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Michail Petrovic Arcybasev: Ssanin - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorM. Artzibaschew
titleSsanin
publisherGeorg Müller
printrunDreizehnte Auflage
year1909
firstpub1908
translatorAndré Villard und S. Bugow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070718
projectidaffaca67
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XXXV

Die Sonne schien hell wie im Frühling, aber es lag ein herbstlicher Zug in der unfaßbar sanftmütigen Stille, die zwischen den Bäumen, um welche schon gelbe absterbende Farben leuchteten, schwebte. In ihr tönten die einsamen Vogelstimmen wehmütig abgebrochen und grell klang das Summen der großen Insekten, die unheimlich über ihrem vergehenden Reichtum schwirrten, wo es nicht Blumen und Gräser mehr gab und nur das Unkraut hoch und wild aufschoß.

Jurii schlenderte langsam die Gartenwege entlang und schaute mit weitaufgerissenen, in tiefem Nachdenken erstarrten Augen auf alles hin, auf den Himmel, auf die gelben und grünen Blätter, die stillen Gartenwege und das gläserne Wasser, als wenn er all dies zum letzten Mal sehen sollte und es nun fest in sein Gedächtnis einprägen mußte, um es niemals mehr zu vergessen.

Trübsal umzog weich sein Herz, aber ihr Ursprung war ihm selbst nicht klar. Immer schien es ihm so, daß sich ein wunderbares Ereignis, welches sein konnte und doch niemals war und nie mehr kommen wird, mit jedem Augenblick von ihm weiter und weiter entfernte.

Ein schmerzliches Gefühl flüsterte ihm zu, daß alles nur durch seine eigene Schuld geschehen wäre. Vielleicht war es die Jugend und ihr junges Glück, das er nicht aufzugreifen verstand, und das nun nicht mehr wiederkehrte, vielleicht die gewaltige, menschheitsbefreiende Tätigkeit, die ihm aus den Fingern geglitten war, obgleich er sie eine Zeitlang in ihrem Kernpunkte hatte mitergreifen können. Doch wie es gekommen war, konnte Jurii nicht fassen. Er war überzeugt, daß er in der Tiefe seines Wesens Kräfte barg, die für das Zersprengen ganzer Weltklippen ausreichen würden und einen Geist, der so ferne Horizonte zu umschließen vermochte, wie nur irgend einer in der Welt. Woher er diese Sicherheit nahm, hätte er nicht erklären können; er würde sich auch geschämt haben, sie zu einem Menschen, selbst dem Allernächsten zu äußern. Aber die Sicherheit blieb bestehen. Auch zu Zeiten, wo er klar fühlte, wie schnell er ermüdete, wie vieles er nicht wagte, wie er in Wirklichkeit nur von einem Winkel aus über das Leben nachgrübeln konnte, war er ihrer sicher.

... Was gibt es auch viel, dachte Jurii, ins Wasser blickend, in dem sich die verkehrten Ufer mit gelben und roten Spitzen besetzt widerspiegelten.

... Vielleicht ist das auch noch das Schönste und Klügste ... In diesem Augenblick schien ihm das Bild eines Menschen verlockend schön, der voll Geist und Verständnis abseits vom Leben steht und das sinnlose Treiben der dem Tode Geweihten betrachtet.

Aber er merkte bald, daß in diesem Gedanken etwas Leeres lag. Und aus dieser Leere stieg der Wunsch empor, daß es jetzt jemanden gäbe, der sieht und versteht, wie schön sich Jurii Swaroschitsch in der Pose eines über dem Leben Stehenden ausnimmt. Bald ertappte er sich jedoch wieder bei dieser Selbstgefälligkeit und fühlte sich bitter beschämt.

