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Michail Petrovic Arcybasev: Ssanin - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
authorM. Artzibaschew
titleSsanin
publisherGeorg Müller
printrunDreizehnte Auflage
year1909
firstpub1908
translatorAndré Villard und S. Bugow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070718
projectidaffaca67
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XXXIX

Sobald sich Karssawina nur niederlegte, schlief sie auch augenblicklich ein, wie wenn sie ein Schlag über den Schädel zu Boden geworfen hätte. Doch schon am frühen Morgen erwachte sie wieder nach schwerem kurzem Schlaf, am ganzen Körper krank und kalt wie eine Leiche. Die Verzweiflung in ihr schien nicht zur Ruhe gegangen zu sein; nicht für eine Minute fühlte sie ein Vergessen des Geschehenen. Sie sah sich scharf nach jeder Kleinigkeit um, als ob sie irgend etwas herausfinden müßte, das in ihrer Umgebung seit dem letzten Tage anders geworden war.

Aber hell und ruhig, wie an jedem Morgen, sahen sie die Heiligenbilder aus der Ecke, die Fenster und der Boden, die Möbel und der hellblonde Kopf Dubowas, die im andern Bett in festem Schlaf lag, an. Alles war so einfach wie immer, nur ihr armes zerknautschtes Kleid, das sie lässig über den Stuhl geworfen hatte, schien von etwas zu erzählen.

Die Röte, die der kurze Schlaf auf ihrem Gesicht hervorgerufen hatte, wurde mehr und mehr von einer toten Blässe fortgeschoben und ihre schwarzen Augenbrauen hoben sich dagegen so deutlich ab, als ob ihr Gesicht noch wie gestern vom Monde beschienen wäre.

Mit erstaunlicher Klarheit und mit der Prägnanz eines kranken Gehirns stand vor ihr wieder das Erlebte auf; am klarsten sah sie, wie sie am Morgen durch die verschlafenen Straßen der Vorstadt lief. Die Sonne, die sich soeben über die vom Tau besprenkelten Dächer und Zäune erhoben hatte, leuchtete ihr schonungslos blendend, wie nie zuvor, ins Gesicht. Durch die geschlossenen Läden verfolgten sie, wie durch heuchlerisch geschlossene Lider, die feindseligen Fenster der kleinbürgerlichen Häuser. Einsame Straßenpassanten schauten sich nach ihr um. Sie lief unter der gleitenden Morgensonne hin, verwickelte sich in einzelne Bahnen ihres langen Rockes und konnte den grünen samtenen Pompadour kaum in den Fingern halten. Wie eine Verbrecherin schlich sie längs der Zäune mit unsicheren, schwankenden Schritten entlang ... Wenn sich in diesem Augenblick die ganze Menschheit mit geöffneten Mäulern und gierigen Augen in ihren Weg gestürzt und sie mit höhnenden Rufen und Worten, die infam wie Knuten einschnitten, verfolgt hätte, wäre es ihr ebenso gleichgültig gewesen; weiter würde sie, taumelnd unter den Schlägen, ziel- und sinnlos mit leerer Trauer in der Seele, vorwärts gelaufen sein.

Schon im Felde, als im Nebel die schallenden Ruderschläge, die stürmisch die Wellen durchschnitten, verstummten, erfaßte sie plötzlich die furchtbare Last, die auf sie niedergefallen war. Ihr Herz, Vernunft und Leben wurde zu matter Verzweiflung. Sie schrie auf, ließ den Pompadour auf den nassen Sand fallen und griff sich an den Kopf. Von diesem Augenblick an befand sie sich nur noch im Banne der Worte, die ihr von jetzt ab jeder Mensch entgegenschleudern konnte. Ihr eigener Wille war in der gestrigen Nacht, die wie ein wütender Rausch hinter ihr lag, verloren gegangen. Es gab nur noch ein Ungewöhnliches, wahnsinnig Ergreifendes, etwas so kraftvolles wie niemals zuvor.

Und doch konnte sie sich nicht erklären, wie es geschehen war, daß sie sich bis zum Verlust ihrer Scham und jener Liebe, die ihr Leben auszufüllen schien, vergessen konnte.

