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Michail Petrovic Arcybasev: Ssanin - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
authorM. Artzibaschew
titleSsanin
publisherGeorg Müller
printrunDreizehnte Auflage
year1909
firstpub1908
translatorAndré Villard und S. Bugow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070718
projectidaffaca67
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XLIII

Wer Jurii Swaroschitsch gekannt und wer ihn nicht gekannt hatte, wer ihn liebte und wer ihn mißachtete, auch solche Menschen, die nie zuvor an ihn gedacht haben, – sie alle bedauerten ihn jetzt, als er gestorben war.

Niemand konnte begreifen, weshalb er sich das Leben genommen hatte, aber doch war jeder überzeugt, daß er ihn verstände und im Grunde seine Gedanken teile. Dieser Selbstmord machte einen wunderbaren Eindruck, er schien schön und die Schönheit hatte Tränen, Blumen und prächtige Reden zur Folge.

Bei der Beerdigung waren die nächsten Angehörigen nicht zugegen, weil Juriis Vater einen Schlaganfall erlitten hatte, und Ljalja seitdem keinen Augenblick von ihm wich.

Nur Rjäsanzew nahm teil; er leitete auch die Beisetzungszeremonie. Die Vereinsamung Juriis schien dadurch noch im Tode besonders hervorzutreten; sein Bild wuchs zu größerer Bedeutung, seine Person wurde noch erhabener, so daß die Trauer der Teilnehmenden sich nur noch mehr verstärkte.

Viele schöne herbstliche Blumen wurden ihm gebracht, und auf ihrer farbenhellen Unterlage sah Juriis Gesicht, das jetzt keine Spur der durchlebten Gedanken und Handlungen mehr trug, zum ersten Male beruhigt aus.

Als der Sarg an der Wohnung von Dubowa und Karssawina vorbei kam, traten beide aus dem Hause und schlossen sich dem Leichenzuge an. Karssawina sah so hilflos gebrochen aus, wie ein junges Weib, das man zur Schändung und Hinrichtung führt. Trotzdem sie wußte, daß Jurii alles, was sich zwischen ihr und Ssanin abgespielt hatte, unbekannt geblieben war, konnte sie sich nicht von dem Gedanken losreißen, daß zwischen seinem Selbstmord und dem »Geschehenen« ein Zusammenhang bestände, der niemals zu enträtseln sein wird. Sie nahm die schwere Last einer geheimen Schuld auf sich; sie fühlte sich als das unglücklichste Geschöpf in der ganzen Welt. Die ganze Nacht hindurch hatte sie geweint, das Bild des Toten umarmt und geliebkost, und, als sie am Morgen aufstand, floß sie in unaussprechlicher Liebe zu Swaroschitsch und Haß gegen Ssanin über.

Wie ein Alpdruck erschien ihr die zufällige Annäherung an ihn; aber noch abscheulicher dann der folgende Tag. Alles, was Ssanin zu ihr gesprochen und was sie ihm instinktiv geglaubt hatte, machte jetzt auf sie einen geradezu infamen Eindruck; sie war in einen so tiefen Abgrund geschleudert worden, daß es für sie keine Rückkehr mehr gab. Als Ssanin an sie herantrat, sah sie ihn mit einem Blick voll Entsetzen und Widerwillen an und wandte sich momentan ab.

Die eisige Berührung ihrer starren Finger in seiner Hand, die er zu einem festen freundlichen Druck ausgestreckt hatte, sagten ihm alles, was sie empfand und dachte; er verstand, daß er für sie von nun an stets ein Fremder bleiben wird. Sein Gesicht zuckte zusammen, er überlegte eine Weile, dann schloß er sich Iwanow an, der nachdenklich hinter allen mit seinen wehmütig herabhängenden gelben Haaren einherging.

»Höre nur, wie sich Pjotr Iliitsch ehrlich anstrengt,« meinte Ssanin.

Weit voran, hinter dem schwankenden Deckel des Sarges, ertönten die hohen Noten des Trauergesanges, der Baß von Pjotr Iliitsch zitterte deutlich und schwermütig durch die Luft und herklang über den anderen Stimmen.

