Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Michail Petrovic Arcybasev: Ssanin - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorM. Artzibaschew
titleSsanin
publisherGeorg Müller
printrunDreizehnte Auflage
year1909
firstpub1908
translatorAndré Villard und S. Bugow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070718
projectidaffaca67
Schließen

Navigation:

XXXII

Bei der Schnelligkeit, mit der sich in einer kleinen Stadt jede Neuigkeit verbreitet, war es sofort bekannt geworden, daß sich am selben Abend zwei Menschen das Leben genommen hatten. Jurii Swaroschitsch erfuhr es von Iwanow, der gerade zu ihm kam, als Jurii von einem Unterricht zurückkehrte. Er hatte sich eben an die Staffelei gestellt, um an Ljaljas Bild zu malen. Sie saß ihm in leichter heller Bluse, mit nacktem Hälschen und durchschimmernden rosigen Armen. Die Sonne leuchtete durch das Zimmer, entzündete in goldigen Funken die buschigen Haare; die ganze Ljalja sah so jung, reinlich und lustig wie ein goldener Vogel aus.

»Guten Tag!« Iwanow schleuderte mit großartiger Bewegung seinen Hut auf den Tisch.

»Aha, was bringen Sie neues?« fragte Jurii und lächelte ihm freundlich zu. Er war in zufriedener, heiterer Stimmung, weil er endlich einen Schüler gefunden hatte und nicht mehr dem Vater auf dem Halse zu liegen brauchte, sondern jetzt auf eigenen Füßen stand. Dazu kam auch der Einfluß, den die glückliche Ljalja auf jeden Menschen in ihrer Nähe ausstrahlte.

»Sehr vieles,« antwortete Iwanow mit unbestimmtem Ausdruck in seinen grauen Augen. »Der eine hat sich den Kopf zersprengt, – – der andere hat sich aufgehängt, den dritten holt der Teufel, damit er nicht hinter den Weibern schwenkt.«

»Was heißt das? ...« Jurii starrte verwundert auf Iwanow.

»Beruhigen Sie sich, den dritten habe ich schon selber hinzugedichtet, – – – bitte, zur Steigerung des Effekts, und weil der Reim so schön ist, aber bei zweien ist es Tatsache ... Schicksal! Heute nacht erschoß sich Sarudin und soeben hört man so was, Ssoloveitschik hätte sich aufgehängt ... Da haben Sie es ...«

»Aber das ist ja nicht möglich,« rief Ljalja, mit erschrockenen aber vor Neugierde strahlenden Augen aufspringend.

Jurii legte eilig die Palette zur Seite und ging auf Iwanow zu:

»Sie scherzen nicht? ...«

»Wer denkt an Scherze!«

Wie immer bemühte er sich ein philosophisch gleichgültiges Aussehen zu markieren, aber man konnte ihm anmerken, daß ihm bange und unangenehm zumute war.

»Warum sich erschossen ... Weil ihn Ssanin geschlagen hatte ... Und weiß es Ssanin ...« Ljalja klammerte sich an Iwanow.

»Offenbar ja ... Ssanin weiß es schon seit gestern Nacht,« antwortete Iwanow.

»Und wie? ....« fragte unwillkürlich Jurii.

Iwanow zuckte die Achseln. Schon mehrere Mal hatte er Gelegenheit gehabt, sich mit Jurii über Ssanin zu streiten und er regte sich jetzt schon im Voraus auf.

»Nichts, was soll denn sein,« erwiderte er ärgerlich.

»Aber wie man es auch nimmt, er ist doch die Ursache,« bemerkte Ljalja. Sie machte ein bedeutungsvolles Gesicht.

»Na, und wenn schon ... Hätte doch dieser Idiot nicht auf ihn los gehen sollen. Ssanin ist an der Sache ganz unschuldig. Das ist alles recht bedauerlich, natürlich, es muß aber auf das Konto von Sarudins Dummheit gesetzt werden.«

»Na, die Ursachen liegen wohl tiefer. Sarudin lebt in einem gewissen Milieu – – – «

»Und wenn er in einem solchen dummen Milieu lebte und sich ihm unterwarf, so ist das nur ein Beweis dafür, daß er selbst ein Esel war ...«

Jurii schwieg; er rieb die Finger mechanisch aneinander. Es war ihm peinlich, so über einen Verstorbenen urteilen zu hören, trotzdem er nicht einmal den Grund für dieses Gefühl hätte angeben können.