Da begann er, um den schweren Druck, der auf seinem Bewußtsein lastete, loszuwerden, sich zum tausendsten Mal zu sagen, daß der breite und scheinbar so grandiose Strom des Lebens, wer auch an seinen Irrläufen Schuld trage, schließlich doch schwach und dumpf in das schwarze Loch des Todes hineinstürze. Dort gibt es keine Wertschätzung mehr, keine Ueberlegung, wie und wozu der Mensch lebe.

... Ist es nicht ganz gleich, ob ich als ein Volkstribun sterbe, als der größte Gelehrte, der tiefsinnigste Schriftsteller oder als ein leer herumlaufender von Trübsal geplagter russischer Intelligenzler. Alles derselbe Unsinn, dachte Jurii mit trüber Schwermut und ging nach Hause.

In dem durchsichtigen Schweigen des neuen Tages, durch das nur die eigenen Gedanken deutlich hervortönten und in dem man das langsame, unabwendbare Absterben des Vergangenen in jedem Nerv empfand, war ihm immer schwerer zumute.

... Da läuft Ljalja, dachte Jurii, als er etwas Rosiges und Lustiges hinter den grünen und gelben Büschen flimmern sah. Die glückliche Ljalka lebt wie ein Falter mit dem heutigen Tage, braucht nichts, verlangt nichts, als ihr Glück, ach, wenn ich auch so leben könnte.

Doch dieser Gedanke glitt nur über die Oberfläche; er stieß ihn selbst von sich. Sein Geist, seine Trübsal, die Qualen, unter welchen er so schmerzlich litt, schienen ihm eine ungewöhnliche Seltenheit und Kostbarkeit, die er ganz gewiß nicht gegen das Schmetterlingsleben Ljaljas eintauschen mochte.

»Jura, Jura,« schrie Ljalja mit klangvoll singender Stimme, obgleich sie nur in einer Entfernung von drei Schritten vor ihm stand. Schweigsam, ganz mit dem Lächeln eines mutwilligen Geheimniskrämers reichte sie ihm ein schmales, rosiges Kuvert.

»Von wem?« fragte Jurii unfreundlich.

»Von Sinotschka Karssawina, Täubchen,« erklärte Ljalja feierlich, gleichzeitig in mysteriösem Ton; sie drohte ihm mit dem Finger.

Jurii errötete furchtbar. Ihm schien in diesem Ueberreichen von parfümierten Briefchen in rosigem Kuvert etwas Abgeschmacktes zu liegen, durch das er sich selbst nur als glücklicher Empfänger bis zu einem gewissen Grade lächerlich machte. Doch mit einem Ruck riß er sich zusammen, einem Igel gleich steckte er aber noch immer nach allen Seiten stechende Nadeln heraus. Ljalja, die neben ihm herlief, bemerkte nichts. Mit dem eigenartigen Entzücken, mit dem sentimentale Schwestern an den Liebesaffären ihrer geliebten Brüder teilnehmen, begann sie ihm zuzutuscheln, wie sehr sie Karssawina liebe und wie sie sich darauf freue, daß er sie einmal heiraten wird.

Das unglückselige Wort »heiraten« spiegelte sich auf Jurii in neuem Erröten und zornblitzenden Augen wieder. Der echte Provinz-Roman mit rosigen Zettelchen, den Schwestern als Vermittlerinnen, mit der legitimen Ehe, der Wirtschaft, dem Weibchen, den Kindern, stand gerade in der abgeschmacktesten, waschlappigsten, pflaumenweichsten Zuckersyrupform, die er am meisten verabscheute, vor ihm.

»Ach, laß doch bitte, was für dummes Zeug,« wehrte er fast erbittert Ljalja ab. Seine Bewegungen waren so grob, daß sie sich gekränkt fühlte.

»Was für Komödie spielst du? ... Bist du wirklich verliebt, was schadet es denn,« schmollte sie. Mit unbewußter weiblicher Rachsucht traf sie ihn gerade an der empfindlichsten Stelle, indem sie hinzufügte: »Ich kann nicht begreifen, weswegen ihr alle aus euch die großartigsten Helden machen wollt.«

Sie schwenkte ihr rosiges Kleid herum, zeigte verächtlich die durchbrochenen Strümpfchen und schritt wie eine erzürnte Prinzessin ins Haus.