»Das Ganze ist einfach zum Staunen,« sagte Iwanow. »Im Grunde war doch dieser Mensch nur eine Kaulquabbe und doch ... sieh mal an!«

»Ich bin überzeugt, mein Lieber,« erwiderte ihm Ssanin, »daß er drei Sekunden vor dem Schuß noch nicht gewußt hatte, daß er losknallen wird. Genau so wie er gelebt, so ist er auch gestorben!«

»Das ist 'ne Sache ... Aber, – seinen Platz hat er schließlich doch gefunden.« Iwanow gab einem Gedanken Ausdruck, der allen anderen unverständlich war. Fast freute es ihn, weil er offenbar etwas aufgegriffen hatte, was ihm allein begreiflich blieb und nur ihn allein beruhigen konnte.

Auf dem Kirchhof war schon voll der Herbst gekommen; die Bäume standen da, wie von rotem und goldigem Regen begossen. Nur an einzelnen Stellen lugte noch grünes Gras unter der Schicht abgefallener Blätter hervor; auf den Wegen waren die Blätter vom Wind in dichte Haufen zusammengefegt, so daß gelbe Bäche über den ganzen Kirchhof zu fließen schienen. Weiß schimmerten die Kreuze, in weichem Schwarz und Grau standen Marmordenkmäler und goldig funkelten die Spitzen der Gitter. Den Herzen gab sich die unsichtbare aber trauervolle Gegenwart eines fremden Wesens kund, als wäre soeben erst, bevor die vielen Menschen kamen, welche die Ruhe verscheuchten, eine schwermütige Gestalt durch die Alleen gegangen, hätte an den Gräbern gesessen und ohne Tränen und Hoffnungen still für sich getrauert.

Die schwarze Erde hatte Jurii verschlungen und schloß sich wieder; um die Gruft drängten noch lange Menschen, spähten mit banger fragender Neugierde in die Finsternis ihres Schicksals und sangen ernste Klagelieder.

In dem furchtbaren Augenblick, als der Deckel des Sarges aus dem Gesichtsfeld verschwand und sich für immer ewige Erde zwischen den Lebenden und dem Toten ausbreitete, schluchzte Karssawina gellend auf, und die hohe weibliche Stimme erhob sich im Weinen hoch über den stillen Kirchhof und den in Gram und Unruhe verstummten Menschen.

Karssawina nahm nicht mehr darauf Bedacht, daß die Leute ihr Geheimnis erraten könnten. Und es errieten auch alle. Aber das Grauen des Todes, der das Band zwischen dem in die Erde Gesenkten und dem weinenden jungen Mädchen, die ihm ihr ganzes Leben, ihre Jugend, ihre Schönheit geben wollte, zerschnitt, war so offensichtlich, daß niemand mit einem heimlichen Gedanken die unverhüllte Frauenseele zu verletzen wagte.

Nur noch tiefer senkten sich voll unbewußter Achtung und voller Mitleid die Köpfe.

Karssawina wurde fortgeführt, und ihr Schluchzen, das allmählich in ein stilles hoffnungsloses Wimmern übergegangen war, verhallte in der Ferne. Ueber der Gruft wuchs ein länglicher grüner Hügel auf, der unheimlich an den unter ihm verborgenen Körper erinnerte. Schnell überdeckte man ihn mit einer grünen Tanne, deren Zweige noch seine Seiten umschlossen.

Da geriet Schawrow in Eile. –

»Herrschaften, jetzt muß eine Rede kommen, ... Herrschaften, so geht es doch nicht, wie?« sprach er geschäftig und doch in auffallend klagendem Tone, bald zu einem, bald zum anderen.

»Bitten Sie doch Ssanin,« schlug Iwanow hinterlistig vor.

Schawrow sah ihn erstaunt an, aber Iwanows Gesicht sah so treuherzig und offen aus, daß er ihm glaubte.

»Ssanin, Ssanin ... wo ist Ssanin, Herrschaften?« er eilte und spähte mit seinen kurzsichtigen Blicken nach allen Seiten umher.

»Ah! Wladimir Petrowitsch ... reden Sie ein paar Worte ... so geht es doch nicht!«

»Reden Sie selbst, wenn Sie Lust haben,« gab Ssanin verärgert zur Antwort, während er noch immer der verstummten Stimme Karssawinas nachlauschte. Er fühlte diese hohe, selbst im Weinen schöne Stimme noch immer in der Luft schweben.

