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Michail Petrovic Arcybasev: Ssanin - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorM. Artzibaschew
titleSsanin
publisherGeorg Müller
printrunDreizehnte Auflage
year1909
firstpub1908
translatorAndré Villard und S. Bugow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070718
projectidaffaca67
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XXXIII

Als man Sarudin unter dem Klange der Blechinstrumente beisetzte, sah Jurii vom Fenster aus die ganze düstere und prächtige Prozession mit dem schwarzbeflorten Pferd, dem Trauermarsch und der einzelnen Offiziersmütze, die verwaist auf dem Deckel des Sarges lag, mit an. Es gab viel Blumen, nachdenklich schöne Frauen und melancholische Musik.

In der Nacht, die diesem Tage folgte, war es Jurii besonders traurig zumute.

Am Abend war er lange mit Karssawina spazieren gegangen, hatte immer dieselben herrlichen verliebten Augen, den wundervollen Körper, der sich ihm entgegenstreckte, angesehen; trotzdem aber war ihm selbst das Zusammensein mit ihr schwer.

... Wie sonderbar und entsetzlich ist doch alles, sprach er vor sich hin, während er angestrengt zu Boden blickte. Nun hat dieser Sarudin zu leben aufgehört. Das war ein Offizier, hübsch, jung, sorgenlos; man könnte glauben, daß er immer leben würde, daß das Schreckliche im Leben, Qualen und Tod, für ihn nicht vorhanden wären. Mit ihm dürfte das keinen Zusammenhang haben. Und dann kommt ein einziger Tag, und dieser Mensch ist zerknüllt, in Staub zerrieben; er durchlebt nur ein ihm bekanntes Drama und existiert schon nicht mehr und wird auch niemals mehr existieren. Und am Ende ruht nur seine Mütze auf dem Deckel des Sarges.

Jurii verstummte und blickte wieder mit trauriger Anspannung auf den Boden. Karssawina ging leicht neben ihm her, hörte ihm aufmerksam zu und zupfte leise mit ihren vollen, runden Händen an der Spitze des weißen Schirmes.

Sie dachte nicht an Sarudin und freute sich nur körperlich über die Nähe Juriis. Unbewußt unterwarf sie ihm ihre Stimmung, machte, um ihm zu gefallen, ein trauriges Gesicht und ging ebenfalls mit müden, ausdruckslosen Schritten.

»Ja, es war sehr traurig, das alles mit anzusehen ... Und auch diese Musik.«

Plötzlich machte sich Jurii Luft: »Ich klage Ssanin garnicht an. Er konnte nicht anders handeln. Aber es ist entsetzlich, daß sich die Wege dieser zwei Menschen so gekreuzt haben, ... entweder der eine oder der andere mußte weichen. Es ist entsetzlich, daß der jeweilige Sieger garnicht das Furchtbare seines Sieges begreift. Er hat einen Menschen vom Erdboden fortgewischt und ist damit im Recht.«

»Ja, gewiß im Recht ...« Karssawina, die nicht auf alles gehört hatte, belebte sich bei diesen Worten so, daß sich sogar ihre Brust anzuspannen schien.

»Nein, aber ich sage doch, es ist entsetzlich,« fiel ihr Jurii mit eifersüchtigem Haß ins Wort, nachdem er einen kurzen Blick auf ihr belebtes Gesicht und ihre hohe Brust geworfen hatte.

»Warum denn? ...« fragte Karssawina, sofort wieder schüchtern und in furchtbarer Verwirrung. Wie mit einem Hauch erloschen ihre Augen und erröteten ihre Wangen.

»Weil es für jeden andern die schwerste Qual bedeuten würde, Zweifel, Schwanken ... Der seelische Kampf müßte sich doch zeigen ... Ueber das, was geschah ... Aber bei ihm gibt es keine Spur davon ... Er ... Nun, es tut mir sehr leid, sagte er ... aber ich bin nicht schuld daran ... Handelt es sich denn nur um die eine Schuld hier in diesem Fall ... Um das direkte Recht ...«

»Um was handelt es sich denn? ...« fragte Karssawina unschlüssig und leise mit tief gesenktem Kopf; offenbar fürchtete sie, ihn zu erzürnen.

