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Michail Petrovic Arcybasev: Ssanin - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
authorM. Artzibaschew
titleSsanin
publisherGeorg Müller
printrunDreizehnte Auflage
year1909
firstpub1908
translatorAndré Villard und S. Bugow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070718
projectidaffaca67
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XXXVIII

Es dauerte lange, bis ihr Bewußtsein zurückkehrte. Sie sah nur allmählich die Flecken des Mondenlichtes auf dem schwarzen Wasser, das Gesicht Ssanins mit sonderbaren Augen, und merkte, daß sie halb im Boote lag; er hielt sie wie die Seine umschlungen, während sich ihr nacktes Knie am Ruder rieb. Sogleich begann sie leise und unaufhaltsam zu weinen, ohne sich aus seinen Händen loszureißen; noch immer unterwarf sie sich ihm mit der gleichen Willenlosigkeit.

In ihren Tränen lag die Trauer über etwas Unwiederbringliches, lag Furcht und Mitleid mit sich selbst und schwache Zärtlichkeit zu Ssanin, die nicht aus der Vernunft oder dem Herzen, sondern direkt aus der Tiefe ihres jungen Körpers, der sich zum ersten Mal in seiner ganzen Kraft und Schönheit entfalten konnte, heraufquoll. Das Boot glitt langsam auf eine breitere, kaum beleuchtete Stelle und schwankte in dem dunklen Wasser, in dem die Wellen der Strömung mit stillem, gleichmäßigen Plätschern hinunterliefen, leise hin und her.

Ssanin nahm sie in seine Arme und setzte sie auf seine Kniee. Hilflos und ratlos wie ein kleines Mädchen saß sie da.

Wie durch Träume hindurch hörte sie, daß er sie zu beruhigen suchte, ihr du sagte, und es berührte sie angenehm, daß seine Stimme voll von Zärtlichkeit gelöster Kraft und dankbarer Ergebenheit war.

– – – Später gehe ich ins Wasser, dachte sie matt, indem sie doch dabei auf seine Worte lauschte und gleichsam einem andern Antwort gab, der von ihr Rechenschaft forderte: Was hast du getan und was wirst du tun? ...

Ganz unerwartet fragte sie halblaut: »Was nun jetzt?«

»Das werden wir sehen ...« antwortete er.

Sie wollte von seinen Knieen hinuntergleiten, aber er zog sie sofort wieder an sich und unterwürfig blieb sie sitzen. Es schien ihr selbst eigentümlich, daß sie weder Zorn noch Widerwillen gegen ihn empfand.

Auch später, wenn sie sich dieser Nacht erinnerte, war ihr alles unbegreiflich und wie im Traum. Alles um sie schwieg; alles war dunkel, feierlich, unbeweglich, wie wenn es sich bewußt wäre, ein schweres Geheimnis wahren zu müssen. Das Licht des Mondes, das die schwarzen Waldeswipfel glatt abschnitt, blieb sonderbar unbeweglich und gespensterhaft in einer Richtung liegen. Die unfaßbare Finsternis blickte sie vom Ufer her mit bodenlosen Augen an; alles erstarrte in gespannter Erwartung vor irgend etwas, das geschehen mußte. Sie hatte keine Kraft und keinen Willen mehr, um zu sich zu kommen, sich zu erinnern, daß sie einen anderen liebte, um wieder das frühere freie Mädchen zu werden und die männliche Brust zurückzustoßen. Sie sträubte sich auch garnicht, als er sie wieder zu küssen begann und nahm fast bewußtlos den neuen brennenden Genuß hin, während sie mit halbgeschlossenen Augen immer tiefer in die unbekannte Welt, die sie geheimnisvoll zu locken suchte, hineinglitt. In Minuten kam es ihr vor, daß sie nichts sah, nichts hörte, nichts empfand. Allein jede seiner Bewegungen, jeden seiner Angriffe auf ihren unterworfenen Körper nahm sie doch mit gemischten Regungen von Erniedrigung und heischender Neugier wahr.