In körperlicher Zerbrochenheit kroch Karssawina unter der Decke hervor, und fing an, sich mit lautlosen Bewegungen anzukleiden. Sie fühlte, wie bei jeder Bewegung Dubowas ihr ganzer Körper von eisiger Kühle durchströmt wurde.

Dann setzte sie sich ans Fenster und starrte mit gespannten, unbeweglichen Augen in den Garten, wo die vom Morgen durchnäßten Bäume hellgrün und gelb aufleuchteten. Ihre Gedanken zogen an ihr vorüber, wie schwarzer Rauch, den der Wind hin- und hertreibt. Wenn jemand ihre Seele hätte entfalten und wie ein Buch durchblättern können, er wäre von Entsetzen gepackt worden.

Auf dem Hintergrunde ihres ungewöhnlich kräftigen und frischen Lebens, in dem jeder Tag, jede Bewegung und jede Empfindung, von sonnendurchleuchtetem Blut getränkt war, ballten sich furchtbare Bilder ineinander.

Schwarz und bewegungslos trat der Gedanke an Selbstmord in ihr Bewußtsein ein, leidenschaftliche Trauer über den Verlust der reinen hellen Liebe zu Jurii preßte ihr Herz zusammen; alles aber wurde durch eine trübe Welle der Furcht vor der Menge von bekannten und fremden Gesichtern, die sich vor ihr drängten, überschwemmt.

Bald kam ihr der Gedanke, zu Jurii hinzustürzen, sich vor ihm auf den Boden zu werfen, ihm in einem Augenblick ihr ganzes Leben hinzugeben und dann für immer irgendwohin zu verschwinden. Dann wieder überfiel sie bei dem Gedanken, mit Jurii zusammenzukommen, jagende Angst, und sie wünschte gleich zu sterben, im Augenblick, ohne die Stelle verlassen zu müssen, einfach, indem sie zu leben aufhörte. Dann wieder schien ihr plötzlich, daß es vielleicht noch möglich wäre, alles gut zu machen. Die Nacht von gestern konnte in der Wirklichkeit garnicht existiert haben, – – – sie wollte es nicht glauben. Doch wie ein wilder Schrei blitzte durch ihre Seele die Erinnerung an ihre Nacktheit, an die Schwere des männlichen Körpers, an das momentane, brennende Sichvergessen und durch die unwiderrufliche Macht des Vergangenen ratlos betäubt, lag sie ohne Regung und ohne Gedanken mit der Brust auf dem Fensterbrett.

Inzwischen erwachte Dubowa. Sie bemerkte sofort die hastigen Bewegungen und die erregten Mienen der Freundin.

»Ah, du bist schon auf? ... Das ist man ja von dir garnicht gewöhnt.«

Als Karssawina am frühen Morgen zurückgekehrt war, hatte sie Dubowa nur halb im Schlaf gefragt: »Wie siehst du denn zerzaust aus?« sie war aber sofort wieder eingeschlafen. Jetzt jedoch fühlte sie, daß etwas geschehen war, und im Hemd, barfuß, ging sie auf die Freundin zu:

»Was ist dir? ... Fehlt dir etwas?« sie fragte zärtlich und besorgt, wie eine ältere Schwester.

Karssawina zuckte zusammen, als ob sie einen Schlag erwartete, doch ihre rosigen Lippen verzogen sich nur zu einem falschen Lächeln und eine Stimme, die ihr selbst fremd erschien, antwortete viel zu lustig:

»Aber nichts! Garnichts! Ich habe nur zu wenig geschlafen.«

So war das erste Wort der Lüge gefallen und es vernichtete ohne Rest die Erinnerung an das frühere freie, aufrechte Mädchen. Dies Eine war gewesen; jetzt wurde es zu einer Anderen. Und dies Andere war verlogen, feig und beschmutzt.