»Das weiß ich nicht. Vielleicht ganz einfach: Der Mensch hat kein Recht, eine Bestie zu sein,« rief Jurii scharf und herb mit einem Unterton des Leidens. Sie gingen lange schweigend. Karssawina litt unter dem Bewußtsein, daß sie sich Jurii entfremdet hatte, und für einen Augenblick das liebliche, warme Band, das sie beide tief in der Seele zusammenhielt, zerriß. Jurii fühlte selbst, daß seine Ausführungen verwirrt und unklar herauskamen; ein schwerer Nebel legte sich um sein Herz.

Er verabschiedete sich bald und ließ Karssawina in dem schmerzlichen Bewußtsein unbefriedigten Zusammenseins und unverschuldeter Kränkung zurück.

Zwar bemerkte er ihre Ratlosigkeit, aber es machte ihm, ohne daß er wußte warum, ein eigenes Vergnügen, sie verletzt zu wissen, als wenn er sich an ihr, die er liebte, für die schwere Beleidigung irgend eines Menschen rächen müßte.

Zu Hause fühlte er sich unerträglich schlecht.

Beim Abendbrot erzählte Ljalja, sie hätte von Rjäsanzew gehört, daß die Straßenjungen bei der Mühle, als man Ssoloveitschik abschnitt, über den Zaun schrien und sangen: Der Jude hat sich aufgehängt, der Jude hat sich aufgehängt ...

Nikolai Jegorowitsch brach in behagliches Gelächter aus und ließ sich den Vers von seiner kleinen Lialka immer von neuem vorsingen: »So, also ... der Jude hat sich aufgehängt, hahaha.«

Jurii ging in sein Zimmer, setzte sich hin, um das Heft seines Schülers zu korrigieren und dachte mit unaussprechlichem Haß: Welch ungeheure Summe von Bestialität liegt doch noch immer in den Menschen. Soll man denn für dieses stumpfsinnige, dumme, rohe Pack leiden und sich opfern ...

Doch im selben Augenblick fühlte er, daß seine Gehässigkeit unschön sei; er schämte sich seiner Erregung.

... Sie haben ja keine Schuld, ... sie wissen ja nicht, was sie tun ... Aber ob sie es wissen oder nicht, ... in diesem Augenblick sind sie doch Tiere ... Er gab sich Mühe, nicht weiter darüber nachzudenken, sondern ließ wieder das Bild Ssoloveitschiks vor seine Augen treten.

... Wie einsam doch der Mensch ist ... Da hat nun dieser einsame Ssoloveitschik gelebt, hat in sich ein großes Herz, das für die ganze Welt leiden wollte, zu jedem Opfer bereit, getragen. Und niemand ... selbst ich nicht ... das durchschwirrte mit einem unangenehmen Stich seinen Kopf ... bemerkten und schätzten ihn. Man verachtete ihn fast. Und weshalb doch ... Nur weil er sich nicht zum Ausdruck bringen konnte; vielleicht verstand er es nicht. Weil er immer in Eile, eben etwas lästig war. Und gerade darin, in dieser Eilfertigkeit, dieser Lästigkeit zeigte sich doch sein heißes Bemühen, sich uns allen zu nähern, allen hilfsbereit und gefällig zu sein. Er war ein Heiliger, und wir hielten ihn für einen Toren ...

Das Schuldbewußtsein plagte ihn so stark, daß er die Arbeit beiseite schob und lange im Zimmer auf und nieder ging, ganz im Banne trüber, unlösbar schmerzlicher Gedanken. Dann setzte er sich an den Tisch, nahm die Bibel, und, sie aufs Geradewohl aufschlagend, las er wieder eine Stelle, die er sich öfter als die andern vornahm. Die Seiten waren dort zerknifft und an den Rändern abgenutzt.

»In Zufall sind wir geboren und werden später sein, wie nie gewesen; der Odem in unseren Nüstern ist Dampf und das Wort ein Funke in den Bewegungen unseres Herzens.

Wenn er erlischt, wird der Körper zu Staub verwandelt und der Geist wird zerstreut wie wehende Luft.

Und unser Name wird mit der Zeit vergessen werden und niemand erinnert sich an unsere Taten; und unser Leben vergeht wie die Spur einer Wolke und zerrinnt wie Nebel, den die Sonnenstrahlen zerstreuen und den die Wärme beschwert.

