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Michail Petrovic Arcybasev: Ssanin - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorM. Artzibaschew
titleSsanin
publisherGeorg Müller
printrunDreizehnte Auflage
year1909
firstpub1908
translatorAndré Villard und S. Bugow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070718
projectidaffaca67
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XXX

In einem einzigen Augenblick hatte sich das Aussehen von Sarudins Leben auf das Furchtbarste verändert. Wie leicht und verständlich es früher war, so unerträglich wurde es jetzt. Es schien, daß man eine helle, lächelnde Maske abgestreift hätte; nun kam die wütende Fratze eines Raubtieres darunter zum Vorschein.

Als Tanarow ihn in einer Droschke nach Hause brachte, suchte er vor sich selbst Schmerz und Schwäche zu übertreiben, um nur nicht die Augen öffnen zu müssen. Er machte sich glauben, daß die Schande, die ihn von allen Seiten mit gierigen Augen anstarrte und nur auf diesen Blick wartete, um johlend, Grimassen schneidend und Finger zeigend, hinter ihm herzulaufen, so noch weiter aufgehalten werden könnte.

Aus allem, aus dem mageren Rücken des blaugekleideten Droschkenkutschers, aus jedem Straßenpassanten, aus den Fenstern, hinter welchen ihm schadenfrohe Gesichter aufzutauchen schienen, und selbst in Tanarows Hand, die ihn an der Seite hielt, spürte er schweigende aber aufrichtige Verachtung heraus.

Und dieses Gefühl war so überwältigend, so herzzerreißend schmerzlich, daß es Sarudin zeitweise nicht mehr erträglich schien.

Sein Gehirn sträubte sich dagegen, das Geschehene hinzunehmen; es wollte hoffen, daß all das nicht gewesen wäre oder daß hier doch noch ein Irrtum vorliege. Manchmal meinte Sarudin, daß er irgend einen nebensächlichen Punkt, der aber die ganze Situation vollständig verändern würde, nicht richtig auffasse; im Grunde wäre seine Lage gar nicht so entsetzlich und auswegslos. Die einfache Tatsache jedoch blieb klar und offen vor ihm bestehen; immer enger und enger hüllte die Finsternis der Verzweiflung seine Seele ein.

Sarudin hatte die Empfindung, in schmerzlicher, unbequemer Stellung am Boden festgebunden zu sein; in der widerwärtigsten Weise füllten sich seine Hände nach und nach mit Blut und Staub. Dabei fand er es gleichzeitig erstaunlich, daß er überhaupt noch imstande war, Einzelheiten herauszufinden. Eigentlich hätte sich sein Körper sofort auflösen müssen, nachdem alles, was den schönen, eleganten, fröhlich-sicheren Sarudin ausmachte, spurlos verflogen war; nun aber lebte er, ohnmächtig und besudelt, noch immer weiter.

Manchmal, wenn sich die Droschke bei scharfen Wendungen auf die Seite neigte, öffnete Sarudin ein wenig die Augen und erkannte durch trübe Nässe die bekannten Straßen, Häuser, eine Kirche, Menschengestalten. Alles war so wie sonst; jetzt aber machte es einen unendlich fernen, fremden und feindlichen Eindruck. Die Passanten blieben stehen und schauten ihnen neugierig nach; wieder schloß Sarudin schnell die Augen und verlor vor Beschämung und Verzweiflung fast die Besinnung.

Die Fahrt dauerte eine Ewigkeit; er glaubte nicht, daß sie noch einmal ein Ende nehmen würde.

»Nur schneller, nur nach Hause!« schwirrte es durch sein Hirn, doch sofort tauchten die Gesichter des Burschen, der Zimmerwirtin, der Nachbarn vor ihm auf, und augenblicklich wünschte er, so wie er sich jetzt befand, abzureisen, nur immer unaufhörlich zu fahren, zu fahren, und niemals mehr die Augen aufschlagen zu müssen.