Während Dubowa sich wusch und ankleidete, blickte Karssawina sie verstohlen an; die Freundin kam ihr hell und rein vor; sie selbst dagegen wie eine dunkle, zertretene Kröte. Diese Empfindung ergriff sie so stark, daß ihr der Teil des Zimmers, in dem sich Dubowa bewegte, sonnendurchleuchtet erschien, während ihre Ecke in feuchte, klebrige Finsternis versank. Karssawina erinnerte sich, wie erhaben sie sich in ihrer Gloriole der Schönheit und Frische über die farblose, alternde Freundin gefühlt hatte; Gram und Wehmut weinten jetzt in ihr mit Tränen schwer wie Blutstropfen.

Doch alles das spielte sich tief in ihrem Innern ab; äußerlich blieb sie ruhig, fast fröhlich. Sie zog ihr schönes blaues Kleid an, nahm Hut und Schirm und ging mit ihren gewöhnlichen Schritten, die den Eindruck machten, daß sie klar wie starke Wassertropfen niederfielen, in die Schule. Dort hatte sie bis zum Mittag zu tun, dann kam sie nach Hause.

Unterwegs begegnete ihr Lydia Ssanina. Die beiden jungen Mädchen standen von der Sonne überströmt, lächelten mit leidenschaftlichen Lippen und sprachen von allerlei Nichtigkeiten.

In Lyda entstand sofort wieder krankhafter Haß auf das sorglose glückliche Mädchen und Karssawina beneidete Lyda um das Glück, so schön, lustig und unberührt zu sein.

Jede sah in dem Leben der anderen eine schreiende Ungerechtigkeit.

– – – Ich bin doch besser als sie ... Warum hat sie Glück und ich bin so unglücklich, liefen die Gedanken einer jeden eilig hin und her.

Nach dem Mittagessen nahm Karssawina ein Buch zur Hand, setzte sich ans Fenster und begann wieder teilnahmslos und unverwandt auf das Licht und die Wärme des Gartens, der seine letzten Sommertage erlebte, niederzuschauen.

Der erste scharfe Schmerz war vorüber. In ihrer Seele verschwamm alles in indifferenter krankhafter Müdigkeit.

– – – Nun sei's denn ... ich gehe unter ... So ist es mir also bestimmt ... Ich werde sterben, wiederholte sie sich apathisch.

Da sah Karssawina Ssanin kommen; noch früher, als er sie bemerkte.

Er ging stolz und ruhig durch den Garten, sah sich nach allen Seiten um und strich mit seinen Händen über die Zweige der Büsche, als ob er sie zärtlich begrüßen wollte.

In die Höhe schnellend, das Buch an die Brust gepreßt, starrte sie erregt auf ihn, bis er ans Fenster herantrat.

»Grüß Gott,« sagte er ihr die Hand reichend.

Bevor sie noch aufstehen und sich aus dem halb bewußtlosen Sturm der Empfindungen freimachen konnte, wiederholte Ssanin mit beharrlicher Zärtlichkeit: »Nun, grüß dich doch Gott!« In seiner Stimme lag etwas, das Karssawina der Möglichkeit, aufzuschreien, in die Höhe zu springen, fortzulaufen, beraubte.

Sie verlor jeden Willen und antwortete nur leise: »Guten Tag.«

Nach dieser Antwort fühlte sie, daß er stärker ist als sie und daß sie alles mit sich muß tun lassen, was er will.

Ssanin lehnte sich an das Fensterbrett und sagte: »Kommen Sie auf einen Augenblick in den Garten hinaus ... Wir müssen über einiges miteinander sprechen.«

Karssawina stand auf. Ganz im Banne einer unbegreiflichen Macht wußte sie nicht, was sie zu tun hätte, wohin und wie sie gehen sollte.

»Ich werde draußen warten,« bemerkte Ssanin.

Sie nickte nur mit dem Kopf.

Er ging mit ruhigen langsamen Schritten fort; sie fürchtete hinter ihm herzusehen. Einige Sekunden lang stand sie unbeweglich; sie hielt die Hände fest zusammengepreßt. Dann kam sie in Bewegung, alles wurde plötzlich in ihr voller Hast; als sie aus dem Hause trat, raffte sie sogar ihr Kleid, um leichter gehen zu können.

