, was er am liebsten fragen wollte, aber sich eigentlich nicht zu fragen getraute.

»Lyda? ... Wo soll sie sein? ... Sie wird auf dem Boulevard mit den Offizieren herumlaufen.«

Nowikow empfand einen schmerzlichen Stich. Eifersüchtig erwiderte er: »Lyda Petrowna ... sie ist so klug und entwickelt, ... wie kann sie ihre Zeit mit diesen vernagelten Kerlen verbringen? ...«

»Eh, mein Freund, Lyda ist jung, schön und gesund, ganz wie du auch; – – vielleicht noch mehr, weil sie das hat, was dir fehlt, die Gier nach allem. Sie möchte gerne alles wissen, alles durchempfinden. Ah, da ist sie ja selbst. Schau sie nur an und begreife doch, was für eine Schönheit sie ist.«

Lyda war im Wuchse kleiner, aber bedeutend schöner als ihr Bruder. In ihr überraschte die feine und zauberhafte Verknüpfung reizender Zärtlichkeit und gewandter Kraft; der leidenschaftliche, stolze Ausdruck ihrer dunklen Augen und ihre weiche und klangvolle Stimme, auf die sie stolz war. Langsam und sich beim Gehen ein wenig mit dem ganzen Körper wiegend, wie eine junge, prachtvolle Stute, stieg sie die Steinstufen, ihr langes, graues Kleid geschickt und sicher raffend, herab. Hinter ihr gingen zwei junge, hübsche Offiziere in glänzenden, hohen Reitstiefeln und enganliegenden Hosen; sie verwickelten sich in die Sporen, deren Klirren den Eindruck hervorrief, als ob es von ihnen selbst übertrieben würde.

»Wer ist das? ... Eine Schönheit?« ... fragte Lyda, indem sie den ganzen Garten mit ihrer weiblichen Frische und ihrer klangvollen Stimme erfüllte.

Sie reichte Nowikow die Hand und schielte argwöhnisch auf den Bruder, an den sie sich immer noch nicht gewöhnen konnte; sie begriff nicht, wann er lachte und wann er im Ernst sprach. Als ihr Nowikow die Hand drückte, bemerkte sie nicht, wie scheu und ehrfurchtsvoll seine Blicke auf ihr ruhten; sie erregten sie nicht mehr wie früher.

»Guten Abend, Wladimir Petrowitsch,« grüßte, die Sporen aneinanderklirrend und den ganzen Körper reckend, der Offizier, der von größerem Wuchs und der Schönere war.

Ssanin wußte schon, daß er Sarudin hieß, Rittmeister war und sich beharrlich und eindringlich um Lyda bemühte. Der andere Offizier war ein Leutnant Tanarow, der Sarudin für das Muster eines Offiziers hielt und nur den einen Wunsch hatte, ihm in allen Dingen gleichen zu können. Er war aber schweigsam und wenig gewandt, auch war sein Gesicht weniger hübsch als das Sarudins. Er klirrte ebenso mit den Sporen, sagte aber nichts.

»Du!« antwortete Ssanin plötzlich auf die Frage seiner Schwester, doch in einem Tone, der viel zu ernst klang.

»Natürlich eine Schönheit und vergiß nur nicht, gleich hinzuzufügen, eine unbeschreibliche.« Lyda lachte hell auf und warf sich mit dem ganzen Körper in den Korbsessel, während sie gleichzeitig mit einem Blick das Gesicht ihres Bruders streifte. Langsam hob sie beide Hände zum Kopf, wodurch sich ihre hohe, elastische Brust erhaben ausprägte und begann die Nadeln aus dem Hut zu ziehen. Dabei ließ sie eine dieser Nadeln, lang wie Stacheln, in den Sand niederfallen und verwickelte ihren Schleier in das Haar und in die andere Nadel.

»Aber Iwan Pawlowitsch, so kommen Sie mir doch zu Hilfe,« wandte sie sich kokett bittend an den schweigsamen Leutnant.

»Ja, wirklich, eine Schönheit,« wiederholte Ssanin nachdenklich, ohne seine Augen von ihr zu lassen.

Lyda schielte wieder mit einem mißtrauischen Blick zu ihm herüber.