Tanarow, der ihn ununterbrochen an der Seite hielt, empfand für Sarudin ätzende Scham. Er starrte abgemessen geradeaus und gab sich alle erdenkliche Mühe, jedem entgegenkommenden Straßenpassanten klar zu machen, daß er persönlich mit der Sache nichts zu tun habe, und daß nicht er, sondern ein anderer geschlagen worden wäre. Sein Gesicht war gerötet, mit kaltem Schweiß bedeckt, wodurch seine Verwirrung noch gesteigert wurde. Zuerst sprach er noch zu Sarudin, bewegte sich, versuchte zu trösten, wurde aber bald schweigsam und trieb nur mit zusammengepreßten Zähnen den Droschkenkutscher zur Eile an. Daran und an der Unsicherheit der Hand, die ihn halb stützte, halb von sich entfernt hielt, erriet Sarudin, was in Tanarow vorging. Und dieses eine Vorkommnis, daß Tanarow, diese Null, dieser Trottel, dem er immer unendlich überlegen war, mit einem Male das Recht erhielt, sich für ihn zu schämen, gab seinem Bewußtsein, alles sei nunmehr zu Ende, den letzten endgültigen Stoß.

Sarudin konnte nicht ohne fremde Hilfe durch den Hof gehen; er mußte von Tanarow und dem erschrockenen Burschen, der ihnen zitternd entgegen gerannt kam, fast auf den Händen ins Haus geschleppt werden. Ob auf dem Hof noch Leute waren, bemerkte Sarudin nicht. Die beiden legten ihn auf den Divan und hatten zunächst keine Ahnung, was sie mit ihm anfangen sollten. So standen sie kopflos vor seinen überreizten Augen und bereiteten ihm dadurch entsetzliche Qualen. Der Bursche kam zuerst zu sich, geriet in Eile, holte warmes Wasser, ein Handtuch und wusch Sarudin behutsam Gesicht und Hände ab. Der Offizier fürchtete beinahe, seinem Blick zu begegnen, aber das Gesicht des Soldaten zeigte nichts von Schadenfreude, hatte nichts von Verachtung oder Hohn an sich; es sah nur erschrocken und mitleidsvoll, wie das eines alten, gutmütigen Weibes, aus.

»Wo hat man denn das, Hochwohlgeboren...?« fragte er Tanarow. »Ach, du lieber Herrgott! Wie war es denn möglich ...!«

»Das geht dich gar nichts an!« schrie Tanarow mit zornrotem Gesicht, sah sich aber sogleich schüchtern um.

Er ging an das Fenster und griff mechanisch nach einer Zigarette, wurde aber unschlüssig, ob er wohl in Sarudins Zimmer rauchen dürfe. So steckte er das Etui unmerklich wieder in die Tasche.

»Soll ich den Arzt holen?« fragte der Bursche von neuem. Gewohnheitsmäßig nahm er Haltung an, schien aber auch Tanarow, trotz des Anschnauzens, nicht mehr zu fürchten.

Tanarow spreizte unentschlossen die Finger. »Ja, ich weiß wirklich nicht ...« er antwortete in einem ganz anderen Ton und sah sich wieder um.

Sarudin hörte die Frage und erschrak bei dem Gedanken, daß auch noch der Arzt sein Gesicht anschauen solle.

»Ich brauche ... keinen!« sagte er mit unnatürlich schwacher Stimme. Er bemühte sich immer noch, sich und die anderen glauben zu machen, daß es mit ihm zu Ende gehe.

Nachdem ihm jetzt Blut und Schmutz vom Gesicht gewaschen waren, sah er nicht mehr so schrecklich, sondern einfach nur abstoßend und bemitleidenswert aus. Tanarow warf ihm mit kleinlicher Neugierde einen verstohlenen Blick zu, wandte aber sofort die Augen wieder ab. Diese fast unmerkliche Bewegung wurde von Sarudin, wie fast alles, was ihn jetzt umgab, mit krankhafter Schärfe aufgefaßt; unter ihr erstickte er beinahe vor Verzweiflung. Er kniff das geschlossene Auge noch fester zu und rief mit scharfer, gebrochener Stimme:

»Laßt mich ... laßt mich allein!«

Tanarow schielte auf ihn und wurde plötzlich von verächtlichem Zorn fortgerissen. .... Schreien tut er auch noch. Ganz wie jeder andere Mensch ... dachte er wütend.