»Nun gut, Sarudin – – – das ist begreiflich ... Aber doch Ssoloveitschik ... das hätte ich niemals gedacht ...« Ljalja zog unschlüssig die Augenbrauen an. »Weshalb der nur? ...«

»Weiß es Gott? ...« bemerkte Iwanow. »Er war immer so ein Eingänger. War niemals ganz bei sich.«

In diesem Augenblick kamen Rjäsanzew und Karssawina; er in einem Wagen, sie zu Fuß. Sie trafen sich unten an der Haustür und man hörte schon von der Terrasse her die hohe, ratlos fragende Stimme Karssawinas und die fröhliche und scherzhafte Rjäsanzews, wie er sie immer schönen jungen Frauen gegenüber gebrauchte.

Als erste trat Karssawina herein, man sah ihr das aufgeregte Interesse an: »Anatoli Pawlowitsch kommt von dort.«

Rjäsanzew schloß bedächtig die Tür und machte sein gewohntes zufriedenes Gesicht; er zündete sich noch im Gehen eine Zigarette an.

»Na, das sind schöne Sachen,« meinte er. Im Augenblick füllte sich das Zimmer mit seiner gesunden Stimme und seiner selbstsicheren Fröhlichkeit. »Auf diese Weise wird in unserer Stadt bald keine Jugend mehr übrig bleiben.«

Karssawina setzte sich schweigend nieder; ihr schönes Gesicht war verstimmt.

»Na, legen Sie los,« sagte Iwanow.

»Nun, was ...« Rjäsanzew sah noch immer zufrieden aus, wenn auch allmählich der fröhliche Einschlag schwand. In derselben Weise wie Ljalja zog er seine Brauen an.

»Als ich gestern Abend aus dem Klub herauskomme, läuft mir plötzlich Sarudins Bursche in die Arme. Der Hochwohlgeborene, heulte er schon von weitem, haben sich erschossen. Ich springe in eine Droschke und hin. Komme an, fast das ganze Regiment ist schon da. Er liegt auf dem Bett, der Kittel offen ...«

»Und wie erschoß er sich? ...« Ljalja hängte sich neugierig in seinen Arm.

»In die Schläfe ... Die Kugel hat den Schädel zertrümmert, und ist dann in die Decke gegangen.«

»Aus einem Browning?« fragte interessiert Jurii.

»Aus dem Browning. Ein schlimmer Skandal. Sogar die Wand ist mit Blut bespritzt. Das ganze Gesicht ist ihm zerrissen. Ja, es ist doch ganz entsetzlich ... wie ihn Ssanin getroffen hatte.« Und wieder fröhlich zuckte Rjäsanzew mit den Achseln. »Ein energischer Kerl.«

»Ja, allerdings ein kräftiger Bursche,« Iwanow schloß sich ihm befriedigt an.

»Widerwärtig,« Jurii ekelte es.

Karssawina sah schüchtern zu ihm hinüber. »Aber er ist doch garnicht schuld ... Er konnte doch nicht warten, bis ...«

»Ja,« Rjäsanzew steckte eine unbestimmte Miene auf. »Aber auch gleich so zuzuschlagen. Das Duell wurde ihm doch angeboten.«

»Es ist reizend, ganz reizend ...« Iwanow zuckte empört mit den Achseln.

»Nein, eigentlich ... ein Duell wäre Dummheit gewesen,« gab Jurii nachdenklich zu.

»Selbstredend,« Karssawina stellte sich sofort auf seine Seite.

Aber auf Jurii machte es den Eindruck, daß sie sich freue, Ssanin rechtfertigen zu können und das reizte ihn sofort zu neuem Widerspruch. »Aber auch auf diese Weise ist es ja nichts anderes als ...«

»Bestialität ... wie Sie wollen!« sagte ihm Rjäsanzew vor. Jurii dachte, daß Rjäsanzew der satten Bestie selbst nicht allzu fern stände. Doch er wollte nicht auch mit ihm noch Zank beginnen; er schwieg und war froh, als sich Karssawina mit Rjäsanzew herumstritt und Ssanin ebenfalls scharf verurteilte.