Weil unser Leben ein Gleiten des Schatten ist, und es nicht gibt für uns eine Rückkehr vom Tode, weil ein Siegel aufgedrückt ist und niemand zurückkehrt.«

Jurii brach hier ab, denn er kam an die Stelle: ... daß es keinen Sinn hätte, über den Tod nachzudenken, sondern daß man Leben wie Jugend genießen müsse. Das aber wollte er nicht begreifen; es entsprach nicht seinem krankhaften Trübsinn.

... Wie wahr, wie entsetzlich, wie unbegreiflich das ist ... Er versuchte mit aller Anspannung, sich vorzustellen, wie sein Geist nach dem Tode zerfließen würde. Aber es war ihm nicht möglich.

... Das ist entsetzlich ... Da sitze ich hier ... der Lebende ... der nach Leben und Glück Lechzende und lese mein unabwendbares Todesurteil, lese und kann mich nicht einmal dagegen auflehnen.

Die gleichen Gedanken, auch in diesen nämlichen Worten, hatte Jurii bereits vielmals durchdacht. Schon längst waren sie an ihrer eigenen Schwäche, die ihm ganz klar bewußt war, müde geworden; – es verstimmte und quälte ihn noch mehr.

Jurii griff sich in die Haare und rannte verzweifelt wie ein wildes Tier im Käfig hin und her. Mit geschlossenen Augen, unendliche Müdigkeit im Herzen, wandte er sich an irgend ein Wesen. Mit Zorn, doch ohne Kraft, mit Haß und gleichzeitig mit einer stumpfen Bitte, die er aber selbst nicht für eine solche gehalten hätte, suchte er den Menschen, der ihm helfen würde.

... Gott! ... Was hat dir der Mensch getan, daß du seiner so spottest! Warum verbirgst du dich vor ihm, wenn du in Wirklichkeit existierst. Warum hast du es eingerichtet, daß ich selbst, wenn ich an dich glauben wollte, nicht einmal an meinen Glauben glauben würde. Wenn du mir auch antwortest, würde ich doch nicht glauben, daß du es bist und nicht ich selbst. Wenn ich recht habe in meinem Verlangen nach Leben, warum nimmst du mir dann das Recht, das du mir selbst gegeben hast. Wenn du Leiden brauchst, gut, dein Wille geschehe. Wir würden sie ja aus Liebe zu dir darbringen wollen, aber wir wissen doch nicht einmal, was wichtiger ist, ein Baum oder wir. Selbst für den Baum gibt es eine Hoffnung ... Noch gefällt, kann er Wurzeln schlagen, Aeste treiben, noch einmal aufleben. Aber der Mensch stirbt und verschwindet. Wenn ich mich hinlege und nicht mehr aufstehe, so wird niemand jemals erfahren, was mit mir geschah. Vielleicht werde ich zu neuem Leben erwachen, aber ich werde doch nichts davon wissen. Wenn ich nur das Eine wüßte, daß ich erst nach Milliarden, nach Abermilliarden von Jahren wieder leben werde, so würde ich all die Jahrtausende dieser Zeit geduldig und ohne Auflehnung in der ewigen Finsternis warten ...

Und wiederum begann er zu lesen:

»Was hat der Mensch für Gewinn von all seiner Mühe, die er hat unter der Sonne.

Ein Geschlecht vergehet, das andere kommet, die Erde bleibet aber ewiglich.

Die Sonne geht auf und gehet unter und läuft an ihren Ort, daß sie wieder daselbst aufgehe.

Der Wind geht gen Mittag und kommt herum zur Mitternacht, und wieder herum an den Ort, da er anfing.

Was ist's, das geschehen ist? ... Eben das hernach geschehen wird ... Was ist's, das man getan hat ... Eben, das man hernach wieder tun wird. Und geschieht nichts Neues unter der Sonne.

Man gedenkt nicht derer, die zuvor gewesen sind, also auch derer, so hernach kommen, wird man nicht gedenken bei denen, die danach sein werden.

Ich, der Prediger, war König über Israel zu Jerusalem.«

»Ich, der Prediger, war König,« wiederholte Jurii laut und fast drohend mit einer ihm selbst unerklärlichen ingrimmigen Trübsal. Er erschrak vor seiner eigenen Stimme und sah sich erschreckt um, ob nicht jemand hinter ihm gehört hätte ... Dann griff er nach einem Blatt Papier und begann halb mechanisch gleichsam einem unbewußten Drange nachgebend, das niederzuschreiben, was ihm immer wieder und wieder durch den Kopf gegangen war.