Sarudin wurde ganz still und lag unbeweglich, mit geschlossenen Augen da. Tanarow trommelte leise mit den Fingern auf dem Fensterbrett, zupfte sich an seinem Schnurrbart und schaute wieder auf die Straße hinab. Das erkältende Verlangen, fortzugehen, ließ ihm keine Ruhe.

»Es paßt sich doch nicht! ... Lieber abwarten, bis er einschläft, dann geht es erst ...« dachte er niedergeschlagen.

So verging gegen eine Viertelstunde, aber Sarudin bewegte sich von Zeit zu Zeit immer wieder. Tanarow wurde es allmählich unerträglich ekelhaft zumute. Endlich lag Sarudin ganz still.

... Scheint doch eingeschlafen zu sein! ... dachte Tanarow mit geheuchelter Teilnahme und blickte ihn verstohlen an. »Wirklich eingeschlafen!«

Er machte eine schüchterne Bewegung und klirrte ganz leise mit den Sporen. Sarudin schlug im Augenblick die Augen auf. Die nächsten Sekunden hindurch blieb Tanarow unbeweglich. Doch Sarudin fühlte seinen Wunsch heraus, wie auch Tanarow seinerseits plötzlich wußte, daß Sarudin alles verstehe. Und da geschah etwas Seltsames, Banges. Sarudin schloß rasch wieder die Augen, und Tanarow bückte sich heimlich und schlich auf den Zehenspitzen aus dem Zimmer, mit der angestrengten Bemühung, sich selber diesen Schlaf einzureden. Aber er konnte gleichzeitig nicht das klare Bewußtsein überwinden, daß sie beide ganz genau wußten, wie der Sachverhalt läge.

Die Tür drückte sich leise ins Schloß, und alles, was sie beide früher so fest und freundschaftlich miteinander zu verbinden schien, war jetzt für immer verschwunden. Sarudin, wie auch Tanarow fühlten, daß sich zwischen ihnen ein luftleerer Raum geschoben hatte, der nicht mehr zu verdrängen war. Von nun an existierte unter allen Menschen Einer nicht mehr für den anderen.

Im Nebenzimmer atmete Tanarow wieder freier auf und fühlte sich bedeutend leichter. Er empfand weder Mitleid noch Bedauern darüber, daß zwischen ihm und Sarudin, mit dem er so viel Jahre gemeinsam verlebt hatte, alles zerbrochen war.

»Höre du,« sagte er, sich nach den Seiten umschauend, eilig, als wenn es eine lästige Formalität wäre, die er noch zu erfüllen hätte, zu dem Burschen, »ich gehe jetzt fort, und du, paß auf ... wenn etwas vorkommen sollte .... Du wirst schon wissen ... nicht?«

»Zu Befehl!« erwiderte erschrocken der Bursche.

»Nun, also denn .... Ja ... diese Umschläge da, die wirst du öfters wechseln ....«

Er stieg die Steinstufe herab und sah wieder zufrieden um sich, als er in die breite, menschenleere Straße hinaustrat. Der Abend war schon angebrochen. Tanarow freute sich, daß die Straßenpassanten sein glühendes Gesicht nicht mehr sehen konnten.

»Möglicherweise kann ich auch noch in diese schlimme Geschichte hineingezogen werden,« dachte er plötzlich, als er in den Boulevard einbog, und ein kalter Hauch wehte durch sein Herz. – »Aber schließlich, was habe ich denn damit zu tun?« Er gab sich Mühe, nicht mehr daran zu denken, wie er sich selbst auf Ssanin gestürzt hatte, und vor allem nicht an den Stoß Iwanows, der ihn fast zu Boden schleuderte.

»Pfui Teufel, was für eine verfluchte Geschichte da herausgekommen ist!« dachte Tanarow beim Gehen mit einer ärgerlichen Grimasse und voll Bitterkeit gegen Sarudin. »Nur dieser Esel ist an allem schuld! Er hatte es auch nötig, mit dem Lumpengesindel anzubinden! Pfui, wie ekelhaft!«

Und je mehr er überlegte, welche unangenehme Wendung die Angelegenheit genommen hatte, desto höher reckte sich seine winzige Gestalt, mit den hoch aufgezogenen Schultern und der engen Brust, die im weißen Kittel, engen Reithosen und eleganten Stiefeln steckte, instinktiv auf. Nach allen Seiten begann er drohende Blicke zu werfen.