Karssawina, die von Juriis Gesicht einen geärgerten Zug aufgefangen hatte, suchte ihn wieder zu versöhnen, indem sie auf seine Meinung einging, obgleich ihr Ssanins Kraft und Entschiedenheit imponierte. Als Rjäsanzew dann aber über Kultur zu sprechen anfing, schien ihr selbst seine Meinung falsch und unbegründet und sie fand ganz wie Jurii, daß er nicht fähig sei, darüber zu urteilen.

Jetzt geriet auch Iwanow in Zorn; hartnäckig wandte er sich nur an Rjäsanzew.

»Denk doch einmal einer an. Welch eine hohe Stufe der Zivilisation! ... Einem Menschen seine Nase wegzuschießen ... oder ihm einen eisernen Stock in den Bauch zu stoßen? ... Sehr schön! Reizend!«

»Und mit der Faust ins Gesicht zu schlagen, ist das besser? ...«

»Aber gewiß doch! ... Viel besser! ... Was macht schließlich eine Faust aus? ... Eine Beule geht auf und ... weiter nichts. Von einer Faust kann keinem Menschen Schaden entstehen.«

»Das kommt auf die Auffassung an. Aber darum handelt es sich garnicht!«

»Und worum denn,« Iwanow verzog verächtlich die platten Lippen. »Meiner Ansicht nach sollte man sich überhaupt nicht schlagen. Wozu denn solchen Unfug treiben ... Aber wenn es schon einmal zum Schlagen kommt, dann wenigstens ohne Gliederverrenkungen ... Das ist doch klar.«

»Er hatte ihm fast das Auge ausgeschlagen,« versetzte Rjäsanzew ironisch. »Das ist zwar keine Gliederverrenkung, sehr richtig, aber erlauben Sie, – der Zerstörung eines Organs kommt es doch bedenklich nahe.«

»Hm, das Auge gewiß. Wenn man ein Auge ausschlägt, so wird dadurch dem Menschen ein Schaden zugefügt. Schön, aber ich sage, Gedärme wiegt ein Auge doch noch nicht auf. Immerhin ist das noch nicht gleich ein Totschlag, ein Auge.«

»Und Sarudin ist doch daran zugrunde gegangen ...«

»Nun, das war schon sein eigener Entschluß.«

Jurii drehte unschlüssig sein Bärtchen.

»Für mich persönlich, – das sage ich ganz offen, – ist das alles eine ungelöste Frage. Ich weiß selbst nicht, wie ich an Ssanins Stelle handeln würde. Aufs Duell gehen, gewiß, das ist eine Dummheit, aber sich mit den Fäusten verprügeln, das ist natürlich auch nicht schön.«

»Aber was soll ein Mensch tun, der dazu gezwungen wird?«

Jurii zuckte traurig die Schultern. Alle schwiegen.

»Nein, wer zu bedauern ist, das ist Ssoloveitschik,« bemerkte Rjäsanzew nach einer Pause; doch sein Gesicht, das selbstgefällig und lustig blieb, paßte nicht zu seinen Worten.

Allen fiel mit einem Male ein, daß bisher noch keiner von ihnen auch nur mit einem Worte nach Ssoloveitschik gefragt hatte; sie empfanden es jetzt um so stärker als peinliche Nachlässigkeit.

»Wissen Sie, wo der sich aufgehängt hat ... Hinter der Scheune, neben der Hundehütte. Er ließ den Hund von der Kette los und hängte sich auf.« Rjäsanzew erzählte es in aller Ruhe; Karssawina und Jurii klang im selben Moment eine dünne Stimme in den Ohren: Sultan ... still ...

»Und versteht ihr .. er hat sogar einen Zettel hinterlassen,« fuhr Rjäsanzew fort, ohne den vergnügten Glanz in den Augen verbergen zu können. »Ich habe ihn mir sogar abgeschrieben. Es ist doch sozusagen ein document humain.« Aus seiner Seitentasche zog er ein Notizbuch heraus.

»– – – Wozu soll ich leben, wenn ich selbst nicht weiß, wie man leben muß. Solche Menschen wie ich können der Menschheit kein Glück bringen.« Rjäsanzew las es vor und verstummte plötzlich, ganz unerwartet, es wurde eigentümlich still.