»Wenn ich reden könnte, würde ich es gewiß tun ... Er war doch im Grunde genommen ein ganz bedeutender Mensch! – – – Nun, ich bitte Sie ... nur einige Worte!«

Ssanin sah ihm gerade ins Gesicht und rief ärgerlich: »Was ist hier viel zu reden? Die Welt ist um einen Dummkopf ärmer geworden, das ist alles!«

Seine scharfen lauten Worte schlugen mit überraschender Kraft und Deutlichkeit durch. Im ersten Augenblick standen alle wie erstarrt, doch ehe noch der größte Teil von ihnen zu einem Entschluß gekommen waren, ob man die Worte gehört haben sollte oder nicht, rief Dubowa mit zerrissener Stimme: »Das war niederträchtig gemein!« »Warum?« Ssanin drehte den Kopf und zuckte die Achseln.

Dubowa wollte noch etwas erwidern, doch einige Mädchen umringten sie. Alles kam in Bewegung. Unsichere, aber empörte Stimmen ertönten, rote aufgeregte Gesichter tauchten auf, und als ob ein Windzug in einen Haufen dürrer Blätter geschlagen hätte, so stieb die ganze Gesellschaft am Grabe auseinander. Schawrow war ebenfalls weggelaufen, kam aber wieder zurück. In einem getrennten Haufen gestikulierte Rjäsanzew in voller Empörung.

Ssanin bemerkte oberflächlich ein entrüstetes Gesicht mit Brille, das auf unbekannte Weise dicht unter seine Nase geraten war, sich aber völlig schweigsam verhielt, und wandte sich Iwanow zu.

Iwanow war verwirrt. Als er Schawrow gegen Ssanin aufhetzte, ahnte er, daß es zu einem Zwischenfall kommen würde, doch diese Erregung hatte er nicht vorausgesehen. Einerseits entzückte ihn das Ganze durch seine Schärfe, doch aber hatte er das unsichere Gefühl, sich in einer unbequemen Situation zu befinden.

Er wußte nicht, wie er sich jetzt äußern sollte und blickte daher unbestimmt über die Kreuze hinweg auf das weite Feld.

Schon längere Zeit hatte ein Gymnasiast vor seinen Augen gestanden, ohne daß er ihn bis dahin bemerkte; plötzlich wurde er wütend. Eine Minute lang blickte er dem Gymnasiasten mit kalten Augen gerade ins Gesicht.

»Wozu stehen Sie hier herum, – – vielleicht als Schmuck?«

Der Gymnasiast errötete: »Sehr witzig!« antwortete er schließlich.

»Um den Witz handelt es sich nicht, sondern ... scheeren Sie sich gefälligst zum Teufel!«

In den Augen Iwanows zeigte sich so viel Wut, daß der Gymnasiast blaß wurde und unschlüssig auf die Seite trat.

Ssanin sah mit schwachem Lächeln zu. Dann machte er eine wegwerfende Handbewegung.

»Dummes Viehzeug!« meinte er mit aufrichtiger Trauer, den Auseinandergehenden nachblickend.

Sogleich fühlte sich Iwanow beschämt, daß er über irgend etwas unschlüssig sein konnte; seine Züge beruhigten sich, er steckte seinen Stock hinter sich in den Boden, um sich darauf zu stützen und sagte:

»Laß sie zum Teufel gehen! Ziehen auch wir von dannen!«

»Schön, meinetwegen ...«

Sie gingen an Rjäsanzew vorbei, der sie feindselig anblickte, und dem Häuflein, das sich um ihn drängte, und schritten dem Ausgang zu. Aber schon von weitem merkte Ssanin eine Gruppe ihm wenig bekannter junger Leute, die sich wie eine Hammelherde mit den Köpfen nach innen aneinanderdrückten. In der Mitte stand Schawrow und sprach unter hastigen Bewegungen auf sie ein, verstummte aber, sobald er Ssanin erblickte. Alle Gesichter wandten sich diesem zu und auf allen lag ein eigentümlicher Ausdruck: eine Mischung edler Entrüstung, feuriger Empörung, kindischer Schüchternheit und naiver Neugierde. »Da werden gegen dich Ränke geschmiedet,« sagte Iwanow.