In jedem entgegenkommenden Passanten sah er Spott und Hohn; jetzt hätte die geringste Andeutung genügt, um die Spannung in ihm zur Auslösung zu bringen. Er wäre mit blankem Säbel vorwärts gestürzt, um ohne Ueberlegung tödliche Hiebe auszuteilen. Aber er begegnete nur wenigen Menschen, und auch die glitten an ihm, wie flache Schatten an den Zäunen des dunklen Boulevards, schnell vorüber.

Zu Hause, während er sich allmählich beruhigte, kam ihm wieder in Erinnerung, wie ihn Iwanow zur Seite geschleudert hatte. Warum habe ich ihm nicht in die Schnauze geschlagen? ... Ich sollte ihm doch einfach in die Zähne hauen! Schade, daß der Säbel nicht scharf ist! Sonst .. Uebrigens, ich hatte ja den Revolver in der Tasche! Da ist er noch. Ich konnte ihn wie einen tollen Hund niederknallen. Nicht? ... Ich vergaß den Revolver!

... Gewiß habe ich nicht an den gedacht, sonst hätte ich ihn wie einen Hund über den Haufen geschossen! Oder ... vielleicht ist es auch gut, daß ich's vergessen hatte; ein Totschlag immerhin ... auf jeden Fall gibt's ein Gericht ... und möglicherweise hatte von ihnen ebenfalls einer einen Browning ... da wäre es möglich gewesen ... wegen eines Nichts ... hole es der Teufel, zu Schaden zu kommen! ... So weiß ja niemand, daß ich den Revolver bei mir hatte, und nach und nach wird man überhaupt das Ganze vergessen ...

Tanarow zog vorsichtig, sich nach allen Seiten umsehend, den Revolver aus der Tasche und legte ihn in die Schublade.

... Ich muß heute noch zum Oberst gehen und ihm melden, daß ich an der Sache unbeteiligt bin ..., beschloß er, indem er die Schublade mit lautem Geklirr abschloß.

Aber stärker noch als dieser Entschluß drängte sich ihm der nervöse, fast prahlerische Wunsch ganz unwiderstehlich auf, in den Klub zu gehen und über den Skandal als Augenzeuge zu berichten.

Im hellerleuchteten Militärklub, der mitten in der dunklen Stadt lag, versammelten sich in aufgeregter, lärmender Entrüstung die Offiziere. Sie hatten von dem Vorfall im Park schon gehört und waren voll geheimer Schadenfreude gegen Sarudin, der sie mit seiner Eleganz und Verve stets auf die Seite drängte. Mit brutaler Neugierde empfingen sie Tanarow, der in seinen eigenen Augen plötzlich zum Helden des Tages wurde. Seiner Bedeutung angemessen schilderte er die Szene bis in die kleinsten Details. In seiner Stimme und den dunklen schmalen Augen zuckte schüchtern das zurückgehaltene und unbewußte Gefühl der Rache.

In der häufigen Wiederholung und Durchschnüfflung all der Einzelheiten, wie Sarudin geschlagen worden war, entschädigte Tanarow gleichsam seine Gehässigkeit für den ganzen Druck des früheren Freundes, für die Geldaffären, die herablassende Behandlung, die sich durch die Ueberlegenheit Sarudins ganz von selbst ergeben hatte.

Der Offizier aber lag ganz einsam, der ganzen Welt fremd, in seinem Zimmer auf dem Divan.

Der Bursche, der bereits erfahren hatte, wie die Affäre mit seinem Herrn vor sich gegangen war, bereitete noch immer, mit dem mitleidsvoll erschrockenen Weibergesicht den Samovar, holte Wein, und vertrieb den fröhlichen zärtlichen Setter aus dem Zimmer, der aufs äußerste erfreut war, daß sein Herr zu Hause blieb. Dann trat er wieder auf Zehenspitzen an den Divan heran:

»Hochwohlgeboren mögen doch etwas Wein trinken,« sagte er kaum vernehmbar.