Das goldene Licht der Sonne und das Leuchten der gelben Blätter durchdrang unaufhaltsam den ganzen Garten. Schon von weitem sah sie Ssanin, der mitten auf dem Wege stand. Er lächelte ihr entgegen; unter seinem weichen, anteilnehmenden Blick wurde es dem Mädchen schwer, die Füße vorwärts zu setzen. Ihr schien es, daß sie das Kleid nicht mehr vor seinen Augen verhülle, und daß ihm jede Bewegung ihres nackten Körpers, der ihm nicht mehr fremd war, sichtbar sein müsse. Das Gefühl der Hilflosigkeit und der Scham wurde in ihr so stark, daß sie den Garten und das Licht zu fürchten begann. Fast stürzend, eilig, trat sie auf ihn zu und blieb so dicht vor ihm stehen, daß er sie nicht ganz von Kopf bis zu Füßen ansehen konnte.

Da nahm er sie an den Händen, führte sie tief in das Dickicht der verwachsenen Bäume und zog sie sich auf die Kniee, während er sich selbst halb auf den Stumpf eines alten Apfelbaumes niedersetzte.

Von der Seite sah er ihr gesenktes zartes Profil, ihre runden Schultern, weich und schwach, neben seiner breiten festen Brust, trotzdem aber harmonierten sie eigentümlich gut miteinander. Unwillkürlich wurde er von einem verzückten Rausch über ihre Schönheit erfaßt, und indem er sich gleichsam vor ihr beugte, bog er sich nieder und küßte den feinen trockenen Stoff, durch den ihr frischer Körper schimmerte und Wärmefluten ausstrahlte. Sie erschauerte, zog sich aber nicht zurück. Er besiegte sie mit seiner Kraft und Sicherheit; sie ihn durch ihre Zärtlichkeit und Schönheit. Beide hatten Furcht voreinander. Ssanin wünschte ihr viele zarte beruhigende Worte zu sagen, aber er glaubte, daß sie der erste Laut verletzen würde; er schwieg. Das Mädchen hörte das gespannte Geräusch seines Atmens.

– – – Was will er, ... was wird er tun, dachte sie vor Scham und Furcht fast ersterbend ... Wirklich denn wieder dasselbe? ... Dann reiße ich mich los ... ich laufe fort.

»Sinotschka,« sagte er endlich. Seine Stimme, die den ungewohnten Namen ungeschickt aussprach, war doch zärtlich und eindringlich. Karssawina blickte ihm für einen Augenblick ins Gesicht und begegnete seinen glänzenden Augen, die entzückt und doch zurückhaltend so nahe in die ihren blickten, daß sie zurückschrak ... Aber gleichzeitig fühlte sie instinktiv, daß er garnicht so furchtbar wäre, und daß er sich in diesem Augenblick mehr vor ihr scheute als sie vor ihm. Eine Regung, ähnlich einer kecken, mädchenhaften Neugierde, bewegte sich in einem Winkel ihrer Seele, und plötzlich wurde es ihr leichter und nicht mehr beschämend, auf seinem Schoße zu sitzen.

»Ich komme mit mir nicht zurecht ...« sprach Ssanin. »Vielleicht bin ich Ihnen gegenüber sehr schuldig und ich hätte nicht noch kommen dürfen. Aber ich konnte Sie nicht so lassen. Ich wünschte so sehr, daß Sie mich verstehen ... und zu mir keinen Widerwillen und keinen Haß empfinden. Was sollte ich tun ... Es gab einen Augenblick, in dem ich fühlte, daß zwischen uns etwas niedergefallen war. Ich wußte, wenn ich diesen Augenblick vergehen lasse, so wird er sich in meinem ganzen Leben nicht mehr wiederholen. Sie gingen an mir vorbei; und niemals würde ich diesen Genuß und das Glück erleben, das ich erleben konnte ... Sie sind ja so schön und so jung.«

Karssawina schwieg. Ihr durchsichtiges Ohr halb mit Haaren bedeckt, wurde rosiger und ihre Wimpern zuckten.

