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Michail Petrovic Arcybasev: Ssanin - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
authorM. Artzibaschew
titleSsanin
publisherGeorg Müller
printrunDreizehnte Auflage
year1909
firstpub1908
translatorAndré Villard und S. Bugow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070718
projectidaffaca67
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XLIV

»Weißt du was?« sagte Ssanin, als sie eine Stunde später auf die dunkle Straße hinaustraten.

»Was denn?«

»Begleite mich zum Bahnhof, ich will von hier fort.«

Iwanow blieb stehen.

»Warum?«

»Mir wird es hier zu langweilig.«

»Hast wohl Angst gekriegt?«

»Nicht im geringsten. Möchte einfach weg von hier, weiter nichts.«

»Wozu denn das?«

»Mein Freund, stelle nicht erst dumme Fragen. Ich will, das ist alles ... Solange man die Menschen nicht kennt, glaubt man immer, sie würden einem doch noch etwas geben ... Es waren hier ein paar interessante Leute. Karssawina kam mir neu vor, Semionow war noch am Leben, Lyda hätte vielleicht einen anderen Weg gehen können ... Jetzt aber ist es langweilig. Alle fallen mir auf die Nerven. Genügt dir diese Erklärung nicht? Verstehst du, ich habe diese Leute solange es nur ging, ertragen; – – – länger kann ich's nicht.«

Iwanow schaute ihn lange an.

»Nun schön, gehn wir also,« sagte er, »du nimmst doch noch von deiner Familie Abschied, ja?«

»Ah, zum Teufel mit ihnen! Die sind mir am meisten über!«

»Aber deine Sachen mußt du doch mitnehmen?«

»Ich habe nur sehr wenig ... Geh du durch den Garten und ich laufe in mein Zimmer und reiche dir dann den Koffer zum Fenster raus. Sonst sehen sie's, hängen sich mit Fragen an mich an, und was soll ich denn sagen, was trösten könnte?«

»So–o!« Iwanow senkte für eine Minute den Blick und schlug verächtlich mit der Hand durch die Luft. »Für mich ist es recht traurig ... aber was liegt daran!«

»Fahre doch mit!«

»Wohin?«

»Das ist ja ganz egal. Das werden wir schon später merken.«

»Ich habe kein Geld.«

»Ich ebenso wenig!« lachte Ssanin.

»Nein, fahr schon allein ... Am fünfzehnten fängt meine Schule an. So bleibt schon alles im alten Geleise!«

Ssanin schwieg und schaute Iwanow gerade in die Augen, und ebenso gerade blickte ihn Iwanow an. Doch mit einem Mal wurde es diesem peinlich zumute, er zog sich zusammen, als wenn ein Spiegel sein Gesicht als tierische Fratze zurückgeworfen hätte.

Ssanin wandte sich ab.

Sie gingen durch den Hof.

Ssanin trat in das Haus, Iwanow bog in den abendlichen Garten ein, wo ihn der Schatten des späten Herbstes und der Duft stiller Verwesung traurig umschloß. Ueber Gras und Büsche, begleitet vom Rauschen der Blätter und Aechzen der Zweige, kam er zum Fenster von Ssanins Zimmer. Es war offen und dunkel.

Ssanin war inzwischen durch den Saal gegangen; an der Balkontür, von wo er bekannte Stimmen hörte, blieb er stehen.

»Was willst du also von mir?« klang die Stimme Lydas zu ihm herüber; er war von ihrem matten, gequälten Ton überrascht.

»Nichts will ich,« erwiderte Nowikow, seine Stimme hörte sich offenbar gegen seinen Willen, mürrisch und verdrießlich an, »es kommt mir nur komisch vor, daß du die Sache so ansiehst, als wenn du mir ein Opfer bringst. Ich wollte doch ...«

»Schön,« brach es aus Lyda heraus. Die kristallenen Töne naher Tränen drangen unerwartet durch die Stille der Abenddämmerung: »Nicht ich ... du bringst mir also das Opfer ... du! Ich weiß es! Was willst du also noch hören?«

Nowikow gab einen verwirrten und ratlosen »Hm«-Laut von sich; man konnte aber herausmerken, daß er sich Mühe gab, seine Ratlosigkeit zu verbergen.

»Wie wenig scheinst du mich zu verstehen! Ich liebe dich, und daher kann von einem Opfer keine Rede sein ... Aber wenn du selbst unser Zusammensein als ein Opfer von einem von uns beiden ansiehst, welch ein Leben soll dann für uns werden?«

Nowikows Stimme wurde fester und sicherer, fast froher, als hätte er jetzt das Wichtigste herausgefunden und wäre glücklich, Lyda überzeugen zu können.