»Wie, was? ...« Sarudin öffnete die Augen, schloß sie aber sofort wieder. Trotzdem aber fuhr er, wie es ihm selber schien, mit elender und in der Tat mitleiderregender Grimasse fort, wobei er die geschwollenen Lippen nur mit Mühe bewegen konnte: »Gib – – den Spiegel ... her.«

Der Bursche seufzte, brachte gehorsam den Spiegel und leuchtete mit der Kerze. Mißbilligend dachte er: – – – Was ist da viel reinzugucken ....

Sarudin blickte in den Spiegel und stöhnte unwillkürlich auf. Aus der dunklen Fläche schaute ihn, von der Seite rötlich beleuchtet, ein einäugiges blutunterlaufenes, bläulich schwarzes Gesicht an, dessen Schnurrbart zur Hälfte widersinnig in die Höhe stach.

»Hier, nimm,« murmelte Sarudin; plötzlich schluchzte er hysterisch auf.

»Hochwohlgeboren ... wozu sich so ärgern. Es wird schon wieder gut werden,« sagte der Bursche mitleidig, während er ihm in einem klebrigen Glas, das nach kaltem süßen Tee roch, Wasser reichte.

Sarudin trank nicht, sondern fuhr nur mit den Zähnen am Rande des Glases entlang und goß sich das Wasser über die Brust.

»Scher dich fort,« schrie er wütend. Und doch empfand er in diesem Augenblick, daß der Bursche der einzige Mensch auf der Welt sei, der mit ihm Mitleid hätte. Aber das warme Gefühl für den Soldaten wurde sofort von der unerträglichen Vorstellung beiseite geschoben, daß jetzt sogar der Bursche das Recht hätte, ihn zu bedauern.

Der Soldat ging auf die Steintreppe hinaus. Er blinzelte mit den Augen und hatte das deutliche Verlangen, zu heulen; er setzte sich auf die Stufen nieder und streichelte seufzend den weichen Rücken des Hundes, der sich an seinen Hosen rieb.

Ueber dem Garten funkelten lautlos glänzende Sterne. Der Setter legte ihm die elegante Schnauze auf die Kniee und schaute ihn von unten her mit dunklen unverständlichen Augen, die doch etwas zu sprechen schienen, an. Dem Soldaten wurde es bange und traurig, als ahnte er einen unabwendbaren Schicksalsschlag voraus.

»– – – Eh, das Leben, das Leben,« dachte er erbittert; eintönig begann er über sein Dorf nachzudenken.

Sarudin drückte sich krampfhaft an die Rückenlehne des Divans und zerfiel völlig in dem Gram, ohne zu spüren, daß ihm das warmgewordene nasse Handtuch aufs Gesicht herabgerutscht war.

– – – Nun ist alles zu Ende, wiederholte er sich mit innerem Schluchzen ... Was ist zu Ende? ... Alles, das ganze Leben. Alles, das Leben ist verloren. Weshalb ... weil ich geschändet bin ... weil ich geschlagen bin wie ein Hund ... Mit der Faust ins Gesicht. .. und ich kann ja nicht mehr im Regiment bleiben – – –

Ungemein deutlich sah sich Sarudin inmitten der Allee auf allen Vieren hocken, ohnmächtig sinnlose Drohungen, die doch nur in einem elenden Winseln verklangen, ausstoßen. Immer von neuem und von neuem erlebte er diesen furchtbaren Augenblick, immer heller hob er sich vor seinen Augen ab. Alle Einzelheiten kamen ihm wie von einem elektrischen Reflektor überstrahlt, ins Bewußtsein. Aus irgend einem Grunde waren gerade diese ungereimten Drohungen und das weiße Kleid Karssawinas, das in demselben Augenblick an ihm vorbeihuschte, die qualvollsten Bilder seines Gedächtnisses.

– – – Wer hat mich denn aufgehoben, dachte er ... Dabei strengte er sich an, nichts zu denken; geflissentlich suchte er sein Hirn zu verwirren ....

