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Michail Petrovic Arcybasev: Ssanin - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
authorM. Artzibaschew
titleSsanin
publisherGeorg Müller
printrunDreizehnte Auflage
year1909
firstpub1908
translatorAndré Villard und S. Bugow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070718
projectidaffaca67
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XXXVI

Zuerst wurde die Ferne dunkel, dann der Fluß im Nebelgehänge; von den weitabgelegenen Wiesen erscholl das verhallende Wiehern der Pferde; mit einem Mal leuchteten auch die Hirtenfeuer auf.

Jurii saß noch immer auf dem Abhang und wartete auf Karssawina; mechanisch zählte er die Scheiterhaufen auf den Wiesen.

Eins, zwei, drei ... nein, noch einer, ganz hinten, kaum sichtbar am Horizont. Wie ein kleiner Stern. Und dort sitzen jetzt erwachsene Menschen, Bauern, die auf die Nachtweide hinauszogen, kochen auf dem Felde Kartoffeln, sprechen miteinander. Der Scheiterhaufen brennt lustig, lodert auf, zischt, und man hört, wie die Pferde schnauben. Vom Abhang aus sahen die Feuer wie einzelne Funken aus ... Nur noch eine geringe Bewegung und sie mußten ganz erlöschen.

Es wurde Jurii schwer, über irgend etwas nachzusinnen, als könne er bei dem Klang seines triumphierenden Denkens, die eigenen Gedanken nicht hören. Er saß lange, ohne sich zu rühren, er spürte, wie sich in seinem Körper Elastizität und Kraft ansammelte, als bereite er sich zu etwas vor, dessen man nicht bewußt werden dürfe. Immer noch fühlte er den ersten Druck des jungen, noch vom dünnen Stoff verhüllten Körpers und der halbgeöffneten, frischen Lippen. Von Zeit zu Zeit sagte er sich mit Schrecken: Aber gleich muß sie ja kommen.

Sein Herz erzitterte, dann starb es leise ab. Aber um so mehr spannte sich jeder Nerv in ihm, sein Körper wurde frisch und drängend.

So saß er, nur mit der einen Erwartung vollgesogen am Abhange und lauschte, ohne es zu wissen, dem fernen Wiehern der Pferde, dem Schreien der Gänse hinter dem Fluß und den tausenden verschwimmenden Lauten des Waldes und des Abends, die wie Saiten hoch über der Erbe bebten.

Als er endlich ungleichmäßig rasche Schritte und das Rauschen eines Kleides hörte, wußte er, ohne sich umzuwenden, daß sie es war. Sein ganzer Körper glühte und zitterte, und doch schien er von dem entscheidenden Augenblick geängstigt, jede Fähigkeit, sich zu bewegen, verloren zu haben. Plötzlich wandte er sich scharf um, sicher, gerade das Richtige zu tun, schloß sie in die Arme und trug sie mit unbekannter Kraft und Zuversichtlichkeit über das Gras hinunter.

»Wir werden hinfallen,« flüsterte sie; Glück und Scham erstickten sie fast.

Wieder preßte Jurii ihren Körper in seinen Armen zusammen; bald kam sie ihm groß und üppig wie eine Frau, bald winzig und zerbrechlich wie ein kleines Mädchen vor. Durch das Kleid fühlte seine Hand ihre Beine; er erschrak, als ihm die Berührung in sein Bewußtsein trat.

Unten zwischen den Bäumen war es dunkel; nur von oben fiel blasses Dämmerlicht über den Rand des Abhangs, der den hellen Himmel abschnitt. Jurii legte das Mädchen auf das Gras nieder und setzte sich neben sie. Bei dem matten Licht fand er ihre heißen, weichen Lippen und zehrte mit verlangenden, zähen Küssen, die ihren drängenden Körper wie mit weißglühendem Eisen durchbrannten, an ihnen.

Es war ein Augenblick völligen Wahnsinns, in dem nur noch eine übermächtige tierische Kraft in ihnen gebot. Karssawina widerstrebte nicht und zitterte nur, als Juriis Hand schüchtern und frech, wie es noch niemals zuvor geschehen war, ihre Röcke hochschob.

»Du liebst mich? ... Wirklich?« fragte sie ihn mit abgerissener Stimme. Das Flüstern ihrer in der Finsternis unsichtbaren Lippen war seltsam wie die leichten, geheimnisvollen Laute des Waldes.

Aber plötzlich fragte sich Jurii mit Entsetzen: Was tue ich denn hier? ... Eisige Klarheit durchströmte das flammende Gehirn, alles wurde mit einem Mal kalt und leer, wurde blaß und hell wie ein Wintertag, in dem es kein Leben und keine Kraft mehr gibt.