Jurii sah ihr noch wütender nach, errötete noch mehr und riß das Kuvert auf.

... Jurii Nikolajewitsch, wenn Sie wollen und können, so kommen Sie heute ins Kloster. Ich werde mit meiner Tante dort sein. Sie ist bei der Beichte und kommt nicht aus der Kirche heraus. Mir ist entsetzlich langweilig, ich möchte über vieles mit Ihnen sprechen. Kommen Sie doch. Es ist vielleicht nicht richtig, daß ich Ihnen schreibe, aber kommen müssen Sie doch! ...

Jurii vergaß an alles, was er bisher gedacht hatte und las den letzten Satz mit sonderbarer Aufregung, geradezu in physischer Freude. In dem einen kurzen Satz spiegelte sich das junge, reine Mädchen, das zuversichtlich und naiv das Geheimnis seiner Liebe äußert, ungemein deutlich wieder. Als ob sie nun zu ihm kommen müsse, machtlos, schüchtern, liebend; sie kann nicht mehr kämpfen, weiß nicht mehr, was geschieht, sie fühlt nur, daß sie sich ganz seinen Armen hingeben muß. Die unerwartete Nähe der Entscheidung durchschüttelte seinen ganzen Körper, brachte ihn zu ergreifendem Beben. Einfach und unvermeidlich fühlte er jetzt ihre dürstende Jugend, ihren reinen Körper, der sich vor ihm zum ersten Mal entblößen würde, den Duft der weiblichen Haare, die erschreckten, glücklichen Augen, mit Tränen, die wie Tauperlen erglänzten. Der Versuch, ironisch zu lächeln, gelang ihm nicht, alles ging in einem solchen Schwung gierigen Glückes unter, daß er sich vorkam, als flatterte er wie ein Vogel über die Wipfel des Gartens empor zum blauen, sonnendurchtränkten, freien Raum.

Den ganzen Tag war sein Herz licht; er empfand in seinem Körper eine so starke Kraft, daß ihm jede Bewegung vollen, frischen Genuß bereitete. Gegen Abend nahm er eine Droschke, um nicht durch den Sand laufen zu müssen, und fuhr zum Kloster hinaus; unbewußt schämte er sich vor der ganzen Welt und lächelte ihr doch zu. An der Anlagestelle stieg er ins Boot und ein kräftiger Bauer ruderte ihn flink zum Kloster hinüber. Jurii konnte immer noch nicht verstehen, was er eigentlich durchlebte. Erst als das Boot aus der Wirrnis der engen Gänge auf die breite Wasserfläche hinausschoß und der Fluß ihm den feuchten Duft der Tiefe weich ins Gesicht atmete, empfand er mit voller Seele, daß er glücklich war und daß ihm das rosige parfümierte Kuvert dieses Glück gebracht hatte.

... Und ist es im Grunde genommen nicht ganz gleich ... Jurii hielt es doch für nötig, Karssawina in Gedanken zu verteidigen. Sie lebt doch in einem solchen Kreis. Ein kleinstädtischer Roman, gut, mag es auch ein solcher werden.

Mit rhythmischem Gekräusel lief das Wasser neben dem Boot einher und beleckte seine Ränder. Der grüne Berg, mit seinem breiten, eigenartigen Atmen von der Dämmerung und Feuchtigkeit des Waldes geschwängert, wuchs ihm schnell entgegen. Der Sand rasselte, lärmend sprang die hinter dem Boot vergleitende Welle noch einmal auf und zurück. Jurii stieg aus dem Boot, gab mit einem Gefühl der Beschämung dem Bootsmann einen halben Rubel und schritt den Bergpfad hinauf.