Tanarow oder etwa der Judenbengel, den sie bei sich hatten. Tanarow ... darum handelt es sich ja garnicht ... Um was denn? ... Nur darum, daß das ganze Leben verdorben ist und daß ich nicht mehr im Regiment bleiben kann. Und ein Duell ... Er wird sich ja ganz gewiß nicht schlagen wollen ... Also ... ich werde nicht im Regiment bleiben können.

Sarudin erinnerte sich, wie einmal ein Ehrengericht, an dem er selbst teilgenommen hatte, zwei alte, verheiratete Offiziere, aus dem Offizierkorps stieß, weil sie sich zu schlagen weigerten.

– – – Man wird es mit mir ebenso machen. Höflich, ohne mir die Hände zu reichen, dieselben Leute, ... und niemand wird mehr darauf stolz sein, wenn ich ihn auf dem Boulevard unter dem Arm nehme. Niemand wird mich mehr beneiden, ... meine Manieren kopieren ... Aber das ist noch das wenigste... Doch die Schande, die Schande, das ist die Hauptsache! ... Und weshalb Schande... Geschlagen ... Ja, ich wurde doch auch im Kadettenkorps geschlagen ... Damals, als mich der dicke Schwarz durchprügelte und mir einen Zahn ausgeschlagen hatte, da wurde doch auch nichts weiter draus ... Später versöhnten wir uns miteinander und blieben bis zum Examen die besten Freunde ... Und kein Mensch verachtete mich.. Und warum denn jetzt alles ganz anders ... Ist es denn nicht ganz gleich ... Auch damals floß Blut... Ebenso fiel ich um. Warum? ...

Auf diese auswegslosen gramvollen Fragen konnte Sarudin keine Antwort finden. Er fühlte nur, daß er bis über den Kopf in einen bodenlosen Sumpf geraten war, daß er unaufhaltsam tiefer sinke, ohne nach dem geringsten Stützpunkt greifen zu können. Wenn er das Duell angenommen und mich mitten ins Gesicht getroffen hätte ... Das wäre doch noch viel schmerzhafter und widerwärtiger als jetzt gewesen. Aber dann hätte mich niemand verachtet, nein, alle mich bemitleidet. Folglich besteht zwischen der Kugel.. und der ... Faust ... Ja, was für ein Unterschied ... was, warum? ...

Sein Denken lief in Sprüngen vorwärts.

Doch in der Tiefe arbeitete sich etwas Neues durch, das anscheinend schon einmal dagewesen, aber in seinem oberflächlichen, leeren Offiziersleben, das aus nichts als Lärmen bestand, vergessen worden war. Jetzt tauchte es in dem Unglück, das nichts wieder gut machen konnte und durch die erlittene Qual nur geschärft, von neuem wieder auf.

Einmal stritt von Deutz mit mir darüber, daß einer, der auf die linke Wange geschlagen wird, auch die rechte Hinhalten soll, diesmal aber kam er doch selbst und schrie, fuchtelte mit den Armen, regte sich auf, weil sich dieser Kerl geweigert hatte, die Forderung anzunehmen. Da haben sie doch eigentlich die Schuld, daß ich ihn mit der Reitpeitsche züchtigen wollte. Meine ganze Schuld lag darin, daß ich keine Zeit fand, zuzuschlagen ... Das Ganze ist also widersinnig ungerecht ... Und trotzdem die Schande und man darf nicht im Regiment bleiben.

Sarudin faßte ohnmächtig an seinen Kopf, schüttelte ihn auf dem Kissen und verfolgte mechanisch den quälenden Schmerz im Auge. Plötzlich erfaßte ihn eine furchtbare Flut von Grimm und Wut.

– – – Einfach zum Revolver greifen und den Hund über den Haufen schießen ... eine Kugel nach der andern ... Und ihn mit den Stiefelabsätzen ins Gesicht treten, wenn er umfällt. Einfach ins Gesicht, in die Zähne, in die Augen.