Sie öffnete halb die hellgewordenen Augen und streckte sich ihm mit trüber, unruhiger Frage entgegen. Doch plötzlich sah sie ebenfalls alles mit raschen, weitgeöffneten Augen vor sich, fühlte seine Blicke sich tief in ihren Körper bohren, und unter unerträglicher Scham erglühend, schlug sie rasch das Kleid herunter und setzte sich aufrecht hin.

Ein qualvolles Durcheinander von Gefühlen durchstürmte Jurii. Jetzt stehen zu bleiben, schien ihm unmöglich, als mache er sich dadurch lächerlich. Ratlos und ohne Besinnung suchte er wieder auf sie einzudringen und sie niederzuwerfen, aber sie wehrte sich ebenso ratlos und ohne Besinnung dagegen. Das kurze, ohnmächtige Balgen, das Jurii trotz des entsetzlichen, hoffnungslosen Bewußtseins seiner lächerlichen und abstoßenden Lage fortsetzte, war in der Tat nur lächerlich und abstoßend. Doch fast in dem Augenblick, als ihr Widerstand versagte und sie von neuem bereit war, sich ihm hinzugeben, ließ er wieder von ihr ab. Karssawina atmete kurz und abgebrochen, wie gehetzt. Es entstand eine auswegslose, schwere Pause; dann sagte er plötzlich:

»Verzeihen Sie mir ... ich bin ... wie verrückt ...«

Sie atmete häufiger; er begriff, daß er das nicht sagen durfte, daß es sie verletzen mußte ... Schweiß bedeckte seinen ohnmächtigen Körper, und wieder murmelten seine Lippen fast wider seinen Willen etwas von dem, was er heute gesehen hatte, über seine Gefühle zu ihr, über jene Gedanken und Zweifel, von denen er immer erfüllt war und durch die er, selbst fortgerissen, auch sie so oft hinriß. Doch in diesen Minuten schien ihm alles, was er sagte, ungeschickt, gebunden, leblos, seine Stimme klang falsch und schließlich brach er ab, plötzlich selber verlangend, daß sie fortginge und dadurch dieser unerträglichen, lächerlichen Situation, wenn auch nur für kurze Zeit, ein Ende mache.

Wahrscheinlich durchlebte sie dasselbe, denn für einen Augenblick hielt sie ihr Atmen an. Dann flüsterte sie, schüchtern und bittend:

»Ich habe keine Zeit mehr. Ich muß gehen.«

... Was tun, ... was tun, fragte sich Jurii; er wurde am ganzen Körper kalt. Sie standen auf, schauten aber einander nicht an. Mit der letzten Bemühung, noch einmal alles zurückzurufen, umarmte sie Jurii schwächlich. Da erwachte in ihr wieder eine mütterliche Regung, als ob sie sich plötzlich als die Stärkere fühle; weich schmiegte sie sich an ihn und lächelte ihm mit aufmunterndem, lieblichem Lächeln gerade in die Augen.

»Auf Wiedersehen, kommen Sie morgen!« sagte sie.

Sie küßte ihn so zärtlich, so stark, daß Juriis Kopf schwindelte und ein Gefühl der Ehrfurcht seine ratlose Seele erwärmte.

Als sie fortging, lauschte Jurii lange auf das Rauschen ihrer Schritte, suchte sich dann seine Mütze auf, die voll Erde und Blätter war, schüttelte sie aus, setzte sie auf und ging ins Gastzimmer hinauf, dem Pfad weit ausweichend, über den Karssawina kommen mußte.

... Ja, dachte er, als er durch die Dunkelheit schritt, war es denn unbedingt nötig, dieses reine Mädchen zu beschmutzen. Unser Zusammensein unbewußt ebenso abzuschließen, wie es jeder Normalmensch an meiner Stelle getan hätte. Gott, mein Gott ... Das wäre abscheulich gewesen. Es war gut, daß ich dessen nicht fähig war ... Und wie widerwärtig doch all das ist. Mit einem Mal, ohne ein Wort, wie ein Tier. Er empfand jetzt nur Ekel über das, was ihn noch kurz vorher mit solcher Kraft und solchem Glück erfüllt hatte.

Doch trotzdem bohrten und rissen unausgelöste Spannungen weiter in seinem fruchtlosen Gram und riefen schwere, dumpfe Scham in ihm hervor. Selbst seine Arme und Beine schlenkerten, wie es ihm vorkam, ungelenker als sonst; seine Mütze mußte wie eine Narrenkappe auf seinem Kopfe sitzen.

»Bin ich denn wirklich noch fähig, weiter zu leben,« fragte er sich in plötzlicher Verzweiflung.

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