»Wir sind hier alle nur Schönheiten!«

»Was sind wir? ...« lachte Sarudin. »Nur eine armselige Staffage, auf deren Hintergrund sich Ihre Schönheit noch heller und prunkvoller abhebt.

»Wie elegant Sie sich ausdrücken,« sagte Wladimir Petrowitsch und durch seine Worte klang eine leichte Nuance von Spott hindurch.

»Lyda Petrowna wird jeden dazu bringen, sich so auszudrücken,« bemerkte tiefsinnig der schweigsame Tanarow, der mit vielem Eifer versuchte, Lydas Hut zu lösen, sie aber so am Haare zerrte, daß sie zugleich ärgerlich wurde und lachte.

» Sie hat sie also auch schon dazu gebracht,« meinte gedehnt und verwundert Wladimir Petrowitsch.

»Laß sie doch,« raunte ihm Nowikow unaufrichtig und doch mit einem Gefühl des Vergnügens zu.

Lyda sah mit zusammengekniffenen Augen grade in die ihres Bruders und an ihren verdunkelten Pupillen konnte Ssanin deutlich lesen: ... Denke nicht, ich wüßte nicht gut, was das alles bedeutet. Aber es macht mir Spaß. Ich bin nicht dümmer als du und weiß genau, was ich tue.

Ssanin lächelte ihr zu; der Hut war endlich abgenommen und Tanarow trug ihn feierlich auf den Tisch.

»Ach was sind Sie für ein Mensch, Iwan Pawlowitsch,« rief Lyda, im Augenblick ihren Blick verändernd, wieder liebenswürdig und kokett. »Sie haben mir die ganze Frisur verdorben. Jetzt muß ich erst ins Haus gehen.«

»Oh, das werde ich mir niemals verzeihen,« murmelte Tanarow verlegen.

Lyda erhob sich schnell, raffte das Kleid zusammen und während sie die erregenden Blicke der Männer auf sich gerichtet fühlte, lachte sie grundlos auf und lief die Steinstufen hinauf.

Als sie verschwunden war, fühlten sich alle unwillkürlich freier, erschlafften und ließen den Körper zusammenfallen; sie verloren jene nervöse Spannung der Bewegung, welche die Männer in Anwesenheit eines jungen und schönen Mädchen empfinden.

Sarudin nahm eine Zigarette aus seinem Etui und begann, schon während er sie ansteckte, behaglich zu sprechen. Aber man hörte heraus, daß er nur aus Gewohnheit das Gespräch fortführte, und daß er dabei an etwas ganz anderes dachte:

»Heute riet ich Lyda Petrowna alles im Stich zu lassen und ganz ernsthaft mit Gesangsunterricht zu beginnen. Mit ihrer Stimme hat sie sicher eine Karriere vor sich.«

»Nicht zu leugnen, eine nette Aussicht!« erwiderte ihm düster und zur Seite schauend Nowikow.

»Und weshalb das? ...« fragte Ssanin voll Erstaunen; er ließ sogar die Zigarette sinken.

»Was ist denn eine Schauspielerin? ... Auch nichts anderes als eine Dirne.« Nowikow geriet plötzlich in Erregung. Doch jedes Wort, das er sprach, quälte und erregte ihn selbst am meisten. Er litt unter dem Gedanken, daß die Frau, die er liebte, ihren Körper den Blicken anderer Männer preisgeben sollte. Und dazu in herausfordernden Kostümen, die diesen Körper bloßstellten und ihn noch verlockender machten.

»Das ist wohl etwas zuviel gesagt,« meinte Sarudin die Augenbrauen hebend.

Nowikow sah ihn voll Haß an. In seiner Vorstellung gehörte grade Serudin zu jenen Männern, die das Mädchen, das er liebte, mit begehrlichen Blicken betrachteten, und es war ihm schmerzlich, daß jener schön war.

»Nicht im mindesten zuviel. Halb nackt auf die Bühne zu treten. Sich hin und her zurecken. Unter den Augen von Leuten wollüstige Szenen darzustellen, von Leuten, die später so fortgehen, wie man von einer Dirne geht, nachdem man ihr das Geld hingeworfen hat. Nicht zu leugnen, sehr hübsch.«

»Mein Freund,« bemerkte Wladimir Petrowitsch lächelnd, »einer jeden Frau ist es vor allem angenehm, wenn man ihren Körper bewundert.« – –

Nowikow zuckte verdrießlich die Achseln.