Stiller Abend ging schon durch den Wald; seine Schatten legten sich um den Berg. Von der Erde hoben sich nachdenklich ernste Nebel, die gelben Blätter waren in der Dämmerung unsichtbar geworden, der Wald schien wieder sommerlich grün und dicht. Oben in der Klosterumfriedung war es noch ruhiger und rein wie in einer Kirche. Die Pappeln standen würdig und streng wie bei einem Gebet; unter ihnen gingen wie lautlose Abendschatten lange, schwarze Mönche auf und nieder. In den dunklen Oeffnungen der Kirchentüren flimmerten kleine Flämmchen vor den Heiligenbildern; ein unfaßbar zarter Geruch wandte sich herum, und man konnte nicht verstehen, ob es nach altem Weihrauch oder nach verwelkenden Pappelblättern roch.

»Ah, guten Tag, Swaroschitsch,« brüllte jemand hinter ihm.

Jurii blickte sich rasch um und sah Schawrow, Iwanow, Ssanin und Pjotr Iliitsch. Sie kamen in dunklem, lärmvollem Haufen über den Hof, und die schwarzen Mönche schauten unruhig auf sie hin; selbst die Pappeln schienen ihre gebetartige Unbeweglichkeit, durch den plötzlichen Lärm und die Bewegung verwirrt, eingebüßt zu haben.

»Wir haben Großes vor,« erklärte Schawrow und trat als erster an Jurii, der ihm besondere Achtung einflößte, heran. Durch seine runden Brillengläser blickte er ihm freundlich in die Augen.

»Das ist ja ganz nett,« murmelte Jurii gezwungen.

»Vielleicht beteiligen Sie sich daran.«

»Nein, danke bestens ... ich bin nicht allein hier.« Jurii trat ungeduldig einen Schritt zurück.

»Na, was denn,« versetzte Iwanow mit herber Gutmütigkeit und packte ihn unter dem Arm. »Kommen Sie doch mit uns!«

Jurii stemmte sich unfreundlich gegen den Boden, und so zogen sie sich eine Weile etwas lächerlich nach verschiedenen Richtungen hin und her.

»Nein, bei Gott, es geht nicht! Vielleicht komme ich später noch zu Ihnen heran,« wiederholte Jurii, mehr und mehr in seinen überreizten Ton verfallend. Ihm kam diese freundschaftliche Aufdringlichkeit unangebracht und taktlos vor.

»Nun gut,« Iwanow, der nichts bemerkt hatte, ließ ihn los. »Also werden wir Sie erwarten. Kommen Sie doch!«

»Schön, schön ...«

Sie gingen aus der Umfriedung fort, sie lachten, schlenkerten mit den Armen; dann wurde es rings herum wieder ehrfurchtsvoll still wie bei einem Gebet. Jurii nahm die Mütze ab und trat mit einer Mischung von Spott und Schüchternheit in die Kirche.

Gleich nachdem er eine der dunklen Kolonnen umbogen hatte, sah er in der Dämmerung Karssawina in ihrem grauen Jackett und einem runden Strohhut, der ihr das Aussehen einer Gymnasiastin gab, vor sich auftauchen. Das Herz zitterte ihm, und dieses Zittern war dem Erschrecken eines Vogels und dem Beben einer Katze vor dem Sprung gleichermaßen ähnlich. Alles an ihr erschien ihm so reizvoll, daß er es auf der Zunge als angenehmen Geschmack zu verspüren glaubte; ihr Jackett, wie der Hut und die schwarzen Haare, die auf den Nacken in einer Spirale verschlungen waren. Das gab ihr das Aussehen einer Gymnasiastin; bei einem so reifen, erwachsenen Mädchen wirkte es fast rührend.

Sie fühlte Juriis Nähe, sah sich um und ihre schwarzen Augen spiegelten, trotzdem sie bescheiden ernst blieben, in ihren Tiefen die erschrockene Freude wieder.