Im Zimmer war es, als ob ein blasser und trauriger Schatten hindurchschliche. Karssawinas Augen füllten sich mit schweren Tränen, Ljalja errötete, wie wenn sie jeden Augenblick losweinen wollte, und Jurii trat mit krankhaftem Lächeln ans Fenster.

Mechanisch fügte Rjäsanzew hinzu: »Und weiter nichts.«

»Und was sollte auch weiter sein? ...« fragte Karssawina mit zitternden Lippen.

Iwanow erhob sich und murmelte, indem er die Streichhölzer vom Tisch nahm:

»Eine kapitale Dummheit! Das ist wahr.«

»Wie, schämen Sie sich nicht!« brauste Karssawina empört auf.

Jurii sah angeekelt Iwanows lange gerade Haare an und wandte sich wieder ab.

»Ja, sehen Sie, hier haben Sie nun auch den Ssoloveitschik,« sagte Rjäsanzew mit unbestimmbarer offener Handbewegung und wieder mit fröhlichem Augenzwinkern. »Ich dachte auch, als ich es hörte: Nun welch ein Stück Dreck ... So ... ein Judenbengel. Und da sehen Sie nun ... Mit einem Mal zeigt er sich, so – – – wie garnicht von dieser Welt ... Es gibt doch keine höhere Liebe, als wenn jemand sein Leben für seine Mitmenschen hingeben will.«

»Nun, der hat es doch garnicht für seine Mitmenschen geopfert.« – – – Wozu macht er überhaupt soviel Wesen davon, ... dieser Kerl ... ist doch selbst nur ein Vieh ...« dachte Iwanow und sah mit Haß und Verachtung auf das satte glatte Gesicht Rjäsanzews; aus irgend einem Grunde warf er plötzlich auch seiner weißen Weste, die seinen starken Leib faltenziehend umschloß, einen wütenden Blick zu.

»Das ist gleich ... Man fühlt den Drang dazu heraus.«

»Das ist bei weitem nicht gleich,« erwiderte Iwanow beharrlich ... »Eine Schneckenseele und weiter nichts.«

Sein sonderbarer Haß gegen Ssoloveitschik wirkte auf alle abstoßend. Karssawina erhob sich und flüsterte Jurii zu, gleichsam als ob sie ihm besonders vertraue:

»Ich gehe fort. Ich halte es einfach nicht aus, er ist mir widerlich.«

»Ja,« nickte ihr Jurii zu. »Eine unerhörte Roheit.«

Nach Karssawina gingen Ljalja und Rjäsanzew. Iwanow wurde nachdenklich, rauchte schweigend seine Zigarette zu Ende, schaute mit bösen Augen in die Ecke und ging ebenfalls. Als er auf die Straße trat und beim Gehen gewohnheitsmäßig mit den Armen schlenkerte, dachte er aufgeregt und böse: – – – Dieses dumme Volk bildet sich natürlich ein, daß ich ihre Empfindungen nicht verstehen könnte. Reizend ... Ich weiß, was sie fühlen. Besser als sie selbst ... Ich weiß, daß es keine größere Liebe gibt, als wenn ein Mensch sein Leben für den Nächsten opfert. Aber sich aufzuhängen, weil einer nicht zu den Menschen taugt ... na, das bleibt eben ein Unsinn ...

Und indem er sich einer Menge von Werken, die er gelesen hatte, erinnerte, begann er in ihnen nach dem Sinn zu suchen, der ihm die Tat Ssoloveitschiks so, wie er es wünschte, erklären könnte. Doch trotzdem sich die Bücher gehorsam auf den Seiten aufblätterten, die er gerade brauchte, redeten sie nur mit toter Zunge das, was er selbst verlangte, zu ihm. Sein Hirn arbeitete angestrengt und war so mit den gedruckten Gedanken verflochten, daß er selbst nicht mehr unterscheiden konnte, wenn er Eigenes dachte und wo er sich nur des Gelesenen erinnerte.

Als er nach Hause kam, legte er sich aufs Bett, streckte die langen Beine aus und dachte ununterbrochen weiter darüber nach, bis er endlich einschlief. Erst am späten Abend wachte er wieder auf.

 << Kapitel 34  Kapitel 36 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.