Mit nassem schwerem Aufschlag klatschte der Umschlag plump auf den Boden. Sarudin öffnete erschrocken die Augen, sah das kaum beleuchtete Zimmer, die Schüssel mit Wasser, das nasse Handtuch und an der Seite das schwarze bange Fenster, das ihn wie ein schwarzes Auge rätselhaft trübe anstarrte.

– – – Nein es ist gleich, es hilft doch nichts, dachte er, während seine ohnmächtige Verzweiflung allmählich ruhiger wurde. – – Es ist gleich, alle haben gesehen, wie er mich aufs Gesicht schlug und wie ich auf allen Vieren kroch ... Der Geprügelte, der Geprügelte, – – hat eins in die Fresse bekommen. Und man kann es nicht wieder gut machen. Nichts! Niemals werde ich wieder glücklich und frei sein. – –

Wieder bewegte sich etwas Scharfes, ungewöhnlich Klares in seinem Gehirn... Aber war ich denn wirklich jemals frei,... Ich gehe doch auch jetzt nur darum unter, weil mein Leben niemals frei und eigen war. Wäre ich denn von selbst zum Duell gegangen ... Hätte ich denn mit der Peitsche schlagen wollen ... Dann wäre ich auch nicht geschlagen worden ... Und alles blieb so schön und glücklich ... Wer und was hat es erfunden, daß man eine Verletzung mit Blut abwaschen muß ... Ich doch nicht. Da habe ich sie abgewaschen ... Mich hat man mit Blut abgewaschen ... Was? ... ich weiß nicht ... Aber aus dem Regiment muß ich heraus.

Das ohnmächtige, ungeschickte Denken versuchte sich emporzuheben, fiel aber wieder wie ein Vogel mit zugestutzten Schwingen nieder. Wohin auch seine Gedanken trieben, immer kehrten sie, wie in einem Kreise eingeschlossen, wieder auf den einen Punkt zurück, – – – daß er aus dem Regiment herausmüsse, daß er nun für immer geschändet sei.

Plötzlich setzte bei ihm Fieber ein. Er begann zu phantasieren. Mit einem Mal sah er ganz klar zwei Bauern. Sie schimpften und prügelten sich und der eine traf den anderen gegen die Schläfe ... dieser, schon alt und grau, stürzte nieder, erhob sich dann und, indem er das aus der Nase fließende Blut mit den Hemdärmeln abwischte, sagte er überzeugt: »Aber ein Narr bleibst du doch.«

Ja, das habe ich einmal mit angesehen, erinnerte er sich endgültig; doch sofort kam ihm wieder klar sein halb dunkles dumpfes Zimmer und die Kerze auf dem Tisch vor die Augen. Nachher tranken die beiden am Monopolladen Wodka.

Wahrscheinlich verlor er das Bewußtsein, denn die Kerze und das Zimmer verschwanden irgendwohin. Aber er hörte doch nicht auf, zu denken ... Später als die Kerze aus der Finsternis wieder vor ihm auftauchte, gelang es ihm nur mit Mühe, diesen Gedanken noch zu entziffern .. Mit einer solchen Schande kann man nicht weiterleben ... So, ich muß also sterben ... Aber ich will durchaus nicht sterben ... Nicht ich doch ... Aha, der gute Name ... aber zum Teufel, was geht mich der gute Name noch an, wenn ich sterben muß ... Aber ich muß doch aus dem Regiment heraus ... Und wie dann weiterleben ...

Als etwas unbegreiflich Trübes und Fremdes erschien ihm seine Zukunft ... Er wich ohnmächtig zurück ... Jedesmal, wenn der leidenschaftliche Durst nach Leben und Glück den Nebel, der sein Gehirn bedeckte, zu vertreiben begann, senkte er sich wieder tiefer herab; wieder stand Sarudin vor einer unabwendbaren Leere.

Die Nacht verging. Schwere Stille lauerte hinter dem Fenster, als ob Sarudin in der ganzen Welt nur allein litt ... Auf dem Tisch brannte und schmolz die Kerze und ihre Flamme floß gelb, gleichmäßig, mit tödlicher Ruhe herunter. Sarudin starrte mit dem in Fieber und Verzweiflung glänzenden Auge ins Feuer und bemerkte nicht, wie die Flamme kleiner wurde; es war ganz erfaßt von dem schwarzen Dunst unendlich verwirrter, kraftloser Gedanken.