»Guten Tag,« sagte er mit gedämpfter und doch zu lauter Stimme, im Augenblick unschlüssig, ob es sich hier schicke, ihr die Hand zu reichen oder nicht. Die benachbarten Beterinnen blickten sich nach ihnen um und verwirrten Jurii mit ihren dunklen pergamentfarbenen Gesichtern noch mehr.

Er errötete. Karssawina, die seine Verlegenheit gleichsam mitfühlte, kam ihm mit mütterlichem Gefühl zu Hilfe. Sie lächelte ganz leise und drohte ihm zärtlich mit verliebten Augen.

Jurii war selig und wurde mäuschenstill.

Sie schaute nicht mehr auf ihn und bekreuzigte sich oft, aber Jurii wußte während der ganzen Zeit, daß sie seine Nähe empfand. Diese ungreifbaren Regungen spannten zwischen sie ein geheimes elastisches Band ein, welches das Herz schlagen und ersterben ließ, und alles um sie geheimnisvoll und wunderbar veränderte.

Dem Diakon auf der Kanzel, dem Aufleuchten der Lichter, den betenden und singenden Menschen, den schweren Seufzern und den einsam dröhnenden Schritten am Eingang sah Jurii mit wichtigen und strengen Augen zu. In dieser Stille hörte er deutlich sein kleines Herz, das sich leicht und fröhlich gegen die schwere Stimmung der Kirche auflehnen wollte.

Er stand ohne Bewegung, blickte auf den weißen Hals unter den schwarzen Haaren, auf die weiche Biegung der Taille, die sich unter dem grauen Jackett herausfühlen ließ, und es wurde ihm manchmal so gut, daß der Schlag des Herzens seine ganze Brust durchfloß. Er wünschte so zu stehen, daß ihn alle sähen ... Und obgleich er an nichts glaubte, weder an das Singen, noch das Lesen der Bibelsprüche, noch an die Lämpchen vor den Heiligenbildern, fühlte er doch auch nichts anderes als gutmütige Freundlichkeit für sie. Er bekam selbst Mut, seine Stimmung zu analysieren und mit der trübseligen Gehässigkeit des Morgens, der sie vollständig unähnlich war, zu vergleichen.

... Also kann man doch glücklich sein, fragte er sich innerlich lächelnd und gab sich sofort die ernste Antwort: Sicherlich! Alles, was ich über den Tod dachte, die Sinnlosigkeit des Lebens, das Fehlen eines vernünftigen Zweckes im Leben, das mag alles ganz wahr und vernünftig sein, aber glücklich kann man trotzdem werden. Ich bin glücklich! Und gerade dank diesem wunderbaren Mädchen, von dem ich vor kurzem noch keine Ahnung hatte.

Ihm stieg die komische Idee in den Kopf, wie sie sich einst, als sie noch kleine, lächerliche Kinder waren, irgendwo hätten begegnen, sich anblicken, sich wieder trennen können, ohne zu wissen, daß sie einmal füreinander das allerteuerste auf der Welt sein, sich einander lieb haben werden und daß sie für ihn alle Geheimnisse ihres Körpers enthüllen wird.

Der letzte Gedanke schloß sich ganz unerwartet an, er wurde von ihm fast beschämt. Gleichzeitig aber fühlte er sich so gut und frei, daß er bis in die Haarwurzeln errötete; er fürchtete sich lange, sie wieder anzublicken.

Karssawina, die da in Gedanken von ihm entkleidet wurde, stand lieblich und rein vor ihm und betete ohne Worte zu Gott, daß Jurii sie so innig und zart lieben möge wie sie ihn.

Wahrscheinlich teilte sich von ihr auch Jurii eine reinigende Welle mit, denn die schamlosen Gedanken glitten mit einem Mal von ihm fort; in seiner Seele wurde es klar und friedlich.