Ich beginne diese Niederschrift, die mit meinem Tode enden soll ...

Pfui, wie abgeschmackt, rief er mit Ekel, und stieß das Blatt Papier so heftig von sich, daß es vom Tisch herunterfiel und sich in leichten Kreisbewegungen auf den Boden niedersenkte.

Und Ssoloveitschik ... dieser kleine armselige Kerl sagte sich doch nicht, daß es abgeschmackt sei, nachdem er zu der Ueberzeugung gelangt war, daß er das Leben nicht verstehen könne.

Jurii bemerkte garnicht, daß er sich mit einem Mal einen Menschen als Beispiel anführte, den er noch jetzt als klein und armselig bezeichnete ...

Nun, was schon ... ich fühle, daß ich früher oder später auf die gleiche Weise enden werde. Es gibt eben keinen anderen Ausweg! ... Weshalb keinen ... weil doch ...

Jurii blieb stehen. Er verstand alles, wie ihm schien, sehr gut und hatte soeben erst das ganze Problem klar im Kopf gehabt, fand aber jetzt keine Worte mehr, um sich seine Fragen zu beantworten.

In seiner Seele wurde mit einem Mal etwas schlaff; ein Gedanke war hinuntergefallen und verloren gegangen.

»Unsinn, alles Unsinn,« schrie Jurii laut voll Wut.

Die Lampe war fast völlig ausgebrannt. Das Licht wurde trübe und unangenehm; in der Finsternis grenzte es nur einen kleinen Kreis um Juriis Kopf ab.

... Warum starb ich nicht damals, als ich ein Kind war und an Lungenentzündung krank lag. Jetzt wäre es so ruhig um mich ...

In derselben Sekunde rückte auch schon mechanisch das Bild vor seine Augen, daß er damals gestorben wäre; er erschrak darüber so, daß in ihm alles abzusterben schien. Dann hätte ich ja auch nicht das gesehen, was ich alles noch sah, noch erlebte ... Nein, das wäre ebenso fürchterlich gewesen.

Jurii riß den Kopf in die Höhe und sprang auf:

»So kann man ja verrückt werden.«

Er schritt zum Fenster und wollte es aufstoßen; doch die Jalousie wurde von einem Bolzen festgehalten. Er nahm einen Bleistift und drückte ihn mit Anstrengung durch. Draußen dröhnte etwas stark gegen die Mauer; der Laden öffnete sich leicht, und reine, überklare Luft drang durch das Fenster hinein.

Jurii schaute stumpf auf den Himmel, auf dem schon die Morgenröte lag. Rein und kühl war der Morgen. An der einen Seite überzog sich der helle, blaue Himmel mit starkem anschwellenden Rosa ... Die sieben Sterne des großen Bären erblaßten und sanken unter. Der große, zärtlich-blaue, kristallene Morgenstern strahlte leise, mit hellem feuchten Glanz in die aufgehende Dämmerung hinein. Scharfer, kühler Wind zog vom Osten heran, und weißer Nebeldampf schwebte in leichten gebogenen Streifen vor ihm über das dunkelgrüne, taubedeckte Gartengras. Er blieb an den hohen Winden- und Hopfengewächsen hängen; über dem kaum gekräuselten, durchsichtigen Wasser des Flusses, über den weißen Lilien, deren es so viele am Ufer gab. Der durchsichtige blaue Himmel wurde von Wolkenhäufchen, die in rosiges Feuer gehüllt waren, dicht besetzt ... einsame und fast ganz erblaßte Sterne versanken spurlos und verschwanden im bodenlosen Blau. Am Flusse tastete sich feuchter, weißlicher Nebel hoch, langsam streifenweise schwankte er über dem tiefen, kühlen Wasser, floß zwischen den Bäumen in die feuchte, grüne Tiefe des Gartens, in dem immer noch leichte durchsichtige Dämmerung herrschte. Und durch die matte Luft schien noch immer ein eigenartiger Silberlaut zu schweben.

Alles war so schön und still, als ob sich die verliebte Erde ganz entblößte, um sich auf die große, genußerfüllte Feier des Sonnenaufgangs, die noch nicht war, deren Wehen aber schon leicht und rosig über ihr zitterte, vorzubereiten.

Jurii legte sich schlafen, doch das Licht beunruhigte ihn, der Kopf schmerzte, und vor seinen Augen zuckte etwas schmerzlich ohne Unterbrechung hin und her.

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