Inmitten des Chaos von Erinnerungsfetzen, Vorstellungen, Gefühlen und Gedanken war eine Empfindung am schärfsten; sie drängte sich wie eine klingende Saite der Trübsal tief ins Herz hinein. Das war der Schmerz, das bemitleidenswerte Bewußtsein seiner völligen Einsamkeit. Irgendwo draußen, da lebten Millionen von Menschen, freuten sich und lachten und sprachen vielleicht auch von ihm; – – – er aber war allein. Vergebens rief sich Sarudin ein bekanntes Gesicht nach dem andern vor die Augen. In blasser fremder gleichgültiger Reihenfolge stiegen sie vor ihm auf, in ihren kühlen Zügen las er nur Schadenfreude und Neugierde. Da erinnerte er sich in schüchterner Trauer an Lyda.

So wie er sie zum letzten Mal gesehen hatte, stellte er sie sich jetzt vor; mit großen Augen, denen jede Lebensfreude fehlte, mit dem schwachen Körper unter dem Hauskleid und aufgelöstem Zopf. In ihrem Gesicht war weder Schadenfreude noch Verachtung zu sehen. Mit traurigem Vorwurf blickte es ihn an und der Zuspruch, daß noch irgend etwas möglich sei, schimmerte in Augen, denen jede Lebensfreudigkeit fehlte. Er erinnerte sich an die Szene, als er sich im Augenblick ihres schwersten Kummers von ihr lossagte. Das messerscharfe Bewußtsein eines unwiederbringlichen Verlustes riß in den tiefsten Fasern seiner Seele.

– – – Und sie litt damals wahrscheinlich noch mehr als ich jetzt. Trotzdem habe ich sie von mir gestoßen. Ich wünschte selbst sogar, daß sie stirbt, daß sie sich ertränkt.

Wie zu einer letzten Zufluchtsstätte streckte sich ihr seine Sehnsucht in verzehrendem Durst nach Liebkosungen und Teilnahme entgegen. Für kurze Zeit kam ihm der Gedanke, daß das Leiden, welches er jetzt durchlebte, die Vergangenheit erlösen könnte. Doch im selben Augenblick wußte er auch, daß Lyda niemals mehr zu ihm kommen würde, weil alles zu Ende sei. Völlige Leere öffnete sich vor ihm wie ein Abgrund. Sarudin hob die Hand, preßte sie fest gegen den Kopf; er schien zu erstarren ... seine Augen waren geschlossen, seine Zähne in der Anstrengung, nichts mehr zu sehen, nichts zu hören, nichts zu fühlen, aufeinandergepreßt. Aber bald ließ er die Hand fallen, schob sich in die Höhe und setzte sich aufrecht hin. Sein Kopf schwindelte, im Munde brannte es, Beine und Arme zitterten. Er stand auf und ging schwankend, unter dem Druck im Kopfe, der plötzlich ungeheuer schwer wurde, zum Tische.

– – – Alles verloren – – – alles verloren – – – das Leben und Lyda und alles ... Ein greller Blitz klarer Gedanken beleuchtete einen Augenblick sein Schicksal. Er verstand mit einem Schlag, daß es in seinem verschwundenen Leben nichts Gutes und Schönes und Frohes gegeben hatte, sondern daß alles heuchlerisch, beschmutzt und töricht war. Nicht einmal ein besonderer Sarudin, den sein Charakter zu allem berechtigte, hatte existiert. Es gab nur einen ohnmächtigen schüchternen, und verhätschelten Körper, der früher einmal alle Genüsse durchkostete und jetzt Schmerz und Demütigung erlitt. – – –

– – – Man kann nicht weiterleben, dachte Sarudin klar und ruhig. Um ein neues Leben zu beginnen, muß man alles frühere von sich werfen können, zu einem ganz anderen Menschen werden. Aber das kann ich nicht. – – –

Er ließ den Kopf schwer gegen den Tisch fallen und starrte wie gebannt in die schwankende Flamme der Kerze, die an den Rändern des Leuchters herunterschmolz.

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