»Weißt du, du sprichst sehr abgeschmackte Dinge.«

»Weiß der Teufel, ob es abgeschmackt ist oder nicht. Wahr ist es!«

»Lyda würde sich aber auf dem Theater ganz effektvoll machen. Ich hätte selbst Lust, das mit anzusehen.«

Obgleich sich durch diese Worte Ssanins bei allen eine instinktive, gierige Lüsternheit regte, wurde ihnen doch peinlich zumute. Sarudin, der sich für intelligenter und abgeschliffener als die anderen hielt, glaubte verpflichtet zu sein, sie aus dieser unangenehmen Situation herauszureißen.

»Und was muß nach Ihrer Meinung eine Frau tun? ... Heiraten? – Auf die Universitäten laufen? ... Und dafür ihr Talent vernachlässigen? ... Das wäre gradezu ein Verbrechen an der Natur, die sie mit ihren besten Gaben ausgestattet hat.«

»Nun, nun,« sagte Ssanin mit unverhohlenem Spott. »Aber in der Tat, mir selbst ist niemals der Gedanke an dieses Verbrechen auch nur in den Kopf gekommen.«

Nowikow lachte schadenfroh auf, erwiderte aber Sarudin aus Höflichkeit: »Weshalb denn ein Verbrechen? – Eine gute Mutter oder eine gute Aerztin ist doch tausendmal mehr wert als jede Schauspielerin.«

»Nanu,« rief Tanarow entrüstet.

»Wird es euch wirklich nicht langweilig, Herrschaften, all dieses dumme Zeug zusammenzuschwatzen? ...«

Sarudin blieb die Erwiderung in der Kehle stecken und auch den anderen schien es mit einemmal, als ob es langweilig und nutzlos wäre, noch weiter zu sprechen. Nichtsdestoweniger fühlten sich alle durch Ssanins Einwurf beleidigt. Es wurde still und sehr langweilig.

Maria Iwanowna und Lyda waren bei dem letzten Satze Wladimir Petrowitschs auf die Terrasse hinausgetreten und hatten ihn gehört; sie verstanden aber nicht, um was es sich eigentlich handelte.

»Ihr seid ja mit eurer Unterhaltung ziemlich schnell bei der Langeweile angekommen. Gehen wir zum Fluß hinunter; da ist's jetzt am hübschesten.«

Als Lyda an den Männern vorüberschritt, zog sie den ganzen Körper ein wenig an, und ihre Augen schimmerten so rätselhaft, als verspräche sie etwas, doch ohne zu sagen, was ... »So ist's recht! Geht nur bis zum Abendbrot spazieren,« rief Maria Iwanowna.

»Sehr schön. Mit Vergnügen!« Sarudin war bereitwilligst dabei und bot Lyda, wieder mit den Sporen klirrend, seinen Arm.

»Hoffentlich gestatten Sie mir auch, mich Ihnen ...« Nowikow versuchte seinem Ton einen verletzenden Klang zu geben, doch dadurch erhielt sein ganzes Gesicht nur einen jämmerlichen Ausdruck.

»Wer hindert Sie denn? ...« fragte Lyda über die Achseln lächelnd.

»Ach, Bruder, geh, geh,« riet ihm Ssanin. »Ich würde selbst mitkommen, wenn Lyda nicht zu sehr daran dachte, daß ich ihr Bruder bin.«

Lyda erzitterte eigentümlich; ihre Aufmerksamkeit spannte sich. Dann maß sie den Bruder mit einem raschen Blick und lachte kurz und nervös auf.

Auch Maria Iwanowna hatte diese Aeußerung ihres Sohnes chokiert:

»Wozu redest du solche Dummheiten,« fragte sie grob. »Mußt dich durchaus originell machen.« »Fällt mir garnicht ein.«

Maria Iwanowna blickte ihren Sohn mit Erstaunen an. Sie konnte ihn absolut nicht verstehen; sie begriff ebensowenig wie Lyda, wenn er scherzte oder Ernst machte; und vor allem nicht, warum er grade entgegengesetzt dachte und empfand wie sie, während doch alle ihre Bekannten mit ihr fast gleicher Auffassung waren. Nach ihren Begriffen mußte der Mensch immer das denken, empfinden und tun, was alle Menschen dachten, empfanden und taten, die mit ihm in bezug auf Besitz, Bildung und soziale Lage gleichstanden.