Und ebenso leise, mit zitternden und unklaren Worten sprach Ssanin weiter von dem ungeheuren Glück, das sie ihm gegeben hatte, und daß diese eine Nacht nun für immer in seinem Leben wie ein Märchen verbleiben wird. An seiner Stimme konnte man hören, daß er offenbar unter der Unmöglichkeit litt, ihr etwas sagen zu können, worunter die Trauer vergehen und eine neue fröhliche Welle heranschwellen müßte, die sie glücklich machen würde.

»Sie leiden und gestern war es doch so schön,« fuhr er fort. »Aber diese Leiden kommen doch nur daher, daß unser Leben sinnlos aufgebaut ist, daß die Menschen selbst einen bestimmten Zehnten für ihr eigenes Glück aufgestellt haben. Wenn wir anders leben würden, dann müßte diese Nacht in unserer Erinnerung als eines der wertvollsten und wunderbarsten Erlebnisse, die nur das Leben teuer machen können, bleiben.

»Wenn ... ja, wenn nur ...« Und plötzlich, auch für sich ganz unerwartet, lächelte sie neckisch vor sich hin.

Als wenn die Sonne aufginge, als wenn die Vögel zu singen und die Gräser zu rauschen begonnen hätten, so wurde die Seele leicht und licht von ihrem Lächeln, das für einen Augenblick das frühere fröhliche und freie Mädchen auferstehen ließ. Aber es war nur ein Aufflammen, das sofort wieder erlosch.

Mit einem Mal stieg vor Karssawina ihr zukünftiges Leben auf, wie abgerissene schmutzige Fetzen von Hohn, Klatsch und Schande. Alle bekannten Gesichter sah sie vor sich und alle trugen in ihren Mienen Spott und Ekel; sinnlose Bilder sprangen um sie herum; dichte Furcht bedeckte wieder ihre Seele und rief in ihr nur Haß hervor.

»Gehen Sie ... lassen Sie mich,« rief sie. Sie erblaßte und preßte ihre Zähne mit einem grausamen Ausdruck, als wenn sie sich für ihr Lächeln rächen wollte, zusammen; dann stieß sie sich von seiner Brust ab und stand auf.

Ein schwerer ohnmächtiger Druck bemächtigte sich Ssanins. Er fühlte, daß sie keine Worte in dem, was sie offensichtlich mit Leiden und Schande bedrohte, trösten konnten. Sie hatte Recht in ihrem Zorn und Schmerz; in seinen Kräften lag es nicht, die Welt mit einem Mal umzugestalten, um von ihren weiblichen Schultern die entsetzliche Last abzunehmen, die auf sie, ohne Schuld für die Freuden und das Glück, die er durch ihre junge Schönheit erhalten hatte, herabgesunken war. Für einen Augenblick stieg in ihm der Gedanke auf, ihr seinen Namen, ihr jede Hilfe anzubieten, doch davon hielt ihn etwas zurück. Er fühlte, daß alles das in dieser Minute zu kleinlich wäre und daß jetzt anderes nottue.

– – – Gut, mag denn das Leben seinen Weg gehen, dachte er schließlich.

Sie stand in der Nähe, die Arme gesenkt, den Kopf, der mit einer Krone herrlichen Haares bedeckt war, gebeugt; sie war in Gedanken versunken, während eine tiefe Falte ihre weiße Stirne durchschnitt.

»Ich weiß,« sprach Ssanin. »Sie lieben Jurii Swaroschitsch. Vielleicht leiden Sie gerade darunter am allermeisten.«

»Ich liebe niemanden,« flüsterte sie, die Hände krampfhaft ineinander verschlingend.

Mit scharfen Strichen physischen Schmerzes zeichnete sich das Bewußtsein ihrer Schuld gegen Jurii und hilflose Verzweiflung auf ihrem Gesicht.

In ihrer Seele stieg inzwischen die ungeheure Frage, die über ihre Kraft ging, die, wie ihr schien, das ganze Entsetzen und die ganze Auflösung des Vorgefallenen enthielt, auf und schwankte wie eine Rauchsäule über ihrem ganzen bisherigen Leben.