Die Verzweiflung, die sich dicht um ihr Herz wand, flüsterte ihr zerbrochene, sich kaum biegende Gedanken zu.

– – – Jetzt ist ja alles gleich, ganz gleich, sprach sie zu sich, und die geheimnisvolle körperliche Neugierde wollte durchaus wissen, was dieser ferne und nahe, so feindselige und so kräftige Mensch mit ihr noch beginnen könnte.

Später, als er sie losgelassen und, neben ihr sitzend, zu rudern begonnen hatte, schloß sie halb liegend die Augen. Trotzdem sie sich bemühte, alles Leben von sich abzuwerfen, erzitterte sie unter jedem Stoß seiner Arme, die ihr jetzt so gut bekannt waren und die sich nun taktmäßig über ihrem Busen bewegten.

Mit leisem Knistern stieß das Boot ans Ufer. Karssawina öffnete die Augen. Ringsumher dehnte sich Feld, Wasser und weißer Nebel. Der Mond leuchtete blaß und unklar, wie ein Gespenst, das an der Morgendämmerung vergehen muß. Es war schon hell und durchsichtig. Durch die Luft zog der erste leise Windstoß vor dem Morgenrot.

»Darf ich Sie jetzt begleiten,« fragte Ssanin leise.

»Nein, ich – – – allein ...« antwortete sie mechanisch.

Ssanin hob sie in die Arme und trug sie mit dem Genuß kraftvoller Anstrengung aus dem Boote; er war noch voll von der überströmenden Empfindung seiner Liebe und dankbarer Zärtlichkeit. Bevor er sie auf den Boden niedersetzte, preßte er sie noch einmal stark an sich. Karssawina taumelte; sie konnte sich nicht auf den Füßen halten.

»O, du Schönheit, du,« sagte Ssanin inbrünstig, als ob seine ganze Seele in einer Flut von Leidenschaft und Mitleid vor ihr entströmen wollte.

Sie lächelte mit unbewußtem Stolz.

Ssanin ergriff sie bei den Händen und zog sie an sich.

»Küß du mich einmal!«

– – – Jetzt ist doch alles gleich, – – – warum hat er soviel Mitleid mit mir, warum ist er so nahe bei mir? ... Es ist alles ganz gleich, man braucht nichts mehr denken ... Zusammenhanglos schwirrten die Gedanken durch Karssawinas Kopf; klingend und zärtlich küßte sie Ssanin auf die Lippen.

»Nun lebe wohl,« flüsterte sie; sie verwickelte sich in ihre eigenen Worte ... Sie bemerkte gar nicht, was sie sagte.

»Liebste, sei mir nicht böse ...« sprach Ssanin mit stiller Bitte.

Als sie dann allein den Damm entlang schritt, taumelnd, sich in die Röcke verwickelnd, sah ihr Ssanin traurig nach. Es packte ihn schmerzlich, wenn er an die unnötigen Leiden dachte, die sie noch zu ertragen haben wird, und über die sie sich, wie er glaubte, nicht würde erheben können.

Ihre Gestalt löste sich im Nebel auf und verlor sich, während sie immer weiter der Morgenröte entgegenschritt. Als sie nicht mehr zu sehen war, sprang Ssanin mit Macht in das Boot und unter den mächtigen triumphierenden Ruderschlägen schlug das Wasser lärmend und glücklich gegen die Planken. An einer breiten Stelle des Flusses unter dem Morgenhimmel, inmitten der Weißen wogenden Nebel, warf Ssanin die Ruder hin, sprang in voller Größe auf die Bank und schrie aus aller Kraft laut und freudig in den Morgen hinein.

Wald und Nebel lebten auf und antworteten ihm mit dem gleichen, fröhlichen weitverhallenden Rufe.

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