Für sie war es ganz natürlich, daß Menschen nicht einfach nur Menschen sein sollten, mit all den individuellen Eigenheiten, welche die Natur in sie hineingelegt hat, sondern Personen, die in eine allen gemeinsame Form gegossen waren.

Ihre Umgebung befestigte sie in dieser Anschauung: Darauf wurde auch das Schwergewicht der erzieherischen Tätigkeit gelegt und allein durch sie wurden die Unterschied zwischen Gebildeten und Ungebildeten ausgeprägt. Die letzteren durften ihre Individualität bewahren und wurden dafür von den andern verachtet; diese Andern aber zerfielen in Gruppen, die allein der anerzogenen Bildung entsprachen. Ihre Ueberzeugungen hatten sich nicht nach ihren persönlichen Anlagen, sondern nach ihrer Stellung zu richten: – – – jeder Student war revolutionär, jeder Staatsbeamte bourgeois, jeder Schauspieler schlug über die Stränge und jeder Offizier war mit übertriebenen Ehrbegriffen ausgestattet. Wenn sich plötzlich ein Student als Konservativer, ein Offizier als Revolutionär herausgestellt hätte, so wäre das zum mindesten sehr eigenartig, wahrscheinlich aber äußerst unangenehm gewesen. Ssanin durfte seiner Herkunft und Erziehung nach garnicht so sein, wie er sich gab, und Maria Iwanowna sah ihn, wie Lyda, Nowikow und alle, die auf ihn stießen, mit dem ärgerlichen Gefühl getäuschter Erwartung an. Mit dem Instinkt der Mutter merkte sie sofort den Eindruck, den ihr Sohn auf die ganze Umgebung machte und dieser Eindruck war ihr sehr schmerzlich.

Ssanin empfand es. Er hätte die Mutter gerne beruhigt, wußte aber nicht, wie er es anfangen sollte. Einen Augenblick kam ihm sogar der Gedanke, sich zu verstellen und der Mutter einige beruhigende Worte zu sagen. Aber es wollte ihm nichts einfallen; er lachte auf, erhob sich und ging ins Haus.

Gelangweilt legte er sich aufs Bett und begann darüber nachzudenken, wie die Menschen die ganze Welt in ein Kloster verwandeln wollen, mit einer Regel für alle. Und diese Regel ist auf der Vernichtung jeder Persönlichkeit und ihrer Unterwerfung unter die strikten Anordnungen einer geheimnisvollen Greisenhaftigkeit aufgebaut. Dann gingen seine Gedanken auf das Schicksal des Christentums über und die Rolle, die es in der Geschichte gespielt hat; diese Gedanken langweilten ihn aber so, daß ihn unmerklich der Schlummer überkam und er bis zum Abend durchschlief.

Maria Iwanowna hatte noch lange hinter ihm hergeschaut; endlich seufzte sie auf und wurde nachdenklich. Sie sann darüber nach, daß Sarudin offenkundig Lyda den Hof machte und sie wünschte im stillen, daß es ihm ernst wäre.

– – – Lyduschka ist schon zwanzig Jahre alt, zog es ihr leise durch den Kopf, und Sarudin scheint ein guter Mensch zu sein. Man sagt, daß er in diesem Jahre eine Schwadron bekommen wird. Nur, – – Schulden hat er bis über den Kopf. Und weshalb habe ich nur diesen abscheulichen Traum gehabt. – – – Dieser Traum, den Maria Iwanowna an demselben Tage gesehen hatte, als Sarudin zum erstenmal zu ihnen ins Haus kam, quälte sie unaufhörlich und Gott weiß warum. Sie hatte geträumt, daß Lyda in einem weißen Kleide über ein Feld ging, und die Weiße des Kleides schien ihr ein großes und schweres Unheil vorauszusagen – – –

Maria Iwanowna ließ sich jetzt in einen Korbsessel nieder, stützte nach Art der alten Frauen den Kopf in die Hand und sah lange in den allmählich dunkler werdenden Himmel. Kleinliche, aber zähe und verdrossene Gedanken schoben sich durch ihren Kopf. Es war ihr grämlich und beängstigend zumute.

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