– – – Wie ist es möglich, das miteinander zu verbinden, – – – ich liebe Jurii so sehr, liebe ihn noch jetzt, daß es mein Herz zerreißt. Beim Gedanken daran, daß ich für ihn nicht mehr so rein und einzig sein werde, wie ich war, wird in mir alles dunkel wie vor dem Tode. Und dennoch ... dennoch konnte ich ...

Der Gedanke an Ssanin hatte keinen Ausdruck. Er bewahrte nur die Erinnerung an tolle Kraft, an überschäumenden Genuß, in dem der Schmerz mit dem Verlangen nach noch größerer, noch tieferer Innigkeit zusammenfiel; für Augenblicke sprang aus ihm der Wunsch, zu Tode gemartert zu werden. Aber weiter trug er die lichte stille Erinnerung an eine singende, unsagbar innige Zärtlichkeit in sich, die ihr Herz liebkoste.

– – – Ich bin selbst schuld, sagte sich Karssawina ... Ich bin eben ein garstiges, lasterhaftes Geschöpf. – – –

Am liebsten hätte sie geweint, gebüßt, den weißen herrlichen Körper, der stärker als die Vernunft, die Liebe und Bewußtsein gewesen war, mit der Peitsche gezüchtigt.

Einen Augenblick lang schien ihr, daß sie diesen furchtbaren Taumel nicht ertragen werde; das Bewußtsein wird untergehen, sie muß sterben. Doch es ging gleich wieder vorüber, entkräftigte sie nur und ließ hoffnungslose, stille Trauer in ihr zurück.

Da sagte ihr Ssanin mit besonders rührender Bitte: »Gedenken Sie meiner nicht böse! Sie sind ebenso herrlich wie Sie stets waren ... Dem Mann, den Sie lieben, werden Sie dasselbe Glück geben können, das Sie mir gegeben haben ... Nein, noch ein größeres, viel größeres ... Wahrhaftig ... ich wünsche für Sie nichts anderes, als das Allerbeste, das Allerzarteste ... Immer werde ich Sie so in meinem Gedächtnis haben, ... wie ... gestern. Leben Sie wohl ... und wenn ich einmal irgend etwas für Sie tun kann, so ... ich bitte Sie, sagen Sie es ... ich würde Ihnen ja gerne mein Leben geben, wenn es Ihnen nur nützen könnte ...«

Ganz leise blickte ihn Karssawina an; es tat ihr um etwas leid.

... Aber vielleicht geht alles vorüber ... ging es durch ihren Kopf. Im Augenblick schien alles nicht mehr so entsetzlich und schwierig. Eine Minute lang schauten sie einander in die Augen und aus dem Innern ihrer Herzen trat ein gutes, tiefes Gefühl. Es verband sie, als ob sie beide mit einem Mal verwandt und nahe wären, und etwas erfahren hatten, das kein anderer außer ihnen wissen durfte, und das in ihren Seelen immer als zarte, warme Erinnerung bleiben würde.

»Nun leben Sie wohl,« sprach Karssawina mit mädchenhafter Stimme.

Freude und Zärtlichkeit durchströmte Ssanins Gesicht.

Sie reichte ihm die Hand, doch alles kam so, daß sie sich plötzlich einfach und warm wie Geschwister geküßt hatten. Als Ssanin fortging, begleitete sie ihn bis an das Tor und sah ihm lange und nachdenklich nach. Dann ging sie still in den Garten zurück und legte sich auf das Gras, die Hände unter dem Kopf. Das verdörrende aber noch immer duftige Gras knisterte um sie und sie starb fast ab, ohne Gedanken, ohne Empfindungen, mit geschlossenen Augen. In ihr ging etwas Neues vor. Wenn es geendet hatte, dann mußte sich wieder das alte fröhliche offne Mädchen, vor der das Leben seine schönsten und glücklichsten Seiten auftun wird, erheben.

Zähes Nachsinnen darüber, ob sie Jurii das Vorgefallene erzählen sollte oder nicht, kam ihr in den Kopf und brachte neues Entsetzen und frische Scham mit sich, aber sie sagte sich sofort: Ich werde nicht darüber nachdenken, ... ich werde es nicht ... Alles mag von selbst kommen.

Und wieder verfiel sie in den Zustand schlaffer Erwartung.

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