Ssanin wurde plötzlich finster, so daß selbst Iwanow erstaunte, als er den Ausdruck seines Gesichts erblickte. Als sich Schawrow von der Menge der Studenten und jungen Mädchen mit teils erschreckten, teils entzückten rosigen Gesichtern trennte und rot wie eine Rübe, die kurzsichtigen Augen zusammengekniffen, auf Ssanin zuschritt, erwartete ihn dieser in einer Haltung, wie wenn er jeden, der sich ihm näherte, niederschlagen wollte.

Schawrow schien es zu erwarten, denn er wurde blaß und blieb etwas entfernter, als nötig, vor Ssanin stehen. Die Studenten und die Mädchen drängten ihm, wie eine kleine Herde hinter dem Bock, nach.

»Wünschen Sie noch etwas?« fragte Ssanin nicht laut.

»Wir? – – – Nichts,« meinte Schawrow verwirrt. »Nur, – – – wir möchten Ihnen im Namen unserer ganzen Gruppe Genossen unsere Unzufriedenheit und ...«

»Daran liegt mir sehr wenig, an Ihrer Unzufriedenheit,« stieß Ssanin durch die zusammengepreßten Zähne mit Mienen, die nichts Gutes verkündeten, hervor. »Sie haben mich gebeten, ich möchte über den verstorbenen Swaroschitsch etwas sagen, und weil ich das sagte, was ich für richtig halte, erklären Sie mir Ihre Unzufriedenheit. Meinetwegen ... Wenn Ihr nicht sentimentale dumme Jungen wäret, würde ich Euch auseinandersetzen, daß ich recht habe, daß Swaroschitsch in der Tat wie ein Dummkopf gelebt hat, sich mit Nichtigkeiten abquälte und den Tod eines Narren gestorben ist, aber ihr ... ich habe mit euch ja einfach eures Stumpfsinns, eurer Dummheit wegen nichts zu tun. Schert euch doch alle zum Teufel! Pack ich euch an? ... Weg!«

Und Ssanin ging, indem er die Menge, welche ihm den Weg verlegte, durchschritt, ohne umzuschauen, vorwärts.

»Stoßen Sie nicht!« protestierte Schawrow, rot, fast heulend, mit einer Stimme, die wie Hahnenkrähen klang.

»Das ist geradezu empörend!« begann jemand, brach aber gleich wieder ab.

Ssanin und Iwanow traten auf die Straße hinaus; beide schwiegen eine ganze Weile.

»Weshalb erbitterst du die Menschen so?« sagte endlich Iwanow. »Demnach mußt du als ein ganz bösartiges Geschöpf bezeichnet werden.«

»Wenn es mit dir so ginge, wie mit mir, daß dir dein ganzes Leben lang diese freiheitsliebenden jungen Menschen ohne Unterbrechung vor die Füße laufen,« antwortete er ernst, »so hättest du sie noch ganz anders angefaßt! ... Uebrigens, hol sie der Teufel!«

»Na, rege dich nicht auf, Freund!« sagte Iwanow halb im Scherz, halb ernst, »weißt du was: wollen wir mal etwas Bier holen gehen und dann des nun verstorbenen Knecht Gottes Jurii Nikolajewitsch gedenken ... wie?«

»Schön, meinetwegen ...« willigte Ssanin gleichgültig ein.

»Bis wir wiederkommen werden die andern schon fort sein,« fuhr Iwanow lebhaft fort, »da werden wir gerade über dem Grabe für sein Heil trinken können ... so, dem Toten als Ehrung und uns zum Vergnügen.«

»Meinetwegen.«

Als sie wieder auf den Kirchhof kamen, war kein Mensch mehr da. Die Kreuze und Denkmäler standen wie in Erwartung und drückten bewegungslos auf den gelbgewordenen Boden. Kein Lebewesen war zu sehen und zu hören; nur eine glitschige schwarze Schlange glitt rasch über den Pfad und rauschte im abgefallenen Laub.

»Ah, du Biest!« rief Iwanow und schrak zusammen; vergebens schlug er mit dem Stock hinterher.

Am frischen Grab Juriis, wo es nach aufgerissener kalter Erde, nach verfaulten alten Blättern und der grünen Tanne roch, stapelten sie im Gras einen Haufen schwerer Bierflaschen auf.

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