Tränen der Rührung und der Liebe traten warm in seine Augen. Er hob die Blicke, sah das Gold des Heiligenstockes, welches in den Kerzenfeuern Funken sprühte, darüber die zwei Arme des Kreuzes, die sich ihm bei jedem Blick tiefer zusenkten; in Gedanken rief er mit längst vergessener innerlicher Spannung: Gott, wenn du existierst, so lasse es sein, daß dieses Mädchen mich liebt, und daß ich sie immer lieben werde so wie jetzt.

Er schämte sich dieser Gefühlsaufwallung ein wenig, aber diesmal lächelte er nur herablassend über sich.

... Das ist doch nur so – dachte er.

»Gehen wir hinaus,« raunte ihm Karssawina zu; sie flüsterte es, aber es klang fast wie ein Seufzer.

Sie gingen gravitätisch, mit Frieden in der Seele, als ob sie die leise singenden und laut lesenden Stimmen, Seufzer und das Flimmern der Lichter mit sich forttragen wollten, auf die Terrasse hinaus. Sie gingen nebeneinander längs der Einfriedung und traten dann durch die alte Pforte auf den Bergabhang. Hier war niemand; die alte weiße Mauer mit dem Türmchen, an dem der Putz herunterhing, trennte sie von all den Menschen.

Unter ihren Füßen kräuselten sich längs des Abhangs die Wipfel der Eichen, und weit unten erglänzte eben und glatt wie geschliffenes Glas der Fluß. Die grünen Felder und Wiesen dehnten sich hinter dem dunklen Horizont weit in die Ferne hinein.

Schweigend schritten sie bis an den Rand des Abhanges und blieben unschlüssig, was sie anfangen sollten, stehen. Sie fürchteten sich vor etwas und wagten es nicht. Es schien, daß sie niemals die Kraft finden würden, es zu sagen und zu tun. Doch Karssawina hob den Kopf, und es kam dann ganz unvermutet und einfach, daß ihre Lippen Juriis Lippen trafen. Sie wurde leichenblaß, schrak auf und erstarrte dann. Jurii umarmte sie schweigend; er fühlte zum ersten Mal ihren warmen, biegsamen Körper in seinen Armen.

Um sie wurde es still. Ihnen schien die ganze Welt in dieser feierlichen, gespannten Stille zu ersterben.

In ihren Ohren gellte etwas; Jurii kam es vor, daß irgendwo eine unsichtbare, unhörbare Glocke gebieterisch ihre Begegnungsstunde schlug.

Plötzlich riß sich Karssawina los, lächelte ihm noch einmal zu und lief fort. »Die Tante wird mich suchen, warten Sie eine Weile, ich komme wieder –«

Jurii konnte sich später niemals erinnern, ob sie ihm diese Worte mit einer klingenden fröhlichen Stimme, die im dunklen Walde widerhallte, zurief oder ob ihm der warme Abendwind nur ein abgebrochenes, gleitendes Flüstern zutrug.

Er setzte sich aufs Gras und fuhr mit der Hand durch die Haare.

... Wie töricht und wundervoll schön das doch alles ist, dachte er mit seligem Lächeln. Er schloß die Augen, zuckte die Achseln und warf in diesem Augenblick alle seine früheren Gedanken, Zweifel und Leiden von sich.

Karssawina lief in die Pforte hinein und blieb noch einmal stehen. Ihr Herz pochte ungestüm und ihr Gesicht brannte. Sie drückte ihre Hand fest auf die wogende linke Brust und lehnte sich für einen Moment an die Wand.

Dann öffnete sie die Augen, schaute verwundert umher, atmete leicht auf, raffte den schwarzen Rock und lief mit schnellen Füßchen nach dem Gasthaus. Noch aus der Ferne rief sie der alten dunklen Tante, die auf den Steinstufen saß und sie erwartete, zu:

»Da bin ich schon, Tantchen, da bin ich ja schon.«

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