»Du mußt es begreifen ... Wir können nur unter einer Bedingung zusammenleben: daß an kein Opfer, weder von deiner, noch von meiner Seite zu denken ist ... Eins von beiden: entweder wir lieben uns, und dann ist unsere Zusammengehörigkeit vernünftig und naturgemäß, oder wir lieben uns nicht, und dann ...«

Lyda schluchzte plötzlich auf.

»Was weinst du!« fragte Nowikow erstaunt und erregt. »Ich verstehe dich nicht! Ich glaube, – – ich kann doch nichts Verletzendes gesagt haben ... Höre doch auf! Ich hatte uns beide ganz gleich im Auge ... Aber das ist doch zum Teufel! Was weinst du eigentlich!... Man darf sich kein Wort erlauben –«

»Ich weiß nicht ... ich weiß nicht ...« Die gedrückte, bemitleidenswerte Stimme Lydas klang unsagbar traurig, voll unfaßbarer, ohnmächtiger Klage.

Ssanin machte eine verdrossene Miene und ging in sein Zimmer.

– – – Nun, Lyda ist wohl auch fertig! dachte er. Am Ende hätte sie besser getan, wenn sie damals ins Wasser gegangen wäre – – – aber vielleicht kommt sie trotz allem noch in die Höhe ... Man kann es nie voraussehen!

Iwanow hörte hinter dem Fenster Ssanin etwas eilig zusammensuchen; dann raschelte er mit Papier und ließ etwas fallen.

»Bist du bald fertig?« fragte er ungeduldig. Es war ihm langweilig und bedrückend, in der blassen Dämmerung des Herbstabends unter dem finsteren Fenster zu stehen, hinter sich den dunklen geheimnisvollen Garten. Das Rauschen erinnerte ihn an seinen Traum.

»Sofort,« antwortete Ssanin so dicht am Fenster, daß Iwanow zusammenfuhr. Die Finsternis im Fenster geriet in Schwanken; dann hob sich von ihr der Handkoffer und das weiße Gesicht Ssanins ab.

»Halt fest!«

»Nun, gehn wir los!«

Sie schritten schnell durch den Garten.

Blasse Dämmerung und der seine kalte Geruch der abgekühlten Erde lag um ihnen. Die Bäume standen schon ziemlich kahl; alles machte einen ungeheuer leeren geräumigen Eindruck. Hinter dem Fluß erlosch allmählich die Abendröte, und das Wasser erglänzte einsam, vergessen und verlassen hinter dem Garten, der mit einem Mal ebenfalls für niemanden mehr von Interesse schien.

Als sie zum Bahnhof kamen, brannten schon Signalfeuer auf den unzähligen schwarzen Gleispaaren, und die Lokomotive eines abfahrtbereiten Zuges keuchte gleichmäßig und schwer. Menschen liefen umher, klappten mit den Türen, riefen einander an und schimpften mit herben, gehässigen Stimmen, gleichsam, als wären alle in trauriger Stimmung und suchten das unter der Maske der Gehässigkeit zu verbergen. Ein dunkler Haufen ratloser Bauern mit Bündeln beladen, drängte sich auf dem Bahnsteig.

Im Wartesaal tranken sich Ssanin und Iwanow noch einmal zu.

»Nun, Glück auf die Reise!« wünschte Iwanow traurig.

»Ich habe immer gleiches Glück, Freund,« lächelte Ssanin. »Ich verlange nichts vom Schicksal, ich erwarte auch nichts von ihm. Und das Ziel der Reise ist doch niemals glücklich. Alter und Tod, weiter bleibt nichts! ...«

Sie gingen zusammen auf den Bahnsteig und blieben vor dem Waggon stehen: »Na, Lebewohl!«

»Lebewohl!«

Es war beiden unerwartet, daß sie sich küßten.

Knirschend und zischend setzte sich der Zug in Bewegung.

»Ach, Bruder, wie lieb, wie lieb du mir geworden bist!« rief plötzlich Iwanow Ssanin zu. »Der einzige wahre Mensch bist du für mich!«

»Und du bist der einzige, der mich gern hat,« Ssanin lächelte, er sprang auf das Trittbrett eines vorbeirollenden Wagens.

»Abgefahren!« rief er lustig. »Lebewohl!«

»Lebewohl!«

Schnell eilten die Wagen an Iwanow vorbei, als ob sie sich plötzlich verabredet hätten, von ihm fortzulaufen. In der Dunkelheit huschte die rote Laterne vorbei und strahlte lange, noch lange rot im Finstern, so daß sie sich garnicht zu entfernen schien.

Iwanow sah dem Zug nach; er fühlte sich traurig und niedergeschlagen. Unmutig schlenderte er durch die Straßen der Stadt und schaute auf die armseligen, kleinlichen Lichter.

– – – Sich bis zu Ende durchsaufen, was? fragte er sich, und das blasse, dürre Gespenst eines farb- und klanglosen Lebens trat mit ihm ins Wirtshaus ein.

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